Venedig für Genießer: Rialto-Märkte, Bacari und Cicchetti

Vom Haus der deutschen Kaufleute über Weinufer, Fischhalle und stille Campi in San Polo und Santa Croce: Ombra, Baccalà mantecato, Sarde in saor und die Geschichten dahinter

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  1. 1. Fondaco dei Tedeschi – das Haus der deutschen Kaufleute

    Calle del Fontego dei Tedeschi, San Marco, 30124 Venezia VE, Italy

    Stell dich an den Fuß der Rialtobrücke auf der San-Marco-Seite und schau auf den mächtigen, fast schmucklosen Block direkt am Canal Grande: Das ist der Fondaco dei Tedeschi, das Haus der Deutschen. Vier Stockwerke um einen Innenhof, gebaut wie eine Festung des Handels. Heute bummelt man hier durch ein Luxuskaufhaus, aber jahrhundertelang war dieser Bau einer der wichtigsten deutschen Orte südlich der Alpen.

    Schon im 13. Jahrhundert ist hier ein Haus der deutschen Kaufleute bezeugt. Das Wort fondaco stammt vom arabischen funduq, einer Herberge mit Warenlager. Die Republik wollte die Händler aus Nürnberg, Augsburg, Regensburg oder Wien unter Kontrolle haben: Sie mussten hier wohnen, hier ihre Waren lagern und hier verkaufen, unter den Augen venezianischer Beamter, die jeden Ballen registrierten und verzollten.

    Und was hat das mit Essen zu tun? Eine ganze Menge. Die Deutschen brachten Silber, Kupfer, Leinen und Pelze und kauften dafür, was über Venedig aus dem Orient kam: Pfeffer, Zimt, Nelken, Muskat, Zucker. Der Pfeffer, der in Nürnberg oder Augsburg auf den Braten kam, war sehr oft durch dieses Haus gegangen. Das alte Spottwort Pfeffersack für einen reichen Kaufmann erzählt genau von diesem Geschäft.

    Nach einem Brand im Jahr 1505 wurde der Fondaco in wenigen Jahren neu errichtet, und die Fassaden bemalten zwei junge Stars: Giorgione zur Wasserseite hin, Tizian zur Landseite. Von ihren Fresken sind nur blasse Fragmente geblieben, die heute in der Ca' d'Oro aufbewahrt werden. In genau diesen Jahren war auch Albrecht Dürer in Venedig. Für die deutsche Gemeinde malte er 1506 das Rosenkranzfest, bestimmt für die Kirche San Bartolomeo gleich hier um die Ecke.

    Nach dem Ende der Republik wurde das Haus Zollamt, im 20. Jahrhundert dann Hauptpost. Wir aber folgen jetzt den Pfeffersäcken dorthin, wo sie ihren Wein tranken. Geh über die Rialtobrücke auf die andere Seite und halte dich unten gleich links, am Wasser entlang, zur Riva del Vin.

  2. 2. Riva del Vin – das Weinufer

    Riva del Vin, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Du stehst jetzt auf der Riva del Vin, dem Weinufer, einem der wenigen Abschnitte, an denen man direkt am Canal Grande entlanglaufen kann. Gegenüber liegt die Riva del Ferro, das Eisenufer, und schon die Namen verraten es: Hier legten die Lastkähne an, und hier rollten die Fässer an Land.

    Wein war in Venedig kein Luxus, sondern Teil des Alltags. Trinkwasser aus den Zisternen war knapp und nicht immer gut, also trank man Wein, oft verdünnt. Er kam aus dem Veneto, aus Istrien und von weit her: Aus Griechenland und Kreta kamen die schweren, süßen Malvasierweine. Die Weinschenken hießen deshalb oft einfach malvasie, und bis heute tragen in Venedig mehrere Gassen den Namen Calle de la Malvasia.

    Und dann ist da das Wort, das du in Venedig unbedingt brauchst: ombra, der Schatten. So nennen die Venezianer ein kleines Glas Wein. Die Erklärung, die jeder gern erzählt: Die Weinhändler auf dem Markusplatz rückten ihre Stände im Laufe des Tages mit dem Schatten des Campanile mit, damit der Wein kühl blieb. Andar per ombre, auf Schattenjagd gehen, heißt bis heute, von Bar zu Bar zu ziehen. Ob es wirklich so war? Die Geschichte ist jedenfalls zu schön, um sie nicht zu glauben.

    Die Republik nahm den Wein sehr ernst, vor allem als Einnahmequelle. Jedes Fass, das an Land kam, wurde vermessen und besteuert, und eigene Beamte wachten über Maße und Qualität. Wer Wein panschte oder am Zoll vorbeischmuggelte, riskierte hohe Strafen und den Verlust seiner Ware. Wein war in Venedig ein Staatsgeschäft, ganz ähnlich wie das Salz, auf das die Republik ein Monopol hielt.

    Wenn du am frühen Abend wiederkommst, siehst du hier Venezianer und Besucher mit einem Glas in der Hand, den Blick auf die Brücke, deren Stein im letzten Licht fast rosa wird. Wir gehen jetzt hinein ins Labyrinth: Bieg vom Ufer nach rechts in die Gassen ein, am Campo San Silvestro vorbei, bis zum kleinen Campo Sant'Aponal.

  3. 3. Campo Sant'Aponal – Cicchetti und ein Papst auf der Flucht

    Campo Sant'Aponal, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Ein kleiner, unregelmäßiger Platz, eine Kirche mit gotischer Backsteinfront, ein paar Bänke, Gassen in alle Richtungen: Campo Sant'Aponal wirkt wie ein Dorfplatz. Der Name ist Venezianisch für Sant'Apollinare. Die Venezianer schleifen jeden Heiligennamen ab, bis er bequem in den Mund passt. Und genau so gehen sie auch mit dem Essen um: klein, handlich, im Stehen.

    Willkommen in der Welt der cicchetti. So heißen die kleinen Happen, die in den bacari, den venezianischen Weinbars, auf der Theke liegen: Brotscheiben mit Stockfischcreme, frittierte Fleischbällchen, die polpette, winzige gekochte Tintenfische, die folpetti, halbe Eier mit Sardellen. Man bestellt mit dem Finger, isst mit den Fingern und trinkt eine ombra dazu. Ein Abendessen entsteht hier nicht am Tisch, sondern auf dem Weg von Theke zu Theke.

    Woher das Wort cicchetto kommt, weiß niemand genau. Manche leiten es vom lateinischen ciccus ab, etwas Winziges, andere von einem Wort für ein Schlückchen. Und bàcaro? Angeblich von Bacchus, vielleicht auch vom venezianischen Ausdruck far bàcara, feiern. Sicher ist nur: Die Venezianer haben eine eigene Grammatik dafür. Man geht nicht essen, man macht un giro de ombre, eine Runde.

    Und jetzt, ganz unerwartet, ein deutscher Faden. Unter einem Durchgang gleich bei der Kirche erinnert eine alte Inschrift daran, dass Papst Alexander III. hier im Jahr 1177 eine Nacht verbracht haben soll, der Legende nach auf der Flucht vor Kaiser Friedrich Barbarossa. Im selben Jahr versöhnten sich Papst und Kaiser tatsächlich in Venedig, im Frieden von Venedig. Wer hier ein Vaterunser und ein Ave Maria betet, so verspricht die Tafel, erhält einen Ablass.

    Halte die Augen offen: Rund um diesen Platz und in den Gassen Richtung Rialto reihen sich die bacari, und schon am späten Vormittag stehen dort die ersten Venezianer mit dem Glas in der Hand, Handwerker, Rentner, Studenten. Geh nun weiter nach Westen, durch die Calle de la Madoneta und über die kleine Brücke, bis sich die Gassen plötzlich zum riesigen Campo San Polo öffnen.

  4. 4. Campo San Polo – Baccalà und ein Schiffbruch

    Campo San Polo, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Plötzlich wird es weit: Campo San Polo gehört zu den größten Plätzen Venedigs, gesäumt von Palästen, deren Fassaden einer sanften Rundung folgen. Hier fanden einst Stierhatzen, Feste und Märkte statt, und heute spielen Kinder Fußball, wo früher Patrizier flanierten. Am Fuß des frei stehenden Glockenturms wachen zwei steinerne Löwen, einer mit einer Schlange, der andere mit einem Menschenkopf zwischen den Pranken; die Legende sagt, es sei der Kopf des hingerichteten Dogen Marino Faliero. Ein Platz wie ein Wohnzimmer für das ganze Viertel, und der richtige Ort für das berühmteste Gericht der Stadt.

    Denn dieses Gericht beginnt mit Eis und Hunger. 1431 lief der venezianische Kaufmann Pietro Querini mit einer Ladung Wein und Gewürzen von Kreta Richtung Flandern aus. Stürme trieben sein Schiff weit nach Norden, es ging verloren, und nach Wochen im Beiboot erreichten die wenigen Überlebenden im Januar 1432 eine winzige Insel bei Røst, ganz im Süden der Lofoten.

    Die Fischer dort nahmen sie auf und zeigten ihnen, wie man Kabeljau im Wind trocknet, bis er hart wie Holz ist und jahrelang hält: Stockfisch. Querini brachte die Kenntnis davon mit zurück nach Venedig, so erzählt man es jedenfalls gern. Und weil die Venezianer diesen Stockfisch bis heute baccalà nennen, obwohl er eigentlich stoccafisso ist, stolpert jeder Besucher, der gesalzenen Kabeljau erwartet.

    Baccalà mantecato ist das Ergebnis langer Arbeit. Der Stockfisch wird tagelang gewässert, gekocht, von Haut und Gräten befreit und dann mit Olivenöl geschlagen, nach und nach, wie eine Mayonnaise, bis eine helle, luftige Creme entsteht, oft mit etwas Knoblauch und Petersilie. Auf einem Stück Brot oder einer Scheibe gegrillter Polenta ist das der Klassiker jeder venezianischen Theke. Mantecare heißt so viel wie cremig rühren.

    Der Platz hat auch eine dunkle Seite. Im Jahr 1548 wurde hier Lorenzino de' Medici ermordet, der in Florenz seinen Vetter, Herzog Alessandro, umgebracht hatte und nach Venedig geflohen war. Die Rache der Medici fand ihn trotzdem. Verlass den Campo jetzt an seiner Südwestseite und folge den Gassen Richtung Rio Terà dei Nomboli, zum Geburtshaus von Carlo Goldoni.

  5. 5. Casa di Goldoni – Kaffee und Komödie

    Calle dei Nomboli, San Polo 2794, 30125 Venezia VE, Italy

    In der engen Calle dei Nomboli öffnet sich ein Tor zu einem kleinen gotischen Innenhof mit Brunnen und einer steinernen Außentreppe: Das ist der Palazzo Centani, das Geburtshaus von Carlo Goldoni. Hier kam am 25. Februar 1707 der Mann zur Welt, der das italienische Theater von seinen starren Masken befreite und Venedig so auf die Bühne stellte, wie es wirklich redete, stritt, aß und trank.

    Getrunken wurde vor allem: Kaffee. Venezianische Kaufleute kannten das Getränk aus dem Osmanischen Reich, und Venedig gehörte zu den ersten Städten Europas, in denen man ihn öffentlich ausschenkte. Im 18. Jahrhundert zählte die Stadt Hunderte von Kaffeehäusern, ein Treffpunkt für Klatsch, Politik und Liebesabenteuer. Auf dem Markusplatz eröffnete 1720 das Caffè Florian, das es bis heute gibt.

    1750 schrieb Goldoni La bottega del caffè, Das Kaffeehaus. Das Stück spielt auf einem kleinen venezianischen Platz zwischen Kaffeeschenke, Spielhaus und Barbierladen, und im Mittelpunkt steht ein Klatschmaul namens Don Marzio, der alles weiß, alles weitererzählt und fast alles falsch versteht. Wer heute in einem bacaro dem Gerede am Tresen zuhört, merkt schnell: Goldoni hat nicht viel erfunden, er hat gut zugehört.

    Seine Stücke sind voller Essen. Im Diener zweier Herren versucht der ewig hungrige Truffaldino, zwei Herren gleichzeitig zu bedienen, vor allem, um doppelt essen zu können. Die Szene, in der er zwei Mahlzeiten parallel serviert und dabei selbst mitisst, ist bis heute ein Bühnenklassiker. Und in Le baruffe chiozzotte von 1762 zanken die Frauen der Fischer von Chioggia, während ihre Männer auf See sind, um Eifersucht, Klatsch und Ehre.

    Goldoni wurde in seiner Heimatstadt angefeindet, ging 1762 nach Paris und kam nie zurück. Er starb dort im Februar 1793, verarmt, nachdem die Revolution ihm seine königliche Pension gestrichen hatte. Einen Tag nach seinem Tod beschloss der Nationalkonvent, sie wieder auszuzahlen... zu spät. Geh jetzt nach Norden, über den Campo San Stin und an San Boldo vorbei, bis sich der Campo San Giacomo dell'Orio öffnet.

  6. 6. Campo San Giacomo dell'Orio – Sarde in saor

    Campo San Giacomo dell'Orio, Santa Croce, 30135 Venezia VE, Italy

    Hier ist Venedig ganz bei sich: Campo San Giacomo dell'Orio, ein großer Platz mit Bäumen, Kinder mit Bällen, Großmütter auf den Bänken, und mittendrin eine Kirche, so verwinkelt gewachsen, dass sie keine richtige Hauptfassade hat. Innen trägt ein hölzernes Dach in Form eines umgedrehten Schiffsrumpfs den Raum. Gezimmert, so sagt man, von Leuten, die sonst Schiffe bauten.

    Der Name ist ein Rätsel. Orio könnte von einem Lorbeerbaum, alloro, kommen, der hier gestanden haben soll, oder von einem Wolf, lupo, oder schlicht von einem Ufer, rio. Die Venezianer streiten darüber mit demselben Vergnügen, mit dem sie über das richtige Rezept jenes Gerichts streiten, um das es an dieser Station geht: sarde in saor.

    Sarde in saor sind frittierte Sardinen, die in einer Marinade aus langsam gedünsteten Zwiebeln und Essig, oft mit Rosinen und Pinienkernen, mindestens eine Nacht lang durchziehen. Saor heißt Geschmack. Ursprünglich war das Essen für Seeleute: Essig und Zwiebeln hielten den Fisch tagelang haltbar, und die Zwiebeln, so glaubte man, schützten vor Skorbut. Rosinen und Pinienkerne kamen in der reicheren, süßsauren Variante dazu, und die verrät, wie viel Orient in der venezianischen Küche steckt.

    Einen festen Termin haben die Sardinen auch: das Fest des Redentore am dritten Wochenende im Juli. Es erinnert an die Pest von 1575 bis 1577, die einen großen Teil der Bevölkerung tötete. Der Senat gelobte damals eine Kirche für den Erlöser auf der Giudecca, Palladios Redentore. Seither feiern die Venezianer in der Nacht zum Sonntag auf Booten und an den Ufern, mit Feuerwerk über dem Bacino und Tellern voller sarde in saor.

    Setz dich kurz auf eine Bank und schau, wer vorbeikommt. Kaum Reisegruppen, viele Nachbarn. Das ist selten geworden in einer Altstadt, deren Einwohnerzahl seit Jahrzehnten sinkt. Dann geh nach Norden, Richtung Canal Grande, durch die schmalen Gassen bis zur Riva de Biasio, dem langen Ufer mit der Vaporetto-Station.

  7. 7. Riva de Biasio – die Legende vom Wursthändler

    Riva de Biasio, Santa Croce, 30135 Venezia VE, Italy

    An der Riva de Biasio liegt dir der Canal Grande offen zu Füßen, gegenüber die Paläste und Kirchtürme von Cannaregio, links in der Ferne der Bahnhof. Hier halten die Vaporetti der Linie 1, und an warmen Abenden sitzen Nachbarn auf der Kante, die Füße über dem Wasser. Ein Ufer wie viele andere, könnte man meinen. Aber sein Name erzählt eine der finstersten Geschichten der Stadt, und sie handelt, leider, von Wurst.

    Biasio, so erzählt die Legende, war ein luganegher, ein Wursthändler, der hier am Ufer seinen Laden hatte. Seine Würste und vor allem ein würziger Eintopf namens sguazeto waren berühmt, die Leute standen Schlange. Bis eines Tages ein Kunde in seiner Schüssel etwas fand, das dort nicht hineingehörte: einen kleinen Finger. Biasio, heißt es, hatte Kinder getötet und verarbeitet.

    Die Strafe soll fürchterlich gewesen sein: Man habe ihn hingerichtet, seinen Laden zerstört, und das Ufer trage seither seinen Namen, als ewige Mahnung. Einen sicheren Beleg für diese Geschichte haben Historiker nie gefunden, und manche halten Biasio schlicht für einen ganz harmlosen Anwohner, nach dem das Ufer benannt wurde. Die Venezianer erzählen sie trotzdem seit Generationen weiter, mit wohligem Schauder.

    Die luganega selbst hat einen viel friedlicheren Ruf. Ihr Name geht wohl auf die lucanica zurück, eine Wurst, die schon die alten Römer kannten und nach der Landschaft Lukanien in Süditalien benannten. In Venedig bildeten die luganegheri eine eigene Zunft mit eigenen Regeln, und eine milde Schweinswurst gleichen Namens gibt es im Veneto bis heute, gegrillt oder im Risotto.

    Überhaupt hat Venedig seine Gassen nach allem benannt, was man essen und trinken kann: Calle del Forno nach dem Backofen, Calle del Pistor nach dem Bäcker, Calle dei Botteri nach den Fassmachern, Calle del Luganegher nach dem Wursthändler. Ein Stadtplan wie eine Speisekarte. Geh jetzt durch die Gassen hinter dem Ufer nach Osten, bis zu dem langen weißen Palast mit den vielen Bögen am Wasser: dem Fondaco dei Turchi.

  8. 8. Fondaco dei Turchi & Megio – Türkenkorn und Notreserve

    Salizada del Fontego dei Turchi, Santa Croce 1730, 30135 Venezia VE, Italy

    Vor dir reiht sich eine weiße Bogengalerie an die nächste, eingerahmt von zwei kleinen Ecktürmen: der Fondaco dei Turchi. Er geht auf einen venezianisch-byzantinischen Palast des 13. Jahrhunderts zurück, wurde im 19. Jahrhundert allerdings so gründlich restauriert, dass Kritiker eher von einem Neubau sprachen. Sein Gegenstück, das Haus der Deutschen, hast du am Anfang gesehen. Hier wohnten und handelten von 1621 an die Kaufleute des Osmanischen Reiches.

    Türken nannte Venedig alle Untertanen des Sultans, Händler aus Bosnien, Albanien oder Konstantinopel. Sie lebten hier unter strengen Regeln, mit eigenem Bad, eigenem Gebetsraum und Lagern für ihre Waren. Frauen und Kinder durften nicht hinein, und nachts wurde abgeschlossen. Venedig führte immer wieder Krieg gegen das Osmanische Reich und machte zugleich glänzende Geschäfte mit ihm. Bis 1838 blieb das Haus in Betrieb.

    Auf deinem Teller hat dieses Verhältnis Spuren hinterlassen. Als der Mais aus Amerika ins Veneto kam, nannte man ihn granoturco, türkisches Korn, weil damals fast alles Fremde und Exotische eben türkisch hieß. Aus diesem Mais wurde die Polenta, die heute neben Leber, Stockfisch und Sardinen auf dem Teller liegt, gelb oder, typisch für die Lagune, weiß. Auf dem Land wurde sie zur Armennahrung, und die einseitige Maiskost brachte im 19. Jahrhundert die Pellagra, eine schwere Mangelkrankheit, in viele Dörfer des Veneto.

    Gleich nebenan, ein schlichter Ziegelbau mit Zinnen und einem Markuslöwen an der Fassade, steht der Megio, ein Speicher aus dem 15. Jahrhundert. Megio heißt Hirse, und hier lagerte die Republik ihre Notreserve, denn Hirse hält sich jahrelang. Eine Stadt im Wasser, ohne eigene Felder, lebte in ständiger Angst vor Hunger und Belagerung. Eigene Behörden überwachten Getreidepreise und Vorräte, damit das Brot nie ausging.

    Heute beherbergt der Fondaco dei Turchi das Naturkundemuseum der Stadt, samt Dinosaurierskelett aus der Sahara. Wir aber kehren zurück zum Bauch des Rialto, zu Fleisch, Fisch und Wein. Geh über den Campo San Stae und durch die Gassen nach Osten, an Santa Maria Mater Domini vorbei, bis zum Campo San Cassiano.

  9. 9. Campo San Cassiano – Leber, Oper und Rotlicht

    Campo San Cassiano, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Campo San Cassiano ist kein Postkartenplatz: eine Kirche mit schlichter Fassade, ein Kanal an der Seite, eine Brücke. Innen hängt eine große Kreuzigung von Tintoretto. Doch hinter der Unscheinbarkeit verbirgt sich mehr. In dieser Gegend öffnete 1637 das Teatro San Cassiano, das erste öffentliche Opernhaus der Welt, in das jeder gegen Eintritt hineindurfte. Und ein paar Schritte weiter schlug das Herz des Fleischhandels.

    Am Campo de le Becarie, zwischen hier und dem Fischmarkt, standen die beccherie, die Fleischhallen der Stadt. Der Name ist geblieben, auch wenn die Metzger längst verschwunden sind; im 19. Jahrhundert wanderte das Schlachten an den Stadtrand, in einen neuen Schlachthof in Cannaregio. Gutes Rindfleisch war für die meisten Venezianer ein seltenes Festessen. Innereien dagegen waren billig, und aus ihnen machte die Stadt eine Kunst.

    Das beste Beispiel: fegato alla veneziana, Kalbsleber nach venezianischer Art. Die Leber wird in hauchdünne Streifen geschnitten und nur ganz kurz mit einem Berg langsam geschmorter Zwiebeln geschwenkt, dazu weiße Polenta. Das Wort fegato stammt übrigens vom lateinischen ficatum, der mit Feigen gemästeten Leber der Römer. Die Venezianer, so erzählt man, ersetzten die teuren Feigen einfach durch süße Zwiebeln.

    Auch die Kehrseite des Rialto lag gleich um die Ecke. Hinter San Cassiano beginnen die Carampane, das alte Viertel der Prostituierten, das die Republik hier bündeln wollte. Ganz in der Nähe führt der Ponte de le Tette über den Kanal, die Brücke der Brüste. Der Legende nach mussten sich die Frauen dort mit entblößtem Oberkörper zeigen, um Kunden anzulocken. Am Rialto wurde jede Art von Hunger bedient.

    Dass ausgerechnet hier die öffentliche Oper erfunden wurde, ist kein Zufall. Wo Kaufleute, Seeleute und Fremde aus aller Welt Geld ausgaben, gab es ein zahlendes Publikum, und Unterhaltung wurde ein Geschäft wie Pfeffer oder Wein. Geh jetzt nach Osten, zurück Richtung Markt, bis du kurz vor der Ruga Vecchia San Giovanni in die schmale Calle dei Do Mori einbiegst.

  10. 10. Cantina Do Mori – der alte Bacaro

    Calle dei Do Mori, San Polo 429, 30125 Venezia VE, Italy

    Zieh den Kopf ein und tritt in die Calle dei Do Mori, wo eine schmale Tür in einen dunklen Raum führt: Holzbalken, eine lange Theke, und von der Decke hängen Dutzende Kupferkessel. Die Cantina Do Mori gilt als einer der ältesten bacari Venedigs. Die Überlieferung sagt, hier werde seit 1462 ausgeschenkt. Beweisen kann das niemand, aber kaum ein Ort in der Stadt fühlt sich so alt an.

    Do Mori heißt die zwei Mohren, und woher der Name genau stammt, ist ungewiss. Klar ist dagegen die Gebrauchsanweisung: Gegessen und getrunken wird im Stehen, man zeigt auf die Theke und bekommt, was man will. Berühmt sind die francobolli, die Briefmarken: winzige, weiche Sandwiches, kaum größer als ein Bissen, gerade genug für ein Glas Wein. Und in den alten bacari findest du oft auch nervetti, gekochten Kalbsknorpel mit Zwiebeln und Petersilie, ein Klassiker der einstigen Arbeiterküche.

    Natürlich behauptet die Legende auch, Giacomo Casanova sei hier Stammgast gewesen und habe zwischen zwei Gläsern seine Verabredungen geplant. Belegt ist das nicht. Aber es würde passen: Der Rialto war im 18. Jahrhundert der Ort, an dem man sich traf, Gerüchte tauschte und Geschäfte machte, bevor man abends in die Theater und Spielhäuser weiterzog.

    Hinter der Gemütlichkeit steckt eine ernsthafte Kultur. Ein bacaro ist kein Restaurant und keine Kneipe im deutschen Sinn, sondern ein Treffpunkt des Viertels, wo Markthändler ihre erste ombra trinken und Nachbarn sich auf den neuesten Stand bringen. Viele dieser Lokale haben in den letzten Jahrzehnten aufgegeben, weil die Mieten steigen und die Einwohner abwandern. Jeder alte bacaro, der überlebt, ist darum ein Stück Stadtgeschichte.

    Wenn du ein Glas trinkst, dann so wie die Venezianer: kurz, im Stehen, mit einem Happen, und dann weiter. Wir ziehen jetzt zum lautesten Ort des Viertels. Geh nach Norden und folge dem Geruch von Salzwasser und Eis bis zu der großen offenen Halle am Canal Grande: der Pescaria.

  11. 11. Pescaria – der Fischmarkt am Rialto

    Campo de la Pescaria, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Hörst du es? Händler, die ihre Ware ausrufen, das Scheppern von Eiskisten, Möwen, die auf ihre Chance lauern. Unter den hohen neugotischen Bögen der Pescaria liegt auf langen Tischen, was die Lagune und die Adria an diesem Morgen hergegeben haben. Fisch wird an dieser Stelle seit dem Mittelalter verkauft, doch die Halle ist jünger, als sie aussieht: Sie wurde 1907 eröffnet, entworfen von Domenico Rupolo gemeinsam mit dem Maler Cesare Laurenti im Stil der alten gotischen Loggien.

    Schau dir die Steinmetzarbeiten genau an: Zwischen den gotisch anmutenden Formen tauchen Meerestiere auf, Fische, Krebse, Muscheln. Und am Markt erinnert eine alte Steintafel daran, dass die Republik Mindestgrößen festlegte, unter denen ein Fisch nicht verkauft werden durfte. Nachhaltigkeit, Jahrhunderte bevor es das Wort gab.

    Was hier liegt, wechselt mit den Jahreszeiten, und genau das ist der Reiz. Im Frühjahr und im Herbst die moeche, kleine Krebse, die sich gerade gehäutet haben und mit weichem Panzer frittiert und ganz gegessen werden, eine Spezialität der Lagune. Dazu schie, winzige graue Garnelen, folpi, Seezungen, Sardinen und die großen Jakobsmuscheln, die capesante. Frag ruhig, was heute gut ist. Die Antwort ist oft ein kleiner Vortrag.

    Doch der Markt kämpft. Immer weniger Menschen wohnen in der Altstadt, immer weniger kaufen hier ein, und die Zahl der Stände ist über die Jahrzehnte deutlich geschrumpft. Auch die Lagune selbst steht unter Druck: durch Erosion, steigende Temperaturen und Neuankömmlinge wie die Blaukrabbe, die sich in den letzten Jahren in der nördlichen Adria stark ausgebreitet hat und den Muschelzüchtern schwer zu schaffen macht.

    Am frühen Morgen siehst du hier auch die Köche der Stadt beim Einkaufen. Und gleich daneben setzt der traghetto über, eine Gondelfähre, in der die Venezianer traditionell stehend über den Canal Grande fahren. Wir aber bleiben auf dieser Seite. Geh am Wasser entlang nach Süden, an den Obst- und Gemüseständen der Erberia vorbei, bis zu der kleinen Kirche mit der großen Uhr: San Giacomo di Rialto.

  12. 12. Campo San Giacomo di Rialto – Gobbo, Goldschmiede und Erberia

    Campo San Giacomo di Rialto, San Polo, 30125 Venezia VE, Italy

    Du stehst auf dem Campo San Giacomo di Rialto, umgeben von Arkaden, Marktständen und einer winzigen Kirche mit einer riesigen Uhr. San Giacomo, die Venezianer sagen liebevoll San Giacometo, soll der Legende nach im Jahr 421 gegründet worden sein, am selben Tag wie Venedig selbst. Das ist eine schöne Erfindung, aber die Kirche gehört trotzdem zu den ältesten der Stadt.

    Geh um die Kirche herum zur Apsis: Dort mahnt eine lateinische Inschrift die Kaufleute, ehrlich zu wiegen, gerechte Verträge zu schließen und nicht zu betrügen. Mehr Wirtschaftsethik passt kaum auf eine Mauer. Unter diesen Arkaden saßen die Geldwechsler und Bankiers an ihren Tischen, den banchi, und 1587 entstand hier mit dem Banco della Piazza di Rialto eine der ersten öffentlichen Banken Europas.

    Auf der anderen Seite des Platzes kauert eine Steinfigur unter einer kleinen Treppe: der Gobbo di Rialto, der Bucklige, 1541 von Pietro da Salò gemeißelt. Von dem Podest über ihm wurden die Gesetze der Republik verlesen. Und wer wegen kleiner Vergehen verurteilt war, so heißt es, musste nackt vom Markusplatz bis hierher laufen, unter Spott und Schlägen, und durfte erst aufatmen, wenn er den Gobbo küsste.

    Von der Brücke her führt die Ruga degli Oresi auf den Platz, die Gasse der Goldschmiede, und dahinter, am Wasser, liegt die Erberia, der Gemüsemarkt. Im Frühling gibt es dort die castraure, die ersten kleinen Artischockenknospen von der Laguneninsel Sant'Erasmo, im Winter den roten, bitteren Radicchio aus Treviso. Gold, Geld, Gemüse und Fisch auf ein paar hundert Metern: Das war der Bauch und die Brieftasche Venedigs.

    Damit endet unser Rundgang, genau dort, wo ein guter Tag in Venedig enden sollte: an einer Theke. Gönn dir eine ombra, ein Stück Brot mit baccalà mantecato oder ein paar sarde in saor, und schau den Händlern zu, wie sie ihre Stände abbauen. Der Fondaco dei Tedeschi, wo alles begann, liegt nur ein paar Schritte entfernt auf der anderen Seite der Brücke. Salute, wie man hier sagt.