Hauptbahnhof: das Fanta-Gebäude
Why is it significant?
Stell dich vor die große Halbkuppel aus Glas und Eisen, eingerahmt von zwei Türmen, die eher nach Märchenschloss aussehen als nach Fahrkartenschalter.
Key Facts
| Place | Hauptbahnhof: das Fanta-Gebäude |
|---|---|
| Address | Wilsonova 300/8, 120 00 Praha 2, Czechia |
| Geo Coordinates | 50.08320, 14.43530 |
| Audio Duration | ~3 min |
| Part of Walk | Prag zwischen Jugendstil und Kubismus: Kuppeln, Kristallhäuser und ein Café aus Prismen |
| Generated | Generated |
Stell dich vor die große Halbkuppel aus Glas und Eisen, eingerahmt von zwei Türmen, die eher nach Märchenschloss aussehen als nach Fahrkartenschalter. Das ist das Fanta-Gebäude, das alte Herz des Prager Hauptbahnhofs... und der perfekte Startpunkt für die wildesten zwanzig Jahre der Prager Architektur. Gebaut wurde es zwischen 1901 und 1909 nach Plänen des Architekten Josef Fanta, und getauft wurde es ganz loyal auf den Namen des Kaisers: Franz-Josephs-Bahnhof. Aber schau genau hin. Frauenfiguren, die aus den Pfeilern wachsen, Blütenranken, goldene Buchstaben, weich geschwungene Linien. Das ist nicht kaiserlich-steif, das ist Jugendstil mit tschechischem Selbstbewusstsein. In Prag sagt man dazu übrigens Secese, nach der Wiener Secession, und schon dieses Wort verrät, wohin die jungen Architekten damals schielten. Keine zehn Jahre nach der Fertigstellung war der Kaiser Geschichte. Die junge Tschechoslowakei benannte den Bahnhof nach dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der ihre Unabhängigkeit unterstützt hatte. Die deutschen Besatzer ließen sein Denkmal vor dem Bahnhof 1941 entfernen. Und von diesen Gleisen fuhren 1939 die Züge ab, mit denen der Brite Nicholas Winton mehr als 600 meist jüdische Kinder nach England in Sicherheit brachte. Auf einem der Bahnsteige erinnert heute eine Statue an ihn, und seit 2011 steht auch Wilson wieder im Park vor dem Gebäude. Dann kamen die Siebzigerjahre. Die Kommunisten bauten eine neue, flache Abfertigungshalle unter den Park und ließen direkt vor Fantas Fassade eine Stadtautobahn vorbeidonnern. Jahrzehntelang huschten Reisende durch das Untergeschoss zum Zug und sahen den alten Bau kaum noch. Erst die Restaurierungen der letzten Jahre haben die Kuppelhalle mit ihren Malereien wieder ins Licht geholt. Heute kannst du dort wieder einen Kaffee trinken, unter Jugendstilmalereien, während unter dir die Fernzüge nach Berlin, Wien und Budapest abfahren. Merk dir dieses Spannungsfeld: Kaiser gegen Nation, Wien gegen Prag, Ornament gegen Moderne. Es begleitet uns den ganzen Weg. Geh jetzt durch den Park nach Westen und dann in die Jindřišská. Dort wartet ein Turm, der gut 400 Jahre älter ist als dieser Bahnhof... und trotzdem ein heimlicher Lehrer der Prager Avantgarde war.