Neues Gebäude des Nationalmuseums: Parlament und Radio Free Europe
Why is it significant?
Vor dir steht ein seltsamer Zwitter: unten ein strenger Steinbau aus den dreißiger Jahren, darüber, wie auf Stelzen, ein riesiger Kasten aus Glas und Metall. Prager haben dafür jede Menge Spitznamen erfunden, die wenigsten davon freundlich.
Key Facts
| Place | Neues Gebäude des Nationalmuseums: Parlament und Radio Free Europe |
|---|---|
| Address | Vinohradská 1, 110 00 Praha 1, Czechia |
| Geo Coordinates | 50.07960, 14.43300 |
| Part of Walk | Panzer, Kerzen und Schlüsselbunde: Prag 1968 und 1989 rund um den Wenzelsplatz |
| Generated | Generated |
Vor dir steht ein seltsamer Zwitter: unten ein strenger Steinbau aus den dreißiger Jahren, darüber, wie auf Stelzen, ein riesiger Kasten aus Glas und Metall. Prager haben dafür jede Menge Spitznamen erfunden, die wenigsten davon freundlich. Aber kaum ein Gebäude der Stadt hat so oft die Seiten gewechselt.
Unten ist die alte Prager Börse, eröffnet Ende der dreißiger Jahre. Kaum fertig, wurde sie von der Geschichte überrollt: Münchner Abkommen, Besatzung, Krieg. Und nach 1948 brauchte der Kommunismus keine Börse mehr. Also setzte der Architekt Karel Prager in den sechziger und frühen siebziger Jahren den gläsernen Aufbau obendrauf, und hier tagte ab 1973 das Parlament der Tschechoslowakei, die Föderalversammlung. Ein Parlament, das in jenen Jahren fast immer einstimmig abstimmte.
Dann kam 1989, und dieselben Säle erlebten plötzlich echte Politik. Am 29. Dezember 1989 wählten die Abgeordneten dieser Föderalversammlung, viele noch aus der alten Zeit, den Dissidenten Václav Havel zum Präsidenten, feierlich auf der Burg im Wladislawsaal. Und am 25. November 1992 stimmte die Föderalversammlung hier über ihr eigenes Ende ab: die friedliche Teilung in Tschechien und die Slowakei, zum 1. Januar 1993. Eine Scheidung ohne Schuss, ohne Volksabstimmung, beschlossen in diesem Glaskasten.
Und jetzt die schönste Pointe: 1995 zog in das leere Parlament ausgerechnet Radio Free Europe ein, der amerikanisch finanzierte Sender, der jahrzehntelang aus München in die Ostblockstaaten gesendet hatte und den die kommunistischen Regime mit Störsendern bekämpften. Die Stimme, die man früher heimlich unter der Bettdecke hörte, sendete jetzt aus dem ehemaligen Machtzentrum. Nach dem 11. September 2001 galt der Sender als mögliches Anschlagsziel, Polizei und Sperren standen vor der Tür, und 2009 zog er in einen besser gesicherten Neubau weiter draußen.
Seit 2009 gehört das Gebäude zum Nationalmuseum, und ein unterirdischer Gang verbindet es mit dem historischen Haupthaus nebenan. Die Magistrale davor, eine der lautesten Straßen Prags, schneidet den Wenzelsplatz bis heute von seinem Museum ab, auch ein Erbe der siebziger Jahre. Geh jetzt hinüber zum großen Kuppelbau mit der breiten Freitreppe. In seiner Fassade stecken Spuren des August 1968.