Lissabons Alfama und das Castelo de São Jorge: Kreuzfahrer, Fado und verborgene Gassen

Von der Casa dos Bicos über Kathedrale und Römertheater hinauf zur Burg, die 1147 auch Kreuzfahrer aus Köln und dem Rheinland belagerten, und wieder hinab durch die engsten Gassen der Alfama bis zum Fado und zum Bahnhof der Auswanderer

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  1. 1. Casa dos Bicos: Das Haus der steinernen Spitzen

    Rua dos Bacalhoeiros 10, 1100-135 Lisboa, Portugal

    Vor dir steht eine Fassade, die aussieht, als hätte jemand ein ganzes Haus mit steinernen Pyramiden gespickt. Hunderte kleine Spitzen, alle gleich geschliffen, fangen das Licht vom Fluss ein, und je nach Sonnenstand wirft jede von ihnen ihren eigenen kleinen Schatten. Die Lissabonner nennen das Gebäude schlicht Casa dos Bicos, das Haus der Spitzen.

    Gebaut wurde es 1523 von Brás de Albuquerque, dem Sohn von Afonso de Albuquerque, jenem Vizekönig, der für Portugal Goa und Malakka erobert hatte. Der Sohn hatte Italien bereist und dort Paläste mit Diamantquadern gesehen, und genau so etwas wollte er auch: ein Haus, das schon von der Straße aus verkündet, dass hier Geld aus Indien wohnt. Damals stand es fast direkt am Wasser, mitten im Gewimmel der Kais, wo die Schiffe ihre Ladung löschten.

    Am 1. November 1755 kam das große Erdbeben, und mit ihm stürzten die beiden oberen Stockwerke ein. Mehr als zweihundert Jahre lang war die Casa dos Bicos nur ein gestutzter Rest, unten Lagerhaus, oben nichts. Erst Anfang der 1980er Jahre wurden die fehlenden Etagen nach alten Stadtansichten wieder aufgebaut. Was du oben siehst, ist also eine Rekonstruktion... unten aber steckt das Original.

    Und noch tiefer steckt noch viel mehr. Bei Ausgrabungen im Erdgeschoss fanden Archäologen römische Becken, in denen vor fast zweitausend Jahren Fisch eingesalzen wurde, für die berühmte Würzsoße Garum, dazu Reste der alten maurischen Stadtmauer. Ein Renaissancepalast auf einer Stadtmauer auf einer römischen Fischfabrik... das ist Lissabon, gestapelt in einem einzigen Keller.

    Seit 2012 gehört das Haus der Stiftung von José Saramago, dem bisher einzigen Literaturnobelpreisträger Portugals. Schau auf den Olivenbaum vor der Tür. Er stammt aus Azinhaga, Saramagos Heimatdorf am Tejo, und unter ihm liegt seit 2011 seine Asche. Ein Schriftsteller, der sein Leben lang mit Kirche und Staat gestritten hat, ruht unter einem Baum vom Dorfrand... ganz ohne Grabstein. Geh jetzt die Straße am Fluss entlang nach Osten, Richtung Rua Cais de Santarém, bis du an eine lange Mauer mit alten Wasserrohren kommst.

  2. 2. Chafariz d'El-Rei: Der Brunnen des Königs

    Rua Cais de Santarém, 1100 Lisboa, Portugal

    An der lauten Straße am Fuß der Alfama siehst du eine lange, verwitterte Mauer mit einer Reihe von Wasserrohren und einer steinernen Balustrade obendrauf. Die meisten Autos rauschen vorbei, ohne den Brunnen eines Blickes zu würdigen. Dabei war das hier einmal einer der lebendigsten Orte der ganzen Stadt.

    Der Chafariz d'El-Rei, der Brunnen des Königs, gehört zu den ältesten Brunnen Lissabons. Schon im Mittelalter floss hier das Wasser der Quellen, die aus dem Hügel der Alfama kommen. Der Name des Viertels selbst stammt übrigens vermutlich aus dem Arabischen, von al-hamma, was so viel wie Quellen oder Bäder bedeutet. Wer kein eigenes Wasser hatte, und das waren fast alle, kam mit Krug und Eimer hierher. Oder er bezahlte die Aguadeiros, die Wasserträger, die das Wasser in Fässern die steilen Gassen hinaufschleppten und von Tür zu Tür verkauften, ein Beruf, den es in Lissabon noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gab.

    Wie das aussah, zeigt ein Gemälde aus dem späten 16. Jahrhundert, gemalt vermutlich von einem flämischen Künstler. Auf ihm wimmelt der Platz von Menschen: Wasserträger, Fischverkäuferinnen, Seeleute, Tänzer... und auffällig viele von ihnen sind Afrikaner. Mittendrin reitet sogar ein schwarzer Mann auf einem Pferd, mit dem Kreuz eines Ritterordens auf dem Mantel.

    Dieses Bild erzählt eine Wahrheit, die lange verdrängt wurde. Im Lissabon des 16. Jahrhunderts lebten Tausende Afrikaner, die meisten als Versklavte, die als Wasserträger, Lastenträger oder Wäscherinnen arbeiteten. Manche Historiker schätzen, dass zeitweise etwa jeder zehnte Einwohner der Stadt afrikanischer Herkunft war. Überliefert ist auch, dass am Brunnen geregelt wurde, welche Gruppe an welchem Rohr Wasser holen durfte... die Rangordnung einer ganzen Gesellschaft, gegossen in Wasserstrahlen.

    Wenn du also das nächste Mal an einem alten Brunnen in Lissabon stehst, denk an die Stimmen, die hier einst durcheinandergingen, auf Portugiesisch und in vielen Sprachen Westafrikas. Jetzt geht es bergauf. Steig hinauf in die Rua de São João da Praça und folge ihr nach Westen, bis du hinter der Kathedrale herauskommst.

  3. 3. Sé de Lisboa und Santo António: Festung Gottes, Heimat eines Heiligen

    Largo da Sé 1, 1100-585 Lisboa, Portugal

    Stell dich auf den kleinen Platz vor der Kathedrale und schau auf die zwei wuchtigen Türme mit ihren Zinnen. Sieht eher aus wie eine Burg als wie eine Kirche, oder? Dazwischen sitzt eine große Fensterrose, und vielleicht ruckelt gerade eine gelbe Straßenbahn vorbei, so knapp, dass man meint, sie würde gleich die Treppe streifen.

    Diese Festungsform hat ihren Grund. Die Sé wurde kurz nach 1147 begonnen, gleich nachdem christliche Truppen Lissabon von den Mauren erobert hatten, und sie entstand, so die Überlieferung, an der Stelle der großen Moschee. Ihr erster Bischof war ein Engländer, Gilbert von Hastings, einer der Kreuzfahrer, die bei der Eroberung mitgekämpft hatten. Eine Kirche an der Grenze zweier Welten musste sich auch verteidigen können.

    Im Kreuzgang hinter dem Chor graben Archäologen seit Jahrzehnten, und was sie fanden, ist Stadtgeschichte im Querschnitt: eine römische Straße, Mauern aus maurischer Zeit, Reste von Häusern aus den Jahrhunderten, in denen hier Arabisch gesprochen wurde. Die Kathedrale selbst hat die Erdbeben von 1344 und 1755 überstanden, verwundet und umgebaut, aber nicht besiegt.

    Und jetzt dreh dich um. Die kleine Kirche schräg gegenüber ist Santo António, gebaut über dem Haus, in dem um 1195 ein Junge namens Fernando zur Welt kam. Die Welt kennt ihn als Antonius von Padua, weil er in Italien starb. Für Lissabon aber ist er Santo António de Lisboa, und getauft wurde er, so heißt es, hier in der Sé. In der Krypta der kleinen Kirche zeigt man den Raum, der als sein Geburtszimmer gilt.

    Jedes Jahr im Juni wird Antonius zum heimlichen Bürgermeister. Dann hängen Girlanden über den Gassen, es riecht nach gegrillten Sardinen, und in der Kathedrale heiraten bei den Casamentos de Santo António gleich mehrere Paare auf einmal, denn Antonius gilt als Heiratsvermittler. Folge jetzt den Straßenbahnschienen ein kurzes Stück bergauf und halte dich dann links Richtung Rua de São Mamede. Dort wartet ein Theater, das fast zweitausend Jahre alt ist.

  4. 4. Museu do Teatro Romano: Neros Bühne über dem Tejo

    Rua de São Mamede 3A, 1100-532 Lisboa, Portugal

    Hinter einem Gitter und unter einem schützenden Dach siehst du halbrunde Steinstufen, ein paar Säulenstümpfe und Bruchstücke von Gesimsen, eingezwängt zwischen ganz gewöhnlichen Wohnhäusern. Oben trocknet Wäsche, unten liegt die Antike. Genau so sieht Lissabon aus, wenn man es aufschneidet.

    Das hier war einmal das Theater von Olisipo, wie die Römer die Stadt nannten. Eine alte Legende behauptet, der Name gehe auf Odysseus zurück, der auf seinen Irrfahrten hier eine Stadt gegründet haben soll. Hübsche Geschichte, wahrscheinlich ist der Name aber viel älter und vorrömisch. Sicher ist: Unter Augustus wurde Olisipo eine Stadt römischer Bürger, mit dem stolzen Beinamen Felicitas Julia, und so eine Stadt brauchte ein Theater. Olisipo lebte vom Fluss: von Fisch und Salz und vom Handel mit dem ganzen Mittelmeer.

    Gebaut wurde es in den Jahrzehnten um Christi Geburt, mit Blick über den Fluss. Im Jahr 57 ließ ein wohlhabender Bürger namens Gaius Heius Primus die Bühne prächtig erneuern und widmete sie, das steht noch heute in einer Inschrift, dem damals jungen Kaiser Nero. Stell dir das vor: Hier am Hang saßen Menschen in Tuniken, sahen Komödien und Pantomimen, und unter ihnen glitzerte der Tejo.

    Dann verschwand das Theater für Jahrhunderte unter Schutt und neuen Häusern. Ausgerechnet das Erdbeben von 1755 brachte es zurück: Beim Wiederaufbau stießen Arbeiter 1798 auf die Steine, ein italienischer Architekt namens Francesco Fabri zeichnete alles sorgfältig ab... und dann wurde es wieder zugeschüttet, weil man Platz für Häuser brauchte. Erst ab den 1960er Jahren begann man, das Theater ernsthaft auszugraben. Im Museum daneben liegen heute die Fundstücke: Säulenreste, Inschriften, Scherben aus dem Alltag einer römischen Provinzstadt.

    Bis heute ist nur ein Teil freigelegt. Der Rest liegt vermutlich noch unter den Häusern um dich herum, unter Küchen und Schlafzimmern, deren Bewohner jeden Abend über einem römischen Zuschauerraum einschlafen. Geh jetzt weiter bergauf nach Osten, bis sich vor dir plötzlich der Himmel öffnet und du über die Dächer der Alfama bis zum Fluss schauen kannst.

  5. 5. Miradouro de Santa Luzia und Portas do Sol: Kacheln, Raben und ein Tor zur Sonne

    Largo de Santa Luzia, 1100-487 Lisboa, Portugal

    Lehn dich über die Brüstung und lass den Blick fallen: Dächer aus rotem Ton, weiße Kirchtürme, Wäscheleinen, Kamine, und dahinter das breite, glänzende Band des Tejo, der sich flussaufwärts so weit öffnet, dass die Lissabonner ihn dort Mar da Palha nennen, das Strohmeer. Unter der Pergola lehnen Leute wie du, und irgendwo spielt garantiert jemand Gitarre.

    Dreh dich jetzt zur Außenwand der kleinen Kirche Santa Luzia. Die Kirche gehört übrigens bis heute dem Malteserorden, den Rittern, die einst Pilger auf dem Weg ins Heilige Land beschützten. An ihrer Mauer hängen Bilder aus blau-weißen Kacheln, den Azulejos. Das eine zeigt den großen Platz am Fluss, den Terreiro do Paço, so wie er vor dem Erdbeben von 1755 aussah, mit dem Königspalast, den es heute nicht mehr gibt. Das andere zeigt eine Schlacht: christliche Ritter, die 1147 die maurische Burg stürmen.

    Auf diesem Kachelbild siehst du einen Ritter, der sich in ein Burgtor wirft. Das ist Martim Moniz. Die Legende erzählt, er habe sich in den Spalt eines sich schließenden Tores geklemmt und dabei sein Leben geopfert, damit seine Kameraden hindurchstürmen konnten. Ob er wirklich gelebt hat, wissen Historiker nicht genau... aber Lissabon hat ihm trotzdem einen Platz und eine Metrostation gewidmet.

    Ein paar Schritte weiter liegt das Largo das Portas do Sol, benannt nach einem Tor der alten Stadtmauer, das nach Osten zeigte, zur aufgehenden Sonne. Dort steht der heilige Vinzenz, der Schutzpatron der Stadt, mit einem Schiff im Arm und zwei Raben. Der Legende nach brachte man seine Reliquien 1173 aus dem äußersten Südwesten Portugals per Schiff nach Lissabon, und zwei Raben wichen dem Boot nicht von der Seite. Seitdem segeln Schiff und Raben durch das Stadtwappen, und du wirst sie in der ganzen Stadt wiederentdecken.

    Jetzt kommt der Aufstieg, auf den hier alle Wege hinauslaufen. Folge den Schildern hinauf zum Castelo de São Jorge, durch die schmalen Gassen hinter dem Platz. Es geht gut dreihundert Meter steil bergan, also nimm dir Zeit... die Burg wartet seit fast tausend Jahren.

  6. 6. Castelo de São Jorge: Die Belagerung von 1147 und die Kreuzfahrer vom Rhein

    Rua de Santa Cruz do Castelo, 1100-129 Lisboa, Portugal

    Du stehst jetzt auf dem Waffenplatz der Burg, zwischen alten Kanonen und Pinien, und vor dir liegt ganz Lissabon ausgebreitet, von der großen Brücke im Westen bis zu den Hügeln am anderen Ufer. Pfauen stolzieren über die Wege, als gehörte ihnen der Laden. In der Nähe steht in Bronze ein Mann mit Schwert und Schild: Afonso Henriques, Portugals erster König.

    Im Sommer 1147 lag hier oben eine maurische Festung, und unten auf dem Fluss ankerte eine Flotte von weit über hundert Schiffen. An Bord waren Kreuzfahrer auf dem Weg ins Heilige Land: Engländer, Normannen, Flamen... und Männer aus Köln und dem Rheinland. Afonso Henriques überredete sie zu einem Umweg, sein Angebot lautete sinngemäß: Helft mir, Lissabon zu erobern, und die Beute gehört euch. Von Juli bis in den Oktober dauerte die Belagerung.

    Wir kennen sie so genau, weil ein englischer Priester, ein Augenzeuge, alles in einem langen Bericht festhielt. Er erzählt, wie die Deutschen und Flamen im Osten Stollen unter die Mauer gruben, bis ein Stück davon einstürzte, und wie die Engländer im Westen einen Belagerungsturm heranschoben. Ende Oktober kapitulierte die ausgehungerte Stadt. Und er klagt auch: Die Kölner und die Flamen hätten sich nicht an die Abmachungen gehalten und die Stadt geplündert.

    Einer der Gefallenen war ein Ritter aus Bonn namens Heinrich. Die Legende erzählt, auf seinem Grab im Friedhof der Kreuzfahrer sei eine Palme gewachsen, deren Zweige Kranke heilten. Aus jenem Friedhof ging später das Kloster São Vicente de Fora hervor, dessen weiße Fassade du von hier aus im Osten erkennen kannst. Ein Stück Rheinland liegt also bis heute in Lissabons Boden.

    Die Burg diente danach lange als Königssitz, bis Manuel I. Anfang des 16. Jahrhunderts in einen neuen Palast am Fluss zog. Ihren Namen bekam sie, als Portugal sich mit England verbündete: São Jorge, nach dem englischen Schutzheiligen Georg. Viele der perfekten Zinnen, die du hier siehst, sind übrigens eine Rekonstruktion aus der Zeit der Diktatur um 1940... mittelalterlicher als das Mittelalter. Geh jetzt durch das Burgtor hinaus und gleich in die stillen Gassen des kleinen Viertels innerhalb der Mauern.

  7. 7. Santa Cruz do Castelo: Das Dorf in der Burg

    Largo de Santa Cruz do Castelo, 1100-129 Lisboa, Portugal

    Nur ein paar Schritte vom Touristenstrom entfernt wird es plötzlich still. Vor dir liegt ein kleiner Platz mit einer schlichten weißen Kirche, Blumentöpfe stehen auf den Fensterbänken, eine Katze schläft auf einer Stufe, und aus einem offenen Fenster hörst du vielleicht ein Radio. Willkommen in Santa Cruz do Castelo, dem Dorf innerhalb der Burg. Abends, wenn die letzten Besucher gegangen sind, hörst du hier nur noch Schritte auf dem Pflaster, Stimmen aus den Küchen und die Glocke der Kirche.

    Hier oben wohnen tatsächlich noch Menschen, nicht viele, aber genug für eine eigene kleine Welt mit Nachbarschaftsklatsch und Wäscheleinen. Die Gassen folgen einem Muster, das älter ist als Portugal selbst. Schon lange vor den Römern siedelten Menschen auf diesem Hügel, und gleich hinter den Burgmauern haben Archäologen Reste aus der Eisenzeit freigelegt, dazu Häuser aus maurischer Zeit mit ihren Innenhöfen.

    Die Kirche Santa Cruz steht, so will es die Überlieferung, an der Stelle einer früheren Moschee. Nach der Eroberung wurden Moscheen zu Kirchen gemacht, und die muslimischen Einwohner mussten in ein eigenes Viertel unterhalb der Burg ziehen, die Mouraria. Das Erdbeben von 1755 zerstörte auch diese Kirche, und was du heute siehst, ist ein Wiederaufbau aus der Zeit danach, schlicht und ohne Prunk.

    Um 1940 kamen dann die Spitzhacken. Zu den großen Jubiläumsfeiern der Diktatur sollte die Burg wieder aussehen wie im Mittelalter, und dafür wurden viele Häuser abgerissen, die sich über Jahrhunderte an die Mauern geschmiegt hatten. Ihre Bewohner mussten weichen, damit Besucher freie Sicht auf Zinnen bekamen, die es in dieser Form so nie gegeben hatte. Die Häuser, die hier stehen, sind die, die übrig blieben.

    Und doch ist dieses Viertel lebendig geblieben. Wenn im Juni die Volksfeste beginnen, wird auch hier oben gegrillt, getanzt und bis spät in die Nacht gesungen, und dann gehört die Burg wieder den Nachbarn. Jetzt geht es bergab, und zwar ordentlich: Verlass das Burgviertel nach Osten und steig über Treppen und steile Gassen gut vierhundert Meter hinunter, bis zur Kirche Santo Estêvão auf ihrem eigenen kleinen Hügel.

  8. 8. Santo Estêvão und Beco do Carneiro: Die engste Gasse der Alfama

    Largo de Santo Estêvão, 1100 Lisboa, Portugal

    Vor dir steht die Kirche Santo Estêvão auf ihrem kleinen Felsplateau, mit einer Terrasse, von der du über die Dächer direkt aufs Wasser siehst. Und ganz in der Nähe öffnet sich ein Spalt zwischen den Häusern, so schmal, dass du zweimal hinschauen musst, ob das wirklich ein Weg ist. Das ist der Beco do Carneiro, die Gasse des Widders.

    Geh ein paar Schritte hinein. Die Hauswände rücken so nah zusammen, dass du mit ausgestreckten Armen fast beide Seiten zugleich berührst, und oben, unter den Dächern, können sich die Nachbarn angeblich von Fenster zu Fenster die Hand geben oder einen Topf Reis hinüberreichen. Hier gibt es keine Autos, keine Mopeds, nur Stufen, Wäsche und das Echo deiner eigenen Schritte.

    Warum ist die Alfama so ein Labyrinth? Weil ihre Gassen der Logik des Mittelalters folgen, zum Teil sogar der maurischen Stadt, und nicht der eines Stadtplaners. Und weil dieses Viertel 1755 nicht vollständig zusammenbrach. Die Häuser stehen hier auf festem Fels, und während das Beben die Unterstadt am Fluss verwüstete, die danach schnurgerade wieder aufgebaut wurde, blieb in der Alfama das alte Durcheinander erhalten. Beschädigt ja, ausradiert nein.

    Die Kirche selbst ist viel älter als ihr barockes Kleid. Schon im Mittelalter stand hier ein Gotteshaus für den heiligen Stephanus, den ersten Märtyrer, und über die Jahrhunderte wurde es immer wieder umgebaut. In diesen Gassen wohnten Fischer, Hafenarbeiter und Wäscherinnen, Leute, die vom Fluss lebten und wenig besaßen. Die Alfama war lange ein armes Viertel, und gerade deshalb ist sie geblieben, wie sie ist: Für teure Neubauten fehlte schlicht das Geld.

    Heute hat sich das geändert. Viele Wohnungen sind zu Ferienapartments geworden, und alteingesessene Bewohner klagen, dass ihnen das Viertel unter den Füßen weggekauft wird. Achte beim Weitergehen darauf, wo noch Blumen am Fenster stehen und Namen an der Klingel... das sind die, die geblieben sind. Steig jetzt hinunter und folge der Rua de São Miguel nach Westen bis zum gleichnamigen kleinen Platz.

  9. 9. Igreja de São Miguel und die Judiaria: Sardinen, Basilikum und ein vergessenes Viertel

    Largo de São Miguel, 1100 Lisboa, Portugal

    Auf diesem kleinen, abschüssigen Platz steht die helle Fassade der Igreja de São Miguel, ringsum Häuser mit Kachelfassaden und Balkonen, an denen Vogelkäfige und Wäsche hängen. Wenn die Kirchentür offen ist, wirf einen Blick hinein: Drinnen schimmert vergoldete Holzschnitzerei, die Talha Dourada, auf die Portugals Barock so stolz war.

    Die Kirche des Erzengels Michael gehört zu den ältesten Pfarreien der Alfama und reicht zurück bis in die Zeit kurz nach der christlichen Eroberung. Das Erdbeben von 1755 beschädigte sie schwer, und sie wurde danach wiederaufgebaut. Für die Leute hier ist sie aber vor allem eins: der Mittelpunkt ihres Festes.

    Denn im Juni verwandelt sich dieser Platz. Zu den Festas de Santo António hängen Girlanden über den Gassen, auf jedem Treppenabsatz glüht ein Grill, und die ganze Alfama riecht nach Sardinen, die man auf einer Scheibe Brot isst. Man schenkt sich Manjericos, kleine Töpfe mit Basilikum, in denen eine Papiernelke steckt und ein kurzer Vers, meistens über die Liebe. Wer daran riechen will, streicht mit der Hand darüber und riecht an der Hand... nie mit der Nase direkt an die Pflanze.

    Nur wenige Schritte von hier verläuft die Rua da Judiaria, die Straße des jüdischen Viertels. Im Mittelalter lebten hier jüdische Familien, Kaufleute, Ärzte, Handwerker. Dann, 1496, unterzeichnete König Manuel I. das Dekret zur Vertreibung der Juden, und im Jahr darauf wurden die meisten, die geblieben waren, zwangsgetauft. Im April 1506 kam es in Lissabon zu einem Massaker, bei dem in drei Tagen mindestens zweitausend sogenannte Neuchristen ermordet wurden. Später folgte die Inquisition.

    Von der Judiaria der Alfama ist kaum mehr geblieben als ein Straßenname. Und doch ist es gut, dass es ihn noch gibt. Er erinnert daran, dass diese Gassen einmal mehr Sprachen und Gebete kannten als heute. Geh jetzt hinunter Richtung Fluss, durch die Rua de São Pedro, die lebendigste Straße des Viertels, bis zu einem großen Platz mit einem alten Brunnen. Dort wartet die Musik, die Lissabon zum Weinen bringt.

  10. 10. Largo do Chafariz de Dentro und Museu do Fado: Die Musik der Saudade

    Largo do Chafariz de Dentro 1, 1100-139 Lisboa, Portugal

    Du stehst auf einem weiten, hellen Platz, und vor dir siehst du einen alten Steinbrunnen mit seinen Wasserrohren. Daneben öffnet sich das Museu do Fado. Am Abend gehen in den Gassen ringsum die kleinen Lokale auf, in denen Fado gesungen wird, und dann wird es plötzlich mucksmäuschenstill, sobald jemand Silêncio ruft.

    Der Brunnen heißt Chafariz de Dentro, der Brunnen drinnen, weil er innerhalb der Stadtmauer lag, die König Fernando im 14. Jahrhundert bauen ließ. Das Museum nebenan sitzt in einer ehemaligen Pumpstation der Wasserversorgung, und seit 1998 erzählt es die Geschichte einer Musik, die in genau diesen Gassen groß wurde.

    Der Fado entstand im 19. Jahrhundert in den armen Vierteln Lissabons, in Tavernen und Hafenkneipen, gesungen von Seeleuten, Arbeitern und Frauen, über die die feine Gesellschaft lieber schwieg. Seine erste Legende war Maria Severa, die nur sechsundzwanzig Jahre alt wurde und von der man erzählt, ein Graf habe sie geliebt. Der Fado singt von Saudade, diesem kaum übersetzbaren Wort für die Sehnsucht nach etwas, das man verloren hat oder nie besaß.

    Später lernte die Diktatur, den Fado zu nutzen. Fado, Fátima und Fußball, so spotteten Kritiker, seien die drei F, mit denen das Regime das Volk ruhig hielt. Liedtexte mussten der Zensur vorgelegt werden. Amália Rodrigues, die größte Stimme des Fado, wurde zum Weltstar, und nach der Revolution warf man ihr vor, eine Sängerin des Regimes gewesen zu sein... ein Vorwurf, über den bis heute gestritten wird. Das entscheidende Signal zur Nelkenrevolution in der Nacht zum 25. April 1974 war übrigens kein Fado, sondern ein Lied von Zeca Afonso im Radio: Grândola, Vila Morena.

    2011 erklärte die UNESCO den Fado zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Hör bei Gelegenheit genau auf die Portugiesische Gitarre mit ihrem birnenförmigen Körper und zwölf Saiten, deren Klang perlt wie Wasser. Für den letzten Abschnitt verlässt du die Alfama: Geh nach Osten, parallel zum Fluss, gut fünfhundert Meter bis zu einem langen, hellen Bahnhofsgebäude.

  11. 11. Estação de Santa Apolónia: Abschied der Auswanderer

    Avenida Infante Dom Henrique, 1100 Lisboa, Portugal

    Vor dir liegt eine lange, helle Bahnhofsfassade, und dahinter enden die Gleise einfach am Fluss. Taxis warten, Reisende mit Rollkoffern eilen hinein, und nicht weit entfernt legen die Kreuzfahrtschiffe an. Ein ganz normaler Bahnhof, könnte man meinen. Aber kaum ein Ort in Lissabon hat so viele Abschiede gesehen.

    Santa Apolónia ist der älteste Bahnhof der Stadt. Schon 1856 fuhr von diesem Ufer der erste Zug Portugals los, nach Carregado, gut dreißig Kilometer den Tejo hinauf. Das Bahnhofsgebäude, das du siehst, wurde 1865 eröffnet. Später rollten von hier die internationalen Züge ab, über Spanien bis nach Paris, und mit ihnen öffnete sich für viele Portugiesen ein Weg hinaus aus einem armen, abgeschotteten Land.

    In den 1960er Jahren wurde dieser Weg für viele zur Flucht. Unter der Diktatur Salazars herrschten Armut auf dem Land, Zensur und ein Kolonialkrieg, der junge Männer für Jahre nach Afrika schickte. Weit über eine Million Menschen verließen Portugal in jenen Jahren, die meisten nach Frankreich, viele ohne Papiere, zu Fuß über die Pyrenäen. Andere gingen ganz legal... nach Deutschland.

    Am 17. März 1964 schlossen die Bundesrepublik und Portugal ein Anwerbeabkommen. Und schon im September desselben Jahres wurde ein Portugiese berühmt: Armando Rodrigues de Sá, ein Zimmermann aus einem kleinen Dorf, kam am 10. September 1964 am Bahnhof Köln-Deutz an und wurde als millionster Gastarbeiter der Bundesrepublik begrüßt, mit Blasmusik, Blumen und einem Moped als Geschenk. Dieses Moped steht heute im Haus der Geschichte in Bonn.

    Denk an den Anfang dieser Wanderung zurück: 1147 kamen Männer aus Köln und Bonn nach Lissabon und halfen, die Burg zu erobern. Gut achthundert Jahre später fuhren Portugiesen nach Köln, um dort zu arbeiten, zu bauen und neu anzufangen. Geschichte ist manchmal ein Zug, der in beide Richtungen fährt. Hier, am Ende der Gleise, endet auch unsere Wanderung durch die Alfama... und wenn du noch einen Moment hast, dreh dich um und schau hinauf zur Burg, wo alles begann.