Goethe in Rom: Auf den Spuren der Italienischen Reise und der deutschen Künstler
Von der Porta del Popolo über Goethes Wohnung am Corso, das Caffè Greco und die Spanische Treppe bis zum Pincio: Rom mit den Augen Goethes, Angelika Kauffmanns und der Nazarener
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1. Porta del Popolo: Goethes Ankunft in Rom
Piazza del Popolo 12, 00187 Roma RM, Italy
Stell dich vor die Innenseite des großen Stadttors, dort, wo der weite Platz mit dem Obelisken beginnt. Durch genau dieses Tor rollte am 29. Oktober 1786 eine Kutsche aus dem Norden, und darin saß ein siebenunddreißigjähriger Mann, der sich als deutscher Maler Filippo Miller ausgab. In Wahrheit war er Geheimer Rat am Hof von Weimar und der berühmteste Dichter Deutschlands: Johann Wolfgang Goethe.
Er war heimlich aufgebrochen. Am 3. September hatte er sich um drei Uhr früh aus dem Kurort Karlsbad davongestohlen, ohne irgendjemandem zu verraten, wohin er wollte. Die Sehnsucht nach Rom, schrieb er, sei in den letzten Jahren zu einer Art Krankheit geworden. Erst unter der Porta del Popolo sei er sich sicher gewesen, Rom wirklich zu haben. Seinen ersten Brief aus der Stadt datierte er auf den 1. November.
Was Goethe hier sah, siehst du heute fast genauso. Die Innenseite des Tors hatte Bernini 1655 für den Einzug von Königin Christina von Schweden gestaltet, die ihren Thron aufgegeben hatte und katholisch geworden war. Die Inschrift wünscht bis heute jedem Ankommenden einen glücklichen und gesegneten Einzug. In der Mitte des Platzes steht ein ägyptischer Obelisk, den Kaiser Augustus nach Rom holen ließ und den Papst Sixtus der Fünfte 1589 hier aufrichtete. Merk ihn dir... er begegnet dir später noch einmal.
Direkt neben dem Tor steht die Kirche Santa Maria del Popolo. Die Legende sagt, hier habe der Geist Kaiser Neros gespukt, bis Papst Paschalis der Zweite 1099 einen verfluchten Nussbaum fällen und eine Kapelle bauen ließ. Und ein anderer Deutscher war schon lange vor Goethe hier: Der Überlieferung nach wohnte der junge Augustinermönch Martin Luther um 1510 im Kloster nebenan, als er nach Rom pilgerte. Drinnen hängen zwei Gemälde von Caravaggio, und eine Kapelle entwarf Raffael für den Bankier Agostino Chigi.
Goethe bewunderte solche Kirchen, aber sein Herz gehörte der Antike und dem Leben auf der Straße. Und die wichtigste Straße lag direkt vor ihm. Schau zwischen die beiden fast gleichen Kirchen am Südende des Platzes: Die mittlere Straße ist die Via del Corso. Folge ihr ein paar hundert Schritte und achte auf ein Haus mit einer Gedenktafel an der Fassade... dort hat er gewohnt.
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2. Casa di Goethe: Die Wohnung am Corso
Via del Corso 18, 00186 Roma RM, Italy
Vor dir, in diesem unscheinbaren Haus an der Via del Corso, hat Goethe den größten Teil seiner römischen Zeit verbracht. Kein Palast, keine Marmortreppe, nur ein paar Zimmer über dem Lärm der Straße, auf der damals Kutschen, Händler und im Karneval sogar Pferderennen vorbeizogen. Und doch begann hier, wie er selbst sagte, ein zweites Leben.
Goethe zog hier bei seinem Landsmann Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein, einem Maler aus Hessen, der schon seit einigen Jahren in Rom lebte. Die Zimmer gehörten einer römischen Familie, und im Haus wohnten noch andere junge deutsche Künstler. Für den Geheimrat aus Weimar war das eine völlig neue Welt. Er zeichnete, besuchte Ateliers und nahm Unterricht in Perspektive, als wolle er doch noch Maler werden. Im Dezember schrieb er, er zähle den Tag, an dem er Rom betrat, als zweiten Geburtstag, als wahre Wiedergeburt.
Tischbein hat Goethe hier gezeichnet, von hinten, wie er sich lässig aus dem Fenster lehnt und auf den Corso hinunterschaut. Ein privater, fast intimer Moment. Und er malte das berühmteste Goethe-Bild überhaupt: Goethe in der Campagna, im weiten hellen Reisemantel und mit breitem Hut zwischen antiken Trümmern gelagert. Es hängt heute im Städel in Frankfurt. Schau es dir irgendwann genau an... Goethe scheint dort zwei linke Füße zu haben.
Hier arbeitete Goethe auch hart. Er goss seine Iphigenie von Prosa in Verse, vollendete den Egmont und schrieb am Tasso und am Faust. Er erlebte den römischen Karneval vor seiner Haustür, mit Masken, Konfetti und reiterlosen Pferden, die den Corso hinunterjagten, und widmete ihm später eine eigene Schrift. In den Römischen Elegien besang er eine Geliebte namens Faustine. Wer sie war und ob es sie überhaupt gab, darüber rätselt die Forschung bis heute.
Heute ist die Wohnung ein kleines Museum mit Zeichnungen, Briefen und Erstausgaben, getragen von deutscher Seite. Tritt wieder hinaus, geh die Via del Corso ein kleines Stück weiter nach Süden und biege links in die Via dei Greci. An ihrem Ende, an der Via del Babuino, liegt ein bärtiger Mann aus Stein auf einem Brunnen... und er gilt als der hässlichste Römer der Stadt.
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3. Der Babuino: Roms hässlichster Spötter
Via del Babuino, 00187 Roma RM, Italy
Hier, an der Ecke der Via dei Greci, liegt neben der kleinen Kirche Sant'Atanasio eine Figur auf einem Brunnenbecken: ein bärtiger, verwitterter Mann mit verzogenem Gesicht, der sich lässig auf den Ellbogen stützt. Ursprünglich war er ein Silen, einer der trinkfreudigen Begleiter des Weingottes Bacchus. Aber als die Römer ihn im 16. Jahrhundert hier sahen, fiel ihnen nur ein Vergleich ein: ein Affe.
Sie nannten ihn Babuino, den Pavian, und der Spott setzte sich so durch, dass die Straße, die eigentlich nach Papst Paul dem Dritten Via Paolina hieß, bald nur noch Via del Babuino genannt wurde. Eine Statue, die einem Papst den Straßennamen stiehlt... das gibt es wohl nur in Rom. Der Babuino gehört zu den sechs sprechenden Statuen der Stadt, an die nachts anonyme Spottverse gegen die Mächtigen geheftet wurden.
Die Kirche neben ihm, Sant'Atanasio dei Greci, gehört zum Griechischen Kolleg, das Papst Gregor der Dreizehnte 1577 gründete, damit hier Priester des byzantinischen Ritus ausgebildet werden. Bis heute wird in ihr die Liturgie auf Griechisch gefeiert, und die beiden Glockentürme gehen auf einen Entwurf von Giacomo della Porta zurück. Der Babuino selbst kam übrigens erst 1957 an diese Stelle, nachdem er jahrzehntelang in einem Innenhof verschwunden war.
Zu Goethes Zeit war diese Gegend das Quartier der Fremden. Die reichen Engländer auf ihrer Grand Tour wohnten so dicht um die Piazza di Spagna, dass man vom Ghetto der Engländer sprach. Die Deutschen waren meist ärmer, suchten Kammern in Seitengassen und unter Dächern und teilten sich Ateliers. Goethe beschreibt in seinen Briefen, wie er Tag für Tag mit Tischbein und anderen Künstlern losging, zeichnend und schauend, durch die ganze Stadt.
Und gleich hinter diesen Häusern versteckt sich eine Gasse, in der sich die Künstler später sammelten wie nirgends sonst in Rom. Geh die Via del Babuino ein kleines Stück hinunter und durch die nächste Querstraße links hinüber in die parallele Gasse. Dort wird es plötzlich still.
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4. Via Margutta: Die Gasse der Maler
Via Margutta, 00187 Roma RM, Italy
Plötzlich wird es still. Nur ein paar Schritte vom Verkehr entfernt stehst du in einer schmalen Gasse voller Efeu, Werkstatttüren und Innenhöfe. Ein Stück weiter nördlich lehnt an der Mauer ein kleiner Brunnen mit Staffeleien, Pinseln, einem Zirkel und zwei Masken, einer lachenden und einer traurigen: die Fontana degli Artisti, der Brunnen der Künstler, von 1927. Willkommen in der Via Margutta.
Diese Gasse lag einst im Rücken der vornehmen Häuser an der Via del Babuino, zwischen Ställen, Lagern und Handwerkerbuden. Es gab billigen Raum, Höfe und gutes Licht, und genau das brauchten Maler und Bildhauer. Im 19. Jahrhundert reihten sich hier die Ateliers aneinander, und unter den Mietern waren viele Ausländer: Franzosen, Engländer, Skandinavier und Deutsche, die nach Rom kamen, um zu lernen, zu zeichnen und zu verkaufen.
Denn nach Goethe kam die Welle. Seine Italienische Reise, die er erst rund dreißig Jahre später veröffentlichte, machte Rom für die Deutschen endgültig zum Sehnsuchtsort. Junge Maler wanderten zu Fuß über die Alpen, mit wenig Geld und viel Begeisterung, mieteten sich in Kammern rund um die Spanische Treppe ein und blieben Monate, manchmal Jahre, manchmal für immer. Rund um diese Gassen wuchs eine richtige deutsche Künstlerkolonie.
Im 20. Jahrhundert kam das Kino dazu. In Ein Herz und eine Krone von 1953 wohnt Gregory Peck in dieser Straße, im Haus Nummer 51, und Audrey Hepburn erwacht dort ahnungslos in seinem Pyjama. Und Federico Fellini lebte viele Jahre mit seiner Frau Giulietta Masina in der Via Margutta. Der größte Fantast des italienischen Films wohnte also ausgerechnet in einer der stillsten Gassen der Stadt.
Heute sind manche Ateliers Galerien geworden, andere Werkstätten für Restaurierung und Rahmen, und durch halboffene Tore siehst du noch immer Leinwände und Gipsfiguren. Geh jetzt zurück zur Via del Babuino und hinunter bis zur Piazza di Spagna. Kurz vor der Treppe biegst du rechts in die Via dei Condotti, und nach wenigen Schritten stehst du vor einem Kaffeehaus, das älter ist als die Vereinigten Staaten.
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5. Antico Caffè Greco: Das Wohnzimmer der Deutschen in Rom
Via dei Condotti 86, 00187 Roma RM, Italy
Hier in der Via dei Condotti, zwischen Schaufenstern mit Handtaschen und Uhren, steht ein Haus mit der Nummer 86, über dessen Tür ein schlichter Schriftzug hängt: Antico Caffè Greco. Gegründet wurde es 1760, und es gilt als das älteste Café Roms. Generationen von Gästen saßen in seinen schmalen, rot ausgeschlagenen Räumen, umgeben von Gemälden, Büsten und Erinnerungen an berühmte Besucher.
Den Namen verdankt das Café der Überlieferung nach seinem Gründer, einem Griechen. Schon bald wurde es zum Treffpunkt all jener, die von weit her nach Rom kamen, um Kunst zu sehen und zu machen. Im 19. Jahrhundert war es so sehr der Ort der deutschen Künstler, dass sich viele ihre Post einfach hierher schicken ließen. Wer neu in der Stadt war, kam zuerst hierher, um Landsleute, eine Kammer und vielleicht einen Auftrag zu finden.
Und Goethe? Hier wird es heikel. Die Tradition will, dass auch er hier saß, und der Gedanke ist verführerisch, denn er wohnte nur ein paar Minuten entfernt. Aber in seinen Briefen findet sich dafür kein klarer Beleg. Vielleicht trank er hier seinen Kaffee, vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: Die deutschen Künstler, die nach ihm kamen, machten das Café zu ihrem Wohnzimmer.
Einer der treuesten Gäste war ein König. Ludwig der Erste von Bayern liebte Rom wie kaum ein anderer Deutscher, kam schon als Kronprinz immer wieder für Monate und saß gern mit den Malern zusammen. 1827 kaufte er sich eine Villa oben am Pincio und holte später viele der Künstler, die er hier kennengelernt hatte, nach München. Die Ludwigstraße, die Glyptothek, die Pinakothek... vieles davon ist Rom-Sehnsucht in Stein.
Auch Dichter, Musiker und Philosophen aus ganz Europa gingen hier ein und aus, und Bilder an den Wänden erinnerten an sie. Geh jetzt die wenigen Schritte zurück zur Piazza di Spagna und stell dich unten an die große Treppe, neben den Brunnen in Form eines halb versunkenen Bootes. Dort wartet die traurige Geschichte eines jungen Dichters aus England.
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6. Spanische Treppe und Keats-Shelley-Haus
Piazza di Spagna 26, 00187 Roma RM, Italy
Vor dir steigen 135 Stufen in Schwüngen und Absätzen zu der Kirche mit den zwei Türmen hinauf, und zu deinen Füßen liegt ein Brunnen in Form eines leckgeschlagenen Bootes, die Barcaccia. Sie soll an ein Hochwasser erinnern, bei dem der Tiber ein Boot bis hierher getragen habe. Gebaut hat sie Pietro Bernini, der Vater des berühmten Gian Lorenzo, und vielleicht hat der Sohn schon mitgeholfen.
Die Treppe ist jünger, als man denkt. Sie wurde erst von 1723 bis 1726 gebaut, mit französischem Geld, um die französische Kirche oben mit dem Platz unten zu verbinden, der wiederum nach der spanischen Botschaft heißt. Ein Kompromiss zweier Großmächte, aus Travertin. Als Goethe hier vorbeikam, war sie also gerade sechzig Jahre alt. Und im 19. Jahrhundert saßen auf den Stufen Männer und Frauen in Trachten aus den Bergdörfern und warteten darauf, dass ein Maler sie als Modell anheuerte.
Jetzt schau nach rechts auf das Haus direkt neben der Treppe. Im Februar 1821 starb dort im Alter von nur 25 Jahren der englische Dichter John Keats an Tuberkulose. Er war nach Rom gekommen, weil die Ärzte ihm das milde Klima empfahlen. Aus seinem Zimmer hörte er das Plätschern der Barcaccia, und auf seinen Grabstein ließ er schreiben, hier liege einer, dessen Name in Wasser geschrieben sei.
Das Haus ist heute ein Museum für Keats und seinen Freund Percy Bysshe Shelley, der ein Jahr später vor der italienischen Küste ertrank. Für diese jungen Romantiker war Rom, was es für Goethe gewesen war, ein Ort der Verwandlung. Nur fuhr Goethe nach Hause, um weiterzuleben, und sie fanden hier ihr Ende. Beide liegen heute auf dem nichtkatholischen Friedhof bei der Cestius-Pyramide... wie übrigens auch Goethes Sohn August.
Noch steigen wir die Treppe nicht hinauf. Erst machen wir einen kleinen Umweg zu einer Frau, die für Goethe in Rom wichtiger war als alle Dichter. Geh am Südende des Platzes weiter in die Via di Propaganda und dann links in die Via di Sant'Andrea delle Fratte, bis über den Dächern ein seltsamer Glockenturm auftaucht.
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7. Sant'Andrea delle Fratte: Berninis Engel und Angelika Kauffmann
Via di Sant'Andrea delle Fratte 1, 00187 Roma RM, Italy
Bleib in der schmalen Gasse stehen und schau über die Kirche hinauf: Dort sitzt ein Glockenturm wie eine Hochzeitstorte aus Stein, mit Engelsfiguren, Säulchen und einer Krone aus Schnecken. Er stammt von Francesco Borromini. Doch wir sind wegen einer Frau hier, ohne die Goethes Zeit in Rom um vieles ärmer gewesen wäre.
Angelika Kauffmann, 1741 in Chur geboren, mit Wurzeln im Bregenzerwald, war eine Ausnahmeerscheinung. Sie hatte in London Karriere gemacht und gehörte als eine von nur zwei Frauen zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy. Ab 1782 lebte sie in Rom, ganz in der Nähe, oben an der Via Sistina, und ihr Haus wurde zum Treffpunkt von Künstlern, Gelehrten und Fürsten aus ganz Europa. Goethe kam fast jeden Sonntag, und sie zog mit ihm durch Galerien und Sammlungen.
Sie malte auch sein Porträt, 1787. Goethe blieb höflich, aber ehrlich: Es sei immer ein hübscher Bursche, schrieb er nach Hause, aber keine Spur von ihm. Angelika ärgerte sich, dass es nicht gelingen wollte, und trotzdem blieben die beiden eng befreundet. Als Goethe 1788 abreiste, fiel ihm kaum ein Abschied so schwer wie dieser. Wiedergesehen haben sie sich nie.
Angelika Kauffmann starb im November 1807 in Rom. Ihr Begräbnis richtete der große Bildhauer Antonio Canova aus, und es wurde eines der prächtigsten, das die Stadt für eine Künstlerin je erlebt hatte: Ihre Gemälde wurden im Trauerzug vorangetragen, wie einst bei Raffael. Hier, in Sant'Andrea delle Fratte, fand sie ihre letzte Ruhe. Eine Frau aus den Alpen, begraben wie eine Fürstin der Kunst.
Und dann sind da noch die Engel. Neben dem Altar stehen zwei Marmorengel von Gian Lorenzo Bernini, gemeißelt für eine Brücke über den Tiber. Doch der Papst fand sie zu schön, um sie Wind und Wetter auszusetzen, und ließ Kopien auf die Brücke stellen. Die Originale landeten schließlich hier. Geh jetzt die Via di Capo le Case nach Osten und dann hinauf zur Via degli Artisti, wo eine kleine Kirche über einer Treppe wartet.
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8. Sant'Isidoro: Das Kloster der Nazarener
Via degli Artisti 41, 00187 Roma RM, Italy
Steig die Stufen hinauf zu der kleinen Kirche, die etwas erhöht über der Straße liegt, fast versteckt zwischen Wohnhäusern. Das ist Sant'Isidoro, seit fast vierhundert Jahren ein Kolleg irischer Franziskaner. Und hier, in einem leeren Kloster, wohnte vor über zweihundert Jahren eine Gruppe junger Deutscher, die die Kunstgeschichte ihres Landes verändern sollte.
1810 kamen sie aus Wien: Friedrich Overbeck aus Lübeck, Franz Pforr aus Frankfurt und ein paar Freunde. In Wien hatten sie gegen den steifen Unterricht der Akademie rebelliert und einen Bund gegründet, den Lukasbund, benannt nach dem Schutzpatron der Maler. Sie wollten malen wie Dürer und die italienischen Meister vor der Hochrenaissance, schlicht, fromm und ehrlich, und Rom war ihr gelobtes Land. Weil unter Napoleon die Klöster aufgehoben worden waren, stand Sant'Isidoro leer, und die jungen Maler zogen ein.
Sie lebten wie Mönche, jeder in einer Zelle, malten tagsüber und zeichneten abends gemeinsam bei Kerzenlicht. Und sie trugen die Haare lang und in der Mitte gescheitelt, so wie man sich Jesus von Nazareth vorstellte. Die Römer fanden das so komisch, dass sie ihnen einen Spitznamen gaben: i Nazareni, die Nazarener. Aus dem Spott wurde der Name einer ganzen Kunstrichtung.
Doch das Kloster brachte nicht nur Glück. Franz Pforr, der zartere der beiden Freunde, erkrankte an Tuberkulose und starb 1812 mit nur 24 Jahren in Albano. Overbeck blieb, trat zum katholischen Glauben über und lebte bis zu seinem Tod 1869 in Rom, fast sechzig Jahre lang. Andere kamen hinzu, Peter Cornelius, Philipp Veit, Wilhelm Schadow, und für eine Weile war Rom die heimliche Hauptstadt der deutschen Malerei.
Ihr erstes großes Gemeinschaftswerk entstand übrigens nur ein paar hundert Meter von hier, in einem Palast, den du gleich sehen wirst. Geh hinunter zur Via Sistina und folge ihr nach Westen, Richtung Spanische Treppe. Kurz vor dem Platz an ihrem Ende biegst du scharf links in die Via Gregoriana, und nach wenigen Schritten wartet ein Haus mit einem Maul... einem richtigen, weit aufgerissenen Maul.
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9. Palazzo Zuccari: Das Monstermaul und die Bibliotheca Hertziana
Via Gregoriana 28, 00187 Roma RM, Italy
Geh bis vor die Tür mit der Nummer 28 und erschrick ruhig ein bisschen, das ist erlaubt. Der ganze Eingang ist ein riesiges, aufgerissenes Maul: Augen über dem Türsturz, eine gerümpfte Nase, und der Türrahmen selbst ist der Schlund. Wer hier hineingeht, wird gewissermaßen verschluckt. Auch die Fenster daneben sind Fratzen. Willkommen am Palazzo Zuccari, dem wohl verrücktesten Hauseingang Roms.
Gebaut hat ihn um 1590 Federico Zuccari, ein erfolgreicher Maler der Spätrenaissance, als Wohnhaus und Atelier. Das Maul spielt mit der Fantasiewelt der Renaissancegärten, ein bisschen Grusel, ein bisschen Witz, und vielleicht auch ein wenig Werbung für den eigenen Einfallsreichtum. Zuccari war der erste Präsident der neuen römischen Malerakademie von San Luca, und er wünschte sich, dass sein Haus später jungen Künstlern offenstehe, die sich in Rom keine Unterkunft leisten konnten.
Und jetzt kommt die Verbindung zu Sant'Isidoro. Anfang des 19. Jahrhunderts wohnte hier der preußische Generalkonsul Jakob Salomon Bartholdy, ein Onkel des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. 1816 ließ er einen Raum von den Nazarenern ausmalen: Cornelius, Overbeck, Veit und Schadow erzählten in Fresken die Geschichte des ägyptischen Josef. Später wurden die Fresken von der Wand genommen und nach Berlin gebracht, wo du sie heute in der Alten Nationalgalerie sehen kannst.
Rund hundert Jahre danach kam eine Frau, die aus diesem Haus etwas ganz Besonderes machte. Henriette Hertz, Kunstsammlerin und Mäzenin aus Köln, kaufte den Palast 1904 und vermachte ihn bei ihrem Tod 1913 mitsamt ihrer Bibliothek der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. So entstand die Bibliotheca Hertziana, heute das Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte und eine der bedeutendsten Bibliotheken zur italienischen Kunst überhaupt.
Wenn du also eine Forscherin mit einem Stapel Bücher durch das Maul gehen siehst: Sie wird nicht gefressen, sie geht nur arbeiten. Geh jetzt hinauf auf den Platz vor der Kirche Trinità dei Monti. Der Obelisk dort hat eine Pointe für dich: Seine Hieroglyphen wurden vom Obelisken auf der Piazza del Popolo abgeschrieben, und aufgestellt wurde er erst 1789, als Goethe längst wieder in Weimar war. Folge dann der Allee links am Hang entlang nach Norden.
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10. Villa Medici: Die Akademie der Franzosen
Viale della Trinità dei Monti 1, 00187 Roma RM, Italy
Vor dir steht ein langes, eher strenges Gebäude, und davor plätschert unter mächtigen Steineichen ein Brunnen, aus dessen Schale eine steinerne Kugel ragt. Das ist die Villa Medici. Von der Straßenseite wirkt sie fast wie eine Festung, doch ihre Gartenfassade ist mit antiken Reliefs übersät wie ein Museum unter freiem Himmel.
Die Legende sagt, Königin Christina von Schweden, die du schon am Stadttor kennengelernt hast, habe diese Kugel aus einer Kanone abgefeuert, quer über die Stadt, um den Hausherrn auf ziemlich unhöfliche Art an eine Verabredung zu erinnern. Wahr ist das sicher nicht... aber man wünscht sich ein bisschen, dass es wahr wäre.
Kardinal Ferdinando de' Medici kaufte die Villa 1576 und füllte sie mit antiken Skulpturen. 1633 wohnte hier Galileo Galilei, während er auf seinen Prozess wartete, als Gast des toskanischen Botschafters, in einer Art komfortabler Haft. Der Spanier Diego Velázquez malte im Garten zwei kleine Ansichten, flüchtig und voller Licht, die heute im Prado in Madrid hängen. Und 1803 machte Napoleon die Villa zum Sitz der Französischen Akademie. Hierher kamen die Gewinner des Prix de Rome, junge Maler, Bildhauer, Architekten und Komponisten aus Paris, auf Staatskosten und für mehrere Jahre.
Hier wird der Unterschied zu den Deutschen spürbar. Die Franzosen hatten eine prächtige Villa, Stipendien und einen Direktor, eine Zeit lang sogar den Maler Ingres. Die Deutschen hatten Kammern in Hinterhöfen, ein Café und ein leerstehendes Kloster. Eine eigene deutsche Akademie, die Villa Massimo, entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter den französischen Stipendiaten war übrigens auch Hector Berlioz, der sich in all der Pracht ziemlich gelangweilt haben soll.
Folge jetzt der Allee weiter nach Norden. Der Hang wird zum Park, die Bäume werden höher, und nach wenigen Minuten öffnet sich vor dir eine große Terrasse mit steinerner Balustrade. Dort, hoch über der Piazza del Popolo, wo unser Spaziergang begann, endet er auch.
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11. Terrazza del Pincio: Goethes Abschied von Rom
Piazzale Napoleone I, 00187 Roma RM, Italy
Tritt an die Balustrade und schau hinunter: Unter dir liegt die Piazza del Popolo mit dem Obelisken und den beiden Kirchen, dahinter ein Meer aus Dächern, und am Horizont die Kuppel von Sankt Peter. Unten am Tor hat dein Spaziergang begonnen, und hier oben schließt sich der Kreis. Kaum ein Ort in Rom eignet sich besser, um Abschied zu nehmen.
Diese Terrasse kannte Goethe allerdings noch nicht. Sie wurde erst nach seiner Zeit angelegt, ab 1809 von Giuseppe Valadier, während der französischen Herrschaft über Rom. Zu Goethes Zeit war der Pincio ein Hügel voller Weinberge und Klostergärten, und die Büsten berühmter Italiener, die heute die Wege säumen, kamen noch später. Doch der Park nebenan, die Villa Borghese, war damals schon da... und der hat in der deutschen Literatur einen Ehrenplatz.
Denn im Garten der Villa Borghese schrieb Goethe 1788 eine Szene, die bis heute fast jedes Schulkind in Deutschland kennt: die Hexenküche aus dem Faust. Stell dir das vor... zwischen Pinien und antiken Statuen, im römischen Frühling, schreibt er über Meerkatzen, einen Zaubertrank und das Hexeneinmaleins. Etwas tiefer im Park steht übrigens auch ein Goethe-Denkmal, ein Geschenk des deutschen Kaisers an die Stadt Rom, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Im April 1788 musste Goethe zurück nach Weimar. In den letzten Nächten schien der Vollmond, und er lief durch die stille Stadt, den Corso entlang und hinauf zum Kapitol, und dachte an den Dichter Ovid, der Rom einst ins Exil verlassen musste. Noch als alter Mann sagte er zu seinem Vertrauten Eckermann, nur in Rom habe er empfunden, was eigentlich ein Mensch sei, und zu diesem Glück sei er später nie wieder gekommen.
Und dann ist da noch der Sohn. August von Goethe reiste 1830 nach Rom, auf den Spuren des Vaters, und starb hier mit vierzig Jahren. Auf seinem Grabstein steht nicht einmal sein Vorname, nur Goethe filius, Goethes Sohn, der dem Vater im Tod vorausging. Lass den Blick noch einmal über die Dächer wandern, die Goethe so geliebt hat. Hier endet unsere Reise auf seinen Spuren... und vielleicht beginnt gerade deine eigene.