Flaktürme, Mazzesinsel und Riesenrad: Die verborgene Leopoldstadt in Wien
Ein Spaziergang durch Wiens zweiten Bezirk: vom Augarten mit seinem Porzellan und seinen Betonriesen über Karmelitermarkt und Donaukanal bis zum Riesenrad und der langen Kastanienallee des Praters
Vienna · 11 stops · 27 min audio · Generated
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1. Flakturm im Augarten: Der Betonriese im Park
Augarten, 1020 Wien, Austria
Zwischen den Kastanienbäumen des Augartens ragt etwas auf, das hier nicht hinzugehören scheint: ein grauer, fensterloser Turm aus Beton, rund, wuchtig, mit vorspringenden Plattformen ganz oben. Vögel kreisen um ihn, Hunde schnüffeln an seinem Fuß, und die Kinder auf dem Spielplatz schauen kaum noch hin. Das ist ein Flakturm, und er ist das Unheimlichste, was dieser schöne Park zu bieten hat.
Gebaut wurde er 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, als die alliierten Bomber Wien erreichten. Das NS-Regime ließ in der Stadt drei Paare solcher Türme errichten, im Augarten, im Arenbergpark und im Esterhazypark, jeweils einen Gefechtsturm mit Flugabwehrkanonen und einen Leitturm für das Radar. Der Partner dieses Turms steht ein paar hundert Meter weiter im Osten des Parks. Gebaut haben sie zu einem großen Teil Zwangsarbeiter, unter erbärmlichen Bedingungen.
Die Wände sind meterdick, aus Stahlbeton, und im Inneren fanden bei Luftangriffen tausende Menschen Schutz. Nach dem Krieg wollte man die Türme loswerden, aber das erwies sich als fast unmöglich: Eine Sprengung hätte die umliegenden Häuser gefährdet, und das Abtragen Stück für Stück wäre unglaublich teuer gewesen. Also blieben sie stehen, Jahrzehnt um Jahrzehnt, und heute stehen sie unter Denkmalschutz.
Was macht man mit einem Bauwerk, das niemand wollte und niemand wegbekommt? In Wien hat man ganz verschiedene Antworten gefunden. Im Esterhazypark ist ein Flakturm heute ein Aquarium, das Haus des Meeres, mit einer Kletterwand an der Fassade. Die beiden Türme im Augarten dagegen stehen leer, umwachsen von Bäumen, und gerade dadurch erzählen sie ihre Geschichte am deutlichsten: Mahnmale, die keiner bestellt hat.
Mich berührt der Kontrast jedes Mal: ringsum der älteste Barockgarten der Stadt, Bänke, Picknickdecken, Jogger, und mittendrin dieser Koloss aus der dunkelsten Zeit. Geh jetzt die lange Allee nach Südosten, in Richtung Obere Augartenstraße. Dort wartet ein kleines Schloss, in dem seit hundert Jahren weißes Gold von Hand bemalt wird.
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2. Porzellanmanufaktur Augarten: Das weiße Gold von Wien
Obere Augartenstraße 1, 1020 Wien, Austria
Vor dir liegt ein kleines, weißes Barockschloss am Rand des Parks, ganz unaufgeregt, fast verschlafen. Und doch wird hinter diesen Fenstern seit hundert Jahren etwas gemacht, das einst so kostbar war wie Gold: Porzellan, von Hand gedreht, von Hand bemalt.
Die Geschichte beginnt 1718. Ein Hofbeamter namens Claudius Innocentius du Paquier gründete damals in Wien eine Porzellanmanufaktur, die zweite in Europa nach Meissen. Das Rezept für echtes Hartporzellan war damals ein Staatsgeheimnis, und du Paquier kam nur dahinter, weil er Fachleute aus Meissen abwarb. Industriespionage im Barock, sozusagen.
Reich wurde er davon nicht. 1744 übernahm der Staat unter Maria Theresia das defizitäre Unternehmen, und als kaiserliche Manufaktur trug das Wiener Porzellan von da an den blauen Bindenschild, das Wappen Österreichs, als Marke. Im neunzehnten Jahrhundert konnte die Handarbeit gegen billige Fabrikware nicht mehr mithalten, und 1864 wurde die Manufaktur geschlossen. Erst 1923 wurde sie neu gegründet, hier im Schloss Augarten, und hier ist sie bis heute.
Das Schöne ist, dass die alten Formen nie ganz verschwunden sind. Rokoko-Figuren, Biedermeier-Service, dazu Entwürfe aus der Zeit der Wiener Werkstätte, alles wird weiterhin mit dem Pinsel bemalt, Strich für Strich. Jedes Stück geht durch viele Hände, vom Formen über das Brennen bis zum Malen, und am Boden trägt es noch immer den blauen Bindenschild. Und der Park selbst hat noch mehr zu erzählen: 1775 öffnete Kaiser Joseph der Zweite den Augarten für alle Menschen, und am Tor ließ er eine Inschrift anbringen, die den Garten allen Menschen als Ort der Erholung widmet, von ihrem Schätzer. Ein Kaiser, der sich selbst den Schätzer seiner Untertanen nennt... das war damals beinahe revolutionär.
Im Saalgebäude des Augartens gab übrigens 1782 der junge Mozart Morgenkonzerte, für ein Publikum, das vor dem Frühstück Musik hören wollte. Geh jetzt weiter nach Süden, bis zur Spitze des Parks, wo die beiden Augartenstraßen zusammenlaufen. Dort steht ein moderner Saal, in dem die berühmtesten Knabenstimmen der Welt singen.
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3. Augartenspitz: Sängerknaben und ein Saal mit Wellen
Am Augartenspitz 1, 1020 Wien, Austria
An der Südspitze des Augartens, dort, wo sich die Obere und die Untere Augartenstraße treffen, siehst du einen modernen Bau mit einer geschwungenen, fast wellenförmigen Fassade, der sich an eine alte Parkmauer schmiegt. Das ist das MuTh, der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben.
Die Sängerknaben sind älter, als die meisten glauben. Ihre Geschichte geht auf das Jahr 1498 zurück, als Kaiser Maximilian der Erste seine Hofkapelle neu ordnete und dafür auch Knaben als Sänger aufnahm. Über Jahrhunderte sangen sie für die Habsburger, bei Messen, Hochzeiten und Begräbnissen. Auch der junge Franz Schubert war einer von ihnen und sang als Knabe in der Hofkapelle, bis seine Stimme brach. Als 1918 die Monarchie zerbrach, war die Hofkapelle plötzlich ohne Hof, und erst einige Jahre später wurde der Chor als eigenständiger Verein neu belebt.
Seit 1948 leben und lernen die Buben im Palais Augarten, gleich hier im Park, mit eigener Schule, Internat und Proberäumen. Sie reisen in kleinen Chören um die ganze Welt, und in vielen Ländern sind sie das bekannteste Gesicht Österreichs, noch vor Mozartkugeln und Lipizzanern. Ihre Matrosenanzüge stammen übrigens aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die höfische Uniform nicht mehr passte.
Der Saal selbst wurde nicht ohne Streit gebaut. Als Pläne für einen Konzertsaal am Augartenspitz bekannt wurden, protestierten Anrainer und Parkschützer gegen den Eingriff in den historischen Garten, und die Debatte zog sich über Jahre. Im Dezember 2012 wurde das MuTh schließlich eröffnet. Der Name ist ein Wortspiel: Musik und Theater, und ein bisschen Mut gehörte auch dazu.
Wenn du Glück hast, hörst du aus einem offenen Fenster des Palais Stimmen beim Proben, ein kurzes, glasklares Echo, das gleich wieder verstummt. Jetzt verlassen wir den Park und tauchen ein ins Herz des alten jüdischen Viertels. Geh die Obere Augartenstraße ein Stück hinunter und dann nach rechts durch die Seitengassen, bis du zu einem Platz voller Marktstände kommst.
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4. Karmelitermarkt: Das Herz der Mazzesinsel
Karmelitermarkt, 1020 Wien, Austria
Riechst du das? Frisches Brot, Kaffee, Kräuter, irgendwo brutzelt etwas in der Pfanne. Du stehst am Karmelitermarkt, zwischen festen Marktständen, Lokalen mit Tischen im Freien und Menschen, die mit Körben und Kinderwagen ihre Runden drehen. Das ist die Leopoldstadt, wie die Wiener sie lieben, und sie hat eine Geschichte, die viel älter und viel schwerer ist, als dieser fröhliche Platz vermuten lässt.
Im siebzehnten Jahrhundert lebten auf dieser Insel zwischen Donau und Donaukanal, damals Unterer Werd genannt, die Juden Wiens in einem eigenen Viertel. 1670 ließ Kaiser Leopold der Erste sie vertreiben. Die Synagoge wurde abgerissen, an ihrer Stelle entstand eine Kirche, die Leopoldskirche, ganz in der Nähe von hier, und der ganze Stadtteil bekam den Namen des Kaisers: Leopoldstadt.
Und doch kehrten die Juden zurück. Im neunzehnten Jahrhundert, vor allem nachdem 1867 die volle Gleichberechtigung kam, zogen tausende Familien aus Galizien, Ungarn und Mähren hierher. In den 1920er Jahren war mehr als ein Drittel der Bewohner der Leopoldstadt jüdisch. Die Wiener nannten das Viertel liebevoll und ein bisschen spöttisch die Mazzesinsel, nach dem ungesäuerten Brot, das zu Pessach gebacken wird.
Heute ist das Viertel wieder bunt, und die Gassen rundherum mit ihren Gründerzeithäusern und kleinen Werkstätten gehören zu den begehrtesten Adressen der Stadt. Am Markt kaufen orthodoxe Familien neben Studenten, Künstlern und alten Leopoldstädtern ein, es gibt koschere Geschäfte, Bauernstände und Lokale aus aller Welt. Am Samstag, wenn die Bauern aus dem Umland kommen, ist hier besonders viel los, und die kleine Kirche der Karmeliter, nach der der Markt benannt ist, steht nur ein paar Schritte entfernt.
Achte beim Weitergehen auf den Gehsteig. Immer wieder findest du kleine Messingplatten im Pflaster, Steine der Erinnerung, mit Namen von Menschen, die hier wohnten und deportiert und ermordet wurden. Sie sind nicht laut, sie liegen einfach da, wo das Leben war. Geh jetzt Richtung Südwesten, durch die Gassen hinunter zum Donaukanal, bis zur Salztorbrücke.
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5. Salztorbrücke & Donaukanal: Die größte Galerie der Stadt
Salztorbrücke, 1010 Wien, Austria
Stell dich auf die Salztorbrücke und schau hinunter auf die Ufer des Donaukanals: Kilometer um Kilometer Mauern, über und über besprüht, Gesichter, Buchstaben, Tiere, Farbe auf Farbe. Willkommen in der längsten Freiluftgalerie Wiens, in der kein Bild lange überlebt.
Der Donaukanal ist eigentlich kein Kanal, sondern ein alter Arm der Donau, der früher direkt an der Stadtmauer vorbeifloss. Hier legten die Schiffe an, und der Name der Brücke erinnert daran, was einst über dieses Wasser kam: das Salz, eines der wichtigsten Handelsgüter der alten Stadt, das am Salzgries gleich gegenüber umgeschlagen wurde. Erst als die Donau im neunzehnten Jahrhundert reguliert wurde, rückte der Strom selbst weiter vom Zentrum weg.
Heute gehört das Ufer der Street-Art. Die Stadt hat lange Abschnitte der Kaimauern ganz offiziell zum Sprühen freigegeben, und so entsteht hier jeden Tag etwas Neues. Was heute ein riesiges Porträt ist, kann morgen schon übermalt sein, und genau das ist der Reiz: Eine Galerie, die sich ständig selbst erneuert, mit Sprayern aus Wien und aus halb Europa. Geh im Sommer hinunter ans Wasser, da sitzen die Leute an den Lokalen am Ufer, Füße fast im Kanal, und schauen der Kunst beim Entstehen zu.
Und dann schau hinüber auf die Seite der Innenstadt, zum Morzinplatz. Dort stand das Hotel Metropole, das nach dem Anschluss 1938 zur Leitstelle der Gestapo in Wien wurde. Tausende Menschen wurden dort verhört, gefoltert, von dort in Lager geschickt. Das Gebäude wurde im Krieg schwer zerstört, und heute erinnert ein Gedenkstein an die Opfer. Das bunte Ufer und dieser stille Platz liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt.
So ist Wien: Selten liegt das Leichte und das Schwere so nah beieinander wie am Wasser. Geh jetzt auf der Seite der Leopoldstadt am Kanal entlang flussabwärts, bis zur nächsten Brücke, der Schwedenbrücke, wo der Verkehr und die Straßenbahnen am lautesten sind.
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6. Schwedenbrücke & Schwedenplatz: Ein Dank an Stockholm
Schwedenplatz, 1010 Wien, Austria
Hier ist es laut: Straßenbahnen quietschen um die Kurve, Busse, Radfahrer, Menschen, die aus der U-Bahn strömen. Du stehst auf der Schwedenbrücke, und auf der anderen Seite liegt der Schwedenplatz, eines der großen Drehkreuze der Stadt, mit dem Turm des Stephansdoms im Hintergrund.
Aber warum ausgerechnet Schweden, mitten in Wien? Nach dem Ersten Weltkrieg hungerte die Stadt. Die Monarchie war zerfallen, die Versorgung zusammengebrochen, und viele Kinder waren unterernährt und krank. Schweden schickte Lebensmittel und Hilfe und nahm Wiener Kinder zur Erholung bei Gastfamilien auf. Mit Sonderzügen fuhren damals tausende ausgehungerte Kinder aus Wien in den Norden, oft mit nicht mehr als einem Namensschild um den Hals. Aus Dankbarkeit bekamen der Platz und die Brücke 1919 ihren schwedischen Namen.
Manche dieser Kinder blieben ihr Leben lang mit ihren schwedischen Gastfamilien verbunden, Briefe gingen über Jahrzehnte hin und her. Ein Straßenschild als Dankeschön, das ist eine sehr wienerische Art, sich zu erinnern... ohne viel Pathos, aber für immer im Stadtplan. Und heute legen ganz in der Nähe Schiffe ab, die in gut einer Stunde nach Bratislava fahren, so nah liegen die Hauptstädte beieinander.
Diese Brücke ist auch eine Grenze im Kopf. Auf der einen Seite die Innere Stadt mit Kirchen, Palais und Kaffeehäusern, auf der anderen die Leopoldstadt, früher das Viertel der Zuwanderer, der kleinen Händler, der Theater und des Vergnügens. Wer im neunzehnten Jahrhundert aus dem Osten nach Wien kam, landete oft zuerst drüben am Nordbahnhof und blieb dann gleich in der Leopoldstadt. Direkt hinter der Brücke beginnt die Taborstraße, die alte Ausfallstraße nach Norden, über die diese Menschen einst in die Stadt hereinkamen.
Bleib noch einen Moment stehen und schau aufs Wasser, das hier ruhig und grün dahinzieht, mitten im Lärm. Dann geh zurück auf die Seite der Leopoldstadt, die Taborstraße ein kurzes Stück hinauf und nach rechts in die stille Tempelgasse. Dort steht ein Denkmal, das man leicht übersieht, und das trotzdem riesig ist.
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7. Leopoldstädter Tempel: Säulen für eine verlorene Synagoge
Tempelgasse 5, 1020 Wien, Austria
In der ruhigen Tempelgasse siehst du vier hohe, weiße Säulen, zwischen ein paar Bäumen und modernen Wohnhäusern. Sie tragen nichts. Und genau das ist der Sinn: Sie zeigen dir, wie groß und wie hoch das Gebäude war, das hier einmal stand.
Hier stand der Leopoldstädter Tempel, die größte Synagoge Wiens. Erbaut wurde sie in den 1850er Jahren nach Plänen von Ludwig Förster, im maurischen Stil, mit Bögen, Ornamenten und farbigem Mauerwerk, das an die Alhambra erinnerte. Förster entwarf übrigens fast gleichzeitig auch die große Synagoge in der Dohány-Straße in Budapest, die heute noch steht. Wer wissen will, wie dieser Tempel ausgesehen haben könnte, findet dort eine Ahnung davon. Gebaut war er für weit mehr als tausend Betende, ein selbstbewusstes Zeichen einer Gemeinde, die endlich wieder in Wien angekommen war.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, im Novemberpogrom, wurde der Tempel in Brand gesteckt und zerstört, wie fast alle Synagogen und Bethäuser Wiens. Ein paar Gassen weiter, in der Zirkusgasse, ging auch der Türkische Tempel der sephardischen Gemeinde unter. Was folgte, war Vertreibung und Mord: Rund 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden in der Shoah ermordet, sehr viele von ihnen stammten aus genau diesen Straßen.
Nach dem Krieg blieb hier lange eine Lücke, und die weißen Säulen kamen erst Jahrzehnte später, als Erinnerungszeichen. Rund um den Tempel hatten Rabbiner, Kantoren, Lehrer, koschere Fleischer, Buchhändler und Schneider gewohnt und gearbeitet, eine ganze Welt, die sich um dieses Gebäude drehte. Wenn du dich zwischen sie stellst und nach oben schaust, spürst du die Lücke... einen Raum, der voll war von Gebet, Gesang und Gemeinschaft, und der jetzt nur noch aus Luft besteht.
Heute gibt es in der Leopoldstadt wieder jüdisches Leben, Schulen, Geschäfte, Gebetshäuser, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Nimm dir hier einen Moment Zeit. Dann geh die Tempelgasse hinauf bis zur breiten Praterstraße und dort ein paar Schritte nach links zum Nestroyplatz, wo die Leopoldstadt plötzlich wieder nach Theater klingt.
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8. Nestroyplatz & Nestroyhof: Theater in der Vorstadt
Nestroyplatz 1, 1020 Wien, Austria
Du stehst an der Praterstraße, einem breiten Boulevard, und am Nestroyplatz fällt dir ein Eckhaus mit eleganter Jugendstilfassade auf: der Nestroyhof. Heute rauscht hier vor allem der Verkehr vorbei, doch einst war diese Straße der Broadway der Wiener Vorstadt.
Der Platz ist nach Johann Nestroy benannt, dem großen Spötter des Wiener Theaters, Schauspieler und Dichter in einer Person. Seine Possen, wie der Talisman oder Lumpazivagabundus, nahmen die Eitelkeit der Bürger, die Zensur und die Obrigkeit aufs Korn, und das Publikum liebte ihn dafür. Gleich hier an der Praterstraße stand das Carltheater, das Nestroy in den 1850er Jahren selbst leitete. Wenn die Zensoren im Saal saßen, soll er seine Texte brav aufgesagt haben, und an den Abenden ohne sie improvisierte er, was die Pointen hergaben.
Das Carltheater gibt es nicht mehr. Es wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und Anfang der 1950er Jahre abgerissen, an seiner Stelle steht heute ein nüchterner Bürobau. Von der einstigen Theaterseligkeit der Praterstraße ist nur wenig übrig geblieben. Ein paar Häuser weiter, in der Praterstraße 16, kam übrigens 1862 Arthur Schnitzler zur Welt, der später die Seelen der Wiener sezierte wie kaum ein anderer.
Der Nestroyhof aber steht noch. Erbaut wurde er 1898 nach Plänen von Oskar Marmorek, einem Architekten, der ein Freund und Mitstreiter Theodor Herzls war. Im Haus gab es einen Theatersaal, und in der Zwischenkriegszeit spielte dort eine jüdische Bühne, mit Kabarett, Liedern und Stücken, bis 1938 alles endete. Seit einigen Jahren ist der Saal wieder bespielt, als Theater Nestroyhof Hamakom, und Hamakom heißt auf Hebräisch: der Ort.
Und Marmorek hat noch eine zweite Spur ganz in der Nähe hinterlassen. 1895 baute er im Prater eine ganze Fantasiestadt namens Venedig in Wien, mit Kanälen, Gondeln und Palazzi aus Gips. Und in genau diesem Vergnügungspark entstand wenig später das Riesenrad. Geh jetzt die Praterstraße weiter stadtauswärts, bis sich vor dir ein großer, runder Platz öffnet, mit einer Säule voller Schiffsbuge in der Mitte.
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9. Praterstern & Tegetthoff-Säule: Ein Admiral im Binnenland
Praterstern, 1020 Wien, Austria
Mitten im Verkehrsgewühl des Praterstern ragt eine hohe Säule auf, gespickt mit bronzenen Schiffsbugen, und ganz oben steht ein Mann in Uniform und blickt in die Ferne... bis zum Meer, das von hier aus allerdings ein paar hundert Kilometer entfernt liegt.
Das ist Wilhelm von Tegetthoff, Admiral der österreichischen Kriegsmarine. Ja, Österreich hatte eine Flotte, mit Häfen an der Adria, in Triest und Pola, und eine ihrer berühmtesten Stunden schlug 1866 vor der Insel Lissa. Dort traf Tegetthoff mit seinen Schiffen auf eine stärkere italienische Flotte, ließ sie rammen und gewann. Kurios dabei: Viele von Tegetthoffs Matrosen stammten aus Venetien und Dalmatien und sprachen selbst Italienisch. Die Schiffsbuge an der Säule erinnern an diesen Sieg, so wie bei den Siegessäulen der alten Römer, und die Figur ganz oben schuf der Bildhauer Carl Kundmann.
Allerdings: Im selben Jahr verlor Österreich bei Königgrätz den Krieg gegen Preußen, und Venetien ging trotz des Sieges zur See an Italien. Tegetthoff starb 1871, noch nicht einmal 44 Jahre alt. Das Denkmal wurde 1886 enthüllt, und seither steht der Seeheld hier im Binnenland, umkreist von Autos statt von Möwen.
Der Praterstern selbst heißt so, weil hier mehrere Straßen und Alleen sternförmig zusammenlaufen. Gleich daneben lag früher der Nordbahnhof, der Endpunkt der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, der ersten großen Dampfeisenbahn Österreichs, die ab 1838 fuhr. Über diese Bahn kamen Kohle, Waren und hunderttausende Menschen aus Mähren, Schlesien und Galizien nach Wien, und viele von ihnen blieben gleich in der Leopoldstadt.
Heute ist der Bahnhof Praterstern ein moderner Knoten, und auf der anderen Seite der Straße beginnt das, wofür die Wiener seit Generationen hierherkommen: der Prater. Der Platz wurde in den letzten Jahren neu gestaltet, mit Bäumen und Bänken, und bleibt doch vor allem ein Ort des Kommens und Gehens. Du siehst es schon über den Bäumen, dieses rote Rad mit seinen Gondeln. Überquere den Platz Richtung Südosten und folge den Lichtern und dem Geruch nach gebrannten Mandeln.
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10. Riesenrad & Wurstelprater: Das Rad, das den Krieg überlebte
Riesenradplatz 1, 1020 Wien, Austria
Leg den Kopf in den Nacken: Über dir dreht sich ganz langsam das Riesenrad, rot, stählern, mit seinen Waggons, die aussehen wie kleine Straßenbahnwagen, die jemand an den Himmel gehängt hat. Rundherum blinkt, klingelt und kreischt der Wurstelprater.
Gebaut wurde das Rad 1896 und 1897 von dem englischen Ingenieur Walter Basset, der solche Räder auch in England errichtet hatte. Der Anlass war das fünfzigjährige Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph, und das Rad stand im Vergnügungspark Venedig in Wien. Mit rund 65 Metern Höhe war es eines der größten Räder der Welt. Von Bassets Riesenrädern ist das Wiener das einzige, das erhalten geblieben ist.
Dabei hätte es fast nicht überlebt. Schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sollte es einmal abgerissen werden, doch der Abriss wäre zu teuer gewesen. Und im April 1945, in den letzten Kriegstagen, brannte der Prater, und das Riesenrad fing Feuer. Die Waggons verbrannten, das Stahlgerüst blieb stehen. Schon 1947 drehte es sich wieder, allerdings nur noch mit halb so vielen Waggons wie vorher, und so ist es bis heute.
Zwei Jahre später schrieb das Rad Filmgeschichte. In Der dritte Mann von 1949 treffen sich Orson Welles als Harry Lime und Joseph Cotten in einem dieser Waggons. Hoch über dem zerbombten Wien schaut Lime auf die Menschen hinunter, die winzig wie Punkte wirken, und spricht über sie mit einer Kälte, die einem bis heute den Atem nimmt. Seither fahren Filmfans aus aller Welt genau diese Runde.
Und rundherum der Wurstelprater, benannt nach dem Hanswurst, dem Kasperl der alten Volksbühnen. Seit Kaiser Joseph der Zweite 1766 den kaiserlichen Prater für alle öffnete, durften hier Wirte, Gaukler und Schausteller ihr Geschäft machen, und daraus wurde dieser Rummel. Die kleine Liliputbahn schnauft seit 1928 durchs Grüne. Geh jetzt nach Süden aus dem Trubel hinaus, bis du auf eine schnurgerade, endlos lange Allee stößt.
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11. Prater Hauptallee: Kastanien, Korso und zwei Stunden
Prater Hauptallee, 1020 Wien, Austria
Vor dir zieht sich eine Allee, so gerade, dass sie am Horizont zu einem Punkt zusammenzulaufen scheint: die Prater Hauptallee. Rechts und links alte Kastanienbäume, dazwischen Jogger, Radfahrer, Spaziergänger mit Hunden, Kinderwagen und Rollschuhe. Im Frühling, wenn die Kastanien weiß und rosa blühen, wirkt sie wie ein langer Festsaal unter freiem Himmel.
Rund viereinhalb Kilometer ist die Allee lang, vom Praterstern bis zum Lusthaus, einem achteckigen Pavillon am anderen Ende, wo früher die Hofgesellschaft nach der Jagd rastete. Angelegt wurde sie schon im sechzehnten Jahrhundert, als der Prater noch ein kaiserliches Jagdrevier war, in dem einfache Leute nichts verloren hatten. Erst Joseph der Zweite öffnete das Gebiet 1766 für alle, und seither ist diese Allee die Promenade der Wiener.
Im neunzehnten Jahrhundert fuhr hier die feine Gesellschaft in Kutschen auf und ab, um zu sehen und gesehen zu werden. Fürstin Pauline Metternich organisierte 1886 einen Blumenkorso, mit Wagen voller Blumen, und halb Wien stand an den Rändern und staunte. Der Prater war der Ort, an dem sich Adel und Volk zumindest begegneten, wenn auch auf verschiedenen Seiten der Absperrung.
Und dann, am 12. Oktober 2019, wurde diese Allee Sportgeschichte. Der kenianische Läufer Eliud Kipchoge lief hier, auf einer eigens vermessenen Runde in der Hauptallee, einen Marathon in 1 Stunde, 59 Minuten und 40 Sekunden. Zum ersten Mal lief ein Mensch die 42 Kilometer unter zwei Stunden. Weil Tempomacher wechselten und die Bedingungen nicht den Regeln entsprachen, zählt die Zeit nicht als offizieller Weltrekord... aber gelaufen ist er sie, hier, unter diesen Kastanien.
Damit endet unser Spaziergang durch die Leopoldstadt, vom Betonriesen im Augarten über die Mazzesinsel, die Ufer des Donaukanals und die Theater der Praterstraße bis zum Riesenrad. Ein Bezirk voller verborgener Geschichten, schöner und schwerer. Wenn du noch Kraft hast, geh einfach geradeaus weiter, so weit, wie du magst. Die Hauptallee hat Platz für alle, und das ist vielleicht ihr schönstes Geheimnis.