Paris zwischen den Inseln: Île Saint-Louis, das Viertel der Domherren und die Bouquinisten der Seine
Vom Blumenmarkt über Héloïses Gasse und Camille Claudels Atelier bis zu Baudelaires Haschisch-Club und den grünen Bücherkisten am Ufer: das stille Paris hinter Notre-Dame
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1. Marché aux Fleurs Reine-Elizabeth-II: Blumen vor der Polizeipräfektur
Place Louis-Lépine, 75004 Paris, France
Atme einmal tief ein: feuchte Erde, nasse Blätter, Rosen und irgendwo ein Hauch von Jasmin. Du stehst zwischen grünen Pavillons aus Gusseisen und Glas, aus denen Palmen, Orchideen und kleine Olivenbäume auf das Pflaster quellen, und gleich gegenüber thront ausgerechnet die Pariser Polizeipräfektur.
Blumen werden an diesem Ufer seit 1808 verkauft, seit einem Dekret aus der Zeit Napoleons. Davor war hier ein Gewirr aus mittelalterlichen Gassen, Höfen und Kirchlein, so eng, dass kaum Licht auf den Boden fiel. Die Pavillons, die du heute siehst, entstanden um 1900, und manche Händlerfamilien stehen hier seit Generationen zwischen ihren Töpfen, im Winter mit dicken Handschuhen, im Sommer mit der Gießkanne in der Hand.
2014 bekam der Markt einen ziemlich königlichen Namen: Marché aux Fleurs Reine-Elizabeth-II. Die britische Königin kam im Juni jenes Jahres zu ihrem letzten Staatsbesuch nach Frankreich, zum siebzigsten Jahrestag der Landung in der Normandie, und schlenderte dabei zwischen diesen Ständen hindurch. Die Stadt taufte den Markt ihr zu Ehren um... und so trägt ein Stück Paris heute den Namen einer englischen Monarchin. Vor ein paar Jahrhunderten wäre das undenkbar gewesen.
Schau dich auf dieser Insel einmal bewusst um. Fast tausend Jahre lang war die Île de la Cité das eigentliche Paris: Königspalast, Kathedrale, Hospital, ein Dutzend Kirchen und Tausende Menschen in winzigen Häusern. Im 19. Jahrhundert ließ Baron Haussmann den größten Teil davon abreißen. Die Bewohner mussten gehen, und an ihre Stelle traten Kasernen, Gerichte und das neue Krankenhaus Hôtel-Dieu. Aus einem lebendigen Viertel wurde eine Insel der Behörden. Nur ein paar Schritte westlich, versteckt im Hof des Justizpalasts, leuchtet noch die Sainte-Chapelle mit ihren Glasfenstern, der letzte Rest des mittelalterlichen Königspalasts. Und die Metrostation Cité gleich am Markt hat bis heute einen der alten Jugendstil-Eingänge von Hector Guimard.
Nur an einer Stelle, auf der Nordseite hinter der Kathedrale, hat ein Stück der alten Stadt überlebt. Genau dorthin gehen wir. Geh am Hôtel-Dieu entlang nach Osten über den Vorplatz von Notre-Dame, folge der Rue du Cloître-Notre-Dame an der Nordseite der Kathedrale, bis links die Rue Chanoinesse abzweigt. Dort begann eine der berühmtesten Liebesgeschichten Europas.
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2. Rue Chanoinesse: Héloïse, Abaelard und das Viertel der Domherren
Rue Chanoinesse, 75004 Paris, France
Hör einmal hin: Hier ist es plötzlich still. Die Rue Chanoinesse ist schmal und leicht gekrümmt, gesäumt von grauen Häusern, schweren Holztoren und versteckten Höfen. Nur ein paar Schritte vom Gedränge vor der Kathedrale fühlt sich Paris an wie eine verschlafene Kleinstadt.
Der Name verrät, wer hier wohnte: die chanoines, die Domherren von Notre-Dame. Im Mittelalter war dieses Viertel ihr Kreuzgang, ein abgeschlossener Bezirk mit eigenen Toren, die abends verriegelt wurden. Hier lebten Geistliche, ihre Diener und die Schüler der Domschule. Denn bevor am linken Ufer die Universität entstand, lehrten genau hier, im Schatten der Kathedrale, die klügsten Köpfe Europas.
Einer von ihnen hieß Peter Abaelard, ein brillanter und ziemlich eitler Philosoph, dem die Studenten in Scharen nachliefen. Um 1116 zog er als Untermieter in das Haus des Domherrn Fulbert, offiziell, um dessen Nichte zu unterrichten: Héloïse, jung und außergewöhnlich gebildet. Sie soll Latein, Griechisch und sogar etwas Hebräisch gekonnt haben, ein kleines Wunder für eine Frau ihrer Zeit. Aus dem Unterricht wurde Leidenschaft, aus der Leidenschaft ein Kind, und aus dem Kind ein Skandal, über den ganz Paris tuschelte.
Die beiden heirateten heimlich, doch Fulbert fühlte sich betrogen und rächte sich grausam. Er ließ Abaelard nachts überfallen und entmannen. Abaelard ging ins Kloster, Héloïse wurde Nonne, und die beiden sahen sich kaum noch. Aber sie schrieben einander Briefe, voller Theologie, Sehnsucht und bitterer Vorwürfe, und diese Briefe gehören bis heute zu den berühmtesten Liebesbriefen der Weltliteratur. Seit 1817 liegen die beiden in einem gemeinsamen Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise, wo Verliebte ihnen noch immer Zettel hinterlassen.
In welchem Haus genau das alles geschah, weiß niemand. Eine Inschrift am Quai aux Fleurs ganz in der Nähe behauptet es zu wissen, doch das Gebäude dort stammt aus dem 19. Jahrhundert. Einige Häuser am östlichen Ende dieser Gasse reichen dagegen in ihrem Kern wirklich weit zurück, bis ins 16. Jahrhundert. Geh jetzt zurück und dann nach Süden, um die Rückseite der Kathedrale herum, in den kleinen Park hinter Notre-Dame.
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3. Square Jean-XXIII: Notre-Dame von hinten
Square Jean-XXIII, Quai de l'Archevêché, 75004 Paris, France
Setz dich auf eine Bank unter die Bäume und schau nach oben. Vor dir steigt das Chorhaupt von Notre-Dame empor, umklammert von einem Kranz steinerner Strebebögen, die aussehen wie die Rippen eines riesigen Tieres. Von vorne kennt jeder diese Kathedrale. Von hinten ist sie wilder, fast lebendig.
Diese Strebebögen sind die eigentlichen Heldinnen des Baus. Die Baumeister der Gotik wollten Mauern, die fast nur noch aus Glas bestehen, und Gewölbe in schwindelnder Höhe. Das geht nur, wenn man den enormen Druck der Gewölbe nach außen ableitet, über solche Bögen, die über die Seitenschiffe hinwegspringen. Die großen Bögen am Chor spannen sich über rund fünfzehn Meter, und im 14. Jahrhundert galten sie als atemberaubend kühn.
Im April 2019 standen genau hier Menschen und sahen fassungslos zu, wie der Dachstuhl brannte und der Vierungsturm in die Flammen stürzte. Das Gewölbe bekam Löcher, doch der größte Teil hielt stand, auch dank dieser Bögen. Dann begann eine der größten Restaurierungen unserer Zeit, mit Zimmerleuten, Steinmetzen und Glasern aus ganz Frankreich, und im Dezember 2024 öffnete die Kathedrale wieder ihre Türen. Der neue Vierungsturm ist eine getreue Nachbildung des Turms, den Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert entworfen hatte, bis hinauf zum Hahn auf der Spitze.
Wo du jetzt sitzt, stand übrigens einmal der Palast des Erzbischofs von Paris. Im Februar 1831 stürmte eine aufgebrachte Menge das Gebäude, aus Wut auf Kirche und alte Monarchie, plünderte es und warf Bücher, Möbel und Messgewänder in die Seine. Die Ruine wurde abgerissen, und an ihrer Stelle entstand dieser Garten. Der neugotische Brunnen in der Mitte, mit der Jungfrau Maria, stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Seinen Namen trägt der Garten heute nach Papst Johannes XXIII., der vor seiner Wahl einige Jahre als päpstlicher Nuntius in Paris gelebt hatte. Such dir oben an der Dachkante einen Wasserspeier aus, der dir besonders gefällt. Dann geh weiter nach Osten, über die kleine Straße an der Spitze der Insel. Hinter einem schlichten Gitter führen Stufen hinunter zum Wasser, an einen Ort der Stille.
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4. Mémorial des Martyrs de la Déportation: Stille an der Inselspitze
7 Quai de l'Archevêché, 75004 Paris, France
Geh langsam die schmale Treppe hinunter. Mit jeder Stufe verschwindet die Stadt: erst die Kathedrale, dann die Bäume, und am Ende bleibt nur ein kleiner Hof aus hellem Beton, der Himmel über dir und vor dir ein Gitter aus schwarzen Eisenspitzen, durch das du knapp über dem Wasser die Seine siehst.
Das ist das Mémorial des Martyrs de la Déportation, die Gedenkstätte für die rund zweihunderttausend Menschen, die während der deutschen Besatzung aus Frankreich in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden: Widerstandskämpfer, politische Gefangene, Jüdinnen und Juden, Kinder. Der Architekt Georges-Henri Pingusson hat den Ort so gebaut, dass du dich eingeschlossen fühlst. Die Mauern sind hoch, der Raum ist eng, und der einzige Ausblick gilt einem Wasser, das du nicht erreichen kannst.
Durch einen engen Spalt geht es hinein in die Krypta. Ein langer, dunkler Gang, und an seinen Wänden leuchten unzählige kleine Glasstäbchen, eines für jeden Deportierten. Davor liegt das Grab eines unbekannten Deportierten, und in die Wände sind die Namen der Lager eingelassen, dazu Zeilen französischer Dichter. Einer von ihnen, Robert Desnos, wurde selbst deportiert und starb im Juni 1945 in Theresienstadt, wenige Wochen nach der Befreiung.
Eingeweiht wurde die Gedenkstätte im April 1962 von Charles de Gaulle. Der Ort war mit Bedacht gewählt: an der äußersten Spitze der Insel, im Schatten von Notre-Dame, mitten im Herzen der Stadt, aus der so viele abgeholt wurden. Und ein Detail, das kaum jemand kennt: Ganz in der Nähe stand von 1864 bis 1914 die Pariser Leichenhalle, die Morgue, in der Tote aus der Seine zur Identifizierung hinter Glas ausgestellt wurden... und neugierige Pariser standen Schlange, um sie zu sehen.
Bleib hier unten, so lange du magst. Es gibt kaum einen schöneren Blick auf die Seine als durch dieses Gitter, und keinen bedrückenderen. Wenn du wieder oben bist, geh nach links zur schmalen Fußgängerbrücke, die hinüber auf die Nachbarinsel führt. Drüben wartet ein ganz anderes Paris: ruhig, vornehm und ein wenig aus der Zeit gefallen.
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5. Pont Saint-Louis & Quai d'Orléans: Die Insel, die ein Bauprojekt war
Quai d'Orléans, 75004 Paris, France
Bleib mitten auf der Brücke kurz stehen. Oft spielt hier ein Straßenmusiker, auf der Brüstung sitzen Leute mit einem Eis in der Hand, und hinter dir ragt die Rückseite von Notre-Dame auf. Vor dir liegt die Westspitze der Île Saint-Louis: helle Steinfassaden, hohe Bäume und Uferstraßen, die einmal ganz um die Insel herumführen.
Diese Brücke ist ein echter Pechvogel. Seit dem 17. Jahrhundert haben an dieser Stelle immer wieder Brücken gestanden, aus Holz, aus Stein, aus Eisen, und mehrere wurden von Hochwasser, Eisgang oder Unfällen zerstört. Eine Vorgängerin soll 1939 ein Lastkahn gerammt haben. Die heutige, schlichte Stahlbrücke stammt von 1970 und ist nur für Fußgänger da... vielleicht ist genau das ihr Geheimnis.
Und die Insel vor dir gab es in dieser Form lange gar nicht. Bis ins 17. Jahrhundert lagen hier zwei unbebaute Inselchen, die Île Notre-Dame und die Île aux Vaches, die Kuhinsel, auf der tatsächlich Vieh weidete. 1614 schloss die Krone einen Vertrag mit dem Unternehmer Christophe Marie: Er sollte den Kanal zwischen den Inselchen zuschütten, Ufermauern hochziehen, Brücken schlagen und das Land in Parzellen verkaufen. Ein Immobilienprojekt, wie es moderner kaum sein könnte.
Es wurde ein Erfolg, wenn auch mit Pleiten, Prozessen und jahrelangen Verzögerungen. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand ein ganzes Viertel aus einem Guss, mit geraden Straßen und vornehmen Stadtpalais für Finanziers, Richter und Höflinge. Darum wirkt die Île Saint-Louis bis heute so einheitlich. Am Quai d'Orléans rechts von dir sitzt übrigens seit dem 19. Jahrhundert die Polnische Bibliothek, gegründet von Exilanten nach dem gescheiterten Aufstand gegen den Zaren. Merk dir die Polen, sie begegnen uns noch einmal.
Geh nach der Brücke ein paar Schritte nach rechts auf den Quai d'Orléans und schau zurück: Von hier hast du einen der schönsten Blicke auf das Chorhaupt von Notre-Dame, besonders am späten Nachmittag. Dann umrunde die Inselspitze nach links, auf den Quai de Bourbon an der Nordseite. Dort hat eine Bildhauerin gelebt, deren Geschichte dir das Herz brechen wird.
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6. Quai de Bourbon Nr. 19: Das Atelier der Camille Claudel
19 Quai de Bourbon, 75004 Paris, France
Schau dir das Haus mit der Nummer 19 an, ein Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert mit hohen Fenstern zum Fluss. Eine Tafel erinnert an eine Frau, die hier im Erdgeschoss jahrelang Ton knetete und Marmor schlug... und die eines Tages abgeholt wurde.
Camille Claudel war eine der begabtesten Bildhauerinnen ihrer Zeit. Mit rund zwanzig Jahren kam sie in das Atelier von Auguste Rodin und wurde seine Schülerin, Mitarbeiterin, Geliebte und Muse. Manche Hände und Füße an Rodins berühmten Figuren sollen von ihr stammen. Doch Rodin wollte seine langjährige Lebensgefährtin Rose Beuret nicht verlassen, und nach rund zehn Jahren zerbrach die Beziehung. Camille wollte nie wieder nur Rodins Schülerin genannt werden.
1899 zog sie in dieses Haus, und hier entstanden noch bedeutende Werke. Aber sie wurde immer einsamer, verarmt und misstrauisch. Sie war überzeugt, Rodin wolle ihr schaden und ihre Ideen stehlen, verbarrikadierte sich und zerschlug im Zorn viele ihrer eigenen Skulpturen. Die Nachbarn sahen eine verwahrloste Frau mit Katzen, die fast nur noch nachts das Haus verließ.
Am 10. März 1913, wenige Tage nach dem Tod ihres Vaters, der immer zu ihr gehalten hatte, kamen zwei Pfleger und brachten sie in eine psychiatrische Anstalt. Die Familie, vor allem ihre Mutter und ihr Bruder, der Dichter Paul Claudel, hatte die Einweisung veranlasst. Camille Claudel kam nie wieder frei. Dreißig Jahre lang bat sie in Briefen um ihre Entlassung, und sie hat in dieser ganzen Zeit keine einzige Skulptur mehr geschaffen. Sie starb 1943 in einer Anstalt bei Avignon.
Heute stehen ihre Werke im Musée Rodin, gleich neben denen ihres Lehrers, und seit 2017 hat sie ein eigenes Museum in Nogent-sur-Seine, dem Städtchen, in dem sie als Mädchen zu modellieren begann. Die Welt hat sie wiederentdeckt, spät, aber gründlich. Geh jetzt den Quai de Bourbon ein Stück weiter und bieg rechts in eine Quergasse ab, hinein in die Rue Saint-Louis-en-l'Île, die Hauptstraße der Insel. Folge ihr nach Osten, bis über dir eine eiserne Uhr aus einer Fassade ragt.
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7. Saint-Louis-en-l'Île: Die Kirche mit der eisernen Uhr
19 bis Rue Saint-Louis-en-l'Île, 75004 Paris, France
Über der schmalen Rue Saint-Louis-en-l'Île ragt eine große eiserne Uhr aus der Fassade, und darüber erhebt sich ein durchbrochener Turm aus Stein, spitz wie eine Nadel. Die Kirche selbst ist von außen kaum zu erkennen, eingezwängt zwischen Wohnhäuser, mit einem Portal, das neben den Ladenschildern fast verschwindet.
Saint-Louis-en-l'Île ist die Pfarrkirche der Insel und, wie die Insel selbst, ein Kind des 17. Jahrhunderts. Die Pläne stammen von Louis Le Vau, einem der großen Architekten des Sonnenkönigs, der selbst auf der Insel wohnte. Gebaut wurde ab 1664, mit langen Unterbrechungen, geweiht erst 1726. Ihr Namenspatron ist der heilige Ludwig, König Ludwig IX., der im 13. Jahrhundert die Sainte-Chapelle bauen ließ, und nach ihm heißt auch die ganze Insel. Innen erwartet dich, was du von außen nie vermuten würdest: ein heller, festlicher Barockraum voller Gold, Marmor und Gemälde.
Die Uhr stammt von 1741 und hängt über der Straße wie ein Wirtshausschild, als wolle sie die Leute hereinlocken. Und die Straße unter ihr ist die Lebensader der Insel: ein gut halber Kilometer kleiner Läden mit Käse, Wein, Büchern und Keramik, dazu Eisdielen, vor denen sich an Sommerabenden lange Schlangen bilden. Die Bewohner der Insel nennen sich übrigens Louisiens.
Man erzählt sich, dass alteingesessene Louisiens, wenn sie über eine Brücke gehen, davon sprechen, nach Paris zu fahren... als läge die Stadt woanders. Das mag eine schöne Anekdote sein. Aber hier, ohne Metrostation, mit wenig Verkehr und mit Nachbarn, die sich beim Bäcker beim Namen grüßen, glaubst du sie sofort. Die Insel ist mitten in der Hauptstadt ein Dorf geblieben.
Bevor du weitergehst, wirf einen Blick in die Rue Poulletier, die hier von der Hauptstraße abzweigt. Ungefähr an ihrer Stelle verlief einst der Kanal, der die beiden Inselchen trennte, bevor Christophe Marie ihn zuschütten ließ. Geh jetzt durch eine der Quergassen nach Norden zum Quai d'Anjou. Dort steht ein Palais, in dem sich in den 1840er Jahren Dichter trafen, um gemeinsam eine grüne Paste zu essen... und die war nicht aus Pistazien.
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8. Hôtel de Lauzun: Baudelaire und der Club der Haschischesser
17 Quai d'Anjou, 75004 Paris, France
Von außen wirkt das Haus mit der Nummer 17 am Quai d'Anjou fast unscheinbar: eine ruhige Fassade, ein schweres Tor, ein Balkon mit kunstvollem Eisengitter. Doch dahinter verbirgt sich einer der prächtigsten Innenräume des 17. Jahrhunderts in Paris, mit vergoldeten Täfelungen, bemalten Decken und Spiegeln.
Gebaut wurde das Palais in den 1650er Jahren für Charles Gruyn des Bordes, einen Finanzier, der als Heereslieferant ein Vermögen gemacht hatte. Seinen Namen verdankt es einem späteren Besitzer, dem Herzog von Lauzun, einem Höfling von legendärer Dreistigkeit. Er warb so hartnäckig um eine Cousine Ludwigs XIV., die reichste Erbin Frankreichs, dass der König ihn für zehn Jahre in eine Festung in den Alpen sperren ließ.
Im 19. Jahrhundert war das Palais heruntergekommen, hieß Hôtel Pimodan und wurde in Wohnungen aufgeteilt. Unter dem Dach zog um 1843 ein junger Mann mit teuren Anzügen und noch teureren Gewohnheiten ein: Charles Baudelaire. Er hatte gerade sein väterliches Erbe bekommen und gab es mit vollen Händen aus, für Kunst, Möbel und Kleidung. Seine entsetzte Familie stellte ihn 1844 unter Vormundschaft. Hier, in diesen Jahren, entstanden einige der Gedichte, die später in Die Blumen des Bösen erschienen.
Im Salon darunter traf sich der Club des Haschischins, der Club der Haschischesser. Der Arzt Jacques-Joseph Moreau, der die Wirkung von Drogen auf den Geist erforschte, reichte eine grüne Paste herum, und Schriftsteller wie Théophile Gautier beschrieben danach schmelzende Wände, Farben, die man hören konnte, und Minuten, die zu Jahrhunderten wurden. Baudelaire kam dazu, soll aber, so erzählt man, mehr beobachtet als gegessen haben... und schrieb später ein ganzes Buch über diese künstlichen Paradiese.
Seit 1928 gehört das Palais der Stadt Paris und ist nur selten zu besichtigen, also genieße das Geheimnis von draußen. Geh jetzt den Quai d'Anjou zurück zum Pont Marie und überquere die Brücke zum rechten Ufer. Dann wende dich nach rechts auf den Quai des Célestins. Von dort drüben siehst du die Insel so, wie ihre Erbauer sie gesehen haben wollten.
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9. Pont Marie & Quai des Célestins: Leere Nischen und ein Wunsch
Quai des Célestins, 75004 Paris, France
Lehn dich hier am rechten Ufer über die Brüstung und schau hinüber auf die Insel: Platanen, steinerne Ufermauern, helle Fassaden mit hohen Fenstern, und ein Stück flussabwärts die Brücke, über die du eben gekommen bist, mit ihren fünf Bögen, von denen keiner genau dem anderen gleicht.
Der Pont Marie ist nach Christophe Marie benannt, dem Unternehmer, der die Insel erschlossen hat, und er gehört zu den ältesten Brücken von Paris. Gebaut wurde er zwischen 1614 und 1635. Schau dir die Pfeiler genau an: Dort sitzen leere Nischen. Sie waren für Statuen gedacht, die nie aufgestellt wurden, und warten nun schon seit fast vierhundert Jahren. Christophe Marie selbst geriet über dem Projekt in Geldnot, und seine Partner Poulletier und Le Regrattier, nach denen heute zwei Inselstraßen heißen, mussten einspringen.
Einst trug die Brücke Häuser, wie damals viele Pariser Brücken, dicht an dicht zu beiden Seiten. Im Winter 1658 riss ein gewaltiges Hochwasser zwei Bögen fort, mitsamt den Häusern darauf, und Menschen kamen ums Leben. Die übrigen Häuser ließ man im 18. Jahrhundert abreißen, als die Stadt ihre Brücken freiräumte, weil sie Luft und Blick versperrten. Seitdem kann man von hier aus endlich den Fluss sehen.
Eine Pariser Legende sagt übrigens: Wer mit seiner Liebe zum ersten Mal unter dem Pont Marie hindurchfährt und sich dabei küsst, darf sich etwas wünschen, und der Wunsch geht in Erfüllung. Achte mal darauf, wie langsam manche Ausflugsboote hier werden... Und der Quai, auf dem du stehst, trägt den Namen der Cölestiner, eines Mönchsordens, dessen großes Kloster hier im Mittelalter stand und den Königen besonders lieb war. Davon ist so gut wie nichts geblieben außer dem Namen. Unten am Wasser verläuft der Uferweg, auf dem im Sommer Paris Plages Liegestühle und Sand ausbreitet.
Gegenüber, an der Ostspitze der Insel, siehst du schon einen besonders großen Palast mit Garten hinter hohen Mauern. Geh den Quai des Célestins unter den Platanen nach Osten bis zum Pont de Sully. Nimm den Brückenarm, der zurück auf die Inselspitze führt. Dort liegt ein kleiner Garten wie der Bug eines Schiffes, gleich neben dem prächtigsten Palais der ganzen Insel.
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10. Hôtel Lambert & Square Barye: Der Bug der Insel
Square Barye, Boulevard Henri-IV, 75004 Paris, France
Geh durch den kleinen Garten bis ganz nach vorn an das Gitter an der Ostspitze der Insel. Das Wasser teilt sich vor deinen Füßen, links und rechts zieht die Seine vorbei, und du stehst wie auf dem Bug eines Schiffes, das stromaufwärts fährt. Das ist der Square Barye, benannt nach einem Bildhauer, der für seine wilden Tierfiguren berühmt war.
Hinter dir, über den Baumkronen, erhebt sich das Hôtel Lambert, das größte und berühmteste Palais der Insel. Louis Le Vau baute es in den 1640er Jahren für den Finanzier Jean-Baptiste Lambert, und Charles Le Brun malte es aus, darunter eine prachtvolle Galerie mit den Taten des Herkules. Beide Künstler arbeiteten später für Ludwig XIV. in Versailles, und so wirkt das Hôtel Lambert ein wenig wie eine Generalprobe für das Schloss des Sonnenkönigs.
Im 18. Jahrhundert wohnte hier die gelehrte Émilie du Châtelet, die Newton ins Französische übersetzte, zeitweise gemeinsam mit Voltaire. Ihre Übersetzung von Newtons Hauptwerk gilt in Frankreich bis heute als die maßgebliche. Und ab 1843 gehörte das Palais der polnischen Fürstenfamilie Czartoryski. Nach dem gescheiterten Aufstand gegen den Zaren wurde es zum Mittelpunkt des polnischen Exils in Paris, mit Bällen, Basaren und Konzerten. Frédéric Chopin spielte in diesen Sälen. Da sind sie wieder, die Polen vom Quai d'Orléans.
Im Juli 2013, mitten in einer umstrittenen Renovierung für einen Besitzer aus Katar, brach unter dem Dach ein Feuer aus, und Teile der kostbaren Decken wurden schwer beschädigt. Die Restaurierung dauerte Jahre, und 2022 wechselte das Palais erneut den Besitzer, diesmal an einen französischen Unternehmer. Paläste auf der Île Saint-Louis waren eben schon immer eine Sache für die Reichsten der Reichen.
Bleib noch einen Moment am Gitter. Abends, wenn die Ausflugsboote ihre Scheinwerfer auf die Fassaden richten, wird diese Inselspitze zur Bühne. Dann geh am Südufer der Insel entlang, auf dem Quai de Béthune, nach Westen bis zur nächsten Brücke. Auf einem hohen Pfeiler wacht dort eine Frau über die Stadt, die einst Attila die Stirn geboten haben soll.
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11. Pont de la Tournelle: Sainte Geneviève und ihr Bruder in Rio
Pont de la Tournelle, 75005 Paris, France
Auf der Brücke wächst neben dir ein hoher, schlanker Pfeiler aus hellem Stein in den Himmel, und ganz oben steht eine schmale, strenge Frauengestalt in langem Gewand. Das ist Sainte Geneviève, die Schutzheilige von Paris. Und wenn du dich flussabwärts drehst, erhebt sich hinter den Bäumen der Insel das Chorhaupt von Notre-Dame, so schön wie von kaum einer anderen Stelle.
Geneviève lebte im fünften Jahrhundert, als Paris kaum mehr war als diese Inseln. Als im Jahr 451 die Hunnen unter Attila heranrückten und die Bewohner fliehen wollten, rief sie, so erzählt die Legende, die Frauen der Stadt zum Beten und Fasten auf und beschwor alle, zu bleiben. Attila zog tatsächlich an Paris vorbei, weiter nach Orléans. Seitdem gilt sie als Beschützerin der Stadt. Ihre Gebeine ruhten über tausend Jahre in einer Kirche auf dem Hügel am linken Ufer, bis Revolutionäre sie 1793 verbrannten und die Asche in die Seine warfen.
Die Statue schuf der Bildhauer Paul Landowski für die neue Brücke, die 1928 eingeweiht wurde. Und diesen Namen solltest du dir merken, denn in denselben Jahren entwarf Landowski Kopf und Hände einer Figur, die die ganze Welt kennt: die Christusstatue über Rio de Janeiro. Die strenge Geneviève hier über der Seine ist also so etwas wie die Schwester des Cristo Redentor.
Der Name der Brücke erinnert an la Tournelle, ein kleines Turmschloss am linken Ufer, an dem die mittelalterliche Stadtmauer Philipps II. August die Seine erreichte. Nachts spannte man von hier eine Kette über den Fluss, damit kein Boot unbemerkt in die Stadt gelangte. Später diente das Gebäude als Gefängnis für Galeerensträflinge, die von hier aus in Ketten zu den Häfen im Süden geführt wurden.
An der Ecke vor dir am linken Ufer steht übrigens die Tour d'Argent, ein Restaurant, das stolz behauptet, schon seit 1582 Gäste zu bewirten... ob das stimmt, darüber streiten die Historiker gern. Geh jetzt über die Brücke ans linke Ufer und dann rechts den Quai de la Tournelle entlang, flussabwärts. Bald tauchen an der Brüstung die grünen Kisten der Bouquinisten auf.
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12. Die Bouquinisten am Quai de Montebello & der Pont au Double
Quai de Montebello, 75005 Paris, France
Bleib vor einer der grünen Holzkisten an der Ufermauer stehen. Tagsüber klappt der Deckel auf, und heraus quellen vergilbte Taschenbücher, alte Stiche, Postkarten, Plakate und Zeitschriften aus längst vergangenen Jahrzehnten. Hinter dir rauscht der Verkehr, vor dir fließt die Seine, und drüben auf der Insel ragen die Türme von Notre-Dame auf.
Bouquinisten gibt es an den Ufern der Seine schon seit dem 16. Jahrhundert. Damals zogen Händler mit Büchern in Körben und Bauchläden über die Brücken, sehr zum Ärger der etablierten Buchhändler, die sie als Konkurrenz und als Verbreiter verbotener Schriften verfolgen ließen. Erst im 19. Jahrhundert bekamen sie feste Plätze an den Kaimauern, und seit 1891 dürfen sie ihre Kisten über Nacht hier stehen lassen.
Heute sind es über zweihundert Bouquinisten mit rund neunhundert Kisten, verteilt auf mehr als drei Kilometer an beiden Ufern. Jede Kiste hat vorgeschriebene Maße, und alle tragen dasselbe Dunkelgrün, das die Pariser vert wagon nennen, die Farbe der alten Eisenbahnwagen. Man nennt sie gern die größte Freiluftbuchhandlung der Welt, und Paris bemüht sich, sie auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO zu bringen.
Vor den Olympischen Spielen 2024 sollten die Kisten für die Eröffnungsfeier auf der Seine vorübergehend abgebaut werden, aus Sicherheitsgründen. Die Bouquinisten wehrten sich, viele Kisten seien zu alt, um sie abzumontieren, und ganz Paris stand auf ihrer Seite. Am Ende entschied der Präsident persönlich: Die Bouquinisten bleiben. Und gleich neben dir überspannt der kleine Pont au Double den Fluss. Sein Name stammt vom doppelten Denier, der Münze, die man im 17. Jahrhundert als Brückenzoll zahlen musste.
Damit endet dieser Spaziergang dort, wo Paris seine Geschichten seit Jahrhunderten verkauft... für ein paar Münzen, aus einer grünen Kiste. Du hast zwei Inseln umrundet, von Liebenden, Bildhauerinnen und Dichtern gehört, von Brücken, die einstürzten, und von einer Kathedrale, die wieder aufersteht. Stöbere ruhig noch ein wenig. Vielleicht findest du einen alten Stich von genau der Brücke, auf der du eben noch gestanden hast.