Ku'damm und City West: Berlins Schaufenster zwischen Ruine und Glas
Vom KaDeWe über Gedächtniskirche, Bahnhof Zoo und Amerika Haus bis zum Savignyplatz: Architektur und Geschichte des alten West-Berlin
Berlin · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. KaDeWe & U-Bahnhof Wittenbergplatz
Wittenbergplatz, 10789 Berlin, Germany
Mitten auf dem Wittenbergplatz steht ein kleiner Palast mit Säulen, Rundfenstern und einem Dach wie ein Gewächshaus... und das ist bloß ein U-Bahnhof. Gleich daneben ragt der riesige Kasten des KaDeWe auf, das Kaufhaus des Westens.
Fangen wir mit dem Bahnhof an. Der Architekt Alfred Grenander, ein Schwede, der fast die ganze frühe Berliner U-Bahn gestaltet hat, baute ihn 1913 neu, als sich hier gleich mehrere Linien kreuzten. Drinnen findest du noch alte Holzverkleidungen und Fahrkartenhäuschen. Und ein englisches Stationsschild im Stil der Londoner Underground, ein Geschenk aus London, so heißt es, zum fünfzigsten Geburtstag der Berliner U-Bahn 1952. Draußen am Bahnhof steht seit 1967 eine nüchterne Tafel mit den Namen von Konzentrationslagern, überschrieben mit den Worten Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen.
Und jetzt das KaDeWe. 1907 eröffnete der Kaufmann Adolf Jandorf hier ein Warenhaus, damals noch fast am Stadtrand, in einer Gegend, die gerade erst bebaut wurde. Jandorf, Sohn einer jüdischen Familie, besaß schon mehrere einfachere Warenhäuser in Berlin, aber dieses sollte etwas Besonderes werden: Luxus für den neuen, wohlhabenden Westen. Alle hielten ihn für verrückt. Er behielt recht: Der Westen Berlins wuchs ihm entgegen, und bald fuhr die feine Gesellschaft zum Einkaufen hierher.
1927 übernahm der Konzern von Hermann Tietz das Haus, ein jüdisches Familienunternehmen. Nach 1933 wurde es den Eigentümern entrissen, arisiert, wie es damals hieß. Im November 1943 stürzte ein abgeschossenes amerikanisches Flugzeug in das Gebäude, und das Kaufhaus brannte aus. Erst 1950 öffneten die ersten Etagen wieder, und von da an wurde das KaDeWe zum Schaufenster des Westens, mitten in einer eingemauerten Stadt.
Berühmt ist vor allem die Feinschmeckeretage ganz oben, wo sich nach dem Mauerfall Ost-Berliner staunend vor Bergen von Obst und Käse drängten. Das KaDeWe ist eines der größten Kaufhäuser Europas, mit Abteilungen für alles vom Kaviar bis zum Kochtopf. Von hier aus geh die Ansbacher Straße ein kurzes Stück hinauf und dann links in die Budapester Straße, bis zwei steinerne Elefanten ein Dach auf dem Rücken tragen.
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2. Elefantentor: Das Tor zum ältesten Zoo Deutschlands
Budapester Straße 34, 10787 Berlin, Germany
Zwei Elefanten aus Sandstein knien vor dir, und auf ihren Rücken tragen sie ein buntes, geschwungenes Dach, rot und grün und gold, das aussieht wie aus einem chinesischen Tempel geborgt. Mitten im nüchternen Verkehr der Budapester Straße wirkt das herrlich übertrieben.
Das ist das Elefantentor, einer der Eingänge zum Zoologischen Garten. Der Zoo wurde 1844 eröffnet und ist damit der älteste Zoo Deutschlands. Gegründet hat ihn der Naturforscher Martin Hinrich Lichtenstein, unterstützt von Alexander von Humboldt, und König Friedrich Wilhelm der Vierte stiftete dafür Land und Tiere. Die Tiere für den Anfang kamen größtenteils aus der königlichen Menagerie auf der Pfaueninsel, und das Gelände lag damals weit draußen, am Rand des Tiergartens. Um 1900 liebte man in Berlin exotische Architektur, und so bekamen viele Tierhäuser passende Kulissen: ein indischer Tempel für die Elefanten, ein arabisch anmutendes Haus für die Antilopen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Zoo fast vollständig zerstört. Von Tausenden Tieren überlebten nur wenige Dutzend, darunter der Elefant Siam und das Flusspferd Knautschke, die für die Berliner zu Symbolen des Durchhaltens wurden. Auch das Elefantentor lag in Trümmern. Was du heute siehst, ist eine Rekonstruktion aus den 1980er-Jahren, nach alten Fotos und Plänen wieder aufgebaut.
Für West-Berlin war der Zoo dann so etwas wie die grüne Lunge der eingemauerten Stadt. Und 2007 drehte die halbe Welt durch wegen eines kleinen Eisbären namens Knut, der von seinem Pfleger mit der Flasche aufgezogen wurde. Es gab Knut-Plüschtiere, Knut-Lieder, Knut-Briefmarken, und die Besucherzahlen schossen in die Höhe. Als Knut 2011 mit nur vier Jahren starb, trauerte die Stadt, als hätte sie einen Prominenten verloren... was sie ja auch hatte.
Das Elefantentor zeigt dir schon das Motto dieses Spaziergangs: In der City West steht das Prächtige direkt neben dem Pragmatischen, das Wiederaufgebaute neben dem Neuen. Folge jetzt der Budapester Straße nach Westen zum Breitscheidplatz, wo sich vor einem Hochhaus mit Mercedesstern ein Brunnen aus Granit dreht.
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3. Breitscheidplatz & Europa-Center: Wasserklops und Mercedesstern
Breitscheidplatz, 10789 Berlin, Germany
Vor dir dreht sich eine Halbkugel aus rotem Granit, über die das Wasser in Kaskaden plätschert, und dahinter steigt ein schmales Hochhaus auf, oben drauf ein riesiger Mercedesstern, der sich langsam im Kreis dreht. Willkommen im Herz der alten West-City.
Der Brunnen heißt offiziell Weltkugelbrunnen und stammt von 1983, vom Bildhauer Joachim Schmettau. Die Berliner, die für alles einen Spitznamen haben, nennen ihn nur den Wasserklops. Der Spitzname passt: Mit etwas Fantasie sieht die gespaltene Granitkugel tatsächlich aus wie eine riesige Bulette, die beim Braten auseinandergefallen ist. Im Sommer klettern Kinder darauf herum, was offiziell niemand gut findet und jeder macht. Und das Hochhaus ist das Europa-Center, Mitte der 1960er-Jahre eröffnet, eines der ersten großen Einkaufs- und Bürozentren nach amerikanischem Vorbild in Deutschland. Für West-Berlin war das eine Botschaft aus Glas und Stahl: Seht her, wir leben, wir wachsen, wir sind modern, auch mit der Mauer vor der Tür. Vor dem Krieg stand an dieser Stelle übrigens das Romanische Café, einer der legendären Künstlertreffs der Zwanzigerjahre, wo Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht und viele andere stundenlang bei einer einzigen Tasse Kaffee saßen und stritten.
Wenn du im Europa-Center Zeit hast, schau dir die Uhr der fließenden Zeit an, eine Konstruktion aus Glasröhren und Kugeln, in denen grün gefärbte Flüssigkeit die Stunden und Minuten anzeigt. Der Platz selbst ist nach Rudolf Breitscheid benannt, einem sozialdemokratischen Politiker der Weimarer Republik, der 1944 im KZ Buchenwald ums Leben kam.
Am 19. Dezember 2016 raste ein Attentäter mit einem gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt hier auf dem Platz. Zwölf Menschen starben an diesem Abend, Dutzende wurden verletzt, und ein Ersthelfer erlag Jahre später seinen schweren Verletzungen. Auf den Stufen zur Gedächtniskirche erinnert seit 2017 ein goldener Riss im Boden an die Opfer, ihre Namen stehen auf den Stufen. Der Weihnachtsmarkt findet weiter statt, heute hinter Pollern und Sperren.
Bleib einen Moment an diesem goldenen Riss stehen, bevor du weitergehst. Dann dreh dich zu der Kirche um, die aussieht wie ein abgebrochener Zahn.
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4. Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Hohler Zahn, Lippenstift und Puderdose
Breitscheidplatz, 10789 Berlin, Germany
Vor dir steht ein Turm, dem oben die Spitze fehlt, zerrissen und schwarz verfärbt, und rechts und links davon zwei moderne Bauten aus Beton und Glas, ein flacher Achteckbau und ein schlanker Turm. Die Berliner haben für dieses Ensemble gleich drei Spitznamen parat: hohler Zahn, Lippenstift und Puderdose.
Die alte Kirche ließ Kaiser Wilhelm der Zweite in den 1890er-Jahren zu Ehren seines Großvaters Wilhelm des Ersten bauen. Der Architekt war Franz Schwechten, der auch die Schultheiss-Brauerei im Prenzlauer Berg entworfen hat, und er baute neoromanisch, mit Mosaiken voller Gold und Hohenzollern. Der Hauptturm war damals rund 113 Meter hoch, ein kaiserliches Ausrufezeichen für den neuen, reichen Westen der Stadt.
In der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 traf ein Bombenangriff die Kirche und ließ sie ausbrennen. Übrig blieb der Stumpf des Turms, heute etwa 71 Meter hoch. In den 1950er-Jahren sollte die Ruine abgerissen werden, doch die Berliner protestierten so heftig, dass der Turm stehen blieb, als Mahnmal gegen den Krieg. In der Gedenkhalle im Erdgeschoss siehst du heute noch die alten Mosaike und ein Nagelkreuz aus Coventry, der englischen Stadt, die deutsche Bomben zerstört hatten.
Und jetzt geh in den Neubau von Egon Eiermann, Anfang der 1960er-Jahre fertig geworden. Von außen wirkt er fast streng, ein Gitter aus Beton. Drinnen aber umhüllen dich Tausende kleine Glassteine, gefertigt vom französischen Künstler Gabriel Loire in Chartres, und alles leuchtet in einem tiefen Blau. Über dem Altar schwebt ein goldener Christus. Und an der Wand hängt die Stalingrad-Madonna, eine Kohlezeichnung, die ein deutscher Arzt und Pfarrer zu Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad auf die Rückseite einer Landkarte gezeichnet hat.
Ruine und Neubau, Erinnerung und Neuanfang, nebeneinander auf einem Platz. Genau das ist West-Berlin. Viele Berliner kommen einfach kurz herein, setzen sich fünf Minuten in das Blau und gehen dann wieder hinaus in den Lärm. Geh jetzt ein paar Schritte an der Kirche vorbei nach Norden, zur Hardenbergstraße, wo ein Kino seinen Namen in großen Buchstaben trägt.
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5. Zoo Palast: Das Kino der Berlinale
Hardenbergstraße 29a, 10623 Berlin, Germany
Vor dir leuchtet der Schriftzug Zoo Palast über einer langen, flachen Fassade aus den Fünfzigerjahren, mit Schaukästen, Vordach und viel Glas. Wer hier heute ins Kino geht, betritt einen Saal mit Geschichte, und manchmal auch einen roten Teppich.
Schon in den Zwanzigern stand hier ein großes Kino, der Ufa-Palast am Zoo. In diesem Haus wurde im Januar 1927 Metropolis uraufgeführt, Fritz Langs gewaltiger Science-Fiction-Film mit der Maschinenfrau. Die Kritiker waren damals gar nicht so begeistert, und der Film war viel zu teuer gewesen... heute gehört er zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Das Haus hat aber auch dunkle Premieren gesehen: 1935 lief hier zum ersten Mal Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willens, in Anwesenheit Hitlers.
Im Krieg wurde der Ufa-Palast zerstört. In den Fünfzigerjahren baute man an derselben Stelle neu, nach Plänen der Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger, und 1957 eröffnete der Zoo Palast. Er war das Kino, das West-Berlin brauchte: groß, elegant, ein Versprechen, dass die Stadt auch ohne ihre alte Mitte noch Glamour hatte.
Denn von 1957 an war der Zoo Palast jahrzehntelang das Herz der Internationalen Filmfestspiele, der Berlinale. Hier liefen die Wettbewerbsfilme, hier kamen die Stars an, hier drängten sich Fans hinter Absperrgittern. Wer Karten wollte, stand oft schon frühmorgens in einer Schlange, die einmal um den Block reichte, mit Thermoskanne und Klappstuhl. Als die Berlinale im Jahr 2000 an den neuen Potsdamer Platz umzog, verlor die City West eines ihrer Lieblingsrituale. Nach einer gründlichen Sanierung öffnete der Zoo Palast 2013 wieder, mit samtigen Sesseln, und die Berlinale zeigt hier wieder Filme.
Die Fassade ist ein Lehrstück für die Architektur der Wirtschaftswunderjahre: leicht, offen, ein bisschen verspielt, ganz anders als der schwere Steinprunk der Kaiserzeit nebenan. Achte auf die großen Leuchtbuchstaben und das weit vorkragende Vordach, das bei Regen die Wartenden schützt. Jetzt dreh dich nach Norden: Gleich gegenüber, hinter dem Hardenbergplatz, liegt der Bahnhof, über den ein ganzes Buch geschrieben wurde.
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6. Bahnhof Zoo: West-Berlins Tor zur Welt
Hardenbergplatz 11, 10623 Berlin, Germany
Über dem Hardenbergplatz rattert eine S-Bahn in die Halle aus Stahl und Glas, auf dem Vorplatz warten Busse, Taxis, Reisende mit Rollkoffern und ein paar Tauben, die alles schon gesehen haben. Das ist der Bahnhof Zoologischer Garten, für alle Berliner einfach Bahnhof Zoo.
Eröffnet wurde er 1882 an der neuen Stadtbahn, dem Viadukt, das quer durch Berlin führt und bis heute die Ost-West-Achse der Bahn bildet. Die Halle, die du heute siehst, stammt im Wesentlichen aus den 1930er-Jahren. Lange war das hier ein Vorortbahnhof unter vielen, denn die großen Fernbahnhöfe lagen weiter östlich.
Dann kam die Teilung. West-Berlin hatte plötzlich keinen eigenen großen Fernbahnhof mehr, und so wurde der Bahnhof Zoo zum Tor zur Welt für über zwei Millionen Menschen. Die Interzonenzüge nach Westdeutschland fuhren von hier, durch die DDR, mit Grenzkontrollen und Hunden an den Gleisen. Wer West-Berlin verließ oder ankam, stand irgendwann auf diesen Bahnsteigen. Für viele Westdeutsche war der erste Eindruck von West-Berlin also genau dieser Bahnhof: zugig, laut, ein bisschen schmuddelig und trotzdem aufregend.
In den Siebzigern wurde der Bahnhof zum Treffpunkt der Drogenszene. 1978 erschien das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, die Geschichte von Christiane F., die mit dreizehn Jahren heroinabhängig wurde und sich hier prostituierte. Das Buch schockierte ein ganzes Land, 1981 kam der Film ins Kino, mit David Bowie, der selbst in Berlin gelebt hatte und im Film bei einem Konzert auftritt. Und 1991 schrieb die irische Band U2 sogar einen Song namens Zoo Station.
Seit der Hauptbahnhof 2006 eröffnet hat, halten hier kaum noch Fernzüge, und manche Berliner trauern dem alten Zoo bis heute nach. Die Bahnhofsmission am Zoo hilft bis heute Menschen, die nicht wissen, wohin, und gehört zu den bekanntesten Anlaufstellen der Stadt. Aber er ist geblieben, was er immer war: ein Ort, an dem die ganze Stadt durchläuft. Geh jetzt die Hardenbergstraße ein kurzes Stück nach Westen, bis rechts ein flacher Bau mit bunter Mosaikwand auftaucht.
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7. Amerika Haus & C/O Berlin: Von der Propaganda zur Fotografie
Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin, Germany
Ein flacher, heller Bau aus den Fünfzigern steht vor dir, mit großen Glasflächen und einer Wand aus kleinen bunten Mosaiksteinen. Er sieht freundlich und ein bisschen nach Schulhaus aus, aber hier wurde einmal Weltpolitik gemacht... mit Büchern.
Das ist das Amerika Haus, 1957 eröffnet. Die Amerikaner bauten solche Häuser nach dem Krieg in vielen westdeutschen Städten. Drinnen gab es eine Bibliothek, Zeitungen, Jazzkonzerte, Vorträge, Filme und Ausstellungen. Die Idee war einfach und klug: Wer die Deutschen für die Demokratie gewinnen will, muss ihnen zeigen, wie sie sich anfühlt. Für viele junge West-Berliner war das ihr erstes Fenster zur Welt, zu Hemingway, Jackson Pollock und Rock 'n' Roll. Die Bibliothek war für viele die einzige Möglichkeit, amerikanische Bücher und Zeitschriften im Original zu lesen.
Doch in den Sechzigern drehte sich der Wind. Als die USA in Vietnam Krieg führten, wurde das Amerika Haus zur Zielscheibe der Studentenbewegung. Im Februar 1966 flogen bei einer Demonstration Eier gegen die Fassade, ein Skandal in einer Stadt, die ihre Freiheit den Amerikanern verdankte. Für die Studenten war das Haus das sichtbarste Symbol einer Politik, die sie ablehnten, für ihre Eltern eine Erinnerung an die Luftbrücke, die West-Berlin 1948 und 1949 versorgt hatte. Der Generationenkonflikt der Sechziger lief also mitten über diesen Vorplatz. In den Jahren danach kamen noch viele Demonstrationen, und das Haus wurde lange hinter Gittern und Polizeiketten geschützt.
2014 zog dann C/O Berlin hier ein, eine der wichtigsten Adressen für Fotografie in Europa. Vorher war C/O im alten Postfuhramt in Mitte zu Hause, musste dort aber raus. Heute siehst du hier Ausstellungen großer Fotografinnen und Fotografen, von Klassikern der Reportage bis zu jungen Positionen. Aus dem Haus, das einmal die amerikanische Sicht auf die Welt verbreiten sollte, ist ein Ort geworden, an dem man über Bilder streitet.
Achte beim Weitergehen auf das Gebäude schräg gegenüber, das wie ein riesiges Tier mit Panzerrippen aussieht. Geh dafür die Hardenbergstraße weiter und dann links in die Fasanenstraße.
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8. Ludwig-Erhard-Haus: Das Gürteltier an der Fasanenstraße
Fasanenstraße 85, 10623 Berlin, Germany
Schau dir dieses Gebäude an: Riesige, gebogene Stahlrippen spannen sich über das Haus, als hätte jemand ein Skelett von außen angelegt. Dazwischen Glas, schräg und gewölbt. Die Berliner haben nicht lange gebraucht und es Gürteltier getauft.
Das ist das Ludwig-Erhard-Haus, benannt nach dem Wirtschaftsminister der jungen Bundesrepublik, der als Vater des Wirtschaftswunders gilt, ein rundlicher Mann mit dicker Zigarre, das Gesicht des Wohlstands. Gebaut wurde es in den 1990er-Jahren nach Plänen des britischen Architekten Nicholas Grimshaw, fertig 1998. Hier sitzen die Industrie- und Handelskammer und die Berliner Börse, also lauter Leute, die rechnen können... und die haben sich trotzdem dieses verrückte Tier gegönnt.
Der Trick dieses Hauses ist, dass die Geschosse an den Bögen hängen, statt auf Stützen zu stehen. Dadurch braucht es innen kaum Säulen, und das war nötig, weil das Grundstück schwierig ist: eng, unregelmäßig und direkt neben dem Viadukt der Stadtbahn. Grimshaw kommt aus der britischen High-Tech-Architektur, die ihre Konstruktion nicht versteckt, sondern zeigt. Hier ist die Statik selbst das Ornament. Schau durch die Glasfront hinein: Das Innere ist erstaunlich hell, die Räume zwischen den Bögen sind frei, fast wie in einer Halle.
Direkt nebenan, an der Kantstraße, steht übrigens das genaue Gegenteil: das Theater des Westens von 1896, ein Prachtbau mit Türmchen und Stuck, in dem heute Musicals laufen. Zwischen den beiden liegen hundert Jahre und eine völlig andere Vorstellung davon, was ein schönes Gebäude ist. Und unter dir rattern die Züge der Stadtbahn über ihre gemauerten Bögen, die es schon gab, bevor hier irgendetwas anderes stand.
Nach der Wende war die City West kurz in Sorge, gegen das neue alte Zentrum in Mitte zu verlieren. Das Ludwig-Erhard-Haus war eine Antwort darauf: Seht her, auch im Westen wird noch mutig gebaut. Folge jetzt der Fasanenstraße nach Süden, über die Kantstraße hinweg, bis du kurz vor dem Kurfürstendamm links ein Gebäude mit einem alten, zerbrochenen Portal siehst.
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9. Jüdisches Gemeindehaus Fasanenstraße: Das Portal der zerstörten Synagoge
Fasanenstraße 79-80, 10623 Berlin, Germany
Vor dir steht ein Nachkriegsbau aus hellem Stein, schlicht, fast unscheinbar, mit Sicherheitsglas und Polizei vor dem Eingang. Aber schau genauer hin: In die moderne Fassade sind ein steinerner Portalbogen und Säulenreste eingesetzt, alt, verwittert, wie aus einer anderen Welt.
Diese Steine stammen von der Synagoge Fasanenstraße, die hier 1912 eingeweiht wurde, ein großer Kuppelbau nach Plänen von Ehrenfried Hessel. Mit ihren Kuppeln war sie weithin sichtbar, mitten in einer bürgerlichen Wohnstraße, ein Zeichen dafür, wie selbstverständlich jüdisches Leben damals zum Westen Berlins gehörte. Sie war eine der prächtigsten Synagogen Berlins, das Gotteshaus des liberalen, gutbürgerlichen jüdischen Westens. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten Nationalsozialisten sie in Brand. Die Feuerwehr schützte die Nachbarhäuser, nicht die Synagoge. Im Krieg wurde die Ruine weiter zerstört, in den Fünfzigern dann abgetragen.
1959 wurde an ihrer Stelle dieses Jüdische Gemeindehaus eröffnet, mit Sälen, Büros und Schulräumen für die kleine Gemeinde, die die Schoah überlebt hatte oder zurückgekehrt war. Die Architekten bauten die geretteten Teile des alten Portals bewusst in die Fassade ein, als sichtbare Narbe. Im Hof erinnert eine Mauer an die Ermordeten. Lange war dieses Haus der Mittelpunkt jüdischen Lebens in West-Berlin, mit dem Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski, der selbst Auschwitz überlebt hatte. Galinski kämpfte jahrzehntelang dafür, dass Deutschland sich erinnert, unbequem, laut und unermüdlich.
Wie gefährdet dieser Neuanfang war, zeigte sich am 9. November 1969, genau einunddreißig Jahre nach dem Pogrom. Linksradikale legten während einer Gedenkveranstaltung eine Bombe in das Haus. Sie explodierte nicht, weil der Zünder versagte. Hunderte Menschen saßen an diesem Tag im Saal. Der Anschlag zeigte, dass Judenhass auch in der Bundesrepublik nicht verschwunden war, und dass er sich nicht nur bei Rechten fand.
Heute ist das Gemeindehaus wieder ein lebendiger Ort mit Veranstaltungen und Begegnungen, und die Polizei davor gehört leider bis heute zum Bild. Ein paar Schritte weiter südlich kreuzt die Fasanenstraße den Kurfürstendamm. Bieg dort rechts ab und lauf den Boulevard ein paar Minuten nach Westen, bis zur Ecke Knesebeckstraße.
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10. Kurfürstendamm: Bismarcks Boulevard
Kurfürstendamm / Knesebeckstraße, 10623 Berlin, Germany
Du stehst mitten auf dem Ku'damm: breite Bürgersteige, Platanen, Mittelstreifen, hohe Gründerzeithäuser mit Erkern, Glasvitrinen am Straßenrand und Schaufenster, so weit du gucken kannst. Das hier ist der Boulevard, auf den West-Berlin vierzig Jahre lang stolz war.
Angefangen hat er als Knüppeldamm, als ein Reitweg, auf dem die brandenburgischen Kurfürsten zur Jagd in den Grunewald ritten, daher der Name. Dann kam Otto von Bismarck. Er wollte, dass Berlin einen Boulevard bekommt wie Paris seine Champs-Élysées, und setzte durch, dass die Straße rund fünfzig Meter breit ausgebaut wurde. Ab den 1880er-Jahren entstanden hier prächtige Mietshäuser mit riesigen Wohnungen, zehn Zimmer waren keine Seltenheit.
In den Zwanzigern wurde der Ku'damm zum Laufsteg der Stadt: Kinos, Theater, Cafés, Kabaretts, Tanzlokale. Hier saßen Schriftsteller, Schauspielerinnen, Journalisten, und die Nacht wurde lang. Im Café des Westens, das alle nur Café Größenwahn nannten, stritten Expressionisten schon vor dem Ersten Weltkrieg bis in den Morgen. Viele der Menschen, die dieses Leben prägten, waren jüdisch, und nach 1933 wurden sie vertrieben, enteignet, ermordet. Ein Teil des Glanzes ist nie zurückgekommen.
Nach dem Krieg und dem Bau der Mauer wurde der Ku'damm das Schaufenster des Westens, ganz bewusst. Hier demonstrierten Studenten in den Sechzigern, hier wurde 1968 Rudi Dutschke vor dem Büro des SDS niedergeschossen, ein Stück weiter westlich. Im November 1989 schoben sich dann Zehntausende Ost-Berliner über die Bürgersteige, mit hundert D-Mark Begrüßungsgeld in der Tasche, und staunten. Viele sahen diesen Boulevard an jenem Wochenende zum ersten Mal in ihrem Leben. Und schon im Juli 1989 tanzten hier rund hundertfünfzig Leute hinter einem Lautsprecherwagen: die allererste Love Parade.
Wenn du ein Stück zurück in die Fasanenstraße südlich des Ku'damms schaust, findest du dort eine Villa von 1889 mit Garten, heute das Literaturhaus. Nebenan zeigte bis 2022 ein Museum die Werke von Käthe Kollwitz, der Frau vom Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg. Biege jetzt rechts in die Knesebeckstraße ein und lauf nach Norden, bis zu einem runden Platz unter den Bögen der S-Bahn.
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11. Savignyplatz: West-Berlins Wohnzimmer unter der Stadtbahn
Savignyplatz, 10623 Berlin, Germany
Hier wird es auf einmal ruhig: ein grüner Platz mit Hecken, Rosenbeeten und Bänken, rundherum hohe Altbauten, und im Hintergrund die gemauerten Bögen der Stadtbahn, über die alle paar Minuten ein Zug rumpelt. Willkommen am Savignyplatz, dem vielleicht gemütlichsten Ende, das ein Spaziergang durch die City West haben kann.
Der Platz ist nach Friedrich Carl von Savigny benannt, einem der berühmtesten Juristen des 19. Jahrhunderts, der an der Berliner Universität lehrte. Angelegt wurde er um 1900, als Charlottenburg gerade zu einer der reichsten Städte Preußens wurde, damals noch selbstständig, erst 1920 kam es zu Berlin. In den Zwanzigern gestaltete der Gartenarchitekt Erwin Barth ihn neu, als Schmuckplatz, auf dem man flanieren und sitzen sollte.
Die Bögen der Stadtbahn sind das eigentliche Geheimnis dieser Gegend. Jeder Bogen ist ein Raum, und in diesen Räumen haben sich Buchhandlungen, Werkstätten, Kneipen und Galerien eingerichtet. Wo anderswo eine Bahntrasse eine Stadt zerschneidet, hat Berlin sie einfach bewohnt. Manche Bögen haben große Fenster bekommen, durch die du in Läden voller Kunstbücher oder alter Schallplatten schaust, während über dir ein Fernzug vorbeidonnert.
In den Siebzigern und Achtzigern war der Savignyplatz das Wohnzimmer des intellektuellen West-Berlin. Hier saßen Schriftsteller, Filmleute, Studenten und Lebenskünstler bis spät in die Nacht in den Kneipen rund um den Platz und redeten über Politik, Kunst und die Frage, ob man in dieser Inselstadt eigentlich gerade das Zentrum der Welt war oder ihr Rand. Ehrlich gesagt... beides.
Damit endet dein Spaziergang. Du bist am Wittenbergplatz gestartet, beim Kaufhaus, das einen Flugzeugabsturz überlebte, vorbei am Elefantentor, am Wasserklops und am goldenen Riss auf dem Breitscheidplatz. Du hast den hohlen Zahn gesehen, das Kino der Berlinale, den Bahnhof der Christiane F., das Amerika Haus, das Gürteltier, das Portal der zerstörten Synagoge und Bismarcks Boulevard. Der Westen der Stadt ist weniger laut als Mitte, aber er erzählt seine Geschichte in Schichten, Ruine neben Glas. Such dir eine Bank, hör der Stadtbahn zu und bleib noch ein bisschen.