Mittelalterliches Wien: Judenplatz, Bermudadreieck und verwinkelte Gassen
Von der Mölker Bastei bis zum Stadttempel: Römerlager, Babenbergerhof, ein Basilisk im Brunnen, der liebe Augustin und zweitausend Jahre Stadtgeschichte in der Wiener Altstadt
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1. Mölker Bastei: Das letzte Stück Stadtmauer
Mölker Bastei 8, 1010 Wien, Austria
Steig die paar Stufen hinauf auf die Mölker Bastei und lehn dich ans Geländer. Unter dir rauscht der Verkehr über den Ring, gegenüber steht die Universität, und du stehst ein paar Meter höher als alle anderen. Genau das war der Sinn dieser Mauer: oben sein, wenn unten der Feind steht. Wer vom Ring aus hinaufschaut, spürt noch heute die Höhe, die einst jedem Angreifer den Mut nehmen sollte.
Du stehst auf einem der letzten Reste der Wiener Stadtbefestigung. Die mittelalterliche Mauer war nach der ersten Türkenbelagerung von 1529 hoffnungslos veraltet, also baute man sie zu einem Ring aus mächtigen Basteien aus, mit Wassergraben und freiem Schussfeld davor. Diese hier heißt nach dem Melker Hof, dem Stadthaus des Stiftes Melk, das gleich in der Nähe steht.
1683 kommt das osmanische Heer ein zweites Mal, unter dem Großwesir Kara Mustafa. Zwei Monate lang wird Wien belagert, beschossen und untergraben. Die schwersten Kämpfe toben nur ein paar Hundert Meter südlich von hier, an der Burg- und der Löwelbastei. Die Stadt ist am Ende ihrer Kräfte, als am 12. September 1683 das Entsatzheer vom Kahlenberg herunterkommt. Die Mauer hat gehalten, gerade noch.
Und dann, an Weihnachten 1857, veröffentlicht Kaiser Franz Joseph einen Erlass: Die Mauern kommen weg. An ihrer Stelle entsteht die Ringstraße. Fast die ganze Befestigung verschwindet, aber dieses Stück überlebt, weil längst Häuser darauf gebaut waren. Im Pasqualatihaus, Nummer acht, wohnte Beethoven mehrere Jahre lang, mit Blick über das Glacis. Und das zierliche Biedermeierhaus nebenan heißt Dreimäderlhaus, nach einer Legende über Schubert und drei Schwestern, die eine Operette später berühmt machte.
Merk dir dieses Gefühl, auf der Mauer zu stehen. Ab jetzt gehen wir hinein, in das, was diese Mauer jahrhundertelang beschützt hat. Geh die Schreyvogelgasse hinunter, über die Freyung und durch die kurze Gasse Heidenschuss. Schau dort an der Hausecke hinauf: Da reitet ein osmanischer Krieger, eine Erinnerung an die Belagerung. Dahinter öffnet sich Am Hof.
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2. Am Hof: Römerlager, Babenberger und das Ende eines Reiches
Am Hof, 1010 Wien, Austria
Du stehst jetzt auf dem größten Platz der Wiener Altstadt. In der Mitte eine Mariensäule aus Bronze, an der Stirnseite eine Kirchenfassade mit einem breiten Balkon, und daneben ein prächtiges Barockhaus, aus dessen Toren manchmal Feuerwehrautos fahren. Klingt nach einem gewöhnlichen Stadtplatz. Ist es aber nicht, denn unter dir liegen zweitausend Jahre.
Ganz unten liegen die Römer. Hier stand das Legionslager Vindobona, umgeben von Mauern, Gräben und Wachtürmen, und dieser Platz lag mittendrin. Als um 1155 die Babenberger nach Wien ziehen, baut Herzog Heinrich Jasomirgott genau hier seine Pfalz, seinen Hof. Daher der Name: Am Hof. Hier lebte der Hof, lange bevor die Habsburger ihre Burg ein paar Gassen weiter ausbauten.
Jetzt schau zu dem Balkon an der Kirche Am Hof. Am 6. August 1806 tritt dort ein Herold hinaus und verkündet, dass Kaiser Franz der Zweite die Krone des Heiligen Römischen Reiches niederlegt. Ein Reich, das sich auf Karl den Großen berief und rund tausend Jahre bestanden hatte, endet mit einer Ansage von einem Balkon. Napoleon hatte es zerlegt, und Franz blieb nur noch Kaiser von Österreich. Übrigens spendete vom selben Balkon 1782 Papst Pius der Sechste den Ostersegen, als er nach Wien gereist war, um Joseph den Zweiten von seinen Kirchenreformen abzubringen. Vergeblich.
Der Platz hat auch Blut gesehen. Im Oktober 1848, mitten in der Revolution, stürmt eine aufgebrachte Menge das Kriegsministerium, das damals hier stand. Kriegsminister Latour wird erschlagen und an einem Laternenmast aufgehängt. Die Mariensäule erzählt von einer älteren Angst: Kaiser Ferdinand der Dritte hatte sie gelobt, als im Dreißigjährigen Krieg die Schweden vor Wien standen. Die heutige Bronzesäule stammt von 1667.
Und das prächtige Haus mit der Feuerwehr? Das ist das alte Bürgerliche Zeughaus, das Waffenarsenal der Bürger, heute die Zentrale der Wiener Berufsfeuerwehr. Geh jetzt durch die schmale Drahtgasse hinüber zum Judenplatz. Dort wird es still.
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3. Judenplatz: Die Bibliothek, die man nicht öffnen kann
Judenplatz 8, 1010 Wien, Austria
Mitten auf dem Judenplatz steht ein Block aus hellem Beton, ungefähr so groß wie ein kleines Zimmer. Geh näher heran. Seine Wände sind Bücherregale, aber nach außen gekehrt: Du siehst die Schnittkanten unzähliger Bücher, nie die Rücken, nie einen Titel. Und die Doppeltür hat keine Klinke. Diese Bibliothek kann niemand öffnen.
Dieser Platz war im Mittelalter das Herz einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum. Rund um ihn lagen Häuser, ein Spital, eine Schule und die Synagoge. Wiener Rabbiner waren weit über die Stadt hinaus als Gelehrte bekannt. Die Gemeinde stand unter dem Schutz des Herzogs, gegen Abgaben, und dieser Schutz konnte jederzeit enden.
1420 und 1421 endet er grausam. Herzog Albrecht der Fünfte lässt die Juden Wiens verhaften, vertreiben, zwangstaufen. Am 12. März 1421 werden mehr als zweihundert Menschen auf der Erdberger Wiese verbrannt. Schon vorher sollen sich viele in der Synagoge selbst das Leben genommen haben, um der Zwangstaufe zu entgehen. Die Synagoge wird abgerissen, ihre Steine werden für den Bau der Universität verwendet. Und am Haus Zum großen Jordan, Nummer zwei, feiert ein Relief mit lateinischer Inschrift bis heute dieses Verbrechen als reinigende Flut.
Unter deinen Füßen haben Archäologen ab 1995 die Fundamente dieser Synagoge gefunden. Du kannst sie im Museum Judenplatz unterirdisch sehen. Darüber steht seit dem Jahr 2000 das Mahnmal der britischen Künstlerin Rachel Whiteread, für die mehr als 65.000 österreichischen Jüdinnen und Juden, die in der Schoah ermordet wurden. Rund um den Sockel stehen die Namen der Orte, an denen sie umgebracht wurden. Lies ein paar davon, langsam.
Am Rand des Platzes steht Gotthold Ephraim Lessing, der Dichter von Nathan der Weise, dem großen Stück über Toleranz. Seine erste Statue von 1935 ließen die Nationalsozialisten entfernen und einschmelzen. Der Bildhauer Siegfried Charoux, ins Exil getrieben, schuf eine neue, und erst 1982 kehrte Lessing auf diesen Platz zurück. Geh jetzt über die Wipplingerstraße hinüber zum Passauer Platz, zu einem Kirchturm mit einer Krone aus Stein.
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4. Maria am Gestade: Die Kirche am Ufer
Salvatorgasse 12, 1010 Wien, Austria
Schau hinauf zu diesem schmalen, hohen gotischen Turm. Oben trägt er keine gewöhnliche Spitze, sondern einen durchbrochenen Steinhelm, wie aus Stein geklöppelte Spitze, durch den der Himmel scheint. Darunter eine steile Fassade, die fast zu groß wirkt für den kleinen Platz. Viele Wiener gehen jahrelang daran vorbei, ohne je hineinzuschauen. Das ist ein Fehler.
Der Name verrät, wo du stehst: Gestade heißt Ufer. Im Mittelalter fiel das Gelände hier steil zu einem Arm der Donau ab, und unten legten Schiffer und Fischer an. Für sie war diese Kirche gebaut. Der heutige Bau entstand im vierzehnten und frühen fünfzehnten Jahrhundert, über einer älteren Kirche, und er ist eines der schönsten gotischen Gotteshäuser der Stadt.
Wenn du hineingehst, merkst du etwas Seltsames: Das Langhaus ist nicht gerade. Es knickt leicht ab, weil die Baumeister sich nach dem schmalen Grundstück an der Hangkante richten mussten. Dazu kommt diese enorme Höhe bei so wenig Breite, sodass der Raum fast schwindelerregend nach oben zieht. Und das Licht fällt durch bunte Glasfenster, in denen noch mittelalterliche Scheiben stecken.
In einem Seitenaltar ruht ein Mann, der in Wien als Stadtpatron verehrt wird: Klemens Maria Hofbauer. Er kam aus Mähren, war zuerst Bäckerlehrling, wurde spät Priester und Redemptorist, und im Wien des frühen neunzehnten Jahrhunderts kümmerte er sich um Arme, Studenten und Künstler. 1909 wurde er heiliggesprochen, und seit 1914 ist er Patron der Stadt. Ein Bäckerlehrling als Stadtheiliger, das ist sehr wienerisch.
Gleich ums Eck, in der Wipplingerstraße, steht übrigens das Alte Rathaus, wo Wien vom Mittelalter bis 1883 regiert wurde. In seinem Hof plätschert der Andromedabrunnen von Georg Raphael Donner, eines der letzten Werke des großen Bildhauers. Hinter der Kirche fällt das Gelände bis heute sichtbar ab, und Treppen führen hinunter in die alte Uferzone. Geh jetzt eine dieser Treppen hinunter, zur ehemaligen Uferstraße, dem Salzgries, und dann nach Osten. Am Ende wartet auf einem kleinen Hügel die vielleicht älteste Kirche Wiens.
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5. Ruprechtskirche und Bermudadreieck
Ruprechtsplatz 1, 1010 Wien, Austria
Vor dir duckt sich eine kleine, schlichte Kirche aus grob behauenem Stein, mit einem gedrungenen romanischen Turm, der aussieht, als hätte er schon alles gesehen. Kein Prunk, kein Gold. Rund um sie herum Bars, Lokale, Tische auf dem Kopfsteinpflaster. Und doch ist sie, so sagt man, die älteste Kirche der Stadt.
Die Legende erzählt, Missionare aus Salzburg hätten sie um 740 gegründet. Beweisen lässt sich das nicht, aber die ältesten Teile des heutigen Baus sind romanisch, aus dem elften und zwölften Jahrhundert. Geweiht ist sie dem heiligen Rupert, dem Patron der Salzhändler. Das passt: Unten, wo heute der Verkehr am Donaukanal entlangfließt, legten die Salzschiffe an. Die Straßennamen erinnern daran, Salzgries, Salztorgasse. Rund um diesen kleinen Hügel lag der älteste Kern der mittelalterlichen Stadt, dicht am Wasser, dort, wo das Geld ankam.
Wenn sie offen ist, geh hinein und schau zum Chor. Die bunten Glasfenster dort gehören zu den ältesten Glasmalereien Wiens, aus dem späten Mittelalter. Eine winzige Kirche, die Babenberger, Habsburger, Belagerungen und Bomben überstanden hat.
Schau jetzt die Stufen hinunter, zum Morzinplatz am Kanal. Dort stand das Hotel Metropole. Von 1938 bis 1945 war es die Leitstelle der Gestapo in Wien. Tausende Menschen wurden dort verhört, gefoltert, von dort in Gefängnisse und Lager geschickt. Seit 1985 erinnert auf dem Platz ein Gedenkstein daran, mit zwei Worten, die du dir merken solltest: Niemals vergessen.
Und jetzt das Gegenteil. Die Gassen rund um die Kirche, Ruprechtsplatz, Rabensteig, Seitenstettengasse, Judengasse, heißen bei den Wienern seit den Achtzigerjahren das Bermudadreieck. Warum? Weil man hier am Abend auf ein Getränk hineingeht und, so der Schmäh, erst am nächsten Morgen wieder auftaucht. Die Lokale wechseln, aber die Gassen verlaufen noch so wie im Mittelalter, und manche Keller darunter sind viele Jahrhunderte alt. Geh jetzt über den Rabensteig hinüber zum Fleischmarkt und dort nach rechts. Du suchst eine rotgoldene Kirchenfassade und gleich daneben ein uraltes Wirtshaus.
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6. Fleischmarkt und Griechenbeisl: Der liebe Augustin
Fleischmarkt 11, 1010 Wien, Austria
Am Fleischmarkt fällt dir sofort diese Fassade auf: rote Ziegel, goldene Ornamente, byzantinische Bögen, wie ein Stück Konstantinopel zwischen Wiener Bürgerhäusern. Das ist die griechisch-orthodoxe Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit. Und gleich daneben, an der Ecke, ein niedriges, altes Wirtshaus: das Griechenbeisl.
Der Name der Gasse ist ehrlich: Hier wurde im Mittelalter Fleisch verkauft, die Fleischhauer hatten ihre Bänke an dieser Straße. Im achtzehnten Jahrhundert kamen dann die Griechen. Nach dem Frieden von Passarowitz 1718 blühte der Handel mit dem Osmanischen Reich auf, und griechische und andere Kaufleute vom Balkan ließen sich genau hier nieder, mit Baumwolle, Wolle, Tabak und Gewürzen. Die prachtvolle Fassade ihrer Kirche hat Theophil Hansen gestaltet, derselbe Architekt, der später das Parlament baute.
Und jetzt zur berühmtesten Legende der Gasse. 1679 wütet in Wien die Pest. Ein Bänkelsänger und Dudelsackpfeifer namens Augustin trinkt sich eines Abends so voll, dass er auf der Straße einschläft. Die Leichenknechte halten ihn für tot und werfen ihn in eine Pestgrube. Am Morgen wacht Augustin zwischen den Toten auf, spielt auf seinem Dudelsack, bis man ihn herauszieht, und hat sich nicht angesteckt. Seitdem singt man: Oh du lieber Augustin, alles ist hin.
Im Eingang des Griechenbeisls kannst du durch ein Gitter in eine Grube hinunterschauen, und dort sitzt Augustin als Figur, mit seinem Dudelsack. Das Wirtshaus selbst ist über fünfhundert Jahre alt, erwähnt schon im fünfzehnten Jahrhundert. Im Inneren gibt es einen Raum, an dessen Wänden berühmte Gäste unterschrieben haben sollen, von Komponisten bis Mark Twain.
Die Geschichte vom Augustin ist übrigens typisch für Wien: Mitten in der Katastrophe ein Lied, ein Rausch und ein Schmäh. Die Wiener nennen das Galgenhumor, und sie sind stolz darauf. Wirf, bevor du gehst, noch einen Blick in die kleine Griechengasse um die Ecke: Dort steht ein mittelalterlicher Wohnturm, einer der ganz wenigen, die die Stadt noch hat. Geh jetzt den Fleischmarkt weiter und dann rechts in die Postgasse, vorbei an der weißen Dominikanerkirche, bis an den Rand der Altstadt, zum Stubentor.
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7. Stubentor: Die Mauer aus Löwenherz' Lösegeld
Dr.-Karl-Lueger-Platz, 1010 Wien, Austria
Hier, am östlichen Rand der Altstadt, rund um den U-Bahn-Ausgang Stubentor, findest du ein paar grobe, dunkle Mauerreste, die so gar nicht zu den eleganten Ringstraßenbauten ringsum passen. Die meisten Leute eilen achtlos daran vorbei. Dabei sind diese Steine mit einem der spektakulärsten Kriminalfälle des Mittelalters verbunden.
Im Dezember 1192 schleicht ein Pilger durch die Gegend von Wien, auf dem Heimweg vom Kreuzzug. Es ist in Wahrheit König Richard Löwenherz von England, und er hat einen Todfeind hier: Herzog Leopold den Fünften, den er im Heiligen Land schwer beleidigt hatte. Die Legende erzählt, Richard habe sich verraten, weil er in einer Herberge in Erdberg einen kostbaren Ring trug, oder weil er sich als Küchenknecht verkleidet zu ungeschickt anstellte. Jedenfalls wird er gefangen genommen und auf der Burg Dürnstein in der Wachau eingesperrt. Die Burg ist heute eine Ruine hoch über der Donau, und Wanderer steigen hinauf, um zu sehen, wo der König saß.
Das Lösegeld war gigantisch, viele Tonnen Silber. Ein großer Teil davon landete in Österreich, und mit diesem Geld baute Wien um 1200 eine neue, viel größere Stadtmauer. Die Mauern, die das mittelalterliche Wien schützten, wurden also, wenn du so willst, von England bezahlt.
Diese Mauer hielt Jahrhunderte. Das Stubentor war eines ihrer Haupttore nach Osten. 1529 und 1683 stand das osmanische Heer davor, und beide Male hielt die Stadt. Erst die Ringstraße machte der Befestigung ab 1858 ein Ende, und das Stubentor verschwand. Seine Reste kamen erst wieder ans Licht, als man im zwanzigsten Jahrhundert hier für die U-Bahn grub.
Und der Name? Vermutlich kommt er von den Badestuben, die es in dieser Gegend gab, den öffentlichen Bädern des Mittelalters. Ganz sicher ist das nicht, aber die Vorstellung gefällt: dampfende Bäder gleich hinter dem Stadttor. Geh jetzt ein Stück die Wollzeile in die Stadt hinein und dann durch die Gassen nach rechts, nach Norden, bis zu einem kleinen Platz mit einer Barockkirche mit zwei Türmen.
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8. Jesuitenkirche und Alte Universität
Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 1, 1010 Wien, Austria
Du stehst auf einem kleinen, feierlichen Platz: auf der einen Seite eine Barockkirche mit zwei Türmen, auf der anderen ein vornehmes Gebäude mit einem Portal aus Säulen. Studenten sieht man hier heute kaum noch, und doch war dies jahrhundertelang das Viertel der Wiener Universität. Hier wurde gelernt, gestritten, gelehrt und, im Jahr 1848, auch gekämpft.
Gegründet hat die Universität 1365 Herzog Rudolf der Vierte, genannt der Stifter, der auch den Stephansdom ausbauen ließ. Sie ist damit die älteste noch bestehende Universität im deutschsprachigen Raum. Und rund um diesen Platz lagen die Kollegien, Bursen und Hörsäle. Im siebzehnten Jahrhundert übernahmen die Jesuiten die Führung, und Kaiser Ferdinand der Zweite legte ihre Hochschule mit der Universität zusammen.
Jetzt geh in die Jesuitenkirche, wenn sie offen ist, und schau nach oben. Du siehst eine prachtvolle Kuppel, mit Säulen und Licht. Geh dann langsam ein paar Schritte weiter, und plötzlich verzieht sich alles. Die Kuppel gibt es nämlich gar nicht. Sie ist auf eine flache Decke gemalt, von Andrea Pozzo, einem Meister der Täuschung, der die Kirche Anfang des achtzehnten Jahrhunderts umgestaltete. Nur von einem bestimmten Punkt aus stimmt die Illusion perfekt.
Das Gebäude gegenüber ist die Alte Aula, um 1755 nach Plänen von Jean Nicolas Jadot gebaut, heute Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im März 1848 war die Aula das Hauptquartier der revolutionären Studenten, der Akademischen Legion. Sie forderten Pressefreiheit, eine Verfassung und das Ende von Metternichs Polizeistaat, und für ein paar Monate schien alles möglich. Im Herbst schlug das kaiserliche Militär die Revolution nieder.
Erinnerst du dich an den Judenplatz? Die Steine der zerstörten Synagoge von 1421 wurden für den Bau der alten Universität verwendet. Das Wissen der Stadt wuchs buchstäblich auf den Trümmern ihrer jüdischen Gemeinde. Geh jetzt in die Schönlaterngasse, die gleich vom Platz abgeht. Sie schlängelt sich in einer sanften Kurve, und in einem ihrer Häuser wohnt ein Ungeheuer.
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9. Schönlaterngasse, Basiliskenhaus und Heiligenkreuzerhof
Schönlaterngasse 7, 1010 Wien, Austria
Die Schönlaterngasse biegt sich in einer sanften Kurve durch die Häuser, schmal, still, mit Kopfsteinpflaster. An einem Haus hängt eine verschnörkelte schmiedeeiserne Laterne, die der Gasse ihren Namen gab. Und am Haus Nummer sieben siehst du in einer Nische eine seltsame Kreatur aus Stein. Das ist der Basilisk.
Die Legende spielt im Jahr 1212. Ein Bäckerlehrling will am Morgen Wasser aus dem Brunnen im Hof holen, aber der Eimer kommt nicht hoch, und ein entsetzlicher Gestank steigt aus der Tiefe. Der Bursche steigt hinab und sieht ein Wesen mit dem Kopf eines Hahns, einer Krone und dem Leib einer Kröte, mit Augen, die glühen. Ein Basilisk. Wer ihm in die Augen schaut, stirbt. Ein kluger Mann rät, ihm einen Spiegel vorzuhalten. Der Basilisk erblickt sich selbst, erschrickt vor seiner eigenen Hässlichkeit und zerspringt zu Stein.
Was steckt dahinter? Vielleicht giftige Gase aus einem alten Brunnen, die Menschen ohnmächtig werden ließen und die man sich nur mit einem Ungeheuer erklären konnte. Wiener Legenden haben oft einen erstaunlich vernünftigen Kern. Die schöne Laterne übrigens ist eine Kopie, die alte hängt im Wien Museum, sicher vor dem Wetter.
Jetzt geh durch das Tor in den Heiligenkreuzerhof, gleich nebenan. Plötzlich bist du in einer anderen Welt: ein weiter, stiller Hof, umgeben von hellen Barockfassaden, kaum ein Geräusch von der Stadt. Seit dem Mittelalter gehört dieser Hof dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald. Hier lagerten die Mönche Wein, Getreide und Holz, hier wohnte der Abt, wenn er in die Stadt kam, und hier wurde verkauft und verhandelt. Die kleine Bernardikapelle in der Ecke ist ein Barockjuwel, das man leicht übersieht.
Die großen Klöster des Landes hatten fast alle solche Höfe in der Stadt, Wirtschaftszentralen hinter den Mauern, mit eigenen Kellern und Rechten. Dieser hier ist der schönste, der übrig ist, und sogar Filmleute drehen gern in ihm. Geh jetzt die Sonnenfelsgasse nach Westen und dann durch die Bäckerstraße, bis sie sich zu einem kleinen Platz mit einem Mann aus Bronze öffnet.
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10. Lugeck und Regensburger Hof: Wie Wien reich wurde
Lugeck, 1010 Wien, Austria
Auf dem Lugeck steht ein Mann aus Bronze auf hohem Sockel und schaut ernst über den kleinen Platz. Es ist Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Was hat ein Mainzer in Wien verloren? Nicht viel, aber dieser Platz erzählt eine Geschichte über Handel, Wissen und eine Stadt, die sehr gut rechnen konnte.
Schon der Name ist rätselhaft. Lugeck könnte von lugen kommen, also schauen, und auf einen Ausguck hindeuten. Ganz sicher weiß das niemand. Sicher ist aber, wer hier im Mittelalter das Sagen hatte: die Kaufleute aus Regensburg. An der Ecke steht der Regensburger Hof, und sein Name erinnert an die Händler, die hier ihre Niederlassung hatten. Regensburg war damals eine der reichsten Handelsstädte an der Donau.
Und jetzt der Trick, der Wien reich gemacht hat. 1221 bekommt die Stadt von Herzog Leopold dem Sechsten ein Stadtrecht mit dem sogenannten Stapelrecht. Das heißt: Fremde Kaufleute dürfen mit ihren Waren nicht einfach weiter donauabwärts nach Ungarn fahren. Sie müssen hier abladen und ihre Ware Wiener Händlern anbieten. Die Regensburger, die bisher selbst bis nach Ungarn gehandelt hatten, mussten also in Wien verkaufen, und die Wiener verdienten am Weiterhandel. Ein Paragraf, der Gold wert war.
Gutenberg passt trotzdem hierher, denn der Buchdruck kam gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auch nach Wien, und mit ihm Flugblätter, Bücher und neue Ideen. Das Denkmal schuf Hans Bitterlich um 1900, derselbe Bildhauer, dessen Kaiserin Elisabeth im Volksgarten sitzt. Ein Mainzer Erfinder, von einem Wiener Bildhauer, auf einem Platz der Regensburger Kaufleute: mittelalterliche Globalisierung in Bronze.
Wenn du an den Fassaden ringsum hochschaust, siehst du Häuser, die über mittelalterlichen Kellern stehen. Unter der Wiener Altstadt liegen oft zwei, drei Stockwerke Gewölbe übereinander, voller Wein und alter Geschichten. Geh jetzt durch den Lichtensteg nach Westen. Er bringt dich zum ältesten Platz der Stadt, wo um die Mittagszeit die Geschichte über eine Brücke marschiert.
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11. Hoher Markt und Ankeruhr: Zweitausend Jahre in einer Stunde
Hoher Markt 10-11, 1010 Wien, Austria
Schau hinauf zu der Brücke, die sich über die Gasse zwischen zwei Häusern spannt. Daran hängt eine große Uhr aus Kupfer und Bronze, und über ihr Zifferblatt ziehen langsam Figuren hinweg, eine nach der anderen. Das ist die Ankeruhr, und sie erzählt dir die Geschichte Wiens im Schritttempo.
Der Hohe Markt ist vermutlich der älteste Platz der Stadt. Unter deinen Füßen lagen die Häuser der Offiziere des römischen Legionslagers Vindobona. Im Römermuseum hier am Platz kannst du ihre Mauern sehen und die Fußbodenheizung, mit der die Römer den Donauwinter erträglich machten. Die Überlieferung sagt sogar, Kaiser Mark Aurel sei im Jahr 180 in Vindobona gestorben. Ob es wirklich hier war oder anderswo an der Donau, ist umstritten.
Die Ankeruhr hat der Maler Franz Matsch zwischen 1911 und 1914 für die Anker-Versicherung entworfen, ein Meisterwerk des Jugendstils. Zwölf Figuren oder Paare ziehen nacheinander vorbei, jede eine Stunde lang: Mark Aurel, Karl der Große, die Babenberger, Walther von der Vogelweide, Rudolf von Habsburg, der Dombaumeister Puchsbaum, Maximilian, die Verteidiger von 1683, Prinz Eugen, Maria Theresia und am Ende Joseph Haydn. Und um zwölf Uhr mittags ziehen sie alle hintereinander vorbei, mit Musik. Dann drängen sich hier die Leute mit gezückten Handys, den Rest des Tages gehen die meisten unter der Uhr hindurch, ohne aufzuschauen.
Der Hohe Markt war im Mittelalter nicht nur Marktplatz, sondern auch Gerichtsort. Hier standen Pranger und Schandkäfig, und hier wurden Urteile vollstreckt. Im April 1945, in den letzten Kriegstagen, brannte der Platz fast völlig nieder. Was du heute siehst, ist zum großen Teil Wiederaufbau.
Nur der Brunnen in der Mitte hat überlebt: der Vermählungsbrunnen, nach Plänen von Joseph Emanuel Fischer von Erlach, mit der Hochzeit von Maria und Josef unter einem Baldachin. Eine Hochzeit auf dem Platz, wo früher geköpft wurde, das ist Wien. Geh jetzt die Judengasse hinunter, mitten durchs Bermudadreieck, und bieg dann in die Seitenstettengasse ein. Achte auf die Polizisten vor einem ganz gewöhnlichen Wohnhaus. Dort endet unser Spaziergang.
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12. Stadttempel: Die Synagoge, die überlebte
Seitenstettengasse 4, 1010 Wien, Austria
In der schmalen Seitenstettengasse siehst du zuerst nur ein ganz gewöhnliches Wohnhaus, mit Fenstern, Gesimsen und einem Tor. Davor stehen Polizisten, Absperrgitter, Kameras. Dass hinter dieser Fassade die Hauptsynagoge Wiens liegt, würdest du von außen nie erraten. Und genau das hat sie gerettet.
Gebaut wurde der Stadttempel von 1824 bis 1826 nach Plänen von Josef Kornhäusel. Nach den Toleranzgesetzen Josephs des Zweiten durften nichtkatholische Gotteshäuser nicht direkt an der Straße stehen und nicht als solche erkennbar sein. Also versteckte Kornhäusel den Tempel im Hof, hinter einem Wohnhaus. Drinnen öffnet sich ein ovaler, lichtdurchfluteter Saal mit Säulen und einer blauen Kuppel mit goldenen Sternen. Der Kantor Salomon Sulzer prägte hier über Jahrzehnte die synagogale Musik weit über Wien hinaus.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstören Nationalsozialisten in Wien praktisch alle Synagogen und Bethäuser, weit über neunzig. Nur der Stadttempel bleibt stehen, weil ein Feuer hier die Wohnhäuser ringsum mit in Brand gesetzt hätte. Verwüstet wird er trotzdem. Und in den Jahren danach werden Zehntausende Wiener Jüdinnen und Juden vertrieben oder ermordet. Von einer Gemeinde mit fast zweihunderttausend Menschen blieben nach 1945 nur einige Tausend in der Stadt.
Auch danach blieb diese Gasse nicht verschont. 1981 griffen Terroristen Gläubige nach einem Gottesdienst an, zwei Menschen starben. Und am 2. November 2020 begann ganz in der Nähe ein Terroranschlag, bei dem vier Menschen getötet wurden. Deshalb die Polizisten, deshalb die Gitter. Heute ist der Stadttempel wieder das Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, mit Schulen, Vereinen und einem lebendigen Gemeindeleben ringsum.
Und trotzdem wird hier gebetet, gefeiert, gesungen, Woche für Woche, wie seit fast zweihundert Jahren. Ganz am Anfang standen wir auf der Stadtmauer. Seitdem hast du Römer, Babenberger, Pest und Basilisken gesehen, eine verschlossene Bibliothek und eine Uhr voller Geschichte. Wenn du jetzt zurück ins Bermudadreieck gehst, wo die Gläser klirren, denk kurz an dieses unscheinbare Haus. Es ist vielleicht der stillste Beweis dafür, dass diese Stadt weiterlebt.