Haus Schwarzenberg und die Blindenwerkstatt Otto Weidt
Why is it significant?
Tritt durch die Toreinfahrt der Rosenthaler Straße 39 und schau dich um: Putz, den seit Jahrzehnten niemand erneuert hat, Graffiti bis unters Dach, Paste-ups, rostige Metallfiguren. Plakate, Sticker und Bilder kleben übereinander wie Jahresringe.
Key Facts
| Place | Haus Schwarzenberg und die Blindenwerkstatt Otto Weidt |
|---|---|
| Address | Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin, Germany |
| Geo Coordinates | 52.52440, 13.40210 |
| Part of Walk | Scheunenviertel und jüdisches Berlin: Von der Grenadierstraße zur goldenen Kuppel |
| Generated | Generated |
Tritt durch die Toreinfahrt der Rosenthaler Straße 39 und schau dich um: Putz, den seit Jahrzehnten niemand erneuert hat, Graffiti bis unters Dach, Paste-ups, rostige Metallfiguren. Plakate, Sticker und Bilder kleben übereinander wie Jahresringe. Nebenan in den Hackeschen Höfen glänzen die Jugendstilkacheln, hier dagegen sieht Berlin noch aus wie in den Neunzigern.
Dass der Hof so geblieben ist, ist Absicht. Ein Künstlerverein hat das Haus nach der Wende vor der glatten Sanierung bewahrt, mit Ateliers, einem kleinen Kino und einer Bar. Aber geh weiter in den Seitenflügel und steig die Treppe hinauf. Dort liegt ein Ort, der mit Kunst nichts zu tun hat und alles mit Mut: die ehemalige Blindenwerkstatt von Otto Weidt.
Otto Weidt war selbst fast blind. Er stellte Besen und Bürsten her, und während des Krieges beschäftigte er vor allem blinde und gehörlose jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter. Weil er auch an die Wehrmacht lieferte, galt sein Betrieb als kriegswichtig, und Weidt nutzte das mit Chuzpe aus. Er bestach Gestapo-Beamte, besorgte falsche Papiere und holte Beschäftigte sogar aus dem Sammellager zurück, mit der Behauptung, ohne genau diese Leute stehe seine Produktion still.
Im hintersten Raum steht ein Schrank. Dahinter lag ein fensterloses Zimmer, in dem sich eine jüdische Familie versteckte, die Familie Horn. Sie wurde verraten und deportiert. Weidt schickte Pakete nach Theresienstadt, und er reiste bis nach Auschwitz, um seiner jungen Mitarbeiterin Alice Licht zu helfen... sie überlebte. Auch Inge Deutschkron, die in seinem Büro gearbeitet hatte, überstand den Krieg im Versteck und erzählte später in ihrem Buch Ich trug den gelben Stern davon.
1971 ehrte die Gedenkstätte Yad Vashem Otto Weidt als Gerechten unter den Völkern, da war er längst gestorben. Dass seine Werkstatt heute ein Museum ist, verdanken wir Studierenden, die Ende der Neunziger auf die fast unveränderten Räume stießen. Geh nun zurück auf die Rosenthaler Straße, ein paar Schritte hinauf, und dann in die stille Sophienstraße. Folge ihr, bis zwischen den Häusern ein schlanker Kirchturm auftaucht.