Freud, Forscher und der Narrenturm: Wiens Wissenschaftsviertel Alsergrund

Von der Universität und der Votivkirche über die Berggasse 19 und die Strudlhofstiege bis zu Radiumforschung, Wachsmodellen und Semmelweis: Wien als Labor der Moderne

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  1. 1. Universität Wien: Der Arkadenhof der Köpfe

    Universitätsring 1, 1010 Wien, Austria

    Vor dir, am Ring, steht ein gewaltiger Palast der Neorenaissance, mit Freitreppe, Auffahrtsrampen und einer Fassade, die eher nach Florenz als nach Hörsaal aussieht. Studierende sitzen auf den Stufen, Fahrräder lehnen am Gitter. Geh durch den Haupteingang hinein und weiter in den großen Innenhof mit den Bogengängen: den Arkadenhof.

    Die Universität Wien ist die älteste Universität im heutigen deutschen Sprachraum, gegründet 1365 von Herzog Rudolf dem Vierten. Dieses Gebäude ist aber vergleichsweise jung: Heinrich von Ferstel hat es entworfen, eröffnet wurde es 1884. In den Arkaden rundherum stehen weit über hundert Büsten und Gedenktafeln für Mediziner, Physiker, Juristen und Philosophen. Eine Ruhmeshalle der Wiener Wissenschaft, im Kreis aufgestellt. Dass der Bau so prächtig ausfiel, hat auch mit 1848 zu tun: Nachdem Studenten auf den Barrikaden gestanden hatten, wurde das alte Universitätsgebäude in der Innenstadt geschlossen, und die Fakultäten waren jahrzehntelang über die Stadt verstreut.

    Unter ihnen steht Sigmund Freud. Sein Biograf Ernest Jones erzählt, Freud habe schon als junger Student davon geträumt, eines Tages hier mit einer Büste geehrt zu werden, mit einer Zeile aus dem König Ödipus des Sophokles darunter, über den Mann, der das berühmte Rätsel löste. 1955 wurde genau so eine Büste aufgestellt, mit genau dieser Inschrift. Freud war da schon sechzehn Jahre tot, gestorben im Exil in London.

    Lange fehlte in diesem Hof die Hälfte der Menschheit. Frauen durften erst ab 1897 an der Philosophischen Fakultät studieren, ab 1900 Medizin. Die Romanistin Elise Richter habilitierte sich hier als erste Frau, 1943 kam sie im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Jahrzehntelang war unter all den Männern nur eine einzige Frau mit einer Tafel geehrt, die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach. Erst 2016 kamen Denkmäler für bedeutende Wissenschaftlerinnen dazu, unter ihnen die Physikerin Lise Meitner.

    Wenn du wieder hinausgehst, schau schräg nach links hinüber, wo zwei schlanke Türme in den Himmel stechen. Sie gehören zu einer Kirche, die es ohne einen Mordanschlag nie gegeben hätte, und sie stammt vom selben Architekten wie dieses Haus. Überquere die Universitätsstraße, und du stehst davor.

  2. 2. Votivkirche: Dank für einen gescheiterten Mordanschlag

    Rooseveltplatz 8, 1090 Wien, Austria

    Zwei filigrane Türme, fast hundert Meter hoch, heller Sandstein, Fialen, Wasserspeier, eine große Rosette... auf den ersten Blick denkst du, das muss eine mittelalterliche Kathedrale sein. Ist sie nicht. Die Votivkirche wurde erst 1879 geweiht, sie ist jünger als die Eisenbahn in Wien, und sie ist ein Dankeschön mit politischem Hintergedanken.

    Am 18. Februar 1853 ging der junge Kaiser Franz Joseph auf der Stadtbefestigung spazieren, nicht weit von hier. Ein ungarischer Schneidergeselle, János Libényi, stach von hinten mit einem Messer nach seinem Hals. Der steife, hohe Uniformkragen lenkte die Klinge ab, der Kaiser wurde verletzt, aber er überlebte. Sein Adjutant Graf O'Donnell und ein Wiener Bürger, der Selcher Joseph Ettenreich, überwältigten den Attentäter. Libényi wurde wenige Tage später hingerichtet.

    Kaum war der Schreck vorbei, rief Erzherzog Ferdinand Maximilian, der jüngere Bruder des Kaisers, zu Spenden für eine Dankeskirche auf. Rund dreihunderttausend Menschen aus dem ganzen Reich sollen gespendet haben. Den Wettbewerb gewann ein junger Architekt Mitte zwanzig, Heinrich von Ferstel, der später die Universität gleich nebenan baute. Und Ferdinand Maximilian? Er wurde Kaiser von Mexiko und 1867 dort erschossen.

    Geweiht wurde die Kirche zur Silberhochzeit von Franz Joseph und Elisabeth. Gedacht war sie als Kirche für die Soldaten der Garnison und zugleich als eine Art Ruhmeshalle für die Großen Österreichs. Drinnen steht das prachtvolle Renaissance-Grabmal von Niklas Graf Salm, der Wien 1529 gegen das osmanische Heer verteidigte. Ein Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert, umgezogen in eine Kirche aus dem 19... typisch Wien. Viele der originalen bunten Glasfenster gingen im Zweiten Weltkrieg verloren, und die Restaurierung des Sandsteins ist bis heute eine Daueraufgabe.

    Der Park vor der Kirche trägt heute den Namen Sigmund-Freud-Park, und an warmen Tagen liegen hier mehr Studierende in der Wiese, als in den Hörsälen sitzen. Freud selbst wohnte nur ein paar hundert Meter entfernt. Geh nach Norden, Richtung Berggasse, die leicht zum Donaukanal hin abfällt. Bei Nummer 19 bleibst du stehen.

  3. 3. Berggasse 19: Sigmund Freuds Wohnung und Praxis

    Berggasse 19, 1090 Wien, Austria

    Schau dir das Haus Berggasse 19 an: ein ganz gewöhnliches Wiener Zinshaus aus dem 19. Jahrhundert, grau, ordentlich, ohne jede Pracht. Nichts verrät, dass hinter diesen Fenstern eine der folgenreichsten Ideen des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Siebenundvierzig Jahre lang, von 1891 bis 1938, lebte und arbeitete hier Sigmund Freud.

    Wohnung und Praxis lagen im selben Haus, gleich nebeneinander. Auf der einen Seite die Familie, mit sechs Kindern, Ehefrau Martha und Schwägerin Minna. Auf der anderen Seite Wartezimmer, Behandlungsraum und Arbeitszimmer. Hier stand die berühmte Couch, hier saß Freud dahinter, unsichtbar für seine Patientinnen und Patienten, und hörte zu. Hier schrieb er die Traumdeutung, die im November 1899 erschien, vom Verlag aber auf 1900 datiert, als wollte das Buch gleich ein neues Jahrhundert eröffnen.

    Im März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, und für die Familie Freud begann die Verfolgung. Die Wohnung wurde durchsucht, die Gestapo verhörte Tochter Anna einen ganzen Tag lang. Freud, schwer krebskrank und über achtzig, wollte lange nicht gehen. Erst mit internationaler Hilfe, unter anderem von Marie Bonaparte, und nach Zahlung der sogenannten Reichsfluchtsteuer konnte er am 4. Juni 1938 ausreisen, über Paris nach London. Dort starb er im September 1939.

    Seine vier Schwestern blieben in Wien zurück. Sie wurden 1942 deportiert und ermordet. Bevor die Familie die Räume verließ, fotografierte Edmund Engelman unauffällig jedes Zimmer, jeden Schrank, die vielen antiken Figuren auf Freuds Schreibtisch. Diese Bilder sind der Grund, warum wir heute so genau wissen, wie es hier aussah.

    Die Couch steht übrigens nicht hier, sondern in London, im Freud Museum in Hampstead. Das Wiener Museum, 1971 eröffnet und 2020 umfassend erneuert, zeigt ganz bewusst auch die Leere der Räume, das, was fehlt. Geh jetzt die Berggasse weiter hinunter Richtung Donaukanal. Am Ende wartet ein Backsteinriese mit einer Wiener Legende, die man nicht ganz ernst nehmen sollte.

  4. 4. Roßauer Kaserne: Die Burg gegen die eigene Stadt

    Roßauer Lände 1, 1090 Wien, Austria

    Vor dir erhebt sich eine Festung aus rotem Ziegel, mit Zinnen, Türmchen und wuchtigen Toren, als hätte jemand eine englische Ritterburg an den Donaukanal gestellt. Die Roßauer Kaserne füllt einen ganzen Häuserblock, und sie sieht aus, als wolle sie jemanden abwehren. Die Frage ist nur: wen?

    Die Antwort lautet: die Wiener selbst. Im Revolutionsjahr 1848 hatten Studenten, Arbeiter und Bürger die Stadt monatelang in Atem gehalten, der Hof floh, und erst die Armee schlug den Aufstand im Oktober blutig nieder. Danach entstand ein Ring aus militärischen Bauten rund um die Innenstadt: das Arsenal im Süden, die Franz-Joseph-Kaserne am Stubenring und, in den 1860er Jahren, diese hier im Norden. Truppen sollten schnell überall sein können, falls das Volk noch einmal aufbegehrte.

    Und dann ist da die Legende, die man sich in Wien gern erzählt: Die Architekten hätten beim Planen die Toiletten vergessen, und einer von ihnen habe sich deshalb aus Scham das Leben genommen. Historiker halten das für eine Erfindung, belegt ist davon nichts. Aber die Geschichte hält sich hartnäckig, vielleicht weil sie so gut zu einem Gebäude passt, das mehr an Eindruck als an die Menschen darin gedacht hat.

    Der Ort selbst ist viel älter als die Kaserne. Die Rossau, das Viertel zwischen Alsergrund und Donaukanal, verdankt ihren Namen nach der gängigen Erklärung den Pferden, den Rössern, die an den Donauauen lebten und Schiffe stromaufwärts zogen. Später kamen Holzplätze, Fischer und Wäscherinnen. Das Wort Au erinnert daran, dass hier einmal Auwald und Wasser war, lange bevor die Donau reguliert und der Kanal eingefasst wurde.

    Heute sitzt in der Kaserne das österreichische Verteidigungsministerium, und aus der Drohkulisse gegen die eigene Stadt ist ein Amtsgebäude geworden. Geh nun ein Stück zurück ins Viertel hinein, in die Servitengasse, eine der hübschesten kleinen Gassen im neunten Bezirk. An ihrem Ende siehst du eine helle Barockkirche mit zwei Türmen.

  5. 5. Servitenkirche: Ein Oval vor den Toren der Stadt

    Servitengasse 9, 1090 Wien, Austria

    Am Ende der Servitengasse öffnet sich ein kleiner, ruhiger Platz, mit Bäumen, Tischen im Freien und einer hellen Kirchenfassade mit zwei Türmen. Das ganze Grätzl wirkt wie ein Dorf mitten in der Stadt, und die Wiener nennen es auch liebevoll so: das Servitenviertel. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher.

    Die Kirche wurde zwischen 1651 und 1677 für den Orden der Serviten gebaut, damals weit draußen vor der Stadtmauer, zwischen Wiesen und Auen der Rossau. Wenn du hineingehst, achte auf den Grundriss: Das Kirchenschiff ist kein Rechteck, sondern ein Oval. Das war in Wien damals neu, die Servitenkirche gilt als der erste Kirchenbau dieser Art in der Stadt. Spätere Barockbaumeister griffen die Idee auf, und ohne dieses Oval sähen Peterskirche und Karlskirche vielleicht anders aus.

    Wer waren diese Serviten überhaupt? Der Orden, die Diener Mariens, entstand im 13. Jahrhundert in Florenz, gegründet von sieben wohlhabenden Bürgern, die ihr Vermögen aufgaben und ein Leben in Armut wählten. Von Italien aus kam der Orden in den Norden, und hier in Wien bekamen sie ihre Kirche und ihr Kloster, das bis heute neben der Kirche steht. Drinnen erwartet dich frühes Barock, schwer und prächtig, mit Stuck und Fresken, aber noch nicht so verspielt wie später.

    In einer Seitenkapelle wird der heilige Peregrin Laziosi verehrt, ein Servit aus Italien. Der Legende nach sollte ihm ein krankes Bein abgenommen werden, doch in der Nacht vor der Operation sei er nach einem Gebet geheilt aufgewacht. Seither gilt er als Schutzpatron der Menschen mit Fußleiden und der Krebskranken, und rund um seinen Gedenktag Anfang Mai kommen bis heute Gläubige hierher. Medizin und Glaube liegen in diesem Viertel eben nah beieinander.

    Gönn dir noch einen Moment Stille auf dem Platz. Von hier ist es nicht weit zu einem der prächtigsten Paläste Wiens, der sich hinter einer langen Mauer versteckt. Geh nach Westen zur Liechtensteinstraße und biege in die Fürstengasse, wo sich ein großes Tor zu einem Barockgarten öffnet.

  6. 6. Gartenpalais Liechtenstein: Ein Fürst und sein Vorstadtparadies

    Fürstengasse 1, 1090 Wien, Austria

    Hinter dem Tor in der Fürstengasse weitet sich der Blick: ein streng symmetrischer Barockpalast, davor ein Garten mit Kieswegen, Hecken und Rasenflächen. Mitten im dicht bebauten neunten Bezirk liegt dieser grüne Raum wie ein Geheimnis. Das Gartenpalais Liechtenstein entstand um 1700 als Sommersitz einer der reichsten Familien Europas.

    Bauherr war Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein, ein Mann, der Geld vermehren konnte wie kaum ein anderer und es gern in Kunst steckte. Er kaufte hier draußen Gründe, legte gleich nebenan eine eigene Siedlung an, das Lichtental, mit einem Brauhaus, und ließ sich dazu nach Plänen von Domenico Martinelli einen Palast bauen. Das kleine Land am Rhein trägt übrigens bis heute den Namen dieser Familie, nicht umgekehrt. Und die Familie wiederum hat ihren Namen von der Burg Liechtenstein bei Maria Enzersdorf, gleich südlich von Wien.

    Das Herzstück ist der Herkulessaal, einer der größten weltlichen Barocksäle Wiens. An die Decke malte Andrea Pozzo, ein Jesuitenbruder und Meister der Illusionsmalerei, die Aufnahme des Herkules in den Olymp. Pozzo konnte flache Decken in schwindelerregende Himmel verwandeln. Wer darunter steht und den Kopf in den Nacken legt, verliert kurz das Gefühl dafür, wo die Decke aufhört und der Himmel beginnt... Optik und Perspektive als Kunst, ganz im Geist einer Zeit, die die Wissenschaft des Sehens gerade neu entdeckte.

    Das Palais hatte ein bewegtes 20. Jahrhundert. Ab 1938 lebte die Fürstenfamilie in Vaduz, und gegen Kriegsende wurde ein großer Teil der berühmten Kunstsammlung dorthin gebracht. Von 1979 bis 2001 war hier das Museum moderner Kunst untergebracht, Pop-Art und Wiener Aktionismus unter barocken Fresken. Danach kehrten Werke der fürstlichen Sammlung zurück, darunter Gemälde von Rubens, und heute dient das Palais vor allem für Führungen und Veranstaltungen.

    Geh zurück zur Liechtensteinstraße und ein kurzes Stück nach Südwesten. Dort wartet eine Treppe, die durch einen Roman unsterblich wurde, und sie ist wohl die schönste Abkürzung im ganzen Bezirk.

  7. 7. Strudlhofstiege: Doderers Jugendstil-Treppe

    Strudlhofgasse / Liechtensteinstraße, 1090 Wien, Austria

    Vor dir steigt eine Treppe in mehreren Schwüngen den Hang hinauf, mit Rampen, Brunnenschalen, schmiedeeisernen Laternen und Absätzen, auf denen man unwillkürlich stehen bleibt. Eigentlich verbindet sie nur zwei Straßen, die untere Liechtensteinstraße und die obere Strudlhofgasse. Aber selten hat jemand eine Abkürzung so schön gebaut.

    Die Strudlhofstiege wurde 1910 eröffnet, entworfen von Johann Theodor Jaksch, mitten in der Blütezeit des Wiener Jugendstils. Vorher gab es hier nur einen steilen Hang. Den Namen hat sie vom Strudlhof, dem Anwesen des Barockmalers Peter Strudel, der hier um 1700 eine private Malerakademie betrieb, eine Vorläuferin der Wiener Kunstakademie. Die Stadt wollte das tiefer gelegene Viertel an der Liechtensteinstraße mit dem Plateau oben verbinden, wo rund um die Kliniken und Institute der Universität eine kleine Wissenschaftsstadt wuchs. Herausgekommen ist ein Bühnenbild aus Stein, das man auf jeder Stufe neu erlebt.

    Berühmt gemacht hat sie aber ein Buch. Heimito von Doderer veröffentlichte 1951 seinen großen Roman Die Strudlhofstiege, ein Gewebe aus Dutzenden Figuren und Jahrzehnten Wiener Lebens, viele hundert Seiten dick. Die Treppe ist darin der Ort, an dem sich Schicksale kreuzen, an dem Menschen sich begegnen, verfehlen und erinnern. Ein Gedicht Doderers über die Stiege ist auf einer Tafel verewigt, und seit dem Roman ist sie für viele Wiener ein literarischer Wallfahrtsort.

    Doderer selbst ist ein schwieriger Held. Er trat 1933 der NSDAP bei, die in Österreich bald darauf verboten wurde, distanzierte sich später davon und schrieb nach dem Krieg die großen Wien-Romane, die ihn berühmt machten. Diese Zwiespältigkeit gehört zu ihm wie die Treppe zu seinem Buch, und wer hier steht, darf beides im Kopf behalten, die Bewunderung und das Unbehagen.

    Für einen Spaziergang durch die Wissenschaft ist dieser Ort perfekt, denn oben beginnt das Viertel der Physiker. Steig hinauf, folge der Strudlhofgasse ein paar Schritte und biege in die Boltzmanngasse ein. Sie trägt den Namen eines Mannes, der die Welt aus Atomen erklärte, als viele noch gar nicht an sie glaubten.

  8. 8. Boltzmanngasse: Das Wiener Institut für Radiumforschung

    Boltzmanngasse 3, 1090 Wien, Austria

    Du stehst in einer ruhigen Gasse mit ernsten Institutsgebäuden aus der Zeit um 1900, Fahrräder davor, ein paar Studierende mit Rucksäcken. Hier wird seit über hundert Jahren Physik betrieben. Und das Haus Nummer 3 war einmal einer der aufregendsten Orte der Wissenschaft: das Institut für Radiumforschung, eröffnet 1910.

    Die Gasse ist nach Ludwig Boltzmann benannt, dem Wiener Physiker, der zeigte, dass sich Wärme und Entropie aus dem statistischen Verhalten unzähliger Atome erklären lassen. Viele Zeitgenossen hielten Atome damals für eine bloße Rechenhilfe und stritten erbittert mit ihm. Boltzmann nahm sich 1906 im Urlaub bei Triest das Leben. Wenige Jahre später bestätigten Experimente, dass er recht gehabt hatte. Seine berühmte Entropieformel steht heute auf seinem Grabstein am Zentralfriedhof.

    Das Radiuminstitut entstand, weil Österreich etwas besaß, das alle wollten: Uranerz. Aus den Rückständen der Bergwerke von Sankt Joachimsthal in Böhmen hatten Marie und Pierre Curie in Paris das Radium gewonnen. Der Wiener Jurist und Industrielle Karl Kupelwieser stiftete das Geld für ein eigenes Institut, und unter Stefan Meyer wurde Wien zu einem Zentrum der Radioaktivitätsforschung. Wien lieh sogar Ernest Rutherford in England Radium für seine Experimente.

    Bemerkenswert war, wie viele Frauen hier forschten, zu einer Zeit, als das anderswo kaum vorstellbar war. Marietta Blau entwickelte eine Methode, die Spuren von Teilchen auf Fotoplatten sichtbar zu machen, und entdeckte 1937 mit Hertha Wambacher die sogenannten Zertrümmerungssterne. 1938 musste Blau als Jüdin ins Exil, auch Stefan Meyer verlor sein Amt. Berta Karlik blieb und wurde 1956 die erste ordentliche Professorin der Universität Wien.

    Und die Linie reicht bis heute: In dieser Gasse forschte auch Anton Zeilinger, der 2022 den Nobelpreis für Physik erhielt, für Experimente mit verschränkten Lichtteilchen. Von Boltzmanns Atomen bis zur Quantenphysik, alles in einer kurzen Gasse. Geh jetzt hinunter zur Währinger Straße. Dort steht ein strenger, klassizistischer Bau, in dem dich Menschen aus Wachs erwarten, ohne Haut.

  9. 9. Josephinum: Wachsmenschen für die Militärchirurgen

    Währinger Straße 25, 1090 Wien, Austria

    Hinter einem Gitter und einem kleinen Ehrenhof steht ein nüchterner, eleganter Bau aus dem späten 18. Jahrhundert, zurückhaltend, fast kühl. Das ist das Josephinum, und es hütet eine der seltsamsten und schönsten Sammlungen Wiens. Doch zuerst die Frage: Warum baut ein Kaiser eine Schule für Chirurgen?

    Joseph der Zweite, der Sohn Maria Theresias, war ein Reformer mit wenig Geduld, der gern inkognito unter dem Namen Graf Falkenstein reiste, um sich selbst ein Bild zu machen. In den Feldzügen seiner Zeit starben Soldaten massenhaft an Seuchen und schlecht versorgten Wunden, und die Wundärzte hatten ihr Fach oft eher als Handwerk gelernt denn studiert. Also gründete er 1785 die medizinisch-chirurgische Josephs-Akademie, gebaut nach Plänen von Isidor Canevale, um Militärärzte wissenschaftlich auszubilden. Chirurgie sollte hier vom Handwerk zur Wissenschaft werden.

    Und dann die Wachsmodelle. Joseph hatte in Florenz die anatomischen Wachsfiguren gesehen, die dort für das naturkundliche Museum entstanden, und war begeistert. Er bestellte eine ganze Sammlung, weit über tausend Stücke, gefertigt in Florenz unter der Leitung von Felice Fontana und Paolo Mascagni, modelliert unter anderem von Clemente Susini. Der Überlieferung nach trugen Maultiere die zerbrechliche Fracht über die Alpen.

    Viele Figuren stehen noch in ihren originalen Vitrinen aus edlem Holz und venezianischem Glas. Am berühmtesten ist eine liegende Frauenfigur, die sogenannte Mediceische Venus, die sich Schicht für Schicht öffnen lässt, bis zu den inneren Organen. Sie trägt eine Perlenkette, hat echtes Haar und liegt da, als würde sie gleich aufwachen. Lehrmittel, Kunstwerk und ein bisschen unheimlich, alles zugleich.

    Das Josephinum gehört heute zur Medizinischen Universität Wien und wurde vor wenigen Jahren aufwendig renoviert. Es erzählt auch von der Wiener Medizinischen Schule, die die Stadt im 19. Jahrhundert weltberühmt machte. Geh nun ein Stück die Währinger Straße hinunter und dann rechts zum Gelände des alten Allgemeinen Krankenhauses. Hinter seinen Mauern steht ein runder Turm mit einem Namen, der heute grausam klingt.

  10. 10. Narrenturm: Der runde Turm Josephs II.

    Spitalgasse 2, 1090 Wien, Austria

    Zwischen Bäumen am Rand eines stillen Hofs steht ein Gebäude, das aussieht wie nichts anderes in Wien: ein runder, fünfgeschoßiger Turm, grau verputzt, mit lauter kleinen, gleichförmigen Fenstern. Die Wiener nennen ihn wegen seiner Form gern den Guglhupf. Sein eigentlicher Name ist härter: Narrenturm.

    1784 ließ Joseph der Zweite ihn gemeinsam mit dem neuen Allgemeinen Krankenhaus errichten, ebenfalls nach Plänen, die Isidor Canevale zugeschrieben werden. Es war eine der ersten Anstalten in Europa, die ausschließlich für psychisch Kranke gebaut wurde. Das klingt fortschrittlich, und für die damalige Zeit war es das auch: Statt in Gefängnissen oder Armenhäusern lebten die Kranken in einem eigenen Haus unter ärztlicher Aufsicht. Aber wer die Zellen sieht, versteht, was Fortschritt im 18. Jahrhundert bedeutete.

    Auf fünf Stockwerken liegen fast 140 Zellen im Kreis, jede mit einem schmalen Fenster nach außen und einer Tür zum ringförmigen Gang. Viele Kranke wurden an Ketten gehalten, und Heilung im heutigen Sinn gab es kaum. Der Turm war Verwahrung mehr als Therapie. Und doch steht er am Anfang einer Entwicklung, die Wien ein Jahrhundert später zur Hauptstadt der Psychiatrie und der Psychoanalyse machte.

    Um den Turm ranken sich Legenden. Joseph soll sich für Alchemie und Freimaurerei interessiert haben, und manche lesen in der Rundform, der Zahl der Zellen und dem Blitzableiter auf dem Dach geheime Symbole. Belegen lässt sich davon wenig. Sicher ist: Als Spital für psychisch Kranke wurde der Turm 1869 aufgegeben, danach diente er unter anderem als Unterkunft für Personal und als Lager.

    Seit 1971 beherbergt der Narrenturm die Pathologisch-anatomische Sammlung, eine der größten ihrer Art, mit Präparaten, Moulagen und Skeletten aus mehr als zwei Jahrhunderten Medizingeschichte. Seit 2012 gehört sie zum Naturhistorischen Museum. Ein Ort, der Menschen einmal weggesperrt hat, dient heute dazu, Krankheiten zu verstehen. Geh jetzt durch die Höfe des alten Krankenhauses nach Süden, Richtung Alser Straße, bis zum großen ersten Hof.

  11. 11. Altes AKH: Semmelweis und das Händewaschen

    Alser Straße 4, 1090 Wien, Austria

    Du stehst im großen ersten Hof des Alten AKH, unter hohen Bäumen, umgeben von langen, niedrigen Trakten, in denen heute Hörsäle, Institute und Lokale liegen. Studierende radeln vorbei, im Sommer sitzen die Leute draußen im Schatten. Kaum zu glauben, dass hier einmal eines der größten Krankenhäuser Europas stand.

    Joseph der Zweite eröffnete das Allgemeine Krankenhaus 1784, umgebaut aus einem riesigen Armenhaus, mit rund zweitausend Betten. Hier entstand im 19. Jahrhundert die Wiener Medizinische Schule, mit Ärzten wie Carl von Rokitansky, der Krankheiten an Zehntausenden Obduktionen studierte, und Joseph Škoda, der das Abklopfen und Abhören von Herz und Lunge zur Methode machte. Auch ein junger Arzt namens Sigmund Freud arbeitete hier in den 1880er Jahren, bevor er seine eigene Praxis eröffnete.

    Und hier erlebte ein Arzt aus Ungarn seine größte Entdeckung und seine größte Niederlage. Ignaz Semmelweis arbeitete ab 1846 an der Ersten Geburtshilflichen Klinik. Dort starben viel mehr Mütter am Kindbettfieber als an der Zweiten Klinik, an der Hebammen ausgebildet wurden. Frauen flehten, nicht in die erste aufgenommen zu werden, manche brachten ihr Kind lieber auf dem Weg ins Spital auf der Straße zur Welt.

    Die Lösung kam durch einen Todesfall. 1847 starb sein Kollege Jakob Kolletschka, nachdem er sich bei einer Leichenöffnung mit dem Messer verletzt hatte, und seine Krankheit glich dem Kindbettfieber. Semmelweis begriff: Ärzte und Studenten kamen direkt aus dem Seziersaal zu den Gebärenden und trugen etwas an ihren Händen mit. Er ließ sie die Hände in Chlorkalklösung waschen, und die Sterblichkeit fiel innerhalb weniger Monate auf rund ein bis zwei Prozent.

    Doch viele Kollegen wollten nicht hören, dass ausgerechnet sie die Krankheit übertrugen. Semmelweis verlor seine Stelle, ging nach Pest und starb 1865 in einer Wiener Anstalt, vermutlich an einer Blutvergiftung. Heute nennt man ihn den Retter der Mütter. Und so endet dieser Weg dort, wo Wien Wissenschaft immer wieder gemacht hat: zwischen einer genialen Idee und dem Widerstand, sie anzunehmen. Von Freuds Couch bis zu Semmelweis' Waschschüssel... und bis zur Straßenbahn an der Alser Straße sind es nur ein paar Schritte.