Kreuzberger Küche: Currywurst, Döner und Markthallen in Berlin

Ein Genussspaziergang durch Berlin-Kreuzberg: vom Mehringdamm über die Marheineke Markthalle, Eckkneipe und Türkenmarkt bis zum Kotti und zur Markthalle Neun

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  1. 1. Riehmers Hofgarten: Wie Kreuzberg in der Kaiserzeit aß

    Yorckstraße 83-86, 10965 Berlin, Germany

    Geh durch das hohe Tor an der Yorckstraße und bleib gleich dahinter stehen: Plötzlich ist der Verkehr weg. Vor dir liegt eine stille, baumbestandene Privatstraße, gesäumt von Gründerzeitfassaden mit Erkern, Balkonen und Stuck. Willkommen in Riehmers Hofgarten, dem vielleicht schönsten Wohnblock Kreuzbergs.

    Gebaut hat ihn ein Maurermeister namens Wilhelm Riehmer, zwischen 1881 und 1892. Sein Trick: Statt der dunklen Hinterhöfe, die in Berlin üblich waren, legte er eine grüne Straße mitten durch den Block, sodass auch die hinteren Wohnungen Licht und Luft bekamen. Hier wohnten Beamte und Offiziere, denn gleich um die Ecke am heutigen Mehringdamm lagen die Kasernen der Gardetruppen. Kreuzberg war damals Garnisonsviertel, kein Partykiez.

    Wie hat man in so einem Haus gegessen? Die Herrschaften saßen im Speisezimmer, gekocht wurde hinten in der Küche, oft von einem Dienstmädchen, das in einer Kammer daneben schlief. Die Milch kam frisch vors Haus, mit den Wagen der Meierei Bolle, die seit 1879 Berlin belieferte. Die Milchkutscher läuteten mit einer Glocke, und die Berliner nannten sie deshalb Bimmel-Bolle. Fleisch, Gemüse und Fisch holte man auf dem Markt, und genau in diesen Jahren baute die Stadt dafür ihre großen Markthallen. In den Hinterhäusern der gewöhnlichen Mietskasernen sah es ganz anders aus: Dort kochte eine Arbeiterfamilie oft auf einem einzigen Herd in dem Raum, in dem sie auch schlief.

    Nur ein paar hundert Meter südlich erhebt sich der Hügel, der dem ganzen Bezirk seinen Namen gab. Oben steht Schinkels Nationaldenkmal mit dem Eisernen Kreuz auf der Spitze, daher Kreuzberg. Und an den Hängen standen Brauereien, denn das Berliner Lagerbier musste kühl reifen, und tiefe Keller grub man am besten in einen Berg. Kreuzberg ist also, ganz wörtlich, auf Bier gebaut.

    Bevor wir losgehen, ein Geständnis: Dieser Spaziergang wird dich hungrig machen. Iss also nicht alles an der ersten Station. Geh jetzt zurück zur Yorckstraße und nach Osten bis zum Mehringdamm. An der Ecke zur U-Bahn riechst du unser nächstes Thema, bevor du es siehst.

  2. 2. Mehringdamm: Die Currywurst und ihre Erfinderin

    Mehringdamm, 10961 Berlin, Germany

    Folg einfach der Nase: Hier am Mehringdamm, gleich am U-Bahnhof, riecht es nach Bratfett, Tomate und Curry, und vor den Imbissbuden steht eine Schlange, egal ob mittags oder um drei Uhr nachts. Anzugträger, Studentinnen, Taxifahrer, Touristen, alle mit Pappschale und kleiner Holzgabel.

    Die Currywurst ist ein Kind des Nachkriegsberlin, und sie hat eine Mutter: Herta Heuwer. Am 4. September 1949 mischte sie an ihrem Imbissstand in Charlottenburg, an der Ecke Kantstraße und Kaiser-Friedrich-Straße, Tomatenmark, Gewürze und Currypulver zu einer Soße. Woher das Curry kam? Die Geschichte erzählt, von britischen Soldaten, bei denen man damals so einiges eintauschen konnte. 1959 ließ Herta Heuwer ihre Soße sogar als Marke eintragen, unter dem herrlichen Namen Chillup.

    Natürlich wäre Berlin nicht Berlin ohne Streit. Hamburg behauptet, die Currywurst sei an der Elbe erfunden worden, aber der berühmteste Beleg dafür ist eine Novelle von Uwe Timm, Die Entdeckung der Currywurst, und die ist, wie es sich für Literatur gehört, erfunden. Dann gibt es noch die Ost-West-Frage: Im Osten aß man die Wurst oft ohne Darm, weil Darm Mangelware war, so erzählt man es jedenfalls. Mit oder ohne, darüber können Berliner bis heute ernsthaft streiten. Einig sind sie sich nur darin, dass an Herta Heuwers altem Standort in Charlottenburg zu Recht eine Gedenktafel hängt.

    Und warum gerade hier? Der Mehringdamm hieß früher Belle-Alliance-Straße, nach dem preußischen Namen für die Schlacht bei Waterloo, und wurde 1947 nach dem Publizisten Franz Mehring umbenannt. Hier kreuzen sich zwei U-Bahn-Linien, Nachtschwärmer und Taxis, und so ein Knotenpunkt braucht eine Imbissbude, die nie schläft. Die Currywurst war immer Arbeiteressen: schnell, heiß, billig, im Stehen gegessen. Daran hat sich hier wenig geändert.

    Mein Rat unter Freunden: Bestell nicht zu scharf, wenn du noch reden willst. Dann geh den Mehringdamm ein kleines Stück nach Süden und biege links in die Bergmannstraße. Nach ein paar Querstraßen gehst du rechts hinunter zum Chamissoplatz und hältst Ausschau nach einem kleinen grünen Häuschen aus Gusseisen.

  3. 3. Chamissoplatz: Kopfsteinpflaster und Café Achteck

    Chamissoplatz, 10965 Berlin, Germany

    Schau dich um: Kopfsteinpflaster, Gaslaternen, hohe Gründerzeithäuser mit Stuck, in der Mitte große Bäume und ein Spielplatz. Wenn du das Gefühl hast, in einem Film über das Berlin um 1900 zu stehen, liegst du nicht falsch... Filmteams lieben diesen Platz genau dafür.

    Der Kiez um den Chamissoplatz hat den Zweiten Weltkrieg erstaunlich unbeschädigt überstanden, und das macht ihn in Berlin so selten. Der Platz trägt den Namen von Adelbert von Chamisso, einem französischen Adligen, dessen Familie vor der Revolution floh. Er kam als Jugendlicher nach Berlin, wurde ein deutscher Dichter und schrieb die Geschichte von Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkaufte. Nebenbei segelte er als Naturforscher einmal um die Welt und arbeitete später am Botanischen Garten in Berlin. Ein Dichter, der Pflanzen sammelte, als Pate für einen Platz voller Bäume: passt.

    Und jetzt das grüne Häuschen. Das achteckige Ding aus Gusseisen ist eine öffentliche Toilette für Männer aus dem 19. Jahrhundert, und die Berliner nennen diesen Typ mit typischem Humor Café Achteck. Früher standen in der Stadt weit über hundert davon. Heute sind nur noch wenige Dutzend übrig, und die meisten stehen unter Denkmalschutz. Ein Klo als Baudenkmal: Auch das ist Berlin.

    Fast wäre das alles verschwunden. In den Siebzigerjahren plante West-Berlin für große Teile Kreuzbergs die Kahlschlagsanierung: alte Häuser abreißen, Neubauten hochziehen. Bewohner wehrten sich, Häuser wurden besetzt, und am Ende setzte sich ein neues Prinzip durch, die behutsame Stadterneuerung. Man reparierte, statt abzureißen. Dass du hier noch Stuck und Kopfsteinpflaster siehst, ist also auch das Ergebnis von Protest.

    Und was hat das mit Essen zu tun? In solchen Kiezen lebte die Berliner Alltagsküche: Stullen, Buletten, Kartoffeln in jeder Form, Eisbein am Sonntag. Im Erdgeschoss fast jedes Eckhauses gab es einen Kolonialwarenladen, einen Bäcker oder eine Kneipe, und man kaufte ein, ohne die Straße zu verlassen. Geh jetzt hinauf zur Bergmannstraße und nach rechts zum Marheinekeplatz. Dort wartet eine Halle, in der seit 1892 eingekauft wird.

  4. 4. Marheineke Markthalle: Einkaufen unter Glas seit 1892

    Marheinekeplatz 15, 10961 Berlin, Germany

    Vor dir öffnen sich die Türen der Marheineke Markthalle, und dir kommt der Duft von frischem Brot, Käse und Kaffee entgegen. Drinnen, unter einem hellen Dach, reihen sich Stände mit Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Feinkost, und an den Stehtischen wird schon am Vormittag geplaudert. Kiezrentner, Familien mit Kinderwagen und Leute, die nur schnell einen Espresso wollen, alle teilen sich hier denselben Gang.

    Die Halle wurde 1892 eröffnet, als städtische Markthalle Nummer elf. Berlin baute damals innerhalb weniger Jahre über ein Dutzend solcher Hallen. Die erste und größte, die Zentralmarkthalle am Alexanderplatz, öffnete 1886, mit eigenem Gleisanschluss, damit die Waren aus dem Umland direkt mit der Bahn ankamen. Bis dahin wurde auf offenen Plätzen verkauft, zwischen Pferdemist, Abfall und Fliegen, mitten im immer dichteren Verkehr der wachsenden Großstadt. Die Markthallen waren ein Hygieneprojekt: Ware unter Dach, Fleisch unter Aufsicht, alles von der Stadt kontrolliert.

    Platz und Halle heißen nach Philipp Marheineke, einem Theologen, der mit Hegel befreundet war und nach dessen Tod Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Religion herausgab. Wo sonst bekommt man seinen Blumenkohl in einer Halle, deren Name an einen Hegelianer erinnert? Berlin hat eben eine Schwäche dafür, Alltag und Weltgeist zu mischen.

    Die Halle hat schwere Zeiten erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie wiederaufgebaut, und später, als Supermärkte und Discounter kamen, wurde es in vielen Markthallen still. Von den einst vierzehn städtischen Hallen sind nur wenige als Markt geblieben, etwa die Arminiushalle in Moabit, viele wurden abgerissen oder umgenutzt. Die Marheineke wurde in den 2000er Jahren gründlich modernisiert, und sie hat überlebt, weil der Kiez sie brauchte.

    Hol dir ruhig etwas für unterwegs, ein Stück Käse, ein Brötchen, einen Kaffee. Dann geh die Bergmannstraße nach Osten weiter. Die Cafés werden weniger, auf der rechten Seite beginnt eine lange Mauer, und hinter ihr wird es ganz still.

  5. 5. Bergmannstraße: Zwischen Cafés und vier Friedhöfen

    Bergmannstraße, 10961 Berlin, Germany

    An dieser Stelle der Bergmannstraße teilt sich die Welt: Hinter dir Cafés, Buchläden, Trödel und Tische auf dem Gehweg, vor dir eine lange Mauer, hinter der alte Bäume rauschen. Auf der einen Seite das Leben, auf der anderen vier Friedhöfe nebeneinander.

    Die Friedhöfe legten Berliner Kirchengemeinden im 19. Jahrhundert hier draußen vor der Stadt an, als drinnen kein Platz mehr war. Auf dem Luisenstädtischen Friedhof liegt Gustav Stresemann, der Außenminister der Weimarer Republik und Friedensnobelpreisträger. Die Toten waren also zuerst da, und die Stadt wuchs erst danach um sie herum.

    Wer Kreuzberg verstehen will, muss zwei Zahlen kennen: 61 und 36. Das waren die alten Postbezirke. SO 36 im Osten, rund ums Kottbusser Tor, galt als rau, arm und wild. SW 61 hier, rund um die Bergmannstraße, war bürgerlicher, mit Altbau, Ärzten und Buchhandlungen. Bis heute sagen Kreuzberger, ich wohn in 61, und jeder weiß Bescheid, obwohl es die alten Postbezirke seit den fünfstelligen Postleitzahlen von 1993 gar nicht mehr gibt. Beim Essen merkt man den Unterschied noch immer: hier Biobäcker und Weinladen, drüben Dönergrill und Gemüsehändler, die um Mitternacht noch Granatäpfel verkaufen.

    Die Bergmannstraße ist eine Straße, um die gestritten wird. Vor ein paar Jahren stellte der Bezirk hölzerne Sitzpodeste auf Parkplätze, als Experiment für eine sogenannte Begegnungszone. Die einen liebten sie, die anderen fanden sie hässlich, und nach etwa einem Jahr verschwanden sie wieder. Wie viel Platz Autos, Fahrräder und Menschen hier bekommen, wird seitdem weiter verhandelt. In Berlin ist eben auch eine Sitzbank Politik.

    Wenn du Zeit hast, geh kurz durch eines der Friedhofstore. Unter den alten Bäumen wird es plötzlich so leise, dass du die Stadt vergisst, und auf den Grabsteinen findest du Namen von Brauern, Bäckern und Kaufleuten, die dieses Berlin gefüttert haben. Danach folgst du der Bergmannstraße bis zu ihrem Ende, wo sich mehrere Straßen sternförmig treffen und eine hohe Backsteinkirche aufragt.

  6. 6. Südstern und Hasenheide: Hier können Familien Kaffee kochen

    Südstern, 10961 Berlin, Germany

    Vor dir ragt die Kirche am Südstern auf, ein wuchtiger Backsteinbau mit hohem Turm, und um dich herum fächern sich die Straßen auf wie die Zacken eines Sterns. Gegenüber beginnen die Bäume der Hasenheide, Kreuzbergs grünes Wohnzimmer, das eigentlich schon zu Neukölln gehört.

    Die Kirche entstand in den 1890er Jahren als Garnisonkirche für die Soldaten der Garde, die auf dem nahen Tempelhofer Feld exerzierten. Die Hasenheide hat ihren Namen wörtlich verdient: Im 17. Jahrhundert ließ der Große Kurfürst hier ein Gehege für Hasen anlegen, Jagdbeute für den Hof. Und 1811 eröffnete Friedrich Ludwig Jahn in der Hasenheide den ersten öffentlichen Turnplatz. Der Turnvater steht noch heute als Denkmal im Park.

    Jetzt aber zum Essen. Im 19. Jahrhundert war die Hasenheide ein Ausflugsziel. Am Sonntag zogen Berliner Familien mit Kind und Kegel vor die Stadt, in Biergärten und Tanzlokale. Nach einer Woche mit langen Arbeitstagen in Fabriken und Werkstätten war so ein Nachmittag im Grünen für viele der einzige Luxus, den sie sich leisten konnten. Und an vielen Gartenlokalen hing ein Schild, das es so wohl nur in Berlin gab: Hier können Familien Kaffee kochen. Man brachte das eigene Kaffeepulver mit, der Wirt stellte heißes Wasser, Geschirr und Tische, und verdiente an Kuchen und Bier.

    Zu so einem Ausflug gehörte die Berliner Weiße, ein leichtes, säuerliches Weizenbier. Man trinkt sie mit einem Schuss Himbeer- oder Waldmeistersirup, rot oder grün, aus einer breiten Schale, die eher an eine Suppenschüssel erinnert. Die Legende erzählt, Napoleons Soldaten hätten sie 1806 den Champagner des Nordens genannt. Ob das stimmt? Manche Geschichten werden nicht besser, wenn man sie nachprüft.

    Heute picknicken in der Hasenheide Familien aus aller Welt, die Gerüche sind andere, aber die Idee ist dieselbe geblieben: Man bringt mit, was man hat, und teilt es draußen. Geh jetzt nach Nordosten in die Körtestraße und dann in die Graefestraße. Wir suchen eine Eckkneipe, und im Graefekiez musst du nicht lange suchen.

  7. 7. Graefekiez: Die Berliner Eckkneipe

    Graefestraße, 10967 Berlin, Germany

    Bleib an einer Straßenecke der Graefestraße stehen und schau dir die Erdgeschosse an: hier ein Spätkauf, dort ein Café, und an mancher Ecke noch eine Kneipe mit Gardinen bis zur halben Fensterhöhe, Bierreklame über der Tür und einem Tresen, an dem Stammgäste seit Jahrzehnten auf ihren Plätzen sitzen.

    Die Graefestraße heißt nach Albrecht von Graefe, einem Berliner Arzt, der im 19. Jahrhundert die moderne Augenheilkunde mitbegründete. Der Kiez entstand in der Gründerzeit, und mit ihm die Berliner Eckkneipe, gern in der abgeschrägten Ecke eines Hauses, mit Türen zu zwei Straßen. Für Arbeiterfamilien in engen Wohnungen war sie Wohnzimmer, Nachrichtenbörse und Kantine zugleich.

    Und was gab es am Tresen? Zur Molle, so heißt in Berlin ein Glas Bier, und zum Korn gab es kleine Sachen. Soleier, hartgekochte Eier, die in einem großen Glas in Salzlake lagen. Rollmops, ein Heringsfilet, um eine Gurke gerollt. Und natürlich die Bulette, Berlins Frikadelle. Ihr Name kommt vom französischen boulette, Kügelchen, und erinnert an die Hugenotten, die nach 1685 zu Tausenden nach Berlin kamen. Um 1700 soll fast jeder fünfte Berliner Franzose gewesen sein.

    Die Hugenotten haben die Berliner Küche stärker geprägt, als man denkt. Sie legten Gärten an, brachten feinere Gemüsesorten und eine Vorliebe für gutes Weißbrot mit. Angeblich auch manches Wort: Wenn eine Berliner Oma sagt, mach keine Fisimatenten, soll das vom französischen visite ma tente kommen, besuch mein Zelt, angeblich die Einladung französischer Soldaten an Berliner Mädchen. Sprachforscher halten das allerdings für eine hübsche Legende.

    Die klassische Eckkneipe stirbt langsam aus, aber wenn du eine findest, trau dich hinein. Bestell eine Molle, setz dich an den Tresen und hör einfach zu, du lernst mehr über Berlin als in jedem Museum. Danach geh die Graefestraße hinauf bis zum Landwehrkanal, halte dich rechts und geh über die Kottbusser Brücke ans andere Ufer. An Markttagen hörst du es schon von Weitem: Rufen, Feilschen, Lachen.

  8. 8. Maybachufer: Der Markt am Landwehrkanal

    Maybachufer, 12047 Berlin, Germany

    Vor dir am Ufer des Landwehrkanals reihen sich an Markttagen Stände unter weißen und bunten Planen, so weit du sehen kannst. Berge von Tomaten, Paprika und Auberginen, Säcke voller Gewürze, Oliven in zwanzig Sorten, Fladenbrot, Stoffballen, und dazwischen Händler, die ihre Angebote singen.

    Das ist der Wochenmarkt am Maybachufer, den alle nur Türkenmarkt nennen. Seit Jahrzehnten kaufen hier Familien aus Kreuzberg und Neukölln ein, und längst kommen Leute aus der ganzen Stadt. Probier Börek, frisch gefaltete Gözleme oder einen Sesamring, und warte, bis es auf das Marktende zugeht: Dann wollen die Händler ihre Kisten leer haben, und es wird laut und großzügig. Die Rufe auf Türkisch und Deutsch, mal im Wechsel, mal wild gemischt in einem Satz, sind der Soundtrack dieses Ufers.

    Die Kulisse ist viel älter als der Markt. Der Landwehrkanal wurde zwischen 1845 und 1850 nach Plänen von Peter Joseph Lenné ausgebaut, als Wasserweg für Lastkähne. Auf ihm kamen Ziegel für die wachsende Stadt, Holz, Kohle und Waren aus dem Umland. Das Ufer heißt nach Albert von Maybach, einem preußischen Minister, der die Eisenbahnen verstaatlichte. Ein Eisenbahnminister als Pate für einen Kanal... Berlin hat Sinn für Ironie.

    Du stehst hier übrigens schon in Neukölln, der Kanal ist die Grenze. Lange war er mehr als eine Bezirksgrenze, er trennte auch Welten: drüben das bekannte Kreuzberg, hier das Neukölln, über das die Zeitungen gern Schlechtes schrieben. Heute heißt die Gegend auf beiden Seiten halb im Scherz Kreuzkölln, und mit den Cafés und Bars kamen steigende Mieten. Die Frage, wem ein Kiez gehört, wird hier lauter gestellt als anderswo. Der Markt aber ist geblieben, und mit ihm ein Stück vom alten Kiez.

    Kauf dir eine Tüte Pistazien oder ein Stück Börek für den Weg. Dann geh zurück über die Kottbusser Brücke und den Kottbusser Damm hinauf nach Norden. Vor dir taucht ein riesiger Betonbau auf, daneben rattert die Hochbahn: Willkommen am Kotti.

  9. 9. Kottbusser Tor: Der Kotti und der Streit um den Döner

    Kottbusser Tor, 10999 Berlin, Germany

    Stell dich auf den Platz am Kottbusser Tor und dreh dich einmal im Kreis: oben die gelbe Hochbahn auf ihrem Stahlviadukt, ringsum Imbisse, Spätis und Teestuben, und über allem der Betonriegel des Neuen Kreuzberger Zentrums aus den Siebzigern. Schön ist anders. Lebendig ist genau so.

    Der Name ist älter als alles, was du siehst. Hier stand das Cottbusser Tor in der Berliner Zollmauer aus dem 18. Jahrhundert, an der Straße nach Cottbus. Die Hochbahn fährt hier seit 1902, und 1928 kam tief unter der Erde eine zweite Linie dazu, die U8, die den Platz zum Umsteigeknoten machte. Ab den Sechzigerjahren wurde der Kotti zum Herz des türkischen Kreuzberg. Viele Altbauten ringsum sollten abgerissen werden und wurden deshalb billig vermietet, oft an Familien, die als sogenannte Gastarbeiter gekommen waren.

    Und in diesem Kreuzberg beginnt der Streit um die berühmteste Erfindung der Berliner Küche: den Döner im Brot. Gegrilltes Fleisch vom senkrechten Spieß gab es in der Türkei schon lange, aber auf dem Teller. Wer zuerst auf die Idee kam, es mit Salat und Soße in ein Fladenbrot zu packen, damit man es im Gehen essen kann, ist umstritten. Kadir Nurman erzählte, er habe 1972 am Bahnhof Zoo damit angefangen. Mehmet Aygün sagt, er habe schon 1971 in Kreuzberg Döner im Brot verkauft. Und es gibt weitere Kandidaten.

    Sicher ist nur, dass der Döner in Berlin so groß wurde, dass die Stadt Ende der Achtzigerjahre amtlich festlegte, was sich überhaupt Döner nennen darf: welches Fleisch auf den Spieß gehört und wie viel Hackfleisch höchstens erlaubt ist. Ein Gericht aus Anatolien, geregelt von Berliner Lebensmittelbehörden, erfunden für Menschen, die keine Zeit für eine Mittagspause hatten. Deutscher geht es kaum.

    Wenn du jetzt Hunger hast: Am Kotti musst du nicht lange suchen, und die Diskussion, wo es den besten gibt, führst du am besten mit vollem Mund. Danach folgst du der Hochbahn die Skalitzer Straße entlang nach Osten, unter den Stahlträgern hindurch, bis zur Ecke Manteuffelstraße.

  10. 10. Skalitzer Straße: Unter der Hochbahn nach SO 36

    Skalitzer Straße / Manteuffelstraße, 10999 Berlin, Germany

    Über dir donnert die U1 auf ihrem Viadukt, die gelben Wagen blitzen zwischen den Stahlstreben, und unten auf dem breiten Mittelstreifen laufen Menschen, Fahrräder und Hunde im gesprenkelten Schatten. Diese Hochbahn ist älter als fast alles um dich herum: Sie fährt hier seit 1902, auf der ersten U-Bahn-Strecke Berlins. Und der Straßenname erinnert, wie so viele in Kreuzberg, an eine preußische Schlacht, hier an die bei Skalitz im Krieg von 1866.

    Am 30. Oktober 1961, wenige Wochen nach dem Mauerbau, unterschrieb die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. West-Berlin brauchte Arbeitskräfte besonders dringend, denn aus dem Osten kam nun niemand mehr herüber. So kamen Frauen und Männer aus Anatolien in die Elektrofabriken und Werkstätten der Stadt. Eigentlich sollten sie nach ein paar Jahren wieder gehen. Viele blieben, holten ihre Familien nach, und SO 36 wurde ihr Kiez.

    Mit ihnen kam die Küche. In Kreuzberg öffneten türkische Lebensmittelläden, und plötzlich gab es Auberginen, Schafskäse, Fladenbrot, Paprika, die nach etwas schmeckten, und Lammfleisch beim Fleischer um die Ecke. Abends kochten die Frauen nach der Schicht in winzigen Altbauküchen die Gerichte ihrer Dörfer nach, so gut es mit den Zutaten eben ging. Die Berliner, die mit Kohl, Kartoffeln und Bulette groß geworden waren, schauten erst skeptisch und kauften dann mit. Ohne diese Läden kein Döner, keine Mezze, keine Gözleme auf dem Markt am Maybachufer.

    Willkommen waren die neuen Nachbarn nicht überall. 1975 verhängte West-Berlin für Kreuzberg, Wedding und Tiergarten eine Zuzugssperre: Ausländer durften dort keine neue Wohnung mehr anmelden, weil ihr Anteil angeblich zu hoch war. Die Sperre galt über ein Jahrzehnt lang. Und trotzdem, oder gerade deshalb, wurde Kreuzberg zu dem Ort, an dem Deutschland lernte, dass Einwanderung eine Stadt nicht ärmer macht, sondern reicher, auch am Esstisch.

    Die Kinder und Enkel der ersten Generation führen heute Restaurants, Bäckereien, Arztpraxen und Kanzleien. Geh jetzt nach links in die Manteuffelstraße und dann nach rechts in die Pücklerstraße. Dort wartet eine Backsteinhalle aus der Kaiserzeit, und in ihr das Finale unseres Spaziergangs.

  11. 11. Markthalle Neun: Das Finale in der Eisenbahnmarkthalle

    Eisenbahnstraße 42-43, 10997 Berlin, Germany

    Tritt durch das Tor in die Markthalle Neun: Eisenträger, ein hohes Dach mit Oberlicht, Backsteinwände, und darunter Stände mit Brot, Käse, Wurst, Kaffee und Gemüse von Höfen aus Brandenburg. Es riecht nach Sauerteig und Röstaromen, irgendwo wird gelacht, irgendwo klappert Geschirr. Willkommen am Ziel.

    Die Halle wurde 1891 eröffnet, als städtische Markthalle Nummer neun, daher der Name. Sie gehörte zu dem großen Programm, mit dem Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts seine Märkte unter Dach brachte, entworfen im Stadtbauamt unter Hermann Blankenstein. Die lange Halle reicht von der Eisenbahnstraße bis hinüber zur Pücklerstraße, und ihre Schwester am Marheinekeplatz hast du vorhin gesehen. Zusammen erzählen die beiden, wie eine Millionenstadt lernte, sich sauber und zuverlässig zu ernähren.

    Im 20. Jahrhundert ging es bergab. Supermärkte machten den Markthallen Konkurrenz, ein Teil der Halle wurde an einen Discounter vermietet, der Rest verödete. Um 2009 wollte das Land Berlin die Halle verkaufen, und es drohte, dass daraus alles Mögliche wird, nur kein Markt mehr. Nachbarn und eine Initiative kämpften für eine Halle, in der wieder regionale Lebensmittel verkauft werden.

    Seit 2011 heißt sie Markthalle Neun, und sie ist ein Labor geworden für die Frage, wie eine Großstadt essen will: mit Bäckern, die ihr Getreide kennen, Metzgern, die ganze Tiere verarbeiten, einer kleinen Brauerei im Keller, und Abenden, an denen sich die Halle in einen Streetfood-Markt aus aller Welt verwandelt. Unumstritten ist sie nicht, manchen ist vieles zu teuer für den Kiez. Und genau dieser Streit ist sehr Kreuzberg.

    Schau zurück auf deinen Weg: vom Hofgarten der Kaiserzeit über die Currywurst am Mehringdamm, die Halle am Marheinekeplatz, die Kaffeegärten der Hasenheide, die Eckkneipe und den Markt am Kanal bis zum Döner am Kotti. Die Kreuzberger Küche ist keine Speisekarte, sie ist eine Geschichte vom Ankommen und Bleiben. Setz dich, iss etwas und guten Appetit, oder, wie man am Maybachufer sagt: Afiyet olsun.