Große Hamburger Straße: Alter Friedhof, Mendelssohn und The Missing House
Why is it significant?
Vor dir steht eine Gruppe ausgemergelter Bronzefiguren, Frauen und Kinder, eng aneinandergedrängt. Dahinter liegt eine Wiese mit hohen Bäumen und kaum einem Grabstein. Was wie ein kleiner Park aussieht, ist der älteste jüdische Friedhof Berlins.
Key Facts
| Place | Große Hamburger Straße: Alter Friedhof, Mendelssohn und The Missing House |
|---|---|
| Address | Große Hamburger Straße 26, 10115 Berlin, Germany |
| Geo Coordinates | 52.52450, 13.39950 |
| Part of Walk | Scheunenviertel und jüdisches Berlin: Von der Grenadierstraße zur goldenen Kuppel |
| Generated | Generated |
Vor dir steht eine Gruppe ausgemergelter Bronzefiguren, Frauen und Kinder, eng aneinandergedrängt. Dahinter liegt eine Wiese mit hohen Bäumen und kaum einem Grabstein. Was wie ein kleiner Park aussieht, ist der älteste jüdische Friedhof Berlins.
Ab 1672 begrub die jüdische Gemeinde hier ihre Toten, über 150 Jahre lang. Der berühmteste ist Moses Mendelssohn, der Philosoph der Aufklärung, Freund Lessings und Vorbild für dessen Nathan den Weisen. Sein Enkel war übrigens der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Legende erzählt, er sei 1743 als Vierzehnjähriger durch das Rosenthaler Tor in die Stadt gekommen, das einzige Tor, das Juden benutzen durften, und der Torschreiber habe notiert: sechs Ochsen, sieben Schweine, ein Jude. Ob die Liste wirklich so lautete, weiß niemand. Dass man sie so erzählt, sagt genug.
1942 machte die Gestapo aus dem jüdischen Altenheim an dieser Stelle ein Sammellager. Von hier aus wurden Zehntausende Berliner Jüdinnen und Juden zu den Bahnhöfen gebracht und in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Den Friedhof ließ die Gestapo 1943 verwüsten, Grabsteine wurden zerschlagen, Gräben ausgehoben. Der Stein für Mendelssohn, den du heute siehst, ist eine Nachbildung. Die Figurengruppe von Will Lammert steht hier seit 1985.
Jetzt dreh dich um, zur anderen Straßenseite. Zwischen zwei Häusern klafft eine Lücke, und an den Brandmauern hängen schlichte Schilder mit Namen, Berufen und Lebensdaten. Der französische Künstler Christian Boltanski hat 1990 die Menschen recherchiert, die in dem Haus wohnten, das hier stand, bis es in den letzten Kriegsmonaten von einer Bombe getroffen wurde. Jüdische und nichtjüdische Nachbarn, jedes Schild ungefähr dort, wo einmal ihre Wohnung war. Das Werk heißt The Missing House, und es zeigt nichts als Abwesenheit.
Direkt neben dem Friedhof lernen übrigens wieder jüdische Kinder, im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn, in einem Schulhaus, in dem schon vor über hundert Jahren jüdische Jungen unterrichtet wurden. Dass davor Polizei steht, gehört leider bis heute dazu. Geh jetzt die Große Hamburger Straße hinunter bis zur Oranienburger Straße und über die Straße hinüber in den Monbijoupark, zum Ufer der Spree.