Pinsel, Mühlen und Bohème: Der Künstlerhügel Montmartre in Paris

Von Ary Scheffers romantischem Atelier über Picassos Waschboot und Renoirs Garten bis zu van Goghs Wohnung und dem Grab Heinrich Heines: der Hügel, auf dem die moderne Kunst laufen lernte

Paris · 12 stops · 30 min audio · Generated

  1. 1. Musée de la Vie romantique: Scheffers Atelier und Goethes Gretchen

    16 Rue Chaptal, 75009 Paris, France

    Geh durch die schmale, gepflasterte Einfahrt an der Rue Chaptal, und plötzlich ist die Großstadt verschwunden. Ein stiller Hof, Bäume, Kletterrosen, ein kleiner Garten mit Tischen, und dahinter ein Landhaus mit grünen Fensterläden, wie aus einem Roman. Mitten im neunten Arrondissement, nur ein paar Minuten vom Lärm der Boulevards entfernt.

    Ab 1830 lebte und arbeitete hier Ary Scheffer, ein in Holland geborener Maler, der in Paris zu einem Star der Romantik wurde. Das Viertel war damals ganz neu, man nannte es Nouvelle Athènes, das neue Athen, weil Künstler, Schauspielerinnen und Schriftsteller hierherzogen. In seinen beiden Ateliers im Hof empfing Scheffer an Freitagabenden die halbe Kulturwelt Europas: George Sand und Frédéric Chopin, Eugène Delacroix, Franz Liszt, den jungen Charles Gounod.

    Und jetzt horch auf, denn Scheffers berühmteste Bilder hatten eine deutsche Quelle. Immer wieder malte er Szenen aus Goethes Faust, vor allem Gretchen, blass, verloren, mit gesenktem Blick. Und er malte Mignon aus Wilhelm Meister, das Mädchen, das sich nach dem Land sehnt, wo die Zitronen blühn. Als Stiche verbreiteten sich diese Bilder in ganz Europa und hingen bald in bürgerlichen Wohnzimmern von Paris bis Berlin.

    Im Haus erinnern heute viele Dinge an George Sand, ihre Möbel, ihr Schmuck, ihre Zeichnungen. Und in einer Vitrine liegt etwas, das dich vielleicht kurz frösteln lässt: ein Gipsabguss von Chopins linker Hand, schmal und feingliedrig... die Hand, die die Nocturnes gespielt hat, nur ein paar Straßen von hier entfernt. Das Haus blieb lange im Besitz von Scheffers Familie, heute ist es ein Museum der Stadt Paris.

    Diese Bilder kannte übrigens auch ein deutscher Dichter sehr genau. Heinrich Heine schrieb 1831, kurz nach seiner Ankunft in Paris, lange Berichte über die Maler des Salons, und Scheffer kam darin ausführlich vor, nicht nur freundlich. Heine wird uns am Ende dieses Spaziergangs wiederbegegnen. Geh jetzt zurück auf die Rue Chaptal und dann bergauf in Richtung Place Blanche, wo sich rote Mühlenflügel drehen.

  2. 2. Moulin Rouge: Cancan und Toulouse-Lautrec

    82 Boulevard de Clichy, 75018 Paris, France

    Da steht sie, die rote Mühle am Boulevard de Clichy, und am Abend drehen sich ihre Flügel in Leuchtschrift. Eine Mühle, die nie ein einziges Korn gemahlen hat... sie war von Anfang an Kulisse, ein Lockruf für Nachtschwärmer.

    Eröffnet wurde das Moulin Rouge im Oktober 1889, im Jahr der Weltausstellung und des Eiffelturms, von den Unternehmern Joseph Oller und Charles Zidler. Ihre Idee war ein Tanzpalast, in dem sich feine Herren von den Boulevards und das einfache Volk von Montmartre mischen sollten. Die Mühlenflügel waren ein Augenzwinkern zu den echten Mühlen oben auf dem Hügel, denen du später noch begegnen wirst. Im Garten stand ein riesiger Elefant aus Gips, und in seinem Bauch, so erzählt man, wurde für die Herren Bauchtanz gezeigt.

    Und dann der Cancan. Röcke fliegen, Beine schnellen in die Luft, die Tänzerinnen springen in den Spagat. Der Star hieß La Goulue, die Gefräßige, weil sie, so heißt es, den Gästen im Vorbeitanzen die Gläser leer trank. Und an einem Tisch saß fast jeden Abend ein kleiner Mann mit Zeichenstift: Henri de Toulouse-Lautrec. Sein Plakat mit La Goulue hing 1891 an den Wänden von ganz Paris und veränderte die Kunst der Werbung für immer.

    Toulouse-Lautrec stammte aus einer der ältesten Adelsfamilien Frankreichs. Nach zwei Beinbrüchen als Jugendlicher hörten seine Beine auf zu wachsen, und er blieb klein. Vielleicht fühlte er sich gerade deshalb unter den Außenseitern von Montmartre zu Hause. Er malte die Tänzerinnen nicht als Göttinnen, sondern müde, verschwitzt, mit harten Gesichtern im Gaslicht... wahrhaftig. Alkohol und Krankheit zerstörten ihn, er starb 1901 mit nur 36 Jahren.

    Das Gebäude vor dir ist übrigens nicht mehr das von 1889: Das Original brannte 1915 ab. Doch die Flügel drehen sich weiter, und die Revue mit ihren Federn und Pailletten läuft bis heute jeden Abend. Geh jetzt die Rue Lepic hinauf, vorbei an Obstständen und Cafés, und biege rechts in die Rue des Abbesses ein, bis zu einem kleinen Platz mit einem grünen Metroeingang.

  3. 3. Abbesses: Guimards Metro und die Mauer der Liebe

    Square Jehan-Rictus, Place des Abbesses, 75018 Paris, France

    Bleib vor dem Metroeingang stehen: ein Glasdach wie die Flügel einer Libelle, grün gestrichenes Gusseisen, geschwungene Stängel mit orangefarbenen Lampen. Und gleich daneben, im kleinen Square Jehan-Rictus, eine Wand aus dunkelblauen Kacheln, über und über mit weißer Schrift bedeckt.

    Der Eingang ist ein Werk von Hector Guimard, dem Meister des französischen Jugendstils, des Art nouveau, entworfen um 1900 für die allererste Metro. Seine Formen sind Pflanzen nachempfunden, Stängel, Blätter, Knospen, und das geschwungene Schild mit dem Wort Métropolitain wurde selbst zu einem Markenzeichen von Paris. Nur zwei seiner Eingänge mit vollständigem Glasdach sind in Paris erhalten, und dieser stand ursprünglich gar nicht hier. Er überdachte die Station am Rathaus und wurde erst 1974 auf den Montmartre versetzt. Damals fanden viele Pariser Guimards Pflanzenformen altmodisch und ließen etliche seiner Eingänge abreißen... heute würde man sie vergolden.

    Unter deinen Füßen geht es tief hinab. Abbesses ist die tiefste Metrostation von Paris, rund 36 Meter unter der Erde, weil der Hügel über ihr so hoch ist. Wer die Treppe statt des Aufzugs nimmt, steigt etwa zweihundert Stufen, vorbei an bunten Wandmalereien, die den Montmartre zeigen. Für den Abstieg ein Vergnügen, für den Aufstieg eine Prüfung.

    Jetzt zur blauen Wand. Le Mur des je t'aime, die Mauer der Ich-liebe-dichs, wurde im Jahr 2000 eingeweiht. Auf rund vierzig Quadratmetern Kacheln aus emaillierter Lava steht Ich liebe dich über dreihundertmal, in etwa 250 Sprachen. Der Musiker Frédéric Baron hatte jahrelang Nachbarn, Freunde und Fremde gebeten, ihm den Satz in ihrer Sprache aufzuschreiben, und die Kalligrafin Claire Kito hat daraus die Wand gestaltet. Such ruhig nach dem deutschen Satz... er ist irgendwo dazwischen.

    Die roten Flecken zwischen den Buchstaben sind Splitter eines gebrochenen Herzens, und die Wand, so die Idee, setzt sie wieder zusammen. Gegenüber steht übrigens die Backsteinkirche Saint-Jean-de-Montmartre, eine der ersten Kirchen der Welt aus Stahlbeton. Nimm jetzt die steile Rue Ravignan nach oben, bis zu einem stillen, schrägen Platz mit einem grünen Trinkbrunnen.

  4. 4. Bateau-Lavoir: Picassos Waschboot

    13 Place Émile-Goudeau, 75018 Paris, France

    Auf der kleinen, abschüssigen Place Émile-Goudeau, unter Bäumen und neben einem grünen Wallace-Brunnen, siehst du ein unscheinbares Haus mit einem Schaufenster. Nichts deutet darauf hin, aber hinter dieser Fassade hat die Kunst des 20. Jahrhunderts begonnen.

    Das Gebäude war einst eine Klavierfabrik und wurde später in winzige Ateliers aus Holz zerlegt, an den Hang gebaut: vorne ein Stockwerk, hinten mehrere. Der Dichter Max Jacob soll ihm den Namen gegeben haben, Bateau-Lavoir, Waschboot, nach den Waschschiffen auf der Seine. Die Bretterwände knarrten und schwankten wie ein Schiff, und im ganzen Haus gab es nur einen einzigen Wasserhahn.

    1904 zog hier ein junger Spanier ein, Anfang zwanzig und bettelarm: Pablo Picasso. Im Winter war es so kalt, dass der Tee in der Kanne gefror, erzählt man, im Sommer so heiß, dass er bei offener Tür malte. Hier entstanden die Bilder seiner Rosa Periode, Gaukler und Harlekine, und 1907 ein Bild, das alles umwarf: Les Demoiselles d'Avignon. Fünf nackte Frauen, zerlegt in kantige Flächen, zwei davon mit Gesichtern wie Masken. Selbst seine engsten Freunde waren entsetzt. Gemeinsam mit Georges Braque entwickelte Picasso daraus den Kubismus.

    Und sieh dir die Nachbarn an: der Maler Juan Gris, der Holländer Kees van Dongen, die Dichter Max Jacob und Pierre Mac Orlan. Gertrude Stein stieg den Hügel herauf, um Bilder zu kaufen, Guillaume Apollinaire las seine Gedichte. 1908 gab Picasso hier ein legendäres Bankett für den Maler Henri Rousseau, genannt der Zöllner... halb Huldigung, halb Spott, mit sehr viel Wein. Rousseau, so erzählt man, nahm alles vollkommen ernst und war glücklich.

    Vom Original ist kaum etwas geblieben. 1970 brannte das hölzerne Haus fast vollständig ab, kurz bevor es restauriert werden sollte. Was du siehst, wurde danach neu gebaut, und bis heute arbeiten hier Künstlerinnen und Künstler in Ateliers. Geh nun nach Osten, über die Rue Gabrielle am Hang entlang, bis sich die weiße Basilika über dir aufbaut.

  5. 5. Sacré-Cœur: Die weiße Basilika nach der Kommune

    35 Rue du Chevalier de la Barre, 75018 Paris, France

    Stell dich auf den Vorplatz der Basilika und dreh ihr für einen Moment den Rücken zu. Unter dir liegt ganz Paris, ein graues Meer aus Zinkdächern und Schornsteinen, aus dem der Eiffelturm und der dunkle Turm von Montparnasse ragen. Dann dreh dich langsam um... und schau auf die Kuppeln, weiß wie Zuckerguss.

    Diese Kirche ist ein Kind der Niederlage. Nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen 1870 und dem blutigen Aufstand der Pariser Kommune 1871 gelobten katholische Kreise, dem Heiligsten Herzen Jesu eine Basilika zu bauen, als Sühne für die Sünden Frankreichs. Und sie wählten diesen Hügel mit Absicht. Hier oben hatte am 18. März 1871 die Kommune begonnen, als Bürger und Nationalgardisten verhinderten, dass die Regierung die Kanonen des Montmartre abtransportierte. Für viele Linke blieb die Basilika deshalb lange ein Siegesmal über die Kommunarden.

    Der Grundstein wurde 1875 gelegt, fertig war der Bau 1914, und wegen des Ersten Weltkriegs wurde er erst 1919 geweiht. Der Architekt Paul Abadie wählte einen besonderen Stein aus Château-Landon, einen Travertin, der bei Regen Kalk ausschwitzt und dadurch immer weißer wird. Die Basilika putzt sich gewissermaßen selbst, während der Ruß der Stadt an ihr abperlt. Viele Künstler fanden sie trotzdem kitschig, eine Hochzeitstorte aus Stein.

    Im Glockenturm hängt die Savoyarde, eine der schwersten Glocken Frankreichs, fast 19 Tonnen schwer. Sie wurde in Annecy gegossen, kam 1895 als Geschenk der Diözesen Savoyens hierher und musste von Pferden den Hügel hinaufgezogen werden. Und noch etwas macht diesen Ort einzigartig: Seit 1885 wird in der Basilika ununterbrochen gebetet, Tag und Nacht, ohne eine einzige Pause, selbst in den Nächten der Bombardierungen.

    Wenn du Zeit hast, steig später auf die Kuppel. Von dort oben reicht der Blick an klaren Tagen weit über die Stadt hinaus. Geh jetzt links an der Basilika vorbei, durch die kleine Rue Azaïs, zu einer viel älteren Kirche, die sich gleich nebenan versteckt, und zu einem Platz voller Staffeleien.

  6. 6. Place du Tertre & Saint-Pierre: Dorfplatz und älteste Kirche

    Place du Tertre, 75018 Paris, France

    Vor dir öffnet sich die Place du Tertre: rote Sonnenschirme, Staffeleien, Maler, die dir für ein paar Minuten Geduld ein Porträt versprechen. Doch bevor du ins Gewimmel eintauchst, sieh dir die schlichte Steinfassade an der Ecke an. Diese kleine Kirche ist älter als fast alles, was du in Paris sehen kannst.

    Saint-Pierre de Montmartre wurde 1147 geweiht, in Anwesenheit des Papstes, als Kirche eines großen Frauenklosters, der Abtei von Montmartre. Daher stammt übrigens der Name Abbesses, Äbtissinnen, den du an der Metrostation gelesen hast. Im Inneren stehen alte Marmorsäulen, die wohl schon in einem römischen Heiligtum auf diesem Hügel standen. Und der Name Montmartre selbst ist ein Rätsel: Berg des Mars oder Berg der Märtyrer, nach dem heiligen Dionysius, der hier der Legende nach enthauptet wurde.

    Bis 1860 war Montmartre ein eigenes Dorf vor den Toren von Paris, mit Weinbergen, Windmühlen und Steinbrüchen, und dieser Platz war sein Dorfplatz. Aus den Brüchen holte man Gips, so viel, dass Gips im Englischen bis heute plaster of Paris heißt, Pariser Gips. Unter dem Hügel ziehen sich noch immer alte Stollen hindurch, und manches Haus musste deshalb mit tiefen Fundamenten gesichert werden.

    Als um 1900 die Maler kamen, war Montmartre billig, ländlich und ein bisschen verrufen. Heute ist der Platz streng geregelt: Die Stadt vergibt die Plätze, jeder misst etwa einen Quadratmeter, und oft teilen sich zwei Künstler einen Platz im Wechsel. Die Warteliste ist lang. Wer hier malt, hat also einen der begehrtesten Arbeitsplätze der Kunstwelt... auch wenn er nur einen Quadratmeter groß ist.

    Und noch eine Geschichte, die man dir an diesem Platz gern erzählt. 1814 sollen russische Kosaken in einer Gaststätte hier am Platz bystro gerufen haben, schnell, wenn sie ihren Wein wollten, und daraus sei das Wort Bistro entstanden. Hübsch, aber Sprachforscher glauben es nicht. Verlass den Platz jetzt über die Rue du Mont-Cenis nach Norden und biege links in die Rue Cortot ein, zu einem alten Haus mit Garten.

  7. 7. Musée de Montmartre: Renoir, Valadon und Utrillo

    12 Rue Cortot, 75018 Paris, France

    Hinter der Tür der Rue Cortot Nummer 12 verbirgt sich eines der ältesten Häuser des Hügels, ein Landsitz aus dem 17. Jahrhundert mit Garten und Blick über die Weinreben bis weit in den Norden. Von außen ist es unscheinbar, innen hat es mehr Kunstgeschichte gesehen als manches große Museum.

    Um 1876 mietete hier Pierre-Auguste Renoir ein Atelier und einen Schuppen im Garten. Hinter dem Haus malte er im Freien, unter den Bäumen, unter anderem sein Bild von der Schaukel, und er arbeitete hier an seinem großen Ball im Moulin de la Galette. Im Garten hängt heute wieder eine Schaukel... eine Erinnerung an genau dieses Bild.

    Später zog eine Frau ein, die zu den erstaunlichsten Figuren von Montmartre gehört: Suzanne Valadon. Sie war die Tochter einer Wäscherin, wurde Zirkusakrobatin, bis ein Sturz das beendete, und stand dann Modell für Renoir, Toulouse-Lautrec und Puvis de Chavannes. Aber sie sah dabei genau zu. Ohne jede Ausbildung wurde sie selbst Malerin, Edgar Degas kaufte ihre Zeichnungen und ermutigte sie, und 1894 wurde sie als erste Frau in die Société nationale des beaux-arts aufgenommen.

    Ihr Sohn Maurice Utrillo wurde ebenfalls Maler, und was für einer. Schon als Jugendlicher war er schwer alkoholkrank, und die Mutter drückte ihm einen Pinsel in die Hand, in der Hoffnung, die Malerei würde ihn retten. Er malte die Gassen von Montmartre, weiß, still, fast menschenleer, oft nach Postkarten, und wurde damit berühmter als sie. Ab 1912 lebten Mutter, Sohn und Valadons deutlich jüngerer Gefährte André Utter hier unter einem Dach. Die Nachbarn nannten das Trio die verfluchte Dreifaltigkeit.

    Im Museum kannst du heute Valadons Atelier besuchen, eingerichtet wie damals, mit Ofen, Staffelei und dem Blick hinaus in den Garten. Geh jetzt die Rue Cortot zurück bis zur Rue des Saules und dann ein paar Schritte bergab, an den Weinreben entlang, bis zu einem niedrigen Haus, auf dessen Schild ein Hase aus einem Kochtopf springt.

  8. 8. Au Lapin Agile & der Weinberg: Der flinke Hase

    22 Rue des Saules, 75018 Paris, France

    An der Ecke von Rue des Saules und Rue Saint-Vincent duckt sich ein niedriges, verwittertes Haus, und auf seinem Schild springt ein Hase mit einer Flasche aus einem Kochtopf. Gegenüber, am Hang, wachsen tatsächlich Weinreben, in sauberen Reihen, mitten in der Hauptstadt.

    Der Name ist ein Wortspiel. Um 1875 malte der Karikaturist André Gill dieses Schild, und bald sagten die Leute Lapin à Gill, der Hase von Gill. Daraus wurde Lapin Agile, der flinke Hase. 1903 übernahm Frédéric Gérard das Lokal, genannt Frédé, ein bärtiger Wirt mit Gitarre, Pelzmütze und einem Esel namens Lolo. Er sang, die Gäste sangen mit, und wer kein Geld hatte, bezahlte manchmal mit einer Zeichnung.

    Picasso malte 1905 ein Bild mit dem Titel Au Lapin Agile: er selbst im Harlekinskostüm an der Bar, düster und abwesend, im Hintergrund Frédé mit der Gitarre. Das Bild hing jahrelang hier an der Wand. 1989 wurde es in New York für rund 40 Millionen Dollar versteigert... nicht schlecht für ein Bild aus einer Kneipe, in der man mit Zeichnungen bezahlte.

    Und dann der berühmteste Streich der Kunstgeschichte. 1910 banden Stammgäste um den Schriftsteller Roland Dorgelès einen Pinsel an den Schwanz von Lolo, dem Esel, stellten ihm eine Leinwand hin und ließen ihn wedeln. Das Ergebnis, einen Sonnenuntergang über der Adria, stellten sie im Salon des Indépendants aus, unter dem Namen eines erfundenen italienischen Malers, Boronali, mit einem pompösen Manifest. Kritiker diskutierten das Werk ernsthaft, bis Dorgelès den Schwindel auflöste. Boronali ist übrigens ein Anagramm von Aliboron, einem alten französischen Spottnamen für den Esel.

    Und der Weinberg? Der Clos Montmartre wurde 1933 angelegt, als Erinnerung an die Zeit, als der ganze Hügel voller Reben stand. Er liefert nur wenig Wein, der für wohltätige Zwecke verkauft wird, und jedes Jahr im Oktober feiert das Viertel die Weinlese mit einem großen Fest. Geh jetzt die Rue des Saules wieder hinauf bis zum rosa Haus an der Ecke und folge dann rechts der Rue de l'Abreuvoir bis zu ihrem Ende.

  9. 9. Place Dalida & La Maison Rose

    Place Dalida, Rue de l'Abreuvoir, 75018 Paris, France

    Am Ende der Rue de l'Abreuvoir, wo die Gasse auf einen kleinen Platz unter Bäumen trifft, steht die Bronzebüste einer Frau mit langem, offenem Haar. Ein Teil der Bronze glänzt golden, blank gerieben von unzähligen Händen... denn wer sie berührt, so sagt man, hat Glück in der Liebe.

    Das ist Dalida, geboren 1933 in Kairo als Tochter italienischer Eltern, 1954 Miss Ägypten, dann in Paris einer der größten Stars des französischen Chansons und später der Disco. Sie sang in vielen Sprachen, auch auf Deutsch: Am Tag, als der Regen kam, war 1959 ein riesiger Erfolg. Hinter den Kulissen war ihr Leben von Verlusten gezeichnet. Sie wohnte ganz in der Nähe, in der Rue d'Orchampt, und dort nahm sie sich 1987 das Leben. Auf ihrem Abschiedsbrief stand: Das Leben ist mir unerträglich... verzeiht mir.

    Die Büste schuf 1997 der Bildhauer Aslan, und seither hat das Glücksritual die Bronze an manchen Stellen ganz blank poliert. Ein seltsam zärtliches Schicksal für das Denkmal einer Frau, die so einsam war.

    Jetzt dreh dich um und schau die Rue de l'Abreuvoir hinunter, bis zu dem rosa Haus mit den grünen Fensterläden an der Ecke. Das ist La Maison Rose. Maurice Utrillo hat es gemalt, und das Bild ging als Postkarte um die Welt. Eröffnet hat das kleine Lokal darin Germaine Pichot, eine Frau aus Picassos Pariser Anfangsjahren. Picassos Freund Carles Casagemas, unglücklich in sie verliebt, schoss 1901 in einem Café auf sie, verfehlte sie und tötete sich selbst. Die Trauer um ihn, sagen Kunsthistoriker, führte Picasso geradewegs in seine Blaue Periode.

    Der Straßenname erinnert übrigens an die Tränke, zu der die Bauern einst ihr Vieh führten, als hier noch Dorf war. Geh jetzt die Rue Girardon nach Süden. An der Ecke der Place Marcel-Aymé achte auf einen Mann, der halb in einer Mauer steckt... und dann weiter bis zur Windmühle an der Rue Lepic.

  10. 10. Moulin de la Galette & der Mann in der Wand

    83 Rue Lepic, 75018 Paris, France

    An der Ecke von Rue Lepic und Rue Girardon steht eine hölzerne Windmühle hoch über der Straße, die Flügel still in den Himmel gespreizt. Und ein paar Schritte hinter dir, an der Place Marcel-Aymé, hast du gerade einen Mann gesehen, der halb aus einer Steinmauer herauskommt.

    Der Mann in der Wand heißt Le Passe-Muraille, der Mann, der durch Wände geht. Er stammt aus einer Erzählung des Schriftstellers Marcel Aymé aus den Vierzigerjahren, der gleich hier um die Ecke wohnte. Ein kleiner, braver Beamter entdeckt, dass er durch Mauern gehen kann, wird übermütig... und bleibt am Ende in einer stecken. Die Skulptur schuf 1989 der Schauspieler Jean Marais, der auch Bildhauer war. Die ausgestreckte Hand ist blank gerieben, jeder will sie schütteln.

    Jetzt zur Mühle. Einst drehten sich auf dem Montmartre zahlreiche Windmühlen, sie mahlten Korn, pressten Trauben und zerstießen Gips. Zwei davon haben überlebt, beide gehörten der Müllerfamilie Debray: der Radet, den du hier siehst, und weiter oben, versteckt hinter Mauern und Bäumen, der Blute-Fin. Im 19. Jahrhundert begannen die Debrays, kleine Fladen aus ihrem Mehl zu backen, Galettes, und dazu Wein auszuschenken. Schon war das Moulin de la Galette ein Tanzlokal.

    Die Familie hatte zuvor einen hohen Preis gezahlt. 1814, als die Truppen der Verbündeten Paris angriffen, sollen die Müller Debray ihren Hügel verteidigt haben, und einer von ihnen wurde getötet. Eine grausige Überlieferung erzählt, sein Leichnam sei an die Flügel der Mühle genagelt worden. Wie viel davon stimmt, weiß niemand genau, aber auf dem Montmartre erzählt man es bis heute.

    Was danach kam, war fröhlicher. An Sonntagnachmittagen tanzten hier Wäscherinnen, Handwerker und Maler unter den Bäumen, und 1876 malte Renoir dieses Treiben: Bal du moulin de la Galette, Licht, das durch die Blätter auf Kleider und Strohhüte tropft. Heute hängt es im Musée d'Orsay. Auch van Gogh und Toulouse-Lautrec malten die Mühle, und van Gogh wohnte nur ein paar Minuten entfernt. Folge der Rue Lepic bergab, um die große Kurve herum.

  11. 11. Rue Lepic 54: Vincent und Theo van Gogh

    54 Rue Lepic, 75018 Paris, France

    Vor dem Haus Nummer 54 der Rue Lepic, einem ganz gewöhnlichen Pariser Wohnhaus, hängt eine kleine Gedenktafel. Kaum jemand bleibt stehen, die Leute eilen mit Einkaufstüten vorbei. Dabei wohnte hier, im dritten Stock, zwei Jahre lang Vincent van Gogh.

    Vincent kam im Februar 1886 nach Paris, unangekündigt. Er schickte seinem Bruder Theo einen Zettel, er warte im Louvre auf ihn. Theo arbeitete als Kunsthändler in einer Pariser Galerie und war der Einzige, der an ihn glaubte... und der ihn bezahlte. Im Juni 1886 zogen die beiden hier ein, in eine größere Wohnung mit Blick über die Stadt, und blieben bis Februar 1888.

    In diesen Zimmern verwandelte sich van Goghs Malerei. Aus Holland hatte er dunkle Bauernbilder in Braun und Grau mitgebracht. In Paris sah er die Impressionisten, lernte Pissarro, Signac, Toulouse-Lautrec und Émile Bernard kennen, sammelte japanische Farbholzschnitte... und plötzlich explodierte die Farbe. In nur zwei Jahren malte er rund 200 Bilder, darunter mehr als zwei Dutzend Selbstporträts, weil er sich kein Modell leisten konnte. Aus dem Fenster dieser Wohnung malte er den Blick über die Dächer von Paris. Und hier malte er auch schon Sonnenblumen, abgeschnitten auf einem Tisch liegend, Jahre vor den berühmten Vasen aus Arles.

    Das Zusammenleben war allerdings eine Zerreißprobe. Vincent war laut, unordentlich, streitsüchtig, Theos Freunde blieben weg. In einem Brief an die Schwester klagte Theo, das Leben mit ihm sei kaum auszuhalten. Und trotzdem schickte er ihm bis zuletzt jeden Monat Geld. Als Vincent im Juli 1890 starb, folgte ihm Theo nur ein halbes Jahr später. Heute liegen die Brüder nebeneinander auf dem Friedhof von Auvers-sur-Oise.

    Stell dir vor, wie Vincent mit Staffelei und Farbkasten die Treppe hinunterpolterte, hinauf zu den Mühlen, die du gerade gesehen hast. Geh jetzt die Rue Lepic noch ein Stück hinab und biege rechts in die Rue Joseph-de-Maistre. Sie führt dich zur Rue Caulaincourt und zum Friedhof von Montmartre, dessen Eingang unten an der Avenue Rachel liegt.

  12. 12. Cimetière de Montmartre: Heinrich Heines letzte Ruhestätte

    20 Avenue Rachel, 75018 Paris, France

    Unter der eisernen Brücke der Rue Caulaincourt, die mitten über die Gräber hinwegführt, öffnet sich das Tor des Friedhofs von Montmartre. Ein seltsamer Ort: Über dir rauscht der Verkehr, unter dir schlafen Maler, Tänzerinnen und Dichter, und zwischen den moosigen Grabmälern streifen Katzen umher.

    Der Friedhof wurde 1825 angelegt, in einem alten Gipssteinbruch, und hier ruht ein guter Teil der Geschichten, die du heute gehört hast. Edgar Degas, der Suzanne Valadon ermutigt hatte, liegt hier, ebenso der Komponist Hector Berlioz und der Schriftsteller Stendhal. La Goulue, die Königin des Cancan, wurde später hierher umgebettet, und Dalida hat hier ihr Grab, mit einer lebensgroßen Statue.

    Für uns aber gibt es hier ein ganz besonderes Grab. Heinrich Heine, 1797 in Düsseldorf geboren, kam 1831 nach Paris, ein Dichter, der der Enge und der Zensur in Deutschland entkommen wollte. Bald darauf wurden seine Schriften in Deutschland verboten. Er blieb ein Vierteljahrhundert, schrieb für deutsche Zeitungen über Frankreich und für Franzosen über Deutschland... ein Brückenbauer zwischen zwei Nachbarn, die einander selten verstanden. Die letzten acht Jahre lag er gelähmt im Bett, in seiner Matratzengruft, wie er sie nannte, und schrieb trotzdem weiter, bissig, zärtlich, unerschrocken.

    Heine starb im Februar 1856 und wurde hier begraben, ohne geistliche Zeremonie, so hatte er es gewollt. Auf seinem Grab steht heute seine Büste, und darunter sein Gedicht über die Frage, die ihn sein Leben lang begleitet hatte: Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden? Unter Linden an dem Rhein? Die Antwort gab er selbst, ganz am Ende: Immerhin, mich wird umgeben Gotteshimmel, dort wie hier.

    Ein Lageplan am Eingang hilft dir, sein Grab zu finden. Und vielleicht ist das der schönste Schluss für einen Spaziergang über den Hügel der Künstler: ein Deutscher, der in Paris eine Heimat fand, umgeben von Malern, die aus Holland, Spanien, Italien und der Provinz kamen, weil diese Stadt sie alle aufgenommen hat. Leg ihm eine Blume hin, nimm dir einen Vers mit nach Hause... und lass den Montmartre hinter dir leuchten.