Almstadtstraße: Das echte Scheunenviertel

Why is it significant?

Stell dich mitten in die schmale Almstadtstraße, zwischen sanierte Altbauten und ein paar Neubauten, nur ein paar Schritte südlich vom Rosa-Luxemburg-Platz mit der Volksbühne. Nichts hier sieht nach großer Geschichte aus... und genau damit fängt unsere Geschichte an.

Key Facts

PlaceAlmstadtstraße: Das echte Scheunenviertel
AddressAlmstadtstraße, 10178 Berlin, Germany
Geo Coordinates52.52620, 13.40980
Part of WalkScheunenviertel und jüdisches Berlin: Von der Grenadierstraße zur goldenen Kuppel
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Stell dich mitten in die schmale Almstadtstraße, zwischen sanierte Altbauten und ein paar Neubauten, nur ein paar Schritte südlich vom Rosa-Luxemburg-Platz mit der Volksbühne. Nichts hier sieht nach großer Geschichte aus... und genau damit fängt unsere Geschichte an.

Der Name Scheunenviertel ist älter als jedes Haus um dich herum. 1672 ließ der Große Kurfürst die Scheunen für Heu und Stroh vor die Stadtmauer verlegen, weil sie in der engen Stadt ständig Feuer fingen. Aus dem Scheunenfeld wurde später ein Armenviertel mit dunklen Hinterhöfen, Pfandleihen und Kneipen, in die sich die Polizei angeblich nur zu zweit traute. Wer heute Scheunenviertel sagt, meint oft die ganze Spandauer Vorstadt bis zur Oranienburger Straße. Streng genommen stehst du aber genau hier, im alten Kern.

Um 1920 hieß diese Straße noch Grenadierstraße, und sie klang anders als heute. Hier lebten Jüdinnen und Juden aus Galizien, Polen und Russland, geflohen vor Pogromen, Armut und Krieg. Hebräische Buchstaben über den Ladentüren, koschere Fleischer, kleine Betstuben in den Hinterhöfen, Händler, die auf Jiddisch feilschten. Joseph Roth hat in den Zwanzigern über diese Gassen geschrieben, voller Zärtlichkeit für die Menschen und voller Wut darüber, wie das bürgerliche Berlin auf sie herabsah... auch das jüdische Bürgertum im Westen der Stadt.

Wie gefährlich dieser Blick werden konnte, zeigte sich am 5. November 1923. Mitten in der Hyperinflation, als ein Brot Milliarden Mark kostete, lief das Gerücht um, die Ostjuden hätten das Geld der Arbeitslosen aufgekauft. Ein Mob zog durch das Viertel, plünderte Geschäfte und verprügelte Menschen auf offener Straße, und die Polizei griff spät ein. Es war ein Pogrom mitten in Berlin, fast zehn Jahre bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Das jüdische Berlin, das du heute entdeckst, war also nie nur die prächtige Synagoge mit der goldenen Kuppel. Es war auch das hier: arm, laut, fromm, lebendig, und von den Nachbarn oft nicht gewollt. Geh jetzt die Almstadtstraße nach Süden hinunter und weiter Richtung Hackescher Markt. Gleich hinter dem S-Bahn-Bogen beginnt die Rosenstraße, wo Frauen 1943 etwas wagten, was in dieser Stadt kaum jemand wagte.

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