Leopoldstädter Tempel: Säulen für eine verlorene Synagoge

Why is it significant?

In der ruhigen Tempelgasse siehst du vier hohe, weiße Säulen, zwischen ein paar Bäumen und modernen Wohnhäusern. Sie tragen nichts. Und genau das ist der Sinn: Sie zeigen dir, wie groß und wie hoch das Gebäude war, das hier einmal stand.

Key Facts

PlaceLeopoldstädter Tempel: Säulen für eine verlorene Synagoge
AddressTempelgasse 5, 1020 Wien, Austria
Geo Coordinates48.21390, 16.38500
Part of WalkFlaktürme, Mazzesinsel und Riesenrad: Die verborgene Leopoldstadt in Wien
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In der ruhigen Tempelgasse siehst du vier hohe, weiße Säulen, zwischen ein paar Bäumen und modernen Wohnhäusern. Sie tragen nichts. Und genau das ist der Sinn: Sie zeigen dir, wie groß und wie hoch das Gebäude war, das hier einmal stand.

Hier stand der Leopoldstädter Tempel, die größte Synagoge Wiens. Erbaut wurde sie in den 1850er Jahren nach Plänen von Ludwig Förster, im maurischen Stil, mit Bögen, Ornamenten und farbigem Mauerwerk, das an die Alhambra erinnerte. Förster entwarf übrigens fast gleichzeitig auch die große Synagoge in der Dohány-Straße in Budapest, die heute noch steht. Wer wissen will, wie dieser Tempel ausgesehen haben könnte, findet dort eine Ahnung davon. Gebaut war er für weit mehr als tausend Betende, ein selbstbewusstes Zeichen einer Gemeinde, die endlich wieder in Wien angekommen war.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, im Novemberpogrom, wurde der Tempel in Brand gesteckt und zerstört, wie fast alle Synagogen und Bethäuser Wiens. Ein paar Gassen weiter, in der Zirkusgasse, ging auch der Türkische Tempel der sephardischen Gemeinde unter. Was folgte, war Vertreibung und Mord: Rund 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden in der Shoah ermordet, sehr viele von ihnen stammten aus genau diesen Straßen.

Nach dem Krieg blieb hier lange eine Lücke, und die weißen Säulen kamen erst Jahrzehnte später, als Erinnerungszeichen. Rund um den Tempel hatten Rabbiner, Kantoren, Lehrer, koschere Fleischer, Buchhändler und Schneider gewohnt und gearbeitet, eine ganze Welt, die sich um dieses Gebäude drehte. Wenn du dich zwischen sie stellst und nach oben schaust, spürst du die Lücke... einen Raum, der voll war von Gebet, Gesang und Gemeinschaft, und der jetzt nur noch aus Luft besteht.

Heute gibt es in der Leopoldstadt wieder jüdisches Leben, Schulen, Geschäfte, Gebetshäuser, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Nimm dir hier einen Moment Zeit. Dann geh die Tempelgasse hinauf bis zur breiten Praterstraße und dort ein paar Schritte nach links zum Nestroyplatz, wo die Leopoldstadt plötzlich wieder nach Theater klingt.

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