Prag Vyšehrad: Libuše, die Moldau und der Felsen der Legenden
Vom Emmauskloster an der Moldau entlang zu den Flößern von Podskalí, zu kubistischen Häusern und hinauf auf den Vyšehrad, zu Rotunde, Basilika, Slavín und dem Felsen, auf dem Libuše eine Stadt vorhersah
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1. Emmauskloster: Die Abtei der Slawen und die Betonsegel
Vyšehradská 49/320, 128 00 Praha 2, Czechia
Vor dir ragen über einer gotischen Kirche zwei weiße, geschwungene Spitzen in den Himmel, die sich oben fast berühren, wie zwei Segel oder zwei Hände beim Gebet. Mittelalter unten, Beton oben... und genau an dieser Naht erzählt das Emmauskloster seine ganze Geschichte.
Gegründet hat es Kaiser Karl IV. im Jahr 1347, und er hatte etwas ganz Besonderes vor. Er holte Benediktiner aus Kroatien, die ihre Gottesdienste nicht auf Latein feierten, sondern in kirchenslawischer Sprache, geschrieben in der alten glagolitischen Schrift. Deshalb heißt der Ort bis heute Na Slovanech, Bei den Slawen. Karl, Sohn einer Přemyslidin und eines Luxemburgers, wollte eine Brücke zwischen der lateinischen und der slawischen Welt bauen, mitten in seiner neuen Stadt. Die Mönche schrieben hier auch Handschriften, und der kirchenslawische Teil des Evangeliars von Reims, auf das später französische Könige ihren Krönungseid ablegten, soll in diesem Kloster entstanden sein.
Geweiht wurde die Kirche 1372 am Ostermontag, an dem in der Messe das Evangelium von den Emmausjüngern gelesen wird. So kam das Kloster zu seinem zweiten Namen. Im Kreuzgang haben sich Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert erhalten, ein Bilderbuch der Bibel, auf dem Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament einander gegenübergestellt sind.
Am 14. Februar 1945 fielen Bomben auf Prag. Amerikanische Flugzeuge hatten sich bei schlechter Sicht verflogen und hielten die Stadt für Dresden. Rund 700 Menschen starben, ganze Häuserzeilen in der Neustadt brannten, und das Emmauskloster verlor sein Dach und seine Türme. Jahrzehntelang stand die Kirche als Wunde da. Erst 1967 erhielt sie die beiden Betonspitzen, die du jetzt siehst, entworfen von dem Architekten František Maria Černý. Die Kommunisten hatten die Mönche da längst vertrieben, erst nach 1990 kehrten Benediktiner zurück.
Manche Prager fanden die Segel anfangs scheußlich, heute gehören sie zur Silhouette der Stadt wie die gotischen Türme. Geh nun die Treppen hinunter zur Moldau, zu einem Platz, auf dem ein steinerner Gelehrter sitzt, umringt von Gestalten, die aus seinem Kopf zu steigen scheinen.
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2. Palackého náměstí: Der Vater der Nation
Palackého náměstí, 128 00 Praha 2, Czechia
Auf einem hohen Sockel sitzt ein alter Mann in Bronze, versunken in Gedanken, und um ihn herum winden sich Figuren, die aus dem Stein zu steigen scheinen: Leidende, Kämpfende, Erwachende. Das Denkmal von Stanislav Sucharda, 1912 enthüllt, gehört zu den kühnsten Skulpturen der ganzen Stadt.
Der Mann auf dem Sockel ist František Palacký, Historiker, Politiker und für die Tschechen schlicht der Vater der Nation. Und jetzt halt dich fest: Sein großes Werk über die Geschichte Böhmens erschien zuerst auf Deutsch. Deutsch war im 19. Jahrhundert die Sprache der Gebildeten in Prag, und auch Palacký schrieb so. Er stammte aus einer protestantischen Lehrerfamilie in Mähren und durchforstete in Prag die Archive, wie andere Leute Romane lesen. Die tschechische Fassung kam später, und sie wurde zum Fundament eines ganzen nationalen Selbstverständnisses.
Berühmt wurde Palacký 1848 mit einem Brief nach Frankfurt. Man hatte ihn eingeladen, im Vorparlament an einem neuen Deutschland mitzuwirken, und er lehnte ab. Er sei ein Böhme slawischen Stammes, schrieb er sinngemäß, und Böhmen gehöre nicht in einen deutschen Nationalstaat. Später prägte er den Satz, die Tschechen hätten schon vor Österreich existiert und würden auch nach ihm existieren. Mit diesem Brief begann eine Trennung, die das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in Böhmen für hundert Jahre prägen sollte.
Der Platz öffnet sich zur Brücke, die ebenfalls Palackýs Namen trägt, gebaut zwischen 1876 und 1878. Stell dir vor, wie sie um 1900 aussah: An ihren Enden standen gewaltige Steingruppen von Josef Václav Myslbek, Helden und Heldinnen aus den Sagen des alten Böhmen. Prag spazierte über seine eigene Mythologie zur Arbeit.
Heute stehen diese Figuren nicht mehr hier, und das hat mit dem Februar 1945 zu tun, dessen Spuren du eben am Emmauskloster gesehen hast. Wo sie geblieben sind, erfährst du oben auf dem Felsen. Geh jetzt am Ufer entlang nach Süden, Richtung des dunklen Felsens, der vor dir über dem Fluss aufragt, bis zu einem kleinen, alten Haus, das zwischen Straßenbahngleisen und Uferstraße steht wie ein Überbleibsel aus einem verschwundenen Dorf.
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3. Zollhaus an der Výtoň: Die Flößer von Podskalí
Rašínovo nábřeží 412, 128 00 Praha 2, Czechia
Zwischen Gleisen, Uferstraße und Felsen duckt sich ein kleines, altes Haus mit steilem Ziegeldach, viel niedriger als alles ringsum. Es wirkt, als hätte jemand vergessen, es abzureißen... und genau so ist es auch.
Das ist das alte Zollhaus an der Výtoň, im Kern aus dem 16. Jahrhundert. Hier lag Podskalí, das Viertel unter dem Felsen, und hier landeten die Flöße. Aus den Wäldern Südböhmens schwammen Stämme die Moldau hinunter, zu langen Flößen zusammengebunden, und an dieser Stelle kassierte die Neustadt ihre Abgabe auf das Holz. Der Name Výtoň soll an genau diese Abgabe erinnern. Die Fahrt von den Wäldern bis nach Prag dauerte Tage, und an Wehren und Stromschnellen brauchte es Mut, Kraft und eine Menge Erfahrung.
Podskalí war ein eigenes kleines Universum. Hier wohnten Flößer, Holzhändler, Fischer und Tagelöhner, in niedrigen Häusern mit Holzlagern bis ans Wasser. Die Flößer galten als raues, stolzes Volk, mit eigenen Bräuchen und eigenen Wirtshäusern. Im Winter, wenn der Fluss zufror, sägten die Männer Eisblöcke aus der Moldau, die in Kellern lagerten und im Sommer Bier und Fleisch kühlten.
Um 1900 beschloss die Stadt, die Moldau zu bändigen. Hohe Kaimauern sollten vor Hochwasser schützen und neue, elegante Straßen tragen. Podskalí stand im Weg und wurde fast vollständig abgerissen. Wo die Flößer ihre Stämme stapelten, verlaufen heute Uferstraße und Straßenbahn. Nur das Zollhaus blieb stehen, und heute erzählt darin eine kleine Ausstellung des Prager Stadtmuseums vom verschwundenen Viertel.
Wenn du genau hinhörst, rauscht hier der Fluss, der später eine Melodie bekommen wird, die man auf der ganzen Welt kennt. Halt die Ohren offen, am Ende dieses Spaziergangs kommen wir darauf zurück. Geh jetzt ein paar Schritte weiter Richtung Felsen, in die Libušina, wo ein Haus steht, das aussieht, als hätte jemand es aus einem Kristall geschnitten.
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4. Villa Kovařovic: Kubismus aus Stein
Libušina 49/3, 128 00 Praha 2, Czechia
Schau dir die Fassade der Villa vor dir an: Nichts daran ist glatt. Die Fenster sind von schrägen Flächen eingefasst, das Gesims bricht in Kanten, selbst der Gartenzaun besteht aus zackigen Dreiecken, als hätte jemand das Haus nicht gebaut, sondern aus einem Kristall geschliffen.
Das ist die Villa Kovařovic, entworfen von Josef Chochol und gebaut 1912 bis 1913 für Bedřich Kovařovic. Chochol hatte in Wien bei Otto Wagner studiert, dem großen Meister der Moderne. Doch zurück in Prag wollte er etwas machen, das es nirgends sonst gab.
Kubismus kennst du wahrscheinlich aus der Malerei, von Picasso und Braque in Paris. Nur in Böhmen aber kamen Architekten auf die Idee, den Kubismus in Häuser zu übersetzen. Für sie sollte ein Gebäude nicht einfach dastehen, sondern Kräfte zeigen: Druck, Spannung, Bewegung. Die schrägen Flächen fangen das Licht und werfen Schatten, sodass die Fassade sich mit jeder Stunde des Tages verändert. Probier es aus: Geh ein paar Schritte zur Seite, und das Haus sieht anders aus.
Die Blüte dauerte nur wenige Jahre. Pavel Janák, ein Weggefährte Chochols, nannte seinen programmatischen Aufsatz Das Prisma und die Pyramide, und genau diese Formen siehst du hier überall. Der Erste Weltkrieg stoppte das Bauen, und danach suchte man andere Formen. Nach 1918 verwandelten einige Architekten die Kanten in runde, farbige Formen, man nannte das Rondokubismus, doch der Zauber der Vorkriegsjahre kam nicht zurück. Gerade deshalb ist diese Ecke unter dem Vyšehrad so kostbar. Ein paar Schritte weiter, direkt am Ufer, steht ein zweites Werk von Chochol, ein Dreifamilienhaus, ebenfalls aus den Jahren 1912 und 1913, mit Giebeln und Gesimsen, die wie gefaltetes Papier wirken.
Und wenn du dich umdrehst, siehst du den Tunnel, der kurz nach 1900 direkt durch den Felsen geschlagen wurde, damit Straße und Bahn am Fluss Platz fanden. Oben auf dem Felsen thront der Vyšehrad. Folge jetzt der Vratislavova bergauf und biege links in die Neklanova, zu einem Eckhaus, das dem Kubismus eine ganze Straßenecke geschenkt hat.
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5. Neklanova 30: Die Straßen der Sagenfürsten
Neklanova 98/30, 128 00 Praha 2, Czechia
An der Ecke vor dir schiebt sich ein Mietshaus wie ein Schiffsbug in die Kreuzung. Das Kranzgesims oben ragt weit hinaus, die Fensterrahmen sind schräg geschnitten, und die Ecke selbst ist schräg abgeschnitten. Auch dieses Haus stammt von Josef Chochol, gebaut kurz vor dem Ersten Weltkrieg, und es zeigt, dass Kubismus nicht nur etwas für Villen war.
Jetzt lies die Straßenschilder ringsum. Neklanova, Hostivítova, Přemyslova, Krokova, Libušina. Das ist keine Zufallssammlung. Als dieses Viertel um 1900 entstand, benannte man die Straßen nach den Gestalten der ältesten böhmischen Sagen, nach den Fürsten, die angeblich vom Vyšehrad aus herrschten, lange bevor es geschriebene Urkunden gab.
Ganz am Anfang stand Krok, ein weiser Richter. Seine Tochter Libuše wurde Fürstin und nahm den Bauern Přemysl zum Mann, den man der Sage nach vom Pflug weg holte. Libuše schickte ihre Boten aus und ließ sich von ihrem eigenen Pferd führen, und das Pferd blieb erst stehen, als es den pflügenden Přemysl gefunden hatte. Von ihm stammt das Geschlecht der Přemysliden. Danach folgt eine Reihe von Fürsten, von denen die Chronisten kaum mehr wussten als die Namen.
Über Neklan aber erzählt der Chronist Cosmas eine bemerkenswerte Geschichte. Als ein Krieg drohte, verlor der Fürst den Mut und versteckte sich. Ein Krieger namens Tyr zog daraufhin Neklans Rüstung an, ritt an seiner Stelle in die Schlacht und fiel, doch das Heer glaubte bis zum Ende, der Fürst kämpfe in seiner Mitte, und siegte. Ausgerechnet ein Feigling hat also seine eigene Straße bekommen.
Das Schöne an diesem Viertel ist die Mischung: Mietshäuser für Beamte und Lehrer, kubistische Experimente, und über allem der Felsen, von dem all diese Sagen ihren Anfang nehmen. Geh jetzt nach Osten und dann bergauf, am Rand des Vyšehrad entlang, bis du vor einem barocken Festungstor stehst, durch das man die Burg von der Landseite betritt.
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6. Tábor-Tor: Der Eingang zur Festung
V Pevnosti, 128 00 Praha 2, Czechia
Vor dir öffnet sich in einem dicken, grauen Mauerwerk ein barockes Tor, schlicht, wehrhaft, mit schweren Quadern. Kein Märchenschloss wartet dahinter, sondern eine Festung, gebaut für Kanonen. Du betrittst den Vyšehrad so, wie es Soldaten jahrhundertelang taten.
Das Tábor-Tor entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts, nach dem Dreißigjährigen Krieg. Damals verwandelten die Habsburger den alten Fürstensitz in eine moderne Barockfestung mit sternförmigen Bastionen, die Prag von Süden schützen sollte. Wo einst Fürsten und Könige residiert hatten, exerzierten jetzt Garnisonen.
Geh ein paar Schritte weiter. Dann siehst du die Mauerreste eines viel älteren Tores, der Špička. Sie gehörte zu der Befestigung, die Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert errichten ließ. Karl verehrte den Vyšehrad als Wiege seiner Přemyslidenvorfahren mütterlicherseits und legte in der Krönungsordnung fest, dass jeder böhmische König am Tag vor seiner Krönung hierher ziehen sollte, um den Ursprung der Dynastie zu ehren. Er ließ die Befestigung erneuern und den Vyšehrad mit den Mauern seiner Neustadt verbinden, sodass das neue Prag nach Süden geschlossen war.
Diese Pracht hielt nicht lange. Im Herbst 1420 belagerten die Hussiten den Vyšehrad, auf dem eine königliche Besatzung saß. Am 1. November schlugen sie das Entsatzheer König Sigismunds unter den Mauern vernichtend. Danach plünderten sie Kirchen und Paläste, und vom Glanz Karls IV. blieb über Generationen wenig mehr als Ruinen. Unter den Habsburgern kamen dann die Bastionen, und erst im 19. Jahrhundert verlor die Festung ihre militärische Bedeutung. Als die Kanonen endlich schwiegen, entdeckten Dichter und Maler den Vyšehrad neu, als romantischen Ort der nationalen Erinnerung.
So überlagern sich hier drei Zeiten: der barocke Wall um dich, die gotischen Steine daneben, und darunter die Sagen von Libuše, die älter sind als alles, was man sehen kann. Folge dem Weg weiter ins Innere, durch ein zweites, prächtigeres Tor, hinter dem eine kleine runde Kirche auf dich wartet.
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7. Leopoldstor und Martinsrotunde
V Pevnosti, 128 00 Praha 2, Czechia
Du gehst durch das Leopoldstor, das schönste Tor der Festung, mit Pilastern und Steinschmuck, benannt nach Kaiser Leopold I., unter dem es im späten 17. Jahrhundert entstand. Und gleich dahinter, fast versteckt zwischen Bäumen, steht ein winziger runder Bau aus grauem Stein mit einem kegelförmigen Dach und einer kleinen Laterne obendrauf.
Die Martinsrotunde ist das älteste erhaltene Gebäude auf dem Vyšehrad, gebaut in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Sie hat einen runden Raum, eine kleine Apsis, dicke Mauern und winzige Fenster, sonst nichts. Fast tausend Jahre steht sie hier, und während Paläste, Kirchen und Burgen um sie herum entstanden und verschwanden, ist sie einfach geblieben. Prag besitzt noch weitere romanische Rotunden, doch diese gilt als die älteste von ihnen.
Sie stammt aus der Zeit von Vratislav II., dem ersten Přemysliden, der den Königstitel trug, 1085 vom Kaiser verliehen. Warum er seinen Sitz von der Prager Burg hierher verlegte, ist eine sehr menschliche Geschichte: Auf der Burg residierte der Bischof von Prag, und das war sein eigener Bruder Jaromír, mit dem er bitter verfeindet war. Also baute Vratislav auf dem Felsen gegenüber seine eigene Residenz, mit eigener Kirche und eigenem Kapitel. Familienstreit als Stadtplanung. Seine Krone verdankte Vratislav übrigens nicht dem Papst, sondern Kaiser Heinrich IV., dem er im Investiturstreit treu zur Seite gestanden hatte.
Dass die Rotunde überlebt hat, verdankt sie nicht nur ihrer Bauweise. Als der Vyšehrad Festung war, nutzte das Militär sie als Lager, zeitweise sogar als Pulvermagazin. Um 1880 wurde sie restauriert, behutsam ergänzt und wieder geweiht, und seitdem finden hier wieder Gottesdienste statt.
Leg kurz die Hand an den Stein der Außenmauer. Er war schon zweihundert Jahre alt, als Karl IV. geboren wurde, älter als die Karlsbrücke und älter als der gotische Veitsdom. Geh jetzt die Straße K Rotundě hinauf Richtung der beiden Kirchtürme, zu einem dunklen, zerbrochenen Steinpfeiler, den der Teufel hier liegen gelassen haben soll.
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8. Basilika St. Peter und Paul und die Teufelssäule
K Rotundě 10, 128 00 Praha 2, Czechia
Neben dem Weg liegen drei Stücke eines dunklen Steinpfeilers, grob, verwittert, wie achtlos hingeworfen. Dahinter steigen die beiden schlanken Türme der Basilika St. Peter und Paul auf, die man von halb Prag aus sieht. Der Pfeiler wirkt neben ihnen wie ein Gast, der nicht eingeladen war.
Und genau das ist er, wenn man der Sage glaubt. Ein Priester vom Vyšehrad soll mit dem Teufel gewettet haben: Wenn der Teufel ihm eine Säule aus einer Kirche in Rom bringe, bevor er die Messe beendet habe, dann gehöre seine Seele ihm. Der Teufel flog los, doch der heilige Petrus warf ihn unterwegs dreimal ins Meer. Als er endlich ankam, war die Messe vorbei. Vor Wut schleuderte er die Säule auf den Boden, wo sie in drei Stücke zerbrach.
Historiker vermuten eher einen Rest eines alten Bauwerks oder einer Sonnenuhr, aber sicher weiß es niemand. Und die Prager hängen an ihrer Teufelsgeschichte, wie sollte es anders sein.
Die Basilika selbst ist viel älter, als sie aussieht. Gegründet wurde sie um 1070 von Vratislav II., dessen Rotunde du eben gesehen hast. Ihr heutiges Gesicht aber ist neugotisch: Josef Mocker baute sie ab 1885 um, und die beiden Türme kamen erst 1902 und 1903 dazu. Mocker ist derselbe Architekt, der die Vollendung des Veitsdoms leitete und vielen gotischen Kirchen Böhmens ihr heutiges, manchmal etwas zu perfektes Gesicht gab. Wenn du hineingehst, erwartet dich eine Überraschung: Wände und Gewölbe sind über und über mit Jugendstilmalerei bedeckt, Ranken, Heilige und Ornamente in warmen Farben, eher Wien um 1900 als Mittelalter.
Die Türme sind Prags Wegweiser nach Süden: Von der Karlsbrücke, vom Petřín und vom Fluss aus erkennst du an ihnen sofort den Vyšehrad. Und gleich nebenan liegen die Menschen, die die Tschechen als ihr Gedächtnis betrachten. Geh nun am Rand der Basilika entlang Richtung Norden, zum Ziegeltor in der nördlichen Festungsmauer, wo sich ein Gang tief in die Wälle hineinzieht.
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9. Kasematten und Gorlice: Die Originale im Berg
V Pevnosti 159/5b, 128 00 Praha 2, Czechia
Vor dir steht ein strenges, helles Tor im klassizistischen Stil, das Ziegeltor, Cihelná brána, aus den Jahren um 1841. Es ist das jüngste der Tore des Vyšehrad, und hinter ihm beginnt eine ganz andere Welt: lange, kühle Gänge aus Ziegelstein, die sich durch das Innere der Festungsmauern ziehen.
Diese Kasematten gehörten zur barocken Festung. Durch sie konnten Soldaten unter der Erde von Bastion zu Bastion laufen, geschützt vor feindlichem Feuer, mit Schießscharten und Lagerräumen für Munition und Vorräte. Wer heute mit einer Führung hineingeht, spürt sofort, wie die Temperatur fällt und der Lärm der Stadt verschwindet.
Am Ende eines Gangs öffnet sich plötzlich ein großer, gewölbter Saal, die Gorlice. Und in diesem Saal stehen Gestalten, die du vielleicht schon einmal gesehen hast, ohne es zu wissen: originale Barockstatuen von der Karlsbrücke. Auf der Brücke selbst stehen heute meist Kopien. Die Originale hat man nach und nach abgenommen, weil Abgase, Frost und Regen den Sandstein zerfraßen, und einige von ihnen haben hier, tief im Felsen, ein stilles Asyl gefunden. Es sind Werke aus der großen Zeit des Prager Barock um 1700, als sich die Brücke in eine Allee aus Heiligen verwandelte.
Stell dir das vor: Oben auf der Brücke drängen sich täglich Zehntausende Menschen an den Kopien vorbei, und die echten Heiligen stehen hier im Halbdunkel, fast allein. Manche sind beschädigt, mit abgebrochenen Fingern und vom Wetter abgeschliffenen Gesichtern, und gerade deshalb wirken sie so lebendig.
Der Saal war nicht immer so friedlich. Über die Jahrhunderte dienten die Gänge als Lager und Verstecke für Vorräte, und die Festung blieb bis ins 19. Jahrhundert Teil des militärischen Prag. Erst danach verwandelte sich der Vyšehrad Schritt für Schritt in das, was er heute ist, einen Park der Erinnerung. Geh jetzt zurück in Richtung der Basilika und durch das Tor in den Friedhof, wo Prag seine größten Namen zur Ruhe gebettet hat.
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10. Vyšehrader Friedhof und Slavín
K Rotundě 10, 128 00 Praha 2, Czechia
Hinter dem Tor wird es leise. Grabsteine aus Granit und Marmor, Bronzebüsten, Jugendstilengel, Arkaden mit Mosaiken, und überall Namen, die in Tschechien jedes Schulkind kennt. Lies ruhig ein paar Inschriften, während du gehst: Hier liegt nicht eine Stadt, hier liegt eine Kultur.
Der Friedhof bei der Basilika ist alt, doch 1869 beschloss man, ihn zum Ehrenfriedhof der Nation zu machen. Es war die Zeit des nationalen Erwachens, und die Tschechen wollten einen Ort, an dem ihre Dichter, Musiker und Maler beieinander ruhen. Den Mittelpunkt bildet der Slavín, ein gemeinsames Grabmal mit einer großen Gruft, errichtet zwischen 1889 und 1893 nach Plänen von Antonín Wiehl. Auf ihm steht der Satz: Ač zemřeli, ještě mluví. Obwohl sie gestorben sind, sprechen sie noch.
In der Gruft des Slavín ruht unter anderen Alfons Mucha, der Jugendstilkünstler, dessen Plakate in Paris die Welt eroberten. An der Arkade findest du die Büste von Antonín Dvořák, dem Komponisten der Sinfonie Aus der Neuen Welt. Und irgendwo zwischen den Reihen liegt Bedřich Smetana, gestorben 1884, dessen Musik du auf diesem Spaziergang schon die ganze Zeit begleitest, ohne sie zu hören. Auch die Schriftstellerin Božena Němcová liegt hier, deren Roman Die Großmutter in fast jedem tschechischen Bücherregal steht, und Jan Neruda, nach dem die berühmte Gasse auf der Kleinseite benannt ist.
Manche Gräber erzählen von dunklen Zeiten. Karel Čapek, der Schriftsteller, der das Wort Roboter in die Welt brachte, starb Weihnachten 1938, wenige Monate nach dem Münchner Abkommen. Mucha starb im Juli 1939, nachdem ihn die Gestapo nach dem Einmarsch verhört hatte. Der Friedhof ist auch ein Ort, an dem man spürt, wie eng Kunst und Schicksal dieses Landes verbunden sind.
Bleib einen Moment vor dem Slavín stehen und schau dir die geflügelte Figur obendrauf an, den Genius der Heimat. Dann verlass den Friedhof auf der Südseite, an der Basilika vorbei, in den Park, wo dich steinerne Riesen erwarten, die einmal auf einer Brücke standen.
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11. Myslbeks Statuen: Helden aus Sage und Fälschung
Štulcova, 128 00 Praha 2, Czechia
Im Park vor dir stehen vier gewaltige Steingruppen, jede ein Paar: ein Mann und eine Frau, zwei Krieger, ein Sänger und eine Muse. Sie sind größer als das Leben, voller Muskeln, Pathos und wehender Gewänder. Es sind die Figuren, die du vorhin am Palackého náměstí vermisst hast.
Der Bildhauer Josef Václav Myslbek schuf sie zwischen 1881 und 1897 für die Palacký-Brücke. Im Februar 1945 traf eine Bombe die Brücke, die Figuren wurden beschädigt, und 1948 brachte man sie hier herauf. Dort, wo die Sagen spielen, haben sie seitdem ihr Zuhause. Myslbek gilt als Vater der modernen tschechischen Bildhauerei, und sein Reiterstandbild des heiligen Wenzel kennt in Prag jedes Kind.
Schau dir Libuše und Přemysl an, das Gründerpaar der Dynastie. Daneben stehen Ctirad und Šárka aus dem Mädchenkrieg. Die Sage erzählt, wie die Frauen Böhmens gegen die Männer aufbegehrten und Šárka sich an einen Baum binden ließ, scheinbar hilflos. Der Krieger Ctirad wollte sie befreien, sie bot ihm Met an, und als ihre Gefährtinnen aus dem Wald stürmten, war es um ihn geschehen.
Und jetzt das Pikante. Zwei der Paare, Záboj und Slavoj sowie Lumír mit der Personifikation des Liedes, stammen aus Handschriften, die 1817 und 1818 angeblich entdeckt wurden und als uralte tschechische Dichtung galten. Im Jahrhundert danach stritt die Wissenschaft bitter über sie, und schließlich galten sie als Fälschungen. Der spätere Präsident Masaryk gehörte zu denen, die das öffentlich vertraten, und musste dafür viel Hass ertragen.
So stehen hier, in Stein gehauen und in Ehren gehalten, Helden, die es vermutlich nie gegeben hat, erfunden von patriotischen Fälschern, um einer jungen Nation eine alte Vergangenheit zu schenken. Gerade das macht sie zu einem ehrlichen Denkmal ihrer Zeit. Geh nun weiter nach Westen, zur Mauer über dem Fluss, an den Rand des Felsens, wo diese Geschichte endet.
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12. Libušes Bad: Der Blick über die Moldau
V Pevnosti, 128 00 Praha 2, Czechia
Tritt an die Mauer und schau hinunter: Tief unter dir glitzert die Moldau, Straßenbahnen kriechen am Ufer entlang, und weit im Norden, über Dächern und Brücken, erhebt sich die Prager Burg. Gleich neben dir hängt eine Ruine über dem Abgrund, Libušes Bad genannt.
In Wirklichkeit sind das die Reste einer gotischen Wachbastion. Aber die Sage weiß es besser: Hier soll die Fürstin Libuše gebadet haben, und düsterere Versionen erzählen, sie habe ihre Liebhaber anschließend durch eine Falltür in den Fluss stürzen lassen. Solche Geschichten erzählte man sich über mächtige Frauen gern, und es ist keine davon wahr.
Die schönste Sage aber spielt genau an diesem Ort. Libuše soll hier gestanden, auf die bewaldeten Hügel gegenüber geschaut und gerufen haben: Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm die Sterne berühren wird. So, sagt die Legende, wurde Prag gegründet. Ihren Boten soll sie gesagt haben, sie würden einen Mann finden, der an der Schwelle seines Hauses arbeitet, und von diesem Wort, práh, die Schwelle, habe die Stadt ihren Namen. Die Archäologen lächeln dazu höflich: Die Burg dort drüben ist nach ihren Funden älter als die Siedlung hier oben.
Und jetzt die Melodie, die ich dir am Zollhaus versprochen habe. Bedřich Smetana schrieb zwischen 1874 und 1879 den Zyklus Mein Vaterland, Má vlast, und das, obwohl er in dieser Zeit völlig ertaubt war. Der erste Teil heißt Vyšehrad, mit Harfen, die wie ein Barde aus alter Zeit klingen. Der zweite Teil ist die Moldau: zwei Quellen, ein Bach, ein Fluss, Jäger, eine Bauernhochzeit, Nixen im Mondlicht, die Stromschnellen, und dann fließt die Musik breit und majestätisch an genau diesem Felsen vorbei, und das Vyšehrad-Motiv kehrt zurück.
Jedes Jahr am 12. Mai, Smetanas Todestag, beginnt das Festival Prager Frühling traditionell mit Má vlast. Wenn du heute Abend die Moldau summst, weißt du jetzt, wo sie zu Hause ist. Hier endet dein Weg: auf dem Felsen der Sagen, über dem Fluss der Flößer. Bleib noch, solange du magst, und lass die Moldau unter dir weiterfließen.