Amsterdam und die VOC: Hafen, Handel und die Schattenseite des Goldenen Zeitalters
Vom Schreierstoren, wo Henry Hudson ablegte, zum Hauptquartier der Ostindien-Kompanie, zum Lagerhaus der Sklavenhändler und hinaus auf die Werftinseln, wo Zar Peter der Große Schiffe baute
Amsterdam · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. Schreierstoren: Wo Henry Hudson ablegte
Prins Hendrikkade 94-95, 1012 AE Amsterdam, Netherlands
Vor dir duckt sich ein runder Backsteinturm ans Wasser, gedrungen, mit kleinen Fenstern und einem spitzen Dach, als hätte er sich gegen den Wind gestemmt. Das ist der Schreierstoren, gebaut um 1480 als Teil der mittelalterlichen Stadtmauer. Hier endete die Stadt, und dahinter begann das offene Wasser, über das die Schiffe hinaus zur Zuiderzee und weiter in die Welt fuhren.
Der Name klingt nach Tränen, und genau so erzählt ihn die Legende: Hier hätten die Frauen der Seeleute gestanden und geweint, wenn die Schiffe ablegten. Ein alter Gedenkstein am Turm zeigt tatsächlich eine trauernde Frau. Sprachforscher sind nüchterner. Das alte Wort schreye bedeutete wohl einfach scharfe Ecke, denn an dieser Stelle machte die Mauer einen spitzen Knick. Ein Eckturm also... aber die Geschichte mit den weinenden Frauen hat sich einfach besser gehalten.
Am 4. April 1609 brach von hier aus ein kleines Schiff namens Halve Maen auf, der Halbmond. Kapitän war der Engländer Henry Hudson, sein Auftraggeber die Vereinigte Ostindische Kompanie, die VOC. Er sollte einen Seeweg nach Asien finden, oben um Russland herum. Das Eis machte ihm einen Strich durch die Rechnung, also drehte er eigenmächtig nach Westen und segelte in Nordamerika einen breiten Fluss hinauf, der heute seinen Namen trägt. Eine Bronzetafel am Turm erinnert daran. Ohne diese Fahrt kein Nieuw Amsterdam... und später kein New York.
Wer eigentlich stand auf den Decks dieser Schiffe? Längst nicht nur Holländer. Fast eine Million Menschen fuhren im Lauf von knapp zweihundert Jahren für die VOC nach Asien, und ein großer Teil der Matrosen und vor allem der Soldaten kam aus deutschen Landen, aus Westfalen, Ostfriesland, dem Rheinland oder Hessen. Viele waren als Hollandgänger gekommen, als Saisonarbeiter für Heu und Torf, und blieben dann am Hafen hängen. Sehr viele von ihnen sahen ihre Heimat nie wieder.
Wenn du die Hand auf die alten Ziegel legst, berührst du so etwas wie die letzte Haltestelle Europas für Zehntausende junger Männer. Vielleicht weint die Legende also doch nicht ganz grundlos. Geh jetzt die Prins Hendrikkade entlang nach Südosten, bis an einer Ecke ein Gebäude auftaucht, das aussieht wie der Bug eines Schiffes aus Backstein.
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2. Scheepvaarthuis: Ein Palast der Reedereien
Prins Hendrikkade 108, 1011 AK Amsterdam, Netherlands
Bleib an der Spitze dieses Hauses stehen, dort, wo es sich wie der Bug eines Ozeandampfers in die Kreuzung schiebt. Jeder Zentimeter der Fassade ist in Bewegung: Backstein, der sich wellt wie Wasser, Gitter aus Schmiedeeisen, Figuren von Seefahrern und Meeresgöttern. Das ist das Scheepvaarthuis, das Schifffahrtshaus, zwischen 1913 und 1916 für sechs große Reedereien gebaut.
Die Architekten Johan van der Mey, Michel de Klerk und Piet Kramer haben hier einen ganz eigenen Stil geboren, die Amsterdamer Schule. Backstein wird bei ihnen zu Knetmasse, Kanten werden zu Wellen, Türen zu kleinen Erzählungen. Innen setzt sich das fort, mit bunten Glasfenstern, Lampen, Geländern und Böden, alles als ein einziges Gesamtkunstwerk gedacht. Selbst Fensterrahmen, Dachrinnen und Türgriffe sind gestaltet, nichts wurde dem Zufall überlassen. Kaum ein Bürogebäude der Welt hat so offen vom Meer geträumt.
Der Ort ist kein Zufall. Hier an der alten Hafenfront sollen 1595 die Schiffe der Ersten Fahrt nach Ostindien losgefahren sein, vier Schiffe unter Cornelis de Houtman. Die Expedition war ein Desaster: Streit an Bord, Skorbut, Gewalt gegen die Menschen auf Java. Von rund zweihundertfünfzig Männern kehrten 1597 nicht einmal neunzig zurück. Und doch brachten sie genug Pfeffer mit, dass sich die Reise rechnete. Amsterdam roch Geld.
Was folgte, war ein Wettrennen. Gleich mehrere kleine Gesellschaften schickten Flotten los und verdarben sich gegenseitig die Preise, bis die Generalstaaten sie 1602 zu einer einzigen Kompanie zusammenzwangen: der VOC. Gut dreihundert Jahre später, als dieses Haus gebaut wurde, liefen von Amsterdam noch immer Linien nach Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Die Figuren an der Fassade feiern diese Verbindung. Was sie verschweigen, erzählt der Rest des Weges.
Heute ist hinter den schweren Türen ein Hotel, doch das Treppenhaus erzählt noch immer vom Meer. Folge jetzt der Geldersekade nach Süden, quer über den Nieuwmarkt mit seinem alten Stadttor, und geh weiter zum Kloveniersburgwal. Dort steht das prächtigste Haus, das sich zwei Waffenhändler je gebaut haben.
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3. Trippenhuis: Kanonen auf dem Dach
Kloveniersburgwal 29, 1011 JV Amsterdam, Netherlands
Stell dich ans Geländer der Gracht und betrachte die breite, dunkle Sandsteinfassade gegenüber, mit hohen Säulen und einem dreieckigen Giebel. Sieht aus wie ein einziger Palast, oder? Es sind zwei Häuser hinter einer Front. Die Brüder Lodewijk und Hendrick Trip ließen sie sich zwischen 1660 und 1662 vom Architekten Justus Vingboons bauen, symmetrisch, damit keiner prächtiger wohnte als der andere.
Und jetzt schau ganz nach oben auf die Schornsteine. Sie haben die Form von Mörsern, kurzen Kanonen, die steil in den Himmel zielen. Das ist Firmenwerbung in Stein. Die Trips handelten mit Eisen, Kupfer, Kanonen und Schießpulver, eng verbunden mit schwedischen Hütten und Gießereien. Wer im siebzehnten Jahrhundert Krieg führte, kam an Amsterdamer Waffenhändlern kaum vorbei, und manchmal belieferten sie beide Seiten.
Krieg war Geschäft, auch für die VOC. Ihre Schiffe waren schwimmende Festungen, ihre Kontore in Asien wurden zu Forts mit Bastionen und Geschützen. Die Kompanie durfte Verträge schließen, Soldaten anwerben und Kriege führen, fast wie ein eigener Staat. Der Handel mit Gewürzen und die Gewalt, ihn zu sichern, gehörten von Anfang an zusammen. Die Mörser auf diesem Dach sind dafür ein erstaunlich ehrliches Symbol.
Jetzt schau direkt neben dich, auf Hausnummer 26. Dort klemmt ein winziges Haus, kaum zweieinhalb Meter breit. Die Legende erzählt, der Kutscher der Trips habe geseufzt, er wäre schon glücklich mit einem Haus so breit wie die Haustür seines Herrn, und Herr Trip habe ihm genau das bauen lassen. Ob es stimmt? Wahrscheinlich nicht. Aber Amsterdam erzählt die Geschichte seit Jahrhunderten mit großem Vergnügen.
Später zog in das Doppelhaus etwas ganz anderes ein. Von 1817 bis 1885 hing hier die Sammlung, aus der das Rijksmuseum wurde, auch Rembrandts Nachtwache. Heute arbeitet darin die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften. Geh nun auf deiner Seite der Gracht ein paar Schritte nach Süden und bieg in die Oude Hoogstraat ein. Durch ein unscheinbares Tor gelangst du in den Hof, in dem einst die mächtigste Firma der Welt regiert wurde.
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4. Oost-Indisch Huis: Das Hauptquartier der VOC
Oude Hoogstraat 24, 1012 CE Amsterdam, Netherlands
Durch das Tor an der Oude Hoogstraat trittst du in einen ruhigen Hof aus rotem Backstein und hellem Sandstein. Studenten schieben ihre Räder vorbei, jemand sitzt mit einem Buch auf der Treppe. Nichts hier wirkt nach Weltgeschichte. Dabei haben diese Fenster, Giebel und Tore schon Kapitäne, Schreiber und Aktionäre kommen und gehen sehen. Und doch ist das Oost-Indisch Huis, gebaut ab 1606, das Hauptquartier der Vereinigten Ostindischen Kompanie gewesen.
Die VOC wurde am 20. März 1602 gegründet, und sie war etwas völlig Neues. Jeder konnte Anteile zeichnen, nicht nur reiche Kaufleute, sondern auch Handwerker und sogar Dienstmägde. Allein in Amsterdam trugen sich über tausend Menschen ein. Die Anteile ließen sich weiterverkaufen, und so entstand an der Amstel eine der ersten Börsen der Welt. Man nennt die VOC deshalb oft die erste Aktiengesellschaft der Geschichte.
Hier tagten die Heeren XVII, die siebzehn Herren, abwechselnd mit Middelburg in Zeeland. Der Staat hatte ihnen ein Monopol auf den Handel östlich des Kaps der Guten Hoffnung gegeben, dazu das Recht, Krieg zu führen und Festungen zu bauen. Das wertvollste Gut war Muskat, und der wuchs damals nur auf den winzigen Banda-Inseln. 1621 eroberte Generalgouverneur Jan Pieterszoon Coen die Inseln. Die Bewohner wurden getötet, versklavt oder vertrieben, von vielen Tausend blieb nur ein Bruchteil. Danach arbeiteten Versklavte auf den Muskatplantagen der Kompanie.
Coen wurde in den Niederlanden lange als Held verehrt. In seiner Geburtsstadt Hoorn steht seit 1893 eine Statue von ihm, und über sie wird heute heftig gestritten. Auch innerhalb Asiens handelte die VOC mit versklavten Menschen. Das Goldene Zeitalter hatte also immer zwei Seiten, und an diesem stillen Hof wurden beide verwaltet.
Auf ihrem Höhepunkt war die VOC das größte Unternehmen der Welt, mit Hunderten Schiffen und Zehntausenden Angestellten. Doch Korruption, Kriege und Schulden höhlten sie aus, und 1799 wurde sie aufgelöst. Geh nun zurück zum Kloveniersburgwal und dann durch die Gassen nach Osten bis an die Oudeschans, wo ein Turm mit schlanker, spitzer Haube aus dem Wasser steigt.
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5. Montelbaanstoren: Abschied der Seeleute
Oudeschans 2, 1011 KX Amsterdam, Netherlands
Vom Ufer der Oudeschans aus siehst du ihn am schönsten: den Montelbaanstoren, unten massiver Backstein, oben ein zierlicher, achteckiger Aufsatz mit Uhr und spitzer Haube. Der untere Teil entstand 1516 als Wehrturm, zusammen mit dieser Gracht, die damals als Verteidigungsgraben ausgehoben wurde. Sie sollte die Werften der Lastage schützen, des Schiffbauviertels vor den Mauern. Damals war hier der Rand der Stadt, dahinter kamen nur Wasser und Wind.
1606 setzte Hendrick de Keyser, der große Baumeister der Stadt, den eleganten Oberbau darauf. Wenige Jahre später begann der Turm sich zu neigen, ein Klassiker auf dem weichen Amsterdamer Boden. Die Lösung klingt wie aus einem Kinderbuch: Man band Seile um den Turm, und mit vereinten Kräften, so wird erzählt, zogen die Leute ihn wieder gerade. Er steht bis heute, und Rembrandt hat ihn gezeichnet.
Hier sammelten sich die Seeleute der VOC, um mit kleineren Booten hinaus zu den großen Ostindienfahrern gebracht zu werden, die oft weit draußen vor Texel lagen. Viele von ihnen waren arme junge Männer vom Land, auch aus Westfalen, Hessen oder Holstein. Wer pleite in Amsterdam ankam, landete oft bei einem Zielverkoper, einem Seelenverkäufer. Der gab ihm Bett und Essen bis zur Abfahrt, ließ sich dafür einen Schuldschein auf den künftigen Lohn unterschreiben und verkaufte diesen Schein mit Abschlag weiter.
Mancher Matrose hatte so seinen halben Lohn verloren, bevor er überhaupt an Bord ging. Und im Deutschen lebt das Wort bis heute weiter: Ein Seelenverkäufer ist ein klappriges, gefährliches Schiff, mit dem man lieber nicht in See sticht. Ein kleines Stück VOC-Geschichte steckt also in unserer eigenen Sprache.
Stell dir die Kaimauer voller Seesäcke vor, Mütter, Bräute, Werber, Schreiber mit Listen, und über allem die Uhr dieses Turms. Hier wurde aus manchem Bauernsohn ein Seemann. Heute ist der Montelbaanstoren ein Bürogebäude der Wasserbetriebe, ganz friedlich. Folge der Oudeschans ein kurzes Stück nach Norden bis zur Prins Hendrikkade. Gleich gegenüber, an einem kleinen Platz am Wasser, steht ein breites, schlichtes Lagerhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert.
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6. West-Indisch Pakhuis: Das Lagerhaus der WIC
's-Gravenhekje 1, 1011 Amsterdam, Netherlands
An dieser Ecke, wo die Prins Hendrikkade ans Wasser stößt, steht ein breites, nüchternes Lagerhaus mit vielen kleinen Fenstern und Ladeluken. Kein Schmuck, keine Meeresgötter, keine Figuren. Es ist das West-Indisch Pakhuis, das Lagerhaus der Westindischen Compagnie, gebaut 1642. Und an dieser Stelle wird unser Spaziergang ernst.
Die Westindische Compagnie, die WIC, wurde 1621 gegründet, als Gegenstück zur VOC für den Atlantik: Westafrika, die Karibik, Nord- und Südamerika. Sie handelte mit Gold, Zucker und Tabak, und sie handelte mit Menschen. 1637 eroberte sie die Festung Elmina an der afrikanischen Goldküste, von der aus versklavte Afrikaner verschifft wurden. Schätzungen zufolge wurden auf niederländischen Schiffen über eine halbe Million Menschen über den Atlantik verschleppt, viele starben schon unterwegs.
Auch Amsterdam selbst war beteiligt, nicht nur seine Kaufleute. Ab 1683 gehörte der Stadt ein Drittel der Kolonie Suriname, gemeinsam mit der WIC und einer Adelsfamilie. Auf den Plantagen dort schufteten Versklavte für Zucker, Kaffee und Kakao, die in Lagerhäusern wie diesem landeten und in Amsterdamer Raffinerien verarbeitet wurden. Und noch eine Verbindung: Auch Nieuw Amsterdam auf Manhattan war eine Kolonie der WIC, ihr letzter Direktor dort hieß Peter Stuyvesant. 1664 musste er die Kolonie kampflos an die Engländer übergeben, und aus Nieuw Amsterdam wurde New York.
Die Niederlande schafften die Sklaverei erst am 1. Juli 1863 ab. In Suriname mussten die Befreiten danach noch zehn Jahre unter staatlicher Aufsicht weiterarbeiten. Entschädigt wurden die Besitzer, nicht die Versklavten. Der 1. Juli wird heute als Keti Koti gefeiert, das heißt zerbrochene Ketten. 2021 entschuldigte sich die Bürgermeisterin von Amsterdam, Ende 2022 der Ministerpräsident, und am 1. Juli 2023 König Willem-Alexander.
Du musst nichts Besonderes tun an diesem Ort. Bleib einfach einen Moment stehen und schau auf die vielen kleinen Fenster. Dann geh weiter nach Osten, am Wasser entlang und über die Brücke, auf das große, helle Gebäude zu, das wie eine Festung im Hafenbecken liegt. Dahinter ragen die Masten eines alten Dreimasters in den Himmel.
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7. Scheepvaartmuseum und der Ostindienfahrer Amsterdam
Kattenburgerplein 1, 1018 KK Amsterdam, Netherlands
Vor dir erhebt sich ein riesiges, quadratisches Gebäude aus hellem Stein, das direkt aus dem Wasser zu wachsen scheint, und dahinter ragen die Masten eines Dreimasters in den Himmel. Das ist 's Lands Zeemagazijn, das Seemagazin der Amsterdamer Admiralität, gebaut 1656 vom Stadtbaumeister Daniël Stalpaert. Heute ist hier das Scheepvaartmuseum, das Nationale Schifffahrtsmuseum. Schon seine Größe zeigt, wie viel Macht die Flotte damals hatte.
Wichtig ist der Unterschied: Die Admiralität war die Kriegsmarine, die VOC eine private Kompanie. In diesem Magazin lagerte die Flotte, was ein Kriegsschiff brauchte, Segel, Tauwerk, Kanonen, Proviant. Es war die Zeit der großen Seekriege gegen England, und von hier aus wurden die Schiffe ausgerüstet, mit denen Admiral Michiel de Ruyter berühmt wurde. Das Gebäude ruht auf Tausenden Holzpfählen im Hafenboden.
Bei der Renovierung bekam der Innenhof ein Dach aus Glas und Stahl, dessen Linien an die Kompasslinien auf alten Seekarten erinnern. Wenn die Sonne scheint, liegt ein Netz aus Schatten auf dem Boden, als stündest du mitten in einer Karte. Und draußen am Steg liegt der Star: die Amsterdam, der Nachbau eines Ostindienfahrers der VOC.
Das Original lief 1748 zu seiner ersten Reise nach Batavia aus, mit Soldaten, Matrosen, Passagieren und Kisten voller Silber für den Handel. Im Ärmelkanal geriet es in Stürme, Krankheit brach an Bord aus, und im Januar 1749 lief das Schiff bei Hastings an der englischen Küste auf Grund. Es versank im Schlick, und dort liegt das Wrack bis heute. Bei extremem Niedrigwasser kann man Teile davon sehen. Der Nachbau entstand in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren hier in Amsterdam, nach alten Plänen und mit alten Techniken.
Wenn du später an Deck gehst, steig hinunter in das enge, dunkle Zwischendeck. Die Decken sind so niedrig, dass selbst kleine Menschen den Kopf einziehen müssen. Dort schliefen Hunderte Menschen monatelang, viele von ihnen Deutsche, auf dem Weg ans andere Ende der Welt. Geh nun über die Kattenburgerstraat auf die Insel Kattenburg. Die Mauern zu deiner Linken verbergen eine Werft, die seit Jahrhunderten der Marine gehört.
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8. Kattenburg und das Marineterrein: Die Werft der Admiralität
Kattenburgerstraat 5, 1018 JA Amsterdam, Netherlands
Hinter der langen Mauer und dem Tor zu deiner Linken liegt ein Gelände, das die meisten Amsterdamer jahrhundertelang nur von außen kannten: das Marineterrein, die alte Werft der Kriegsmarine. Und die Insel unter deinen Füßen, Kattenburg, hat es früher gar nicht gegeben. Sie wurde Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aufgeschüttet, als die boomende Hafenstadt mehr Platz für Schiffbau brauchte. Das geschah im Zuge derselben großen Stadterweiterung, die auch den berühmten Grachtengürtel hervorbrachte.
Eigentlich entstanden damals gleich drei Inseln, und jede hatte ihre eigene Aufgabe. Auf Kattenburg baute die Admiralität ihre Kriegsschiffe, auf Wittenburg lagen private Werften, und auf Oostenburg richtete sich die VOC ein. Drei Inseln, drei Arbeitgeber, und dazwischen ein ganzes Volk aus Zimmerleuten, Seilern, Schmieden und Matrosen. Wer hier wohnte, roch jeden Tag nach Teer, Holz und Brackwasser.
Die Schiffszimmerleute nannte man in Amsterdam die Bijltjes, die kleinen Beile, nach ihrem wichtigsten Werkzeug. Sie waren stolz, rau und gefürchtet, und sie hielten treu zum Haus Oranien. Als die Republik im achtzehnten Jahrhundert zwischen Oranientreuen und Patrioten zerrissen wurde, kam es 1787 auch hier auf Kattenburg zu blutigen Straßenkämpfen. Die Werftarbeiter verteidigten ihre Insel wie eine Festung.
Die Marine blieb über drei Jahrhunderte. Um ihr Gelände herum aber veränderte sich alles. In den Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die alten, engen Gassen von Kattenburg fast vollständig abgerissen und durch moderne Wohnblöcke ersetzt. Ältere Kattenburger erzählen bis heute mit Wehmut von der alten Insel. Viele alte Familien zogen weg, und mit ihnen verschwand ein Stück Hafenkultur, das sich in keinem Museum ausstellen lässt.
Seit einigen Jahren ist ein Teil des Marineterreins für alle geöffnet. Wo früher Wachen standen, arbeiten heute Start-ups, und im Sommer springen Leute ins alte Hafenbecken. Mitten in der Stadt liegt plötzlich ein Stück Hafen, das du betreten darfst. Die Mauer aber steht noch, als würde sie sich an früher erinnern. Geh jetzt die Kattenburgerstraat nach Süden, über die Brücke hinüber nach Wittenburg, bis zu einer Backsteinkirche mit einem kleinen Türmchen auf dem Dach.
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9. Oosterkerk: Die Kirche der Seeleute und Werftarbeiter
Kleine Wittenburgerstraat 3, 1018 LS Amsterdam, Netherlands
Auf einem kleinen Platz steht eine kräftige Backsteinkirche mit hellen Sandsteinkanten, vier gleich langen Armen und einem schlanken Türmchen in der Mitte des Daches. Das ist die Oosterkerk, die Ostkirche, gebaut zwischen 1669 und 1671. Ihr Architekt war Daniël Stalpaert, derselbe Mann, der das Seemagazin der Admiralität entworfen hat, an dem du vorhin vorbeigekommen bist.
Die Kirche wurde für die Menschen der neuen Inseln gebaut, für Zimmerleute, Seiler, Matrosen und ihre Familien. Der Grundriss als griechisches Kreuz war typisch für die protestantischen Kirchen jener Zeit: Die Kanzel rückte in die Mitte, jeder sollte das Wort gut hören. Stalpaert war Stadtbaumeister, und er baute zügig und solide, für eine Gemeinde, die mit den Werften wuchs und wuchs. Prunk brauchte es nicht. Wer hier saß, hatte Teer an den Händen und Schwielen vom Beil.
Und viele Bänke blieben leer, weil die Männer auf See waren, oft jahrelang. Eine Reise nach Batavia und zurück dauerte kaum unter zwei Jahren, und ein großer Teil der Männer, die mit der VOC fuhren, kehrte nie zurück. Skorbut, Fieber, Schiffbruch, Kämpfe. Viele starben schon auf der Hinreise, lange bevor sie Asien überhaupt sahen. Die Frauen auf diesen Inseln führten die Haushalte allein, und viele wurden Witwen, ohne es monatelang zu wissen.
Damit die Familien nicht verhungerten, gab es den Maandbrief, den Monatsbrief. Ein Seemann konnte bei der Anmusterung festlegen, dass seine Frau während seiner Abwesenheit regelmäßig einen Teil seines Lohns abholen durfte. Kam dann die Nachricht von seinem Tod, endeten die Zahlungen. Die Witwen blieben mit Kindern zurück, und die Armenpflege der Kirche war oft das Einzige, was ihnen half.
Heute wird die Oosterkerk nicht mehr als Gemeindekirche genutzt, sondern für Konzerte und Begegnungen. Wenn du still stehst, kannst du dir vorstellen, wie sonntags die Familien der Werftarbeiter über diesen Platz kamen. Die Inseln waren eine Welt für sich, mit eigenen Kneipen, eigenen Festen und einem eigenen Stolz. Geh nun weiter nach Osten, über die Brücke hinüber nach Oostenburg, die Insel, die einmal ganz der VOC gehörte.
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10. Oostenburg: Die Werft der VOC
Oostenburgervoorstraat, 1018 Amsterdam, Netherlands
Um dich herum siehst du heute Wohnblöcke, ein paar alte Industriehallen und viel Wasser. Nichts davon schreit nach Weltgeschichte. Doch du stehst auf Oostenburg, und ab den 1660er-Jahren war diese ganze Insel das Reich der VOC. Hier lagen ihre Hellinge, ihre Lagerhäuser, ihre Schmieden und ihre Seilerbahnen, eine Fabrik für Schiffe, lange bevor es das Wort Fabrik gab.
Ein großer Ostindienfahrer brauchte Hunderte Eichenstämme, Kilometer von Tauwerk, Tonnen von Eisen, Segeltuch, Teer und Kanonen. Das meiste Holz kam übrigens nicht aus Holland, wo kaum Wald stand, sondern über Rhein und Ostsee, auch aus deutschen Wäldern. Ganze Flöße aus Baumstämmen trieben den Rhein hinunter. Auch Hanf für das Tauwerk und Teer kamen aus dem Ostseeraum. Ein Stück Schwarzwald und Westfalen segelte also mit nach Asien.
Das gewaltigste Gebäude der Insel war das Zeemagazijn der VOC, ein riesiges Lagerhaus für alles, was eine Flotte brauchte. Es ist längst verschwunden, aber der Straßenname Zeemagazijnkade hält die Erinnerung wach. Die Seilerbahn war so lang, dass die Seiler beim Drehen der Taue Hunderte Meter rückwärts gingen. Auf der Werft arbeiteten Hunderte Männer im Takt der Glocke, Zimmerleute, Seiler, Schmiede, Kalfaterer, die die Fugen mit Werg und Teer abdichteten.
Als die VOC 1799 aufgelöst wurde, übernahm der Staat ihr Erbe. Im neunzehnten Jahrhundert zog die Industrie ein: Wo einst Holzschiffe entstanden, baute man nun Dampfmaschinen, Lokomotiven und Schiffsmotoren. Die großen Hallen aus der Zeit um 1900, die du hier noch siehst, erinnern an diese zweite Blüte. Heute wohnen und arbeiten auf der Insel wieder Menschen, und kaum einer ahnt, was unter dem Pflaster liegt.
Stell dir vor, wie hier ein frisch gebauter Rumpf ins Wasser glitt, unter dem Jubel der Werftarbeiter. Einer der Männer, die im Jahr 1697 auf dieser Werft mit anpackten, war allerdings kein gewöhnlicher Zimmermann. Er hätte sich die Hände nie schmutzig machen müssen... und wollte es trotzdem. Geh ein kurzes Stück weiter nach Osten, in die Czaar Peterstraat. Ihr Name verrät schon, um wen es geht.
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11. Czaar Peterstraat: Ein Zar als Schiffszimmermann
Czaar Peterstraat, 1018 Amsterdam, Netherlands
Du stehst in einer langen, lebendigen Wohnstraße mit kleinen Läden, Bäumen und Fahrrädern an jedem Geländer. Sie heißt Czaar Peterstraat, Zar-Peter-Straße. Und das ist keine Laune eines Stadtplaners, sondern die Erinnerung an einen der seltsamsten Praktikanten der Geschichte.
Im Sommer 1697 reiste der junge russische Zar Peter mit einer großen Gesandtschaft durch Europa, angeblich inkognito, als einfacher Pjotr Michailow. Er wollte nicht nur Könige treffen, er wollte lernen, wie man Schiffe baut. Auf der Werft der VOC hier auf Oostenburg arbeitete er rund vier Monate lang unter dem Schiffbaumeister Gerrit Claesz Pool und half mit, eine Fregatte vom Kiel bis zum Stapellauf zu bauen. Sie bekam den Namen Peter und Paul.
Das mit dem Inkognito klappte allerdings nur mäßig. Ein Mann von über zwei Metern, der Russisch sprach und mit einem Gefolge reiste, fiel auf. Schaulustige drängten sich an den Toren, und der Zar hasste nichts so sehr wie Gaffer. In Zaandam, wo er zuvor ein paar Tage gewohnt hatte, steht sein kleines Holzhaus bis heute. Abends besuchte er Anatomen, Sammler und Handwerker, ließ sich Mikroskope zeigen und kaufte, was er kriegen konnte.
Was er hier lernte, nahm er mit nach Hause. Er gründete eine russische Flotte und baute Sankt Petersburg, mit Kanälen nach Amsterdamer Vorbild. Bis heute stammen viele russische Seefahrtswörter aus dem Niederländischen, etwa das Wort für Matrose. 1716 kam er übrigens noch einmal nach Amsterdam zurück, diesmal ganz offiziell. Die VOC verkaufte ihm also nicht nur Wissen, sie half, eine neue Seemacht zu schaffen.
Und hier endet dein Weg durch das Amsterdam der VOC. Du hast am Schreierstoren begonnen, wo Seemannsfrauen weinten oder vielleicht auch nicht. Du hast die Mörser auf dem Dach der Waffenhändler gesehen, den Hof der Heeren XVII, das Lagerhaus der Sklavenhändler und die Inseln der Werftarbeiter. Das Goldene Zeitalter war golden für manche, und für viele andere war es das nicht. Beides gehört zu dieser Stadt... und beides darf man erzählen.