Ludwigstraße und Staatsbibliothek: Parolen und Bomben
Why is it significant?
Vor dir sitzen vier steinerne Männer auf der breiten Freitreppe der Bayerischen Staatsbibliothek: Thukydides, Hippokrates, Homer und Aristoteles. Geschichte, Medizin, Dichtung und Philosophie, ruhig und ernst, als würden sie seit Jahrhunderten auf Leser warten.
Key Facts
| Place | Ludwigstraße und Staatsbibliothek: Parolen und Bomben |
|---|---|
| Address | Ludwigstraße 16, 80539 München, Germany |
| Geo Coordinates | 48.14640, 11.58060 |
| Part of Walk | München 1933–1945: NS-Zeit, Widerstand und die Weiße Rose |
| Generated | Generated |
Vor dir sitzen vier steinerne Männer auf der breiten Freitreppe der Bayerischen Staatsbibliothek: Thukydides, Hippokrates, Homer und Aristoteles. Geschichte, Medizin, Dichtung und Philosophie, ruhig und ernst, als würden sie seit Jahrhunderten auf Leser warten. Dahinter zieht sich die lange Fassade aus Backstein, die Friedrich von Gärtner von 1832 bis 1843 errichtete.
Die Ludwigstraße, auf der du gerade gegangen bist, war in den Februarnächten 1943 Schauplatz einer stillen Aktion. Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf zogen nachts mit Teerfarbe und Schablonen los. An Häuserwände in dieser Gegend und an die Universität malten sie Parolen wie Freiheit und Nieder mit Hitler. Am Morgen mussten Arbeiter die Schrift abschrubben, und Studenten liefen auf dem Weg zur Vorlesung daran vorbei. Viele schauten weg, manche lasen sehr genau. Die Gestapo war alarmiert, aber sie fand die Täter nicht... bis zum 18. Februar.
Zwei Jahre später lag diese Straße in Trümmern. München wurde im Zweiten Weltkrieg mehr als siebzigmal aus der Luft angegriffen, und über sechstausend Menschen starben. Die Altstadt war am Ende zu großen Teilen zerstört. Auch die Staatsbibliothek wurde schwer getroffen, und Hunderttausende Bände verbrannten, obwohl viele Bestände vorher ausgelagert worden waren.
Bibliotheken haben in dieser Geschichte noch eine zweite, stillere Seite. In der NS-Zeit gelangten Bücher in öffentliche Sammlungen, die man jüdischen Familien, Gewerkschaften oder Verbänden geraubt hatte. Heute betreibt die Staatsbibliothek Provenienzforschung: Sie sucht in ihren Beständen nach solchen Büchern und gibt sie, wo es möglich ist, an die Erben zurück. Manchmal ist es nur ein Stempel oder ein Name auf dem Vorsatzblatt, der eine ganze Familiengeschichte verrät.
Wenn du die Treppe hinaufschaust, siehst du also nicht nur einen Tempel des Wissens, sondern einen Ort, an dem Krieg und Raub noch heute nachwirken. Folge der Ludwigstraße jetzt weiter nach Süden, Richtung Odeonsplatz. Kurz vor der Feldherrnhalle biegst du rechts in die Theatinerstraße und dann gleich links in eine schmale Gasse.