Amsterdam jenseits der Grachten: Westerpark, Het Schip und die Amsterdamer Schule
Vom klassizistischen Zolltor über eine Gasfabrik, die zum Park wurde, zu Michel de Klerks Arbeiterpalästen aus Backstein – und weiter zum alten Holzhafen und auf die stillen Westlichen Inseln von Amsterdam
Amsterdam · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Haarlemmerpoort: Das Zolltor, das einem König gehört
Haarlemmerplein 50, 1013 Amsterdam, Netherlands
Vor dir, mitten im Trubel des Haarlemmerplein, steht ein Stadttor, das aussieht, als hätte es sich aus Paris hierher verlaufen: mächtige Säulen, ein dreieckiger Giebel, heller Stein über einem Meer aus Fahrrädern. Das ist die Haarlemmerpoort... und schon ihr Name ist ein kleines Rätsel.
Gebaut wurde sie zwischen 1838 und 1840, und zwar nicht, um Feinde abzuwehren. Kanonen hatten Amsterdams Mauern damals längst nicht mehr zu fürchten. Gefürchtet wurden ganz andere Leute: die Steuereinnehmer. An Toren wie diesem kassierte die Stadt Abgaben auf vieles, was hereinkam, auf Getreide, Torf, Fleisch und Bier. Das Tor war also weniger Festung als ein Zollhäuschen im Sonntagsanzug, entworfen im strengen Klassizismus, der damals in halb Europa Mode war.
Und dann kam der König. 1840 zog Wilhelm der Zweite durch diesen Bogen in die Stadt, um in Amsterdam als neuer König der Niederlande eingesetzt zu werden... und das Tor bekam ihm zu Ehren den Namen Willemspoort. Offiziell heißt es bis heute so. Nur sagt das kaum jemand. Für die Amsterdamer ist und bleibt es die Haarlemmerpoort, weil hier seit Jahrhunderten der Weg nach Haarlem beginnt.
Dieser Weg war schon früh erstaunlich modern. Ab 1631 verband ein schnurgerader Kanal, die Haarlemmertrekvaart, die beiden Städte. Pferde zogen am Ufer die Treckschuten, Passagierboote, die nach festem Fahrplan verkehrten... eine Art Intercity des Goldenen Zeitalters. Und kurz vor diesem Tor endete 1839 die allererste Eisenbahnlinie der Niederlande, von Haarlem kommend. Die Bahn hat den Westen Amsterdams danach so gründlich umgekrempelt wie kaum etwas sonst.
Genau darum geht es auf diesem Spaziergang. Hinter dir liegt die Stadt der Kaufleute mit ihren Grachten. Vor dir wuchs um 1900 ein ganz anderes Amsterdam: Gaswerk, Bahndämme, Häfen und Arbeiterviertel, schnell und oft schlecht gebaut... bis eine Handvoll Architekten beschloss, dass auch Arbeiter in Palästen wohnen sollten. Im alten Tor selbst wohnen heute übrigens Menschen. Geh nun nach Westen, den Haarlemmerweg entlang, bis rechts die Backsteinhallen am Rand des Westerparks auftauchen.
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2. Westerpark & Westergasfabriek: Paläste für das Gas
Pazzanistraat 37, 1014 DB Amsterdam, Netherlands
Du stehst am Rand eines Parks, aber schau dir die Gebäude zwischen den Bäumen genauer an: lange Hallen aus rotem Backstein, verzierte Giebel, hohe Rundbogenfenster, fast wie Rathäuser oder kleine Schlösser. Gebaut wurden sie für etwas viel Prosaischeres... für Gas.
In den 1880er Jahren errichtete hier eine englische Firma, die Imperial Continental Gas Association, eine Fabrik, die aus Steinkohle Leuchtgas machte. Der Architekt Isaac Gosschalk kleidete die Anlage in den Stil der niederländischen Neorenaissance, mit Giebeln, Zierbändern und Ornamenten, als ginge es um ein Rathaus. Das war Absicht. Industrie galt als Fortschritt, und Fortschritt sollte gut aussehen. Mit dem Gas von hier brannten bald Laternen in Straßen und Häusern der wachsenden Stadt.
Gut gerochen hat das allerdings nicht. Kohlenstaub, Teer und Schwefel hingen über dem Viertel, und die Arbeiterfamilien in den neuen Straßen ringsum lebten mitten in diesen Schwaden. Der Westerpark, Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Grünfläche für die Bewohner angelegt, war ihr Luftloch: ein Stück Rasen zwischen Bahndamm, Kanal und Fabrikschornstein, wo Kinder spielten und Väter am Sonntag ihre Zeitung lasen. Wer es sich leisten konnte, zog weg. Wer bleiben musste, gewöhnte sich an den Geruch und nannte ihn irgendwann einfach Heimat.
Das Ende der Gasfabrik kam mit einer Entdeckung im Norden des Landes. 1959 stieß man bei Groningen auf eines der größten Erdgasfelder Europas, und Kohlegas war plötzlich überflüssig. 1967 stellte die Westergasfabriek die Produktion ein. Zurück blieben leere Hallen und ein Boden, der so stark mit Rückständen der Kohlevergasung belastet war, dass lange niemand wusste, was man damit anfangen sollte.
Die Antwort war mutig: Man riss die Gebäude nicht ab, sondern machte aus dem Gelände zusammen mit dem alten Westerpark einen großen Kulturpark. Heute stecken in den Hallen Kino, Restaurants, Ateliers und Veranstaltungsräume, und auf den Wiesen picknicken an Sommerabenden Tausende. Spaziere jetzt durch den Park nach Westen, an den Backsteinhallen vorbei, bis zu dem riesigen runden Bau am anderen Ende.
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3. Der Gashouder: Ein Gasspeicher wird zur Bühne
Klönneplein 1, 1014 DD Amsterdam, Netherlands
Vor dir ragt ein gewaltiger Ring aus Backstein auf, rund wie ein Zirkus, gekrönt von einem Dach aus filigranen Stahlträgern. Das ist der Gashouder, der Gasbehälter der alten Fabrik... und in seinem Inneren wurden schon Konzerte, Theaterstücke, Messen und endlose Technonächte gefeiert.
Gebaut wurde er um 1902, nachdem die Stadt das Gaswerk übernommen hatte und mehr Speicherplatz brauchte. Das Prinzip war einfach und genial: In einem riesigen Wasserbecken saß eine Glocke aus Stahl, die mit dem Gas stieg und sank. War viel Gas da, hob sich die Glocke. Abends, wenn überall die Laternen angingen, sank sie langsam ab. Die Backsteinwand, die du siehst, war nur die Hülle für dieses atmende Ungetüm. Solche Gasbehälter standen damals in vielen Städten Europas. Die meisten sind längst verschwunden, dieser hier hat überlebt.
Als die Fabrik schloss, war ihr Gelände eines der am stärksten belasteten Grundstücke Amsterdams. Teer und andere Rückstände steckten tief im Boden. Jahrzehntelang dienten die Hallen als Lager und Werkstätten, und in den 1990er Jahren zogen Künstler, Theatergruppen und Partyveranstalter ein, oft provisorisch, oft improvisiert, und gaben dem Ort einen neuen Ruf.
Dann gewann die amerikanische Landschaftsarchitektin Kathryn Gustafson einen Wettbewerb für das Gelände, und ihr Entwurf drehte die Logik um. Statt den belasteten Boden komplett abzutragen, wurde er großteils abgedeckt und darüber eine neue Landschaft modelliert, mit Wasserbecken, Wiesen, Wegen und Hügeln. Anfang der 2000er Jahre war der Park fertig. Ein Teil der Geschichte liegt also noch unter deinen Füßen... sicher verpackt.
Für Architekturfreunde ist das hier eine Lektion in Umnutzung, lange bevor das Wort in Mode kam: Nichts Wesentliches wurde abgerissen, alles neu gedacht. Und es ist der passende Auftakt für das, was jetzt kommt. Geh nach Norden, unter dem Bahndamm hindurch, in die Spaarndammerbuurt. Dort warten Häuser, die ihre Bewohner einst Paläste nannten... zuerst ein stiller Hof, der aussieht wie ein Dorf.
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4. Zaanhof: Ein Dorf mitten im Arbeiterviertel
Zaanhof, 1013 Amsterdam, Netherlands
Tritt durch den Durchgang in den Hof, und auf einmal ist die Großstadt verschwunden. Vor dir liegt ein grüner Innenhof, ringsum steile Dächer, Gauben und kleine Fenster, ein Ensemble, das eher an ein Dorf erinnert als an ein Arbeiterviertel. Willkommen im Zaanhof.
Entworfen hat ihn der Architekt Herman Walenkamp, gebaut wurde er um 1919, in den schwierigen Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs, als Baumaterial knapp und die Wohnungsnot riesig war. Walenkamp griff auf ein uraltes Amsterdamer Modell zurück: das Hofje, den stillen Innenhof, um den sich seit dem Mittelalter fromme Stiftungen für alte Frauen gruppierten. Nur dass hier keine Witwen einzogen, sondern Arbeiterfamilien mit Kindern.
Um zu verstehen, wie radikal das war, musst du wissen, wie viele dieser Familien vorher lebten. In der Altstadt und im Jordaan hausten sie oft in feuchten Kellerwohnungen und Hinterhäusern, zu sechst oder zu acht in einem Raum, mit einer Pumpe auf dem Hof und einem Abort für viele Parteien. Cholera und Tuberkulose waren Alltag. 1901 verabschiedete das Parlament deshalb das Wohnungsgesetz, die Woningwet. Es erlaubte Gemeinden, Elendsquartiere für unbewohnbar zu erklären, und gab Wohnungsbaugenossenschaften günstige Kredite vom Staat.
Und die Stadt und die Genossenschaften bauten damit nicht einfach billig, sondern mit Anspruch. Schau dir die Details an: das Spiel der Dächer, die sorgfältig gemauerten Ziegel, die Art, wie der Garten die Wohnungen umarmt. Der Hof sollte Gemeinschaft stiften. Kinder sollten im Grünen spielen, Nachbarn sich begegnen. Wer hier einzog, bekam oft zum ersten Mal im Leben Licht, Luft und einen Blick ins Grüne.
Es gibt hier kein Museum und keinen Kiosk, nur Menschen, die hier ganz normal wohnen. Bleib also leise und genieß die Ruhe, die dieser Hof seit über hundert Jahren bewahrt. Dann geh hinaus und ein paar Schritte nach Südosten, zur Oostzaanstraat. Dort wartet ein Gebäude, das Architekten in aller Welt kennen... und das seine Bewohner nach einem Schiff benannt haben.
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5. Het Schip: Michel de Klerks Arbeiterpalast
Oostzaanstraat 45, 1013 WG Amsterdam, Netherlands
Schau auf den spitzen Turm vor dir, der wie ein Mast aus dem Dach ragt, auf die gewellten Mauern, die Fenster, die sich um Ecken biegen, und auf die Ziegel, die mal waagerecht, mal senkrecht, mal wie Schuppen gelegt sind. Das ist Het Schip, das Schiff... und es ist wohl der berühmteste Sozialwohnungsbau der Welt.
Gebaut wurde es zwischen 1917 und 1920 nach Plänen von Michel de Klerk für die Wohnungsbaugenossenschaft Eigen Haard. Der Block füllt ein ganzes Dreieck zwischen drei Straßen, und weil seine Form an einen Schiffsrumpf erinnert, tauften ihn die Leute im Viertel kurzerhand Het Schip. Darin stecken gut hundert Wohnungen, ein Postamt und, eingebettet in den Block, eine Schule. Ein kleines Dorf in einem einzigen Haus.
De Klerk war damals Anfang dreißig und der Star einer Bewegung, die man bald die Amsterdamer Schule nannte. Seine Überzeugung: Ein Arbeiter soll nicht in einer Kaserne wohnen, sondern in einem Kunstwerk. Also ließ er die Maurer aus gewöhnlichem Backstein Ornamente formen und kümmerte sich um Details bis zu Briefschlitzen, Hausnummern und der Schrift am Postamt. Der Turm hat übrigens keinerlei praktische Funktion. Er ist einfach da, damit das Viertel ein Wahrzeichen hat.
Nicht alle waren begeistert. Kritiker spotteten, De Klerk entwerfe vor allem Fassaden, die Grundrisse dahinter seien ziemlich gewöhnlich, und das Geld wäre in mehr Wohnfläche besser angelegt. Konservativen waren die wilden Formen fast unheimlich. Doch für viele Bewohner, die aus den Elendsquartieren der Altstadt kamen, bedeutete das hier eine eigene Toilette, Wasser aus der Leitung und Sonne in der Wohnung, oft zum ersten Mal im Leben.
De Klerk starb 1923, mit nur neununddreißig Jahren, und mit ihm verlor die Amsterdamer Schule ihren genialsten Kopf. Im ehemaligen Postamt erzählt heute ein Museum von der Bewegung. Und jetzt dreh dich zum kleinen grünen Platz vor dem Turm um, dem Spaarndammerplantsoen. Die Blöcke dort sind De Klerks Anfang... dort hat alles begonnen.
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6. Spaarndammerplantsoen: Wo die Amsterdamer Schule begann
Spaarndammerplantsoen, 1013 Amsterdam, Netherlands
Du stehst an einem kleinen grünen Platz, umrahmt von Backsteinfassaden, die einander gegenüberstehen wie Kulissen auf einer Theaterbühne: Erker, die wie Schwalbennester an der Wand kleben, lange Reihen schmaler Fenster, Dächer, die tief herunterziehen. Hier, am Spaarndammerplantsoen, hat Michel de Klerk seine Handschrift gefunden.
Die ersten Blöcke an diesem Platz entstanden ab 1913, und zwar nicht für eine Genossenschaft, sondern für einen privaten Bauunternehmer namens Klaas Hille. Der wollte Mietshäuser bauen und vermieten, ganz normales Geschäft. Aber er ließ den jungen De Klerk machen, und der verwandelte gewöhnliche Mietblöcke in etwas, das man in Amsterdam noch nie gesehen hatte. Erst danach kam die Genossenschaft Eigen Haard ins Spiel, mit dem Auftrag für das Schiff hinter dir.
Achte auf die Ziegel. Die Amsterdamer Schule behandelte Backstein wie Stoff: Er wird gefaltet, gerafft, in Wellen gelegt. Typisch sind auch die Sprossenfenster mit vielen kleinen Scheiben und die Art, wie ein ganzer Straßenblock zu einer einzigen großen Skulptur verschmilzt, statt aus einzelnen Häusern zu bestehen. Das war neu und provozierend, denn in Amsterdam hatte seit Jahrhunderten jedes Haus seine eigene Fassade und seinen eigenen Giebel. Hier dagegen ist nichts von der Stange, jede Rundung ist Handarbeit eines Maurers.
Die Bewegung hatte mächtige Freunde. Die Stadt richtete einen eigenen Wohnungsdienst ein und ließ Fassaden von einer Schönheitskommission begutachten. Sozialdemokratische Politiker wie der Beigeordnete Floor Wibaut sahen im schönen Arbeiterhaus ein politisches Programm: Wer gut wohnt, so die Idee, wird ein selbstbewusster Bürger. Für Architekten war das ein Traum. In den folgenden Jahren entstanden in ganz Amsterdam Tausende solcher Wohnungen.
Bevor du weitergehst, mach ein kleines Experiment: Zähl, wie viele verschiedene Fensterformen du von hier aus siehst. Du wirst nicht so schnell fertig. Dann verlass den Platz nach Osten, zur Spaarndammerstraat, der Hauptstraße des Viertels. Dort zeigt sich, wie das Leben zwischen all diesen Ziegeln eigentlich aussieht.
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7. Spaarndammerstraat: Das Dorf hinter dem Bahndamm
Spaarndammerstraat, 1013 Amsterdam, Netherlands
Um dich herum summt der Alltag: Fahrräder mit Kindersitzen, kleine Läden, Nachbarn, die sich über die Straße hinweg grüßen. Die Spaarndammerstraat ist keine Sehenswürdigkeit im üblichen Sinn. Sie ist die Hauptstraße eines Viertels, das sich bis heute ein bisschen wie ein Dorf anfühlt.
Dass es so ist, hat mit der Lage zu tun. Die Spaarndammerbuurt entstand um 1900 am damaligen Rand der Stadt, eingeklemmt zwischen dem Bahndamm und den Häfen am IJ. Wer hier wohnte, arbeitete meist gleich nebenan: im Holzhafen, auf den Werften, bei der Eisenbahn, in der Gasfabrik. Man kannte sich, man war unter sich, und das schweißte zusammen. Der Bahndamm war eine Grenze, und hinter ihr wuchs eine eigene kleine Welt.
Viele Häuser im Westen Amsterdams wurden damals schnell und billig hochgezogen, als Spekulationsobjekte, und waren bald in schlechtem Zustand. Die Blöcke der Amsterdamer Schule, die du gerade gesehen hast, waren die Antwort darauf. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber verloren die Häfen an Bedeutung, Arbeit verschwand, Häuser wurden feucht und eng. In den 1960er und 70er Jahren dachten Planer in Amsterdam darüber nach, ganze alte Arbeiterviertel abzureißen und durch moderne Großsiedlungen zu ersetzen.
Dagegen wehrten sich die Bewohner, und zwar mit Erfolg. Unter dem Motto bouwen voor de buurt, Bauen für das Viertel, setzte Amsterdam in den 1970er und 80er Jahren auf Stadterneuerung statt Kahlschlag: Alte Häuser wurden saniert, neue in die Lücken gesetzt, und die Menschen, die hier lebten, sollten bleiben dürfen. Deshalb ist die Spaarndammerbuurt heute keine Retortensiedlung, sondern ein gewachsenes Viertel, in dem Generationen nebeneinander wohnen.
Schau auch hier ab und zu nach oben: An Ecken und Erkern findest du immer wieder eine geschwungene Linie, eine Ziegelrosette, ein verspieltes Detail, das die Amsterdamer Schule im ganzen Viertel hinterlassen hat. Folge der Straße nun nach Norden bis zur Tasmanstraat und dann weiter Richtung Wasser. Dort, wo früher Baumstämme im Hafenbecken schwammen, wachsen heute Wohntürme.
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8. Houthavens & Pontsteiger: Vom Holzhafen zum Wohnviertel
Pontsteiger, 1013 Amsterdam, Netherlands
Vor dir öffnet sich das Wasser des IJ, breit und grau, mit Fähren und Frachtkähnen, und hinter dir ragt ein markanter Wohnturm am Ende der Landzunge auf. Das ist der Pontsteiger, und er steht dort, wo Amsterdam früher sein Holz lagerte.
Der Houthaven, der Holzhafen, wurde in den 1870er Jahren angelegt, ungefähr zu der Zeit, als der neue Nordseekanal Amsterdam wieder einen direkten Weg zum Meer gab. Die Schiffe kamen aus Skandinavien und dem Baltikum, beladen mit Stämmen und Brettern. Lies die Straßennamen ringsum: Danzigerkade, Revaleiland, Libau-eiland, Haparandadam. Danzig ist das heutige Gdańsk, Reval das heutige Tallinn, Libau das lettische Liepāja, Haparanda eine Stadt in Nordschweden... ein ganzes Handelsnetz rund um die Ostsee, in Straßenschilder gegossen.
Und dieses Holz war für Amsterdam überlebenswichtig. Die ganze Stadt steht auf Pfählen, auf Millionen von Baumstämmen, die in den weichen Boden gerammt wurden. Im Hafen lagen die Stämme oft lange im Wasser, zu großen Flößen zusammengebunden, denn unter Wasser trocknen sie nicht aus und reißen nicht. Hafenarbeiter balancierten darüber, mit langen Haken in der Hand. Ein gefährlicher Job über kaltem Wasser. Schon der Königspalast am Dam ruht auf mehr als dreizehntausend solcher Pfähle, eingerammt im siebzehnten Jahrhundert.
Im zwanzigsten Jahrhundert wanderte der Holzhandel in größere Häfen weiter westlich ab, und das Becken verlor seine Aufgabe. Dann entschied die Stadt, hier zu bauen: Seit den 2010er Jahren entsteht auf alten Kais und neu angelegten Inseln ein ganzes Wohnviertel, mit Brücken, Gärten und Wohnungen direkt am Wasser. Der Pontsteiger ist sein Wahrzeichen, und aus seinen oberen Etagen blickt man über das IJ bis weit nach Amsterdam-Noord.
Von hier bis zu Michel de Klerks Arbeiterpalästen sind es nur ein paar hundert Meter, und doch liegt ein ganzes Jahrhundert Wohnungsbau dazwischen: damals Backstein und Gemeinschaftshof, heute Glas, Panoramafenster und Wasserblick. Geh nun nach Süden, über den Barentszplein und hinüber auf die Westlichen Inseln. Dort, am Zandhoek, beginnt das siebzehnte Jahrhundert.
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9. Zandhoek: Der Sandmarkt auf dem Realeneiland
Zandhoek 14, 1013 KT Amsterdam, Netherlands
Vor dir reiht sich am Wasser eine Zeile alter Häuser mit Treppen- und Halsgiebeln auf, davor ein Kai mit Hausbooten und Booten, hinter dir eine stille Straße mit Kopfsteinpflaster. Das ist der Zandhoek, die Sandecke, eine der schönsten und ruhigsten Ecken Amsterdams.
Der Name verrät, womit hier gehandelt wurde: mit Sand. Schiffe, die ohne volle Ladung auslaufen mussten, brauchten Ballast, sonst lagen sie zu unruhig im Wasser, und den kauften sie genau hier, am Sandmarkt. Die Westlichen Inseln, auf denen du jetzt stehst, wurden Anfang des siebzehnten Jahrhunderts künstlich im IJ angelegt, als Hafen- und Gewerbegebiet direkt vor der Stadt. Diese hier heißt Realeneiland, nach der Kaufmannsfamilie Reael, der sie gehörte.
Das Haus an der Nordecke der Zeile trägt den Namen De Gouden Reael, der goldene Reael. Ein Reaal war eine Münze, und der Hausname spielt mit dem Namen der Insel. Solche Hausnamen und die dazugehörigen Giebelsteine waren die Adressen des siebzehnten Jahrhunderts. Statt einer Hausnummer sagte man: beim goldenen Reael, und jeder Fuhrmann wusste, wohin. Fortlaufende Hausnummern setzten sich in Amsterdam erst um 1800 durch, in der Zeit der Franzosen.
Im zwanzigsten Jahrhundert stand es schlecht um diese Häuser. Die Werften und Teersiedereien waren verschwunden, die Inseln verarmten, vieles verfiel. Erst Restaurierungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts retteten die Zeile, und so blieb hier einer der wenigen Hafenkais Amsterdams, an denen man das Goldene Zeitalter noch fast unverstellt sieht. Viele Häuser am Zandhoek stehen heute unter Denkmalschutz, und die Inseln, auf denen einst die Ärmsten des Hafens wohnten, gehören heute zu den gefragtesten Adressen der Stadt.
Bleib einen Moment an der Kaimauer stehen. Hier hörst du keine Straßenbahn, nur das Klappern von Takelage, Wasser an den Bootswänden und Möwen. Kaum zu glauben, dass das Gedränge der Innenstadt nur zwanzig Gehminuten entfernt ist. Geh nun am Wasser entlang Richtung Südwesten, bis zu einer schmalen Zugbrücke für Fußgänger.
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10. Drieharingenbrug & Prinseneiland: Speicher am Wasser
Drieharingenbrug, Prinseneiland, 1013 Amsterdam, Netherlands
Vor dir spannt sich eine schmale Zugbrücke über das Wasser, gerade breit genug für Fußgänger und Fahrräder, mit Balken, die sich zum Öffnen heben lassen. Das ist die Drieharingenbrug, die Brücke der drei Heringe, und sie führt hinüber auf das Prinseneiland.
Woher der seltsame Name kommt? Der Überlieferung nach stand in der Nähe ein Speicher mit dem Namen De Drie Haringen, die drei Heringe, und die Brücke erbte ihn. Hering war für Holland lange das, was Silber für Spanien war: Weil die Holländer den Fisch schon an Bord ausnahmen, salzten und in Fässer packten, beherrschten sie den Heringsfang in der Nordsee. Die heutige Brücke ist jünger als die Häuser ringsum, aber sie folgt dem alten Vorbild.
Auf dem Prinseneiland stehen noch viele Speicher aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert: hohe, schmale Häuser mit Holzläden statt Fenstern und einem Balken mit Haken ganz oben im Giebel. Über diesen Hissbalken wurden Säcke, Fässer und Ballen direkt von den Schiffen auf die Lagerböden gezogen. Getreide, Salz, Tabak, Teer, alles, was durch den Hafen ging, lagerte hier. Benannt ist die Insel nach den Prinzen von Oranien.
Ein paar Schritte von hier verläuft die Galgenstraat, die Galgenstraße. Von hier aus konnte man früher über das IJ hinweg bis zum Volewijck sehen, dem Richtplatz am Nordufer. Dort stellten die Amsterdamer die Leichen hingerichteter Verbrecher zur Schau, damit jeder Seemann, der in die Stadt kam, gleich wusste, wie streng hier das Recht war. Ein Galgen als Willkommensgruß: So funktionierte Abschreckung im siebzehnten Jahrhundert.
Im späten zwanzigsten Jahrhundert entdeckten Künstler und Handwerker die leeren Speicher. Sie bauten Ateliers und Wohnungen in die alten Lagerböden, und das Prinseneiland wurde zu einer der begehrtesten Adressen der Stadt, ohne seine Ruhe zu verlieren. Geh nun über die Insel nach Osten und über die nächste Brücke hinüber aufs Bickerseiland, die letzte Insel dieses Spaziergangs.
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11. Bickerseiland: Das Maschinenhaus des Goldenen Zeitalters
Bickersgracht, 1013 Amsterdam, Netherlands
Um dich herum mischt sich Altes und Neues: ein paar historische Giebelhäuser, dazwischen Wohnhäuser aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert, Boote, kleine Gärten am Wasser. Das Bickerseiland wirkt heute verschlafen. Vor knapp vierhundert Jahren war es eine der lautesten Ecken Amsterdams.
Die Insel trägt den Namen von Jan Bicker, einem reichen Kaufmann und Schiffbauer, der sie um 1631 kaufte. Die Bickers gehörten zu den mächtigsten Familien der Republik. Sein Bruder Andries war Bürgermeister, und die Familie mischte überall mit, im Ostseehandel, im Schiffbau, in der Politik. Auf ihrer Insel standen Werften, auf denen Schiffe für den Handel in alle Welt entstanden.
Stell dir den Lärm vor: Hämmer, Sägen, das Zischen der Teerkessel, das Ächzen von Holz, das über Rampen ins Wasser gleitet. Auf den Westlichen Inseln wurde alles erledigt, was man in der feinen Stadt hinter den Grachten nicht haben wollte, weil es stank, brannte oder Krach machte: Teer sieden, Fisch salzen, Tauwerk drehen, Schiffsrümpfe abdichten. Die Inseln waren das Maschinenhaus des Goldenen Zeitalters.
Mit dem Niedergang der Werften kam die Armut, und im zwanzigsten Jahrhundert waren viele Häuser hier baufällig. In den 1970er Jahren entstanden auf dem Bickerseiland neue Wohnhäuser, die bewusst den Maßstab der alten Bebauung aufnehmen, mit Giebelformen, die an die Speicher erinnern. Schau dich um und versuch zu raten, was alt ist und was neu. Es ist nicht immer leicht.
Damit schließt sich der Kreis dieses Spaziergangs. Er begann an einem klassizistischen Zolltor, führte durch eine Gasfabrik, die zum Park wurde, zu Arbeiterpalästen aus Backstein und an einen Hafen, in dem heute Wohntürme wachsen, und er endet auf einer Insel, die vom Lärm der Werften zur Stille gefunden hat. Überall stand dieselbe Frage im Raum: Wie wohnen Menschen gut? Amsterdam hat immer wieder neue Antworten gefunden. Zum Haarlemmerplein sind es von hier nur ein paar Minuten zu Fuß... aber vielleicht bleibst du noch ein bisschen am Wasser.