Warschau aus Trümmern: Altstadt, Königsschloss und die Bilder Bellottos

Vom Sächsischen Garten der Augusts über das gesprengte und neu errichtete Königsschloss bis zum Denkmal des Aufstands: wie Warschau nach der deutschen Zerstörung aus Gemälden, Plänen und Erinnerung zurückkehrte

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  1. 1. Sächsischer Garten & Grab des Unbekannten Soldaten

    Plac Marszałka Józefa Piłsudskiego, 00-078 Warszawa, Poland

    Vor dir stehen drei einsame Arkaden, ein Stück Säulengang mitten auf einem riesigen, leeren Platz, und darunter brennt eine Flamme, bewacht von zwei Soldaten, die sich nicht rühren. Hinter den Bögen beginnt ein Park mit alten Kastanien und Linden. Was du hier siehst, ist der letzte Rest eines Palastes, der einmal die ganze Seite dieses Platzes einnahm.

    Er hieß Sächsisches Palais, und der Name führt direkt nach Dresden. 1697 wurde der Kurfürst von Sachsen, Friedrich August, zum König von Polen gewählt, als August II., den man den Starken nannte. Er kaufte hier ein Adelspalais, ließ es umbauen und eine gewaltige barocke Achse quer durch die Stadt planen, die Sächsische Achse. Den Garten dahinter öffnete er 1727 für das Publikum, als einen der ersten öffentlichen Parks im Land. Auch sein Sohn August III. regierte zwischen Dresden und Warschau, und aus jener Zeit stammt ein polnisches Sprichwort: Unter dem Sachsenkönig iss, trink und lass den Gürtel locker.

    Nach 1918 zog der polnische Generalstab in das Palais, und 1925 legte man unter den Arkaden das Grab des Unbekannten Soldaten an, für einen namenlosen Gefallenen von den Schlachtfeldern um Lemberg. In denselben Mauern arbeitete das Chiffrierbüro, in dem junge Mathematiker um Marian Rejewski Anfang der dreißiger Jahre die deutsche Enigma entschlüsselten... Jahre vor den berühmten Erfolgen von Bletchley Park.

    Während der Besatzung hieß dieser Platz Adolf-Hitler-Platz, und im Palais saßen deutsche Militärdienststellen. Ende Dezember 1944, Monate nach dem Ende des Aufstands, sprengten deutsche Pioniere das Gebäude. Stehen blieben nur diese drei Bögen mit dem Grab darunter, als hätte ausgerechnet das Symbol die Explosion überleben sollen. Die Tafeln an den Pfeilern nennen Schlachtfelder aus tausend Jahren polnischer Geschichte.

    Seit Jahren wird darüber diskutiert, das Sächsische Palais wieder aufzubauen, ein Projekt, das Warschau noch lange beschäftigen wird. Und genau darum geht es auf diesem ganzen Weg: um eine Stadt, die man ausgelöscht hat und die sich Stück für Stück aus Trümmern zurückgeholt hat. Geh jetzt nach Norden, über die Wierzbowa-Straße zum Theaterplatz. Dort wartet ein Opernhaus, das zweimal gebaut werden musste.

  2. 2. Teatr Wielki: Das Große Theater am Theaterplatz

    Plac Teatralny 1, 00-950 Warszawa, Poland

    Vor dir öffnet sich ein weiter Platz, und an seiner Südseite steht eine Fassade wie ein Tempel, mit Säulen, Giebel und einem Wagenlenker hoch oben auf dem Dach. Das ist der Teatr Wielki, das Große Theater, heute Sitz der Polnischen Nationaloper. Bleib einen Moment stehen und schau dir die Länge dieser Front an.

    Gebaut hat das Haus der Italiener Antonio Corazzi zwischen 1825 und 1833, und es gehörte damals zu den größten Theatern Europas. Hier wurde 1858 Stanisław Moniuszkos Oper Halka in ihrer endgültigen Fassung aufgeführt, und die Warschauer machten sie sofort zu ihrer Nationaloper. Warschau stand damals unter russischer Herrschaft, und Musik war eine der wenigen Arten, laut und öffentlich polnisch zu sein.

    Im September 1939 belagerte die Wehrmacht die Stadt. Bomben und Granaten setzten das Theater in Brand, übrig blieb vor allem die klassizistische Front. Gegenüber im Rathaus, dem Palais der Familie Jabłonowski, saß Stadtpräsident Stefan Starzyński, der die Warschauer während der Belagerung Tag für Tag über das Radio zum Durchhalten aufrief. Nach der Kapitulation verhafteten ihn die Deutschen. Er kam nicht zurück, und wo und wann genau er starb, ist bis heute nicht sicher geklärt.

    Und jetzt das Paradox dieses Platzes. Das Theater baute man nach dem Krieg wieder auf, hinter der alten Fassade aber viel größer als zuvor, mit einer der größten Opernbühnen Europas, und 1965 wurde es neu eröffnet. Das ausgebrannte Rathaus dagegen ließ man nach dem Krieg abtragen, und erst in den neunziger Jahren entstand das Palais als Nachbau neu, für eine Bank. Warschau hat nicht einfach alles rekonstruiert... die Stadt hat jedes Mal neu entschieden, was zurückkommen darf und was nicht.

    Diese Entscheidungen wirst du auf dem ganzen Weg sehen. Nimm jetzt die Senatorska-Straße nach Osten, vorbei an Kirchen und alten Adelspalais, bis sich vor dir der Schlossplatz mit der hohen Säule öffnet.

  3. 3. Schlossplatz & Sigismundsäule

    Plac Zamkowy, 00-277 Warszawa, Poland

    Du stehst auf dem Schlossplatz, und über dir, gut zwanzig Meter hoch, hält ein bronzener König ein Kreuz in der einen Hand und ein Schwert in der anderen. Unter ihm sitzen Tauben, Touristen und Verliebte, und gleich daneben leuchtet die rote Fassade des Königsschlosses.

    Das ist Sigismund III. Wasa, der König, der um 1600 mit seinem Hof von Krakau nach Warschau zog und die Stadt so zur eigentlichen Hauptstadt machte. Sein Sohn Władysław IV. ließ ihm 1644 diese Säule errichten. Ein weltlicher Herrscher auf einer Säule, wie ein antiker Kaiser, das war im katholischen Europa jener Zeit ein kühnes Bild. Es ist das älteste weltliche Denkmal der Stadt, und für die Warschauer ist es bis heute der Treffpunkt schlechthin: Wir sehen uns unter der Säule.

    Am 1. September 1944, mitten im Warschauer Aufstand, schoss ein deutscher Panzer die Säule um. Die Figur stürzte auf das Pflaster, beschädigt, aber nicht zerstört. 1949 stand der König wieder oben, auf einem neuen Granitschaft und ein Stück versetzt. Bruchstücke der alten Säulenschäfte liegen bis heute neben dem Schloss, ein steinernes Protokoll der Zerstörung.

    Und jetzt ein Name, der dich auf diesem ganzen Weg begleiten wird: Bernardo Bellotto. Der Venezianer, ein Neffe des berühmten Canaletto, nannte sich selbst ebenfalls Canaletto und hatte jahrelang in Dresden für August III. gemalt. 1767 kam er nach Warschau, wurde Hofmaler des letzten polnischen Königs, Stanisław August, und malte die Straßen der Stadt mit beinahe fotografischer Genauigkeit, mit Fuhrwerken, Bettlern, Mönchen und Wäsche an den Fenstern. Fast zweihundert Jahre später wurden diese Bilder zu einer Art Bauanleitung.

    In Polen heißt Bellotto bis heute einfach Canaletto, und im Schloss ist ein ganzer Saal nach ihm benannt. Genau dorthin richtest du jetzt den Blick: Geh ein paar Schritte hinüber zum Uhrturm in der Mitte der Schlossfassade.

  4. 4. Königsschloss: Die Uhr, die um 11.15 Uhr stehen blieb

    Plac Zamkowy 4, 00-277 Warszawa, Poland

    Schau auf den Uhrturm in der Mitte der Fassade und achte auf die Zeiger. Diese Uhr hat eine eigene Geschichte, und sie beginnt mit einem Stillstand.

    Am 17. September 1939 traf deutscher Artilleriebeschuss das Schloss, das Dach brannte, und die Uhr blieb um 11 Uhr 15 stehen. In den folgenden Wochen retteten Museumsleute um den Kunsthistoriker Stanisław Lorentz, was sie tragen konnten: Gemälde, Möbel, Teile von Wandverkleidungen und Stuck, oft unter den Augen der Besatzer. Die Deutschen plünderten den Rest und bohrten Löcher für Sprengladungen in die Mauern. 1944 jagten sie das Schloss in die Luft. Was blieb, waren ein paar Mauerreste am Rand des Platzes.

    Jahrzehntelang klaffte hier eine Lücke. Erst im Januar 1971 fiel die Entscheidung für den Wiederaufbau, und bezahlt wurde er zum großen Teil aus Spenden, von Schulkindern, Rentnern und Polen im Ausland. Am 19. Juli 1974 setzte man die Uhr wieder in Gang, und zwar um 11 Uhr 15, als wollte man die Zeit genau dort fortsetzen, wo sie abgerissen war. 1984 waren auch die Innenräume fertig, ausgestattet mit vielem, was 1939 heimlich gerettet worden war.

    Drinnen liegt der Senatorensaal, in dem der Sejm am 3. Mai 1791 eine Verfassung beschloss, die erste moderne geschriebene Verfassung Europas, nach der amerikanischen die zweite der Welt. Lange hielt sie nicht: Russland marschierte ein, und nach den Teilungen verschwand Polen 1795 für mehr als hundert Jahre von der Landkarte. Und im Canaletto-Saal hängen die Warschauer Ansichten Bellottos, mehr als zwanzig Bilder, die nach dem Krieg Architekten und Restauratoren immer wieder zu Rate zogen.

    Die Stadt, die du draußen siehst, ist in gewissem Sinn aus diesen Leinwänden zurückgekehrt. Geh jetzt um die Ecke in die schmale Świętojańska-Straße, die Johannesstraße. Nach wenigen Schritten erhebt sich auf der rechten Seite eine Backsteinfassade mit spitzem Giebel.

  5. 5. Johanneskathedrale

    ul. Świętojańska 8, 00-278 Warszawa, Poland

    Geh an der Seitenwand der Kathedrale entlang, dort wo die Gasse Dziekania abzweigt, und schau hoch: An der Mauer hängt ein Stück verrostete Kette aus schweren Eisengliedern, wie ein merkwürdiges Kunstwerk. Täglich gehen Hunderte Menschen darunter hindurch, ohne hochzuschauen. Es ist kein Kunstwerk.

    Im August 1944 setzten deutsche Truppen gegen die Aufständischen in der Altstadt ferngesteuerte Sprengfahrzeuge ein, kleine Kettenfahrzeuge voller Sprengstoff. Eines davon detonierte an der Kathedrale und riss die Mauer auf. Die Kette, die du siehst, stammt von einem solchen Fahrzeug. Nach dem Aufstand sprengten die Deutschen auch den Rest, und von der Kirche blieben im Wesentlichen Trümmer.

    Dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Kathedrale, die vor dem Krieg hier stand, trug eine Fassade aus dem 19. Jahrhundert im Stil der englischen Neugotik, mit Türmchen und Zinnen. Die Architekten des Wiederaufbaus entschieden sich dagegen und gaben ihr eine Fassade in masowischer Backsteingotik, so, wie die Kirche ihrer Ansicht nach im Mittelalter ausgesehen hatte. Die Kathedrale wurde also nicht einfach rekonstruiert... sie wurde älter, als sie 1939 gewesen war. Kritiker sprechen bis heute von einem Wiederaufbau, der nicht zurückholt, sondern korrigiert. Für die Planer war das kein Widerspruch: Sie wollten nicht irgendeine Stadt zurück, sondern die, die sie für die echte hielten.

    Hier wurde 1764 Stanisław August Poniatowski gekrönt, Bellottos König, und hierher zogen die Abgeordneten am 3. Mai 1791 nach der Abstimmung im Schloss, um die Verfassung zu beschwören. In der Krypta liegen die letzten Herzöge von Masowien, der Pianist und Politiker Ignacy Jan Paderewski und Gabriel Narutowicz, der erste Präsident der Republik, der 1922 nach nur wenigen Tagen im Amt erschossen wurde. Es ist eine stille Kirche voller lauter Geschichte.

    Wenn du hineingehst, achte auf das Licht durch die hohen, schlichten Fenster, ganz anders als der Prunk der Barockkirchen ringsum. Danach geh durch eine der schmalen Gassen nach Westen, hinüber zur Straße Podwale an der alten Stadtmauer. Dort wartet ein sehr kleiner Soldat mit einem viel zu großen Helm.

  6. 6. Der Kleine Aufständische & die Stadtmauer

    ul. Podwale, 00-252 Warszawa, Poland

    Zwischen den beiden Ringen der alten Stadtmauer steht ein Junge aus Bronze. Er trägt einen Helm, der ihm viel zu groß ist und ihm fast über die Augen rutscht, und in den Händen hält er eine Maschinenpistole, die zu schwer für ihn aussieht. Er reicht dir kaum bis zur Brust.

    Das ist der Mały Powstaniec, der Kleine Aufständische, 1983 enthüllt nach einem Entwurf des Bildhauers Jerzy Jarnuszkiewicz. Er erinnert an die Kinder und Jugendlichen, die im Warschauer Aufstand 1944 mitkämpften: als Meldegänger, Sanitäterinnen, Briefträger der Pfadfinderpost, die Nachrichten durch Keller und Trümmer trugen, und manchmal auch mit der Waffe. Viele von ihnen waren zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt. Der Helm ist ein erbeuteter deutscher Stahlhelm. Die Aufständischen hatten so wenig Ausrüstung, dass jedes erbeutete Stück zählte.

    Die Mauern um dich herum erzählen ihre eigene Geschichte von Verschwinden und Wiederkehr. Im Mittelalter schützten zwei Mauerringe die Altstadt. Als die Stadt wuchs, baute man Häuser an die Mauern und in sie hinein, bis man sie kaum noch sah. In den dreißiger Jahren begann man, sie wieder freizulegen, und nach 1945 rekonstruierte man lange Abschnitte. Der schmale Streifen zwischen den beiden Ringen trägt heute den Namen von Jan Zachwatowicz, dem Architekten, der den Wiederaufbau der Altstadt prägte.

    Zachwatowicz und seine Studenten von der Technischen Hochschule hatten schon vor dem Krieg die Altstadt Haus für Haus vermessen und gezeichnet. Während der Besatzung wurden diese Unterlagen versteckt, und sie überstanden den Krieg. Ohne sie, und ohne die Bilder Bellottos, gäbe es das, was du gleich siehst, nur noch auf alten Fotos.

    Bleib noch einen Moment beim Jungen mit dem großen Helm. Oft liegen Blumen zu seinen Füßen oder steht eine Kerze dort, besonders rund um den 1. August, den Jahrestag des Aufstands. Dann geh durch eine der kurzen Gassen nach Osten, hinein in die Altstadt. Den Marktplatz hörst du, bevor du ihn siehst.

  7. 7. Altstädter Markt, Syrenka & Museum Warschau

    Rynek Starego Miasta, 00-272 Warszawa, Poland

    Du stehst mitten auf dem Altstädter Markt, umgeben von schmalen, bunten Bürgerhäusern mit Giebeln, Sonnenuhren und gemalten Ornamenten. In der Mitte hebt eine Meerjungfrau mit Schild und Schwert den Arm. Alles wirkt, als stünde es seit Jahrhunderten genau so hier.

    Im Januar 1945 stand hier fast nichts mehr. Nach dem Aufstand hatten deutsche Sprengkommandos die Altstadt planmäßig zerstört, Haus für Haus. Von den Fassaden rund um den Markt blieben Stümpfe, ausgebrannte Fensterhöhlen und Berge von Schutt. Auf Fotos aus jenen Monaten kann man den Grundriss des Platzes nur noch ahnen. Trotzdem durchsuchte man die Ruinen sorgfältig: Portale, Reliefs und Steinmetzarbeiten wurden geborgen, nummeriert und später wieder eingesetzt.

    Wiederaufgebaut wurde ab 1949, und schon 1953 war der Markt fertig. Die Architekten arbeiteten mit Vorkriegszeichnungen, Fotos, Fragmenten aus dem Schutt und, für viele Straßen der Stadt, mit den Gemälden Bellottos. An manchen Stellen folgte man lieber dem Maler als dem Zustand von 1939 und baute Fassaden so, wie er sie im 18. Jahrhundert gesehen hatte. Die bunten Fassadenmalereien entwarfen Künstler in den fünfziger Jahren, ganz bewusst als Farbe für eine graue Nachkriegsstadt. 1980 nahm die UNESCO die Altstadt in die Welterbeliste auf, als Beispiel einer fast vollständigen Rekonstruktion: eine Kopie, die selbst zum Original geworden ist.

    Die Meerjungfrau, die Syrenka, ist das Wappen Warschaus. Die Legende erzählt von einer Meerjungfrau aus der Weichsel, die Fischer aus einer Gefangenschaft befreiten und die seither die Stadt beschützt. Die Bronzefigur schuf Konstanty Hegel 1855. Was du hier siehst, ist eine Kopie, das Original steht heute im Museum Warschau, das an der Nordseite des Platzes eine ganze Reihe von Bürgerhäusern einnimmt.

    Jede Seite des Marktes trägt übrigens den Namen eines Mannes aus der Zeit der Verfassung von 1791, die Nordseite etwa den des Bürgermeisters Jan Dekert. Verlass den Platz jetzt an seiner Nordostecke, dort, wo eine steile Treppe zwischen den Häusern zur Weichsel hinabführt.

  8. 8. Kamienne Schodki: Die Treppe zur Weichsel

    ul. Kamienne Schodki, 00-272 Warszawa, Poland

    Geh langsam diese steilen Steinstufen hinunter, die zwischen hohen Hauswänden zur Straße Brzozowa abfallen. Kamienne Schodki heißt die Gasse, die Steinernen Stufen, und sie gehört zu den ältesten Straßen Warschaus. Unten wird es plötzlich still, als hätte jemand die Tür zum Marktplatz hinter dir geschlossen.

    Über diese Stufen schleppten Wasserträger jahrhundertelang Eimer von der Weichsel hinauf in die Altstadt, denn oben auf dem Hügel war Wasser lange knapp. Damals floss der Fluss viel näher am Hang als heute. Wo jetzt Straßen und Uferpromenaden liegen, legten Boote an und wurden Waren entladen. Fischer trugen ihren Fang über dieselben Stufen hinauf, um ihn auf dem Markt zu verkaufen. Die Altstadt saß wie eine Burg auf der Böschung, der Skarpa, und diese Treppe war ihr Hintertor.

    Genau diese Böschung zeigt eines der berühmtesten Bilder Bellottos: Warschau vom anderen Ufer aus gesehen, von Praga, gemalt um 1770. Über dem Fluss steigt die Silhouette auf, mit dem Schloss, den Kirchtürmen und den Häusern, die sich den Hang hinunterstaffeln. Bellotto malte nicht wie ein Romantiker, sondern beinahe wie ein Vermesser, und Kunsthistoriker vermuten, dass er dabei eine Camera obscura zu Hilfe nahm. Nach dem Krieg half genau diese Ansicht den Planern, die Stadt vom Fluss aus wieder so erscheinen zu lassen, wie sie über Jahrhunderte ausgesehen hatte.

    Nicht weit von hier, ebenfalls an der Böschung, liegt ein Aussichtspunkt mit einem wenig vornehmen Namen: Gnojna Góra, der Misthügel. Über Jahrhunderte kippten die Bewohner der Altstadt dort ihren Abfall den Hang hinunter. Man erzählt, dass die Erde von diesem Hügel später sogar als heilsam galt... Warschauer Humor hat eben eine lange Tradition.

    Wenn du unten an der Brzozowa angekommen bist, dreh dich um und schau die Treppe hinauf: So sahen Händler und Flößer die Stadt. Folge dann der Brzozowa nach Norden bis zur Mostowa-Straße und steig sie hinauf. Oben wartet eine rote Festung aus Backstein.

  9. 9. Barbakane: Das rote Tor zur Neustadt

    ul. Nowomiejska 15/17, 00-271 Warszawa, Poland

    Vor dir steht ein Halbrund aus rotem Backstein, mit Schießscharten, einem Wehrgang und einem Tor, durch das die Nowomiejska-Straße aus der Altstadt hinaus zur Neustadt führt. In der Durchfahrt spielen oft Straßenmusiker, und auf den Mauern sitzen Leute mit Eis in der Hand.

    Die Barbakane entstand Mitte des 16. Jahrhunderts, um das Neustädter Tor zu schützen, nach Plänen eines Baumeisters aus Venedig, den man in Warschau Jan Baptysta den Venezianer nannte. Militärisch war sie schnell veraltet, denn gegen die Artillerie der folgenden Jahrhunderte halfen solche Mauern wenig. Also tat Warschau, was Städte mit nutzlosen Festungen tun: Man baute Wohnhäuser hinein und darüber, bis die Barbakane fast vollständig aus dem Stadtbild verschwand.

    In den dreißiger Jahren legte man Teile wieder frei. Im August 1944 verlief hier eine Frontlinie des Aufstands, und danach lag auch die Barbakane in Trümmern. Zwischen 1952 und 1954 wurde sie wiederaufgebaut. Beim Räumen der Trümmer halfen in jenen Jahren Tausende Freiwillige, Schüler, Beamte und Arbeiter, oft nach Feierabend und an Sonntagen. Für den Wiederaufbau Warschaus wurden in jenen Jahren Millionen Ziegel aus Abbruchhäusern in den neuen polnischen Westgebieten herangeschafft, vor allem aus Breslau, das bis 1945 eine deutsche Stadt gewesen war.

    Das ist eine der stillen Pointen dieser Stadt. Teile des wiederaufgebauten Warschau bestehen buchstäblich aus Steinen deutscher Häuser, deren Bewohner nach dem Krieg ihre Heimat verloren hatten. Zerstörung, Vertreibung und Wiederaufbau... alles in einer einzigen Wand, wenn man genau hinschaut. Breslau selbst lag damals zu großen Teilen in Trümmern, nach der monatelangen Belagerung im Frühjahr 1945. Polnische und deutsche Geschichte sind hier nicht nebeneinander erzählt, sondern ineinander vermauert.

    Geh jetzt durch das Tor hinaus und weiter auf die Freta-Straße, die Hauptstraße der Neustadt. Schon nach wenigen Häusern hängt an einer schlichten Fassade eine Tafel für ein Mädchen, das hier 1867 zur Welt kam und später die Physik verändern sollte.

  10. 10. Freta-Straße & Marie Curies Geburtshaus

    ul. Freta 16, 00-227 Warszawa, Poland

    Vor dir steht ein schlichtes Bürgerhaus mit hellem Putz, und neben dem Eingang eine Tafel: Hier wurde am 7. November 1867 Maria Skłodowska geboren. Die Welt kennt sie als Marie Curie.

    Warschau gehörte damals zum Russischen Reich, und die polnische Sprache war aus vielen Schulen verdrängt. Marias Vater unterrichtete Mathematik und Physik, ihre Mutter leitete eine Pensionatsschule für Mädchen, das Lernen lag also in der Familie. Aber Frauen durften an der Warschauer Universität nicht studieren. Also lernte sie an der sogenannten Fliegenden Universität, einem geheimen Unterricht in Privatwohnungen, der ständig den Ort wechselte, damit die Polizei ihn nicht fand.

    1891 ging sie nach Paris. 1898 entdeckte sie gemeinsam mit Pierre Curie ein neues Element und nannte es Polonium, nach einem Land, das es auf der Landkarte damals gar nicht gab. Bald darauf folgte das Radium, und das Wort Radioaktivität geht auf sie zurück. 1903 erhielt sie den Nobelpreis für Physik, 1911 den für Chemie, als erster Mensch zweimal, und bis heute ist sie die einzige Person mit Nobelpreisen in zwei verschiedenen Naturwissenschaften.

    Auch dieses Haus wurde 1944 zerstört und danach wieder aufgebaut. Seit 1967, dem Jahr ihres hundertsten Geburtstags, ist hier ein Museum. Ihrer Heimatstadt blieb sie verbunden: Sie sammelte für ein Radium-Institut in Warschau, das 1932 eröffnet wurde. Die Freta-Straße selbst war einmal die Hauptachse der Neustadt, einer eigenen Stadt vor den Mauern, mit eigenem Rathaus und eigenem Markt. Der Name kommt wohl von einem alten Wort für freies Land vor den Toren, ein Ort, an dem sich Handwerker und Händler ansiedelten, die in der engen Altstadt keinen Platz fanden.

    Schau dich beim Weitergehen um: Hier sind die Häuser niedriger und die Farben ruhiger als auf dem Altstädter Markt. Folge der Freta weiter nach Norden. Nach wenigen Minuten öffnet sie sich zu einem Platz mit einem Brunnen und einer weißen Kuppel.

  11. 11. Neustädter Markt & Sakramentinerinnenkirche

    Rynek Nowego Miasta, 00-229 Warszawa, Poland

    Du stehst auf dem Neustädter Markt, einem unregelmäßigen Platz mit einem alten Brunnen in der Mitte. An seiner Ostseite schaut eine weiße Kuppel über die Dächer, und meist ist es hier deutlich ruhiger als auf dem großen Markt der Altstadt.

    Die Neustadt entstand um 1400 als eigene Stadt direkt neben der alten, mit eigenem Rathaus, eigenem Gericht und eigenen Rechten. Ihr Rathaus stand mitten auf diesem Platz und wurde erst im 19. Jahrhundert abgerissen. Die beiden Nachbarn stritten über Märkte und Zölle, wie Nachbarn eben streiten. Erst 1791, im Jahr der Verfassung, wurden Alt- und Neustadt zu einer einzigen Stadt vereint.

    Die Kirche gehört den Sakramentinerinnen, und sie ist ein Dankesgeschenk. Königin Marie Casimire, die französische Frau Jan III. Sobieskis, stiftete das Kloster nach dem Sieg ihres Mannes über das osmanische Heer vor Wien 1683, und der Niederländer Tylman van Gameren baute die Kirche. In Polen nennt man sie bis heute zärtlich Marysieńka, und Sobieskis Briefe an sie, voller Sehnsucht und Eifersucht, gehören zu den berühmtesten Liebesbriefen der polnischen Literatur. Bellotto hat genau diesen Platz gemalt, mit der Kirche, den Häusern und dem Treiben davor. Beim Wiederaufbau lag sein Bild wieder auf dem Zeichentisch.

    Im August 1944 wurde das Kloster zum Zufluchtsort. Verwundete und Menschen aus den umkämpften Straßen drängten sich in Kirche und Kellern. Deutsche Bomben brachten die Kirche zum Einsturz, und viele, die hier Schutz gesucht hatten, darunter Ordensschwestern, kamen unter den Trümmern ums Leben. Eine Gedenktafel erinnert an sie.

    Die Kuppel wurde wieder aufgesetzt, das Innere schlichter als früher, weil vieles nicht mehr zu retten war. Der Brunnen in der Mitte ist ein guter Ort, um kurz zu sitzen, bevor der letzte und schwerste Halt dieses Weges kommt. Verlass den Platz jetzt nach Südwesten, über die Świętojerska-Straße, zum Krasiński-Platz. Dort endet dieser Weg, an dem Ort, an dem die Altstadt 1944 ihre letzten Verteidiger verlor.

  12. 12. Denkmal des Warschauer Aufstands am Krasiński-Platz

    Plac Krasińskich, 00-207 Warszawa, Poland

    Vor dir brechen Bronzegestalten aus einem zerberstenden Block hervor: Kämpfer mit Waffen, die vorwärtsdrängen, und daneben eine kleinere Gruppe, die in einen Kanalschacht hinabsteigt. Das ist das Denkmal des Warschauer Aufstands, enthüllt am 1. August 1989, auf den Tag 45 Jahre nach Beginn.

    Am 1. August 1944 erhob sich die Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung. Man rechnete mit wenigen Tagen, es wurden 63. Die Rote Armee stand am rechten Weichselufer, in Praga, und überschritt den Fluss nicht. Deutsche Truppen, SS- und Polizeieinheiten schlugen den Aufstand mit äußerster Brutalität nieder; im Stadtteil Wola wurden in den ersten Augusttagen Zehntausende Zivilisten erschossen. Einer der verantwortlichen Kommandeure, Heinz Reinefarth, wurde nie verurteilt und war nach dem Krieg Bürgermeister von Westerland auf Sylt.

    Unter diesem Platz endet eine andere Geschichte. Als die Altstadt Anfang September nicht mehr zu halten war, stiegen Tausende Aufständische hier in die Kanalisation und krochen stundenlang durch enge, dunkle Kanäle ins Stadtzentrum. Der Einstieg ist bis heute mit einer Tafel markiert.

    Am 2. Oktober kapitulierten die Aufständischen. Zwischen 150.000 und 200.000 Zivilisten waren tot. Die überlebenden Einwohner wurden aus der Stadt getrieben, und dann begann, was du auf diesem ganzen Weg gesehen hast: Auf Befehl der NS-Führung brannten und sprengten deutsche Kommandos Warschau planmäßig nieder, Straße um Straße, bis die Rote Armee am 17. Januar 1945 in die Ruinen einrückte.

    Und doch stehst du in einer Stadt. Hinter dem Denkmal liegt das Krasiński-Palais, heute Teil der Nationalbibliothek, und auch dieses Palais hat Bellotto gemalt. Gegenüber steht der Oberste Gerichtshof, auf dessen grünen Säulen lateinische Rechtsgrundsätze eingraviert sind, ein Neubau aus den neunziger Jahren mitten im alten Herzen der Stadt. Du bist von einem gesprengten Palast über ein Theater, ein Schloss und eine Kathedrale bis hierher gegangen, durch eine Stadt, die man aus Gemälden, Plänen und Erinnerung zurückgeholt hat. Warschau hat seinen Hofmaler beim Wort genommen... und lebt heute in seinen Bildern weiter.