München 1933–1945: NS-Zeit, Widerstand und die Weiße Rose
Vom Siegestor über die Universität der Geschwister Scholl, die Viscardigasse und das NS-Dokumentationszentrum bis zur Synagoge Ohel Jakob: ein nüchterner Gang durch die einstige Hauptstadt der Bewegung
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1. Siegestor: Zum Frieden mahnend
Siegestor, Ludwigstraße, 80539 München, Germany
Stell dich auf die Südseite des großen Bogens, mit dem Rücken zur Ludwigstraße, und lies die Inschrift oben auf dem Gebälk. Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend. Neun Wörter, und in ihnen steckt die ganze Geschichte, die wir heute abgehen.
Das Siegestor entstand von 1843 bis 1852 nach Plänen von Friedrich von Gärtner, nach dem Vorbild des Konstantinsbogens in Rom. König Ludwig I. widmete es dem bayerischen Heer, und oben lenkt die Bavaria ein Gespann aus vier Löwen. Es markierte das Ende seiner Prachtstraße: Im Süden die Feldherrnhalle, im Norden dieses Tor, dazwischen Universität, Kirche und Bibliothek. Hier hörte die Stadt damals einfach auf, dahinter begannen Felder und das Dorf Schwabing. Für viele Münchner ist das Tor bis heute eine gefühlte Grenze: südlich die Stadt der Könige, nördlich Schwabing, die Stadt der Künstler und Studenten.
Im Zweiten Weltkrieg trafen Bomben das Tor schwer, die Quadriga stürzte, Teile der Südseite wurden zerstört. Nach 1945 hätte man es abreißen oder originalgetreu wieder aufbauen können. München entschied sich für einen dritten Weg: Die Nordseite wurde restauriert, die Südseite blieb schlicht, mit glatten Flächen, wo einmal Reliefs waren. Die neue Inschrift formulierte der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein, und erst 1972 kehrte die Quadriga zurück.
Schau ruhig ein paar Sekunden auf die leeren Felder. Ein Denkmal, das seine eigene Beschädigung zeigt, ist ehrlicher als eines, das so tut, als sei nichts passiert. Und genau darum geht es auf diesem Spaziergang: um Orte, an denen man noch sieht, was geschehen ist, und um Orte, an denen man genau hinschauen muss, weil man es nicht mehr sieht.
München trug von 1935 an offiziell den Titel Hauptstadt der Bewegung. Hier wurde die NSDAP groß, hier stand ihre Parteizentrale, hier marschierte Hitler 1923 beim Putschversuch. Aber hier lebten auch die Studenten, die sich ihm widersetzten. Geh nun ein kurzes Stück die Ludwigstraße hinunter, auf der rechten Seite, bis zum Platz mit dem runden Brunnen vor der Universität.
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2. Geschwister-Scholl-Platz und DenkStätte Weiße Rose
Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München, Germany
Bevor du hineingehst, schau nach unten aufs Pflaster vor dem Hauptgebäude der Universität. Zwischen den Steinen liegen Flugblätter, verstreut, als hätte sie eben jemand fallen lassen. Sie sind nicht aus Papier, sondern fest ins Pflaster eingelassen, ein Denkmal, über das man fast stolpert. Man kann sogar einzelne Sätze darauf lesen, wenn man sich bückt... und genau das ist die Geste, die dieses Denkmal von dir verlangt.
Am Vormittag des 18. Februar 1943 kamen Hans und Sophie Scholl mit einem Koffer voller Flugblätter in dieses Gebäude. Hans studierte Medizin und war vierundzwanzig, seine Schwester Sophie studierte Biologie und Philosophie und war einundzwanzig. Während die Vorlesungen liefen, legten sie die Blätter in Stapeln vor die Hörsäle, auf Treppen und Fensterbänke. Es war das sechste Flugblatt der Weißen Rose, geschrieben kurz nach der Niederlage von Stalingrad.
Ein Rest blieb übrig. Oben an der Brüstung des Lichthofs stießen sie die letzten Blätter hinunter, und sie segelten in die große Halle. Der Hausmeister Jakob Schmid sah das, hielt die beiden fest und rief die Gestapo. Wenige Stunden später war die Weiße Rose aufgeflogen, und bald auch Christoph Probst, dessen Flugblattentwurf Hans in der Tasche trug.
Die Weiße Rose war ein kleiner Kreis: Studenten wie Alexander Schmorell, Willi Graf und Christoph Probst, die Geschwister Scholl, ihr Professor Kurt Huber und Freunde in anderen Städten. Sie schrieben, vervielfältigten und verschickten insgesamt sechs Flugblätter, zuerst an Akademiker und Buchhändler, dann in immer größeren Auflagen. Sie wussten genau, was auf dem Spiel stand. Im Lichthof erinnert heute die DenkStätte Weiße Rose an sie, mit Dokumenten, Briefen, Fotos und den Flugblättern selbst.
Der Platz vor dir heißt seit 1946 Geschwister-Scholl-Platz. Es lohnt sich, einmal hinein in den Lichthof zu gehen und hinaufzuschauen, zur Brüstung. Von dort sind es nur ein paar Meter Luft... und es war eine Entscheidung über Leben und Tod. Wenn du wieder draußen bist, überquere die Ludwigstraße zum zweiten runden Brunnen auf der anderen Seite.
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3. Professor-Huber-Platz
Professor-Huber-Platz 2, 80539 München, Germany
Dreh dich am Brunnen um und schau zurück über die Ludwigstraße. Zwei Plätze, zwei runde Brunnenschalen, die sich wie Spiegelbilder gegenüberstehen. Drüben der Platz der Geschwister Scholl, hier der Platz ihres Professors. Die Stadt hat Lehrer und Studenten einander gegenübergestellt, für immer im Blickkontakt.
Kurt Huber war Professor für Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität. Er hatte sich mit bayerischen Volksliedern beschäftigt und war wegen einer Lähmung körperlich eingeschränkt, ein stiller, konservativer Gelehrter, kein Revolutionär. Doch in seinen Vorlesungen über Leibniz sprachen die Studenten von einem Mann, der zwischen den Zeilen sehr deutlich wurde. Hans Scholl und seine Freunde suchten seine Nähe, und Huber ließ sich auf sie ein.
Das sechste und letzte Flugblatt, das Hans und Sophie im Lichthof verteilten, stammt im Kern von Kurt Huber. Es wandte sich direkt an die Studenten, nach Stalingrad, und rief sie auf, sich gegen die Partei zu stellen. Am 27. Februar 1943 wurde Huber verhaftet. Im April verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tod, und am 13. Juli 1943 wurde er in München-Stadelheim hingerichtet, am selben Tag wie Alexander Schmorell. Willi Graf folgte im Oktober.
Huber hielt vor Gericht eine Verteidigungsrede, die erhalten ist. Er sprach darin von der Pflicht, sich gegen Unrecht zu wenden, und von der Freiheit des Gewissens. Er wusste, dass ihn das nicht retten würde. Seine Familie stand nach seinem Tod ohne Einkommen da, und Freunde halfen ihr heimlich.
Der Name dieses Platzes ist darum mehr als eine Adresse. Er erinnert daran, dass Widerstand auch einen Lehrer brauchte, der nicht wegsah, und dass Mut nicht nur eine Frage des Alters ist. Wenn du willst, schau dir noch einmal die beiden Brunnen an: Sie gehören zur ursprünglichen Planung der Straße von Friedrich von Gärtner und sind älter als jede Diktatur. Geh jetzt die Ludwigstraße nach Süden, an der Ludwigskirche vorbei, bis zum langen Bau der Staatsbibliothek mit den vier Sitzfiguren auf der Treppe.
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4. Ludwigstraße und Staatsbibliothek: Parolen und Bomben
Ludwigstraße 16, 80539 München, Germany
Vor dir sitzen vier steinerne Männer auf der breiten Freitreppe der Bayerischen Staatsbibliothek: Thukydides, Hippokrates, Homer und Aristoteles. Geschichte, Medizin, Dichtung und Philosophie, ruhig und ernst, als würden sie seit Jahrhunderten auf Leser warten. Dahinter zieht sich die lange Fassade aus Backstein, die Friedrich von Gärtner von 1832 bis 1843 errichtete.
Die Ludwigstraße, auf der du gerade gegangen bist, war in den Februarnächten 1943 Schauplatz einer stillen Aktion. Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf zogen nachts mit Teerfarbe und Schablonen los. An Häuserwände in dieser Gegend und an die Universität malten sie Parolen wie Freiheit und Nieder mit Hitler. Am Morgen mussten Arbeiter die Schrift abschrubben, und Studenten liefen auf dem Weg zur Vorlesung daran vorbei. Viele schauten weg, manche lasen sehr genau. Die Gestapo war alarmiert, aber sie fand die Täter nicht... bis zum 18. Februar.
Zwei Jahre später lag diese Straße in Trümmern. München wurde im Zweiten Weltkrieg mehr als siebzigmal aus der Luft angegriffen, und über sechstausend Menschen starben. Die Altstadt war am Ende zu großen Teilen zerstört. Auch die Staatsbibliothek wurde schwer getroffen, und Hunderttausende Bände verbrannten, obwohl viele Bestände vorher ausgelagert worden waren.
Bibliotheken haben in dieser Geschichte noch eine zweite, stillere Seite. In der NS-Zeit gelangten Bücher in öffentliche Sammlungen, die man jüdischen Familien, Gewerkschaften oder Verbänden geraubt hatte. Heute betreibt die Staatsbibliothek Provenienzforschung: Sie sucht in ihren Beständen nach solchen Büchern und gibt sie, wo es möglich ist, an die Erben zurück. Manchmal ist es nur ein Stempel oder ein Name auf dem Vorsatzblatt, der eine ganze Familiengeschichte verrät.
Wenn du die Treppe hinaufschaust, siehst du also nicht nur einen Tempel des Wissens, sondern einen Ort, an dem Krieg und Raub noch heute nachwirken. Folge der Ludwigstraße jetzt weiter nach Süden, Richtung Odeonsplatz. Kurz vor der Feldherrnhalle biegst du rechts in die Theatinerstraße und dann gleich links in eine schmale Gasse.
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5. Viscardigasse: Das Drückebergergassl
Viscardigasse, 80333 München, Germany
Bleib am Eingang der schmalen Gasse stehen und schau auf das Pflaster. Mitten durch die grauen Steine zieht sich eine geschwungene Spur aus goldglänzender Bronze, wie ein Bach, der durch die Gasse fließt. Die meisten Leute laufen einfach darüber, das Handy in der Hand. Dabei erzählt diese Linie eine der leisesten Widerstandsgeschichten Münchens.
Ein paar Schritte von hier steht die Feldherrnhalle. Dort endete am 9. November 1923 Hitlers Putschversuch im Feuer der Landespolizei. Nach 1933 machte das Regime aus diesem Ort eine Kultstätte: An der Ostseite der Halle hing ein Mahnmal für die sechzehn getöteten Putschisten, bewacht von SS-Posten. Wer daran vorbeiging, musste den Arm zum Hitlergruß heben.
Viele Münchner wollten das nicht. Also nahmen sie einen Umweg: Statt über die Residenzstraße an der Halle vorbei, bogen sie in diese Gasse ab und kamen in der Theatinerstraße wieder heraus. Der Volksmund taufte sie Drückebergergassl. Das war kein großer Widerstand, keine Flugblätter, kein Attentat. Aber es war ein tägliches, stilles Nein, und wer hier zu oft gesehen wurde, konnte durchaus auffallen.
Die bronzene Spur im Pflaster schuf der Künstler Bruno Wank in den 1990er-Jahren. Sie markiert den Weg der Ausweichenden, ohne Tafel, ohne großen Text. Man muss sie bemerken wollen... und genau darin liegt ihre Kraft. Benannt ist die Gasse übrigens nach Giovanni Antonio Viscardi, einem Baumeister des Barock, dessen Bürgersaalkirche wir später auf diesem Weg noch streifen.
Ein paar Schritte weiter liegt der Wittelsbacherplatz mit dem Reiterstandbild von Kurfürst Maximilian I., dem Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges, und mit dem Palais, in dem nach 1949 die Zentrale von Siemens saß. Auch dieses Unternehmen hat sich später mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit auseinandersetzen müssen. Geh nun durch die Gasse zur Theatinerstraße, dort nach rechts und dann links in die Brienner Straße, bis du auf der linken Seite eine kleine Grünanlage mit einer Säule und einer Flamme siehst.
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6. Platz der Opfer des Nationalsozialismus
Platz der Opfer des Nationalsozialismus, Brienner Straße, 80333 München, Germany
In der kleinen Grünanlage steht eine dunkle Säule, und in ihrem Inneren, hinter einem Gitter, brennt eine Flamme. Autos rauschen über die Brienner Straße, Menschen warten auf die Tram, und die Flamme brennt einfach weiter, Tag und Nacht. Das ist der Platz der Opfer des Nationalsozialismus.
Den Namen trägt der Platz seit 1946, und er ist nicht zufällig gewählt. Schräg gegenüber, an der Ecke von Brienner Straße und Türkenstraße, stand das Wittelsbacher Palais, ein neugotischer Bau, in dem König Ludwig I. nach seiner Abdankung gewohnt hatte. Ab 1933 zog dort die Politische Polizei ein, später die Gestapo-Leitstelle München. Im Keller lag ein Hausgefängnis.
Hierher brachte man Hans und Sophie Scholl nach ihrer Verhaftung am 18. Februar 1943. Sophie wurde von dem Gestapo-Beamten Robert Mohr verhört. Zuerst stritt sie alles ab, und nach Mohrs eigenen späteren Angaben hätte sie ihn beinahe überzeugt. Dann fand man Beweise in der Wohnung, und sie übernahm die Verantwortung, ohne die Freunde zu verraten. Vier Tage später stand sie vor Gericht.
Für viele andere begann hier ein Weg, der in Dachau, in Gefängnissen oder in den Vernichtungslagern endete: politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Menschen, die nur einen Witz zu viel erzählt hatten. Das Palais wurde im Krieg zerstört, die Ruine später abgerissen, und heute steht an der Stelle ein Bankgebäude. Nichts erinnert dort mehr an die Zellen im Keller. Gerade deshalb steht das Gedenken hier, auf der anderen Straßenseite, wo jeder vorbeikommt, der vom Odeonsplatz zum Königsplatz geht.
Die Säule mit der Flamme wurde 1985 aufgestellt, und vor einigen Jahren hat man den Platz neu gestaltet, damit er nicht länger wie eine Verkehrsinsel wirkt. Bleib einen Moment stehen. Es ist einer der wenigen Orte in München, die nur diesem Gedenken gehören. Geh nun die Brienner Straße nach Westen, über den Karolinenplatz mit dem Obelisken hinweg, bis zu den zwei hellen, strengen Steinbauten an der Arcisstraße.
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7. Führerbau und die Sockel der Ehrentempel
Arcisstraße 12, 80333 München, Germany
Vor dir steht ein langer, heller Steinbau mit strengen Pfeilern, zwei Balkonen über den Eingängen und keinerlei Verzierung. Heute klingen aus den Fenstern Geigen, Klavierläufe und Gesangsübungen, denn hier sitzt die Hochschule für Musik und Theater. Gebaut wurde das Haus aber für einen ganz anderen Zweck: als Führerbau, Hitlers Repräsentationsbau in der Hauptstadt der Bewegung.
Entworfen hat ihn Paul Ludwig Troost, Hitlers bevorzugter Architekt, der 1934 starb, bevor der Bau 1937 fertig wurde. Gegenüber, auf der anderen Seite der Brienner Straße, steht sein fast identischer Zwilling, der Verwaltungsbau der Partei, in dem die Mitgliederkartei der NSDAP lag. Zusammen bildeten die beiden Bauten das Tor zum Königsplatz, den die Partei zur Weihestätte umgebaut hatte.
In der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938 unterschrieben hier Hitler, Mussolini, der britische Premier Neville Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier das Münchner Abkommen. Die Tschechoslowakei musste das Sudetenland abtreten, und ihre Vertreter saßen nicht mit am Tisch. Chamberlain flog zurück nach London und sprach vom Frieden für unsere Zeit. Ein knappes Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.
Geh jetzt ein paar Schritte zur Brienner Straße und schau auf die beiden quadratischen Sockel links und rechts der Straße, die heute von Bäumen und Gebüsch überwuchert sind. Hier standen ab 1935 die sogenannten Ehrentempel, offene Säulenhallen mit den Sarkophagen der sechzehn beim Putsch 1923 getöteten Nationalsozialisten, bewacht von der SS. Im Januar 1947 sprengte die amerikanische Armee die Tempel. Die Sockel blieben, und man ließ die Natur darüber wachsen... ein Denkmal durch Verwilderung.
Nach dem Krieg bekamen die beiden Parteibauten eine überraschende Aufgabe. Die Amerikaner richteten hier den Central Collecting Point ein, eine Sammelstelle für Kunst, die die Nationalsozialisten in ganz Europa geraubt hatten. Hunderttausende Werke wurden hier erfasst und an ihre Herkunftsländer zurückgegeben. Der Bau, in dem Europa verhandelt wurde, half so, einen Teil des Raubes wiedergutzumachen. Geh jetzt hinüber zu dem weißen Würfel auf der Südseite der Brienner Straße.
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8. NS-Dokumentationszentrum am Ort des Braunen Hauses
Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München, Germany
Vor dir steht ein schlichter weißer Würfel aus hellem Beton, mit großen Fensteröffnungen hinter feinen Lamellen. Zwischen den wuchtigen Steinbauten der NS-Zeit wirkt er fast unscheinbar, und trotzdem ist er der wichtigste Bau an dieser Kreuzung. Das ist das NS-Dokumentationszentrum München.
Genau an dieser Stelle stand das sogenannte Braune Haus. Ursprünglich war es ein klassizistisches Stadtpalais, das Palais Barlow, das die NSDAP 1930 kaufte und zu ihrer Parteizentrale umbaute. Von hier aus wurde die Partei geführt, lange bevor sie in Berlin an der Macht war. Im Krieg wurde das Gebäude durch Bomben schwer beschädigt, und nach 1945 räumte man die Reste ab. Jahrzehntelang lag hier eine leere Fläche, über die kaum jemand sprach.
Es hat sehr lange gedauert, bis München sich dieser Geschichte stellte. Die Stadt, die sich so gern als weltoffen und gemütlich sah, war der Ort, an dem die Bewegung entstand, die Europa in den Abgrund führte. Erst am 30. April 2015, genau siebzig Jahre nachdem amerikanische Truppen München erreicht hatten, öffnete das Dokumentationszentrum. Die Ausstellung erzählt nüchtern, wie die NSDAP hier aufstieg, wer sie unterstützte, wer verfolgt wurde und wie die Stadt nach dem Krieg mit dieser Last umging.
Geh hinein und fahr nach oben, und von den großen Fenstern aus siehst du die Orte, über die du drinnen liest: den Königsplatz, den Führerbau, die Sockel der Ehrentempel. Das Haus schaut der Geschichte buchstäblich in die Augen. Der Platz vor dir trägt heute den Namen von Max Mannheimer, einem Überlebenden von Auschwitz und Dachau, der jahrzehntelang mit Schülern über das Erlebte sprach.
Mannheimer hat oft gesagt, die jungen Menschen seien nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Mit diesem Satz im Kopf geht es weiter. Geh nun nach Süden Richtung Alter Botanischer Garten und an ihm entlang, bis vor dir an der Elisenstraße ein mächtiger Bau mit einer gläsernen Kuppel auftaucht.
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9. Justizpalast und Saal 253
Prielmayerstraße 7, 80335 München, Germany
Vor dir erhebt sich ein Palast, wie ihn sich das Kaiserreich für die Justiz wünschte: Neobarock, mit Säulen, Figuren und einer großen gläsernen Kuppel. Gebaut wurde er von 1891 bis 1897 nach Plänen von Friedrich von Thiersch. Ein Gebäude, das Würde und Gerechtigkeit ausstrahlen sollte... und genau deshalb ist das, was hier geschah, so schwer zu ertragen.
Am Morgen des 22. Februar 1943 wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst in den Schwurgerichtssaal 253 geführt. Eigens aus Berlin angereist war Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofs. Er schrie, unterbrach und verhöhnte die Angeklagten. Die Verhandlung dauerte nur wenige Stunden, und das Urteil stand von Anfang an fest: Tod.
Sophie Scholl soll Freisler gesagt haben, dass viele dächten wie sie, aber sich nicht trauten, es auszusprechen. Christoph Probst war 23 und Vater von drei kleinen Kindern, das jüngste wenige Wochen alt. Seine Bitte um Gnade wegen seiner Familie wurde abgelehnt. Noch am selben Nachmittag wurden die drei im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Überliefert ist, dass Hans Scholl vor seinem Tod rief: Es lebe die Freiheit.
Im April 1943 folgte im selben Gebäude der zweite Prozess gegen die Weiße Rose, gegen Kurt Huber, Alexander Schmorell, Willi Graf und weitere Helfer. Auch hier sprach der Volksgerichtshof Todesurteile und lange Haftstrafen aus. Erst 1998 hob der Bundestag die Urteile des Volksgerichtshofs per Gesetz auf... mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Tod der Verurteilten.
Heute ist der Justizpalast wieder ein ganz normales Gericht. Im Haus arbeiten das bayerische Justizministerium und Gerichte, und der Saal 253 ist zugleich ein Gedenkort mit einer Ausstellung über die Prozesse gegen die Weiße Rose. Dieselben Wände, eine andere Justiz... gerade dieser Kontrast macht den Ort so eindringlich. Geh nun zurück Richtung Lenbachplatz, am Künstlerhaus vorbei, bis zur Ecke von Herzog-Max-Straße und Maxburgstraße, wo ein unscheinbarer Gedenkstein steht.
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10. Gedenkstein für die Hauptsynagoge
Herzog-Max-Straße / Maxburgstraße, 80333 München, Germany
An dieser unscheinbaren Straßenecke, zwischen Kaufhausrückseiten, Lieferzufahrten und parkenden Autos, liegt ein schwerer Stein. Man könnte ihn für ein Stück Stadtmöblierung halten. Dabei markiert er den Platz, an dem eines der prächtigsten Gotteshäuser Münchens stand: die Hauptsynagoge.
Sie wurde von 1883 bis 1887 nach Plänen von Albert Schmidt gebaut, ein großer Bau im romanischen Stil mit einem hohen Turm, mitten in der Stadt, nahe Frauenkirche und Künstlerhaus. Sie war eine der größten Synagogen in Deutschland und ein Zeichen dafür, dass die jüdischen Münchnerinnen und Münchner ganz selbstverständlich dazugehörten. Ärzte, Kaufleute, Künstler, Juristen: 1933 lebten etwa neuntausend Jüdinnen und Juden in der Stadt.
Im Juni 1938 ordnete Hitler den Abriss an. Er soll sich an der Synagoge in der Nähe des Künstlerhauses gestört haben, das er gern besuchte. Die Abrissarbeiten begannen Anfang Juni, und innerhalb weniger Wochen verschwand der Bau, Stein für Stein, mitten am Tag. Passanten konnten dabei zusehen. Das geschah Monate vor der Pogromnacht... ein Vorbote, mitten in der Innenstadt und vor aller Augen.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 folgte das Pogrom. Ausgelöst wurde es in München, im Alten Rathaus, wo Goebbels vor Parteigrößen eine Hetzrede hielt. In derselben Nacht ging die orthodoxe Synagoge Ohel Jakob in der Herzog-Rudolf-Straße in Flammen auf, die Synagoge in der Reichenbachstraße wurde verwüstet, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, und Hunderte jüdische Männer wurden ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Von denen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden die meisten später deportiert und ermordet.
Der Gedenkstein an dieser Ecke wurde erst 1969 aufgestellt. Mehr als dreißig Jahre lang erinnerte also nichts an diesen Ort, und viele, die hier vorbeigehen, wissen bis heute nichts von dem Bau, der hier stand. Vielleicht bleibst du deshalb einen Moment länger. Geh dann nach Süden bis zur Fußgängerzone und dort nach links, bis zur mächtigen Renaissancefassade der Michaelskirche.
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11. Michaelskirche und Pater Rupert Mayer
Neuhauser Straße 6, 80331 München, Germany
Mitten im Gewühl der Fußgängerzone, zwischen Einkaufstüten und Straßenmusikern, ragt eine helle Renaissancefassade auf, voller Nischen und Heiligenfiguren. Das ist St. Michael, die Kirche der Jesuiten, gebaut im späten 16. Jahrhundert. Unten in der Gruft ruhen Wittelsbacher, darunter König Ludwig II., und die meisten Besucher kommen seinetwegen.
Für unseren Weg zählt ein anderer Mann: Pater Rupert Mayer, ein Jesuit aus Stuttgart. Im Ersten Weltkrieg war er Feldgeistlicher gewesen und hatte durch eine Granate ein Bein verloren. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren war er in München einer der bekanntesten Prediger, ein Mann mit Holzbein, der Arbeitern und Armen half und den Leuten direkt ins Gewissen redete.
Früh erkannte er, wohin der Nationalsozialismus führte, und er sagte es von der Kanzel. Er protestierte gegen die Verfolgung der Kirche und gegen die Lügen der Propaganda. 1937 erhielt er Redeverbot, predigte weiter und wurde verhaftet, mehrmals. 1939 brachte man ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Als sein Gesundheitszustand sich verschlechterte, fürchtete das Regime einen Märtyrer und hielt ihn bis Kriegsende im Kloster Ettal fest, isoliert von seiner Gemeinde.
Im Mai 1945 kehrte er nach München zurück, in eine zerbombte Stadt und eine zerstörte Kirche. Am 1. November 1945, an Allerheiligen, predigte er in der Kreuzkapelle von St. Michael. Mitten in der Predigt erlitt er einen Schlaganfall, blieb noch stehen, und starb kurz darauf. Man kann sich kaum ein Ende vorstellen, das besser zu ihm passt: auf der Kanzel, mitten im Satz, im Dienst an seiner Gemeinde.
Sein Grab liegt ein paar Schritte weiter, in der Unterkirche des Bürgersaals, gebaut von Giovanni Antonio Viscardi, dem Namensgeber der Gasse von vorhin. 1987 sprach Papst Johannes Paul II. ihn in München selig. Bis heute zünden dort jeden Tag Menschen Kerzen an. Geh nun weiter Richtung Marienplatz und biege vorher rechts nach Süden ab, durch die Altstadtgassen zum Sankt-Jakobs-Platz, wo ein heller Steinbau mit einem gläsernen Aufsatz steht.
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12. Synagoge Ohel Jakob am Sankt-Jakobs-Platz
St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München, Germany
Vor dir steht ein Bau aus grobem, hellem Travertin, fest und schwer wie eine Mauer, und darauf sitzt ein leuchtender Würfel aus Glas, umhüllt von einem feinen Bronzenetz. Der Stein unten erinnert an den Tempel in Jerusalem, das Glas oben an das Zelt, in dem das Volk Israel durch die Wüste zog. Festigkeit und Aufbruch in einem Haus.
Das ist Ohel Jakob, das Zelt Jakobs, die Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Den Namen trug schon die orthodoxe Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Eingeweiht wurde der neue Bau am 9. November 2006, auf den Tag genau 68 Jahre nach dem Pogrom. Zum Ensemble gehören ein Gemeindezentrum und das Jüdische Museum München.
Schon die Grundsteinlegung am 9. November 2003 stand unter einem dunklen Schatten. Die Polizei hatte kurz zuvor eine Gruppe Neonazis festgenommen, die einen Sprengstoffanschlag auf die Feier plante. Die Täter wurden verurteilt. Bis heute steht vor der Synagoge Polizei, und das ist eine Realität, über die man nicht hinwegsehen sollte.
Unter dem Platz verbindet ein unterirdischer Gang das Gemeindezentrum mit der Synagoge. Man nennt ihn den Gang der Erinnerung. An seinen Wänden stehen die Namen der Münchner Jüdinnen und Juden, die in der Shoah ermordet wurden, Tausende Namen, einer nach dem anderen. Wer zum Gottesdienst geht, geht an ihnen vorbei.
Und trotzdem ist dieser Platz kein Ort der Trauer allein. Kinder spielen hier, Menschen trinken Kaffee, Besucher gehen ins Museum, und an Feiertagen ist die Synagoge voll. Nach dem langen Weg vom Siegestor über die Universität, die Gestapo-Zentrale, den Gerichtssaal und den leeren Platz der alten Synagoge endet unser Spaziergang hier, mitten in der Stadt, bei jüdischem Leben, das zurückgekommen ist. Erinnern heißt nicht nur zurückschauen... es heißt auch, diesen Platz offen und sicher zu halten. Danke, dass du diesen Weg mitgegangen bist. Pfiad di.