Stadttempel: Die Synagoge, die überlebte

Why is it significant?

In der schmalen Seitenstettengasse siehst du zuerst nur ein ganz gewöhnliches Wohnhaus, mit Fenstern, Gesimsen und einem Tor. Davor stehen Polizisten, Absperrgitter, Kameras. Dass hinter dieser Fassade die Hauptsynagoge Wiens liegt, würdest du von außen nie erraten. Und genau das hat sie gerettet.

Key Facts

PlaceStadttempel: Die Synagoge, die überlebte
AddressSeitenstettengasse 4, 1010 Wien, Austria
Geo Coordinates48.21150, 16.37480
Part of WalkMittelalterliches Wien: Judenplatz, Bermudadreieck und verwinkelte Gassen
GeneratedGenerated

Open the walk

In der schmalen Seitenstettengasse siehst du zuerst nur ein ganz gewöhnliches Wohnhaus, mit Fenstern, Gesimsen und einem Tor. Davor stehen Polizisten, Absperrgitter, Kameras. Dass hinter dieser Fassade die Hauptsynagoge Wiens liegt, würdest du von außen nie erraten. Und genau das hat sie gerettet.

Gebaut wurde der Stadttempel von 1824 bis 1826 nach Plänen von Josef Kornhäusel. Nach den Toleranzgesetzen Josephs des Zweiten durften nichtkatholische Gotteshäuser nicht direkt an der Straße stehen und nicht als solche erkennbar sein. Also versteckte Kornhäusel den Tempel im Hof, hinter einem Wohnhaus. Drinnen öffnet sich ein ovaler, lichtdurchfluteter Saal mit Säulen und einer blauen Kuppel mit goldenen Sternen. Der Kantor Salomon Sulzer prägte hier über Jahrzehnte die synagogale Musik weit über Wien hinaus.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstören Nationalsozialisten in Wien praktisch alle Synagogen und Bethäuser, weit über neunzig. Nur der Stadttempel bleibt stehen, weil ein Feuer hier die Wohnhäuser ringsum mit in Brand gesetzt hätte. Verwüstet wird er trotzdem. Und in den Jahren danach werden Zehntausende Wiener Jüdinnen und Juden vertrieben oder ermordet. Von einer Gemeinde mit fast zweihunderttausend Menschen blieben nach 1945 nur einige Tausend in der Stadt.

Auch danach blieb diese Gasse nicht verschont. 1981 griffen Terroristen Gläubige nach einem Gottesdienst an, zwei Menschen starben. Und am 2. November 2020 begann ganz in der Nähe ein Terroranschlag, bei dem vier Menschen getötet wurden. Deshalb die Polizisten, deshalb die Gitter. Heute ist der Stadttempel wieder das Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, mit Schulen, Vereinen und einem lebendigen Gemeindeleben ringsum.

Und trotzdem wird hier gebetet, gefeiert, gesungen, Woche für Woche, wie seit fast zweihundert Jahren. Ganz am Anfang standen wir auf der Stadtmauer. Seitdem hast du Römer, Babenberger, Pest und Basilisken gesehen, eine verschlossene Bibliothek und eine Uhr voller Geschichte. Wenn du jetzt zurück ins Bermudadreieck gehst, wo die Gläser klirren, denk kurz an dieses unscheinbare Haus. Es ist vielleicht der stillste Beweis dafür, dass diese Stadt weiterlebt.

Nearby stories