Schwabing und die Bohème: Münchens Viertel der Dichter, Maler und Kabarettisten
Vom Alten Simpl und der Kunstakademie über die Ainmillerstraße des Blauen Reiters, Thomas Manns erste Familienwohnung und den Wedekindplatz bis zur Lach- und Schießgesellschaft und an den Kleinhesseloher See – ein literarischer Spaziergang durch München-Schwabing
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1. Alter Simpl: Die Kneipe der Satiriker
Türkenstraße 57, 80799 München, Germany
Du stehst in der Türkenstraße vor einer Kneipe, die von außen fast bescheiden wirkt: dunkles Holz, kleine Fenster, ein Name über der Tür, der in München noch immer nach Aufruhr klingt. Alter Simpl. Wer hier hineingeht, betritt einen der Geburtsorte der Schwabinger Bohème.
Der Name kommt von einer Zeitschrift. 1896 gründete der Verleger Albert Langen in München den Simplicissimus, ein Satireblatt mit einer roten Bulldogge als Wappentier, gezeichnet von Thomas Theodor Heine. Das Blatt verspottete den Kaiser, das Militär, die Bürokraten und die Frömmler, und es tat das so gut, dass seine Autoren regelmäßig vor Gericht standen. Ludwig Thoma, der bayerische Schriftsteller, musste 1906 wegen eines Spottgedichts sechs Wochen ins Gefängnis Stadelheim.
1903 eröffnete Kathi Kobus an dieser Stelle eine Künstlerkneipe und lieh sich dafür kurzerhand den Namen der Zeitschrift. Sie war eine Wirtin mit Gespür für Talent und für Werbung: Dichter, Maler und Schauspieler kamen, tranken, stritten und trugen ihre Verse vor. Ab 1909 stand Joachim Ringelnatz fast jeden Abend als eine Art Hausdichter auf der kleinen Bühne, für Essen, Getränke und ein bescheidenes Honorar. Auch Erich Mühsam, der Anarchist mit dem wilden Bart, gehörte zu den Stammgästen.
Romantisch war dieses Leben nur von weitem. Viele der Gäste lebten von der Hand in den Mund, mit Schulden beim Wirt und Ärger mit der Polizei. Und die Geschichte ging für manche bitter aus: Erich Mühsam wurde 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet, und Ringelnatz erhielt von den Nationalsozialisten Auftrittsverbot und starb im selben Jahr verarmt in Berlin.
Wenn du später einmal abends herkommst, setz dich an einen der alten Tische und stell dir vor, wie an der Wand gegenüber ein junger Dichter nervös sein erstes Gedicht vorliest, während Kathi Kobus schon die Rechnung im Kopf hat. Viel hat sich an diesem Gefühl nicht geändert. Jetzt geh die Türkenstraße ein Stück nach Norden und biege rechts in die Akademiestraße. Rechts vorne leuchtet das Siegestor, doch unser Ziel ist der lange Palast davor.
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2. Akademie der Bildenden Künste: Die Schule der Rebellen
Akademiestraße 2, 80799 München, Germany
Vor dir zieht sich ein langer, heller Palast hin, mit Säulen und einer breiten Freitreppe, als hätte jemand ein Stück Rom an den Rand von Schwabing gestellt. Das ist die Akademie der Bildenden Künste, und ein paar Schritte südöstlich siehst du das Siegestor, hinter dem die Leopoldstraße und damit Schwabing beginnt.
Gegründet wurde die Akademie 1808, im jungen Königreich Bayern, das sich als Kunstnation erfinden wollte. Das Gebäude kam später: Gottfried von Neureuther baute es von 1876 bis 1886. Um 1900 war München neben Paris die große Kunststadt Europas, und junge Leute aus Russland, Amerika, Skandinavien und dem Balkan kamen hierher, um Maler zu werden. Mit ihnen kamen Ateliers, billige Zimmer, Modelle, Kneipen... und damit die Bohème. Schwabing gleich hinter der Akademie war für diese jungen Leute ideal: nah an den Lehrern und weit genug weg von den strengen Vermietern der Altstadt.
Schau dir die Namen an, die durch diese Türen gingen. Wassily Kandinsky und Paul Klee saßen um 1900 in der Malklasse von Franz von Stuck, dem gefeierten Malerfürsten der Stadt. Franz Marc studierte hier, und einige Jahre später auch der junge Giorgio de Chirico aus Griechenland, der in München die rätselhaften Bilder Arnold Böcklins entdeckte. Ausgerechnet an dieser ehrwürdigen Akademie lernten die Leute, die später die Malerei auf den Kopf stellen sollten.
Eine Gruppe allerdings blieb lange draußen: die Frauen. Sie durften erst nach dem Ersten Weltkrieg regulär an der Akademie studieren. Malerinnen wie Gabriele Münter mussten in private Malschulen ausweichen, und genau in so einer Schule, die Kandinsky Anfang des Jahrhunderts leitete, lernten sich die beiden kennen. Was daraus wurde, siehst du ein paar Straßen weiter.
Und noch ein Blick zum Siegestor: Auf einer Seite trägt es seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg die Inschrift Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend. Drei Zeilen, die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem Satz. Jetzt geh durch die ruhigen Seitenstraßen nach Nordwesten, über die Georgenstraße hinweg, bis zu einem Platz mit grünen Marktbuden.
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3. Elisabethmarkt: Das Dorf, das Wahnmoching hieß
Elisabethplatz, 80796 München, Germany
Zwischen Bäumen und grünen Holzbuden geht es hier ruhiger zu als am Viktualienmarkt: ein Gemüsestand, ein Metzger, ein Käseladen, ein paar Bänke, auf denen Rentner und Studentinnen nebeneinander ihren Kaffee trinken. Willkommen auf dem Elisabethmarkt, dem Dorfplatz von Schwabing-West.
Benannt ist der Platz nach Elisabeth, der späteren Kaiserin von Österreich, die alle Welt als Sisi kennt. Sie wurde 1837 in München geboren. Der Markt selbst entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als dieses Viertel gerade erst gebaut wurde. Denn Schwabing war lange eine eigene Gemeinde vor den Toren der Stadt, eben noch ein Dorf, und kam erst 1890 zu München.
Und dann ging alles sehr schnell. Mietshäuser schossen aus den Feldern, und in die billigen Dachwohnungen und Ateliers zogen Maler, Dichter, Studenten, Revolutionäre und alle, die anders leben wollten als ihre Eltern. Eine von ihnen war Franziska zu Reventlow, eine Gräfin aus Husum, die ihre adlige Familie hinter sich gelassen hatte. Sie malte, übersetzte, schrieb, verliebte sich oft und zog ihren Sohn allein groß, ohne den Vater zu nennen... ein Skandal, den sie mit einem Achselzucken trug. Ihre Tagebücher zeigen, wie hart dieses Leben war: ständiger Geldmangel, Krankheiten, Gläubiger vor der Tür, und trotzdem eine trotzige Lust an der Freiheit.
Reventlow hat Schwabing auch seinen besten Spitznamen gegeben. In ihrem Roman Herrn Dames Aufzeichnungen von 1913 heißt das Viertel Wahnmoching, und sie macht sich darin wunderbar lustig über die Zirkel und Propheten, die hier ernsthaft glaubten, eine neue Welt zu erfinden. Wer heute auf diesem Markt einen Cappuccino trinkt und über Weltpolitik diskutiert, steht in einer langen Tradition.
Reventlow starb 1918 im Tessin, nach einem Fahrradunfall, mit gerade einmal 47 Jahren. Mit dem Ersten Weltkrieg war ihre Welt ohnehin zu Ende gegangen: Viele der Ateliers standen leer, viele der jungen Männer waren tot. Geh jetzt vom Markt aus nach Osten und dann in die Ainmillerstraße. Dort wohnte ein Paar, das die Kunst des 20. Jahrhunderts verändert hat.
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4. Ainmillerstraße 36: Kandinsky, Münter und der Blaue Reiter
Ainmillerstraße 36, 80801 München, Germany
Auf den ersten Blick ist die Ainmillerstraße eine ganz normale Schwabinger Wohnstraße: Jugendstilfassaden, Erker, Balkone mit Geranien, Fahrräder an den Zäunen. Aber geh langsam, denn kaum eine Straße in Europa hat in so wenigen Hausnummern so viel Kunstgeschichte versammelt.
In der Nummer 36 wohnten ab 1908 Wassily Kandinsky und Gabriele Münter. Er war ein russischer Jurist, der mit dreißig beschlossen hatte, Maler zu werden, sie eine Malerin aus Berlin, die in seiner Malschule gelernt hatte. Verheiratet waren sie nie, was im München jener Zeit schon für Gerede reichte. Kandinsky malte in diesen Jahren immer freier, die Gegenstände lösten sich auf, bis vor allem Farbe und Form übrig blieben. Ab 1909 hatten sie zusätzlich ein Haus in Murnau am Staffelsee, doch ihr Münchner Leben spielte sich hier in Schwabing ab.
In dieser Wohnung und bei Besuchen auf dem Land entstand gemeinsam mit Franz Marc die Idee für den Blauen Reiter. Im Dezember 1911 zeigten sie ihre erste Ausstellung in München, und 1912 erschien der Almanach Der Blaue Reiter, ein Buch voller Bilder, Essays und sogar Musik, mit Beiträgen von Arnold Schönberg. Woher der Name kam? Kandinsky erzählte später, sie hätten beide Blau geliebt, Marc die Pferde und er die Reiter... so einfach kann ein Stück Kunstgeschichte beginnen.
Und die Nachbarschaft war nicht weniger erstaunlich. In derselben Straße wohnte Paul Klee mit seiner Frau Lily, die mit Klavierstunden das Geld verdiente, während er noch kaum etwas verkaufte. Und gegen Ende des Ersten Weltkriegs zog auch der Dichter Rainer Maria Rilke in die Ainmillerstraße. Stell dir vor, wem man hier beim Brötchenholen begegnen konnte.
Der Krieg beendete alles. Kandinsky musste 1914 als Russe Deutschland verlassen, Franz Marc fiel 1916 bei Verdun. Gabriele Münter versteckte zahlreiche Werke in ihrem Haus in Murnau und rettete sie so durch die Zeit des Nationalsozialismus, als diese Kunst als entartet galt. 1957 schenkte sie ihre Sammlung der Stadt München. Geh jetzt die Ainmillerstraße nach Osten bis zur Leopoldstraße und dort rechts in die Franz-Joseph-Straße.
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5. Franz-Joseph-Straße: Thomas Mann wird Familienvater
Franz-Joseph-Straße 2, 80801 München, Germany
Hier, kurz hinter der Leopoldstraße, wird es plötzlich bürgerlich: hohe Mietshäuser mit Stuck, schwere Haustüren, Fenster mit Vorhängen. In dieser Straße begann Thomas Mann ein Leben, das sich mit der Schwabinger Bohème nur schwer vertrug, das Leben eines Familienvaters.
Thomas Mann kam als junger Mann aus Lübeck nach München, nachdem seine Mutter mit den jüngeren Geschwistern hierher gezogen war. In Münchner Untermietzimmern schrieb er an den Buddenbrooks, die 1901 erschienen und ihn mit Mitte zwanzig berühmt machten. Eine seiner Münchner Erzählungen, Gladius Dei, beginnt mit zwei Wörtern, die jeder Münchner kennt: München leuchtete.
Dann verliebte er sich in Katia Pringsheim, die Tochter einer der reichsten Familien der Stadt, eine der ersten Frauen, die in München Mathematik und Physik studierten. Ihre Eltern, Alfred und Hedwig Pringsheim, führten in der Maxvorstadt ein prächtiges Palais voller Kunst und Musik, das die Nationalsozialisten 1933 abreißen ließen, um Platz für ihre Parteibauten zu schaffen. Im Februar 1905 heirateten sie, und in der Franz-Joseph-Straße bezogen sie ihre erste gemeinsame Wohnung. In diese Wohnung kamen die ersten Kinder: Erika, geboren noch 1905, und Klaus im Jahr darauf. Aus dem Dichter am Rand der Bohème wurde ein Herr mit Spazierstock und festen Arbeitszeiten, der jeden Vormittag am Schreibtisch saß, egal was draußen passierte.
Die Bohème sah das mit Spott. Für die Leute im Simpl war Thomas Mann ein Bürger, der über Künstler schrieb, statt einer zu sein. Er selbst hat diesen Gegensatz zwischen Bürger und Künstler sein Leben lang zum Thema gemacht, und vielleicht konnte er ihn nur deshalb so genau beschreiben, weil er auf beiden Seiten stand.
Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Erika und Klaus, die Kinder aus dieser bürgerlichen Wohnung, gründeten im Januar 1933 in München das Kabarett Die Pfeffermühle, das sich offen gegen die Nationalsozialisten stellte. Wenige Monate später waren sie im Exil, und auch der Vater kehrte von einer Reise nicht mehr nach München zurück. Geh jetzt nach Norden, über die Kaiserstraße bis zum Kaiserplatz mit seiner großen Kuppelkirche.
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6. Kaiserplatz und St. Ursula: Ein Revolutionär unter falschem Namen
Kaiserplatz 1, 80803 München, Germany
Über den Bäumen des Kaiserplatzes erhebt sich eine Kirche, die so gar nicht bayerisch aussieht: eine Kuppel, ein schlanker Turm, Arkaden, helle Steine, als wäre ein Stück Toskana nach Schwabing gewandert. Das ist St. Ursula, und die Schwabinger nennen sie gern ihren Dom.
Gebaut wurde sie von 1894 bis 1897 nach Plänen von August Thiersch, im Stil der italienischen Renaissance. Das war kein Zufall: Schwabing war gerade erst ein Teil Münchens geworden, die Einwohnerzahl wuchs rasant, und das neue Viertel wollte eine Kirche, die nach Großstadt aussah und nicht nach Dorf. Der Platz drumherum wurde zum Mittelpunkt eines Viertels voller Beamter, Lehrer, Offiziere... und Untermieter, von denen niemand so genau wusste, was sie eigentlich taten.
Einer davon war ein Russe mit Glatze und Spitzbart, der unter falschem Namen lebte. Von 1900 bis 1902 wohnte Wladimir Iljitsch Uljanow in Schwabing, der Mann, den die Welt bald als Lenin kennen sollte. Er schrieb Artikel für die Untergrundzeitung Iskra, die zeitweise in München gedruckt und nach Russland geschmuggelt wurde. Ihr Name heißt auf Deutsch der Funke, und ihr Motto versprach, dass aus dem Funken eine Flamme werden würde. 1901 kam seine Frau Nadeschda Krupskaja nach und arbeitete als Sekretärin der Redaktion mit. Und hier entstand seine Schrift Was tun?, die 1902 erschien und zur Blaupause einer straff organisierten Revolutionspartei wurde.
Stell dir das vor: Während Maler um die Ecke über Farben stritten und Dichter in Kneipen ihre Verse vortrugen, plante ein paar Straßen weiter ein unauffälliger Mann mit Aktentasche die russische Revolution. Schwabing war damals ein Ort, an dem alles nebeneinander existierte, der Traum von der neuen Kunst und der Traum vom neuen Staat.
Was aus Lenins Plänen wurde, weiß man. Die Bohème träumte von Freiheit, und manche ihrer Gäste schufen Systeme, die das Gegenteil brachten. Auch das gehört zur Geschichte dieses Viertels. Geh jetzt die Kaiserstraße nach Osten bis zur Leopoldstraße und dann ein Stück nach links zur Münchner Freiheit.
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7. Münchner Freiheit: Ein Platz mit neuem Namen
Münchner Freiheit, 80802 München, Germany
Busse kurven um die Haltestelle, Straßenbahnen klingeln, aus der U-Bahn strömen Leute, und an der Ecke duftet es nach Kaffee und Croissants. Die Münchner Freiheit ist der Verkehrsknoten von Schwabing, und kaum jemand, der hier umsteigt, denkt über den Namen nach.
Dabei hieß der Platz bis 1946 noch Feilitzschplatz. Seinen heutigen Namen trägt er zur Erinnerung an die Freiheitsaktion Bayern, eine Widerstandsgruppe, die in den letzten Kriegstagen im April 1945 versuchte, das Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten in Bayern zu beschleunigen. Über den Rundfunk riefen sie zum Aufstand auf. Der Versuch scheiterte, und in den folgenden Tagen wurden zahlreiche Menschen, die sich angeschlossen hatten, von SS und Parteileuten ermordet. Unter den Opfern waren Menschen in Penzberg und anderen oberbayerischen Orten, die zu früh geglaubt hatten, die Diktatur sei schon vorbei.
Es ist also ein Ort, an dem eine Stadt, die sich die Hauptstadt der Bewegung hatte nennen lassen, bewusst einen anderen Namen wählte. Wenn du die Umsteiger und Cafégäste betrachtest, sieh in dem Namen ruhig mehr als eine Haltestelle.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurde die Leopoldstraße zum Laufsteg der Nachkriegsbohème. Man saß in Straßencafés, zeigte sich, malte, debattierte und fühlte sich ein bisschen wie in Paris. Schwabing galt als Inbegriff von Lebenslust, mit Jazzkellern, kleinen Galerien und Ateliers in den Hinterhöfen. Im Juni 1962 eskalierte dort ein Polizeieinsatz gegen junge Straßenmusikanten zu tagelangen Krawallen mit Tausenden Beteiligten. Die Schwabinger Krawalle gelten heute als ein frühes Vorzeichen der Jugendrevolte, die ein paar Jahre später ganz Deutschland erfasste.
Schau noch kurz auf die evangelische Erlöserkirche am Nordrand des Platzes, ein Bau von Theodor Fischer, einem der großen Münchner Architekten um 1900. Er baute schlicht, wo andere prunkten, und das passte gut zu Schwabing. Jetzt geh die Leopoldstraße ein Stück zurück nach Süden und biege links Richtung Nikolaiplatz ab. Dort steht eine Villa, die die Schwabinger selbst gerettet haben.
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8. Seidlvilla: Die Villa, die die Nachbarn retteten
Nikolaiplatz 1b, 80802 München, Germany
Hinter einem kleinen Park am Nikolaiplatz steht eine helle Villa mit hohem Dach, mitten zwischen Mietshäusern, wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Das ist die Seidlvilla, und sie erzählt eine typische Schwabinger Geschichte, nur mit einem ungewöhnlich guten Ende.
Entworfen hat sie um 1905 Emanuel von Seidl, einer der gefragtesten Architekten der Prinzregentenzeit, der für das Münchner Großbürgertum Villen und Landhäuser baute. Sein Bruder Gabriel von Seidl entwarf unter anderem das Bayerische Nationalmuseum, und gemeinsam prägten die beiden das Gesicht des Münchens um 1900. Damals verwandelte sich Schwabing vom Bauerndorf in ein Viertel, in dem neben armen Künstlern auch wohlhabende Familien wohnten. Die Bohème saß in den Dachkammern, das Bürgertum in Villen wie dieser, und manchmal kauften die einen den anderen ein Bild ab.
In den Siebzigerjahren sollte die Villa abgerissen werden, um Platz für Neubauten zu schaffen. Da wehrten sich die Nachbarn. Eine Bürgerinitiative sammelte Unterschriften, demonstrierte und schrieb Briefe, bis die Villa gerettet war. Heute ist die Seidlvilla ein Bürger- und Kulturzentrum, mit Lesungen, Konzerten, Ausstellungen und Kursen.
Und das passt erstaunlich gut zum Thema dieses Spaziergangs. Wo früher private Salons Dichter und Maler zusammenbrachten, lesen heute Autorinnen und Autoren vor Publikum aus dem Viertel. Der Salon ist sozusagen öffentlich geworden. Schwabing hat seine Bohème lange verloren, die Mieten sind dafür viel zu hoch, aber die Lust, sich zu treffen und zu streiten, ist geblieben. Die Klage, Schwabing sei nicht mehr, was es einmal war, ist übrigens fast so alt wie die Schwabinger Bohème selbst, und jede Generation stimmt sie aufs Neue an.
In München sagt man gern, Schwabing sei kein Ort, sondern ein Zustand. Das klingt nach Werbung, ist aber halb wahr: Die Häuser stehen noch, die Leute sind andere, und doch erkennt man an Abenden wie diesen etwas wieder. Geh jetzt die Nikolaistraße nach Norden, quer durch das alte Schwabing, bis zu einem kleinen Platz, der den Namen eines Skandaldichters trägt.
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9. Wedekindplatz: Der Dichter mit der Laute
Wedekindplatz, 80802 München, Germany
Ein kleiner, schiefer Platz mit Bäumen, ein paar Kneipen, Fahrräder, Studenten auf den Bänken: Der Wedekindplatz ist kein Ort für große Gesten. Und doch trägt er den Namen eines der größten Provokateure, die das deutsche Theater je hatte.
Frank Wedekind kam aus Hannover und wurde in München zur Legende. Sein Stück Frühlings Erwachen über die Not von Jugendlichen, denen niemand die Wahrheit über Liebe und Sexualität sagt, schrieb er schon 1891. Auf die Bühne kam es erst Jahre später, und auch dann nur mit Streichungen der Zensur. Seine Lulu-Stücke galten als so unmoralisch, dass Wedekind sein halbes Leben mit Behörden und Zensoren stritt. Er war kein bequemer Mensch: Er provozierte, beleidigte, verlangte Aufmerksamkeit, und zugleich war er ein genauer Beobachter einer Gesellschaft, die nach außen fromm tat und nach innen ganz anders lebte.
1901 gründete sich in München Die Elf Scharfrichter, eines der ersten Kabaretts in Deutschland. Die Mitglieder traten mit Henkersmasken auf, und mitten unter ihnen stand Wedekind mit seiner Laute und sang mit scharfer, fast unangenehmer Stimme Balladen über Mord, Moral und Heuchelei. Das Publikum war entsetzt und begeistert zugleich... genau das, was er wollte.
Wie gefährlich Spott damals war, hatte Wedekind schon erfahren. Für ein Gedicht im Simplicissimus, das sich über die Palästinareise Kaiser Wilhelms des Zweiten lustig machte, wurde er wegen Majestätsbeleidigung verurteilt und saß 1899 und 1900 monatelang in Festungshaft. Die Satire hatte einen Preis, und Schwabing hat ihn bezahlt, wieder und wieder.
Rund um diesen Platz schlägt bis heute das Herz des alten Schwabing, mit Kneipen, kleinen Bühnen und Leuten, die nachts lange draußen sitzen. Wedekind starb 1918, im letzten Kriegsjahr, und ganz Schwabing soll zu seiner Beerdigung gekommen sein. Seine Tochter Pamela wurde später selbst Sängerin und Schauspielerin und war eine Zeit lang mit Klaus Mann verlobt, so eng waren die Fäden in diesem Viertel gesponnen. Jetzt geh nur ein paar Schritte weiter nach Osten, zur Ecke Haimhauserstraße und Ursulastraße. Dort lebt seine Tradition ganz direkt weiter.
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10. Lach- und Schießgesellschaft: Kabarett gegen die Obrigkeit
Ursulastraße 9, 80802 München, Germany
An der Ecke Haimhauserstraße und Ursulastraße hängt ein Schild mit einem Namen, über den jeder zuerst stolpert: Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Hinter der Tür ist ein kleiner Saal, eng bestuhlt, mit einer winzigen Bühne, und seit Jahrzehnten wird hier über die Mächtigen gelacht.
Der Name ist ein Wortspiel. Er verdreht die Wach- und Schließgesellschaft, die es damals in vielen deutschen Städten als Wachdienst gab. Statt zu bewachen und abzuschließen wird hier gelacht und geschossen, mit Worten natürlich. Gegründet wurde die Bühne 1956 von dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt und dem Sportreporter und Regisseur Sammy Drechsel.
Die Lach- und Schießgesellschaft wurde schnell zur bekanntesten Kabarettbühne der jungen Bundesrepublik. Ihre Programme liefen im Fernsehen, ganze Familien saßen davor, und die Pointen über Kanzler, Minister und Wiederbewaffnung wurden am nächsten Tag im Büro nacherzählt. Im Saal selbst saßen die Zuschauer so nah an der Bühne, dass jede Pointe wie ein persönlicher Angriff wirkte, und genau diese Nähe machte den Abend gefährlich und lustig zugleich. In einem Land, das über seine jüngste Vergangenheit lieber schwieg, war das politische Kabarett eine der wenigen Stimmen, die laut und öffentlich nachfragten.
Dass das Lachen auch in der Demokratie nicht immer willkommen war, zeigte sich später. Als Hildebrandt mit seiner Fernsehsendung Scheibenwischer 1986 kurz nach Tschernobyl die Atompolitik aufs Korn nahm, schaltete sich der Bayerische Rundfunk aus der gemeinsamen Ausstrahlung aus. Ganz Deutschland sah die Sendung, nur Bayern nicht... und genau das sorgte dafür, dass am Ende jeder darüber sprach.
Wenn du an dieser Ecke stehst, siehst du die ganze Linie dieses Spaziergangs: von der Kneipe der Satiriker über die Elf Scharfrichter und Wedekinds Laute bis zu dieser kleinen Bühne. Hildebrandt starb 2013, aber der Saal spielt weiter, mit neuen Leuten und denselben Zielen. Jetzt geh die Feilitzschstraße nach Osten, über die Königinstraße hinweg in den Englischen Garten, bis zum See.
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11. Kleinhesseloher See: Der Garten der Bohème
Kleinhesselohe 3, 80802 München, Germany
Nach all den Straßen öffnet sich vor dir plötzlich Wasser: ein ruhiger See mit kleinen Inseln, Enten, Ruderbooten und alten Bäumen, und am Ufer ein Biergarten, in dem die Schwabinger ihren Feierabend verbringen. Willkommen am Kleinhesseloher See im Englischen Garten.
Der Englische Garten selbst ist älter als das Künstlerviertel nebenan. Ab 1789 ließ Kurfürst Karl Theodor ihn auf Anregung von Benjamin Thompson, dem späteren Grafen Rumford, anlegen, und der Gartenkünstler Friedrich Ludwig von Sckell gab ihm seine natürlich wirkende Form. Es war einer der ersten großen Volksparks Europas, ein Garten nicht für den Hof, sondern für alle. Rumford, ein Amerikaner in bayerischen Diensten, ist übrigens auch der Namensgeber der Rumfordsuppe, einer nahrhaften Suppe aus Graupen, Erbsen und Kartoffeln, mit der er Soldaten und Arme satt machen wollte. Der See kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu, als der Park nach Norden wuchs.
Für die Bohème war dieser Park das gemeinsame Wohnzimmer. Wer in einer engen Dachkammer wohnte, ging hierher, um zu lesen, zu streiten, sich zu verlieben oder einfach dem Vermieter aus dem Weg zu gehen. Maler stellten ihre Staffeleien auf die Wiesen, Dichter liefen mit Notizbüchern um den See, und an Sommerabenden war das Ufer voller Stimmen.
Denk noch einmal an die Leute, denen du heute begegnet bist: Kathi Kobus und Ringelnatz im Simpl, Kandinsky und Münter in der Ainmillerstraße, die junge Familie Mann, Reventlow auf dem Markt, Lenin unter falschem Namen, Wedekind mit der Laute, Hildebrandt an der Ecke. Sie haben alle in diesen wenigen Straßen gelebt, oft gleichzeitig, und viele von ihnen sind sich auf den Wegen dieses Parks begegnet.
Die Bohème ist längst weitergezogen, aber etwas von ihr ist geblieben: die Lust, anders zu leben, laut zu denken und über die Obrigkeit zu lachen. Setz dich ans Ufer, schau aufs Wasser und lass Schwabing einfach ein Zustand sein... Unser Spaziergang endet hier, mitten im Grünen, so wie für viele Schwabinger ein langer Tag bis heute endet.