Scheunenviertel und jüdisches Berlin: Von der Grenadierstraße zur goldenen Kuppel

Ein Spaziergang durch die Spandauer Vorstadt in Berlin: Rosenstraße, Otto Weidts Werkstatt, der alte Friedhof von Moses Mendelssohn, die Neue Synagoge und ein Tisch mit umgestürztem Stuhl

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  1. 1. Almstadtstraße: Das echte Scheunenviertel

    Almstadtstraße, 10178 Berlin, Germany

    Stell dich mitten in die schmale Almstadtstraße, zwischen sanierte Altbauten und ein paar Neubauten, nur ein paar Schritte südlich vom Rosa-Luxemburg-Platz mit der Volksbühne. Nichts hier sieht nach großer Geschichte aus... und genau damit fängt unsere Geschichte an.

    Der Name Scheunenviertel ist älter als jedes Haus um dich herum. 1672 ließ der Große Kurfürst die Scheunen für Heu und Stroh vor die Stadtmauer verlegen, weil sie in der engen Stadt ständig Feuer fingen. Aus dem Scheunenfeld wurde später ein Armenviertel mit dunklen Hinterhöfen, Pfandleihen und Kneipen, in die sich die Polizei angeblich nur zu zweit traute. Wer heute Scheunenviertel sagt, meint oft die ganze Spandauer Vorstadt bis zur Oranienburger Straße. Streng genommen stehst du aber genau hier, im alten Kern.

    Um 1920 hieß diese Straße noch Grenadierstraße, und sie klang anders als heute. Hier lebten Jüdinnen und Juden aus Galizien, Polen und Russland, geflohen vor Pogromen, Armut und Krieg. Hebräische Buchstaben über den Ladentüren, koschere Fleischer, kleine Betstuben in den Hinterhöfen, Händler, die auf Jiddisch feilschten. Joseph Roth hat in den Zwanzigern über diese Gassen geschrieben, voller Zärtlichkeit für die Menschen und voller Wut darüber, wie das bürgerliche Berlin auf sie herabsah... auch das jüdische Bürgertum im Westen der Stadt.

    Wie gefährlich dieser Blick werden konnte, zeigte sich am 5. November 1923. Mitten in der Hyperinflation, als ein Brot Milliarden Mark kostete, lief das Gerücht um, die Ostjuden hätten das Geld der Arbeitslosen aufgekauft. Ein Mob zog durch das Viertel, plünderte Geschäfte und verprügelte Menschen auf offener Straße, und die Polizei griff spät ein. Es war ein Pogrom mitten in Berlin, fast zehn Jahre bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

    Das jüdische Berlin, das du heute entdeckst, war also nie nur die prächtige Synagoge mit der goldenen Kuppel. Es war auch das hier: arm, laut, fromm, lebendig, und von den Nachbarn oft nicht gewollt. Geh jetzt die Almstadtstraße nach Süden hinunter und weiter Richtung Hackescher Markt. Gleich hinter dem S-Bahn-Bogen beginnt die Rosenstraße, wo Frauen 1943 etwas wagten, was in dieser Stadt kaum jemand wagte.

  2. 2. Rosenstraße: Der Protest der Frauen 1943

    Rosenstraße, 10178 Berlin, Germany

    Vor dir, in einem kleinen Park zwischen Plattenbauten, drängen sich Frauen aus rötlichem Stein, die Köpfe gesenkt, manche mit erhobenen Händen, eine hält sich das Gesicht. Ein Block aus Stein, gemacht aus Trauer, Wut und Ausdauer. Er heißt genau so: Block der Frauen.

    Am 27. Februar 1943 holte die Gestapo die letzten Jüdinnen und Juden, die in Berlin noch Zwangsarbeit leisteten, direkt aus den Fabriken. Die Aktion zielte auf ihre Deportation, und tatsächlich wurden in diesen Tagen Tausende Berliner Jüdinnen und Juden verhaftet und die meisten von ihnen nach Auschwitz verschleppt. Männer, die mit nichtjüdischen Frauen verheiratet waren, brachte man hierher, in ein Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Bis dahin hatten diese Ehen sie geschützt... jetzt sah es nach dem Ende aus.

    Dann kamen die Frauen. Erst einzelne, die nach ihren Männern fragten, dann Dutzende, schließlich Hunderte, tagelang, in der Februarkälte. Sie riefen, sie warteten, sie gingen nicht weg, auch nicht, als man ihnen drohte. Mitten in der Hauptstadt des Regimes, ein paar Straßen vom Alexanderplatz entfernt. Anfang März wurden die meisten Gefangenen entlassen. Sogar rund zwei Dutzend Männer, die man schon nach Auschwitz verschleppt hatte, kamen zurück nach Berlin.

    Ob der Protest die Männer gerettet hat, darüber streiten Historiker bis heute. Manche sagen, das Regime habe diese Gruppe damals ohnehin noch nicht deportieren wollen. Andere halten dagegen, dass die Machthaber kurz nach Stalingrad keine Unruhe auf Berliner Straßen riskieren wollten. Sicher ist nur: Hier standen Menschen öffentlich für ihre Familien ein, und sie waren damit fast allein. Die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger hat ihnen 1995 dieses Denkmal gesetzt, Margarethe von Trotta 2003 einen Spielfilm.

    Fast vergessen ist, dass gleich um die Ecke, in der Heidereutergasse, die älteste Synagoge Berlins stand, eingeweiht 1714. Von ihr ist nichts geblieben außer einer Gedenktafel und dem Wissen, dass hier über zwei Jahrhunderte gebetet wurde. Geh jetzt zurück unter dem S-Bahn-Bogen hindurch und die Rosenthaler Straße hinauf. Neben den berühmten, blitzsauberen Hackeschen Höfen öffnet sich ein Hof, der ganz anders aussieht: bröckelnd, bunt und besprüht.

  3. 3. Haus Schwarzenberg und die Blindenwerkstatt Otto Weidt

    Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin, Germany

    Tritt durch die Toreinfahrt der Rosenthaler Straße 39 und schau dich um: Putz, den seit Jahrzehnten niemand erneuert hat, Graffiti bis unters Dach, Paste-ups, rostige Metallfiguren. Plakate, Sticker und Bilder kleben übereinander wie Jahresringe. Nebenan in den Hackeschen Höfen glänzen die Jugendstilkacheln, hier dagegen sieht Berlin noch aus wie in den Neunzigern.

    Dass der Hof so geblieben ist, ist Absicht. Ein Künstlerverein hat das Haus nach der Wende vor der glatten Sanierung bewahrt, mit Ateliers, einem kleinen Kino und einer Bar. Aber geh weiter in den Seitenflügel und steig die Treppe hinauf. Dort liegt ein Ort, der mit Kunst nichts zu tun hat und alles mit Mut: die ehemalige Blindenwerkstatt von Otto Weidt.

    Otto Weidt war selbst fast blind. Er stellte Besen und Bürsten her, und während des Krieges beschäftigte er vor allem blinde und gehörlose jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter. Weil er auch an die Wehrmacht lieferte, galt sein Betrieb als kriegswichtig, und Weidt nutzte das mit Chuzpe aus. Er bestach Gestapo-Beamte, besorgte falsche Papiere und holte Beschäftigte sogar aus dem Sammellager zurück, mit der Behauptung, ohne genau diese Leute stehe seine Produktion still.

    Im hintersten Raum steht ein Schrank. Dahinter lag ein fensterloses Zimmer, in dem sich eine jüdische Familie versteckte, die Familie Horn. Sie wurde verraten und deportiert. Weidt schickte Pakete nach Theresienstadt, und er reiste bis nach Auschwitz, um seiner jungen Mitarbeiterin Alice Licht zu helfen... sie überlebte. Auch Inge Deutschkron, die in seinem Büro gearbeitet hatte, überstand den Krieg im Versteck und erzählte später in ihrem Buch Ich trug den gelben Stern davon.

    1971 ehrte die Gedenkstätte Yad Vashem Otto Weidt als Gerechten unter den Völkern, da war er längst gestorben. Dass seine Werkstatt heute ein Museum ist, verdanken wir Studierenden, die Ende der Neunziger auf die fast unveränderten Räume stießen. Geh nun zurück auf die Rosenthaler Straße, ein paar Schritte hinauf, und dann in die stille Sophienstraße. Folge ihr, bis zwischen den Häusern ein schlanker Kirchturm auftaucht.

  4. 4. Sophienkirche: Barock in der Straße der Toleranz

    Große Hamburger Straße 29, 10115 Berlin, Germany

    Zwischen hohen Bäumen und verwitterten Grabsteinen steht vor dir ein schlanker Barockturm, der auf eine Kirche zeigt, die sich bescheiden zurücknimmt. Die Sophienkirche versteckt sich im Grünen, man muss sie suchen, und genau das macht sie so schön.

    Gestiftet hat sie 1712 Königin Sophie Luise, die dritte Frau des ersten Preußenkönigs Friedrich I., für die Menschen der wachsenden Spandauer Vorstadt. Der Turm kam erst in den 1730er Jahren dazu. Er gilt als der einzige Barockkirchturm Berlins, der bis heute im Original erhalten ist. Bomben, Abrissbagger und sozialistische Stadtplanung, alles ist an ihm vorbeigegangen. Wenn du genau hinschaust, siehst du, wie fein seine Stockwerke nach oben hin schmaler werden.

    Auf dem Kirchhof liegen Berühmtheiten, die kaum jemand hier vermutet. Carl Friedrich Zelter, gelernter Maurermeister, Komponist, Leiter der Singakademie und einer der ganz wenigen, mit denen Goethe sich duzte. Der Historiker Leopold von Ranke, der verlangte, man solle Geschichte so schreiben, wie es eigentlich gewesen ist. Und Anna Louisa Karsch, die Karschin, eine Dichterin aus bitterarmen Verhältnissen, die sogar Friedrich der Große empfing und die trotzdem ihr Leben lang um Geld bitten musste. Wer zwischen diesen Gräbern umhergeht, steht mitten in der Berliner Aufklärung, keine fünf Minuten vom Trubel am Hackeschen Markt.

    Und jetzt das Besondere: Die Große Hamburger Straße hinter der Kirche nennen viele Berliner die Straße der Toleranz. Auf wenigen hundert Metern lagen hier ein katholisches Krankenhaus, diese evangelische Kirche, der älteste jüdische Friedhof der Stadt und eine jüdische Schule. Das katholische St.-Hedwig-Krankenhaus gibt es übrigens bis heute, ein paar Häuser weiter. Über Generationen lebten Christen und Juden hier Tür an Tür, mit Reibereien, mit Nachbarschaft, mit ganz normalem Alltag. Zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 ließ die DDR die Sophienstraße liebevoll restaurieren, als Schaufenster des alten Berlin.

    Doch genau diese Straße wurde ab 1942 zu einem Ort, an dem die Toleranz endgültig zerbrach. Geh durch das Tor hinaus auf die Große Hamburger Straße und ein Stück nach Süden. Vor einer Gruppe dunkler Bronzefiguren an einer stillen Wiese bleiben wir stehen.

  5. 5. Große Hamburger Straße: Alter Friedhof, Mendelssohn und The Missing House

    Große Hamburger Straße 26, 10115 Berlin, Germany

    Vor dir steht eine Gruppe ausgemergelter Bronzefiguren, Frauen und Kinder, eng aneinandergedrängt. Dahinter liegt eine Wiese mit hohen Bäumen und kaum einem Grabstein. Was wie ein kleiner Park aussieht, ist der älteste jüdische Friedhof Berlins.

    Ab 1672 begrub die jüdische Gemeinde hier ihre Toten, über 150 Jahre lang. Der berühmteste ist Moses Mendelssohn, der Philosoph der Aufklärung, Freund Lessings und Vorbild für dessen Nathan den Weisen. Sein Enkel war übrigens der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Legende erzählt, er sei 1743 als Vierzehnjähriger durch das Rosenthaler Tor in die Stadt gekommen, das einzige Tor, das Juden benutzen durften, und der Torschreiber habe notiert: sechs Ochsen, sieben Schweine, ein Jude. Ob die Liste wirklich so lautete, weiß niemand. Dass man sie so erzählt, sagt genug.

    1942 machte die Gestapo aus dem jüdischen Altenheim an dieser Stelle ein Sammellager. Von hier aus wurden Zehntausende Berliner Jüdinnen und Juden zu den Bahnhöfen gebracht und in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Den Friedhof ließ die Gestapo 1943 verwüsten, Grabsteine wurden zerschlagen, Gräben ausgehoben. Der Stein für Mendelssohn, den du heute siehst, ist eine Nachbildung. Die Figurengruppe von Will Lammert steht hier seit 1985.

    Jetzt dreh dich um, zur anderen Straßenseite. Zwischen zwei Häusern klafft eine Lücke, und an den Brandmauern hängen schlichte Schilder mit Namen, Berufen und Lebensdaten. Der französische Künstler Christian Boltanski hat 1990 die Menschen recherchiert, die in dem Haus wohnten, das hier stand, bis es in den letzten Kriegsmonaten von einer Bombe getroffen wurde. Jüdische und nichtjüdische Nachbarn, jedes Schild ungefähr dort, wo einmal ihre Wohnung war. Das Werk heißt The Missing House, und es zeigt nichts als Abwesenheit.

    Direkt neben dem Friedhof lernen übrigens wieder jüdische Kinder, im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn, in einem Schulhaus, in dem schon vor über hundert Jahren jüdische Jungen unterrichtet wurden. Dass davor Polizei steht, gehört leider bis heute dazu. Geh jetzt die Große Hamburger Straße hinunter bis zur Oranienburger Straße und über die Straße hinüber in den Monbijoupark, zum Ufer der Spree.

  6. 6. Monbijoupark: Ein verschwundenes Schloss und James Simon

    Oranienburger Straße, 10178 Berlin, Germany

    Lass dich auf eine Bank am Wasser fallen und schau über die Spree: Gegenüber schiebt sich die Kuppel des Bode-Museums wie ein Schiffsbug in den Fluss, hinter dir spielen Kinder auf der Wiese. Schwer vorstellbar, dass hier einmal ein Schloss stand.

    Monbijou, mein Schmuckstück, so hieß das Lustschloss, das Anfang des 18. Jahrhunderts am Spreeufer entstand. Am meisten liebte es Königin Sophie Dorothea, die Mutter Friedrichs des Großen, die hier ihr eigenes kleines Reich hatte, fern vom strengen Hof ihres Mannes, des Soldatenkönigs. Später zog ein Museum der Hohenzollern ein. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Schloss aus, um 1960 ließ die DDR die Ruine abräumen. Übrig blieb dieser Park.

    Schau noch einmal hinüber zum Museum. Ein erstaunlicher Teil der Schätze dort und auf der ganzen Museumsinsel stammt von jüdischen Berliner Sammlern und Stiftern. Der großzügigste war James Simon, ein Baumwollkaufmann, der 1904 seine Sammlung von Renaissancekunst dem neuen Museum gegenüber schenkte. Er finanzierte auch die Ausgrabungen in Amarna in Ägypten, bei denen 1912 die Büste der Nofretete gefunden wurde, und 1920 schenkte er sie dem preußischen Staat. Und er gab einen großen Teil seines Vermögens für soziale Zwecke aus, für Kinder, Kranke und arme Familien, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

    Simon starb 1932, kurz bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Wenige Jahre später wurde in den Museen verschwiegen, wem sie so viel verdankten, weil der Stifter Jude war. Erst 2019 eröffnete auf der Museumsinsel ein neues Eingangsgebäude, das seinen Namen trägt, die James-Simon-Galerie. Fast neunzig Jahre nach seinem Tod hat sich die Stadt bei ihm angemessen bedankt.

    Im Sommer wird hier am Ufer getanzt, im Winter ist es still, und abends spiegeln sich die Lichter der Museumsinsel im Wasser. Über die Monbijoubrücke könntest du jetzt direkt hinüber zur Museumsinsel. Wir aber bleiben auf dieser Seite der Spree. Steh auf und verlass den Park nach Westen, hinüber zur Tucholskystraße. Dort steht ein ernstes Haus aus der Kaiserzeit, in dem einmal die erste Rabbinerin der Welt studierte.

  7. 7. Leo-Baeck-Haus: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

    Tucholskystraße 9, 10117 Berlin, Germany

    Vor dir steht ein stattlicher Bau aus der Kaiserzeit mit hohen Fenstern, fast wie ein Bankhaus. Am Eingang wacht Polizei, an der Fassade liest du den Namen Leo-Baeck-Haus. Heute arbeitet hier der Zentralrat der Juden in Deutschland... gebaut wurde das Haus aber für etwas ganz anderes: zum Denken.

    1907 zog hier die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein, gegründet schon 1872, und damals lautete die Adresse noch Artilleriestraße. Sie bildete liberale Rabbiner aus, aber auch Historiker, Philologen und Philosophen, und sie stand Frauen und Nichtjuden offen. Man studierte das Judentum hier nicht nur als Glauben, sondern als Wissenschaft, mit Quellenkritik und Fußnoten. Für strenge Orthodoxe war das eine Provokation, für viele junge Leute eine Befreiung.

    Eine dieser Studentinnen war Regina Jonas. Sie schrieb hier eine Abschlussarbeit über die Frage, ob eine Frau das Rabbineramt bekleiden darf, und ihre Antwort lautete: ja. 1935 wurde sie ordiniert, als erste Rabbinerin der Welt. Hier lehrte auch Leo Baeck, der große liberale Rabbiner, und hier studierte der junge Abraham Joshua Heschel, der dreißig Jahre später in Amerika an der Seite von Martin Luther King marschierte.

    1942 schlossen die Nationalsozialisten die Hochschule. Regina Jonas wurde nach Theresienstadt deportiert, wo sie weiter predigte und Menschen beistand, und 1944 in Auschwitz ermordet. Leo Baeck, der als Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden jede Möglichkeit zur Flucht ausgeschlagen hatte, um bei seiner Gemeinde zu bleiben, überlebte Theresienstadt und starb 1956 in London. Seit 1999, nach dem Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin, sitzt der Zentralrat in diesem Haus, das nun seinen Namen trägt.

    Weiter oben in derselben Straße betet heute wieder eine kleine orthodoxe Gemeinde in einer alten Synagoge im Hinterhof. Die liberale Hochschule und die strenge Orthodoxie, einst erbitterte Rivalen, sind heute Nachbarn. Geh jetzt die Tucholskystraße hinauf bis zur Oranienburger Straße und dann nach rechts. Nach wenigen Schritten siehst du sie über den Dächern leuchten: die goldene Kuppel.

  8. 8. Neue Synagoge: Die goldene Kuppel und Reviervorsteher Krützfeld

    Oranienburger Straße 28-30, 10117 Berlin, Germany

    Leg den Kopf in den Nacken: Über der Oranienburger Straße leuchtet eine goldene, gerippte Kuppel, flankiert von zwei kleineren Türmen. Die Fassade aus farbigen Ziegeln und Terrakotta wirkt wie aus Tausendundeiner Nacht... und genau so sollte sie auch wirken.

    Die Neue Synagoge wurde 1866 eingeweiht, nach Plänen von Eduard Knoblauch, weitergeführt von Friedrich August Stüler. Zur Einweihung kam Ministerpräsident Otto von Bismarck. Die Kuppel ist rund fünfzig Meter hoch und war schon damals weithin über den Dächern zu sehen. Mit rund dreitausend Plätzen war sie die größte Synagoge Deutschlands, und der maurische Stil war ein Statement: Die Gemeinde zeigte selbstbewusst, dass sie dazugehörte. Sie war liberal, hier spielte sogar eine Orgel, was fromme Juden empörte. Und im Januar 1930 stand vorne ein Mann mit Geige bei einem Wohltätigkeitskonzert: Albert Einstein.

    In der Pogromnacht im November 1938 drangen SA-Männer ein und legten Feuer. Da tauchte Wilhelm Krützfeld auf, der Vorsteher des Polizeireviers am Hackeschen Markt. Er schickte die Brandstifter weg, berief sich darauf, dass das Gebäude unter Denkmalschutz stehe, und ließ die Feuerwehr löschen. Ein Polizist, der mitten im Pogrom auf Vorschriften pochte. Manche Einzelheiten jener Nacht sind umstritten, im Kern ist die Geschichte belegt. Krützfeld wurde dafür zum Polizeipräsidenten zitiert und gerügt, aber nicht entlassen.

    Retten konnte er das Haus trotzdem nicht. Bis 1940 feierte die Gemeinde hier noch Gottesdienste, dann beschlagnahmte die Wehrmacht den Bau, und 1943 trafen ihn Bomben. Den zerstörten Hauptsaal sprengte man 1958. Noch in den letzten Jahren der DDR begann der Wiederaufbau der Front, vollendet wurde er im vereinten Berlin. Was du siehst, ist die wiederaufgebaute Vorderfront mit der Kuppel, seit 1995 das Centrum Judaicum. Dahinter liegt eine leere Fläche, wo einst dreitausend Menschen beteten.

    Heute stehen Polizeiwagen vor der Tür, und auch das sagt etwas über Berlin. Geh ein paar Schritte zurück zur Tucholskystraße und folge ihr hinauf bis zur Auguststraße. Dort wartet ein dunkler Klinkerbau aus den späten Zwanzigern, gebaut für Mädchen.

  9. 9. Ehemalige Jüdische Mädchenschule und die Stolpersteine

    Auguststraße 11-13, 10117 Berlin, Germany

    Vor dir an der Auguststraße steht ein dunkler Klinkerbau mit klaren Linien, großen Fenstern und einem fast strengen Eingang. Kein Schnörkel, kein Türmchen. So baute man Ende der Zwanzigerjahre, wenn man an die Zukunft glaubte.

    Das ist die ehemalige Jüdische Mädchenschule, 1927 und 1928 errichtet vom Gemeindebaumeister Alexander Beer. 1942 wurde die Schule geschlossen. Schülerinnen und Lehrerinnen, die nicht mehr fliehen konnten, wurden deportiert, und Alexander Beer selbst kam in Theresienstadt ums Leben. Nach dem Krieg war hier eine Schule der DDR, nach der Wende stand das Haus leer. 2009 bekam die Jüdische Gemeinde es zurück, seit 2012 sind Galerien und Restaurants eingezogen.

    Die ganze Auguststraße ist ein Ort der Verwandlungen. In den Neunzigern zogen Künstler in leerstehende Häuser, und die Straße wurde zur Galerienmeile des neuen Berlin, mit Ausstellungen in Kellern und Partys in Ruinen. Heute sind die Fassaden saniert und die Mieten hoch. Gleich nebenan stand übrigens bis 1914 das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde, bevor es in einen großen Neubau im Wedding umzog. Aber ein Blick nach unten genügt, um eine ältere Schicht dieser Straße zu sehen.

    Schau auf die Gehwege dieses Viertels. Zwischen den Pflastersteinen glänzen kleine Messingplatten, zehn mal zehn Zentimeter, und auf jeder steht ein Mensch: Hier wohnte, Name, Jahrgang, deportiert, ermordet. Das sind Stolpersteine, ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Er setzt sie vor die letzte frei gewählte Wohnung von Menschen, die die Nationalsozialisten verfolgt haben. In Berlin verlegte er die ersten 1996 in Kreuzberg, damals noch ohne Genehmigung. Inzwischen liegen in ganz Europa weit über hunderttausend.

    Man stolpert nicht mit den Füßen, hat ein Schüler einmal gesagt, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen. Und wer den Namen lesen will, muss sich verbeugen. Geh jetzt die Auguststraße weiter nach Osten. Nach ein paar Häusern hörst du vielleicht schon Musik aus einem Garten: Dort wird seit über hundert Jahren getanzt.

  10. 10. Clärchens Ballhaus: Getanzt wird seit 1913

    Auguststraße 24, 10117 Berlin, Germany

    Hinter einem Vorgarten mit Bäumen und langen Holzbänken steht ein Haus, dessen Fassade aussieht, als hätte man es mit Absicht nicht renoviert. Wenn die Türen offen sind, hörst du Walzer, Swing oder Tango. Willkommen bei Clärchen.

    1913 eröffneten Fritz Bühler und Clara Habermann hier ein Tanzlokal, und bald nannte ganz Berlin es nur noch nach ihr: Clärchens Ballhaus. Man tanzte Walzer, Foxtrott und Schieber, und es kamen alle: Dienstmädchen und Handwerker, Verkäuferinnen, Soldaten auf Heimaturlaub, Witwen, die nicht allein sein wollten. Ein Ballhaus war im alten Berlin der Ort, an dem sich Menschen kennenlernten, die sich sonst nie begegnet wären. Wer nicht tanzte, saß am Rand, trank Bier oder Brause und schaute zu, wer mit wem.

    Das Erstaunliche ist, was alles an diesem Haus vorbeigegangen ist. Zwei Weltkriege, Inflation, Nazizeit, DDR, Wende. Das Vorderhaus wurde im Krieg zerstört, deshalb sitzt man heute im Garten direkt an der Straße. Oben aber, im Spiegelsaal, hängen noch die alten Spiegel, fleckig und blind geworden, und unter dem Stuck kann man sich vorstellen, wie hier vor hundert Jahren Kronleuchter funkelten.

    Über Jahrzehnte blieb das Ballhaus in der Hand von Clärchens Familie, auch zu DDR-Zeiten, als private Betriebe in Ost-Berlin selten waren. Später wurde es zum Lieblingsort einer neuen Generation, die zwischen Galerienbesuch und Nachtclub auf einen Schwof vorbeikam, neben Paaren, die hier seit fünfzig Jahren tanzten. Kaum ein Ort in Berlin bringt Jung und Alt so selbstverständlich zusammen.

    Dass wir auf diesem Weg zwischen Gedenkorten an einem Tanzsaal stehen, ist kein Bruch. Das jüdische Scheunenviertel war nie nur ein Ort des Leids, sondern ein Viertel, in dem gelebt, gestritten und gefeiert wurde, Wand an Wand. Jüdische Familien führten in diesen Straßen Läden, Werkstätten und Arztpraxen, sie waren Kunden, Nachbarn und Tanzpartner. Genau das ist es, was verloren ging. Geh jetzt die Auguststraße bis zur Großen Hamburger Straße und dann nach links zum Koppenplatz. Dort wartet ein Tisch auf dich.

  11. 11. Koppenplatz: Der verlassene Raum

    Koppenplatz, 10115 Berlin, Germany

    Mitten auf dem Rasen des Koppenplatzes steht ein Zimmer ohne Wände. Ein Parkettboden aus Bronze, ein schlichter Tisch, zwei Stühle, alles aus Metall, alles unter freiem Himmel, bei Regen und Schnee. Einer der Stühle steht ordentlich da. Der andere liegt umgestürzt auf dem Boden, als wäre jemand ganz plötzlich aufgesprungen... oder weggerissen worden.

    Das Denkmal heißt Der verlassene Raum. Entworfen haben es Karl Biedermann und Eva Butzmann, und die Idee stammt aus einem Wettbewerb, den Ost-Berlin 1988 zum fünfzigsten Jahrestag der Pogromnacht ausschrieb. Dann fiel die Mauer, und aufgestellt wurde es erst 1996. Ein Denkmal aus einem Staat, der verschwand, bevor es fertig war, für Menschen, die verschwanden, ohne dass jemand sie zurückholte.

    Geh einmal langsam um den Rand herum. In den bronzenen Rahmen sind Zeilen der Dichterin Nelly Sachs eingelassen. Sie wuchs in einer jüdischen Familie in Berlin auf, entkam 1940 mit ihrer Mutter in letzter Minute nach Schweden und schrieb dort Gedichte über die Ermordeten, über ihre Wohnungen, ihre Körper, ihren Rauch. 1966 erhielt sie den Literaturnobelpreis.

    Der Tisch steht nicht zufällig in einer Wohngegend. Aus vielen Häusern der Spandauer Vorstadt wurden Menschen abgeholt, oft am helllichten Tag, unter den Augen der Nachbarn. Der Platz selbst ist übrigens ein alter Ort der Fürsorge: Anfang des 18. Jahrhunderts schenkte der Ratsherr Christian Koppe der Stadt dieses Grundstück als Friedhof für die Armen, und ein Denkmal erinnert bis heute an ihn. Zwischen Armengrab und leerem Zimmer liegen dreihundert Jahre Berliner Nachbarschaft.

    Setz dich einen Moment auf eine der Bänke. Du bist heute vom ärmsten Winkel des alten Scheunenviertels über die Rosenstraße, die Werkstatt von Otto Weidt, den Friedhof von Moses Mendelssohn und die goldene Kuppel bis zu diesem leeren Zimmer gegangen. Der umgestürzte Stuhl wird nie wieder aufgestellt. Aber du kannst den nächsten Stolperstein auf deinem Weg lesen, laut, mit Namen. Zur U-Bahn am Rosenthaler Platz sind es nur ein paar Minuten.