Galata und Pera: Verborgene Treppen, Derwische und deutsche Exilanten in Istanbul
Von der Galatabrücke hinauf zur İstiklal Caddesi: eine gotische Moschee, die Kamondo-Treppe, der Galataturm, der Tünel von 1875 und der Mann mit den Schildkröten
Istanbul · 12 stops · 30 min audio · Generated
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1. Galatabrücke
Galata Köprüsü, 34420 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Stell dich ans Geländer, mitten auf der Brücke, zwischen die Angler: Dutzende Ruten hängen über dem Wasser, Eimer mit zappelnden kleinen Fischen stehen zu deinen Füßen, und unter dir gleiten Fähren aus dem Goldenen Horn. Vor dir am Hang steht der runde Turm mit dem spitzen Hut. Dorthin wollen wir, aber auf Umwegen.
Eine Brücke über das Goldene Horn war ein alter Traum. Um 1502 schlug Leonardo da Vinci Sultan Bayezid II. eine einzige elegante Bogenbrücke über die ganze Bucht vor. Gebaut wurde sie nie. Fünfhundert Jahre später, 2001, setzte man den Entwurf in Norwegen um, kleiner, als Fußgängerbrücke. Am Goldenen Horn selbst gab es eine feste Verbindung erst im 19. Jahrhundert: 1845 wurde eine hölzerne Brücke auf Schwimmkörpern eröffnet, gestiftet von der Mutter des Sultans. Wer hinüberwollte, zahlte lange Zeit Brückenzoll.
Und jetzt das deutsche Kapitel: Die Brücke von 1912, die Vorgängerin der heutigen, war eine schwimmende Pontonbrücke, gebaut von der deutschen Firma MAN. Ihr Mittelstück ließ sich öffnen, damit Schiffe ins Horn fahren konnten. Achtzig Jahre lang trug sie Straßenbahnen, Lastträger, Pferdewagen und Millionen von Fußgängern, und unter ihr lagen Cafés und Läden. Für Generationen von Schriftstellern war sie das Herz der Stadt.
1992 beschädigte ein Feuer die alte Brücke schwer, und 1994 wurde die heutige eröffnet, die Brücke, auf der du gerade stehst. Teile der alten Pontonbrücke schleppte man weiter hinauf ins Goldene Horn. Geblieben ist das Prinzip mit zwei Ebenen: oben Autos, Straßenbahn und Angler, unten Fischlokale direkt am Wasser.
Die Angler fangen übrigens vor allem kleine Fische wie Stöcker und, je nach Jahreszeit, Sardellen, und manche verkaufen den Fang gleich an Ort und Stelle. Geh jetzt weiter auf die Seite von Karaköy, an das Ufer mit den Hafengebäuden. Am Ende der Brücke bleibst du an der großen Kreuzung stehen, dort, wo die Straßen den Hang hinaufkriechen. Da beginnt das alte Galata.
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2. Karaköy und die untere Tünel-Station
Karaköy, Tersane Cd., 34420 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Bleib an der lauten Kreuzung stehen, zwischen Fähranleger, Straßenbahn und Simit-Wagen, und such das kleine Bahnhofsgebäude der Tünel-Bahn. Es sieht aus wie eine Station für eine Spielzeugeisenbahn. Dahinter verschwindet ein Tunnel im Berg, und durch ihn fährt eine der ältesten unterirdischen Bahnen der Welt.
Karaköy war jahrhundertelang der Hafen von Galata, einer Stadt, die eigentlich gar nicht zu Konstantinopel gehörte. Ab dem späten 13. Jahrhundert hatten genuesische Kaufleute hier ihre eigene Kolonie, mit Mauern, eigenem Statthalter und eigenen Kirchen. Nach 1453 blieben Griechen, Armenier, Juden und Europäer, und Galata wurde der Ort, an dem Istanbul Geschäfte machte. Woher der Name Karaköy kommt, ist umstritten, eine Theorie verweist auf die Karäer, eine jüdische Gemeinschaft. Heute ist das Viertel wieder in Mode: In alten Handelshäusern sitzen Galerien, Cafés und junge Designer, gleich neben Schiffsausrüstern und Eisenwarenhändlern.
Das Problem von Galata war der Hang. Zwischen dem Hafen und dem Viertel Pera oben liegen etwa sechzig Höhenmeter, und jeden Tag schleppten sich Tausende den steilen Weg hinauf. Der französische Ingenieur Eugène-Henri Gavand sah das und schlug eine Standseilbahn im Tunnel vor. 1875 ging sie in Betrieb, nur zwölf Jahre nach der ersten Londoner U-Bahn. Damit gilt der Tünel als zweitälteste unterirdische Bahn der Welt, und er ist nur 573 Meter lang.
Anfangs, so wird erzählt, trauten die Istanbuler dem dunklen Loch nicht, und man habe zuerst Tiere und Waren befördert, bis die Menschen Mut fassten. Ob das stimmt, weiß niemand genau. Sicher ist nur: Bis heute pendeln zwei Wagen auf und ab, und die Fahrt dauert kaum länger als ein Lied im Radio.
Wir nehmen trotzdem den Fußweg, denn unterwegs gibt es zu viel zu sehen. Geh nicht geradeaus bergauf, sondern zuerst nach links, nach Westen in die Gassen hinein, parallel zum Ufer, vorbei an Eisenwarenläden und Werkstätten. Dort zeigt sich bald ein gotischer Glockenturm, der heute ein Minarett ist.
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3. Arap Camii
Arap Cami, Galata Mahkemesi Sk., 34420 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Schau zwischen den Werkstätten und Eisenwarenläden nach oben: Da steht ein viereckiger Turm aus Stein, mit spitzem Dach und schmalen Fenstern, als hätte ihn jemand aus einer italienischen Kleinstadt hierher getragen. Er gehört zu einer Moschee. Und genau das ist das Rätsel dieses Ortes.
Die Arap Camii war ursprünglich eine katholische Kirche. Dominikanermönche bauten sie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts für die genuesische Kolonie, die damals nach eigenen Gesetzen lebte, mit eigenen Notaren, eigenem Hafenzoll und eigenen Heiligen. Ihr Glockenturm ist eines der seltenen gotischen Bauwerke in ganz Istanbul. Unter osmanischer Herrschaft wurde die Kirche zur Moschee und der Glockenturm zum Minarett, ein Umbau mit kleinem Aufwand und großer Wirkung.
Woher kommt der Name, die Arabische Moschee? Hier überlagern sich Legende und Geschichte. Die Legende erzählt, schon bei der arabischen Belagerung Konstantinopels im 8. Jahrhundert hätten Krieger an dieser Stelle eine Moschee errichtet. Besser belegt ist etwas anderes: Nach dem Fall Granadas 1492 flohen Muslime aus Spanien, und viele dieser Andalusier fanden in Galata Zuflucht. Man überließ ihnen die Kirche, und für die Istanbuler waren sie eben die Araber.
Bei Renovierungen im frühen 20. Jahrhundert stieß man unter dem Boden auf alte Grabplatten der Genuesen, mit Wappen und lateinischen Inschriften. Stell dir das vor: Unter den Gebetsteppichen der andalusischen Muslime lagen die Kaufleute aus Genua, die einst dieses Viertel beherrscht hatten. Galata war immer ein Ort, an dem eine Schicht auf die andere gelegt wurde, ohne die alte ganz zu löschen.
Heute ist die Arap Camii die größte Moschee von Galata, und im Hof plätschert ein Reinigungsbrunnen unter alten Bäumen, ein stiller Fleck mitten im Lärm des Viertels. Jetzt wird es Zeit für die Bankiers. Geh zurück nach Osten durch die Gassen bis zur Bankalar Caddesi, der Straße der Banken. Halte nach einer geschwungenen Steintreppe Ausschau, die sich wie ein doppeltes S den Hang hinaufwindet.
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4. Kamondo-Treppe und Bankalar Caddesi
Arap Cami, Bankalar Cd., 34420 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Stell dich unten an die Treppe und folge mit den Augen den Stufen: Sie schwingen sich in zwei Bögen nach oben, mit kleinen Absätzen dazwischen, fast wie eine Tanzfigur aus Stein. Fotografen posieren auf den Absätzen. Kaum einer fragt, wer diese Treppe bauen ließ und warum.
Die Treppe trägt den Namen der Familie Camondo, sephardischer Juden, deren Vorfahren nach der Vertreibung aus Spanien über Venedig nach Istanbul gekommen waren. Abraham Salomon Camondo war im 19. Jahrhundert einer der mächtigsten Bankiers des Osmanischen Reiches, er lieh dem Staat Geld und förderte Schulen. Um 1870, so die übliche Datierung, ließ er diese Treppe anlegen, als Abkürzung zwischen der Bankenstraße unten und den Wohngassen von Galata oben.
Gern erzählt man, er habe sie bauen lassen, damit seine Enkel es leichter zur Schule hätten. Andere sagen, er wollte selbst bequemer von seinem Haus zur Bank. Beweisen lässt sich beides nicht. Sicher ist, dass die Familie bald darauf nach Paris zog. Abraham Salomon starb 1873 dort, wollte aber in Istanbul begraben werden, auf dem jüdischen Friedhof von Hasköy am Goldenen Horn. Ein Nachfahre, Moïse de Camondo, sammelte in Paris französische Kunst und baute sich ein prachtvolles Stadtpalais.
Die Geschichte endet tragisch. Moïses Sohn Nissim fiel 1917 als Flieger im Ersten Weltkrieg, und der Vater vermachte Haus und Sammlung dem französischen Staat, als Museum im Namen des Sohnes. Seine Tochter Béatrice wurde im Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern deportiert und in Auschwitz ermordet. Mit ihnen erlosch die Familie, deren Name hier in Galata auf einer Treppe weiterlebt.
Bevor du hinaufsteigst, wirf noch einen Blick auf die Bankalar Caddesi: Die schweren Steinfassaden waren das Finanzzentrum des Reiches, darunter der Sitz der Osmanischen Bank, der heute ein Kulturzentrum beherbergt. Dann nimm die Treppe, Stufe um Stufe, und folge oben den Gassen weiter bergauf. Der runde Turm ist schon über den Dächern zu sehen.
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5. Galataturm
Bereketzade, Galata Kulesi, 34421 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Leg den Kopf in den Nacken, so weit es geht: Vor dir steigt der Turm aus grauem Stein auf, rund und massiv, oben ein Kranz aus Fenstern und darüber der spitze Kegelhut. Der kleine Platz um ihn herum ist voller Straßenmusiker, Katzen und Menschen, die versuchen, den ganzen Turm aufs Foto zu bekommen. Es gelingt fast niemandem.
Die Genuesen bauten ihn 1348 als höchsten Punkt ihrer befestigten Kolonie und nannten ihn Christea Turris, den Turm Christi. Er war Wachturm, Wahrzeichen und Drohung zugleich, gut sichtbar für die byzantinischen Nachbarn auf der anderen Seite des Goldenen Horns. Die Mauern, die von hier zum Wasser hinunterliefen, sind fast alle verschwunden, nur der Turm blieb, gut sechzig Meter hoch. Oben läuft eine schmale Galerie rundherum, und wer sie einmal umrundet, hat die ganze Stadt gesehen: Altstadt, Goldenes Horn, Bosporus und die asiatische Seite.
Und jetzt die berühmteste Geschichte von Galata. Der Reiseschriftsteller Evliya Çelebi berichtet, im 17. Jahrhundert habe sich ein Gelehrter namens Hezarfen Ahmed Çelebi mit selbstgebauten Flügeln von diesem Turm gestürzt und sei über den Bosporus bis nach Üsküdar geglitten. Der Sultan soll ihn belohnt und dann vorsichtshalber verbannt haben, denn ein Mann, der fliegen kann, ist gefährlich. Ob der Flug je stattfand, bezweifeln die Historiker.
In osmanischer Zeit wurde der Turm zum Feuerwachturm. Istanbul war eine Stadt aus Holz, und Brände fraßen ganze Viertel. Von hier oben hielten Wächter Tag und Nacht Ausschau und schlugen Alarm, sobald irgendwo Rauch aufstieg. Der Turm selbst brannte mehrmals aus. Seinen Kegelhut bekam er erst bei einer Restaurierung in den 1960er-Jahren zurück.
Von hier geht es weiter bergauf, die Galip Dede Caddesi hinauf, eine steile Straße voller Musikinstrumentenläden. Schau, wie in den Schaufenstern Saz, Oud und Trommeln hängen, und hör auf die Händler, die zwischendurch selbst ein paar Töne anspielen. Kurz vor der Kuppe öffnet sich ein Tor zu einem Garten mit alten Grabsteinen. Dort drehten sich einst die Derwische.
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6. Galata-Mevlevihane
Şahkulu, Galip Dede Cd. No:15, 34421 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Tritt durch das Tor in den stillen Garten: Zwischen Zypressen stehen Grabsteine, viele gekrönt von einem steinernen Hut, der hohen Filzmütze der Mevlevi-Derwische. Hinter dir lärmt die Straße, vor dir liegt ein Holzbau mit großen Fenstern. Darin befindet sich ein vieleckiger Saal, in dem Menschen sich drehten, um Gott näherzukommen.
Das Galata-Mevlevihane wurde 1491 gegründet, als erstes Kloster der Mevlevi in Istanbul. Der Orden geht auf den Dichter und Mystiker Rumi zurück, Mevlana genannt, der im 13. Jahrhundert in Konya lebte. Sein Ritual, die Sema, ist eine Meditation in Bewegung: Die rechte Handfläche zeigt nach oben, um zu empfangen, die linke nach unten, um weiterzugeben, und der Körper dreht sich um das Herz. Den Tanzsaal ließ Ende des 18. Jahrhunderts Sultan Selim III. erneuern, der selbst komponierte und den Mevlevi nahestand.
Im Garten liegen erstaunliche Menschen begraben. Der Dichter Şeyh Galip, nach dem die Straße draußen heißt, war im 18. Jahrhundert Scheich dieses Klosters. Hier ruht auch İbrahim Müteferrika, der ab 1727 die erste osmanische Druckerei für Bücher in türkischer Sprache betrieb. Und dann ist da ein Franzose, der Graf von Bonneval, ein Abenteurer, der zum Islam übertrat und als Humbaracı Ahmed Pascha die osmanische Artillerie reformierte.
1925 ließ die junge Republik alle Derwischklöster schließen, auch dieses, und erst Jahrzehnte später wurde es als Museum wieder zugänglich. Noch eine Geschichte aus diesen Hängen: Zwischen Galata und Pera gründeten deutschsprachige Handwerker und Kaufleute 1847 den Verein Teutonia. Er gilt als einer der ältesten deutschen Vereine im Ausland und besteht bis heute, ein Zeichen dafür, wie lange Deutsche schon Teil dieses Viertels sind.
Mit etwas Glück erlebst du an manchen Tagen eine Sema im hölzernen Saal, mit Ney-Flöte und Trommel. Dann geh zurück auf die Straße und die letzten Meter hinauf zur Kuppe. Oben öffnet sich ein kleiner Platz mit einer roten Straßenbahn, und dort beginnt die berühmteste Straße der Stadt.
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7. Tünel-Platz, İstiklal Caddesi und Nostalgie-Tram
Asmalı Mescit, Tünel Meydanı, 34433 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Schau auf den kleinen runden Platz vor der oberen Tünel-Station: Eine rote Straßenbahn wartet an der Wendeschleife, der Fahrer lehnt in der Tür, und vor dir öffnet sich eine lange Fußgängerstraße, die bis zum Taksim-Platz reicht. Das ist die İstiklal Caddesi, die Straße der Unabhängigkeit.
Im 19. Jahrhundert hieß sie Grande Rue de Péra. Hier lagen die Gesandtschaften der europäischen Mächte, Theater, Konditoreien, Hotels und Buchhandlungen, mit Schildern auf Französisch, Griechisch und Armenisch. Den heutigen Namen bekam sie nach der Gründung der Republik. Elektrische Straßenbahnen fuhren hier ab 1914, bis sie in den 1960er-Jahren verschwanden. 1990 kehrte die Tram als Nostalgie-Bahn zurück.
Und hier beginnt ein deutsches Kapitel, das in Deutschland kaum jemand kennt. 1933, als die Nationalsozialisten jüdische und politisch unliebsame Professoren aus den Universitäten jagten, baute die Türkei gerade die Universität Istanbul neu auf. Die Regierung holte Dutzende vertriebene deutsche Wissenschaftler ins Land: Juristen, Mediziner, Ökonomen, Philologen. Ihre Verträge sahen vor, dass sie nach einigen Jahren auf Türkisch unterrichten sollten. Zu ihnen gehörten der Ökonom Wilhelm Röpke und der Jurist Ernst Hirsch, der die türkische Rechtswissenschaft über Jahrzehnte mitprägte. Für manche von ihnen wurde Pera mit seinen europäischen Buchhandlungen und Cafés ein Stück Zuhause in der Fremde.
Der Romanist Erich Auerbach schrieb in Istanbul, fern der großen Fachbibliotheken, sein berühmtes Buch Mimesis. Und ein Name verbindet sich bis heute mit diesem Exil: Ernst Reuter, der spätere Bürgermeister von Berlin. Er lebte allerdings nicht hier, sondern in Ankara, wo er als Berater arbeitete und Stadtplanung lehrte. 1946 kehrte er zurück, und 1948 rief er die Völker der Welt auf, auf seine Stadt zu schauen.
Achte auf die Kinder, die sich manchmal hinten an die Tram hängen, eine alte Istanbuler Mutprobe. Wir folgen der Straßenbahn aber noch nicht, sondern halten uns links, in die Meşrutiyet Caddesi, die parallel zur İstiklal nach Norden führt. Dort steht ein Hotel, das für die Reisenden des Orient-Express gebaut wurde.
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8. Pera Palace
Asmalı Mescit, Meşrutiyet Cd. No:52, 34430 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Bleib vor der hellen Fassade mit den hohen Fenstern stehen und stell dir vor, es ist 1895: Kofferträger schleppen Überseekisten, eine Kutsche hält, und heraus steigen Reisende, die gerade mehrere Tage im Zug von Paris hinter sich haben. Das Pera Palace wurde 1892 genau für sie gebaut, für die Gäste des Orient-Express.
Entworfen hat es Alexandre Vallaury, einer der wichtigsten Architekten des späten Osmanischen Reiches. Das Hotel bot, was die Stadt kaum kannte: elektrisches Licht, warmes Wasser und einen elektrischen Aufzug, einen der ersten in Istanbul. Er fährt noch heute, in einem verzierten Gitterkäfig. Für die Gäste aus London und Wien war das der Beweis, dass man im Orient angekommen war, ohne auf Europa verzichten zu müssen. Von den oberen Zimmern sahen sie über das Goldene Horn bis zur Altstadt, ein Panorama, das damals noch kein Hochhaus störte.
Natürlich gibt es auch eine Legende. Agatha Christie soll im Zimmer 411 an Mord im Orient-Express geschrieben haben. Ende der 1970er-Jahre behauptete ein amerikanisches Medium sogar, Christies Geist habe ihm verraten, wo im Zimmer ein Schlüssel versteckt sei, und tatsächlich fand man einen. Dass die Schriftstellerin im Hotel wohnte, ist gut möglich, der Rest ist eine herrlich passende Geschichte für ein Haus voller Geheimnisse.
Ernster ist die Erinnerung an den März 1941. Britische Diplomaten kamen aus Sofia an, und in ihrem Gepäck explodierte in der Hotelhalle eine Bombe. Es gab Tote und Verletzte. Die Türkei war im Zweiten Weltkrieg neutral, und Istanbul wurde zur Bühne für Spione aller Seiten. Zimmer 101 dagegen erinnert an einen anderen Gast: Mustafa Kemal Atatürk wohnte mehrmals hier, und sein Zimmer ist heute ein kleines Museum.
Geh jetzt ein paar Schritte weiter die Meşrutiyet Caddesi hinauf, schräg auf die andere Straßenseite. Ein anderes altes Hotel hat sich dort in ein Museum verwandelt, und darin hängt eines der berühmtesten Gemälde der Türkei. Es zeigt einen alten Mann und ein paar Schildkröten.
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9. Pera Museum: Der Schildkrötenerzieher
Asmalı Mescit, Meşrutiyet Cd. No:65, 34430 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Steig hinauf in die Etage mit den orientalistischen Gemälden und such ein ganz bestimmtes Bild: Ein alter Mann in langem Gewand, eine kleine Trommel auf dem Rücken, eine Rohrflöte in der Hand, beugt sich über ein paar Schildkröten, die zu seinen Füßen am Boden kriechen. Er sieht geduldig aus. Sehr geduldig. Und ein bisschen ratlos.
Das ist Der Schildkrötenerzieher, türkisch Kaplumbağa Terbiyecisi, gemalt 1906 von Osman Hamdi Bey. Er war Maler, aber auch Archäologe und Museumsmann: Er baute das Archäologische Museum in Istanbul auf und grub in Sidon die berühmten Sarkophage aus, darunter den sogenannten Alexandersarkophag. Ein Mann, der die Moderne ins Osmanische Reich holen wollte und dabei gegen viel Trägheit ankämpfte.
Und jetzt schau dem alten Mann ins Gesicht. Es trägt die Züge des Malers selbst. Viele lesen das Bild als leise Satire: ein Reformer, der Schildkröten etwas beibringen will, mit Musik und Geduld, und die Tiere fressen einfach weiter ihre Blätter. Ob es so gemeint war, hat Osman Hamdi nie verraten. Aber jeder, der schon einmal versucht hat, eine Behörde zu verändern, versteht den Witz.
Das Museum selbst steckt in einem Gebäude, das 1893 als Hotel Bristol eröffnet wurde, ein Nachbar und Konkurrent des Pera Palace. 2005 machte die Stiftung der Familie Kıraç daraus das Pera Museum. Viele der Gemälde stammen von europäischen Malern, die im 18. und 19. Jahrhundert mit Gesandtschaften an den Bosporus kamen und Audienzen, Hafenansichten und Straßenszenen festhielten. Neben den Gemälden zeigt es eine Sammlung anatolischer Gewichte und Maße aus mehreren Jahrtausenden und Fliesen und Keramik aus Kütahya.
Als die Stiftung das Bild 2004 erwarb, war es das teuerste Gemälde, das bis dahin in der Türkei verkauft worden war. Seitdem pilgern Schulklassen zu dem alten Mann mit den Schildkröten. Verlass das Museum und geh die kurze Gasse hinüber zur İstiklal Caddesi. Hinter einem Torbogen an der Straße öffnet sich ein Hof mit einer roten Backsteinkirche.
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10. Kirche St. Antonius von Padua
İstiklal Cd. No:171, 34433 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Geh durch den Torbogen zwischen den beiden Wohnhäusern und bleib im Hof stehen: Vor dir erhebt sich eine Fassade aus rotem Backstein, mit spitzen Bögen, einer Rosette und schlanken Türmchen, als hätte jemand ein Stück Venedig in die İstiklal geschoben. Draußen schiebt sich die Menge vorbei, hier drinnen gibt es Kerzenlicht und Stille.
Die Kirche St. Antonius von Padua ist die größte katholische Kirche Istanbuls. Gebaut wurde sie zwischen 1906 und 1912 nach Plänen des Architekten Giulio Mongeri, im neogotischen Stil, für die Franziskaner, die schon im 18. Jahrhundert eine Antoniuskirche in Pera hatten. Die beiden Wohnhäuser zur Straße hin entstanden gleichzeitig, und ihre Mieten sollten die Kirche mittragen. Fromm und geschäftstüchtig, ganz im Geist von Pera. Mongeri selbst war in Istanbul geboren, Sohn einer italienischen Familie, und baute später auch in Ankara für die junge Republik.
Von 1935 bis 1944 predigte hier regelmäßig ein italienischer Erzbischof, der als Apostolischer Delegat in Istanbul lebte: Angelo Giuseppe Roncalli. Er lernte Türkisch, ließ Gebete und Lesungen auch auf Türkisch sprechen und wurde 1958 Papst Johannes XXIII. Im Hof steht seine Statue, und viele Istanbuler erinnern sich an ihn bis heute als den Papst, der ihre Sprache sprach.
In den Kriegsjahren wurde Istanbul zur Drehscheibe für Flüchtlinge, und Roncalli half, wo er konnte, auch jüdischen Verfolgten aus Mitteleuropa, mit Papieren, Kontakten und Fürsprache. Wie vielen Menschen er damit half, ist umstritten, und man sollte die Zahl nicht übertreiben. Aber zwischen Diplomaten, Spionen und Bittstellern wurde in diesen Mauern gearbeitet, während in Europa die Welt brannte.
Achte auf die Kerzen: Dienstags kommen besonders viele Menschen, um den heiligen Antonius um Hilfe zu bitten, und darunter sind nicht nur Katholiken, sondern auch orthodoxe Christen und Muslime. Der Heilige der verlorenen Dinge kennt eben keine Konfessionen. Geh jetzt zurück auf die İstiklal und folge ihr ein kurzes Stück nach Norden, bis zu einem großen Schultor am Galatasaray-Platz.
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11. Galatasaray-Lyzeum
Galatasaray Meydanı, İstiklal Cd., 34433 Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Stell dich vor das große Tor mit dem Gitter und schau zwischen den Stäben hindurch: Dahinter liegt ein Garten mit alten Bäumen und am Ende ein langes, helles Schulgebäude. Draußen auf dem Platz warten Menschen auf Freunde, im Winter rösten Verkäufer Maronen. Dieses Tor ist das Tor einer Schule, aber was für einer.
Das Galatasaray-Lyzeum führt seine Geschichte auf eine Palastschule zurück, die Sultan Bayezid II. 1481 an dieser Stelle gründete, um junge Männer für den Dienst am Hof auszubilden. 1868 wurde daraus das Mekteb-i Sultani, eine moderne Schule mit französischem Lehrplan, an der muslimische, christliche und jüdische Schüler gemeinsam lernten. Für das Reich war das ein Experiment, für Pera eine Selbstverständlichkeit. Söhne von Paschas saßen neben Söhnen armenischer Kaufleute und griechischer Ärzte, und alle lernten Racine und Algebra in derselben Sprache.
Aus dieser Schule kamen Großwesire, Dichter, Diplomaten und später Minister der Republik. Und noch etwas: 1905 gründeten Schüler um Ali Sami Yen einen Fußballverein und benannten ihn nach ihrer Schule. So entstand Galatasaray, einer der größten Klubs der Türkei, gegründet von Gymnasiasten, die eigentlich französische Vokabeln lernen sollten.
Der Platz vor dem Tor ist immer auch eine Bühne gewesen. Hier treffen sich Demonstranten und Feiernde, hier wurde nach großen Siegen getanzt und in schweren Zeiten geschwiegen. Wer in Istanbul sagt, man treffe sich am Galatasaray, meint fast immer genau dieses Tor. Es ist so etwas wie die Uhr unter dem Bahnhof in anderen Städten, nur mit hundert Jahren Schulgeschichte dahinter.
Übrigens unterrichtet die Schule bis heute zu einem großen Teil auf Französisch, eine Brücke nach Europa, die älter ist als die Republik selbst. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der İstiklal, siehst du einen Durchgang mit einer prächtigen Fassade. Überquer die Straße, achte auf die Nostalgie-Tram, die hier gern ihre Glocke läutet, und geh hinein. Der letzte Halt riecht nach Anis und gegrilltem Fisch.
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12. Çiçek Pasajı (Blumenpassage)
Hüseyinağa, İstiklal Cd., Çiçek Pasajı, Beyoğlu/İstanbul, Türkiye
Tritt unter das Glasdach der Passage: Links und rechts stehen Tische mit weißen Tischdecken, Kellner balancieren Teller mit Meze, irgendwo spielt jemand Geige, und über dir klettern Stuckfassaden mit kleinen Balkonen zum Licht. Das ist der Çiçek Pasajı, die Blumenpassage. Blumen findest du hier allerdings kaum noch.
Gebaut wurde der Komplex 1876 als Cité de Péra, ein elegantes Geschäfts- und Wohnhaus nach Pariser Vorbild, an der Stelle eines Theaters, das wenige Jahre zuvor abgebrannt war. Bauherr war der griechische Bankier Hristaki Zografos. Unten gab es Läden, oben Wohnungen für das wohlhabende Pera, und es war eines der ersten Gebäude dieser Art in der Stadt.
Den Namen bekam die Passage später, und die schönste Geschichte dazu ist die der russischen Emigranten. Nach Revolution und Bürgerkrieg strandeten um 1920 Zehntausende Russen in Istanbul, darunter verarmte Adlige. Es heißt, Frauen aus diesen Familien hätten in der Passage Blumen verkauft, um zu überleben. Ob es wirklich Gräfinnen waren, wie man gern erzählt, weiß niemand, aber der Name Blumenpassage blieb.
Mit der Zeit zogen Bierhallen und Tavernen ein, die Meyhane, in denen man bis tief in die Nacht Rakı trinkt, Anisschnaps, der mit Wasser milchig weiß wird. 1978 stürzte ein Teil des alten Gebäudes ein, und die Passage wurde in den 1980er-Jahren wiederaufgebaut, mit dem Glasdach, unter dem du jetzt stehst. Ein bisschen schicker als früher, ein bisschen touristischer, aber das Stimmengewirr ist dasselbe geblieben. Zum Rakı gehören Weißkäse, Melone, gefüllte Muscheln oder frittierte Sardellen, vor allem aber lange Gespräche.
Und damit endet unser Spaziergang. Du bist von den Anglern auf der Brücke an genuesischen Mauern, einer Bankiersfamilie, einem fliegenden Gelehrten, Derwischen, deutschen Exilanten und einem Papst vorbei bis hierher gestiegen, hinauf aus dem Hafen ins alte Pera. Setz dich, bestell einen Tee oder ein Glas Rakı und hör dem Lärm der Passage zu. Die Nostalgie-Tram fährt draußen weiter Richtung Taksim, falls du noch nicht müde bist.