Weißwurst, Weißbier und Viktualien: Münchens Altstadt zum Schmecken
Vom Café Luitpold über Dallmayr, Hofbräuhaus und Schneider Weisse zum Viktualienmarkt, zu Augustiner und in den Ratskeller – eine Genussrunde durch die Münchner Altstadt
Munich · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Café Luitpold: Kaffeehaus der Prinzregentenzeit
Brienner Straße 11, 80333 München, Germany
Du stehst vor einem hellen Geschäftshaus an der Brienner Straße, und schon an der Tür riecht es nach Kaffee, Butter und Schokolade. Das ist das Café Luitpold, und mit ihm beginnt unsere Runde durch die Münchner Altstadt: nicht mit Bier, sondern mit Kuchen. Keine Sorge, das Bier kommt noch, und die Weißwurst auch. Aber in München sitzt man eben nicht nur im Wirtshaus, sondern genauso gern bei Kaffee und Torte, am liebsten am Nachmittag und am liebsten lange.
Eröffnet wurde das Café 1888, zwei Jahre nachdem Prinz Luitpold nach dem Tod König Ludwigs des Zweiten die Regentschaft in Bayern übernommen hatte. Der Prinzregent gab dem Haus seinen Namen, und das Haus gab sich alle Mühe, ihm Ehre zu machen: hohe Säle, Säulen, bemalte Decken, Kronleuchter. Offiziere saßen neben Malern, Studenten neben Bankiers, und wer in der Prinzregentenzeit gesehen werden wollte, trank seinen Kaffee genau hier.
Zu dieser Epoche gehört ein Kuchen, den jedes Münchner Kind kennt: die Prinzregententorte. Hauchdünne Biskuitböden, dazwischen Schokoladenbuttercreme, darüber ein dunkler Mantel aus Glasur. Erzählt wird, dass es ursprünglich acht Böden waren, einer für jeden bayerischen Regierungsbezirk, die Pfalz am Rhein mitgezählt. Als die Pfalz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu Bayern gehörte, schrumpfte die Torte bei vielen Konditoren auf sieben Lagen. Ob das wirklich so geplant war? In München glaubt man so eine Geschichte lieber, als sie nachzuprüfen.
1944 zerstörten Bomben das alte Kaffeehaus fast vollständig. Was du heute siehst, ist ein Wiederaufbau in kleinerem Maßstab, mit einem überdachten Palmengarten im Innenhof als Erinnerung an die alte Pracht. Das ist typisch für diese Stadt... vorne erzählt die Fassade von Kontinuität, und dahinter steckt ein halber Neuanfang. Viele Münchner Häuser, an denen du heute vorbeigehst, haben genau diese doppelte Geschichte.
Ein Tipp unter Freunden: Schau in der Vitrine nicht nur auf die Torten, sondern auch auf die Pralinen, denn die eigene Konditorei war immer das Herz des Hauses. Und dann geh die Theatinerstraße hinunter nach Süden und biege links in die Perusastraße. Unser nächstes Ziel ist ein Laden, dessen Kaffeeduft du riechst, bevor du sein Schild überhaupt gelesen hast.
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2. Dallmayr: Der Feinkostladen in der Dienerstraße
Dienerstraße 14, 80331 München, Germany
Riech mal. Noch bevor du die schwere Tür in der Dienerstraße aufdrückst, weht dir gerösteter Kaffee entgegen, und dahinter wartet ein Laden, der eher an einen Salon erinnert als an ein Geschäft. Marmor, dunkles Holz, Vitrinen voller Würste, Käse, Pralinen und Dinge, deren Namen man erst nachschlagen muss.
Die Wurzeln dieses Hauses reichen bis ins Jahr 1700 zurück, in eine Zeit, in der Kaffee in München noch ein exotischer Luxus war. Den Namen, den heute halb Deutschland von Kaffeepackungen kennt, bekam es erst 1870, als Alois Dallmayr das Geschäft übernahm. Und das Erstaunliche: Dallmayr selbst blieb gar nicht lange. 1895 kaufte Anton Randlkofer den Laden, und unter ihm und seiner Familie wurde daraus das Delikatessenhaus, wie wir es kennen... den berühmten Namen haben sie einfach behalten.
Um 1900 war Dallmayr das Fenster Münchens zur Welt. Erzählt wird, dass man hier als einer der Ersten in der Stadt Bananen und andere Südfrüchte kaufen konnte, zu einer Zeit, als die meisten Münchner so etwas nur aus Büchern kannten. Das Haus wurde königlich bayerischer Hoflieferant, und mit dem Titel kamen Kunden aus dem Adel, aus dem Bürgertum und aus den Grandhotels der Stadt. Wer zum Fest etwas Besonderes auf den Tisch stellen wollte, ging in die Dienerstraße.
Schau dir die Kaffeeabteilung an: Die bemalten Porzellangefäße, aus denen der Kaffee abgefüllt wird, sind beinahe so berühmt wie der Kaffee selbst. Kaffee ist bis heute das Herzstück des Hauses, und an der Theke wird er abgewogen, als ginge es um Edelsteine. Im Haus selbst geht es dagegen zu wie in einem alten Kaufmannsladen, nur eben in sehr feiner Ausführung: Man lässt sich beraten, man probiert, man plaudert.
Und noch etwas, das kaum jemand bemerkt: Gegenüber ragt die Rückseite des Neuen Rathauses auf, und die Dienerstraße war schon im Mittelalter eine der Hauptachsen der Stadt. Feinkost und Macht lagen in München immer nur ein paar Schritte auseinander. Geh jetzt die Dienerstraße weiter nach Norden bis zur Burgstraße, dann rechts über die Pfisterstraße zum Platzl. Dort wartet das berühmteste Wirtshaus der Welt.
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3. Hofbräuhaus am Platzl: Das Bier des Herzogs
Platzl 9, 80331 München, Germany
Hör zu: Schon draußen am Platzl dringt Blasmusik durch die Fenster, und durch die Tür quillt ein Stimmengewirr in zwanzig Sprachen. Das Hofbräuhaus ist so berühmt, dass viele Münchner so tun, als würden sie nie hineingehen... und dann sitzen sie doch am Stammtisch. Denn trotz aller Reisebusse ist es ein echtes Münchner Wirtshaus geblieben, mit Stammgästen, die seit Jahrzehnten an denselben Tischen sitzen.
Die Geschichte beginnt mit einem Sparprogramm. Der bayerische Hof trank im 16. Jahrhundert gern Bier aus Einbeck in Niedersachsen, und das war teuer. Also gründete Herzog Wilhelm der Fünfte 1589 eine eigene Hofbrauerei, zunächst im Alten Hof, ein paar Gassen von hier. Aus dem Einbecker Bier wurde übrigens im Münchner Mund das Wort Bock... so jedenfalls die gängige Erklärung für den Namen des starken Bockbiers.
Sein Sohn Maximilian der Erste ließ dann am Platzl ein eigenes Brauhaus für Weißbier errichten, denn das Weißbier war damals ein lukratives Monopol des Herzogs. Lange war das Hofbräuhaus vor allem eine Brauerei, in der auch ausgeschenkt wurde. Erst als die Brauerei Ende des 19. Jahrhunderts aus der Altstadt hinaus über die Isar zog, wurde das Gebäude 1896 und 1897 zu dem Bierpalast umgebaut, den du heute siehst, mit Schwemme, Festsaal und Biergarten im Hof.
Zur Geschichte dieses Hauses gehört auch ein dunkles Kapitel. Im Februar 1920 verkündete Adolf Hitler im Festsaal oben das Parteiprogramm der NSDAP, vor etwa zweitausend Menschen. München wurde später zur sogenannten Hauptstadt der Bewegung. Es ist gut, das zu wissen, wenn man hier sitzt: Das Wirtshaus war damals ein Versammlungsort für alles, was laut war, und gerade das machte es gefährlich.
Achte drinnen auf die verschlossenen Fächer an der Wand: Stammgäste bewahren dort ihre eigenen Maßkrüge auf, manche seit Jahrzehnten. Ein eigener Krug im Hofbräuhaus ist in München fast so etwas wie ein Adelstitel. Jetzt geh vom Platzl die Orlandostraße hinunter bis ins Tal. Dort zeige ich dir, wer den Wittelsbachern ihr Weißbier am Ende abgekauft hat.
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4. Weisses Bräuhaus im Tal: Schneiders Weißbier
Tal 7, 80331 München, Germany
Stell dich auf die Straße namens Tal und schau auf das Haus mit der großen Aufschrift Weisses Bräuhaus. Drinnen klappern Teller, auf den Tischen stehen hohe, geschwungene Gläser mit trübem, goldenem Bier, und daneben dampft eine Schüssel mit Weißwürsten. Die Straße heißt übrigens wirklich nur Tal, ganz ohne Zusatz, weil sie vom Marienplatz sanft hinunter zum Isartor führt, auf der alten Salzstraße, die einst den Reichtum der Stadt brachte.
Weißbier war in Bayern lange etwas ganz Besonderes, nämlich ein Privileg. Seit dem frühen 17. Jahrhundert durfte es nur der Landesherr brauen lassen, und das Weißbiermonopol füllte den Wittelsbachern jahrhundertelang die Kassen. Im 19. Jahrhundert aber kam das Weißbier aus der Mode. Die Leute wollten das neue, klare, kühle Lagerbier, und das alte Weizenbier galt als Getränk von gestern.
Genau da tritt ein Mann auf, der an das Unmoderne glaubte: Georg Schneider. Er hatte das Weißbier im Hofbräuhaus gepachtet, und 1872 erwarb er vom Königshaus das Recht, selbst Weißbier zu brauen. Im selben Jahr übernahm er eine alte Brauerei hier im Tal. Man hätte ihn für verrückt halten können... aber er behielt recht, und sein Weißbier überlebte die Mode, die es fast begraben hätte.
Im Zweiten Weltkrieg trafen Bomben auch dieses Haus, und die Braustätte in München wurde zerstört. Die Familie verlegte das Brauen ganz nach Kelheim an der Donau, wo sie schon vorher eine Brauerei besaß. Das Haus im Tal blieb, was es heute ist: ein Wirtshaus mit langen Tischen, an denen sich Handwerker, Familien und Touristen ganz selbstverständlich zusammensetzen.
Und dann das Ritual: Weißwürste isst man in München mit süßem Senf und einer Breze, und dazu gehört ein Weißbier, auch am Vormittag, ohne schlechtes Gewissen. Die ganz Strengen zuzeln die Wurst aus der Haut, statt sie zu schneiden. Probier es ruhig, keiner lacht... jedenfalls nicht laut. Jetzt geh ein paar Schritte zurück Richtung Marienplatz und dann links den kleinen Hügel hinauf zum Kirchturm, den die Münchner liebevoll Alter Peter nennen.
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5. Alter Peter: Der Turm über dem Markt
Rindermarkt 1, 80331 München, Germany
Leg den Kopf in den Nacken: Über dir ragt der Turm von St. Peter auf, und ganz oben drängen sich winzige Gestalten an der Brüstung. Das ist der Alte Peter, die älteste Pfarrkirche Münchens, und der kleine Buckel, auf dem du stehst, heißt bis heute Petersbergl.
Auf dieser leichten Anhöhe sollen schon vor der Gründung der Stadt Mönche gesiedelt haben. Von ihnen hat München seinen Namen: bei den Mönchen, ze den Munichen. Und das Münchner Kindl im Stadtwappen ist ursprünglich ein kleiner Mönch in Kutte, kein Kind. Die Stadt selbst gilt seit 1158 als gegründet, als Heinrich der Löwe hier einen Markt und eine Brücke über die Isar anlegte. Er wollte am Salzhandel verdienen, und dafür brauchte er genau das, was du gleich unten am Markt siehst: Händler, Kunden und Zoll.
Markt ist das Stichwort. Der Platz zu deinen Füßen heißt Rindermarkt, und das ist wörtlich gemeint: Hier wurde früher Vieh gehandelt. Rund um den Alten Peter lag jahrhundertelang der Bauch der Stadt, mit Metzgern, Bäckern und Händlern. Wenn du die gut dreihundert Stufen auf den Turm steigst, siehst du unter dir das bunte Dächermeer des Viktualienmarkts, und dahinter, bei Föhn, die Alpen.
Drinnen wartet eine der seltsamsten Figuren der Stadt. In einem gläsernen Schrein liegt das Skelett der heiligen Munditia, über und über mit Gold, Perlen und Edelsteinen geschmückt, die leeren Augenhöhlen mit Glas gefüllt. Die Gebeine kamen im 17. Jahrhundert aus den römischen Katakomben nach München. Manche Besucher erschrecken, andere bleiben fasziniert stehen... gleichgültig ist hier kaum jemand. Solche geschmückten Katakombenheiligen waren im Barock in Bayern beliebt, als sichtbarer Trost, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Peter schwer beschädigt. Die Münchner haben ihren Alten Peter nach dem Krieg wieder aufgebaut, weil die Stadt ohne ihn einfach nicht vollständig gewesen wäre. Bis heute gilt in der Altstadt eine Art ungeschriebenes Gesetz: Kein neues Haus soll den alten Kirchtürmen die Schau stehlen. Jetzt geh die Treppe auf der Südseite hinunter, direkt hinein in das Gewimmel der Stände. Dort unten steht der Maibaum.
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6. Viktualienmarkt: Maibaum, Karl Valentin und Heilig Geist
Viktualienmarkt 3, 80331 München, Germany
Jetzt bist du mittendrin: Stände mit Bergen von Radieschen, Käselaibe, Honiggläser, Blumen, ein Duft von geräuchertem Fisch und frisch gebackenem Brot. Und in der Mitte, hoch über allem, ragt der weiß-blaue Maibaum mit seinen geschnitzten Figuren auf.
Der Viktualienmarkt hat einen lateinischen Namen, denn victualia heißt einfach Lebensmittel. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Marienplatz gehandelt, doch dort war es zu eng geworden. 1807 ordnete König Max der Erste Joseph an, den Markt hierher zu verlegen, und er wuchs Stück für Stück auf das Gelände des alten Heilig-Geist-Spitals. Die Kirche des Spitals steht noch, gleich da drüben Richtung Tal: eine gotische Hallenkirche, die im 18. Jahrhundert von den Brüdern Asam barock ausgestaltet wurde.
Schau dir den Maibaum genau an: Die kleinen Figuren an den Querbalken zeigen Handwerke und Zünfte, die diese Stadt ernährt und getränkt haben. Um so einen Baum ranken sich in Bayern ernste Rituale, denn wer einem anderen Ort den Maibaum stiehlt, bekommt ihn nur gegen eine ordentliche Brotzeit zurück. Im Biergarten nebenan wird Bier aus Münchner Brauereien ausgeschenkt, und zwar abwechselnd, damit keine zu kurz kommt.
Und dann die Brunnen. Zwischen den Ständen stehen kleine Brunnenfiguren für die Münchner Volkssänger, für Liesl Karlstadt, Weiß Ferdl und andere. Der bekannteste zeigt Karl Valentin, den großen Komiker, der 1948 starb, ziemlich verarmt. Sein Brunnen kam schon 1953. In der Hand der Figur stecken oft frische Blumen, ein stiller Gruß seiner Verehrer. Valentin hatte zu Lebzeiten Spott und Not erlebt, und erst nach seinem Tod hat ihn München so richtig ins Herz geschlossen.
Valentin hat einmal sinngemäß gesagt, dass alles schon gesagt sei, nur noch nicht von allen. Auf diesem Markt merkt man, dass er recht hatte: Jeder Standler hat seine eigene Meinung zum richtigen Radi und zur besten Weißwurst, und die Marktfrauen vom Viktualienmarkt sind für ihren trockenen Humor so berühmt wie für ihre Ware. Geh jetzt an der Südwestecke des Marktes zur langen Halle aus Eisen und Glas an der Blumenstraße.
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7. Schrannenhalle: Der Kornmarkt aus Eisen und Glas
Viktualienmarkt 15, 80331 München, Germany
Vor dir streckt sich eine lange Halle aus Gusseisen und Glas, mit schlanken Säulen und hohen Fenstern, die mitten in der Altstadt fast wie ein kleiner Bahnhof wirkt. Das ist die Schrannenhalle, und sie hat eine erstaunliche Geschichte vom Verschwinden und Wiederauftauchen.
Eine Schranne war in Bayern ein Getreidemarkt. Jahrhundertelang wurde Münchens Korn mitten auf dem Hauptplatz gehandelt, der darum Schrannenplatz hieß. Erst als der Handel 1853 in eine neue Halle hierher an die Blumenstraße umzog, bekam der Platz seinen heutigen Namen: Marienplatz. Das Brot einer ganzen Stadt hing an diesem Handel, und wenn das Korn knapp und teuer wurde, war die Stimmung in den Gassen schnell gereizt. Kein Wunder, dass die Obrigkeit den Markt streng überwachte, mit geeichten Maßen und festen Regeln.
Die neue Schranne war ein Wunderwerk ihrer Zeit, eine Konstruktion aus vorgefertigten Eisenteilen, mehrere hundert Meter lang, ganz im Geist der großen Glaspaläste. Bauern brachten ihr Getreide mit Fuhrwerken in die Stadt, Händler prüften die Körner zwischen den Fingern, und gefeilscht wurde laut. Die Halle war auch ein Statement: München, die Residenzstadt der Könige, wollte zeigen, dass sie mit der modernen Technik ihrer Zeit mithalten konnte.
Doch die Eisenbahn veränderte den Getreidehandel, die Schranne verlor ihre Bedeutung, und 1932 vernichtete ein Brand große Teile der Halle. Was übrig war, wurde abgetragen, und für Jahrzehnte war die Schrannenhalle nur noch eine Erinnerung. Dann die Überraschung: Teile der alten Eisenkonstruktion hatten überlebt. Sie wurden wiedergefunden, restauriert, und 2005 stand ein Abschnitt der Halle wieder an seinem alten Platz.
Wenn du hineingehst, schau auf die Säulen und die Gitterträger, denn ein guter Teil davon ist tatsächlich original aus dem 19. Jahrhundert. Heute wird darin wieder gegessen und eingekauft, und so ist der Ort, an dem früher das Korn gehandelt wurde, zurückgekehrt zu dem, wofür er gebaut war: Lebensmittel. Geh nun ein paar Schritte nach Westen, über die Blumenstraße hinweg zum offenen Sankt-Jakobs-Platz.
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8. Sankt-Jakobs-Platz: Stadtmuseum und Jakobidult
St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München, Germany
Auf einmal wird es ruhiger: Der Lärm des Marktes bleibt hinter dir, und du stehst auf einem weiten, hellen Platz. Auf der einen Seite das Münchner Stadtmuseum in alten Mauern, auf der anderen ein Würfel aus rauem Stein, über dem ein Kubus aus Glas und Bronze zu schweben scheint.
Das Stadtmuseum steckt in Gebäuden, die einst ganz praktischen Zwecken dienten: Ein Teil war das Zeughaus der Stadt, wo Waffen lagerten, ein anderer der Marstall für die Pferde. Heute zeigt das Museum, wie München gelebt, gefeiert und gegessen hat, von der mittelalterlichen Stadt bis zum Oktoberfest und den Wirtshäusern der Gegenwart. Sein größter Schatz sind die Moriskentänzer von Erasmus Grasser, verdrehte, tanzende Holzfiguren aus dem späten 15. Jahrhundert, geschnitzt für den Festsaal des Alten Rathauses.
Auf diesem Platz fand jahrhundertelang die Jakobidult statt, ein Jahrmarkt mit Geschirr, Werkzeug, Stoffen und Süßigkeiten. Die Dult ist inzwischen über die Isar gezogen und heißt heute Auer Dult, aber der Name des Platzes erinnert noch daran, wie viel hier gehandelt und genascht wurde.
Und dann der Steinwürfel mit der gläsernen Krone. Das ist die Hauptsynagoge Ohel Jakob, eröffnet am 9. November 2006, auf den Tag 68 Jahre nach der Pogromnacht. Die alte Hauptsynagoge der Stadt war schon im Juni 1938 auf Befehl der Nationalsozialisten abgerissen worden. Mit Ohel Jakob, dem Jüdischen Museum und dem Gemeindezentrum ist jüdisches Leben wieder mitten in die Altstadt zurückgekehrt, sichtbar, selbstbewusst und mit allem, was dazugehört, auch mit koscherer Küche.
Achte auf den Kontrast: unten der grobe Stein, der an die Klagemauer erinnern soll, oben das leichte Glas, das Licht hereinlässt. Schwere Erinnerung und Zuversicht, in einem einzigen Gebäude. Ein unterirdischer Gang verbindet Synagoge und Gemeindezentrum, und die Namen der ermordeten Münchner Juden sind dort an den Wänden zu lesen. Geh jetzt nach Westen zur Sendlinger Straße und dort ein paar Schritte nach links. Gleich siehst du eine Kirchenfassade, die aus dem Felsen zu wachsen scheint.
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9. Asamkirche: Barock in der Sendlinger Straße
Sendlinger Straße 32, 80331 München, Germany
Mitten in der Ladenzeile der Sendlinger Straße wächst plötzlich eine Kirchenfassade aus groben Felsen empor, eingezwängt zwischen zwei Bürgerhäusern und kaum breiter als ein Wohnhaus. Nach so viel Essen gönnen wir den Augen jetzt einen Nachtisch. Viele Leute laufen mit Einkaufstüten daran vorbei, ohne auch nur aufzuschauen, und genau das macht sie zu einem der schönsten Geheimnisse der Altstadt.
Diese Kirche heißt eigentlich Sankt Johann Nepomuk, aber jeder in München nennt sie Asamkirche. Gebaut haben sie ab 1733 zwei Brüder: Egid Quirin Asam, Bildhauer und Stuckateur, und Cosmas Damian Asam, Maler. Egid Quirin kaufte die Grundstücke hier, wohnte gleich nebenan und baute sich die Kirche praktisch als private Hauskapelle. Von einem Fenster seines Hauses aus konnte er direkt auf den Altar schauen.
Geh hinein, und du verstehst sofort, warum Leute hier stehen bleiben und nichts mehr sagen. Der Raum ist schmal und hoch, und jeder Zentimeter ist bemalt, vergoldet, mit Stuck überzogen. Das Licht fällt von oben ein, sodass du automatisch nach oben schaust, zum Himmel, den die Brüder an die Decke gemalt haben. Es ist Theater, aber Theater mit einer Botschaft: Unten das dunkle irdische Leben, oben das Licht.
Ganz privat blieb die Kirche allerdings nicht. Die Münchner Bürger setzten durch, dass sie öffentlich zugänglich wurde, und so gehört sie bis heute allen. Geweiht ist sie dem heiligen Nepomuk, einem Priester aus Prag, der 1393 in der Moldau ertränkt wurde und seitdem als Schutzpatron der Brücken und der Verschwiegenheit gilt. Die Legende sagt, er habe sich geweigert, das Beichtgeheimnis der Königin zu verraten.
Ein Detail, das kaum jemand bemerkt: Über dem Portal steht der Heilige selbst, und darunter wirkt die Fassade, als würde der nackte Fels durch das Pflaster der Stadt brechen. Barock in einer Einkaufsstraße, das gibt es so nur einmal in München. Jetzt geh die Sendlinger Straße hinauf bis zur Fußgängerzone und dann links in die Neuhauser Straße, zum ältesten Bier der Stadt.
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10. Augustiner-Stammhaus: Das älteste Bier der Stadt
Neuhauser Straße 27, 80331 München, Germany
Du stehst in der Fußgängerzone vor einer Fassade, die so prächtig ist, dass man sie eher für ein Theater halten würde. Über dem Eingang prangt der Name Augustiner, und durch die Tür siehst du lange Holztische, gewölbte Decken und Kellner, die ein Dutzend Maßkrüge auf einmal tragen.
Augustiner ist die älteste Brauerei Münchens, und ihre Geschichte beginnt nicht bei Brauern, sondern bei Mönchen. Die Augustinermönche brauten schon 1328 in ihrem Kloster nahe der Frauenkirche, ein paar hundert Meter von hier. Als die Klöster 1803 aufgelöst wurden, ging die Brauerei an den Staat und dann in private Hände, und der Name blieb.
Bier war in Bayern immer Sache der Obrigkeit. München erließ schon 1487 unter Herzog Albrecht dem Vierten eine Vorschrift, dass Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut werden durfte. 1516 folgte in Ingolstadt das berühmte bayerische Reinheitsgebot für das ganze Land. Hefe kam in diesen Texten übrigens gar nicht vor... man kannte sie noch nicht als das, was sie ist, auch wenn sie längst ihre Arbeit tat. Und das Gebot war auch Brotpolitik: Weizen und Roggen sollten für das Brot bleiben und nicht in den Braukessel wandern.
Das Haus vor dir war lange selbst Brauerei, bis die Produktion im 19. Jahrhundert hinaus in die Landsberger Straße zog. Danach wurde es 1896 und 1897 vom Architekten Emanuel von Seidl zu einer prachtvollen Gaststätte umgebaut, mit einem Arkadenhof und einem Saal, dessen Wände mit Muscheln verziert sind. Schau dich drinnen um, das ist Historismus mit einem Augenzwinkern. Seidl war einer der gefragtesten Architekten der Prinzregentenzeit, und hier durfte er zeigen, wie festlich ein Bierlokal sein kann.
Und dann das Bier aus dem Holzfass: Im Stammhaus wird es noch aus großen Holzfässern gezapft, für viele Münchner das einzig wahre Augustiner. Die Brauerei ist berühmt dafür, kaum Werbung zu machen, und gehört heute mehrheitlich einer Stiftung. Jetzt folge der Fußgängerzone nach Osten, die Kaufingerstraße entlang bis zum Marienplatz. Unter dem Neuen Rathaus endet unsere Runde, im Keller.
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11. Ratskeller: Weißwurst unter dem Rathaus
Marienplatz 8, 80331 München, Germany
Steig die Treppe hinunter in den Innenhof des Neuen Rathauses, und plötzlich wird es kühl und gedämpft. Unter dir öffnen sich Gewölbe, bemalte Decken, Nischen und Kammern, ein Labyrinth aus Räumen, in denen schon Generationen von Münchnern Schweinsbraten gegessen haben.
Der Ratskeller wurde 1874 eröffnet, zusammen mit dem ersten Bauabschnitt des Neuen Rathauses. Das neugotische Rathaus selbst wuchs dann noch Jahrzehnte weiter, bis 1908, Stück für Stück über den ganzen Block. Ein Wirtshaus im Rathauskeller ist eine alte Tradition deutscher Städte: Der Rat lagerte dort Wein, und die Bürger kamen, um ihn zu trinken.
Und jetzt zur Königin des Münchner Frühstücks. Die Weißwurst soll an einem Faschingstag im Februar 1857 nur ein paar Schritte von hier erfunden worden sein, in einem Wirtshaus am Marienplatz. Die Legende erzählt, dass dem Metzger die Schafsdärme für seine Bratwürste ausgingen. Er füllte die Masse in Schweinedärme und traute sich nicht, sie zu braten, weil sie platzen könnten... also hat er sie einfach in heißem Wasser ziehen lassen. Ob es genau so war? Für einen Münchner spielt das keine Rolle. Gegessen wird sie jedenfalls aus der Terrine im heißen Wasser, nicht gekocht, sondern nur gebrüht, damit die Haut nicht platzt.
Wichtig ist die Regel, die jeder hier kennt: Eine Weißwurst darf das Zwölfuhrläuten nicht hören. Sie wird vormittags gegessen, aus einer Zeit ohne Kühlschrank, in der frisches Brät schnell verdarb. Heute ist das natürlich kein Problem mehr, aber nach Mittag Weißwurst zu bestellen ist für manche Münchner immer noch ein kleiner Tabubruch. Und wer sie mit scharfem Senf oder gar Ketchup isst, bekommt vom Nachbartisch einen Blick, den man so schnell nicht vergisst.
Und so endet unsere Runde da, wo die Stadt seit Jahrhunderten ihr Herz hat, unter dem Rathaus am Marienplatz. Du hast Kuchen gegessen, Kaffee gerochen, Weißbier, Bock und das älteste Bier der Stadt kennengelernt, Markt, Mönche und Moriskentänzer. Bleibt nur noch eine Frage: Wie spät ist es? Wenn es noch vor zwölf ist... weißt du jetzt, was du bestellst.