Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Hohler Zahn, Lippenstift und Puderdose
Why is it significant?
Vor dir steht ein Turm, dem oben die Spitze fehlt, zerrissen und schwarz verfärbt, und rechts und links davon zwei moderne Bauten aus Beton und Glas, ein flacher Achteckbau und ein schlanker Turm.
Key Facts
| Place | Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Hohler Zahn, Lippenstift und Puderdose |
|---|---|
| Address | Breitscheidplatz, 10789 Berlin, Germany |
| Geo Coordinates | 52.50490, 13.33460 |
| Part of Walk | Ku'damm und City West: Berlins Schaufenster zwischen Ruine und Glas |
| Generated | Generated |
Vor dir steht ein Turm, dem oben die Spitze fehlt, zerrissen und schwarz verfärbt, und rechts und links davon zwei moderne Bauten aus Beton und Glas, ein flacher Achteckbau und ein schlanker Turm. Die Berliner haben für dieses Ensemble gleich drei Spitznamen parat: hohler Zahn, Lippenstift und Puderdose.
Die alte Kirche ließ Kaiser Wilhelm der Zweite in den 1890er-Jahren zu Ehren seines Großvaters Wilhelm des Ersten bauen. Der Architekt war Franz Schwechten, der auch die Schultheiss-Brauerei im Prenzlauer Berg entworfen hat, und er baute neoromanisch, mit Mosaiken voller Gold und Hohenzollern. Der Hauptturm war damals rund 113 Meter hoch, ein kaiserliches Ausrufezeichen für den neuen, reichen Westen der Stadt.
In der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 traf ein Bombenangriff die Kirche und ließ sie ausbrennen. Übrig blieb der Stumpf des Turms, heute etwa 71 Meter hoch. In den 1950er-Jahren sollte die Ruine abgerissen werden, doch die Berliner protestierten so heftig, dass der Turm stehen blieb, als Mahnmal gegen den Krieg. In der Gedenkhalle im Erdgeschoss siehst du heute noch die alten Mosaike und ein Nagelkreuz aus Coventry, der englischen Stadt, die deutsche Bomben zerstört hatten.
Und jetzt geh in den Neubau von Egon Eiermann, Anfang der 1960er-Jahre fertig geworden. Von außen wirkt er fast streng, ein Gitter aus Beton. Drinnen aber umhüllen dich Tausende kleine Glassteine, gefertigt vom französischen Künstler Gabriel Loire in Chartres, und alles leuchtet in einem tiefen Blau. Über dem Altar schwebt ein goldener Christus. Und an der Wand hängt die Stalingrad-Madonna, eine Kohlezeichnung, die ein deutscher Arzt und Pfarrer zu Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad auf die Rückseite einer Landkarte gezeichnet hat.
Ruine und Neubau, Erinnerung und Neuanfang, nebeneinander auf einem Platz. Genau das ist West-Berlin. Viele Berliner kommen einfach kurz herein, setzen sich fünf Minuten in das Blau und gehen dann wieder hinaus in den Lärm. Geh jetzt ein paar Schritte an der Kirche vorbei nach Norden, zur Hardenbergstraße, wo ein Kino seinen Namen in großen Buchstaben trägt.