Verstecktes Wien: Mariahilfer Stiegen, MuseumsQuartier & Spittelberg

Von Haydns letztem Zuhause über einen Flakturm voller Fische und zwei verwunschene Jugendstil-Stiegen bis in die Biedermeiergassen des Spittelbergs und zu einem armenischen Kloster

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  1. 1. Haydnhaus: Das letzte Zuhause von Joseph Haydn

    Haydngasse 19, 1060 Wien, Austria

    Bleib vor dem niedrigen, hell verputzten Vorstadthaus in der Haydngasse stehen, mit seinem Tor und den kleinen Fenstern. Kein Palais, kein Prunk, eher das Heim eines wohlhabenden Handwerksmeisters. Und doch hat hier einer der berühmtesten Komponisten Europas seine letzten zwölf Jahre verbracht.

    Joseph Haydn kaufte das Haus in den 1790er-Jahren. Damals lag es in der Vorstadt Windmühle, zwischen Gärten und Werkstätten, weit weg vom Trubel der Inneren Stadt. Er ließ ein Stockwerk aufsetzen und zog 1797 ein. Nach Jahrzehnten im Dienst der Fürsten Esterházy und zwei triumphalen Reisen nach London war er ein freier und wohlhabender Mann. Hier entstanden seine beiden großen Oratorien, Die Schöpfung und Die Jahreszeiten. Besucher aus ganz Europa klopften an das Tor, um den berühmten Papa Haydn wenigstens einmal zu sehen, und im Garten soll er gern zwischen seinen Beeten spazieren gegangen sein.

    Im Mai 1809 standen Napoleons Truppen wieder vor Wien, und die Stadt wurde beschossen. Die Überlieferung erzählt, der alte, geschwächte Haydn habe seine verängstigten Hausleute beruhigt: Wo Haydn sei, könne ihnen nichts geschehen. Napoleon soll sogar eine Ehrenwache vor das Haus gestellt haben. Am 31. Mai 1809 starb Haydn hier, in einer besetzten Stadt, und zu den Trauerfeiern sollen auch französische Offiziere gekommen sein.

    Dann beginnt die seltsamste Geschichte. Kurz nach dem Begräbnis öffneten zwei Anhänger der damals modischen Schädellehre heimlich das Grab und stahlen Haydns Kopf, um an ihm das Genie zu vermessen. Der Schädel wanderte über ein Jahrhundert lang von Hand zu Hand und lag zeitweise sogar in einer Vitrine der Gesellschaft der Musikfreunde. Erst 1954 wurde er in Eisenstadt wieder mit dem übrigen Körper vereint.

    Heute gehört das Haus zum Wien Museum, mit einem kleinen Garten und, als Überraschung, einem Gedenkraum für Johannes Brahms, der Haydn zutiefst verehrte. Geh nun die Haydngasse hinauf zur Gumpendorfer Straße und dort stadteinwärts. Nach ein paar hundert Metern ragt links hinter den Dächern ein grauer Betonklotz in den Himmel, als hätte jemand eine Burg in einen Park fallen lassen.

  2. 2. Haus des Meeres: Der Flakturm im Esterházypark

    Fritz-Grünbaum-Platz 1, 1060 Wien, Austria

    Leg den Kopf in den Nacken: Vor dir, am Rand des kleinen Esterházyparks, steht ein fensterloser Turm aus grauem Beton, eckig und wuchtig, und an einer seiner Wände klettern Menschen an bunten Griffen in die Höhe. Ringsum Spielplatz, Bänke und Bäume, ein ganz gewöhnlicher Wiener Beserlpark, und mittendrin dieser Koloss.

    Das ist ein Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg. 1943 und 1944 ließ das NS-Regime in Wien drei Paare solcher Türme errichten, im Augarten, im Arenbergpark und hier, jeweils einen Gefechtsturm für die Geschütze und einen Leitturm für die Feuerleitung. Dieser hier ist ein Leitturm, sein Partner steht ein paar hundert Meter entfernt im Hof der Stiftskaserne. Gebaut wurden die Türme auch von Zwangsarbeitern, und in den Bombennächten drängten sich Tausende Menschen in ihren Schutzräumen.

    Nach dem Krieg wollte man die Türme loswerden, aber das war leichter gesagt als getan. Die Wände sind meterdick, und eine Sprengung mitten in dicht bewohnten Vierteln hätte die Häuser rundherum gleich mit zerstört. Also blieben sie stehen, graue Riesen, über die viele Wiener lange lieber nicht sprachen. Bis jemand eine wunderbar absurde Idee hatte. Einige der Wiener Türme stehen bis heute leer, andere dienen als Lager.

    Seit 1957 wohnen in diesem Turm Fische. Das Haus des Meeres zeigt Haie, Rochen, Schildkröten und tropische Tiere, wo einst Soldaten anfliegende Bomber anpeilten. Außen hat der Alpenverein eine Kletterwand angebracht, und hoch oben läuft in großen Lettern ein Satz des amerikanischen Künstlers Lawrence Weiner aus dem Jahr 1991: Zerschmettert in Stücke, im Frieden der Nacht. Ein Kunstwerk, das den Bau nicht schönredet, sondern ihn zum Sprechen bringt. Und von der Terrasse ganz oben hast du einen der weitesten Blicke über die Dächer der Stadt.

    Auch der Platz vor dem Eingang erinnert: Er trägt den Namen von Fritz Grünbaum, einem Wiener Kabarettisten, der 1941 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Geh jetzt durch den Park hinauf zur Mariahilfer Straße. Dort, wo sich Fußgänger die Straße mit Radfahrern teilen, steht eine Kirche mit einem Komponisten aus Stein davor, und du kennst ihn bereits.

  3. 3. Mariahilfer Kirche, Haydn-Denkmal & die Begegnungszone

    Barnabitengasse 14, 1060 Wien, Austria

    Stell dich vor die Mariahilfer Kirche mit ihren zwei Türmen und schau auf das Denkmal davor: ein älterer Herr aus hellem Stein, mit Perücke und Notenblatt, der gelassen auf das Gewusel der Einkaufsstraße blickt. Es ist Joseph Haydn, dessen Wohnhaus du eben besucht hast.

    Das Denkmal wurde 1887 enthüllt, ein Werk des Tiroler Bildhauers Heinrich Natter. Dass Haydn gerade hier steht, ist kein Zufall, er war ein Mariahilfer, sein Haus liegt nur einen Spaziergang entfernt. Die Kirche hinter ihm gab dem ganzen Bezirk den Namen. Mariahilf, das ist ein Stoßgebet, Maria, hilf, das zum Ortsnamen wurde. In ihr hängt ein Gnadenbild nach dem Vorbild der berühmten Mariahilf-Madonna von Lucas Cranach, und zu diesem Bild pilgerten die Wiener schon im 17. Jahrhundert hinaus vor die Stadt.

    1683 zerstörten die osmanischen Belagerer die erste Kirche, wie fast alles in den Vorstädten vor der Stadtmauer. Die Barnabiten, ein aus Italien stammender Orden, der die Kirche betreute, bauten sie danach prachtvoller wieder auf, und die Wallfahrt blühte erst recht. Innen ist die Kirche bis heute ein barockes Feuerwerk aus Gold, Marmor und Engeln, während draußen die Einkaufstaschen vorbeiziehen. Die Straße davor wurde zur wichtigsten Ausfallstraße im Westen, auf der auch der Hof hinaus nach Schönbrunn rollte.

    Und heute? Schau auf die Straße selbst. Seit 2015 ist dieser Teil der Mariahilfer Straße Fußgänger- und Begegnungszone, ohne Gehsteigkanten, mit Bänken, Trinkbrunnen und Radfahrern im gemächlichen Tempo. Davor wurde jahrelang gestritten, 2014 durften die Bewohner der beiden angrenzenden Bezirke abstimmen, und eine knappe Mehrheit sagte ja. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass sich hier einmal Autos und Busse im Stau aneinanderreihten. Am Wochenende sitzen Familien auf den Bänken, Straßenmusiker spielen, und Kinder laufen dort, wo früher der Bus fuhr.

    Geh jetzt auf der Mariahilfer Straße stadteinwärts, Richtung Museumsquartier. Nach ein paar Minuten siehst du links eine Kirche, die sich fast zwischen die Geschäfte duckt, und dahinter eine Kaserne mit einem grauen Geheimnis im Hof.

  4. 4. Stiftskirche & Stiftskaserne: Ein Mann namens Chaos

    Mariahilfer Straße 24, 1070 Wien, Austria

    Bleib an der Ecke zur Stiftgasse stehen und schau auf die Stiftskirche, eine schmale Barockfassade mitten in der Einkaufsmeile, an der die meisten Leute mit ihren Taschen achtlos vorbeieilen. Gleich dahinter beginnt die lange Mauer der Stiftskaserne.

    Der Name dieses ganzen Viertels, Stiftgasse, Stiftskirche, Stiftskaserne, geht auf eine Stiftung aus dem 17. Jahrhundert zurück. Ein wohlhabender Beamter, Johann Konrad Richthausen von Chaos, vermachte sein Vermögen einer Stiftung für Waisen und Findelkinder. Sie sollte Kindern, die niemand haben wollte, Essen, ein Bett und eine Ausbildung geben, in einer Zeit, in der ein ausgesetztes Kind kaum Chancen hatte. Auf diesem Grund entstand ein Stiftungshaus, und im 18. Jahrhundert kam die Kirche dazu. Ein Mann namens Chaos, der Ordnung in das Leben verlassener Kinder bringen wollte... so etwas kann man nicht erfinden.

    Später übernahm das Militär das Areal, und bis heute sitzt in der Stiftskaserne die Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres. Das Gelände ist bis heute militärisches Areal, der Hof ist für Besucher nicht zugänglich. In ihrem Hof steht der Partner des Turms aus dem Esterházypark: der Gefechtsturm, auf dem im Zweiten Weltkrieg die schweren Flakgeschütze standen. Von der Straße aus siehst du ihn nur, wenn du weißt, wo du hinschauen musst, ein grauer Block, der hinter Dächern und Baumkronen auftaucht.

    Um diesen Turm ranken sich Wiener Gerüchte. Man erzählt sich, das Bundesheer nutze sein Inneres bis heute für technische Anlagen, vielleicht sogar für eine Art Kommandozentrale für den Notfall. Was genau hinter den meterdicken Wänden steckt, erfährt man nicht. Und so bleibt er, was er für die meisten Wiener immer war, ein Ding, an dem man vorbeigeht, ohne es zu sehen. Ein Stück Krieg, versteckt hinter einer Einkaufsstraße, ein paar Meter neben Schaufenstern und Eisgeschäften.

    Überquere jetzt die Mariahilfer Straße und geh auf der anderen Seite durch die Seitengassen bergab, bis zur Theobaldgasse. Nach wenigen Schritten fällt das Gelände plötzlich steil ab, und vor dir öffnet sich eine Treppe, die aussieht, als käme sie aus einem Jugendstil-Märchen.

  5. 5. Fillgraderstiege: Jugendstil zum Hinuntersteigen

    Fillgradergasse, 1060 Wien, Austria

    Stell dich oben an die Brüstung der Fillgraderstiege und schau hinunter. Geschwungene Treppenläufe, die sich teilen und wieder zusammenfinden, Geländer mit eleganten Jugendstil-Linien, Laternen, kleine Podeste, und tief unten die Häuser der Fillgradergasse. Unten tönt vielleicht ein Radio aus einem offenen Fenster, oben rauscht die Einkaufsstraße.

    Warum braucht ein Wiener Bezirk überhaupt solche Treppen? Weil Mariahilf an einem Hang liegt. Oben verläuft die Mariahilfer Straße auf einem Höhenrücken, unten fließt der Wienfluss, und dazwischen fällt das Gelände in Stufen ab. Früher stieg man über steile Pfade hinunter in die alte Vorstadt Gumpendorf. Um 1900 begann die Stadt, solche Wege durch steinerne Stiegen zu ersetzen, und Mariahilf wurde zum Bezirk der Stiegen. Die Leute im Bezirk kennen sie alle beim Namen, wie andere Städte ihre Brücken.

    Die Fillgraderstiege entstand von 1905 bis 1907 nach Plänen des Architekten Max Hegele, der auch die große Kuppelkirche auf dem Wiener Zentralfriedhof entworfen hat. Er machte aus einem schlichten Höhenunterschied ein kleines Bühnenbild. Man spürt den Geist der Wiener Moderne: keine Säulen und keine Heiligen, nur Linie, Rhythmus und solides Material. Die Treppe schwingt sich hinunter wie ein Wasserfall aus Stein, mit Ruhepunkten, auf denen man stehen bleiben und schauen kann. Infrastruktur als Kunstwerk, das ist Wien um 1900 in Reinform.

    Das Schönste an dieser Stiege ist, dass kaum ein Reisender sie kennt. Hier sitzen Jugendliche mit Kaffeebechern auf den Stufen, Nachbarn schleppen ihre Einkäufe hinauf, und Fotografen warten auf das Abendlicht, das schräg über die Geländer fällt. An warmen Abenden wird die Treppe manchmal zum kleinen Amphitheater, mit Gitarren, Gesprächen und Flaschen auf den Stufen. Wer hier hinuntergeht, wechselt fast die Welt: oben die laute Einkaufsstraße, unten die stillen Gassen eines alten Handwerkerviertels, in dem früher Seifensieder, Weber und Gerber arbeiteten.

    Unten angekommen, geh zur Gumpendorfer Straße und folge ihr ein kurzes Stück stadteinwärts. Bei der Rahlgasse wartet die zweite Stiege, ihre strengere Schwester, die dich wieder hinaufführt, fast direkt vor die Tore des Museumsquartiers.

  6. 6. Rahlstiege: Hinauf zum Museumsviertel

    Rahlgasse, 1060 Wien, Austria

    Steig die Rahlstiege langsam hinauf und nimm dir Zeit dabei. Zähl ruhig die Stufen, das haben vor dir schon Generationen von Wiener Kindern getan. Breite Steinstufen, schwere Geländer, Podeste zum Verschnaufen, und oben, zwischen den Häuserfronten, blitzt schon das Treiben der Mariahilfer Straße.

    Die Rahlstiege verbindet die Gumpendorfer Straße unten mit der Mariahilfer Straße oben. Ihren Namen hat sie von der Rahlgasse, und die erinnert an den Maler Carl Rahl. Rahl war im 19. Jahrhundert einer der einflussreichsten Lehrer Wiens, ein Mann mit einer großen Privatschule, und seine Schüler malten später Decken und Wände der prächtigen Ringstraßenbauten aus. Eine Treppe, benannt nach einem Malerlehrer, die direkt zu einem Museumsviertel führt... besser hätte das kein Stadtplaner erfinden können.

    Stiegen wie diese waren ein Versprechen der Gründerzeit. Die Stadt wuchs rasant, aus Vorstädten wurden Bezirke, und wer unten in Gumpendorf in einer Werkstatt arbeitete, sollte bequem hinauf zur großen Straße und weiter in die Innere Stadt kommen. Was einst ein steiler Fußweg war, wurde zu einer Stiege, so solide gebaut, dass sie bis heute Tag für Tag Tausende Schritte aushält. Die Fillgraderstiege tanzt, die Rahlstiege marschiert, und beide erzählen dieselbe Geschichte vom Zusammenwachsen der Stadt.

    Bleib auf halber Höhe kurz stehen und dreh dich um. Von hier blickst du über die Dächer von Gumpendorf, über Kamine, Dachterrassen und Hinterhöfe. Ein Blick, den man in Wien selten bekommt, weil die Stadt so flach wirkt. Und doch steckt in ihr diese stille Geländekante über dem Wiental, die man erst bemerkt, wenn man sie zu Fuß überwinden muss. Wenn die Sonne tief steht, leuchten die Brandmauern rot und golden, und die Stadt wirkt plötzlich wie gemalt, passend zu einem Malerlehrer als Namenspatron.

    Oben angekommen, halte dich rechts und geh um die Ecke zum Museumsplatz. Vor dir liegt eine endlos lange, barocke Fassade mit einem Tor in der Mitte. Geh hindurch... und du stehst in einem Hof, in dem früher kaiserliche Pferde wieherten und heute Menschen auf knallbunten Möbeln in der Sonne liegen.

  7. 7. MuseumsQuartier: Vom Kaiserstall zum Kulturhof

    Museumsplatz 1, 1070 Wien, Austria

    Tritt durch das Haupttor in den großen Hof des MuseumsQuartiers und lass den Blick wandern. Links ein heller Kubus aus Kalkstein, rechts ein dunkler aus Basaltlava, dazwischen die alte Barockarchitektur, und überall liegen Menschen auf großen, kantigen Möbeln in Pastellfarben.

    Dieser Hof war einmal ein Pferdestall, allerdings ein kaiserlicher. Ab 1719 ließ Kaiser Karl VI. hier die Hofstallungen errichten, nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach, vollendet von seinem Sohn Joseph Emanuel. Hunderte Pferde und die Prunkwagen des Hofes waren hier untergebracht, und die Fassade zur Stadt ist mehr als dreihundert Meter lang. Nach dem Ende der Monarchie wurde das Areal zum Messegelände, und 2001 eröffnete hier das MuseumsQuartier. In der ehemaligen Winterreithalle, in der die Pferde bei Schnee und Regen bewegt wurden, finden heute Theater- und Tanzaufführungen statt.

    Der Weg dorthin war wienerisch zäh. Die Architekten hatten ursprünglich einen hohen Leseturm geplant, ein modernes Wahrzeichen, das über die Barockdächer hinausragen sollte. Es folgten Proteste, Zeitungskampagnen und erbitterter Streit über das Stadtbild, und am Ende wurde der Turm gestrichen. Geblieben sind die zwei Kuben, die sich in den Hof ducken, statt in den Himmel zu wachsen.

    Im hellen Kubus, dem Leopold Museum, hängt die größte Egon-Schiele-Sammlung der Welt. Zusammengetragen hat sie der Augenarzt Rudolf Leopold, der Schiele schon sammelte, als ihn kaum jemand ernst nahm, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth. Dazu kommen Klimt, Kokoschka und Möbel der Wiener Werkstätte. Schieles Bilder, zu seinen Lebzeiten oft als anstößig verschrien, gehören heute zu den wertvollsten Werken der österreichischen Kunst. Im dunklen Kubus, dem mumok, wartet die Kunst der Moderne bis zur Gegenwart. Und die bunten Riesenmöbel dazwischen? Die Wiener nennen sie Enzis, und an Sommerabenden liegt hier gefühlt die halbe Stadt.

    Verlass den Hof jetzt auf der Rückseite, durch einen der Durchgänge Richtung Breite Gasse. Plötzlich wird es eng, die Häuser sind niedrig, das Pflaster ist alt. Du bist am Spittelberg, und gleich um die Ecke wartet ein Haus, das junge Wiener einst besetzt haben, um ein ganzes Viertel zu retten.

  8. 8. Amerlinghaus: Das besetzte Haus, das den Spittelberg rettete

    Stiftgasse 8, 1070 Wien, Austria

    Bleib vor dem Haus Stiftgasse 8 stehen, einem freundlichen alten Vorstadthaus mit Torbogen und Innenhof, aus dem oft Stimmen, Musik oder das Klappern von Geschirr dringen. An den Wänden kleben Plakate für Lesungen, Konzerte und Nachbarschaftstreffen. Nichts daran wirkt museal, und genau darum geht es hier.

    Das Amerlinghaus trägt den Namen von Friedrich von Amerling, der hier 1803 zur Welt kam. Er wurde der gefragteste Porträtmaler des Wiener Biedermeier, malte Kaiser Franz I. im Krönungsornat, dazu Adelige, Bankiers und Damen in Samt und Perlen. Ein Bub aus einer Handwerkerfamilie, der es bis an den Hof schaffte, und das aus einem Viertel, das damals keinen besonders guten Ruf hatte.

    Rund hundertfünfzig Jahre später war der Spittelberg heruntergekommen. Viele der alten Häuser hatten kein Bad, oft nicht einmal Wasser in der Wohnung, und in den 1960er- und 1970er-Jahren gab es Pläne, große Teile des Viertels abzureißen und neu zu bebauen. Dagegen regte sich Widerstand, von Studenten, Künstlerinnen, Anrainern und Denkmalschützern, die nicht einsehen wollten, dass ein Stück Alt-Wien einfach verschwinden sollte. Anderswo in Europa waren ganze Altstadtviertel für Wohnblocks und breitere Straßen verschwunden, und genau das sollte hier nicht passieren.

    1975 besetzten junge Leute das leer stehende Amerlinghaus, und diese Besetzung wurde zum Symbol einer ganzen Bewegung. Die Stadt lenkte ein, das Haus wurde zu einem selbstverwalteten Kultur- und Nachbarschaftszentrum, und die Häuser des Spittelbergs wurden nach und nach saniert statt abgerissen. Bis heute treffen sich hier Initiativen, Sprachkurse, Theatergruppen und Nachbarn, die einfach einen Raum brauchen. Dass du gleich durch diese Gassen bummeln kannst, verdankst du also auch ein paar sehr hartnäckigen Menschen mit Transparenten und Thermoskannen.

    Geh jetzt ein paar Schritte weiter zur Spittelberggasse und folge ihr Richtung Burggasse. Achte auf die Hauszeichen, die schweren Holztore und die Pawlatschen in den Höfen, also die offenen Gänge an den Hofseiten, über die man in die einzelnen Wohnungen gelangte, und lass dir Zeit, denn jetzt kommt das Herz des Viertels.

  9. 9. Spittelberg: Biedermeiergassen mit wilder Vergangenheit

    Spittelberggasse, 1070 Wien, Austria

    Geh langsam durch die Spittelberggasse und lass die Fassaden an dir vorbeiziehen. Zweistöckige Häuser in Gelb, Rosa und Ocker, barocke Giebel, Biedermeierfenster, schwere Tore, und auf dem Kopfsteinpflaster die Tische von Beisln und kleinen Läden.

    Der Spittelberg ist tatsächlich ein kleiner Hügel, und sein Name erinnert vermutlich an das Wiener Bürgerspital, dem hier einst Grund gehörte. Nach der Türkenbelagerung von 1683 entstand an diesem Hang eine dichte Siedlung, in der Handwerker, Taglöhner und ausgediente Soldaten lebten. Die Häuser sind klein, weil der Grund knapp war, und manche Gassen so schmal, dass sich die Nachbarn fast über die Straße die Hand reichen könnten. Enge Häuser, viele Wirtshäuser, viel Wein, und bald ein Ruf, der bis in die Hofburg drang.

    Im 18. Jahrhundert war der Spittelberg das berüchtigtste Vergnügungsviertel der Stadt, mit Schenken, Spielern und käuflicher Liebe. Soldaten aus den nahen Kasernen kamen, Studenten, Kutscher, und auch mancher feine Herr mit hochgeschlagenem Kragen. In der Gutenberggasse erzählt eine Tafel, Kaiser Joseph II. sei hier einmal inkognito aus einem Wirtshaus geworfen worden. Belegt ist das nicht, aber das Viertel erzählt diese Geschichte so gern, dass sie längst dazugehört wie das Pflaster.

    Im Biedermeier wurde es ruhiger, viele Häuser bekamen ihre schlichten, eleganten Fassaden, und im 20. Jahrhundert verfiel das Viertel langsam, bis in den 1970er-Jahren die Rettung kam. Heute ist der Spittelberg eine der stimmungsvollsten Ecken Wiens, besonders im Advent. Viele Lokale sitzen in alten Gewölben, verwinkelt und gemütlich, und im Sommer stehen die Tische im Schatten der Hausmauern. Im Advent zieht sich dann ein Weihnachtsmarkt durch die Gassen, mit Kunsthandwerk, Punsch und Lichterketten über den Köpfen, und das alte Rotlichtviertel duftet nach Zimt und Orangen.

    Am Ende der Gasse biegst du links in die Burggasse ein. Wirf unterwegs ruhig einen Blick in die offenen Höfe. Nach ein paar Schritten öffnet sich links ein kleiner, schiefer Platz mit einer Barockkirche in der Mitte, um die sich die Häuser scharen wie Küken um eine Henne.

  10. 10. St. Ulrich: Gluck, Strauss und ein Dorf in der Stadt

    St.-Ulrichs-Platz, 1070 Wien, Austria

    Komm auf den St.-Ulrichs-Platz und dreh dich einmal im Kreis. In der Mitte steht die barocke Kirche, rundherum drängen sich alte Häuser mit schmalen Fassaden, und der Platz ist so unregelmäßig, dass er eher gewachsen als geplant wirkt. Bäume, ein paar Bänke, Tauben, und erstaunlich wenig Lärm, obwohl die Burggasse nur ein paar Schritte entfernt ist.

    Das ist er auch. Hier lag einer der ältesten Orte vor den Mauern Wiens, und schon im Mittelalter stand an dieser Stelle eine Kapelle des heiligen Ulrich. 1683 wurde sie wie die ganze Vorstadt von den Belagerern zerstört, und im 18. Jahrhundert entstand die Kirche, die du heute siehst. Der Platz drumherum ist ein Stück Dorf, das die Großstadt zwar geschluckt, aber nie ganz verdaut hat.

    In dieser Kirche begannen zwei große Musikgeschichten. 1750 heiratete hier der Komponist Christoph Willibald Gluck, der später die Oper reformieren sollte. Und 1825 wurde hier ein Bub getauft, der ganz in der Nähe zur Welt gekommen war: Johann Strauss Sohn, der spätere Walzerkönig. Sein Vater, selbst ein gefeierter Walzerkomponist, wollte für ihn eine sichere bürgerliche Laufbahn, doch der Sohn wurde Musiker, gegen den Willen des Vaters, und überflügelte ihn bald. Der Mann, dessen Musik die ganze Welt mit Wien verbindet, ist also ein Kind dieses kleinen, schiefen Platzes.

    Schau dir die Häuser rund um die Kirche genauer an. Manche tragen noch alte Hauszeichen, und hinter den Toren liegen Höfe mit Pawlatschen, den typischen Wiener Laubengängen, über die man früher in die Wohnungen gelangte. Im 19. Jahrhundert war Neubau ein Viertel der Werkstätten, vor allem der Seidenweber, und das Klappern der Webstühle gehörte hier zum Alltag wie heute das Klirren der Gläser in den Lokalen. Weil die Seide so viel Geld brachte, nannte man eine Gegend im benachbarten Schottenfeld sogar Brillantengrund.

    Für das Finale gehen wir nur ein paar Schritte weiter, um die Ecke in die Mechitaristengasse. Dort wartet hinter einer stillen Fassade ein Stück Armenien mitten in Wien, mit einer Bibliothek, einer Druckerei... und einem Likör.

  11. 11. Mechitaristenkloster: Armenien mitten in Neubau

    Mechitaristengasse 4, 1070 Wien, Austria

    Bleib vor dem großen, ruhigen Gebäude in der Mechitaristengasse stehen. Eine strenge klassizistische Fassade, ein Kirchenportal, kaum Schilder, und eine Stille, die man zwischen den Lokalen und Designläden von Neubau kaum erwarten würde.

    Hier leben die Mechitaristen, armenisch-katholische Mönche. Ihr Orden wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von einem armenischen Geistlichen namens Mechitar gegründet, zuerst in Konstantinopel, dann zog die Gemeinschaft nach Venedig. Ein Zweig kam über Triest nach Wien und ließ sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier bei St. Ulrich nieder. Die Mönche suchten Schutz vor den Wirren der napoleonischen Kriege und fanden ihn unter dem Kaiser in Wien. Das heutige Klostergebäude entstand in den 1830er-Jahren.

    Die Mönche hatten eine Aufgabe, die weit über Gebete hinausging: die armenische Sprache und Kultur zu bewahren, für ein Volk, das über viele Reiche verstreut lebte. Dafür betrieben sie eine bedeutende Druckerei, die Bücher in vielen Sprachen und Schriften setzte, und sie sammelten eine Bibliothek mit kostbaren armenischen Handschriften. Mitten im Wiener Vorstadtgewusel lag hier über Generationen das Gedächtnis eines ganzen Volkes. Wörterbücher, Grammatiken und Ausgaben armenischer Klassiker gingen von hier aus in die Welt.

    Und dann ist da noch der Likör. Seit dem 19. Jahrhundert stellen die Mönche nach einem gehüteten Rezept einen Kräuterlikör her, den Mechitharine, aus einer langen Liste von Kräutern. Manche schwören auf ihn als Verdauungshilfe nach einem schweren Essen, andere nehmen ein Fläschchen einfach als Andenken mit. Ein Kloster, das armenische Handschriften hütet und nebenbei einen Likör herstellt... genau solche Überraschungen versteckt Wien hinter unscheinbaren Fassaden.

    Hier endet unser Spaziergang durch die verborgenen Ecken zwischen Wiental und Burggasse. Vom Sterbehaus Haydns über einen Flakturm voller Fische, zwei verwunschene Stiegen und kaiserliche Pferdeställe bis in die Gassen des Spittelbergs und zu einem armenischen Kloster. Wien zeigt seine besten Seiten selten an der Hauptstraße. Man muss nur eine Stiege hinuntergehen oder um eine Ecke biegen. Und gleich hinter dir, am Spittelberg, wartet ein Beisl auf den letzten Schluck des Tages.