Judenplatz: Die Bibliothek, die man nicht öffnen kann

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Mitten auf dem Judenplatz steht ein Block aus hellem Beton, ungefähr so groß wie ein kleines Zimmer. Geh näher heran. Seine Wände sind Bücherregale, aber nach außen gekehrt: Du siehst die Schnittkanten unzähliger Bücher, nie die Rücken, nie einen Titel. Und die Doppeltür hat keine Klinke.

Key Facts

PlaceJudenplatz: Die Bibliothek, die man nicht öffnen kann
AddressJudenplatz 8, 1010 Wien, Austria
Geo Coordinates48.21160, 16.36970
Part of WalkMittelalterliches Wien: Judenplatz, Bermudadreieck und verwinkelte Gassen
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Mitten auf dem Judenplatz steht ein Block aus hellem Beton, ungefähr so groß wie ein kleines Zimmer. Geh näher heran. Seine Wände sind Bücherregale, aber nach außen gekehrt: Du siehst die Schnittkanten unzähliger Bücher, nie die Rücken, nie einen Titel. Und die Doppeltür hat keine Klinke. Diese Bibliothek kann niemand öffnen.

Dieser Platz war im Mittelalter das Herz einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum. Rund um ihn lagen Häuser, ein Spital, eine Schule und die Synagoge. Wiener Rabbiner waren weit über die Stadt hinaus als Gelehrte bekannt. Die Gemeinde stand unter dem Schutz des Herzogs, gegen Abgaben, und dieser Schutz konnte jederzeit enden.

1420 und 1421 endet er grausam. Herzog Albrecht der Fünfte lässt die Juden Wiens verhaften, vertreiben, zwangstaufen. Am 12. März 1421 werden mehr als zweihundert Menschen auf der Erdberger Wiese verbrannt. Schon vorher sollen sich viele in der Synagoge selbst das Leben genommen haben, um der Zwangstaufe zu entgehen. Die Synagoge wird abgerissen, ihre Steine werden für den Bau der Universität verwendet. Und am Haus Zum großen Jordan, Nummer zwei, feiert ein Relief mit lateinischer Inschrift bis heute dieses Verbrechen als reinigende Flut.

Unter deinen Füßen haben Archäologen ab 1995 die Fundamente dieser Synagoge gefunden. Du kannst sie im Museum Judenplatz unterirdisch sehen. Darüber steht seit dem Jahr 2000 das Mahnmal der britischen Künstlerin Rachel Whiteread, für die mehr als 65.000 österreichischen Jüdinnen und Juden, die in der Schoah ermordet wurden. Rund um den Sockel stehen die Namen der Orte, an denen sie umgebracht wurden. Lies ein paar davon, langsam.

Am Rand des Platzes steht Gotthold Ephraim Lessing, der Dichter von Nathan der Weise, dem großen Stück über Toleranz. Seine erste Statue von 1935 ließen die Nationalsozialisten entfernen und einschmelzen. Der Bildhauer Siegfried Charoux, ins Exil getrieben, schuf eine neue, und erst 1982 kehrte Lessing auf diesen Platz zurück. Geh jetzt über die Wipplingerstraße hinüber zum Passauer Platz, zu einem Kirchturm mit einer Krone aus Stein.

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