Leo-Baeck-Haus: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums
Why is it significant?
Vor dir steht ein stattlicher Bau aus der Kaiserzeit mit hohen Fenstern, fast wie ein Bankhaus. Am Eingang wacht Polizei, an der Fassade liest du den Namen Leo-Baeck-Haus. Heute arbeitet hier der Zentralrat der Juden in Deutschland... gebaut wurde das Haus aber für etwas ganz anderes: zum Denken.
Key Facts
| Place | Leo-Baeck-Haus: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums |
|---|---|
| Address | Tucholskystraße 9, 10117 Berlin, Germany |
| Geo Coordinates | 52.52400, 13.39210 |
| Part of Walk | Scheunenviertel und jüdisches Berlin: Von der Grenadierstraße zur goldenen Kuppel |
| Generated | Generated |
Vor dir steht ein stattlicher Bau aus der Kaiserzeit mit hohen Fenstern, fast wie ein Bankhaus. Am Eingang wacht Polizei, an der Fassade liest du den Namen Leo-Baeck-Haus. Heute arbeitet hier der Zentralrat der Juden in Deutschland... gebaut wurde das Haus aber für etwas ganz anderes: zum Denken.
1907 zog hier die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein, gegründet schon 1872, und damals lautete die Adresse noch Artilleriestraße. Sie bildete liberale Rabbiner aus, aber auch Historiker, Philologen und Philosophen, und sie stand Frauen und Nichtjuden offen. Man studierte das Judentum hier nicht nur als Glauben, sondern als Wissenschaft, mit Quellenkritik und Fußnoten. Für strenge Orthodoxe war das eine Provokation, für viele junge Leute eine Befreiung.
Eine dieser Studentinnen war Regina Jonas. Sie schrieb hier eine Abschlussarbeit über die Frage, ob eine Frau das Rabbineramt bekleiden darf, und ihre Antwort lautete: ja. 1935 wurde sie ordiniert, als erste Rabbinerin der Welt. Hier lehrte auch Leo Baeck, der große liberale Rabbiner, und hier studierte der junge Abraham Joshua Heschel, der dreißig Jahre später in Amerika an der Seite von Martin Luther King marschierte.
1942 schlossen die Nationalsozialisten die Hochschule. Regina Jonas wurde nach Theresienstadt deportiert, wo sie weiter predigte und Menschen beistand, und 1944 in Auschwitz ermordet. Leo Baeck, der als Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden jede Möglichkeit zur Flucht ausgeschlagen hatte, um bei seiner Gemeinde zu bleiben, überlebte Theresienstadt und starb 1956 in London. Seit 1999, nach dem Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin, sitzt der Zentralrat in diesem Haus, das nun seinen Namen trägt.
Weiter oben in derselben Straße betet heute wieder eine kleine orthodoxe Gemeinde in einer alten Synagoge im Hinterhof. Die liberale Hochschule und die strenge Orthodoxie, einst erbitterte Rivalen, sind heute Nachbarn. Geh jetzt die Tucholskystraße hinauf bis zur Oranienburger Straße und dann nach rechts. Nach wenigen Schritten siehst du sie über den Dächern leuchten: die goldene Kuppel.