Panzer, Kerzen und Schlüsselbunde: Prag 1968 und 1989 rund um den Wenzelsplatz
Vom Rundfunkgebäude und dem Nationalmuseum über Jan Palachs Gedenkstätte und den Melantrich-Balkon bis zur Národní třída und der Krypta von Operation Anthropoid: ein Spaziergang durch Prags Jahrhundert der Umbrüche
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1. Tschechischer Rundfunk: Die Schlacht um das Funkhaus
Vinohradská 1409/12, 120 00 Praha 2, Czechia
Schau dir das lange, nüchterne Gebäude an der Vinohradská an, mit den Gedenktafeln an der Fassade und den Kränzen, die hier fast immer liegen. Das ist das Funkhaus des Tschechischen Rundfunks. Zweimal in einem Jahrhundert hing an diesem Ort, wer die Stadt beherrschte.
Am 5. Mai 1945, in den letzten Kriegstagen, rief eine Stimme aus diesem Haus die Tschechen zum Aufstand gegen die deutsche Besatzung. Rundfunkmitarbeiter und Aufständische verteidigten das Gebäude gegen SS-Einheiten, Barrikaden wuchsen in den Straßen, und Prag erhob sich. Wie viele Menschen in diesen Tagen starben, auf allen Seiten, darüber wird bis heute gestritten. Es waren viele.
Spring jetzt dreiundzwanzig Jahre weiter. In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein, um den Prager Frühling zu beenden, Alexander Dubčeks Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Eines der ersten Ziele war genau dieses Haus. Prager stellten sich den Panzern mit bloßen Händen entgegen, bauten Barrikaden aus Straßenbahnen und Bussen, diskutierten mit verwirrten jungen Soldaten, die oft nicht einmal wussten, in welchem Land sie waren.
Vor dem Funkhaus wurde geschossen, und mehrere Menschen kamen ums Leben. Drinnen sendeten die Redakteure weiter, solange es ging. Dann zogen sie um in geheime Ausweichstudios, und tagelang hörte das Land Stimmen, die die Besatzer nicht finden konnten. Sie riefen zu gewaltlosem Widerstand auf, warnten vor Provokationen... und baten die Menschen, Straßenschilder abzuschrauben, damit sich die Kolonnen verirrten.
Und das taten sie. Über Nacht verschwanden in ganz Prag die Straßennamen und Hausnummern, Wegweiser zeigten plötzlich alle Richtung Moskau. An die Hauswände malten die Prager Sprüche wie: Lenin, wach auf, Breschnew ist verrückt geworden. Ein Land ohne Waffen hatte eine Woche lang die beste Propaganda der Welt. Gewonnen haben am Ende trotzdem die Panzer: Sowjetische Truppen blieben bis 1991 im Land. Geh jetzt die Vinohradská hinunter in Richtung Stadtzentrum. Das große Glas-und-Beton-Gebäude vor dir war einst Parlament, dann der Sitz eines amerikanischen Senders.
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2. Neues Gebäude des Nationalmuseums: Parlament und Radio Free Europe
Vinohradská 1, 110 00 Praha 1, Czechia
Vor dir steht ein seltsamer Zwitter: unten ein strenger Steinbau aus den dreißiger Jahren, darüber, wie auf Stelzen, ein riesiger Kasten aus Glas und Metall. Prager haben dafür jede Menge Spitznamen erfunden, die wenigsten davon freundlich. Aber kaum ein Gebäude der Stadt hat so oft die Seiten gewechselt.
Unten ist die alte Prager Börse, eröffnet Ende der dreißiger Jahre. Kaum fertig, wurde sie von der Geschichte überrollt: Münchner Abkommen, Besatzung, Krieg. Und nach 1948 brauchte der Kommunismus keine Börse mehr. Also setzte der Architekt Karel Prager in den sechziger und frühen siebziger Jahren den gläsernen Aufbau obendrauf, und hier tagte ab 1973 das Parlament der Tschechoslowakei, die Föderalversammlung. Ein Parlament, das in jenen Jahren fast immer einstimmig abstimmte.
Dann kam 1989, und dieselben Säle erlebten plötzlich echte Politik. Am 29. Dezember 1989 wählten die Abgeordneten dieser Föderalversammlung, viele noch aus der alten Zeit, den Dissidenten Václav Havel zum Präsidenten, feierlich auf der Burg im Wladislawsaal. Und am 25. November 1992 stimmte die Föderalversammlung hier über ihr eigenes Ende ab: die friedliche Teilung in Tschechien und die Slowakei, zum 1. Januar 1993. Eine Scheidung ohne Schuss, ohne Volksabstimmung, beschlossen in diesem Glaskasten.
Und jetzt die schönste Pointe: 1995 zog in das leere Parlament ausgerechnet Radio Free Europe ein, der amerikanisch finanzierte Sender, der jahrzehntelang aus München in die Ostblockstaaten gesendet hatte und den die kommunistischen Regime mit Störsendern bekämpften. Die Stimme, die man früher heimlich unter der Bettdecke hörte, sendete jetzt aus dem ehemaligen Machtzentrum. Nach dem 11. September 2001 galt der Sender als mögliches Anschlagsziel, Polizei und Sperren standen vor der Tür, und 2009 zog er in einen besser gesicherten Neubau weiter draußen.
Seit 2009 gehört das Gebäude zum Nationalmuseum, und ein unterirdischer Gang verbindet es mit dem historischen Haupthaus nebenan. Die Magistrale davor, eine der lautesten Straßen Prags, schneidet den Wenzelsplatz bis heute von seinem Museum ab, auch ein Erbe der siebziger Jahre. Geh jetzt hinüber zum großen Kuppelbau mit der breiten Freitreppe. In seiner Fassade stecken Spuren des August 1968.
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3. Nationalmuseum: Der Palast über dem Wenzelsplatz
Václavské náměstí 1700/68, 110 00 Praha 1, Czechia
Steig ein paar Stufen der breiten Rampe hinauf und dreh dich um. Vor dir fällt der Wenzelsplatz ab, über 700 Meter lang, eher ein Boulevard als ein Platz, und hinter dir thront die goldglänzende Kuppel des Nationalmuseums. Von hier oben sieht man, warum ganz Prag hierher kommt, wenn etwas Großes passiert.
Der mächtige Bau entstand von 1885 bis 1891 nach Plänen von Josef Schulz, als Tempel der tschechischen Nation. Im Inneren das Pantheon, eine Ruhmeshalle mit Statuen und Büsten großer Tschechen. Schulz hat übrigens auch am Rudolfinum mitgebaut, dem Konzerthaus an der Moldau. Das Museum selbst ist älter als sein Palast: Gegründet wurde es 1818, angeregt vom Grafen Kaspar Sternberg, einem Naturforscher, der seine Briefe auf Deutsch schrieb und mit Goethe befreundet war. Ein selbstbewusstes Statement mitten im Habsburgerreich: Seht her, wir sind ein Volk mit eigener Wissenschaft, Kunst und Geschichte.
Im August 1968 stand dieses Gebäude plötzlich im Visier. Sowjetische Soldaten eröffneten das Feuer auf die Fassade, manche sagen, weil sie den Prunkbau für das Parlament oder den Rundfunk hielten. Die Einschüsse wurden später ausgebessert, doch an den helleren Flicken im dunklen Sandstein konnte man sie noch lange erkennen. Eine Stadt, die ihre Wunden nicht offen zeigen durfte, trug sie eben im Stein.
Viele Jahre war das Haupthaus wegen einer gründlichen Sanierung geschlossen. 2018 öffnete es wieder, pünktlich zum hundertsten Jahrestag der Tschechoslowakei. Und noch etwas verbindet dieses Gebäude mit den Umbrüchen: Fast jede große Kundgebung der Prager Geschichte hat es als Kulisse, 1918, 1968, 1989. Es ist das Bühnenbild der Nation.
Wenn du genau hinsiehst, entdeckst du direkt unter dir, am Fuß der Rampe, im Pflaster ein unscheinbares Kreuz aus Bronze, das sich in den Boden zu wölben scheint. An dieser Stelle geschah im Januar 1969 etwas, das die ganze Welt erschütterte. Geh langsam die Rampe hinunter, über die Straße, zum Reiterstandbild des heiligen Wenzel.
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4. Wenzelsdenkmal und Gedenkstätte für Jan Palach und Jan Zajíc
Václavské náměstí, 110 00 Praha 1, Czechia
Vor dir reitet der heilige Wenzel, Herzog und Schutzpatron Böhmens, umgeben von vier anderen Landesheiligen. Josef Václav Myslbek hat jahrzehntelang an diesem Denkmal gearbeitet, aufgestellt wurde der Reiter 1912. Seitdem ist der Satz unter Pragern ganz einfach: Wir treffen uns unterm Pferd. Am Sockel steht eine Bitte aus dem alten Wenzelschoral: Lass uns und die Künftigen nicht untergehen.
Hier wurde am 28. Oktober 1918 die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei verkündet. Hier versammelten sich die Menschen im Sommer 1968, malten Parolen auf den Sockel und redeten auf die Panzerbesatzungen ein. Der Heilige hatte schon eine Menge gesehen... aber nicht das, was im folgenden Winter kam.
Am 16. Januar 1969 übergoss sich vor dem Nationalmuseum ein zwanzigjähriger Student mit Benzin und zündete sich an. Jan Palach studierte an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität. In seinem Abschiedsbrief verlangte er das Ende der Zensur und forderte die Menschen auf, nicht zu resignieren. Er unterschrieb als Fackel Nummer eins und kündigte an, andere würden folgen. Er starb drei Tage später. Zu seinem Begräbnis kamen Zehntausende. Ende Februar folgte ihm Jan Zajíc, ein achtzehnjähriger Schüler, nur ein paar Häuser weiter unten am Platz.
Schau jetzt auf den Boden vor dem Denkmal. Das Kreuz im Pflaster, das sich wie unter Hitze aufzuwölben scheint, stammt von der Bildhauerin Barbora Veselá und erinnert an beide jungen Männer. Fast immer liegen hier Kerzen und Blumen. Viele gehen achtlos darüber... und bleiben dann plötzlich stehen.
Zwanzig Jahre später, im Januar 1989, wollten Prager Palachs Todestag hier ehren. Die Polizei trieb sie tagelang mit Wasserwerfern und Knüppeln auseinander, Václav Havel kam ins Gefängnis. Diese Palach-Woche zeigte, wie brüchig das Regime schon war. Zehn Monate später fiel es. Geh jetzt ein Stück den Platz hinunter und links in die Štěpánská, zum Seiteneingang des Palais Lucerna. Drinnen hängt der heilige Wenzel noch einmal... allerdings auf eine Art, die Myslbek nicht gefallen hätte.
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5. Palais Lucerna und Černýs Pferd
Vodičkova 704/36, 110 00 Praha 1, Czechia
Tritt in die Passage und schau nach oben, unter die Glaskuppel. Da hängt er: der heilige Wenzel in voller Rüstung, stolz im Sattel... auf einem Pferd, das tot und kopfüber an den Hufen von der Decke baumelt. Für einen Moment fragst du dich, ob du richtig gesehen hast.
Du hast. Das ist der Kůň, das Pferd, von David Černý, demselben Künstler, der auch den drehenden Kafka-Kopf beim Quadrio gebaut hat. Hängt seit gut zwei Jahrzehnten hier und ist die schärfste Antwort auf das ehrwürdige Reiterdenkmal draußen am Platz. Wie man es deutet, bleibt dir überlassen: als Spott auf Nationalmythen, auf Politiker, die alles auf den Kopf stellen, oder auf ein Land, das sich auf seine Heiligen verlässt, statt selbst zu handeln.
Das Palais selbst ist eine Familiengeschichte. Gebaut hat es ab 1907 Vácslav Havel, Bauunternehmer und Großvater des späteren Präsidenten. Das Kino Lucerna, eröffnet 1909, gilt als eines der ältesten Kinos Europas, die bis heute spielen. Dazu Cafés, Geschäfte und im Untergeschoss ein großer Saal für Bälle und Konzerte, in dem Louis Armstrong auftrat. Und Vácslavs Sohn Miloš, der Onkel des Präsidenten, gründete in den dreißiger Jahren die Filmstudios Barrandov. Ein Stück Großstadt, erbaut von einer bürgerlichen Familie, die an Prags Moderne glaubte.
Nach 1948 enteigneten die Kommunisten die Havels, und Václav, der Enkel, galt als Kind von Bourgeois. Er durfte nicht studieren, was er wollte, arbeitete als Bühnenarbeiter und Laborant, schrieb Theaterstücke, die bald verboten wurden. Die Unterdrückung machte ihn zum Dissidenten, zum Mitbegründer der Charta 77... und schließlich zum Präsidenten. Nach 1989 bekam die Familie das Palais zurück.
Schau dich in den Gängen um: das Kino, das alte Café im ersten Stock, die Jugendstilschriften. Mitten in diesem Labyrinth ist das zwanzigste Jahrhundert der Familie Havel aufbewahrt, vom Gründerstolz bis zur Revolution. Geh jetzt durch die Passage hinaus zur Vodičkova und hinüber zum stillen Eingang des Franziskanergartens. Mitten in der Stadt wartet ein Ort zum Durchatmen.
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6. Franziskanergarten: Eine Oase hinter Maria Schnee
Františkánská zahrada, Jungmannovo náměstí, 110 00 Praha 1, Czechia
Lass den Lärm hinter dir und tritt in den Garten. Rosenbeete, ein Brunnen, Bänke unter Obstbäumen, und über allem ragt die gewaltige Rückwand der Kirche Maria Schnee auf. Hundert Meter vom Wenzelsplatz entfernt, und du hörst plötzlich Vögel.
Kaiser Karl IV. gründete die Kirche 1347, am Tag nach seiner Krönung, und plante sie als größtes Gotteshaus Prags. Gebaut wurde nur der Chor... aber der ist so hoch, über dreißig Meter, dass er bis heute alle Nachbarhäuser überragt. Der Garten gehörte zum Kloster, erst den Karmelitern, ab 1604 den Franziskanern, die ihm seinen Namen gaben. Seit 1950 ist er ein öffentlicher Park.
Und doch ist auch dieser stille Ort ein Startpunkt von Revolutionen. Hier predigte im Sommer 1419 der radikale Prediger Jan Želivský. Am 30. Juli zog er mit seinen Anhängern von Maria Schnee hinüber zum Neustädter Rathaus, und dort wurden die Ratsherren aus dem Fenster gestürzt. Der Erste Prager Fenstersturz begann die Hussitenkriege. Želivský selbst überlebte seinen Triumph nicht lange: 1422 ließen ihn gemäßigtere Gegner im Altstädter Rathaus enthaupten.
Prag hat eine merkwürdige Tradition: Seine Umbrüche beginnen oft in Gärten, Hinterhöfen und Kirchen, bevor sie auf die Plätze hinausbrechen. 1419 ein Prediger, 1968 ein paar Reformer in Parteibüros, 1989 eine Handvoll Studenten und Schauspieler, die sich in Theaterkellern berieten. Der eigentliche Mut wächst im Kleinen. Setz dich ruhig einen Moment auf eine Bank und denk darüber nach. Während ringsum die Straßenbahnen klingeln und die Touristenströme über den Wenzelsplatz ziehen, ist dieser Garten vielleicht der beste Ort in Prag, um zu verstehen, wie still große Veränderungen manchmal anfangen.
Die Franziskaner sind übrigens zurückgekehrt; nach der Wende erhielten sie ihr Kloster wieder, und ihre Mönche gehen in braunen Kutten durch den Garten wie vor Jahrhunderten. Verlass den Garten jetzt durch die Passage Světozor hinaus auf den Wenzelsplatz. Nur ein paar Häuser weiter, auf derselben Seite, steht das Haus Nummer 36, und an seiner Fassade ein Balkon, auf dem die Revolution ein Gesicht bekam.
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7. Der Melantrich-Balkon: Havel und Dubček 1989
Václavské náměstí 793/36, 110 00 Praha 1, Czechia
Bleib auf der Mitte des Platzes stehen und schau hinauf zur Fassade des Hauses Nummer 36, zu dem schmalen Balkon über dem Eingang. Er sieht völlig unscheinbar aus. Aber im November 1989 war das die wichtigste Bühne der Tschechoslowakei.
Das Gebäude gehörte dem Verlag Melantrich, der die Zeitung Svobodné slovo herausgab, das Blatt einer kleinen Blockpartei, die bis dahin brav mit den Kommunisten mitregiert hatte. Nach dem 17. November aber stellte sich die Redaktion auf die Seite der Demonstranten. Und weil das Bürgerforum keine Lautsprecher und keine Bühne hatte, öffnete der Verlag ihm diesen Balkon.
Jeden Tag füllte sich der Wenzelsplatz, hunderttausende Menschen, vom Museum bis hinunter zum Graben. Am 24. November trat hier Alexander Dubček auf, der Mann des Prager Frühlings, der zwanzig Jahre lang als Forstarbeiter aufs Abstellgleis geschoben worden war. Neben ihm Václav Havel, der Dramatiker, der wenige Monate zuvor noch im Gefängnis gesessen hatte. Noch am selben Abend trat die gesamte Parteiführung zurück. Drei Tage später legte ein zweistündiger Generalstreik das ganze Land lahm, und Millionen Menschen zeigten, auf welcher Seite sie standen.
Und dann das Geräusch, an das sich jeder erinnert, der dabei war: Hunderttausende zogen ihre Schlüsselbunde aus der Tasche und schüttelten sie. Ein klirrendes Meer aus Metall, das bedeutete: Es ist Zeit zu gehen, eure Zeit ist abgelaufen. Auch die Sängerin Marta Kubišová, zwei Jahrzehnte lang mit Auftrittsverbot belegt, stand in jenen Tagen hier oben und sang vor der Menge. Viele weinten.
Es wurde kein einziger Schuss abgefeuert, deshalb nennt man sie die Samtene Revolution. Aber leicht war es nicht, und niemand wusste in jenen Tagen, ob nicht doch noch Panzer kommen würden. Ende Dezember wurde Dubček Vorsitzender des Parlaments und Havel Präsident... die beiden Männer vom Balkon. Geh jetzt den Platz hinunter bis zum Můstek und dann durch die Straße 28. října bis zur Národní. Unter einer Arkade auf der linken Seite findest du Kerzen und eine Bronzetafel mit Händen... dort hat alles angefangen.
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8. Gedenkstätte 17. November 1989 auf der Národní třída
Národní 1011/16, 110 00 Praha 1, Czechia
Unter der Arkade dieses Hauses hängt an der Wand eine kleine Bronzetafel: viele erhobene Hände, offene Handflächen, manche mit zwei gespreizten Fingern. Darunter das Datum, 17.11.1989. Fast immer brennen hier Kerzen, und im November wird der Gehweg zu einem Meer aus Lichtern.
Die Geschichte beginnt fünfzig Jahre früher. Am 17. November 1939 ließen die deutschen Besatzer die tschechischen Hochschulen schließen, nachdem Studenten bei der Beerdigung des erschossenen Medizinstudenten Jan Opletal protestiert hatten. Neun Studentenführer wurden hingerichtet, über tausend Studenten in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Seitdem ist der 17. November der Internationale Studententag.
Zum fünfzigsten Jahrestag, 1989, genehmigten die Behörden eine Gedenkveranstaltung der Studenten im Stadtteil Albertov. Aber aus dem Gedenken wurde ein Protestmarsch: erst hinauf zum Vyšehrad, zum Grab des Dichters Karel Hynek Mácha, dann am Fluss entlang. Tausende zogen Richtung Innenstadt, mit Kerzen und Blumen und Rufen nach Freiheit. Hier, auf der Národní, schlossen Polizeieinheiten sie von beiden Seiten ein. Die Studenten setzten sich hin, hoben die leeren Hände und riefen: Wir haben leere Hände.
Die Polizei schlug trotzdem zu. Hunderte wurden verletzt. Noch in der Nacht verbreitete sich das Gerücht, ein Student sei getötet worden. Es stimmte nicht. Den angeblich toten Studenten hatte, wie sich später herausstellte, ein Offizier der Staatssicherheit gespielt, der sich auf das Pflaster gelegt hatte, und bis heute wird darüber gestritten, wer das Gerücht weitertrug. Aber die Empörung war echt, und sie war nicht mehr aufzuhalten. Am nächsten Tag streikten die Studenten, die Theater schlossen sich an, und binnen zwei Wochen brach ein Regime zusammen, das vierzig Jahre lang unerschütterlich gewirkt hatte.
Bleib einen Moment stehen und schau, wer hier eine Kerze anzündet: Rentner, Schulklassen, junge Paare, die damals noch gar nicht geboren waren. Die Hände an der Wand sind blank gerieben von all den Händen, die sie berührt haben. Geh jetzt die Národní hinunter Richtung Moldau. Das goldene Dach am Ende der Straße gehört dem Haus, in dem die Revolution ihre Stimme fand.
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9. Nationaltheater: Die Nation sich selbst
Národní 2, 110 00 Praha 1, Czechia
Vor dir glänzt das goldene Dach des Nationaltheaters über der Moldau, und gegenüber, an der Ecke, siehst du die Fenster des Café Slavia. Über dem Bühnenportal im Inneren steht in goldenen Buchstaben Národ sobě, die Nation sich selbst. Das ist keine Floskel, sondern eine Quittung.
Im 19. Jahrhundert wollten die Tschechen endlich eine eigene große Bühne, im deutsch dominierten Prag. Das Geld dafür sammelten sie selbst, bei Bauern, Dienstmädchen, Handwerkern und Fabrikanten, in Groschen und in Gulden. Die Pläne zeichnete Josef Zítek, und die besten Maler und Bildhauer des Landes schmückten den Bau aus, man nennt sie bis heute die Generation des Nationaltheaters. Die Grundsteine kamen aus allen Landesteilen, von Bergen, die in Sagen und Geschichte eine Rolle spielten.
Im August 1881, kurz nach den ersten Vorstellungen, brannte das Theater aus. Die Kuppel stürzte ein, und die Prager standen weinend am Ufer. Doch innerhalb weniger Wochen war wieder genug Geld gesammelt, mehr als vorher. 1883 öffnete das Theater ein zweites Mal, mit Smetanas Oper Libuše. Eine Nation, die einfach weitermachte.
Im kommunistischen Zeitalter war das Theater auch ein Ort der Demütigung. Im Januar 1977 wurden hier Künstler zusammengerufen, um eine Erklärung gegen die Charta 77 zu unterschreiben, die sogenannte Anticharta. Viele taten es, manche aus Angst, manche aus Bequemlichkeit, und einige haben es ihr Leben lang bereut.
Umso stärker war der November 1989. Nach dem 17. November traten die Schauspieler in den Streik. Statt Vorstellungen gab es auf den Bühnen ganz Prags Diskussionen, man las Erklärungen der Studenten vor, und das Publikum blieb bis tief in die Nacht. Das Bürgerforum selbst wurde am 19. November in einem kleinen Theater gegründet, dem Činoherní klub, und schlug sein Hauptquartier in den Räumen der Laterna Magika auf. Im Café Slavia gegenüber hatten die Dissidenten jahrelang an ihren Tischen gesessen, beobachtet von Spitzeln am Nebentisch. Geh jetzt ein Stück am Ufer entlang nach Süden, dann links durch die Myslíkova und die Na Zderaze hinauf zur Resslova. Genau an der Ecke steht eine Kirche mit einem Fenster voller Einschusslöcher.
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10. Kyrill-und-Method-Kathedrale: Die Krypta der Fallschirmspringer
Resslova 307/9a, 120 00 Praha 2, Czechia
Bleib auf dem Gehsteig der Resslova stehen und schau auf das kleine Kellerfenster an der Seitenwand der Kirche. Rund um die Öffnung ist der Stein von Einschüssen zerfurcht, Narben, die niemand ausgebessert hat. Darunter Gedenktafeln, Blumen, oft ein paar Kerzen. Die Kirche wurde in den 1730er Jahren als katholische Kirche des heiligen Karl Borromäus gebaut und gehört seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts der orthodoxen Kirche.
Ende Dezember 1941 sprangen zwei Soldaten der tschechoslowakischen Exilarmee aus einem britischen Flugzeug über dem besetzten Protektorat ab: der Slowake Jozef Gabčík und der Tscheche Jan Kubiš. Ihr Ziel war Reinhard Heydrich, stellvertretender Reichsprotektor und einer der Hauptorganisatoren des Holocaust. Am 27. Mai 1942 griffen sie in einer Kurve im Stadtteil Libeň seinen offenen Wagen an. Gabčíks Maschinenpistole versagte, doch Kubišs Bombe verwundete Heydrich schwer. Er starb am 4. Juni.
Die Rache der Nationalsozialisten war furchtbar. Am 10. Juni 1942 wurde das Dorf Lidice ausgelöscht, die Männer erschossen, die Frauen ins Konzentrationslager verschleppt, die meisten Kinder ermordet. Tausende wurden verhaftet und hingerichtet. Die Attentäter und fünf weitere Fallschirmspringer fanden Unterschlupf hier, in der Krypta dieser orthodoxen Kirche, versteckt mit Hilfe des Priesters und des Bischofs Gorazd.
Verraten wurden sie von Karel Čurda, selbst ein Fallschirmspringer, der sich der Gestapo stellte und die ausgesetzte Belohnung kassierte. Nach dem Krieg wurde er hingerichtet. Am frühen Morgen des 18. Juni 1942 umstellten Hunderte SS-Männer die Kirche. Stundenlang hielten sieben Männer stand, oben auf der Empore, dann unten in der Krypta. Die Feuerwehr wurde gerufen, um Wasser durch genau dieses Fenster hineinzupumpen. Am Ende überlebte keiner der sieben.
Bischof Gorazd und die Helfer wurden später hingerichtet. Heute ist die Krypta eine nationale Gedenkstätte, mit den Spuren der Kugeln an den Wänden. Es ist ein Ort, an dem man leise wird, auch als Deutscher, gerade als Deutscher. Geh jetzt die Resslova hinunter zum Fluss. Am Ufer steht ein Haus, das zu tanzen scheint, und mit ihm endet dieser Spaziergang.
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11. Tanzendes Haus: Havels Nachbar am Fluss
Jiráskovo náměstí 1981/6, 120 00 Praha 2, Czechia
Vor dir wiegt sich ein Gebäude im Wind... zumindest sieht es so aus. Ein gläserner Turm, der sich in der Taille zusammenzieht wie ein Kleid, lehnt sich an einen steinernen Partner mit einem Metallknäuel als Kopf. Die Prager nennen es Tančící dům, das Tanzende Haus, und die Architekten selbst nannten es Ginger und Fred.
Entworfen haben es der tschechische Architekt Vlado Milunić und der Amerikaner Frank Gehry, fertig wurde es 1996. Das Grundstück war seit dem Februar 1945 eine Lücke, als amerikanische Bomber Prag irrtümlich bombardierten. Ein halbes Jahrhundert lang stand hier nichts... und dann gleich so etwas.
Den Anstoß gab ein Nachbar. Im Haus direkt daneben, am Rašínovo nábřeží, lebte Václav Havel, in einem Gebäude, das sein Großvater gebaut hatte. Havel liebte die Idee, an diesem leeren Platz etwas Mutiges zu errichten, ein Haus, das nach Freiheit aussieht und nicht nach Plan. Viele Prager waren entsetzt, ein dekonstruktivistischer Glasbau zwischen den Gründerzeitfassaden des Ufers, das ging vielen zu weit. Heute gehört es zu den meistfotografierten Gebäuden der Stadt.
Denk an den Weg, den du heute gegangen bist: vom Funkhaus, um das 1968 Barrikaden brannten, über das Kreuz für Jan Palach und den Balkon, auf dem Dubček und Havel standen, bis zu den Händen an der Národní und der Krypta voller Einschüsse. Und jetzt ein Haus, das tanzt. Am 29. Dezember 1989 wurde Havel zum Präsidenten gewählt, der Gefangene vom Frühjahr war zum Staatsoberhaupt geworden.
Havel hat sinngemäß gesagt, dass Hoffnung nicht die Überzeugung sei, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Ich finde, dieses schiefe, fröhliche Gebäude ist die beste Illustration dafür. Von der Dachterrasse hast du einen weiten Blick über die Moldau bis zur Burg. Und wenn du dich jetzt an einer Stelle Prags wiederfindest, an der du einen Moment innehalten willst... dann ist dieser Spaziergang genau richtig zu Ende gegangen.