Kaiserliches Wien: Hofburg, Heldenplatz und die Kapuzinergruft
Von den Babenbergern an der Freyung bis zu den Särgen der Habsburger: Schatzkammer, Sisi, Prunksaal, Heldenplatz 1938, die Anklopfzeremonie und die Coburger, die halb Europa verheirateten
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1. Schottenkirche: Wo die Babenberger Wien zur Hauptstadt machten
Freyung 6, 1010 Wien, Austria
Stell dich auf die Freyung, neben den Brunnen mit der Austria obendrauf, und schau zur Kirche am oberen Ende des Platzes. Das ist die Schottenkirche. Bevor wir heute von Kaisern, Kronen und Särgen reden, fangen wir hier an, bei einer Familie, die in Wien kaum jemand mehr kennt. Ohne sie gäbe es die Hofburg, die Gruft und den ganzen Glanz, den du gleich sehen wirst, wahrscheinlich nicht.
Die Familie heißt Babenberger. Um 1155 verlegt Herzog Heinrich der Zweite seine Residenz nach Wien, damals ein Städtchen am Rand des Reiches. Seinen Spitznamen Jasomirgott soll er von seinem Lieblingsschwur haben: Ja, so mir Gott helfe. Und er holt Mönche aus Regensburg, Benediktiner aus Irland. Im Mittelalter nannte man Irland Scotia, deshalb heißen sie in Wien bis heute die Schotten, obwohl kein einziger Schotte dabei war.
Ein Jahr später, 1156, bekommt Heinrich vom Kaiser ein Dokument, das Privilegium minus. Österreich wird damit ein eigenes Herzogtum, und Wien seine Hauptstadt. Das ist, wenn du so willst, die Geburtsurkunde des Landes. Heinrich stirbt 1177 und wird genau hier begraben, in der Gruft unter deinen Füßen. Und der Platz? Freyung kommt von Freiung: Wer auf den Boden des Klosters flüchtete, war vor der weltlichen Justiz sicher, jedenfalls eine Zeit lang.
Die Babenberger halten nicht lange durch. 1246 fällt der letzte von ihnen, Friedrich der Streitbare, in einer Schlacht an der Leitha, ohne Sohn. Der Böhmenkönig Ottokar greift nach Österreich, und dann kommt ein bis dahin eher kleiner Graf aus dem Südwesten, Rudolf von Habsburg. 1278 besiegt er Ottokar auf dem Marchfeld. Damit beginnen sechshundertvierzig Jahre Habsburg, bis 1918.
Die irischen Mönche sind übrigens 1418 abgezogen und wurden durch deutschsprachige Benediktiner ersetzt. Das Kloster gibt es trotzdem bis heute, mit Gymnasium, Bibliothek und Museum, mitten in der Stadt. Jetzt geh ein Stück die Herrengasse hinunter und bieg rechts in die Landhausgasse ein. Sie führt dich zu einer Kirche, deren Turm aussieht, als hätte ihn jemand gekappt.
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2. Minoritenkirche: Leonardos Abendmahl aus Glassteinchen
Minoritenplatz 2a, 1010 Wien, Austria
Vor dir steht eine Kirche, die irgendwie nicht fertig aussieht: ein mächtiger gotischer Bau aus grauem Stein, und der Turm hört oben einfach auf, als hätte jemand die Spitze abgebissen. Rundherum lauter Ministerien und Palais, sehr ordentlich, sehr amtlich. Und mittendrin dieser alte Steinriese, der sich um all das nicht kümmert.
Die Minoriten sind Franziskaner, Bettelmönche. Herzog Leopold der Sechste holt sie 1224 nach Wien. Der Überlieferung nach legt später der Böhmenkönig Ottokar, der Gegenspieler der Habsburger, den Grundstein für die gotische Kirche. Den Turmhelm verliert sie bei den Türkenbelagerungen, und statt einer neuen Spitze bekommt sie ein flaches Dach. So steht sie seitdem da, wie mit einer Mütze.
Wenn die Tür offen ist, geh hinein und schau nach links an die Wand. Dort hängt das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci, in Originalgröße, aber nicht gemalt, sondern aus unzähligen winzigen Glassteinchen gelegt. Napoleon hatte die Kopie in Auftrag gegeben, weil das Original in Mailand schon damals zerbröselte. Der Mosaizist Giacomo Raffaelli arbeitet jahrelang daran. Als er fertig ist, ist Napoleon gestürzt, und Kaiser Franz kauft das tonnenschwere Werk. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts landet es schließlich hier.
Eine Kopie, die Napoleon wollte und ein Habsburger bezahlte, in einer Kirche, die ein Rivale der Habsburger mitgegründet hat. Wien ist voll von solchen Pointen. Und noch eine: 1784 schenkt Kaiser Joseph der Zweite die Kirche der italienischen Gemeinde. Bis heute ist sie die italienische Nationalkirche Maria Schnee, und sonntags hörst du hier italienische Messen.
Das passt, denn der Kaiserhof sprach lange fast so viel Italienisch wie Deutsch. Opern, Baumeister, Hofmusiker, Stuckateure kamen in Scharen über die Alpen. Gleich neben der Kirche liegt übrigens das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, das Gedächtnis der Dynastie, voller Verträge und Hochzeitsurkunden. Geh jetzt um die Kirche herum, ein paar Schritte nach Süden. Dort öffnet sich ein kleiner Platz vor einem hellen Barockpalais.
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3. Ballhausplatz: Wiener Kongress und Kanzleramt
Ballhausplatz 2, 1010 Wien, Austria
Du stehst jetzt auf einem kleinen, eher unscheinbaren Platz vor einem hellen Barockpalais mit der rot-weiß-roten Fahne. Polizei, Kameras, manchmal Demonstranten mit Transparenten: Das ist das Bundeskanzleramt. Seit gut dreihundert Jahren wird in diesem Haus Politik gemacht, und eine Zeit lang war es Weltpolitik.
Der Name ist ein Überbleibsel. Hier stand einst das Ballhaus des Hofes, eine Halle, in der Adelige eine frühe Form des Tennis spielten. Das Palais selbst baut Johann Lukas von Hildebrandt ab 1717 als Geheime Hofkanzlei, später heißt es Staatskanzlei. Und sein berühmtester Hausherr ist ein Mann mit tadellosen Manieren und eiskaltem Kalkül: Fürst Metternich.
Im Herbst 1814 kommt ganz Europa nach Wien. Kaiser, Könige, Fürsten, Diplomaten, Spione, Mätressen. Napoleon ist geschlagen, und auf dem Wiener Kongress soll der Kontinent neu verteilt werden. Tagsüber wird hier am Ballhausplatz verhandelt, nachts in der Hofburg getanzt. Der alte Fürst de Ligne soll gespottet haben: Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts. Doch dann kehrt Napoleon von Elba zurück, und plötzlich geht alles schnell. Die Schlussakte wird im Juni 1815 unterzeichnet, neun Tage vor Waterloo.
Dieses Haus hat aber auch die dunkelsten Stunden des Landes gesehen. Am 25. Juli 1934 stürmen nationalsozialistische Putschisten das Gebäude, und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wird angeschossen und stirbt in seinem Amtssitz. Und am Abend des 11. März 1938 spricht Kanzler Kurt Schuschnigg von hier aus im Radio seine letzten Worte als Regierungschef: Gott schütze Österreich. Am nächsten Morgen rollt die deutsche Wehrmacht über die Grenze.
Gegenüber, im Leopoldinischen Trakt der Hofburg, residiert heute der Bundespräsident, in Räumen, in denen einst Maria Theresia wohnte. Kanzler und Präsident schauen sich also über einen Platz hinweg an, auf dem früher Bälle geschlagen wurden. Die Wiener sagen übrigens oft einfach Ballhausplatz, wenn sie die Regierung meinen, so wie man in London Downing Street sagt. Geh jetzt durch das Gittertor in den Volksgarten, gleich neben dem Kanzleramt, und folge den Wegen zu einer weißen Frau aus Marmor.
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4. Volksgarten: Theseustempel und Kaiserin Elisabeth
Volksgarten, Dr.-Karl-Renner-Ring, 1010 Wien, Austria
Hier, im nördlichen Teil des Volksgartens, sitzt sie: eine Frau aus weißem Marmor, ein wenig zurückgelehnt, ein wenig abwesend, ein stilles Becken vor ihr und Bäume ringsum. Kaiserin Elisabeth, die ganze Welt kennt sie als Sisi. Und schon ihre Haltung verrät viel: Diese Frau wollte eigentlich gar nicht angeschaut werden.
Aber zuerst zum Boden, auf dem du stehst. Bis 1809 war hier keine Wiese, sondern Festungsmauer, die Burgbastei. Schon 1683 hatten sich osmanische Mineure an dieser Bastei unter die Mauern gegraben. Und als Napoleons Truppen 1809 nach der Besetzung Wiens abzogen, sprengten sie sie in die Luft. Aus dem Schutt machte man einen Park, und 1823 wurde der Volksgarten eröffnet. Mitten hinein setzte Peter Nobile einen kleinen griechischen Tempel, eine Nachbildung des Theseions von Athen. Er war für eine Statue gebaut, Canovas Theseus im Kampf mit einem Kentauren. Die steht seit 1890 im Kunsthistorischen Museum, und der Tempel zeigt heute zeitgenössische Kunst.
Das Sisi-Denkmal wurde 1907 enthüllt, neun Jahre nach ihrem Tod. Die Figur schuf Hans Bitterlich, die Anlage Friedrich Ohmann. Elisabeth wurde 1898 in Genf an einer Schiffsanlegestelle von einem italienischen Anarchisten erstochen, mit einer zugespitzten Feile. Sie hatte das Attentat zunächst kaum bemerkt und ging noch ein paar Schritte, bevor sie zusammenbrach.
Zu Lebzeiten war Sisi in Wien gar nicht so beliebt. Sie war oft monatelang auf Reisen, mied den Hof, und ab dem mittleren Alter ließ sie sich kaum noch fotografieren. Wenn Leute sie anstarrten, hielt sie einen Fächer oder Schirm vors Gesicht. Der große Mythos kam erst nach ihrem Tod, und so richtig erst in den Fünfzigerjahren, mit den Filmen, in denen Romy Schneider sie spielte.
Im Sommer duftet es hier übrigens nach Tausenden Rosen, der Volksgarten ist dafür berühmt. Geh jetzt quer durch den Park nach Süden, am Theseustempel vorbei, bis zum großen Säulentor am Ring. Es sieht aus wie ein Stück Antike, aber es erzählt eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
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5. Äußeres Burgtor: Ein Siegestor mit verstecktem Geheimnis
Heldenplatz, Burgring, 1010 Wien, Austria
Vor dir steht ein wuchtiges Tor aus hellem Stein, mit dorischen Säulen und mehreren Durchgängen, wie ein Stück Athen, das jemand an die Ringstraße gestellt hat. Straßenbahnen klingeln davor, Radfahrer schießen hindurch. Lies die lateinische Inschrift oben: Iustitia regnorum fundamentum. Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Reiche.
Das war der Wahlspruch von Kaiser Franz dem Ersten. Das Tor steht ungefähr dort, wo 1809 die französischen Sprengladungen die Stadtmauer aufgerissen hatten. Peter Nobile vollendete es 1824, und es feierte den großen Sieg über Napoleon, die Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Ein Siegestor also, für ein Kaiserreich, das sich nach den Demütigungen der Napoleonzeit wieder stark fühlen wollte.
Hundert Jahre später bekommt das Tor eine neue Rolle. 1933 und 1934 baut der autoritäre Ständestaat es zum Heldendenkmal um, mit einer Krypta für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Darin liegt eine Marmorfigur, der Tote Krieger, geschaffen vom Bildhauer Wilhelm Frass. Frass war damals schon ein überzeugter, illegaler Nationalsozialist.
Und jetzt kommt das Unglaubliche. Nach dem Krieg erzählte Frass, er habe unter seiner Figur eine Botschaft versteckt. Jahrzehntelang hielt man das für Prahlerei. 2012 sahen Historiker nach und fanden tatsächlich eine Kapsel mit einem Text, der den Nationalsozialismus verherrlicht. Fast achtzig Jahre lang hatten Staatsbesucher, Generäle und Politiker an genau dieser Stelle Kränze niedergelegt, über einer versteckten Huldigung an jene Ideologie, die Österreich ausgelöscht hatte. Danach wurde die Krypta umgestaltet.
Seit 1965 gibt es im Tor außerdem einen Weiheraum für die Opfer im Kampf um Österreichs Freiheit. Jedes Jahr am 26. Oktober, dem Nationalfeiertag, legen Bundespräsident und Regierung hier Kränze nieder. Ein Bauwerk, drei Botschaften, und jede hat versucht, die vorige zu übermalen. An diesem Tor kannst du ablesen, wie Österreich mit sich selbst ringt. Geh jetzt durch das Tor hinaus auf den Heldenplatz und lauf auf die große, gebogene Fassade zu. Hinter den beiden Reiterstatuen wartet der Platz, an dem 1938 Geschichte gemacht wurde.
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6. Heldenplatz und Neue Burg: Ein halbes Kaiserforum und der 15. März 1938
Neue Burg, Heldenplatz, 1010 Wien, Austria
Stell dich mitten auf den Heldenplatz. Vor dir schwingt sich die gewaltige, halbrunde Fassade der Neuen Burg, links und rechts reiten zwei Feldherren aus Bronze, und in der Ferne siehst du über die Bäume des Volksgartens den Turm des Rathauses. So viel Platz, mitten in der Stadt. Und trotzdem fehlt hier etwas, nämlich die Hälfte.
Gottfried Semper und Carl von Hasenauer planten ein riesiges Kaiserforum: zwei gebogene Flügel, die sich spiegeln, verbunden mit den Museen jenseits des Rings. Gebaut wurde ab 1881 nur dieser eine Flügel, und auch der war erst 1913 fertig. Für den zweiten fehlten Geld, Zeit und am Ende das Kaiserreich selbst. Der Heldenplatz ist also eine Baustelle, die nie zu Ende ging.
Schau dir die Reiter an. Erzherzog Karl, der 1809 bei Aspern Napoleon die erste Niederlage auf dem Schlachtfeld beibrachte, sitzt auf einem Pferd, das nur auf den Hinterbeinen balanciert. Eine technische Meisterleistung von Anton Dominik Fernkorn, 1860 enthüllt. Die Legende sagt, die Anstrengung habe ihn den Verstand gekostet. Fernkorn starb tatsächlich in einer Nervenheilanstalt, der Zusammenhang aber ist erfunden. Prinz Eugen gegenüber, fünf Jahre später, durfte sich auf den Schweif seines Pferdes stützen.
Und dann die Terrasse dort oben an der Neuen Burg. Am 15. März 1938 steht Adolf Hitler darauf und verkündet einer riesigen, jubelnden Menge den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich. In den Wochen danach werden in Wien Jüdinnen und Juden gedemütigt, beraubt, verhaftet. Mehr als 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden werden in der Schoah ermordet. Thomas Bernhard nannte sein bitterstes Theaterstück einfach Heldenplatz. Bei der Uraufführung 1988 gab es einen Skandal.
Aber der Platz hat auch Antworten bekommen. Im Jänner 1993 standen hier Hunderttausende mit Kerzen, das Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit. Seit 2013 feiert man jeden 8. Mai das Fest der Freude über die Befreiung, und seit 2018 erzählt das Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg genau diese Geschichte. Geh jetzt durch den Durchgang im Leopoldinischen Trakt in den inneren Burghof.
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7. In der Burg: Kaiserappartements und Sisi Museum
In der Burg, Hofburg, 1010 Wien, Austria
Du bist jetzt im inneren Burghof, den die Wiener schlicht In der Burg nennen. In der Mitte steht Kaiser Franz in römischer Toga auf einem hohen Sockel, und ringsum siehst du Fassaden aus mehreren Jahrhunderten, die einfach aneinandergebaut wurden, wie es gerade gebraucht wurde. Die Hofburg ist kein Schloss aus einem Guss. Sie ist über rund siebenhundert Jahre gewachsen, auf weit über zweitausend Räume.
Hinter diesen Fenstern im Reichskanzleitrakt und in der Amalienburg liegen die Kaiserappartements. Hier lebte Franz Joseph, der von 1848 bis 1916 regierte, achtundsechzig Jahre lang. Und sein Schlafzimmer ist eine Überraschung: ein einfaches eisernes Feldbett, ein Waschtisch, ein Betschemel. Er stand lange vor Sonnenaufgang auf und saß dann stundenlang am Schreibtisch über Akten. Man sagt, er habe sich als ersten Beamten seines Staates gesehen. Und er aß so schnell, dass Gäste an der Hoftafel angeblich oft hungrig aufstanden, denn wenn der Kaiser fertig war, wurde abgeräumt.
Ein paar Türen weiter beginnt eine ganz andere Welt. In Elisabeths Räumen hängen Turnringe, und an der Wand steht eine Sprossenwand. Die Kaiserin trainierte täglich, ritt wie besessen, hungerte sich schlank. Ihr knöchellanges Haar zu pflegen dauerte jeden Tag Stunden, und die Wäsche, erzählt man, mit Eiern und Cognac, nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Seit 2004 zeigt das Sisi Museum hier, wo die echte Frau aufhört und der Mythos anfängt.
Hinter dem prunkvollen Rahmen steckt ein Leben voller Schläge. Franz Josephs Bruder Maximilian wird 1867 in Mexiko erschossen, sein Sohn Rudolf stirbt 1889 in Mayerling, seine Frau wird 1898 ermordet, und 1914 fällt sein Neffe Franz Ferdinand in Sarajevo. Ihm bleibe doch nichts erspart, soll der alte Kaiser gesagt haben.
Schau jetzt zur Seite des Hofes, wo ein bunt bemaltes Renaissancetor mit langer Inschrift in einen schmalen, älteren Hof führt. Das ist das Schweizertor. Geh hindurch, und du betrittst den ältesten Teil der ganzen Hofburg, und dahinter liegt der größte Schatz des Hauses Habsburg.
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8. Schweizerhof und Kaiserliche Schatzkammer
Hofburg, Schweizerhof, 1010 Wien, Austria
Geh durch das bemalte Schweizertor und bleib kurz stehen. Über dir die Wappen und Titel von Ferdinand dem Ersten, darunter die Jahreszahl 1552, und vor dir ein enger, fast quadratischer Hof, viel düsterer und strenger als der Rest der Burg. Hier, genau hier, hat alles begonnen.
Im dreizehnten Jahrhundert stand an dieser Stelle eine kantige Burg mit vier Ecktürmen, eine Festung am Stadtrand, kein Palast. Alles andere, was du heute gesehen hast, ist um diesen Kern herumgewachsen. Den Namen hat der Hof von der Schweizergarde, die hier im achtzehnten Jahrhundert unter Maria Theresia Wache hielt. Und in der Burgkapelle singen an Sonntagen bis heute die Wiener Sängerknaben die Messe.
Unten im Hof liegt der Eingang zur Kaiserlichen Schatzkammer, und die hat es in sich. Da ist die Reichskrone des Heiligen Römischen Reiches, achteckig, aus Gold, Perlen und Edelsteinen, entstanden wohl in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts. Jahrhundertelang wurden mit ihr die römisch-deutschen Könige gekrönt. Daneben die Krone, die Kaiser Rudolf der Zweite 1602 in Prag anfertigen ließ und die 1804 zur Krone des neuen Kaisertums Österreich wurde. Und dann ein über zwei Meter langes, gedrehtes Horn, das Ainkhürn. Man hielt es für das Horn eines Einhorns. In Wahrheit ist es der Zahn eines Narwals.
In der Schatzkammer liegt auch eine große Achatschale, die man lange für den Heiligen Gral hielt, und die Heilige Lanze, in deren Klinge ein Nagel vom Kreuz Christi stecken soll. Untersuchungen datieren die Lanze ins achte Jahrhundert. Das macht sie nicht weniger ehrwürdig, nur etwas jünger als die Legende.
1938 ließen die Nationalsozialisten die Reichskleinodien nach Nürnberg bringen, als Symbol für ihr großdeutsches Reich. Nach dem Krieg fand die amerikanische Armee sie dort in einem Versteck, und 1946 kehrten sie nach Wien zurück. Geh jetzt durch den Durchgang hinüber zum Josefsplatz. Dort wartet der vielleicht schönste Saal der Stadt.
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9. Josefsplatz und Prunksaal der Nationalbibliothek
Josefsplatz 1, 1010 Wien, Austria
Auf dem Josefsplatz ist es plötzlich still und streng. Ein geschlossenes Viereck aus hohen, hellen Fassaden, und in der Mitte reitet ein Kaiser, gekleidet wie ein römischer Imperator. Ringsum nur Stein, Bronze und dieses gedämpfte Licht. Kein Wunder, dass Filmleute diesen Platz lieben.
Der Reiter ist Joseph der Zweite, der Sohn Maria Theresias, und vielleicht der ungeduldigste Herrscher, den Österreich je hatte. Er erließ ein Toleranzpatent für Protestanten und Juden, löste Hunderte Klöster auf, lockerte die Leibeigenschaft, wollte alles auf einmal reformieren. Vieles musste er kurz vor seinem Tod 1790 wieder zurücknehmen. Er soll sich als Grabspruch gewünscht haben: Hier liegt ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Pläne scheitern zu sehen.
Jetzt dreh dich zum Eingang der Nationalbibliothek. Dahinter liegt der Prunksaal, gebaut ab 1723 für Kaiser Karl den Sechsten nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach und vollendet von seinem Sohn. Fast achtzig Meter lang, Regale bis unter die Decke, eine Kuppel mit Fresken von Daniel Gran, und rund zweihunderttausend alte Bände. Ein Teil davon ist die Bibliothek des Prinzen Eugen, etwa fünfzehntausend Bücher, die der Kaiser nach dessen Tod kaufte. Eugen ließ sie nach Fachgebieten einbinden: Geschichte in Rot, Theologie in Blau, Naturwissenschaften in Gelb.
Und jetzt schau zum Palais Pallavicini an der Seite des Platzes. 1949 wurde hier Der dritte Mann gedreht, und hinter diesem Tor wohnte im Film Harry Lime, der Schieber, den alle für tot hielten. Wenn es dämmert und die Laternen angehen, erwartest du fast, Orson Welles im Hauseingang stehen zu sehen.
Im November 1992 brannte es in der Hofburg, die Redoutensäle hier am Platz wurden schwer beschädigt. Feuerwehrleute und Freiwillige retteten die Bibliothek, und die Lipizzaner aus der Hofreitschule nebenan wurden durch die Gassen in Sicherheit geführt. Geh jetzt die Augustinerstraße entlang nach Süden, bis zu der Rampe, die auf eine alte Bastei hinaufführt.
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10. Albertina: Palais auf der Bastei und Blick in den Burggarten
Albertinaplatz 1, 1010 Wien, Austria
Steig die Rampe hinauf auf die Bastei und schau zuerst nach oben: Über dem Eingang schwebt ein riesiges, schmales Flugdach aus Metall, kühn wie ein Sprungbrett ins Leere. Hans Hollein hat es 2003 gebaut, und halb Wien hat damals darüber gestritten. Darunter aber steht ein Palais, das eine Liebesgeschichte erzählt.
Maria Theresia hatte sechzehn Kinder und verheiratete die meisten nach politischem Kalkül. Nur ihrer Lieblingstochter Marie Christine erlaubte sie eine Liebesheirat, mit Herzog Albert von Sachsen-Teschen. Albert sammelte Zeichnungen und Druckgrafiken mit einer Leidenschaft, die an Besessenheit grenzte. Als Gründungsjahr seiner Sammlung gilt 1776, und aus ihr wurde die Albertina, eine der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt. Dürers Feldhase von 1502 gehört dazu. Er ist so lichtempfindlich, dass er fast immer im Dunkeln liegt.
Jetzt geh an die Brüstung und schau hinunter. Unter dir liegt der Burggarten, einst der private Garten der Kaiserfamilie, erst seit 1919 für alle offen. Das lange Glashaus aus Jugendstil ist das Palmenhaus, gebaut von Friedrich Ohmann, demselben Architekten, der Sisis Denkmal im Volksgarten gestaltet hat. Und irgendwo zwischen den Bäumen steht Mozart aus weißem Marmor, ein Werk Viktor Tilgners von 1896, das nach dem Krieg in den Garten übersiedelt ist.
Dreh dich jetzt zum Platz vor der Albertina. Dort stand bis 1945 ein großes Wohnhaus, der Philipphof. Am 12. März 1945 traf ihn eine Fliegerbombe, und Hunderte Menschen, die in seinem Keller Schutz gesucht hatten, starben. Heute steht dort das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus von Alfred Hrdlicka. Eine seiner Figuren zeigt einen Juden, der auf Knien die Straße schrubbt, so wie es im März 1938 in Wien tatsächlich geschah.
Über dir auf der Bastei reitet Erzherzog Albrecht, der Sieger von Custozza 1866. Im selben Jahr verlor Österreich bei Königgrätz gegen Preußen den Krieg, und der Sieg war beinahe vergessen. Geh jetzt die Tegetthoffstraße hinunter zum Neuen Markt. Dort, hinter einer ganz schlichten Fassade, liegen die Habsburger.
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11. Kapuzinergruft: Die Anklopfzeremonie
Tegetthoffstraße 2, 1010 Wien, Austria
Am Neuen Markt, gleich beim Donnerbrunnen, steht eine erstaunlich bescheidene Kirchenfassade. Kein Gold, keine Türme, nur ein schlichter Giebel. Das ist die Kirche der Kapuziner, eines Bettelordens. Und genau darunter, im Keller dieser armen Mönche, liegen die mächtigsten Menschen, die Mitteleuropa je regiert haben.
Gestiftet hat die Gruft Kaiserin Anna, die Frau von Kaiser Matthias. 1633 wurden die beiden als erste hier beigesetzt. Seitdem sind rund hundertfünfzig Mitglieder der Familie dazugekommen, darunter zwölf Kaiser. Lange wurden die Habsburger dreigeteilt bestattet: der Körper hier, das Herz in der Augustinerkirche, die Eingeweide im Stephansdom. Und bis heute wachen die Kapuziner über die Toten.
Das prächtigste Grab gehört Maria Theresia und ihrem Mann Franz Stephan. Auf dem riesigen Doppelsarkophag von Balthasar Ferdinand Moll richten sich die beiden auf und schauen einander an, als würden sie gerade aus dem Schlaf erwachen. Zu ihren Füßen steht ein schlichter Kupfersarg: ihr Sohn Joseph der Zweite, der Prunk verachtete. Und ganz in der Nähe liegt eine Frau, die keine Habsburgerin war, Gräfin Fuchs, die Erzieherin Maria Theresias. Die Kaiserin wollte sie bei sich haben.
Wenn ein Habsburger hierher gebracht wird, gibt es ein uraltes Ritual. Zuletzt sah es die Welt am 16. Juli 2011, bei Otto von Habsburg, dem Sohn des letzten Kaisers. Ein Zeremonienmeister klopft an das Tor. Von drinnen fragt ein Kapuziner: Wer begehrt Einlass? Draußen werden Ottos Titel und Ehren verlesen. Die Antwort: Wir kennen ihn nicht. Beim zweiten Mal dasselbe. Erst beim dritten Klopfen heißt es: ein sterblicher, sündiger Mensch. Und dann: So komme er herein. 1989 war es genauso bei Zita, der letzten Kaiserin.
In der Franz-Joseph-Gruft liegen heute der alte Kaiser, Elisabeth und Kronprinz Rudolf nebeneinander. Nur der letzte Kaiser fehlt: Karl der Erste starb 1922 im Exil auf Madeira und liegt dort begraben. Geh jetzt hinüber zur Kärntner Straße und dann durch die Himmelpfortgasse nach Osten, bis zur alten Bastei an der Seilerstätte. Dort erzählt ein Palais von einer Familie, die es mit Hochzeiten noch weiter brachte als die Habsburger.
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12. Palais Coburg: Die Familie, die Europas Throne erheiratete
Coburgbastei 4, 1010 Wien, Austria
Zum Schluss stehst du vor einem hellen, klassizistischen Palais, das hoch oben auf einem Stück alter Stadtmauer thront. Unter dir siehst du das Mauerwerk der Bastei, darüber Säulen, Terrassen und viel Weiß. Das ist das Palais Coburg, und wo die Kaisergruft vom Ende einer Dynastie erzählt, erzählt dieses Haus von einer, die erst richtig loslegte.
Gebaut wurde es in den 1840er-Jahren für Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha, der durch Heirat mit einer ungarischen Erbin, aus dem Haus Koháry, sehr reich geworden war. Er setzte sein Palais einfach auf die Braunbastei, mitten auf die Festungsmauer. Bei der Renovierung zu Beginn der Zweitausenderjahre wurden die alten Kasematten darunter wieder freigelegt. Du stehst also auf der Stadtmauer, die einst gegen die Osmanen gebaut wurde.
Und jetzt die Familie. Ferdinands Bruder Leopold wird 1831 der erste König der Belgier. Ferdinands Sohn heiratet die Königin von Portugal und wird dort König. Ein Neffe, Albert, wird der Ehemann von Queen Victoria. Und ein Enkel, Ferdinand, 1861 in Wien geboren, wird zuerst Fürst und 1908 Zar von Bulgarien. Bismarck soll die Coburger deshalb spöttisch das Gestüt Europas genannt haben.
Das ist besonders pikant, weil genau diese Kunst den Habsburgern zugeschrieben wird. Bella gerant alii, tu felix Austria nube, heißt der berühmte Spruch: Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate. Die Habsburger haben ihr Reich erheiratet, und am Ende haben die Coburger sie in dieser Disziplin noch überholt.
Heute ist das Palais ein Hotel, aber 2015 hat es noch einmal Weltgeschichte gesehen. Hier wurde im Juli das Atomabkommen mit dem Iran ausverhandelt, wochenlang, mit Außenministern aus aller Welt. Zweihundert Jahre nach dem Wiener Kongress saß Europa also wieder in einem Wiener Palais und verhandelte bis tief in die Nacht. Damit endet unser Spaziergang: angefangen bei den Babenbergern an der Freyung, vorbei an Kronen, Särgen und einem Balkon, den keiner vergessen soll, bis hierher, auf die alte Stadtmauer. Die Kaiser sind fort, aber Wien empfängt die Welt noch immer.