Paris unter Glas: Louvre, Palais-Royal und die Passagen Walter Benjamins
Von der lauschenden Steinbüste vor Saint-Eustache durch den Keller der Könige, unter Napoleons Bogen und in den Garten der Revolution bis zu den gläsernen Passagen, in denen ein deutscher Philosoph das 19. Jahrhundert entzifferte
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1. Saint-Eustache: Die Kirche der Markthallen
2 Impasse Saint-Eustache, 75001 Paris, France
Bleib einen Moment neben dem riesigen Steinkopf stehen, der hier auf dem Pflaster liegt, die Wange in eine Hand gestützt, als würde er lauschen. Hinter ihm türmt sich Saint-Eustache auf, ein Koloss mit gotischem Skelett und Renaissance-Gewand, für viele Pariser die schönste Kirche der Stadt, die kaum ein Besucher auf dem Zettel hat.
Die Skulptur heißt L'Écoute, Das Zuhören, und der Bildhauer Henri de Miller hat sie 1986 hierhergelegt. Sie lauscht auf ein Viertel, das verschwunden ist. Denn bis in die 1970er Jahre standen gleich nebenan die Hallen, die großen Markthallen aus Eisen und Glas, die Émile Zola den Bauch von Paris nannte. Nachts rumpelten Karren mit Kohl, Fisch und Fleisch heran, und im Morgengrauen kamen die Marktleute in diese Kirche, ihre Kirche.
Gebaut wurde Saint-Eustache ab 1532, über hundert Jahre lang, und genau das sieht man ihr an. Der Grundriss ist der einer gotischen Kathedrale, mit Strebepfeilern und schwindelnd hohen Gewölben. Aber die Säulen tragen antike Kapitelle, als hätte sich ein Baumeister des Mittelalters unsterblich in Italien verliebt. Die Westfassade wurde erst im 18. Jahrhundert davorgesetzt, klassisch und streng, mit einem zweiten Turm, der nie fertig wurde.
Und was für ein Taufregister! Hier wurden Richelieu und Molière getauft, später die Marquise de Pompadour, und der junge Ludwig XIV. empfing hier seine Erstkommunion. 1778 fand in dieser Kirche die Trauerfeier für Anna Maria Mozart statt, die ihren Sohn Wolfgang auf seiner Reise nach Paris begleitet hatte und dort starb. Die Orgel gilt mit rund achttausend Pfeifen als die größte Frankreichs, und Hector Berlioz ließ hier 1855 sein gewaltiges Te Deum zum ersten Mal erklingen.
Die Hallen sind längst fort, an ihrer Stelle wölbt sich heute ein riesiges, geschwungenes Glasdach über einem Einkaufszentrum. Aber der Kopf lauscht weiter, geduldig. Geh jetzt nach Westen, an der runden Kuppel der Bourse de Commerce vorbei, bis zur Rue Jean-Jacques Rousseau. Dort öffnet sich ein schmales Portal zur ersten Passage dieses Spaziergangs.
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2. Galerie Véro-Dodat: Die Passage der zwei Metzger
19 Rue Jean-Jacques Rousseau, 75001 Paris, France
Tritt durch das schmale Portal, und plötzlich wird die Stadt leise. Vor dir liegt ein Gang aus dunklem Holz und Messing, mit Schaufenstern wie Puppenstuben und bemalten Deckenfeldern, und unter deinen Füßen breiten sich schwarze und weiße Fliesen aus, schräg verlegt wie ein Schachbrett, das jemand gedreht hat.
Die Galerie Véro-Dodat wurde 1826 eröffnet, und ihre Erbauer waren weder Architekten noch Adlige, sondern zwei Charcutiers, zwei Wurstwarenhändler namens Véro und Dodat, die mit Pasteten und Schinken reich geworden waren. Sie steckten ihr Geld in eine Wette auf die Zukunft. In der Nachbarschaft fuhren damals, so heißt es, die Postkutschen ab, und wer auf seine Abfahrt wartete, sollte nicht im Matsch stehen, sondern trocken bummeln, schauen und kaufen.
Und schau auf den Boden. Die diagonalen Fliesen sind ein optischer Trick: Sie lassen den Gang, der nicht einmal hundert Meter lang ist, deutlich länger wirken. Die Ladenfronten sind aus dunkel gebeiztem Holz mit Messingleisten, und an der Decke wechseln sich gemalte Landschaften und Figuren aus der Mythologie ab. Véro-Dodat gehörte außerdem zu den ersten Passagen mit Gasbeleuchtung. Stell dir die Pariser vor, die abends nur hierherkamen, um zu sehen, wie hell die Nacht auf einmal sein konnte.
Die Passagen waren die Vorläufer der Kaufhäuser, überdachte Straßen aus Glas und Eisen, in denen Paris das Einkaufen als Vergnügen erfand. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Dutzende davon. Dann kamen Haussmanns breite Boulevards und die großen Warenhäuser, und eine Passage nach der anderen verödete oder wurde abgerissen. Heute sind kaum mehr als zwei Dutzend übrig. Ein deutscher Philosoph wird uns am Ende dieses Spaziergangs erklären, warum gerade diese vergessenen Gänge so viel über die Moderne verraten.
Die Straße draußen hieß übrigens früher Rue Plâtrière, und hier wohnte in seinen letzten Pariser Jahren Jean-Jacques Rousseau, der Mann, der die Rückkehr zur Natur predigte... ausgerechnet zwischen Kutschen und Ladenzeilen. Geh jetzt durch die Passage hinaus zur Rue du Bouloi und dann nach Süden zur Rue de Rivoli. Gegenüber öffnet sich ein Tor in den ältesten Hof des Louvre.
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3. Cour Carrée: Die Burg unter dem Louvre
Cour Carrée, Musée du Louvre, Rue de Rivoli, 75001 Paris, France
Komm durch das Tor in den großen quadratischen Hof, und auf einmal ist der Lärm der Rue de Rivoli verschluckt. Vier helle Fassaden umstehen dich, symmetrisch, mit Säulen, Giebeln und Figuren, in der Mitte ein runder Brunnen. Das ist die Cour Carrée, der älteste Teil des Louvre... zumindest von dem, was du sehen kannst.
Denn das wirklich Alte liegt unter deinen Füßen. Um 1190 ließ König Philipp II. August hier eine Festung errichten, bevor er auf Kreuzzug zog. Paris sollte nach Westen geschützt sein, gegen die englischen Könige, denen damals die Normandie gehörte. In der Mitte stand ein runder Bergfried von rund dreißig Metern Höhe. Der Louvre war kein Palast und schon gar kein Museum, sondern eine Burg mit Wassergraben.
In den 1980er Jahren, beim großen Umbau, gruben Archäologen genau hier und stießen auf die Fundamente: die Mauern des Grabens, den Sockel des Bergfrieds, und in einem Brunnen sogar Bruchstücke eines vergoldeten Prunkhelms, der König Karl VI. gehört haben soll. Man hat das alles nicht wieder zugeschüttet. Im Untergeschoss des Sully-Flügels kannst du heute im Halbdunkel an den Burgmauern entlanggehen, dort, wo früher Wasser stand.
Darüber haben Generationen von Königen weitergebaut. Karl V. machte aus der Festung eine Residenz mit einer berühmten Bibliothek. Franz I. ließ 1528 den alten Turm abreißen, und ab 1546 errichtete Pierre Lescot an der Westseite das erste Stück Renaissance in Paris, mit Skulpturen von Jean Goujon. Ludwig XIII. und Ludwig XIV. vervierfachten den Hof. Und dann? Dann zog der Sonnenkönig nach Versailles, und die Baustelle blieb liegen, teils ohne Dach, für mehr als ein Jahrhundert.
In dieser Zeit nisteten sich Künstler, Händler und allerlei Untermieter in den halbfertigen Sälen ein, und im Hof wuchsen Buden und Schuppen. Erst unter Napoleon wurde das Viereck vollendet. Geh jetzt durch den Durchgang im Westflügel, unter dem Uhrturm hindurch. Was dahinter wartet, hat Paris in den 1980er Jahren heftiger gespalten als so manche Regierungskrise.
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4. Pyramide du Louvre: Der gläserne Skandal
Cour Napoléon, Musée du Louvre, 75001 Paris, France
Da steht sie, mitten in der Cour Napoléon: eine Pyramide aus Glas und Stahl, umgeben von flachen Wasserbecken und Fontänen, und ringsum die Fassaden des Louvre wie eine steinerne Theaterkulisse. Je nach Licht ist sie silbern, himmelblau oder fast unsichtbar.
Anfang der 1980er Jahre hatte der Louvre ein Problem. Zu wenig Platz, versteckte Eingänge, Besucher, die sich in endlosen Fluren verliefen, und im Nordflügel saß auch noch das Finanzministerium. Präsident François Mitterrand wollte das ändern, mit dem Projekt Grand Louvre, und er holte dafür den chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei aus New York. Peis Idee: Der Haupteingang wandert unter die Erde, in eine große Halle unter dem Hof, die alle Flügel des Museums verbindet. Die Pyramide darüber sollte nur zweierlei tun, Licht hinunterlassen und zeigen, wo es hineingeht.
Der Aufschrei war gewaltig. Eine Pyramide, ein Grabmal, vor dem Palast der Könige! Zeitungen spotteten, Petitionen kursierten, Kritiker sprachen von einem Fremdkörper im Herzen von Paris. Pei ließ, so erzählt man, ein Modell in Originalgröße aufstellen, damit die Pariser sich selbst ein Bild machen konnten. 1989 wurde der neue Eingang eröffnet, und heute kann man sich den Louvre ohne seine Pyramide kaum noch vorstellen.
Die Pyramide ist gut zwanzig Meter hoch, und ihre Hülle besteht aus 673 Glasscheiben, Rauten und Dreiecken. Hartnäckig hält sich das Gerücht, es seien genau 666, die Zahl des Tieres, und ein Bestsellerroman hat diese Legende noch einmal kräftig befeuert. Sie stimmt nicht... aber sie ist zu schön, um zu sterben. Wahr ist dagegen: Das Glas wurde eigens so hergestellt, dass es kaum einen Grünstich hat, damit die alten Fassaden dahinter in ihren echten Farben erscheinen.
Unter der Pyramide liegt eine riesige Halle, und von dort führt ein Gang zu einer zweiten, umgedrehten Pyramide, deren Spitze fast den Boden berührt. Jetzt aber geh weiter nach Westen, Richtung Tuilerien, auf einen Triumphbogen mit rosa Marmorsäulen zu, der aussieht, als stamme er direkt aus Rom. Er hat tatsächlich einmal etwas aus Italien mitgebracht... und musste es wieder hergeben.
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5. Arc de Triomphe du Carrousel: Napoleons geraubte Pferde
Place du Carrousel, 75001 Paris, France
Stell dich unter den mittleren Bogen und schau nach Westen. Durch die Öffnung siehst du die Tuilerien, dahinter den Obelisken auf der Place de la Concorde, die Champs-Élysées und ganz in der Ferne den großen Arc de Triomphe. Eine Achse über Kilometer... und hier, an diesem kleineren Bogen, beginnt sie.
Dieser Bogen ist der ältere Bruder. Napoleon ließ ihn von 1806 bis 1808 von seinen Architekten Percier und Fontaine errichten, um die Siege des Jahres 1805 zu feiern, allen voran Austerlitz. Vorbild waren die Triumphbögen im antiken Rom, die Säulen sind aus rosa Marmor, und auf den Reliefs marschieren Soldaten in napoleonischen Uniformen. Er war das Prunktor zum Hof des Tuilerienpalasts, wo der Kaiser residierte.
Und oben drauf? Da standen die vier Pferde von San Marco, antike Bronzepferde, die seit dem Mittelalter die Fassade des Markusdoms in Venedig geschmückt hatten. Napoleon ließ sie 1797 nach dem Ende der Republik Venedig nach Paris abtransportieren, eine Trophäe unter vielen. Venedig wiederum hatte sie 1204 aus Konstantinopel geraubt. Kunstraub mit langer Tradition, könnte man sagen.
Nach Waterloo, 1815, holten die Österreicher die Pferde zurück, und sie kehrten nach Venedig heim. Auf dem Bogen stand plötzlich nichts mehr. 1828 setzte man eine neue Quadriga des Bildhauers François-Joseph Bosio hinauf, mit einer Friedensgöttin im Wagen. Und wo hinter dir heute Rasen wächst, stand der Tuilerienpalast, Residenz von Königen und Kaisern, bis er im Mai 1871 beim Aufstand der Kommune in Flammen aufging. Der Bogen ist das Tor zu einem Palast, den es nicht mehr gibt.
Ein Detail für Kenner: Der Louvre steht leicht schräg zu der großen Achse. Pei hat deshalb eine Reiterstatue Ludwigs XIV., einen Abguss nach Bernini, genau auf die Achse gestellt, wie ein Scharnier zwischen dem alten Palast und der langen Linie nach Westen. Geh jetzt nach Norden über die Rue de Rivoli, auf einen kleinen Platz mit einem glitzernden Metro-Eingang zu. Dort wartet das Haus Molières.
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6. Comédie-Française & Place Colette: Das Haus Molières
1 Place Colette, 75001 Paris, France
Auf der Place Colette funkelt dir ein Metro-Eingang entgegen, der aussieht wie eine Krone aus bunten Glasperlen. Gleich daneben erhebt sich die Fassade eines Theaters mit Säulen und Laternen: die Comédie-Française, eine der ältesten Theatertruppen der Welt, die bis heute ununterbrochen spielt.
Der Eingang heißt Kiosque des Noctambules, Kiosk der Nachtschwärmer, und der Künstler Jean-Michel Othoniel hat ihn im Jahr 2000 zum hundertsten Geburtstag der Pariser Metro gestaltet, aus Aluminium und Glas aus Murano. Der Platz trägt den Namen der Schriftstellerin Colette, die ihre letzten Lebensjahre gleich um die Ecke verbrachte, mit Blick auf den Garten des Palais-Royal. Von Arthritis geplagt, lag sie meist im Bett, schrieb und beobachtete die Spaziergänger unter ihrem Fenster.
Die Truppe der Comédie-Française gründete Ludwig XIV. im Jahr 1680, indem er zwei Pariser Ensembles zusammenlegte, darunter die frühere Truppe Molières. Molière selbst war da schon sieben Jahre tot. Am 17. Februar 1673 spielte er die Titelrolle in seinem Stück Der eingebildete Kranke, ausgerechnet einen Mann, der sich nur krank glaubt. Auf der Bühne erlitt er einen Anfall, spielte trotzdem zu Ende und starb wenige Stunden später zu Hause.
Der Sessel, in dem er an jenem Abend saß, wird im Theater bis heute aufbewahrt. Und eine alte Bühnenlegende behauptet, Molière habe dabei Grün getragen... weshalb abergläubische französische Schauspieler die Farbe Grün auf der Bühne lange gemieden haben. Kein Wunder, dass man die Comédie-Française bis heute la Maison de Molière nennt, das Haus Molières, obwohl er nie einen Fuß hineingesetzt hat. In diesem Gebäude, der Salle Richelieu, spielt die Truppe seit 1799.
Das Ensemble ist eine kleine Republik: Die festen Mitglieder, die sociétaires, teilen sich nach alter Satzung Verantwortung und Gewinn. Geh jetzt rechts am Theater vorbei durch die Arkaden in den Ehrenhof des Palais-Royal. Dort stehen schwarz-weiß gestreifte Säulen, auf die sich Kinder setzen, und dahinter beginnt ein Garten, in dem eine Revolution ihren ersten Schrei tat.
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7. Jardin du Palais-Royal: Wo die Revolution laut wurde
8 Rue de Montpensier, 75001 Paris, France
Hinter den gestreiften Säulen öffnet sich ein langer, stiller Garten: Linden in strengen Reihen, ein runder Brunnen, grüne Metallstühle, und ringsum Arkaden, unter denen kleine Läden für Orden, Handschuhe und alte Spielzeugsoldaten liegen. Einer der friedlichsten Orte von Paris. Kaum zu glauben, was hier einmal los war.
Kardinal Richelieu ließ sich hier in den 1630er Jahren einen Palast bauen und vermachte ihn dem König. Die Regentin Anna von Österreich zog mit dem kleinen Ludwig XIV. ein, und seitdem heißt er Palais-Royal. Später gehörte er den Herzögen von Orléans, und einer von ihnen, der hoch verschuldete Louis-Philippe d'Orléans, hatte in den 1780er Jahren eine sehr moderne Idee: Er ließ rund um den Garten Häuser mit Arkaden bauen und vermietete die Läden.
Das Ergebnis war der aufregendste Ort Europas: Cafés, Spielsalons, Buchhändler, Wachsfiguren, Bordelle. Und weil das Gelände einem Prinzen von Geblüt gehörte, hatte die Polizei hier wenig zu sagen. Sogar der junge Leutnant Napoleon Bonaparte hat aufgeschrieben, wie er 1787 nachts unter diesen Arkaden eine Prostituierte ansprach. Am 12. Juli 1789 sprang der junge Journalist Camille Desmoulins vor einem Café auf einen Tisch, rief die Menge zu den Waffen und steckte sich ein grünes Blatt an den Hut, als Erkennungszeichen. Zwei Tage später fiel die Bastille.
Und der Herzog? Er nannte sich bald Philippe Égalité, stimmte als Abgeordneter für den Tod seines Vetters Ludwig XVI... und starb 1793 selbst unter der Guillotine. Im Garten steht übrigens eine kleine Kanone, die seit 1786 die Mittagsstunde verkündete. Eine Brennglaslinse bündelte die Mittagssonne auf die Zündschnur, und Punkt zwölf krachte es... vorausgesetzt, die Sonne schien.
Und die gestreiften Säulen, durch die du gekommen bist? Daniel Buren hat sie 1986 aufgestellt, 260 Stück in verschiedenen Höhen, und halb Paris war empört, es gab Prozesse und Protestbriefe. Heute klettern Kinder darauf, und Paare machen Fotos. Verlass den Garten am Nordende und geh die paar Schritte zur Rue des Petits-Champs. Gleich gegenüber liegt die eleganteste Passage von Paris.
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8. Galerie Vivienne & Galerie Colbert: Die Schöne und ihre Rivalin
4 Rue des Petits-Champs, 75002 Paris, France
Unter einem gläsernen Dach fällt weiches Licht auf einen Mosaikboden mit Sternen, Kreisen und Rauten, und an den Wänden schweben Göttinnen, Anker und Füllhörner aus Stuck. Willkommen in der Galerie Vivienne, für viele die schönste Passage von Paris.
Gebaut wurde sie ab 1823 im Auftrag eines wohlhabenden Notars und 1826 eröffnet, mitten im großen Passagenfieber. Die Lage war ideal, zwischen dem Palais-Royal, damals dem Zentrum des Pariser Vergnügens, und der neuen Börse ein paar Straßen weiter. Hier gab es Schneider, Weinhändler, Drucker und Buchhändler. Ein Antiquariat mit Leitern bis unter die Decke hält hier seit dem 19. Jahrhundert die Stellung.
Eine Adresse in dieser Passage hat einen besonderen Ruf. In Nummer 13 soll Eugène-François Vidocq gewohnt haben, ein ehemaliger Sträfling und Ausbrecherkönig, der die Seiten wechselte und Chef der Pariser Sicherheitspolizei wurde. Später gründete er eine der ersten privaten Detekteien überhaupt. Balzac ließ sich von ihm zu seinem Verbrecher Vautrin inspirieren, und auch Victor Hugo soll an ihn gedacht haben, als er Jean Valjean und Javert erfand... einen Sträfling und einen Polizisten, beide in einer Person.
Jetzt geh hinüber in die Nachbarpassage, die Galerie Colbert. Sie wurde 1826 als direkte Konkurrenz gebaut, mit einer prächtigen Rotunde unter einer Glaskuppel, um der Vivienne die Kundschaft abzujagen. In der Mitte der Rotunde stand ein großer Kandelaber aus Bronze, der abends wie ein leuchtender Baum strahlte, und die Pariser nannten ihn, so heißt es, die Kokospalme. Der Plan ging trotzdem nicht auf. Die Colbert verödete, verfiel und wurde erst in den 1980er Jahren aufwendig restauriert. Heute gehört sie zum Institut für Kunstgeschichte, und unter der Kuppel gehen Studierende statt Kunden ein und aus.
Zwei Passagen Wand an Wand, eine gewann, eine verlor... das ganze 19. Jahrhundert im Kleinen. Ein Mann hat genau solche Orte gesammelt wie andere Briefmarken, und er saß jahrelang fast täglich nur ein paar Schritte von hier. Geh durch die Galerie Colbert hinaus zur Rue Vivienne. Auf der anderen Seite der Straße beginnt die alte Nationalbibliothek.
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9. Bibliothèque nationale, Site Richelieu: Benjamins Lesesaal
58 Rue de Richelieu, 75002 Paris, France
Hinter den Mauern dieses langen Häuserblocks verbirgt sich der Ort, an dem Frankreich seit Jahrhunderten sein Gedächtnis aufbewahrt: das Quadrilatère Richelieu, der historische Sitz der Nationalbibliothek. Geh in den Hof, und wenn die Türen offen stehen, wirf einen Blick in den großen ovalen Lesesaal mit seiner Glaskuppel.
Die königliche Bibliothek zog im 18. Jahrhundert in diese Gebäude, die einst zum Stadtpalast von Kardinal Mazarin gehört hatten. Seine Galerie mit den bemalten Decken ist bis heute erhalten. Über die Jahrhunderte wuchs die Sammlung zu Millionen von Bänden, Handschriften, Landkarten, Münzen und Medaillen. Die meisten Bücher sind in den 1990er Jahren in den Neubau im Osten der Stadt umgezogen, aber Handschriften, Karten und Stiche sind geblieben.
Das Herzstück ist der Salle Labrouste, 1868 von Henri Labrouste vollendet: sechzehn schlanke gusseiserne Säulen tragen neun Kuppeln, jede mit einem runden Oberlicht. Man liest dort wie unter einem Blätterdach aus Licht. Dazu kommt der ovale Saal, an dem Jahrzehnte gebaut wurde und der in den 1930er Jahren fertig war. Seit der großen Renovierung, die 2022 abgeschlossen wurde, kann ihn jeder betreten, ohne Leseausweis.
Und jetzt kommt der deutsche Gast. Walter Benjamin, Philosoph, Kritiker und leidenschaftlicher Sammler, saß ab Ende der 1920er Jahre immer wieder in diesem Lesesaal, ab 1933 als Exilant auf der Flucht vor den Nazis. Hier häufte er Zettel um Zettel an für ein Buch über die Pariser Passagen: Exzerpte, Zitate, Gedanken, über tausend Seiten. Als die deutsche Armee im Juni 1940 auf Paris vorrückte, floh er. Seine Manuskripte vertraute er einem Bibliothekar dieses Hauses an, dem Schriftsteller Georges Bataille, der sie hier versteckte.
Benjamin kam nur bis an die spanische Grenze, nach Portbou, wo er sich im September 1940 das Leben nahm. Seine Zettel aber überlebten den Krieg in diesen Regalen, und 1982 erschien das unvollendete Werk als Das Passagen-Werk. Jetzt gehen wir dorthin, wo er seine Fragen gestellt hat. Folge der Rue Vivienne nach Norden, an der Börse vorbei, bis zur Rue Saint-Marc. Dort öffnet sich der Eingang zu einer der ältesten Passagen der Stadt.
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10. Passage des Panoramas: Gaslicht, Rundbilder und Zolas Nana
11 Boulevard Montmartre, 75002 Paris, France
Tauch ein in das Gewirr: ein schmaler Hauptgang mit Seitenarmen, ein Glasdach, alte Schilder über den Läden, Briefmarkenhändler mit dicken Alben im Fenster, Graveure und Restaurants, deren Tische eng an eng stehen. Der Passage des Panoramas sieht man ihr Alter an, und genau darin liegt ihr Charme.
Sie wurde 1799 eröffnet, ganz am Ende des Revolutionsjahrzehnts, und ihren Namen verdankt sie zwei runden Türmen, die damals am Eingang zum Boulevard standen. Darin hingen Panoramen, riesige Rundgemälde, die den Zuschauer in der Mitte vollständig umgaben: Ansichten von Paris, von fernen Städten, von Schlachten. Das Patent dafür hatte der Amerikaner Robert Fulton nach Paris gebracht, der nebenbei an einem Unterseeboot für Napoleon tüftelte. Die Rotunden sind längst abgerissen, aber der Name ist geblieben.
1817 wurde in dieser Passage die Gasbeleuchtung ausprobiert, als eine der ersten in Paris. Stell dir das Staunen vor: Draußen versanken die Straßen im Dunkel, und dieser Gang glühte. Hinten grenzt bis heute das Théâtre des Variétés an, ein Haus für Operetten und Komödien. Durch einen Bühneneingang in der Passage huschten die Schauspielerinnen hinein... und ihre Verehrer warteten davor. Die Briefmarkenhändler kamen später, und bis heute treffen sich hier die Sammler.
Genau so beschreibt es Émile Zola 1880 in seinem Roman Nana: Die Verehrer der Schauspielerin warten in der Passage des Panoramas, zwischen glänzenden Schaufenstern, Gaslicht und Spiegeln. Walter Benjamin hat solche Szenen geliebt. Für ihn waren die Passagen das Traumbild des 19. Jahrhunderts, ein Ort, an dem die Ware zum ersten Mal wie im Märchen ausgestellt wurde. Und ihre wichtigste Figur war der Flaneur, der Spaziergänger ohne Ziel. Du bist gerade einer.
Auch ein anderer Deutscher kannte diese Boulevards gut: Heinrich Heine kam 1831 nach Paris, blieb bis zu seinem Tod 1856 und schrieb seinen Lesern in Deutschland über Theater, Börse und Politik der Hauptstadt. Geh jetzt durch den Hauptgang hinaus auf den Boulevard Montmartre. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, beginnt die nächste Passage.
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11. Passage Jouffroy & Passage Verdeau: Das Ende der Passagen
10-12 Boulevard Montmartre, 75009 Paris, France
Über dir wölbt sich ein Dach aus Glas und Eisen, schlanker und heller als in der Passage gegenüber, und unter dir glänzt ein Boden aus Marmorfliesen. Spielzeugläden, Spazierstöcke, Puppenhäuser, ein altes Hotel und gleich am Anfang der Ausgang eines Wachsfigurenkabinetts. Die Passage Jouffroy ist die jüngere Schwester... und war die modernste ihrer Zeit.
Gebaut wurde sie von 1845 bis 1847, und sie war die erste Passage in Paris, deren Dach ganz aus Eisen und Glas bestand, ganz ohne Holz. Dazu kam eine Fußbodenheizung, ein Luxus, für den die Pariser im Winter eigens hierherkamen. Das Musée Grévin, das Wachsfigurenkabinett, eröffnete 1882 nebenan. Ganz hinten knickt die Passage ab, ein paar Stufen hinunter, vorbei an einem Hotel, das 1846 eröffnete und den Namen Chopin trägt.
Über die Rue de la Grange-Batelière geht es weiter in die Passage Verdeau, 1847 eröffnet, still und ein wenig verstaubt, mit Antiquariaten, alten Fotoapparaten, Postkarten und Stichen. Hier wirkt das 19. Jahrhundert fast unberührt. Kaum Gedränge, nur das Rascheln von Papier und das Klingeln einer Ladentür.
Walter Benjamin wollte genau das verstehen: warum diese Gänge, die so strahlend modern begonnen hatten, schon zu seiner Zeit wie Ruinen wirkten. Den Anstoß gab ihm ein Buch des Surrealisten Louis Aragon, Le Paysan de Paris, das von der Passage de l'Opéra erzählt, kurz bevor sie für den Boulevard Haussmann abgerissen wurde. Benjamin schrieb, er habe abends im Bett nie mehr als ein paar Seiten davon lesen können, so sehr habe ihm das Herz geklopft. In den Passagen sah er den Ursprung unserer Welt aus Kaufhäusern, Werbung und Schaufenstern.
Und so endet dieser Spaziergang dort, wo Benjamins Gedanken wohnten: zwischen Glas, Eisen und schönem Kram, in einer Stadt, die ihre Vergangenheit nie ganz wegwirft. Du hast bei einer Kirche begonnen, die einem verschwundenen Markt nachlauscht, bist durch den Keller der Könige, unter Napoleons Bogen und durch den Garten der Revolution gegangen. Bleib noch ein wenig, stöbere in einem Antiquariat... und lass dich, ganz im Sinne Benjamins, ohne Ziel treiben.