Prag zwischen Jugendstil und Kubismus: Kuppeln, Kristallhäuser und ein Café aus Prismen

Vom Fanta-Bahnhof über Muchas Prag und das Gemeindehaus bis zum kubistischen Haus zur Schwarzen Muttergottes: wie Prag um 1900 Wien Konkurrenz machte und einen Baustil erfand, den es nirgendwo sonst gibt

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  1. 1. Hauptbahnhof: das Fanta-Gebäude

    Wilsonova 300/8, 120 00 Praha 2, Czechia

    Stell dich vor die große Halbkuppel aus Glas und Eisen, eingerahmt von zwei Türmen, die eher nach Märchenschloss aussehen als nach Fahrkartenschalter. Das ist das Fanta-Gebäude, das alte Herz des Prager Hauptbahnhofs... und der perfekte Startpunkt für die wildesten zwanzig Jahre der Prager Architektur.

    Gebaut wurde es zwischen 1901 und 1909 nach Plänen des Architekten Josef Fanta, und getauft wurde es ganz loyal auf den Namen des Kaisers: Franz-Josephs-Bahnhof. Aber schau genau hin. Frauenfiguren, die aus den Pfeilern wachsen, Blütenranken, goldene Buchstaben, weich geschwungene Linien. Das ist nicht kaiserlich-steif, das ist Jugendstil mit tschechischem Selbstbewusstsein. In Prag sagt man dazu übrigens Secese, nach der Wiener Secession, und schon dieses Wort verrät, wohin die jungen Architekten damals schielten.

    Keine zehn Jahre nach der Fertigstellung war der Kaiser Geschichte. Die junge Tschechoslowakei benannte den Bahnhof nach dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der ihre Unabhängigkeit unterstützt hatte. Die deutschen Besatzer ließen sein Denkmal vor dem Bahnhof 1941 entfernen. Und von diesen Gleisen fuhren 1939 die Züge ab, mit denen der Brite Nicholas Winton mehr als 600 meist jüdische Kinder nach England in Sicherheit brachte. Auf einem der Bahnsteige erinnert heute eine Statue an ihn, und seit 2011 steht auch Wilson wieder im Park vor dem Gebäude.

    Dann kamen die Siebzigerjahre. Die Kommunisten bauten eine neue, flache Abfertigungshalle unter den Park und ließen direkt vor Fantas Fassade eine Stadtautobahn vorbeidonnern. Jahrzehntelang huschten Reisende durch das Untergeschoss zum Zug und sahen den alten Bau kaum noch. Erst die Restaurierungen der letzten Jahre haben die Kuppelhalle mit ihren Malereien wieder ins Licht geholt. Heute kannst du dort wieder einen Kaffee trinken, unter Jugendstilmalereien, während unter dir die Fernzüge nach Berlin, Wien und Budapest abfahren.

    Merk dir dieses Spannungsfeld: Kaiser gegen Nation, Wien gegen Prag, Ornament gegen Moderne. Es begleitet uns den ganzen Weg. Geh jetzt durch den Park nach Westen und dann in die Jindřišská. Dort wartet ein Turm, der gut 400 Jahre älter ist als dieser Bahnhof... und trotzdem ein heimlicher Lehrer der Prager Avantgarde war.

  2. 2. Heinrichsturm (Jindřišská věž)

    Jindřišská, 110 00 Praha 1, Czechia

    Leg den Kopf in den Nacken: Vor dir steigt ein schlanker, dunkler Turm auf, gekrönt von einem spitzen Helm mit vier kleinen Ecktürmchen. Er gehört zur Kirche St. Heinrich und Kunigunde, steht aber ganz allein, als hätte er sich mit ihr gestritten.

    Der Heinrichsturm, auf Tschechisch Jindřišská věž, wurde in den 1470er-Jahren als Glockenturm errichtet. Die Kirche daneben ist noch älter, sie gehörte zur Neustadt, die Karl IV. 1348 gründete. Mit seinen knapp siebzig Metern ist der Turm der höchste freistehende Glockenturm Prags. Seine Glocken riefen die Bewohner der Neustadt zum Gottesdienst und warnten sie bei Feuer. Er überstand Brände, Kriege und Belagerungen, und nach einer gründlichen Sanierung um das Jahr 2000 kann man heute sogar in seinen Stockwerken herumsteigen.

    Aber warum beginnt eine Tour über Jugendstil und Kubismus bei einem gotischen Turm? Weil die jungen Prager Architekten um 1910 genau solche Formen anstarrten. Die Kubisten wollten nicht einfach Picasso in Stein übersetzen. Sie suchten in der eigenen Stadt nach Energie: in gotischen Rippengewölben, in spitzen Turmhelmen, in den zackigen Formen des böhmischen Barock.

    1911 schrieb der Architekt Pavel Janák einen Aufsatz mit dem Titel Prisma und Pyramide. Seine These: Die Gotik habe die tote Materie bezwungen, indem sie sie nach oben riss, und die neue Architektur müsse dasselbe tun, mit schrägen Flächen, Kanten und Kristallformen. Schau dir den Helm über dir an, die Pyramide auf dem Prisma des Turms... und du verstehst, was er meinte. Ausgerechnet ein spätmittelalterlicher Glockenturm wird so zum Großvater eines ganz modernen Stils. Janák, Gočár und ihre Freunde zeichneten bald Fenster wie geschliffene Edelsteine und Fassaden, die aussehen, als stünden sie unter Spannung.

    Halte diese Linien im Kopf, wir begegnen ihnen bald wieder an Fassaden, Fenstern und sogar an einem Treppengeländer. Zuerst aber geht es zum Gegenpol, zur weichen, blumigen Seite der Zeit um 1900. Geh ein paar Schritte weiter in die Panská, eine kleine Seitengasse. Dort wohnt heute der berühmteste Jugendstil-Künstler Tschechiens.

  3. 3. Mucha-Museum im Palais Kaunitz

    Panská 890/7, 110 00 Praha 1, Czechia

    Ein eleganter Barockpalast in einer stillen Gasse, und im Fenster blicken dich Frauen mit wallendem Haar und Blumenkränzen an. Diese Gesichter kennst du, selbst wenn du den Namen noch nie gehört hast. Sie stammen von Alfons Mucha, und das Palais Kaunitz beherbergt seit 1998 sein Museum.

    Mucha wurde 1860 im mährischen Ivančice geboren, und sein Weg führte erst einmal über den deutschsprachigen Raum. Als junger Mann malte er in Wien Theaterdekorationen, bis der verheerende Brand des Ringtheaters 1881 seinem Arbeitgeber die Aufträge raubte. Ein adeliger Gönner schickte ihn dann an die Kunstakademie nach München. Von dort ging es nach Paris, wo er jahrelang mit Illustrationen über die Runden kam.

    Und dann die Wende, wie aus einem Film. Ende 1894 brauchte die Schauspielerin Sarah Bernhardt über die Feiertage dringend ein Plakat für ihr Stück Gismonda. Alle etablierten Grafiker waren im Urlaub, nur Mucha war da. Er entwarf ein schmales, fast lebensgroßes Plakat in Pastelltönen, und als es Anfang 1895 in Paris hing, schnitten Sammler es nachts von den Wänden. Bernhardt gab ihm einen Vertrag über sechs Jahre, und bald sprach man in Paris vom Mucha-Stil.

    Doch Mucha wollte mehr sein als der Mann für hübsche Reklame. Er kehrte nach Böhmen zurück, malte zwischen 1910 und 1928 das Slawische Epos, zwanzig riesige Leinwände, und entwarf für die junge Tschechoslowakei die ersten Briefmarken und Banknoten. Im März 1939, gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht, verhörte ihn die Gestapo. Er war schon krank und geschwächt, und wenige Monate später, im Juli 1939, starb er in Prag.

    Im Museum siehst du nicht nur die berühmten Plakate, sondern auch Skizzen, Fotos aus seinem Pariser Atelier und Pastelle, die viel dunkler sind, als man von ihm erwartet. Wenn du danach noch mehr Mucha willst: Ein paar hundert Meter weiter hat er einen ganzen Saal ausgemalt. Geh die Panská nach Norden bis zur Na Příkopě und dann rechts in die Hybernská, zu einem der ersten Jugendstilbauten der Stadt.

  4. 4. Hotel Central in der Hybernská

    Hybernská 1001/10, 110 00 Praha 1, Czechia

    Such an der Hausfront nach einem Baum: Über die Fassade breitet sich ein stuckierter Lebensbaum aus, mit Ästen, Blättern und goldenen Akzenten, als wäre das Haus von innen heraus gewachsen. Das ist das ehemalige Hotel Central, und wenn man es streng nimmt, beginnt hier der Prager Jugendstil.

    Das Haus entstand um 1900 nach Entwürfen von Friedrich Ohmann, gemeinsam mit seinen Schülern Alois Dryák und Bedřich Bendelmayer. Ohmann, geboren in Lemberg, lehrte damals an der Prager Kunstgewerbeschule und brachte die neuen Ideen direkt aus dem Umfeld der Wiener Moderne mit. Wenig später zog er selbst nach Wien. Dort baute er unter anderem das Palmenhaus im Burggarten, das du vielleicht schon einmal gesehen hast, ohne zu wissen, dass sein Architekt in Prag geübt hatte.

    Diese Verbindung nach Wien ist der rote Faden der ganzen Epoche. Jan Kotěra, der wichtigste tschechische Architekt der Zeit, hatte in Wien bei Otto Wagner studiert, dem großen Lehrer der Secession. 1898 kam er zurück nach Prag und unterrichtete an derselben Kunstgewerbeschule. Er und seine Schüler übernahmen von Wagner die Lust am Neuen, aber sie wollten bald etwas Eigenes. Viele der späteren Kubisten saßen in Kotěras Ateliers.

    Und die Hybernská hat noch mehr Geschichten. Ihr Name erinnert an irische Franziskaner, die Hibernier, die hier im 17. Jahrhundert ein Kloster hatten. Und auf der anderen Straßenseite, im Haus Nummer 7, trafen sich im Januar 1912 russische Sozialdemokraten zu einer Konferenz, auf der Lenin seine Bolschewiki als eigene Partei organisierte. Zu kommunistischen Zeiten war dort deshalb ein Lenin-Museum. Ein Jugendstil-Hotel, irische Mönche und die Vorgeschichte der Russischen Revolution, alles in einer einzigen Prager Straße.

    Das Hotel selbst hat viele Besitzer und Umbauten erlebt, aber die Fassade mit ihrem Baum blieb. Jetzt machen wir einen Sprung von der Blüte zur Kante, von 1900 zu den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Geh ein Stück die Hybernská nach Osten und dann links durch die Havlíčkova hinauf zur Straße Na Poříčí, zu einer Bank, die aussieht wie ein Denkmal.

  5. 5. Palais der Legiobank

    Na Poříčí 1046/24, 110 00 Praha 1, Czechia

    Vor dir steht ein Bankgebäude, das aussieht, als hätte jemand eine Festung aus Walzen und Halbkreisen gebaut: dicke Rundungen, rot und weiß, darüber steinerne Soldaten mit Helmen. Das ist das Palais der Legiobank, und es erzählt von einem Krieg, der für die Tschechen ganz anders endete als für Österreich.

    Im Ersten Weltkrieg liefen viele Tschechen und Slowaken aus der österreichisch-ungarischen Armee über oder gerieten in Gefangenschaft. In Russland, Frankreich und Italien bildeten sie eigene Einheiten, die Tschechoslowakischen Legionen, und kämpften gegen ihren alten Kaiser. Die Legionäre in Russland schlugen sich nach der Revolution quer durch Sibirien bis Wladiwostok durch und kehrten zum Teil erst über die Weltmeere heim. Für sie wurde 1919 die Legiobank gegründet, eine Bank für die Ersparnisse der Heimkehrer. Viele Legionäre wurden später Offiziere, Beamte und Politiker des neuen Staates, und ihre Bank sollte zeigen, dass man ihnen etwas verdankte.

    Das Gebäude entwarf Josef Gočár Anfang der 1920er-Jahre, und jetzt siehst du, wie sich der Kubismus verwandelt hat. Vor dem Krieg waren es scharfe Kanten und Kristalle. Nach 1918 wollte man einen Nationalstil für den neuen Staat, und die Kanten wurden zu Bögen, Kreisen und Zylindern. Man nannte das Rondokubismus, und die Farben Rot und Weiß sind kein Zufall.

    Die Figuren der Legionäre an der Fassade schuf der Bildhauer Jan Štursa, und das umlaufende Relief stammt von Otto Gutfreund. Gutfreund war selbst einer der ersten kubistischen Bildhauer überhaupt, und er hatte den Krieg in der französischen Fremdenlegion erlebt. Schau dir den Fries genau an, er erzählt von Abschied, Kampf und Heimkehr, in Formen, die halb Kubismus und halb Volkskunst sind. Drinnen liegt eine Schalterhalle unter einer Glasdecke, eine der schönsten Bankhallen Prags.

    Ein Bankgebäude als Kriegerdenkmal, ein avantgardistischer Stil als Staatssymbol, das ist Prag in den Zwanzigern. Jetzt gehen wir zurück in die Zeit vor dem Krieg, zum größten Jugendstilbau der Stadt. Geh die Na Poříčí nach Westen bis zum Platz der Republik. Dort steht ein Palast, den die Prager ihrer Stadt selbst geschenkt haben.

  6. 6. Gemeindehaus und Pulverturm

    Náměstí Republiky 1090/5, 110 00 Praha 1, Czechia

    Hier stehen zwei Epochen Schulter an Schulter: links der dunkle, gotische Pulverturm, rechts das Gemeindehaus, Obecní dům, mit seiner goldenen Kuppel und einem riesigen Mosaik über dem Eingang. Das Mosaik heißt Huldigung an Prag, und genau das ist das ganze Gebäude: eine Liebeserklärung in Stein, Glas und Gold.

    Fang beim Turm an. Seinen Grundstein legte man 1475, als Stadttor neben dem Königshof, in dem die böhmischen Könige damals wohnten. Doch 1484 zog König Wladislaw zurück auf die Burg, und der Turm blieb ein halbfertiger Stumpf. Im 17. Jahrhundert lagerte man darin Schießpulver, daher der Name, und seine heutige neugotische Spitze bekam er erst im 19. Jahrhundert von Josef Mocker.

    Auf dem Grund des alten Königshofs ließ die Stadt Prag dann zwischen 1905 und 1912 das Gemeindehaus bauen, nach Plänen von Antonín Balšánek und Osvald Polívka. Und hier steckt eine kleine Spitze gegen die Deutschen: Ein paar Schritte entfernt, an der Straße Na Příkopě, hatte die deutschsprachige Oberschicht ihr Deutsches Haus. Die tschechische Stadtverwaltung wollte ein eigenes, noch prächtigeres Gesellschaftshaus. Fast alle bedeutenden tschechischen Künstler der Zeit arbeiteten mit, Maler, Bildhauer, Glaskünstler und Kunstschmiede, und Alfons Mucha malte den Bürgermeistersaal aus. Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Lexikon der tschechischen Kunst um 1910.

    Im Inneren liegt der Smetana-Saal, der große Konzertsaal. Hier wurde am 28. Oktober 1918 die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei verkündet. Und jedes Jahr am 12. Mai, dem Todestag Bedřich Smetanas, eröffnet hier traditionell das Festival Prager Frühling mit seinem Zyklus Mein Vaterland. Im Erdgeschoss findest du ein Café und ein Restaurant, beide mit originaler Jugendstil-Ausstattung, Lüstern, Messing und Spiegeln. Das Café mit seinen hohen Fenstern gehört bis heute zu den schönsten Orten Prags für eine Tasse Kaffee.

    Der Jugendstil hatte damit in Prag seinen Höhepunkt erreicht... und gleichzeitig sein Ende. Denn während hier noch Gold aufgetragen wurde, zeichneten junge Architekten schon an etwas ganz anderem. Geh durch den Pulverturm hindurch in die Celetná. Nach wenigen Schritten siehst du links, an der Ecke zum Obstmarkt, das Ergebnis.

  7. 7. Haus zur Schwarzen Muttergottes

    Ovocný trh 569/19, 110 00 Praha 1, Czechia

    An der Ecke der Celetná steht ein Haus, das auf den ersten Blick ganz brav wirkt, bis du die Fenster siehst: Ihre Rahmen sind gekippt, gefaltet, wie geschliffene Kristalle. Und an der Ecke, hinter einem vergoldeten Gitter, steht eine kleine schwarze Madonna aus der Barockzeit. Willkommen im Haus zur Schwarzen Muttergottes.

    Josef Gočár baute es 1911 und 1912 als Kaufhaus, und es war eines der ersten kubistischen Gebäude der Welt. Bedenke: Picasso und Braque hatten den Kubismus nur ein paar Jahre zuvor in Paris erfunden, als Malerei. Nur in Prag kam jemand auf die Idee, daraus Häuser, Möbel, Lampen und Kaffeetassen zu machen. Gočár gehörte zu einer Gruppe junger Künstler, die sich 1911 zusammentat und genau das ausprobieren wollte. Unter der Fassade steckt übrigens ein modernes Skelett aus Stahlbeton. Die schrägen Kanten sind also keine statische Notwendigkeit, sondern reiner künstlerischer Wille.

    Das Erstaunliche ist, wie respektvoll dieses revolutionäre Haus mit der Altstadt umgeht. Es hält die Höhe der Nachbarn ein, es übernimmt die Madonna vom barocken Vorgängerhaus und behält sogar dessen Namen. Avantgarde, aber mit guten Manieren... das ist typisch Prag.

    Jetzt geh hinein und die Treppe hinauf. Das Geländer allein ist schon ein Kunstwerk, ein Spiel aus Kanten und Winkeln. Im ersten Stock liegt das Grand Café Orient, das als einziges kubistisches Café-Interieur der Welt gilt. Es schloss schon in den 1920er-Jahren, weil die Mode sich schneller drehte als die Kaffeemühle, und wurde erst 2005 nach alten Plänen und Fotos rekonstruiert. Die Lampen, die Garderobe, sogar die Griffe: alles Prismen und Facetten. Ein Stück Kuchen schmeckt hier ein bisschen geometrischer.

    Kaum war der Stil geboren, kam der Erste Weltkrieg, und danach wurde der Kubismus rund und rot-weiß, wie du an der Legiobank gesehen hast. Die reine, kristalline Phase dauerte also nur wenige Jahre. Deshalb ist jedes dieser Häuser eine kleine Kostbarkeit. Geh jetzt die Celetná hinunter zum Altstädter Ring, überquere ihn und biege rechts in die Pařížská ein, die Pariser Straße.

  8. 8. Pařížská: der Boulevard der Assanierung

    Pařížská, 110 00 Praha 1, Czechia

    Schau die Pařížská entlang: eine breite Allee, Türmchen und Erker, Balkone aus Schmiedeeisen, goldene Mosaike über den Eingängen und darunter die Schaufenster der teuersten Modemarken der Stadt. Man könnte meinen, du stündest in Paris. Genau das war die Absicht.

    Bis in die 1890er-Jahre lag hier ein Gewirr enger Gassen, die Josefstadt, das alte jüdische Viertel. Seit der Emanzipation durften Juden auch anderswo wohnen, und viele wohlhabende Familien waren längst weggezogen. Zurück blieben die Ärmsten, jüdische wie christliche, in feuchten, überfüllten Häusern ohne Kanalisation, und Krankheiten wie Typhus kehrten immer wieder. Die Stadt beschloss 1893 eine radikale Sanierung, die man Assanierung nannte: fast das ganze Viertel wurde abgerissen.

    Verschont blieben das Rathaus, der alte Friedhof und einige Synagogen. Alles andere verschwand, Hunderte Häuser in wenigen Jahren. Auf dem neuen Straßenraster entstanden Mietshäuser für das wohlhabende Bürgertum, viele im Jugendstil, manche im Stil der Neogotik oder des Neobarock. Die Hauptachse hieß zunächst Mikulášská, nach der Kirche St. Nikolaus am Altstädter Ring, und erst 1926 bekam sie ihren französischen Namen. Auf dem alten Grund wuchs in wenigen Jahrzehnten eine ganz neue Stadt, und nur die Synagogen verraten noch die Maße des einstigen Ghettos.

    Achte auf die Details: Frauenköpfe im Stuck, Eulen, Sonnenblumen, Glasmosaike, Hausnummern in verspielter Schrift. Schau auch nach oben: Viele Dächer tragen Türmchen und Kuppeln, die keine andere Aufgabe haben, als von der Straße aus bewundert zu werden. Jeder Bauherr wollte seinen Nachbarn übertrumpfen, und so wurde die Pařížská zu einem Freilichtmuseum des späten Historismus und frühen Jugendstils. Und das Paradox ist schwer zu übersehen: Wo einst das ärmste Viertel Prags stand, liegt heute seine teuerste Einkaufsstraße.

    Kritiker trauerten schon damals um das alte Prag, und Schriftsteller verklärten das verschwundene Ghetto später als Ort voller Geheimnisse. Die Sanierung brachte Licht und Wasser, aber sie löschte auch eine jahrhundertealte Welt aus. Beides ist wahr. Geh jetzt ein kleines Stück weiter nach Norden und bieg rechts in die Elišky Krásnohorské ein. Dort warten Häuser, die überhaupt nicht nach Paris aussehen.

  9. 9. Kubistische Häuser in der Elišky Krásnohorské

    Elišky Krásnohorské 123/10, 110 00 Praha 1, Czechia

    Mitten in der Josefstadt, zwischen glatten Gründerzeitfassaden, stehen plötzlich Häuser mit Zacken: Gesimse wie gefaltetes Papier, Fenster unter spitzen Giebeln, Wandflächen, die schräg ins Licht kippen. Du stehst vor den kubistischen Wohnhäusern in der Straße Elišky Krásnohorské.

    Entworfen hat sie Otakar Novotný, ein Schüler von Jan Kotěra, also ein Enkelschüler Otto Wagners, wenn man so will. Gebaut wurden sie um 1920 für eine Wohnungsgenossenschaft von Lehrern. Das ist das Spannende: Während an der Pařížská reiche Bürger mit Stuck prahlten, bauten hier Lehrer gemeinsam ihre Wohnungen, und sie entschieden sich für die Avantgarde.

    Tritt einen Schritt zurück und schau, wie die Fassade arbeitet. Die Kubisten wollten, dass eine Mauer nicht mehr flach und tot wirkt, sondern so, als würde eine Kraft von innen gegen sie drücken. Deshalb die Schrägen, die Kanten, die tiefen Schatten. Bei Sonne verändert sich das Haus von Stunde zu Stunde, weil jede Fläche das Licht anders fängt. Und bemerkenswert ist auch, wie gut sich diese radikalen Häuser in eine ganz normale Straßenzeile einfügen. Vergleiche sie mit den Häusern an der Pařížská, nur ein paar Schritte entfernt: Dort fließt das Ornament wie eine Pflanze über die Wand, hier wird die Wand selbst zum Ornament. Zwei Antworten auf die Frage, wie ein modernes Haus aussehen soll, im Abstand von kaum fünfzehn Jahren.

    Die Straße selbst trägt den Namen von Eliška Krásnohorská, einer bemerkenswerten Frau. Sie schrieb die Libretti zu mehreren Opern von Bedřich Smetana, darunter Der Kuss. Und sie gründete 1890 in Prag das Mädchengymnasium Minerva, das erste Gymnasium für Mädchen in ganz Österreich-Ungarn. Eine Vorkämpferin der Bildung, in einer Straße mit Häusern für Lehrer, das passt ziemlich gut.

    Übrigens: Der tschechische Kubismus war so eigen, dass Architekturhistoriker aus aller Welt nach Prag kommen, um ihn zu sehen. Anderswo gibt es ihn kaum. Jetzt geht es zum Fluss. Geh weiter Richtung Norden bis zum Ende der Pařížská. Dort spannt sich eine Brücke über die Moldau, die eine einzige Jugendstil-Skulptur ist.

  10. 10. Čech-Brücke (Čechův most)

    Čechův most, 110 00 Praha 1, Czechia

    Spür den Wind von der Moldau: Du stehst auf einer kurzen, eleganten Brücke, an deren Enden hohe Säulen mit bronzenen Figuren aufragen, die Fackeln in den Himmel halten. Das ist die Čech-Brücke, und sie ist die einzige Brücke Prags, die ganz im Jugendstil gestaltet wurde.

    Gebaut wurde sie zwischen 1905 und 1908 nach einem Entwurf des Architekten Jan Koula. Mit rund 170 Metern ist sie die kürzeste Moldaubrücke der Stadt, aber sicher die verspielteste. Schau dir die Laternen an, die Geländer, die Wappen und die Figuren an den Pfeilern. Kein Detail ist einfach nur praktisch. Benannt ist sie nach dem Dichter Svatopluk Čech, dessen satirische Romanfigur Herr Brouček sogar auf den Mond reiste. Heute rumpeln Straßenbahnen über die Brücke, und die Bronzefiguren wirken zwischen Oberleitungen und Autos wie Gäste aus einer anderen Zeit.

    Die Brücke sollte eigentlich der Anfang von etwas viel Größerem sein. Die Planer der Assanierung träumten davon, die neue Pariser Straße über den Fluss hinweg bis auf den Hügel gegenüber zu verlängern, notfalls mit einem Tunnel. Daraus wurde nie etwas, und so endet die Prachtachse heute etwas abrupt am Fuß eines steilen Hangs.

    Und dieser Hang hat seine eigene Geschichte. Schau hinauf zur Letná-Anhöhe, wo sich ein riesiges Metronom bewegt. An dieser Stelle stand von 1955 an ein gewaltiges Stalin-Denkmal, die größte Stalin-Statuengruppe Europas. Nach Chruschtschows Abrechnung mit Stalin wurde sie peinlich, und 1962 sprengte man sie. Seit 1991 schwingt dort oben das Metronom, als Zeichen dafür, dass die Zeit weiterläuft. Kaum ein Ort in Prag zeigt die Brüche des 20. Jahrhunderts so deutlich.

    Am anderen Ufer steht, ein Stück flussaufwärts, ein großer Bau mit Kuppel am Wasser: Dort hat die tschechische Regierung ihren Sitz. Von hier aus siehst du flussaufwärts auch schon unser letztes Ziel, einen mächtigen Bau mit Säulen und Statuen am Ufer. Geh zurück aufs Altstadtufer und dann am Fluss entlang nach Süden. Der Weg führt dich zu dem Gebäude, gegen das die ganze Jugendstil-Generation rebellierte.

  11. 11. Rudolfinum

    Alšovo nábřeží 79/12, 110 00 Praha 1, Czechia

    Zum Schluss stehst du vor einem Palast, der alles verkörpert, wogegen die Jugendstilkünstler rebellierten: Säulen, Balustraden, symmetrische Flügel, ganz in der Sprache der italienischen Renaissance. Das ist das Rudolfinum, und auf seinem Dach stehen Statuen berühmter Komponisten in Reih und Glied.

    Gebaut wurde es zwischen 1876 und 1884 nach Plänen von Josef Zítek und Josef Schulz, finanziert von der Böhmischen Sparkasse und benannt nach Kronprinz Rudolf. Für die Generation von Kotěra und Gočár war genau dieser Stil das Problem: schön, gelehrt, aber eine Verkleidung, die mit dem Zweck des Gebäudes wenig zu tun hatte. Ohne das Rudolfinum gäbe es also keine Revolte, keinen Jugendstil und keine Kristallhäuser. Dabei war die Idee durchaus modern: Musik und bildende Kunst sollten unter einem Dach wohnen, und bis heute zeigt die Galerie Rudolfinum im zweiten Flügel zeitgenössische Kunst.

    Und doch ist es ein Haus voller Musik. Am 4. Januar 1896 gab hier die Tschechische Philharmonie ihr erstes Konzert, am Pult stand Antonín Dvořák. Der Dvořák-Saal ist bis heute ihr Zuhause. Zwischen den Weltkriegen tagte im Rudolfinum sogar das Parlament der Tschechoslowakei.

    Während der deutschen Besatzung übernahmen die Besatzer das Haus. Der Schriftsteller Jiří Weil erzählt in seinem Roman Mendelssohn ist auf dem Dach eine bittere Geschichte: Die Besatzer wollen die Statue des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy entfernen, doch die Arbeiter wissen nicht, welche Figur er ist. Man befiehlt ihnen, den mit der größten Nase herunterzuholen, und beinahe trifft es Richard Wagner. Ein Roman, keine Chronik, aber eine Geschichte, die von der Absurdität des Rassenwahns mehr erzählt als manches Lehrbuch.

    Damit schließt sich der Kreis. Vom Kaiserbahnhof über Muchas Frauen, die goldene Kuppel des Gemeindehauses und das kristalline Café bis zu diesem Tempel der Musik... Prag hat in wenigen Jahrzehnten drei Stile nebeneinander gestellt und keinen davon abgerissen. Setz dich auf die Stufen, schau auf den Fluss und die Burg, und lass die Stadt noch ein bisschen nachklingen.