Wien klingt: Auf den Spuren von Mozart, Beethoven, Strauss und Schubert
Vom Figaro-Haus hinter dem Stephansdom über den Eroica-Saal und den Goldenen Saal bis zur Zauberflöte und Schuberts letztem Zimmer: Wiens Musikgeschichte, Gasse für Gasse
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1. Mozarthaus: Die Figaro-Wohnung in der Domgasse
Domgasse 5, 1010 Wien, Austria
Du stehst in einer schmalen, leicht gekrümmten Gasse, keine zwei Minuten hinter dem Stephansdom, vor einem schlichten, hohen Bürgerhaus. Kein Prunk, kein Gold, nur ein Tor und eine Tafel. Und doch hat hier, ein paar Stockwerke über dem Pflaster, der berühmteste Mieter Wiens die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht.
Wolfgang Amadeus Mozart zog im Herbst 1784 mit seiner Frau Constanze ein und blieb bis zum Frühjahr 1787. Für seine Verhältnisse war das eine Ewigkeit, denn in seinen zehn Wiener Jahren ist er rund ein Dutzend Mal umgezogen. Die Wohnung war groß, mit mehreren Zimmern und Stuckdecken, und sie war teuer. Mozart verdiente in diesen Jahren glänzend, mit Konzerten, Klavierschülern und Verlegern... und er gab es ebenso glänzend wieder aus.
Was in diesen Räumen entstanden ist, liest sich wie ein Kapitel Musikgeschichte: mehrere seiner großen Klavierkonzerte, Streichquartette und vor allem Le nozze di Figaro, die Hochzeit des Figaro, uraufgeführt am 1. Mai 1786 im alten Burgtheater am Michaelerplatz. Eine Oper über einen Kammerdiener, der seinen Grafen austrickst... im Wien Josephs des Zweiten war das ziemlich frech, und das Publikum liebte es.
Im Februar 1785 kam Vater Leopold aus Salzburg zu Besuch und wohnte gleich mit hier. An einem Abend spielte man Quartette, und unter den Gästen saß Joseph Haydn. Danach nahm Haydn den Vater beiseite und sagte ihm, vor Gott und als ehrlicher Mann: Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich kenne. Leopold hat den Satz in einem Brief an seine Tochter Nannerl festgehalten. Stell dir vor, was das für einen Vater bedeutet hat, der seinem Sohn jahrelang Leichtsinn vorgeworfen hatte.
Heute ist das Haus ein Museum, eröffnet 2006 zum 250. Geburtstag Mozarts, und es ist die einzige seiner Wiener Wohnungen, die noch steht. Alle anderen sind abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Vergiss beim Weitergehen nicht: Keine fünf Jahre nach dem Auszug war Mozart tot, mit 35. Geh jetzt durch die kurze Blutgasse hinunter zur Singerstraße, zu einem Haus, in dem seine Wiener Geschichte mit einem Fußtritt begonnen hat.
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2. Deutschordenshaus: Der Fußtritt, der Mozart frei machte
Singerstraße 7, 1010 Wien, Austria
Geh durch das Tor in der Singerstraße und bleib im stillen Innenhof stehen: alte Mauern, hohe Fenster, eine kleine gotische Kirche, die sich fast versteckt. Mitten in der Innenstadt wird es hier auf einmal so leise, dass du die Tauben gurren hörst. Das ist das Haus des Deutschen Ordens, seit dem 13. Jahrhundert in Wien, und die Kirche ist der heiligen Elisabeth geweiht.
Im März 1781 kam ein fünfundzwanzigjähriger Musiker hier an, nicht als Star, sondern als Angestellter. Mozart stand im Dienst des Salzburger Fürsterzbischofs Hieronymus Colloredo, der mit seinem Hofstaat in diesem Haus Quartier bezogen hatte. Bei Tisch saß Mozart, wie er seinem Vater empört schrieb, unter den Kammerdienern, immerhin noch über den Köchen. Und das in einer Stadt, in der ihn der Adel in den Salons umschwärmte.
Der Streit eskalierte schnell. Colloredo untersagte ihm Auftritte, Mozart wollte kündigen, sein Gesuch wurde nicht angenommen. Am 8. Juni 1781 beförderte ihn Graf Arco, der Oberküchenmeister des Erzbischofs, buchstäblich zur Tür hinaus, mit einem Fußtritt. Mozart schrieb nach Hause, sinngemäß: Das Herz adelt den Menschen, und wenn er schon kein Graf sei, habe er vielleicht mehr Ehre im Leib als mancher Graf.
Und genau dieser Tritt war vielleicht das Beste, was ihm passieren konnte. Mozart blieb in Wien, als freier Künstler, ohne Dienstherrn und ohne festes Gehalt. Das war damals ein Wagnis, fast eine Unverschämtheit. Im Juli 1782 machte ihn die Entführung aus dem Serail in der ganzen Stadt berühmt, und wenige Wochen später heiratete er Constanze Weber im Stephansdom, gegen den Willen seines Vaters.
Das Haus hütet übrigens bis heute die Schatzkammer des Ordens, mit Pokalen, Münzen, Waffen und einer sogenannten Natternzungen-Kredenz, an der versteinerte Haifischzähne hängen, die angeblich Gift im Wein anzeigen sollten. Ob das je funktioniert hat? Lieber nicht ausprobieren. Geh jetzt die Singerstraße hinauf, über die Kärntner Straße und den Neuen Markt bis zum Lobkowitzplatz. Dort wartet der Fürst, der Beethoven bezahlt hat.
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3. Palais Lobkowitz: Wo die Eroica zum ersten Mal erklang
Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien, Austria
Vor dir steht ein frühbarockes Palais mit kräftigem Portal, ein bisschen streng, ein bisschen stolz, an einem kleinen Platz, den die meisten auf dem Weg zur Albertina links liegen lassen. Gebaut wurde es in den 1680er Jahren, als eines der ersten großen Adelspalais nach der Türkenbelagerung von 1683. Seit 1991 ist hier das Theatermuseum zu Hause.
Um 1800 gehörte das Haus Fürst Franz Joseph Maximilian Lobkowitz, und der war, man kann es nicht anders sagen, musikverrückt. Er spielte selbst Geige und Cello, sang, unterhielt ein eigenes Orchester und gab Geld für Musik aus, als gäbe es kein Morgen. Am Ende hat ihn das tatsächlich fast ruiniert. Aber ohne ihn sähe die Musikgeschichte anders aus.
Im Jahr 1804 probte das Orchester des Fürsten im großen Festsaal eine neue Symphonie von Ludwig van Beethoven, seine dritte. Sie war länger, lauter und wilder als alles, was man bis dahin kannte, fast doppelt so lang wie eine Symphonie von Haydn. In diesem Saal, der heute Eroica-Saal heißt, wurde sie zum ersten Mal gespielt, vor geladenen Gästen. Die öffentliche Uraufführung folgte erst im April 1805, im Theater an der Wien... zu dem wir später auf diesem Weg noch kommen.
Ursprünglich hatte Beethoven die Symphonie Napoleon zugedacht, dem Helden der Revolution. Als er hörte, dass Bonaparte sich zum Kaiser ausrufen ließ, soll er wütend das Titelblatt zerrissen haben, so erzählt es sein Schüler Ferdinand Ries. Erhalten ist eine Abschrift, auf der der Name so heftig ausradiert wurde, dass das Papier Löcher hat. Gewidmet wurde das Werk schließlich dem Hausherrn, Fürst Lobkowitz.
Und Lobkowitz tat noch mehr. 1809, als Beethoven ein Angebot als Kapellmeister nach Kassel bekam, sicherten er, Erzherzog Rudolph und Fürst Kinsky ihm eine lebenslange Rente von viertausend Gulden jährlich zu, unter einer einzigen Bedingung: Er musste in Wien bleiben. Er blieb, bis zu seinem Tod. Geh jetzt zurück zur Kärntner Straße und durch die Annagasse bis zur Seilerstätte, wo ein ganzes Haus nur aus Klang besteht.
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4. Haus der Musik: Die Geburtsstube der Wiener Philharmoniker
Seilerstätte 30, 1010 Wien, Austria
Schau dir die Fassade an der Seilerstätte an: ein elegantes klassizistisches Palais, das man leicht für ein Ministerium halten könnte. Doch drinnen ist alles anders. Das Haus der Musik, eröffnet im Jahr 2000, ist ein Museum, in dem man Musik nicht nur anschaut, sondern hört, ertastet und manchmal selbst macht.
Im 19. Jahrhundert wohnte in diesem Haus ein Mann aus Königsberg, Otto Nicolai, Kapellmeister an der Hofoper am Kärntnertor. Ihn ärgerte, dass Wien großartige Musiker hatte, aber kein ordentliches Orchester, das regelmäßig Symphonien spielte. Also überredete er die Musiker der Oper, Konzerte auf eigene Rechnung und in eigener Verantwortung zu geben. Am 28. März 1842 spielten sie zum ersten Mal, im Großen Redoutensaal der Hofburg. Das gilt als Geburtsstunde der Wiener Philharmoniker. Nicolai selbst blieb nicht mehr lange: Er ging nach Berlin, wo im März 1849 seine Oper Die lustigen Weiber von Windsor uraufgeführt wurde, nur wenige Wochen vor seinem Tod.
Das Prinzip ist bis heute erstaunlich: Die Philharmoniker haben keinen Chefdirigenten. Sie verwalten sich selbst, wählen ihren Vorstand und laden ihre Dirigenten ein. Und wer mitspielen will, muss zuerst eine feste Stelle im Orchester der Wiener Staatsoper erspielen. Die Philharmoniker sind gewissermaßen der Verein, den diese Musikerinnen und Musiker neben ihrem Operndienst betreiben... vielleicht das berühmteste Freizeitorchester der Welt.
Zur Wahrheit gehört auch die dunkle Seite. Nach dem März 1938 wurden die jüdischen Mitglieder aus dem Orchester gedrängt, mehrere wurden ermordet, andere mussten fliehen. Das Orchester hat diese Geschichte erst spät offen aufarbeiten lassen. Und Frauen? Die erste Musikerin wurde 1997 aufgenommen, eine Harfenistin. Bis dahin wurde das reine Männerorchester gern als Teil der Wiener Klangtradition verteidigt.
Drinnen kannst du übrigens vor einem virtuellen Orchester selbst den Taktstock schwingen. Dirigierst du zu schlampig, hören die Musiker irgendwann auf zu spielen, und einer steht auf und beschwert sich. Ehrlicher kann Musikkritik nicht sein. Geh jetzt hinüber in die Johannesgasse und folge ihr über den Ring. Dort beginnt der Stadtpark, und dort glänzt jemand in Gold.
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5. Stadtpark: Der goldene Johann Strauss und der Kursalon
Stadtpark, Parkring, 1010 Wien, Austria
Da ist er, und du kannst ihn nicht übersehen: ein Mann ganz in Gold, die Geige unters Kinn geklemmt, den Bogen erhoben, mitten im Spiel erstarrt. Hinter ihm wölbt sich ein weißer Marmorbogen voller schwebender, tanzender Figuren. Und ein paar Schritte entfernt, am Rand der Wiese, steht ein heller Bau im Stil der italienischen Renaissance, mit Terrassen und Balustraden: der Kursalon.
Als der Stadtpark 1862 eröffnet wurde, auf dem Gelände vor der alten Stadtmauer, wollte man hier eine Kuranlage. Der Kursalon, 1867 eröffnet, war als Trinkhalle gedacht: Die Wienerinnen und Wiener sollten hereinspazieren und Heilwasser trinken, für die Verdauung und die Nerven. Das Konzept hatte nur einen Haken... die Leute wollten lieber Musik als Mineralwasser.
Und Musik bekamen sie. Am 15. Oktober 1868 dirigierte im Kursalon Johann Strauss Sohn, und bald gehörten die Promenadenkonzerte hier zum Wiener Sommer. Die Familie Strauss war ein regelrechtes Unternehmen: Johann und seine Brüder Josef und Eduard, Orchester, Ballsäle, Notenverlage. Dabei hatte der Vater, selbst ein gefeierter Walzerkomponist, seinem Sohn die Musikerlaufbahn verboten. Der Sohn hat ihn am Ende übertroffen.
Sein berühmtestes Stück begann übrigens holprig. An der schönen blauen Donau wurde im Februar 1867 als Chorwalzer für den Wiener Männergesang-Verein uraufgeführt, mit einem eher ulkigen Text, und der Beifall war freundlich, aber kein Triumph. Erst als Orchesterwalzer, im selben Jahr bei der Weltausstellung in Paris, wurde er zum Welterfolg. Heute gilt er als heimliche Hymne Österreichs. Das goldene Denkmal von Edmund Hellmer wurde erst 1921 enthüllt, mehr als zwanzig Jahre nach Strauss' Tod.
Schau dich im Park ruhig um, denn Strauss ist hier nicht allein: Franz Schubert sitzt in weißem Marmor, Anton Bruckner hat eine Büste, Franz Lehár ein Denkmal. Der Stadtpark ist so etwas wie eine Ehrenhalle der Wiener Musik, nur mit Enten und Vogelgezwitscher. Und durch den Park fließt, gut gezähmt in einem steinernen Bett, der Wienfluss. Folge ihm nach Süden und verlass den Park Richtung Lothringerstraße, zum jüngeren der beiden großen Konzerthäuser.
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6. Wiener Konzerthaus: Der Rivale von 1913
Lothringerstraße 20, 1030 Wien, Austria
Vor dir liegt ein mächtiger, heller Bau mit hohen Fenstern und zurückhaltendem Dekor aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, Wand an Wand mit einem Eislaufplatz, auf dem im Winter Hunderte ihre Runden drehen. Klassik und Kufen nebeneinander... das gibt es so wohl nur in Wien. Das Wiener Konzerthaus wurde am 19. Oktober 1913 eröffnet, in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph. Der Kaiser war damals 83 Jahre alt und regierte seit 1848, das Haus aber schaute schon ganz in die Zukunft.
Die Idee dahinter war fast ein Gegenprogramm zum Musikverein ein paar hundert Meter weiter. Dort spielte man für die feine Gesellschaft und die Kenner. Das Konzerthaus sollte offener sein, ein Haus für Musik, Gesang und Volksbildung, für ein breiteres bürgerliches Publikum. Gebaut haben es Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, das Theater-Duo, das Dutzende Bühnen zwischen Hamburg und Odessa errichtet hat, gemeinsam mit Ludwig Baumann.
Das Geniale ist die Aufteilung. Unter einem Dach liegen mehrere Säle, der Große Saal, der Mozart-Saal und der Schubert-Saal, die gleichzeitig bespielt werden können, ohne dass einer den anderen hört. Ein großes Orchester, ein Streichquartett und ein Liederabend, alles am selben Abend, im selben Haus. 1913 war das eine kleine technische Sensation, und es funktioniert bis heute.
Zur Eröffnung erklang ein eigens komponiertes Festliches Präludium von Richard Strauss, der mit der Walzerfamilie übrigens nicht verwandt war. Und das Haus wurde bald zum Ort für das Neue: moderne Musik, Jazz, später die Avantgarde. Die Wiener Symphoniker, das zweite große Orchester der Stadt, sind hier zu Hause, und im selben Gebäudekomplex spielt das Akademietheater, die zweite Bühne des Burgtheaters.
Über Musikverein und Konzerthaus wird in Wien gern gestritten, und manche Abonnenten schwören ein Leben lang nur auf das eine Haus. Bilde dir gleich selbst ein Urteil. Geh die Lothringerstraße entlang Richtung Karlsplatz, über den Schwarzenbergplatz hinweg, und halte dich vor dem Karlsplatz rechts. Da steht das Haus mit dem vielleicht berühmtesten Konzertsaal der Welt.
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7. Musikverein: Der Goldene Saal und das Neujahrskonzert
Musikvereinsplatz 1, 1010 Wien, Austria
Schau dir diese Fassade an, in warmem Rot und Ocker, mit Säulen, Giebeln und Figuren, als hätte jemand einen griechischen Tempel nach Wien bestellt und ihm Farbe gegeben. Genau das war die Idee. Theophil Hansen, ein Däne, der lange in Athen gearbeitet hatte, baute das Haus für die Gesellschaft der Musikfreunde, eröffnet am 6. Jänner 1870.
Drinnen wartet der Große Saal, den alle nur den Goldenen nennen. Er ist erstaunlich einfach gebaut: eine lange, hohe Schuhschachtel, eine flache Kassettendecke, goldene Frauenfiguren, die die Galerie tragen. Und doch zählt er zu den akustisch besten Sälen der Welt. Raumakustik als Wissenschaft gab es damals kaum, und so sagt man gern, Hansen habe mehr Glück als Berechnung gehabt. Holz, Hohlräume, eine Decke, die mitschwingt... der ganze Saal klingt wie ein Instrument.
Von hier geht jedes Jahr am 1. Jänner das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker in die Welt, im Fernsehen übertragen in rund neunzig Länder. Seine Geschichte beginnt allerdings unbequem: Das erste Konzert dieser Art fand am 31. Dezember 1939 statt, im ersten Kriegswinter, unter nationalsozialistischer Herrschaft. Erst die Nachkriegszeit hat daraus das weltoffene Ritual gemacht, das man heute kennt, mit Walzern, Polkas und dem Radetzky-Marsch zum Mitklatschen.
Die Gesellschaft der Musikfreunde, 1812 gegründet, ist nicht nur Hausherrin, sie ist auch ein Gedächtnis. In ihrem Archiv liegt jene Abschrift der Eroica, auf der der Name Bonaparte so heftig wegradiert wurde, dass Löcher im Papier blieben. Johannes Brahms leitete in den 1870er Jahren ihre Konzerte und vermachte ihr seine Bibliothek. Und Gustav Mahler dirigierte hier die Philharmoniker, in jenen Jahren, als Wien ihn feierte und zugleich zermürbte.
Wenn du je die Gelegenheit hast, einen Abend im Goldenen Saal zu erleben, nimm sie, egal ob ganz vorne oder ganz hinten. Jetzt geh am Haus vorbei hinunter zum Karlsplatz und in den Resselpark vor der Technischen Universität. Dort sitzt ein bärtiger Herr aus Marmor, der ein Vierteljahrhundert nur ein paar Schritte von diesem Saal entfernt gewohnt hat.
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8. Brahms-Denkmal: Ein Hamburger wird Wiener
Resselpark, Karlsplatz, 1040 Wien, Austria
Zwischen Bäumen, Bänken und dem Rauschen des Verkehrs am Karlsplatz sitzt ein Mann aus weißem Marmor, mit wallendem Bart, die Hände ruhig, den Blick nach innen gerichtet. Zu seinen Füßen lehnt eine Muse mit einem Saiteninstrument, als müsste sie ihn erst noch inspirieren. Das ist Johannes Brahms, und das Denkmal von Rudolf Weyr wurde 1908 enthüllt.
Brahms war eigentlich Hamburger, ein Norddeutscher mit trockenem Humor und wenig Geduld für Schmeichler. Er kam 1862 zum ersten Mal nach Wien, eigentlich nur für einen längeren Besuch. Er blieb, und von 1872 bis zu seinem Tod im Jahr 1897 wohnte er in der Karlsgasse, ganz in der Nähe, in einer bescheidenen Junggesellenwohnung. Das Haus wurde 1907 abgerissen, und so ist dieses Denkmal seine Visitenkarte im alten Viertel geblieben.
Über seine Schroffheit erzählt man sich in Wien bis heute Anekdoten. Die bekannteste geht so: Als er einmal eine Abendgesellschaft verließ, soll er gesagt haben, falls er jemanden hier noch nicht beleidigt habe, bitte er um Entschuldigung. Ob das stimmt? Wahrscheinlich nicht. Aber die Geschichte passt so gut zu ihm, dass man sie seit weit über hundert Jahren weitererzählt.
Hinter der Kauzigkeit steckte ein Perfektionist, der viele Entwürfe vernichtete, bevor sie jemand zu Gesicht bekam. Mit seiner ersten Symphonie rang er rund zwanzig Jahre, weil der Schatten Beethovens so riesig war. Als sie 1876 endlich uraufgeführt wurde, nannte der Dirigent Hans von Bülow sie Beethovens Zehnte, als Kompliment gemeint, und doch zeigt der Spitzname, wie schwer dieser Schatten wog. Brahms liegt heute am Zentralfriedhof, unter den Ehrengräbern, nicht weit von Beethoven und Schubert.
Wirf beim Weitergehen noch einen Blick hinüber zur Karlskirche mit ihren zwei mächtigen Säulen. Dann geh nach Westen, am Karlsplatz entlang Richtung Secession, und weiter zur Linken Wienzeile. Unser nächstes Ziel ist ein Theater, in dem Beethoven nicht nur gespielt, sondern sogar gewohnt hat.
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9. Theater an der Wien: Fidelio und eine Nacht im Eiskeller
Linke Wienzeile 6, 1060 Wien, Austria
Geh um das Theater herum in die Millöckergasse und such das alte Tor in der Seitenfassade. Über dem Portal steht ein Mann im Federkostüm, umgeben von drei Knaben: Papageno, der Vogelfänger aus der Zauberflöte. Dieses sogenannte Papagenotor ist das letzte Stück, das vom ursprünglichen Theater des Jahres 1801 erhalten ist.
Und der Mann im Federkleid ist der Bauherr selbst. Emanuel Schikaneder, Schauspieler, Sänger, Theaterdirektor und Librettist der Zauberflöte, hatte 1791 den Papageno gesungen. Mit dem Schwung dieses Erfolgs eröffnete er 1801 eines der größten und prächtigsten Theater Wiens. Und er holte einen jungen Komponisten ins Haus: Ludwig van Beethoven, der hier 1803 und 1804 sogar wohnte und an einer Oper arbeitete. Im April 1805 erlebte hier auch die Eroica ihre öffentliche Uraufführung.
Die Oper hieß in Beethovens Kopf Leonore, das Theater setzte den Titel Fidelio durch, und ihre Uraufführung am 20. November 1805 war ein Desaster mit Ansage. Eine Woche zuvor hatten Napoleons Truppen Wien besetzt, der Adel war aus der Stadt geflohen, und im Saal saßen viele französische Offiziere. Nach drei Vorstellungen war Schluss. Beethoven arbeitete das Werk um, kürzte, schrieb neue Ouvertüren... erst 1814 wurde es zum Erfolg.
Und dann der 22. Dezember 1808, ein Konzertabend, wie ihn heute niemand mehr wagen würde. Über vier Stunden lang, in einem eiskalten Saal, präsentierte Beethoven nur Neues: die Fünfte und die Sechste Symphonie, das vierte Klavierkonzert, Teile einer Messe und als Finale die Chorfantasie, die prompt auseinanderfiel und neu begonnen werden musste. Das Publikum fror, das Orchester war kaum geprobt... und doch erklangen an diesem Abend zwei der berühmtesten Symphonien der Welt zum ersten Mal.
Später wurde das Haus zur Heimat der Operette: Die Fledermaus von Johann Strauss hatte hier 1874 Premiere, Die lustige Witwe von Franz Lehár 1905. Heute ist es wieder ein Opernhaus. Jetzt überquer die Wienzeile und den Naschmarkt und geh hinüber auf die Wiedner Seite, in die Schleifmühlgasse. Dort, wo heute nichts mehr daran erinnert, stand Schikaneders erstes Theater.
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10. Freihaus auf der Wieden: Wo die Zauberflöte zur Welt kam
Mühlgasse / Operngasse, 1040 Wien, Austria
Schau dich um: Wohnhäuser, kleine Galerien und Lokale in der Schleifmühlgasse, dahinter der lange, moderne Riegel der Technischen Universität, der den Namen Freihaus trägt. Nichts hier sieht nach Opernbühne aus. Und doch erklang in diesem Geviert am 30. September 1791 zum ersten Mal die Zauberflöte.
Das alte Freihaus war eine Welt für sich, eine riesige Wohnanlage der Fürsten Starhemberg mit vielen Höfen, Werkstätten, einer Kapelle und Hunderten Bewohnern. Den Namen hatte es, weil es von bestimmten städtischen Abgaben befreit war. In einem der Höfe stand ein Vorstadttheater, das Theater auf der Wieden, das Emanuel Schikaneder ab 1789 leitete. Hier ging es nicht um höfische Etikette, hier wollte ein buntes Publikum Zauber, Maschinen, Witz und Musik. Verwandlungen, Flugwerke und Donnerbleche gehörten zum Handwerk, und das Vorstadtpublikum lachte, staunte und sang die Melodien auf dem Heimweg nach.
Genau dafür schrieb Mozart die Zauberflöte, auf ein Libretto von Schikaneder, der selbst den Papageno spielte. Bei der Premiere dirigierte Mozart vom Klavier aus. Der Überlieferung nach komponierte er Teile der Oper in einem kleinen Gartenhäuschen im Freihaus. Dieses Zauberflötenhäuschen wurde im 19. Jahrhundert nach Salzburg gebracht und steht dort bis heute.
Den Triumph erlebte Mozart nur noch wenige Wochen. Im Oktober 1791 schrieb er seiner Frau begeistert von vollen Vorstellungen, und was ihn am meisten freue, sei der stille Beifall, die Ergriffenheit des Publikums. Am 5. Dezember 1791 starb er, mit 35 Jahren, während die Zauberflöte weiter vor ausverkauftem Haus lief. Schikaneder verdiente prächtig daran und baute sich davon ein paar Jahre später sein neues Theater an der Wien.
Das Freihaus selbst verfiel, wurde im 20. Jahrhundert in Etappen abgerissen, und Bomben im Zweiten Weltkrieg taten den Rest. So ist von dem Ort, an dem eine der meistgespielten Opern der Welt geboren wurde, buchstäblich nichts geblieben außer dem Namen. Geh jetzt nach Südwesten, durch die Gassen der Wieden zur Kettenbrückengasse. Dort endet unser Weg, in einem kleinen Zimmer.
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11. Schuberts Sterbewohnung: Das letzte Zimmer in der Kettenbrückengasse
Kettenbrückengasse 6, 1040 Wien, Austria
Du stehst vor einem unscheinbaren Biedermeierhaus in einer Seitengasse nahe dem Naschmarkt, und nichts daran schreit nach Weltgeschichte. Samstags drängen sich ein paar Schritte weiter die Leute am Flohmarkt, zwischen Kisten mit Schallplatten, alten Gläsern und Lampen. Und in einer Wohnung dieses Hauses ist einer der größten Komponisten Wiens gestorben, mit nur 31 Jahren.
Franz Schubert zog im September 1828 zu seinem Bruder Ferdinand in dieses damals ganz neue Haus. Er hoffte, hier am Rand der Stadt gesünder zu leben als in der engen Innenstadt. Doch er war schon länger krank, seit Jahren an Syphilis, und im November kam ein schweres Fieber dazu, das die Ärzte damals Nervenfieber nannten, wahrscheinlich ein Typhus. Am 19. November 1828 starb er hier.
Was er in seinem letzten Jahr geschaffen hat, ist kaum zu fassen: die drei letzten Klaviersonaten, das Streichquintett in C-Dur, Lieder, die nach seinem Tod als Schwanengesang erschienen. Auf dem Krankenbett korrigierte er noch die Druckfahnen der Winterreise. Und Anfang November nahm er Unterricht in Kontrapunkt, als hätte er noch alle Zeit der Welt. Vieles davon hat er selbst nie in einem Konzertsaal gehört.
Und hier schließt sich ein Kreis. Im März 1827 war Schubert einer der Fackelträger beim Begräbnis Beethovens gewesen, den er tief verehrte. Sein letzter Wunsch, so verstand es sein Bruder, war es, in Beethovens Nähe zu liegen. Man begrub ihn auf dem Währinger Friedhof, nur wenige Gräber von ihm entfernt. Heute ruhen beide am Zentralfriedhof, wieder Seite an Seite.
Denk an den Weg, den du gegangen bist: Mozarts Figaro-Wohnung, der Fußtritt in der Singerstraße, die Eroica im Festsaal eines Fürsten, Nicolais Orchester, Strauss in Gold, der Goldene Saal, Brahms in Marmor, Fidelio, die Zauberflöte... und am Ende ein schmales Zimmer, in dem ein Einunddreißigjähriger stirbt. Wien hat seine Musiker zu Lebzeiten selten verwöhnt. Aber vergessen hat es sie nie. Wenn du magst, hör dir heute Abend den langsamen Satz des Streichquintetts an. Einen schöneren Schluss für diesen Spaziergang gibt es nicht.