Gaudí und der Modernisme in Barcelona: vom Passeig de Gràcia zur Sagrada Família
Drachenrücken, Steinbrüche, Märchenschlösser und eine Kirche, an der seit 1882 gebaut wird: ein Spaziergang durch das Eixample, wo Barcelonas Bürgertum um die schönste Fassade wetteiferte
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1. Plaça de Catalunya: das Scharnier zwischen Altstadt und Eixample
Plaça de Catalunya, 08002 Barcelona, Spain
Stell dich an den Rand dieses riesigen Platzes, zwischen Tauben, Brunnen und Bänken, und schau nach Norden: Dort beginnt unter Platanen eine breite Prachtstraße, der Passeig de Gràcia. Die Plaça de Catalunya ist das Scharnier von Barcelona. Hinter dir die verwinkelte Altstadt mit ihren Gassen, vor dir das schnurgerade Raster der Neustadt, durch das du gleich spazieren wirst.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war hier Niemandsland. Barcelona war in seine Stadtmauern eingeschnürt, und davor durfte aus militärischen Gründen kaum etwas gebaut werden. Drinnen lebten die Menschen so dicht wie in kaum einer anderen Stadt Europas, mit Seuchen, Fabriken und Elend in engen Gassen. 1854 begann man endlich, die verhassten Mauern einzureißen.
Dann kam Ildefons Cerdà, ein Ingenieur mit einer fast utopischen Idee. 1859 legte er seinen Plan vor: ein gleichmäßiges Raster aus quadratischen Häuserblöcken mit abgeschrägten Ecken, damit Licht, Luft und Verkehr überall gleich verteilt sind. Das ist das Eixample, die Erweiterung. Die abgeschnittenen Ecken, auf Katalanisch xamfrans, wirst du an jeder Kreuzung sehen. Sie machen die Kreuzungen zu kleinen Plätzen. Cerdà wollte die Blöcke eigentlich nur an zwei oder drei Seiten bebauen lassen, mit Gärten im Inneren. Die Grundstücksbesitzer sahen das anders, und fast überall wurde dichtgemacht.
Und in diesem neuen Raster wollte das reiche Bürgertum zeigen, was es hatte. Textilfabrikanten, Bankiers, ein Schokoladenhersteller... sie bauten Stadtpaläste und lieferten sich einen Wettbewerb um die spektakulärste Fassade. Das Ergebnis heißt Modernisme, die katalanische Spielart des Jugendstils, aber wilder, farbiger und stolzer, denn es ging auch um eine katalanische Identität.
Übrigens hat auch ein Deutscher in Barcelona Architekturgeschichte geschrieben: Ludwig Mies van der Rohe baute für die Weltausstellung 1929 auf dem Montjuïc den deutschen Pavillon, kühl, flach, aus Glas und Marmor... das genaue Gegenteil von allem, was du heute sehen wirst. Der Platz, auf dem du stehst, bekam für dieselbe Ausstellung seine heutige Gestalt. Geh jetzt ein Stück nach Osten, durch die Carrer de Casp: Dort versteckt sich der bravste Gaudí der Stadt.
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2. Casa Calvet: der bravste Gaudí
Carrer de Casp 48, 08010 Barcelona, Spain
Auf den ersten Blick wirkt dieses Haus fast brav: eine symmetrische Fassade aus hellem Sandstein vom Montjuïc, Balkone mit geschwungenen Eisengittern, oben zwei barock anmutende Giebel. Kein Drache, keine Wellen, keine bunten Scherben. Und doch stehst du vor einem Gaudí. Die Casa Calvet, gebaut von 1898 bis 1900, gilt als sein konventionellstes Werk... und genau das macht sie so spannend.
Bauherren waren die Erben des Textilfabrikanten Pere Màrtir Calvet. Unten lagen die Büros und Lager der Firma, darüber die Wohnung der Familie, ganz oben Mietwohnungen. Gaudí musste sich an Bauvorschriften und an die Nachbarhäuser halten, also tobte er sich in den Details aus. Schau hinauf zu den Giebeln: Dort thronen drei Heiligenbüsten, Petrus Märtyrer, der Namenspatron des verstorbenen Hausherrn, und zwei Heilige namens Genesius, die Schutzpatrone seines Heimatortes Vilassar.
Und dann der Erker über dem Eingang. Zwischen Ranken und Wappen wachsen dort steinerne Pilze, denn in der Familie Calvet gab es, so wird erzählt, einen leidenschaftlichen Pilzkundler. Darüber prangt das Initial C des Hausherrn. Am Eingangstor findest du einen Türklopfer, bei dem ein Kreuz auf eine Wanze niederfährt: Jedes Klopfen erschlägt symbolisch das Böse... oder zumindest das Ungeziefer.
Ausgerechnet dieses zurückhaltende Haus brachte Gaudí die einzige offizielle Auszeichnung zu Lebzeiten ein: 1900 gewann es den ersten Preis des neuen städtischen Wettbewerbs für das schönste Gebäude des Jahres. Für die Casa Batlló, die Casa Milà oder die Sagrada Família bekam er nie einen Preis. Die Stadt prämierte den Gaudí, den sie verstand, und wunderte sich über den Rest.
Gaudí entwarf hier sogar die Möbel für die Büros, Stühle und Bänke aus Eichenholz, deren Formen sich dem Körper anschmiegen, wie modelliert statt gezimmert. Designhistoriker sehen darin frühe Beispiele für ergonomische Möbel, Jahrzehnte bevor es das Wort dafür gab. Geh jetzt zurück Richtung Westen, am besten entlang der Gran Via de les Corts Catalanes, bis zum Passeig de Gràcia. Achte unterwegs auf das Pflaster und auf die Laternen.
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3. Passeig de Gràcia: Falqués-Laternen und Gaudís Meeres-Pflaster
Passeig de Gràcia / Gran Via de les Corts Catalanes, 08007 Barcelona, Spain
Setz dich einen Moment auf eine dieser Bänke: Aus ihrer Mitte wächst eine schmiedeeiserne Laterne, und der Sockel ist mit bunten Keramikscherben überzogen. Unter deinen Füßen liegen sechseckige, grau-grüne Bodenplatten mit Reliefs. Willkommen auf dem Passeig de Gràcia, der vornehmsten Straße Barcelonas.
Die Bank-Laternen entwarf um 1906 Pere Falqués, Architekt der Stadtverwaltung. Er war kein Star wie Gaudí, eher ein Beamter mit Sinn für Schönheit, aber er hat dieser Straße ihre Möbel gegeben. Das Scherbenmosaik, der Trencadís, war damals das Markenzeichen des Modernisme: Man zerschlug Fliesen und setzte die Stücke neu zusammen, sodass sich die Keramik auch um Rundungen legen konnte.
Jetzt schau nach unten. Diese Sechsecke sind die Panots von Gaudí. Er entwarf sie ursprünglich für die Casa Batlló, verlegt wurden sie dann in der Casa Milà, und heute pflastern sie den ganzen Passeig. Die Motive stammen aus dem Meer: ein Seestern, eine Schnecke, eine Alge. Und wenn du drei Platten zusammen ansiehst, fügen sich die Reliefs zu einem größeren Muster. Im Rest der Stadt liegen dagegen meist Panots mit einer vierblättrigen Blume, die so typisch für Barcelona ist, dass man sie als Souvenir kaufen kann.
Vor gut hundertsechzig Jahren war hier noch ein staubiger Landweg, der Camí de Jesús, der vor den Stadtmauern zum Dorf Gràcia führte, zwischen Feldern, Gärten und Ausflugslokalen. Erst mit dem Eixample wurde daraus ein Boulevard, und Gràcia selbst wurde 1897 eingemeindet. Wer es sich leisten konnte, zog von der engen Altstadt hierher, und die Fassaden wurden zum Schaufenster des Reichtums.
Kleiner Tipp für den Rest des Weges: Schau nicht nur auf die Häuser, sondern auch auf Gitter, Türklopfer und Bodenplatten. Im Modernisme war nichts zu klein, um schön zu sein. Geh jetzt den Passeig hinauf bis zum Block zwischen der Carrer del Consell de Cent und der Carrer d'Aragó: Dort stehen drei Häuser, die sich seit über hundert Jahren streiten.
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4. Illa de la Discòrdia und Casa Batlló: der Drache auf dem Dach
Passeig de Gràcia 43, 08007 Barcelona, Spain
Jetzt steh vor dem wohl verrücktesten Haus der Straße: Die Fassade schimmert wie Wasser voller Glasscherben, die Balkone sehen aus wie Masken, die Säulen unten wie Knochen, und oben wölbt sich ein Dach aus schuppigen Ziegeln wie der Rücken eines Drachen. Das ist die Casa Batlló, umgebaut von Antoni Gaudí zwischen 1904 und 1906.
Schau nach links, und du verstehst den Spitznamen dieses Abschnitts. Daneben steht die Casa Amatller mit ihrem treppenförmigen Giebel, gebaut von Josep Puig i Cadafalch für einen Schokoladenfabrikanten, und an der Ecke die Casa Lleó Morera von Lluís Domènech i Montaner. Drei Stars, drei Häuser, ein Block. Die Leute nannten ihn Illa de la Discòrdia: Illa heißt Insel und Häuserblock, und auf Spanisch ist eine manzana zugleich Block und Apfel. Der Zankapfel aus der griechischen Sage lässt grüßen.
Eigentlich sollte das alte Haus hier abgerissen werden. Der Textilunternehmer Josep Batlló gab Gaudí freie Hand, und der überzeugte ihn, es nicht abzureißen, sondern neu zu erfinden: neue Fassade, neues Dachgeschoss, ein Lichthof mit blauen Kacheln, oben dunkel, unten hell, damit das Licht in allen Stockwerken gleich wirkt. Kaum ein rechter Winkel bleibt übrig. Selbst die Türgriffe sind so geformt, dass sie in die Hand passen.
Viele lesen die Fassade als Legende von Sant Jordi, dem Schutzpatron Kataloniens. Das Dach ist der Drache, das Türmchen mit dem Kreuz ist die Lanze, die ihn durchbohrt, die Balkone sind die Schädel seiner Opfer. Gaudí selbst hat das nie so erklärt... aber die Geschichte ist zu schön, um sie nicht zu erzählen. Darum heißt das Haus im Volksmund auch Casa dels Ossos, das Haus der Knochen.
Und wer hat den Streit gewonnen? Die Barcelonesen diskutieren bis heute, und jeder hat seinen Favoriten. Aber schau, wie sich Gaudís Dach zum Giebel des Nachbarn hinüberneigt, als wolle es ihn ein wenig herausfordern. Geh jetzt den Passeig de Gràcia weiter hinauf, bis zur Ecke mit der Carrer de Provença: Dort schwappt ein Haus wie eine Welle aus Stein um die Ecke.
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5. Casa Milà: der Steinbruch, über den die Stadt lachte
Passeig de Gràcia 92, 08008 Barcelona, Spain
Bleib an der Ecke stehen und lass den Blick über diese Fassade wandern: kein gerader Strich, keine Kante, nur heller Kalkstein, der wogt wie ein Steilhang am Meer, davor Balkongitter aus Eisen, verknäult wie Seetang. Die Casa Milà, entworfen von Gaudí und gebaut von 1906 bis 1912. Die Barcelonesen nannten sie spöttisch La Pedrera, den Steinbruch, und der Spitzname ist geblieben.
Der Spott war nicht freundlich gemeint. Zeitungen druckten Karikaturen, die das Haus mit Höhlen, Hangars für Luftschiffe oder einer zerlaufenen Torte verglichen. Bauherren waren Pere Milà und seine Frau Roser Segimon, eine der reichsten Witwen der Stadt. Ihr Geld stammte aus dem Vermögen ihres ersten Mannes, der in Amerika reich geworden war.
Technisch war das Haus seiner Zeit weit voraus. Die Fassade trägt sich selbst, im Inneren gibt es kaum tragende Wände, sondern Säulen und Stahlträger, sodass man die Wohnungen frei aufteilen konnte. Rampen sollten Kutschen und Autos bis in den Keller bringen, es gilt als eines der ersten Häuser der Stadt mit Tiefgarage. Und oben auf dem Dach stehen Kamine und Lüftungstürme wie eine Garde verhüllter Krieger mit Helmen.
Ganz oben sollte eine große Statue der Muttergottes thronen. Doch im Sommer 1909, in der sogenannten Tragischen Woche, brannten in Barcelona Kirchen und Klöster, und Pere Milà fürchtete, sein Haus könnte zum Ziel werden. Er lehnte die Figur ab. Gaudí, tief religiös, war verärgert, zog sich vom Bau zurück, und am Ende stritten Architekt und Bauherr sogar um das Honorar.
Lange wurde das Haus verkannt. Es gab Mietwohnungen, Büros und Geschäfte, und in den 1950er-Jahren baute man sogar das Dachgeschoss zu kleinen Wohnungen um. Erst 1984 kam die Anerkennung als UNESCO-Welterbe, und heute gehört der Steinbruch zu den meistbesuchten Gebäuden der Stadt. Geh jetzt den Passeig de Gràcia hinauf bis zur Avinguda Diagonal und biege rechts ab: Wenige Schritte weiter wartet ein Palast, der aussieht wie eine geschrumpfte Kathedrale.
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6. Palau del Baró de Quadras: der Palast mit zwei Gesichtern
Avinguda Diagonal 373, 08008 Barcelona, Spain
Schau dir diese schmale Fassade an: Über die ganze Breite spannt sich ein steinerner Erker, überzogen mit Fabelwesen, Blattwerk, Wappen und Ritterfiguren, als hätte man eine gotische Kathedrale geschrumpft und an eine Großstadtstraße gestellt. Das ist der Palau del Baró de Quadras, umgebaut zwischen 1904 und 1906 von Josep Puig i Cadafalch.
Puig i Cadafalch war der Architekt der Casa Amatller, die du gerade neben der Casa Batlló gesehen hast, und er war mehr als nur Baumeister. Er war Kunsthistoriker, Archäologe und Politiker. Von 1917 bis 1923 stand er an der Spitze der Mancomunitat de Catalunya, einer gemeinsamen Verwaltung der vier katalanischen Provinzen, die Schulen, Bibliotheken, Straßen und Telefonleitungen baute. Ein Architekt, der tagsüber Paläste entwarf und abends Politik machte: Im Barcelona jener Jahre war das kein Widerspruch, denn Bauen war auch ein Bekenntnis.
Für ihn war die Gotik das goldene Zeitalter Kataloniens, als Barcelona das Mittelmeer beherrschte. Deshalb lässt er hier mittelalterliche Formen wieder aufleben, aber mit dem Witz und der Detailfreude des Modernisme. Nimm dir Zeit für die Figuren: Jede scheint eine eigene Geschichte zu erzählen, und kaum ein Besucher, der vorbeihastet, bemerkt sie.
Jetzt das Überraschende. Wenn du um den Block herum auf die Rückseite in der Carrer del Rosselló gehst, erkennst du das Haus kaum wieder: Dort zeigt es ein bürgerliches, fast verspieltes Gesicht mit Erkern und Kacheln. Vorne der Palast für den Baron, hinten ein Gesicht, das zu einem gewöhnlichen bürgerlichen Wohnhaus passen würde. Ein Gebäude, zwei Rollen, je nachdem, wer hinschaut.
Der Bauherr, Manuel Quadras, war ein Adeliger und Unternehmer, und der Palast blieb nicht lange in der Familie. Im 20. Jahrhundert diente er verschiedenen Institutionen, lange auch als Museum, und heute nutzen ihn kulturelle Einrichtungen. Folge nun der Avinguda Diagonal weiter nach Osten: Nach ein paar Minuten tauchen Türme mit spitzen Hauben auf, wie aus einem Märchen.
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7. Casa de les Punxes: das Märchenschloss an der Diagonal
Avinguda Diagonal 420, 08037 Barcelona, Spain
Bleib hier stehen und zähl die Türme: Sechs sind es, rund, aus rotem Backstein, jeder mit einer spitzen Haube, die in den Himmel sticht. Die Barcelonesen nennen das Gebäude Casa de les Punxes, das Haus der Spitzen. Offiziell heißt es Casa Terrades, und es könnte ebenso gut in Mitteleuropa stehen, an einem Flussufer, mit Rittern und Burgfräulein.
Gebaut hat es wieder Josep Puig i Cadafalch, zwischen 1903 und 1905, für drei Schwestern der Familie Terrades. Eigentlich sind es drei Häuser, eines für jede Schwester, aber Puig fasste sie hinter einer gemeinsamen Fassade zu einem einzigen Schloss zusammen. Er liebte die Gotik Nordeuropas, die steilen Giebel, die Backsteinburgen, und hier hat er ihr mitten im Eixample ein Denkmal gesetzt.
Such an der Fassade nach einem Keramikbild mit dem heiligen Georg und dem Drachen. Darunter steht auf Katalanisch eine Bitte an den Schutzpatron, Katalonien die Freiheit zurückzugeben. Zur Bauzeit war das ein deutliches politisches Statement, und der Satz hat über die Jahrzehnte immer wieder für Diskussionen gesorgt. Puig i Cadafalch machte aus seinen Überzeugungen nie ein Geheimnis.
Und dann diese seltsame Form des Grundstücks. Erinnerst du dich an Cerdàs gleichmäßiges Raster? Die Avinguda Diagonal schneidet es schräg, über mehr als zehn Kilometer quer durch die Stadt. Wo sie die quadratischen Blöcke durchtrennt, entstehen unregelmäßige Grundstücke, und genau so eines hat Puig hier bekommen. Statt sich zu ärgern, machte er daraus ein Schloss mit Türmen an den Ecken.
Ein Detail, das kaum jemand bemerkt: Die schmiedeeisernen Gitter und die Steinmetzarbeiten sind voller Pflanzenmotive, die man nur aus der Nähe erkennt. Das Märchen wird umso feiner, je näher man herantritt. Und die drei Schwestern? Jede bekam ihren eigenen Eingang, ihr eigenes Treppenhaus, ihr eigenes Reich hinter derselben Burgmauer. Folge nun der Diagonal weiter Richtung Osten bis zum Passeig de Sant Joan und geh dann ein paar Schritte den Boulevard entlang: Dort wartet ein schneeweißer Palast mit einem Radfahrer.
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8. Casa Macaya: der weiße Palast mit dem Radfahrer
Passeig de Sant Joan 108, 08037 Barcelona, Spain
Vor dir leuchtet eine weiße Fassade, überzogen mit feinen eingeritzten Ornamenten, darüber ein Erker aus Stein und Fenster mit gotischen Spitzbögen. Das ist die Casa Macaya, ein Stadtpalast am Passeig de Sant Joan, gebaut von 1898 bis 1901 für den Unternehmer Romà Macaya, und schon wieder von Josep Puig i Cadafalch. Er war in dieser Gegend wirklich überall. Auf dem Weg hierher bist du am Denkmal für Jacint Verdaguer vorbeigekommen, den Dichter, der im 19. Jahrhundert die katalanische Sprache wieder zur Literatursprache machte. Auch der Modernisme war Teil dieser Wiedergeburt, der Renaixença.
Die Technik der Fassade heißt Sgraffito. Man trägt mehrere Putzschichten auf und kratzt die obere weg, solange sie noch feucht ist, sodass Muster hervortreten. Das war eine alte Handwerkstechnik, die der Modernisme wiederentdeckte, billig, schnell und wunderschön. Du findest sie an vielen Häusern des Eixample, aber selten so strahlend wie hier.
Und jetzt such den Radfahrer. Zwischen den steinernen Kapitellen am Eingang hat der Bildhauer Eusebi Arnau neben Tieren und Figuren einen Mann auf einem Fahrrad gemeißelt. Die Geschichte geht, Arnau habe damit seinen eigenen Arbeitsweg verewigt, denn er fuhr mit dem Rad zur Baustelle, damals noch draußen am Rand der wachsenden Stadt. Ein Selbstporträt mit Augenzwinkern.
Wenn das Tor offen ist, wirf einen Blick in den Innenhof. Eine offene Treppe führt zum ersten Stock hinauf, genau wie in den gotischen Palästen der Altstadt. Puig i Cadafalch hat das mittelalterliche Stadthaus der Kaufleute in die neue Stadt verpflanzt, Hof, Treppe und alles. Heute gehört das Haus der Stiftung der Bank La Caixa und wird für Veranstaltungen genutzt.
Merkst du, wie anders das alles ist als bei Gaudí? Puig liebte die Geschichte und zitierte sie mit Eleganz. Gaudí wollte die Natur selbst nachbauen. Und genau zu dem Werk, in das Gaudí sein ganzes Leben steckte, gehst du jetzt. Folge den Straßen ein paar Blocks nach Nordosten: Du siehst die Türme schon über den Dächern.
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9. Sagrada Família, Passionsfassade: Stein wie Knochen
Plaça de la Sagrada Família, Carrer de Sardenya, 08013 Barcelona, Spain
Stell dich auf den Platz und schau zur Kirche hinüber: Schräge Stützen wie ausgebleichte Knochen tragen ein Vordach, darüber kantige, fast kubistische Figuren, und ganz oben ragen Türme wie Bienenwaben in den Himmel. Das ist die Passionsfassade der Sagrada Família, die Seite, die vom Leiden und Tod Christi erzählt.
Gaudí hat sie nie gebaut, aber er hat sie gedacht. 1911, als er schwer krank in den Pyrenäen lag, zeichnete er eine Skizze: Diese Fassade sollte hart sein, kahl, schmerzhaft, wie ein Skelett. Er soll gesagt haben, er sei bereit, Gewölbe zu brechen und Säulen zu kappen, nur um zu zeigen, wie grausam dieses Opfer war. Und sie blickt nach Westen, zur untergehenden Sonne, während die Geburtsfassade auf der anderen Seite die Morgensonne empfängt. Geburt im Osten, Tod im Westen.
Die Figuren schuf ab 1987 der Bildhauer Josep Maria Subirachs, und sie waren heftig umstritten. Viele fanden, seine kantigen Gestalten hätten mit Gaudí nichts zu tun. Subirachs blieb trotzdem fast zwei Jahrzehnte. Seine Szenen ordnete er in einem großen S an, das man von unten links nach oben rechts liest, vom Abendmahl bis zur Grablegung. Und, so heißt es, er erlaubte sich einen Gruß an den Meister: Eine der Figuren soll Gaudís Züge tragen.
Such neben dem Eingang ein Zahlenquadrat. Sechzehn Felder, und jede Zeile, jede Spalte, jede Diagonale ergibt die Summe 33, das Alter, in dem Christus starb. Ganz in der Nähe hat Subirachs den Judaskuss gemeißelt, mit einer Schlange hinter dem Verräter... Das Rätsel und der Verrat stehen hier Seite an Seite.
Und noch ein deutscher Moment: Am 7. November 2010 weihte Papst Benedikt XVI. die Kirche und erhob sie zur Basilika. Die Weihe fand im gerade überdachten Hauptschiff statt, fast 130 Jahre nach der Grundsteinlegung. Geh jetzt an der Kirche entlang nach rechts, bis zur Carrer de Mallorca: Dort entsteht gerade die größte und letzte Fassade.
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10. Sagrada Família, Glorienfassade: die Baustelle der Jahrhunderte
Carrer de Mallorca 401, 08013 Barcelona, Spain
Hier an der Carrer de Mallorca siehst du Kräne, Gerüste und Beton: Das ist die Glorienfassade, die künftige Hauptfassade der Sagrada Família, und die Baustelle ist noch in vollem Gang. Leg den Kopf in den Nacken und zähl die Türme, die über dir aufragen.
Achtzehn Türme sind geplant: zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, einer für Maria und in der Mitte, der höchste von allen, einer für Jesus Christus. 2021 wurde der Marienturm mit einem leuchtenden Stern gekrönt, und auch die Türme der vier Evangelisten wurden in den letzten Jahren vollendet. Wenn die Stadt bei Nacht leuchtet, kannst du den Stern von vielen Stellen aus sehen.
Der mittlere Turm nähert sich seiner Vollendung. Mit geplanten 172,5 Metern soll er der höchste Kirchturm der Welt werden, höher als das Ulmer Münster, das mit gut 161 Metern lange den Rekord hielt. Die Legende sagt, Gaudí habe seine Kirche bewusst niedriger halten wollen als den Hausberg Montjuïc, denn ein Menschenwerk dürfe das Werk Gottes nicht übertreffen.
Diese Fassade ist auch ein Streitpunkt. Nach den Plänen soll eine große Freitreppe über die Carrer de Mallorca hinweg zum Eingang führen, und dafür müssten Wohnhäuser auf der anderen Straßenseite weichen. Die Bewohner dort wehren sich seit Jahren, und Stadt und Bauträger verhandeln. Eine Kirche, die seit 1882 wächst, stößt eben irgendwann an eine Stadt, die nicht stillsteht. Gaudí selbst hinterließ für diese Fassade nur Skizzen und Ideen, und so wird hier am meisten interpretiert.
Finanziert wird der Bau übrigens bis heute vor allem durch Spenden und die Eintrittsgelder der Besucher, so wie Gaudí es wollte: eine Sühnekirche, getragen von den Gläubigen und nicht vom Staat. Er soll auf die Frage, wann alles fertig sei, geantwortet haben: Mein Auftraggeber hat es nicht eilig. Geh jetzt um die Ecke zur Carrer de la Marina und auf den Platz mit dem Teich: Dort steht die Fassade, die Gaudí selbst noch gebaut hat.
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11. Sagrada Família, Geburtsfassade: Gaudís Vermächtnis
Plaça de Gaudí, Carrer de la Marina, 08013 Barcelona, Spain
Geh zum Rand des Teiches auf der Plaça de Gaudí und schau zurück: Im Wasser spiegelt sich eine Fassade, die aussieht, als sei Stein geschmolzen und wieder erstarrt. Grotten, Eiszapfen, Palmen, Schildkröten, Engel mit Posaunen und mittendrin die Geburt Christi. Das ist die Geburtsfassade, die einzige, die Gaudí selbst noch wachsen sah. Er begann mit ihr und nicht mit der Hauptfassade, damit die Menschen sahen, was hier entstehen sollte, und Spenden flossen.
Die Kirche begann gar nicht mit ihm. Der Grundstein wurde 1882 nach Plänen eines anderen Architekten gelegt, doch schon 1883 übernahm der 31-jährige Gaudí und warf fast alles um. Er widmete dem Bau den Rest seines Lebens, in den letzten Jahren ausschließlich, und schlief schließlich sogar in seiner Werkstatt auf der Baustelle.
Schau dir die Details an: Zwei Säulen der Fassade stehen auf Schildkröten, einer Land- und einer Meeresschildkröte, als Zeichen für das Beständige. Gaudí ließ Tiere, Pflanzen und sogar Menschen aus der Nachbarschaft abformen, um die Figuren so lebensnah wie möglich zu machen. Von den Türmen dieser Fassade erlebte er nur einen vollendet, den des heiligen Barnabas, 1925.
Am 7. Juni 1926 wurde Gaudí auf dem Weg zur Kirche von einer Straßenbahn erfasst. Ungepflegt und ärmlich gekleidet, wie er war, erkannte ihn zunächst niemand, und man brachte ihn in ein Armenkrankenhaus. Drei Tage später, am 10. Juni, starb er im Alter von 73 Jahren. Tausende Menschen folgten seinem Sarg, und er wurde in der Krypta dieser Kirche beigesetzt, unter dem Werk, das er nie vollenden konnte.
1936, zu Beginn des Bürgerkriegs, brannte seine Werkstatt, und viele Pläne und Gipsmodelle gingen verloren. Aus den Scherben haben Generationen von Architekten sein Werk weitergedacht. 2005 wurden diese Fassade und die Krypta UNESCO-Welterbe. Hier endet dein Spaziergang, vom Raster Cerdàs bis zu Gaudís Wald aus Stein. Bleib noch einen Moment am Wasser... die Kirche ist nicht fertig, aber in diesem Spiegelbild ist sie es schon.