Pařížská: der Boulevard der Assanierung
Why is it significant?
Schau die Pařížská entlang: eine breite Allee, Türmchen und Erker, Balkone aus Schmiedeeisen, goldene Mosaike über den Eingängen und darunter die Schaufenster der teuersten Modemarken der Stadt. Man könnte meinen, du stündest in Paris. Genau das war die Absicht.
Key Facts
| Place | Pařížská: der Boulevard der Assanierung |
|---|---|
| Address | Pařížská, 110 00 Praha 1, Czechia |
| Geo Coordinates | 50.08930, 14.41880 |
| Part of Walk | Prag zwischen Jugendstil und Kubismus: Kuppeln, Kristallhäuser und ein Café aus Prismen |
| Generated | Generated |
Schau die Pařížská entlang: eine breite Allee, Türmchen und Erker, Balkone aus Schmiedeeisen, goldene Mosaike über den Eingängen und darunter die Schaufenster der teuersten Modemarken der Stadt. Man könnte meinen, du stündest in Paris. Genau das war die Absicht.
Bis in die 1890er-Jahre lag hier ein Gewirr enger Gassen, die Josefstadt, das alte jüdische Viertel. Seit der Emanzipation durften Juden auch anderswo wohnen, und viele wohlhabende Familien waren längst weggezogen. Zurück blieben die Ärmsten, jüdische wie christliche, in feuchten, überfüllten Häusern ohne Kanalisation, und Krankheiten wie Typhus kehrten immer wieder. Die Stadt beschloss 1893 eine radikale Sanierung, die man Assanierung nannte: fast das ganze Viertel wurde abgerissen.
Verschont blieben das Rathaus, der alte Friedhof und einige Synagogen. Alles andere verschwand, Hunderte Häuser in wenigen Jahren. Auf dem neuen Straßenraster entstanden Mietshäuser für das wohlhabende Bürgertum, viele im Jugendstil, manche im Stil der Neogotik oder des Neobarock. Die Hauptachse hieß zunächst Mikulášská, nach der Kirche St. Nikolaus am Altstädter Ring, und erst 1926 bekam sie ihren französischen Namen. Auf dem alten Grund wuchs in wenigen Jahrzehnten eine ganz neue Stadt, und nur die Synagogen verraten noch die Maße des einstigen Ghettos.
Achte auf die Details: Frauenköpfe im Stuck, Eulen, Sonnenblumen, Glasmosaike, Hausnummern in verspielter Schrift. Schau auch nach oben: Viele Dächer tragen Türmchen und Kuppeln, die keine andere Aufgabe haben, als von der Straße aus bewundert zu werden. Jeder Bauherr wollte seinen Nachbarn übertrumpfen, und so wurde die Pařížská zu einem Freilichtmuseum des späten Historismus und frühen Jugendstils. Und das Paradox ist schwer zu übersehen: Wo einst das ärmste Viertel Prags stand, liegt heute seine teuerste Einkaufsstraße.
Kritiker trauerten schon damals um das alte Prag, und Schriftsteller verklärten das verschwundene Ghetto später als Ort voller Geheimnisse. Die Sanierung brachte Licht und Wasser, aber sie löschte auch eine jahrhundertealte Welt aus. Beides ist wahr. Geh jetzt ein kleines Stück weiter nach Norden und bieg rechts in die Elišky Krásnohorské ein. Dort warten Häuser, die überhaupt nicht nach Paris aussehen.