Barceloneta und Port Vell: Barcelonas Hafen, Fischerviertel und Strand zum Schmecken
Von Kolumbus' Säule bis zu Gehrys goldenem Fisch: Reis mit Tintenfischtinte, die Bomba der Barceloneta, eine Fischauktion, ein deutscher Stern am Strand und ein Viertel, das im Raster von 1753 lebt
Barcelona · 12 stops · 31 min audio · Generated
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1. Mirador de Colom: Der Seefahrer, der in die falsche Richtung zeigt
Plaça del Portal de la Pau, 08001 Barcelona, Spain
Leg den Kopf in den Nacken: Ganz oben auf einer gusseisernen Säule, umgeben von geflügelten Figuren und Löwen, steht Christoph Kolumbus und streckt den Arm weit aufs Meer hinaus. Das ist der Mirador de Colom, und von hier aus gehen wir dem Wasser nach, und dem, was das Wasser auf die Teller Barcelonas gebracht hat.
Errichtet wurde die Säule für die Weltausstellung von 1888, nach Plänen des Architekten Gaietà Buïgas, rund sechzig Meter hoch. Im Inneren fährt ein enger Aufzug bis in die Kugel unter Kolumbus' Füßen, von wo du über den ganzen Hafen schaust. Warum Kolumbus, ausgerechnet in Barcelona? Weil er im Frühjahr 1493, nach seiner ersten Reise, hier von den Katholischen Königen empfangen wurde und ihnen Papageien, Gold und Menschen aus der Neuen Welt vorführte.
Jetzt achte auf seinen Finger. Er zeigt stolz übers Meer... nur leider nicht nach Amerika. Amerika liegt im Westen, Kolumbus aber deutet ungefähr nach Südosten, Richtung Mittelmeer. Es gibt viele Erklärungen, die nettere lautet, er zeige in Richtung seiner angeblichen Heimat. Die ehrlichere: Der Platz und die Säule ließen sich einfach nicht anders ausrichten. Über seine Herkunft streiten sich ohnehin ganze Bibliotheken: Die Forschung sagt Genua, und doch schwören manche Katalanen bis heute, er sei einer von ihnen gewesen.
Für unseren Spaziergang ist er trotzdem der perfekte Startpunkt, denn die Fahrten über den Atlantik haben die Küche Barcelonas für immer verändert. Ohne sie gäbe es keine Kartoffel, keine Paprika, keine Schokolade... und vor allem keine Tomate. Und ohne Tomate gäbe es kein pa amb tomàquet, das geröstete Brot, über das die Katalanen eine halbe reife Tomate reiben, Olivenöl und Salz darauf. Es kam erst Jahrhunderte später auf, aber es ist heute so katalanisch wie die Sardana.
Rund um die Säule führten früher Hafenmauern und Zollhäuser, und der Platz heißt bis heute Portal de la Pau, Tor des Friedens. Die Bronzelöwen am Sockel sind bei Kindern als Klettergerüst heiß begehrt. Dreh Kolumbus jetzt den Rücken zu, nicht übel nehmen, und geh links am Wasser entlang auf die breite Hafenpromenade, bis du einen hölzernen Steg siehst, der sich über das Hafenbecken schwingt.
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2. Moll de la Fusta und Rambla de Mar: Der Holzsteg ins Hafenbecken
Moll de la Fusta, Passeig de Colom, 08002 Barcelona, Spain
Vor dir schwingt sich ein breiter Steg aus hellem Holz in sanften Wellen über das Hafenbecken, und an seinem Ende glänzt ein moderner Bau aus Glas und Metall. Das ist die Rambla de Mar, die Rambla des Meeres, und sie führt hinüber zum Maremagnum.
Der Steg ist eine Drehbrücke. Wenn Segelboote in den inneren Hafen wollen, schwenkt ein Teil davon zur Seite, und die Spaziergänger müssen warten wie früher die Fuhrwerke an der Zugbrücke. Gebaut wurde das Ganze Mitte der 1990er Jahre, als Verlängerung der Rambla, so als würde die berühmteste Straße der Stadt einfach weiterlaufen, über das Wasser hinaus. Abends, wenn die Sonne hinter dem Montjuïc versinkt, ist das einer der schönsten Plätze, um mitten im Hafen zu sitzen, ohne nass zu werden.
Bis in die 1980er Jahre war das hier kein Ort zum Flanieren. Der Port Vell, der alte Hafen, war ein Arbeitsgebiet mit Lagerhallen, Zäunen, Eisenbahngleisen und Schwerverkehr. Die Stadt lebte mit dem Rücken zum Meer, wie man in Barcelona gern sagt. Erst mit der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1992 wurde die Küstenstraße teilweise unter die Erde gelegt und der Kai geöffnet. Seitdem gehört er den Spaziergängern, den Joggern und den Möwen.
Der Name Moll de la Fusta heißt übrigens Holzkai. Hier wurde früher Bauholz entladen, und ganz in der Nähe kamen die Schiffe mit Waren aus aller Welt an. Eine davon hat die katalanische Küche geprägt wie kaum eine andere: Bacallà, gesalzener Kabeljau aus dem Nordatlantik, in Fässern und Ballen herangeschafft. Ausgerechnet in einer Stadt am Mittelmeer, voller frischer Fische, wurde der getrocknete Fisch aus dem Norden zum Alltagsessen, für die Fastenzeit, für arme Leute und für jeden Sonntag. Bis heute findest du ihn überall, zum Beispiel als esqueixada, roh gezupft mit Tomaten, Zwiebeln und Oliven, oder als goldbraun frittierte Bällchen.
Wenn du magst, lauf ruhig ein paar Meter auf den Steg hinaus, setz dich in die Sonne und schau, wie das Wasser unter den Planken glitzert. Danach geh am Wasser entlang weiter nach links, die Promenade hinauf, bis dir ein riesiger, bunter Kopf aus Keramik entgegengrinst.
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3. El Cap de Barcelona: Lichtensteins grinsender Kopf
Passeig de Colom, 08002 Barcelona, Spain
Mitten auf der Promenade steht ein gewaltiger Kopf, höher als ein Haus, bunt wie ein Comicheft: blonde Haare, ein roter Mund, Rasterpunkte, schwarze Umrisse. Er scheint dich anzulächeln, oder vielleicht ein bisschen auszulachen.
Das ist El Cap de Barcelona, der Kopf von Barcelona, vom amerikanischen Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein. Er entstand für das Olympiajahr 1992, als die Stadt Künstler aus aller Welt einlud, ihr neu geöffnetes Ufer zu gestalten. Lichtenstein kannte man für seine riesigen Comicbilder mit weinenden Blondinen und Sprechblasen, und hier hat er eine davon in die dritte Dimension geholt. Er war damals fast siebzig und längst einer der berühmtesten Künstler der Welt, und trotzdem hat er sich für einen Kai in Barcelona so viel Mühe gegeben, als wäre es sein erstes Werk.
Geh näher heran und schau dir die Oberfläche an. Der Kopf ist mit Keramikstücken verkleidet, eine augenzwinkernde Verbeugung vor Gaudí und seinem trencadís, den bunten Scherbenmosaiken. Ein Amerikaner aus New York, der einem Katalanen aus Reus seine Reverenz erweist, mitten auf dem Weg zum Meer. Das ist typisch für das Barcelona der frühen Neunziger: Es wollte gleichzeitig international und ganz und gar es selbst sein.
Und jetzt, versprochen, wird es wieder kulinarisch. Hinter dir, auf der anderen Seite der Straße, beginnt das Viertel La Ribera, in dem jahrhundertelang Händler, Seeleute und Fischverkäufer lebten. Was im Hafen ankam, wurde hier verkauft, gesalzen, gelagert und gekocht. In kleinen Läden roch es nach Zimt, Pfeffer, geröstetem Kaffee und Stockfisch, und die Köchinnen der Stadt kamen von weit her, um hier einzukaufen. Die Seeleute brachten nicht nur Waren mit, sondern auch Rezepte, und so mischt die Hafenküche Barcelonas bis heute Fisch aus dem Mittelmeer mit Gewürzen und Zutaten aus aller Welt.
Wenn du genau hinsiehst, sind die Augen des Kopfes leer, als würde er träumen. Manche sagen, er schaue sehnsüchtig aufs Meer, andere, er beobachte einfach die Touristen. Die Barceloniner haben sich an ihn gewöhnt wie an einen Nachbarn, der jeden Morgen grüßt. Überquer jetzt die Straße und geh nach rechts zu den langen, eleganten Arkaden mit Medaillons und Reliefs.
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4. Porxos d'en Xifré: Reichtum aus Übersee und der Reis des feinen Herrn
Passeig d'Isabel II 14, 08003 Barcelona, Spain
Du stehst unter langen, hohen Arkaden, deren Bögen ein ganzes Häusergeviert umlaufen. Schau nach oben an die Fassade: Medaillons mit Köpfen von Seefahrern und Entdeckern, Reliefs mit Göttern, Schiffen und Handelswaren, ein ganzes Bilderbuch des Reichtums. Die Bögen spenden Schatten und waren früher voller Läden, Kontore und Cafés.
Das sind die Porxos d'en Xifré, die Arkaden des Herrn Xifré. Josep Xifré war ein Katalane, der jung nach Amerika ging und vor allem auf Kuba ein riesiges Vermögen machte. Als er zurückkam, ließ er sich ab 1836 dieses prachtvolle Wohn- und Geschäftshaus bauen, direkt am Hafen, so dass jeder, der ankam, sofort sah, was Übersee aus einem Mann machen konnte. Solche Heimkehrer nannte man in Katalonien indianos.
Und unter diesen Bögen öffnete 1836 ein Lokal, das bis heute existiert: das Set Portes, die sieben Türen, eines der ältesten Restaurants der Stadt. Es ist berühmt für seine Reisgerichte, und eines davon hat eine herrliche Geschichte. Erzählt wird, ein Stammgast namens Parellada, ein feiner Herr, habe es satt gehabt, sich beim Essen die Finger an Krabbenschalen und Gräten schmutzig zu machen. Also bekam er seinen Reis mit Meeresfrüchten, die schon geschält und entgrätet waren. So entstand das arròs Parellada.
In ganz Katalonien gibt es dazu einen Verwandten mit einem noch schöneren Namen: arròs del senyoret, der Reis des feinen Herrchens. Alles ist geschält, alles mundgerecht, du musst nur die Gabel heben. Fischer würden darüber den Kopf schütteln, denn für sie gehört das Pulen, Saugen und Knacken zum Vergnügen dazu. Aber wer will schon im Anzug mit Garnelen ringen? Probier es ruhig einmal, an einem Tag, an dem du nicht schmutzig werden willst.
Die Pracht dieser Arkaden hat eine Kehrseite, über die man heute offener spricht. Viele Vermögen der indianos stammten aus einer kolonialen Wirtschaft, die auf Zuckerrohr, Tabak und Sklavenarbeit beruhte. Die Medaillons erzählen nur die glänzende Hälfte der Geschichte. Geh jetzt nach rechts Richtung Barceloneta, bis du vor einem langen Backsteinbau mit Terrassen voller Tische und Sonnenschirme stehst.
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5. Palau de Mar: Das letzte Lagerhaus des Hafens
Plaça de Pau Vila 3, 08003 Barcelona, Spain
Vor dir erstreckt sich ein langer, rötlicher Backsteinbau mit Türmchen an den Ecken, und unten reiht sich eine Terrasse an die nächste, voller Tische, Sonnenschirme und Kellner mit Pfannen, so breit wie Wagenräder. Das ist der Palau de Mar, der Palast am Meer.
Ein Palast war er nie. Gebaut wurde er um 1900 als Lagerhaus, die Magatzems Generals de Comerç, die Allgemeinen Handelsspeicher des Hafens. Hier stapelten sich Säcke, Fässer und Kisten, bevor sie in die Stadt oder auf Schiffe gingen. Von all den Lagerhallen, die früher den Port Vell säumten, ist dieser Bau als einer der wenigen übrig geblieben.
Anfang der 1990er Jahre wurde er umgebaut, und seit 1996 sitzt in den oberen Etagen das Museu d'Història de Catalunya. Ganz oben gibt es eine Terrasse, von der du über den ganzen Hafen bis zum Montjuïc schaust. Wo früher Getreide und Kolonialwaren lagerten, wird heute die Geschichte des ganzen Landes erzählt, von der Steinzeit bis zur Gegenwart.
Aber zurück zu diesen riesigen Pfannen. Die Paella stammt eigentlich aus Valencia, und dort würde man dir erklären, dass eine echte Paella Kaninchen und Bohnen enthält, keine Muscheln. In Barcelona isst man am Meer lieber arròs, Reisgerichte aus der Pfanne mit Fisch und Meeresfrüchten, und einen Klassiker solltest du unbedingt probieren: arròs negre, schwarzer Reis, gefärbt mit der Tinte von Tintenfischen, serviert mit einem Klecks Allioli. Und dann gibt es noch die fideuà, die gleiche Idee, aber mit kurzen Nudeln statt Reis.
Ein kleiner Rat unter Freunden: Die Katalanen essen Reis lieber mittags als abends, und ein gutes Reisgericht braucht seine Zeit, wird frisch für den ganzen Tisch gekocht. Wenn eine Pfanne in fünf Minuten auf dem Tisch steht, darfst du dich fragen, wann sie gekocht wurde. Und ein Gläschen Cava dazu ist in Katalonien nie verkehrt. Geh jetzt um den Palau de Mar herum ins Innere der Barceloneta und biege in den schnurgeraden Carrer de Sant Carles ein.
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6. Carrer de Sant Carles: Das Raster von 1753
Carrer de Sant Carles 6, 08003 Barcelona, Spain
Schau einmal die Gasse hinunter: lang, schmal und völlig gerade, links und rechts schmale Häuser mit kleinen Balkonen, auf denen Wäsche flattert, und am Ende blitzt das Meer. Dann schau in die nächste Querstraße... und die übernächste. Sie sehen alle fast gleich aus.
Das ist kein Zufall. Die Barceloneta ist das erste Viertel Barcelonas, das am Reißbrett geplant wurde, von Militäringenieuren, ab 1753. Der Grund dafür war bitter. Nach der Eroberung Barcelonas 1714 ließ der neue König eine riesige Festung bauen, die Ciutadella, und dafür wurde ein großer Teil des alten Viertels La Ribera abgerissen. Tausende Menschen verloren ihr Zuhause, und viele lebten jahrzehntelang in Baracken am Strand, bis man ihnen hier, auf angeschwemmtem Land, ein neues Viertel baute.
Und das Raster hat eine Logik. Die Blocks sind lang und extrem schmal, damit jedes Haus Sonne und Luft bekommt, eine fast aufklärerische Idee. Ursprünglich durften die Häuser nur zwei Etagen hoch sein. Es heißt, die Kanonen der Festung sollten freies Schussfeld über die Dächer behalten... die Stadt sollte wissen, wer hier das Sagen hatte. Im 19. Jahrhundert wurden die Häuser aufgestockt und in winzige Wohnungen aufgeteilt, viele kaum dreißig Quadratmeter groß.
In diesen Mini-Wohnungen hatte niemand Platz für ein großes Esszimmer. Also wurde draußen gelebt, gegessen und gefeiert, auf der Straße, in den Bars an der Ecke, am Strand. Die Familien der Fischer und Hafenarbeiter kochten mit dem, was übrig blieb: kleine Fische, Tintenfisch, Muscheln, Kartoffeln. Daraus entstand eine Küche der Tapas und der kleinen Portionen, die heute die ganze Welt kennt.
Hier in der Gasse steht ein Haus, das als eines der ältesten erhaltenen des Viertels gilt, heute ein kleines Kulturzentrum mit der Jahreszahl 1761 im Namen. Wenn du an den alten Fassaden entlanggehst, achte auf die Unterschiede: unten das ursprüngliche Haus, darüber die Stockwerke, die später dazukamen. Folge jetzt den Gassen Richtung Hafen hinunter zum Moll de Pescadors, wo ein schlanker alter Turm mit einer Uhr steht.
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7. Moll de Pescadors und Torre del Rellotge: Wo der Fang ankommt
Moll de Pescadors, 08039 Barcelona, Spain
Riechst du das? Salz, Diesel, nasses Holz und ein Hauch von Fisch. Vor dir liegen bunte Fischerboote mit Netzen und Kisten an Deck, und darüber ragt ein schlanker, heller Turm mit einer Uhr auf: die Torre del Rellotge, der Uhrturm des Fischerkais.
Der Turm war ursprünglich ein Leuchtturm, gebaut im 18. Jahrhundert, als der Hafen noch hier endete. Doch Barcelona schob seine Molen immer weiter ins Meer hinaus, das Licht stand plötzlich zu weit drinnen und wurde überflüssig. Statt ihn abzureißen, setzte man ihm eine Uhr auf, und seitdem zeigt er den Fischern die Zeit statt den Weg.
Dieser Kai ist bis heute in Betrieb. Wenn die Boote am Nachmittag zurückkehren, wird der Fang in der Fischhalle der Fischerzunft versteigert, an Händler und Restaurants, die schnell sein müssen. Denn für die Fischer zählt jede Stunde: Was heute gefangen wird, soll heute noch verkauft sein. Seehecht, Rotbarben, Sardinen, Kalmar, Garnelen... alles, was du am Abend in der Barceloneta auf dem Teller findest, kann wenige Stunden vorher genau hier angekommen sein. Für Besucher ist die Halle meist nicht zugänglich, aber vom Kai aus siehst du das Treiben oft trotzdem.
Und was aßen die Fischer selbst? Nicht die teuren Fische, die gingen in den Verkauf. An Bord kochten sie den Rest: kleine, grätige Felsfische, ein paar Kartoffeln, Knoblauch, Öl, einen Schuss Wein, alles in einem Topf. Kam noch Reis dazu, wurde daraus ein arròs a la marinera, Reis nach Seemannsart. Daraus wurde der suquet de peix, der Fischeintopf der katalanischen Küste, heute in feinen Restaurants serviert und doch ein Arme-Leute-Essen geblieben, das nach Meer schmeckt.
Bleib einen Moment stehen und schau den Männern zu, die Netze flicken. Das ist eine der letzten Szenen in Barcelona, die nicht für Touristen gemacht ist. Geh jetzt weiter am Wasser entlang nach Süden, die Promenade des Passeig de Joan de Borbó hinunter, bis zum Ende der Barceloneta, wo ein Stahlturm aufragt, an dem Seile hängen.
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8. Torre de Sant Sebastià: Die Seilbahn über den Hafen
Passeig de Joan de Borbó, 08039 Barcelona, Spain
Vor dir ragt ein hoher, stählerner Gitterturm in den Himmel, und oben verschwinden dicke Seile Richtung Hafen. Wenn du Glück hast, schwebt gerade eine kleine rote Kabine heran, schaukelnd, hoch über den Masten der Jachten.
Das ist die Torre de Sant Sebastià, Endpunkt des Transbordador Aeri del Port, der Hafenseilbahn. Geplant wurde sie für die Weltausstellung von 1929, eröffnet aber erst 1931. Die Seile spannen sich über das ganze Hafenbecken, vorbei an einem zweiten, noch höheren Turm mitten im Hafen, bis hinauf an den Hang des Montjuïc. Die Kabinen hängen dabei in schwindelnder Höhe, und wer nicht ganz schwindelfrei ist, schaut besser auf die Berge als nach unten.
Ihre Geschichte war nicht immer so leicht wie die Fahrt. Im Bürgerkrieg wurde die Anlage beschädigt und blieb danach lange stillgelegt. Erst Jahrzehnte später konnten die Barceloniner wieder über ihren Hafen schweben. Heute ist die Fahrt eine der schönsten Arten, die Stadt zu sehen, trotz der langen Schlangen, mit dem Meer auf der einen und den Dächern der Barceloneta auf der anderen Seite.
Jetzt dreh dich zum Meer. Am Ende der Mole siehst du ein riesiges gläsernes Segel, das sich in den Himmel wölbt: das Hotel W, entworfen vom katalanischen Architekten Ricardo Bofill und 2009 eröffnet. Die Barceloniner nennen es einfach das Segel, la Vela. Und dazwischen liegt der Strand von Sant Sebastià, an dem schon im 19. Jahrhundert die ersten Badeanstalten der Stadt standen, als das Baden im Meer noch eine gewagte Mode war.
Falls du Hunger bekommst: Hier am Südende essen die Einheimischen gern in der Sonne, ein paar Sardinen vom Grill, frittierte kleine Fische, die man mit Kopf und Schwanz isst, und ein kaltes Glas Weißwein. Dazu ein Teller patates braves, Kartoffeln mit scharfer Sauce, über deren einzig richtiges Rezept in Barcelona fast so leidenschaftlich gestritten wird wie über Fußball. Das nennt man in Barcelona vermut-Zeit, wenn es vor dem Mittagessen ist. Geh nun auf die Strandpromenade und folge ihr nach Norden am Meer entlang, bis du vier rostige, schiefe Würfel siehst, die übereinander stehen.
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9. L'Estel Ferit: Rebecca Horns verwundeter Stern
Passeig Marítim de la Barceloneta, 08003 Barcelona, Spain
Mitten im Sand stehen vier rostbraune Würfel aus Stahl und Glas, schief übereinandergestapelt, als hätte ein Riese mit Bauklötzen gespielt und mitten im Turm die Lust verloren. Durch ihre Fenster scheint der Himmel, und Kinder spielen in ihrem Schatten.
Diese Skulptur heißt L'Estel Ferit, der verwundete Stern, und sie stammt von einer Deutschen: Rebecca Horn, 1944 im hessischen Michelstadt geboren, eine der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation. Bekannt wurde sie mit Installationen aus Federn, Maschinen und Körperverlängerungen, poetisch und ein bisschen unheimlich zugleich. Barcelona lud sie für das Olympiajahr 1992 ein, eine Arbeit für den neuen Strand zu schaffen. Und Horn entschied sich, nicht die Zukunft zu feiern, sondern an etwas zu erinnern, das gerade verschwand.
Denn bis Anfang der 1990er Jahre war dieser Strand ganz anders. Er war voller xiringuitos, einfacher Strandlokale aus Holz und Blech, in denen Familien sonntags Paella und frittierten Fisch aßen, die Füße im Sand. Sie waren laut, chaotisch und für viele Barceloniner der Inbegriff des Sommers. Manche Familien führten ihr Strandlokal über Generationen, und die Rezepte wanderten von der Großmutter zur Enkelin. Mit der Neugestaltung der Küste für die Olympischen Spiele wurden sie abgerissen, und mit ihnen ein ganzes Stück Alltagsleben der Barceloneta.
Die gestapelten Würfel gelten als Erinnerung an diese kleinen Häuschen, an die Zimmer, in denen man aß, lachte und stritt. Sie stehen schief, verletzlich, wie etwas, das jederzeit umfallen könnte. Abends leuchten in ihnen manchmal Lichter, als wäre noch jemand zu Hause.
Und die Paella am Strand? Die gibt es natürlich noch, in neuen Lokalen an der Promenade. Aber wenn du ganz authentisch essen willst wie die Barceloneta früher, dann such dir lieber eine Bar in den Gassen dahinter, wo die Nachbarn sitzen. Mit einem Teller Fisch vor dir und dem Lärm der Nachbarn ringsum merkst du sofort, warum die Leute die alten Lokale so geliebt haben. Und genau dorthin gehen wir jetzt: Lauf ein paar Straßen landeinwärts, über die Gassen der Barceloneta, bis zu einer Markthalle mit einem geschwungenen Dach.
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10. Mercat de la Barceloneta und Sant Miquel del Port: Die Heimat der Bomba
Plaça del Poeta Boscà 1-2, 08003 Barcelona, Spain
Vor dir steht eine Markthalle mit einem eisernen Gerüst aus dem 19. Jahrhundert, darüber ein modernes, geschwungenes Dach, das aussieht wie eine Welle aus Holz und Metall. Drinnen hörst du das Klappern von Messern und das Rufen der Fischverkäuferinnen.
Der Mercat de la Barceloneta stammt von 1884, als das Viertel längst ein dichtes Arbeiterquartier war. 2007 wurde er vom Architekten Josep Miàs umgebaut, mit Solarpaneelen auf dem Dach. Die alte Eisenkonstruktion blieb dabei erhalten, so dass Alt und Neu ineinandergreifen wie bei einem alten Baum, der eine neue Krone bekommen hat. Hier kaufen noch die Nachbarn ein, und die Fischtheken sind so frisch, wie es nur ein paar Hundert Meter vom Fischerkai entfernt sein kann.
Und jetzt zu einer echten Spezialität der Barceloneta: der bomba. Eine Kugel aus Kartoffelpüree, gefüllt mit gewürztem Hackfleisch, paniert, frittiert und mit zwei Saucen gekrönt, einer scharfen roten und einem weißen Allioli. Eine kleine Taverne hier in der Nähe behauptet, sie Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden zu haben. Und der Name? Er spielt auf die Anarchistenbomben an, die Barcelona um 1900 den Spitznamen Rosa de Foc einbrachten, die Feuerrose. Rund, explosiv, mit Zündschnur aus Chili... besser kann man eine Tapa kaum taufen.
Geh ein paar Schritte um die Ecke zur Plaça de la Barceloneta. Dort steht die barocke Kirche Sant Miquel del Port, ab 1753 errichtet und eines der ersten Gebäude des neuen Viertels. Über dem Portal thront der Erzengel Michael, und sie war jahrhundertelang die Kirche der Fischer, die hier vor dem Auslaufen um gutes Wetter beteten. Ende September, rund um den Tag des heiligen Michael, feiert die Barceloneta ihr großes Viertelfest, mit Umzügen, Musik und langen Tischen auf der Straße.
Zwischen Kirche und Markt erlebst du die Barceloneta, wie sie wirklich ist: Großmütter mit Einkaufswagen, Kinder auf Rollern, Männer, die vor der Bar über Fußball streiten. Geh jetzt zurück zur Strandpromenade und folge ihr nach Norden, vorbei am großen Krankenhaus am Meer, bis zu einem Strandabschnitt mit einem Namen, der eine vergessene Geschichte trägt.
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11. Platja del Somorrostro: Carmen Amaya und das verschwundene Dorf
Passeig Marítim de la Barceloneta, 08003 Barcelona, Spain
Vor dir liegt ein breiter, heller Sandstrand mit Volleyballnetzen, Joggern und Menschen auf Handtüchern, und dahinter das weite, blaue Meer. Es ist schwer vorstellbar, dass hier einmal Tausende Menschen in Hütten aus Brettern und Wellblech lebten, eine ganze Stadt direkt am Wasser.
Dieser Strandabschnitt heißt Somorrostro, nach dem Barackendorf, das hier ab dem 19. Jahrhundert wuchs. Hier lebten die Ärmsten der Stadt: Zuwanderer aus dem Süden Spaniens, Fischerfamilien, viele Gitanos. Bei Stürmen riss das Meer Hütten weg, Wasser und Strom gab es kaum. Und doch war Somorrostro auch ein Ort voller Leben, Musik und Zusammenhalt.
Denn hier wurde eine der größten Tänzerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts geboren: Carmen Amaya, die Königin des Flamenco. Schon als kleines Mädchen tanzte sie für ein paar Münzen in den Tavernen am Hafen, mit einer Wildheit, die niemand vergaß. Sie war eine Gitana aus Somorrostro, und sie hat das nie verschwiegen, im Gegenteil: Sie trug ihre Herkunft wie eine Krone. Später tanzte sie in Buenos Aires, in New York, in Hollywood-Filmen... und kehrte doch immer wieder in ihre Stadt zurück. In der Barceloneta erinnert ein Brunnen an sie.
Das Ende des Dorfes kam 1966. Erzählt wird, das Regime habe die letzten Hütten räumen lassen, weil an der Küste eine Marineparade stattfinden sollte, die Franco besuchen wollte. Die Bewohner wurden in neue Wohnblocks am Stadtrand umgesiedelt, und viele verloren dabei nicht nur ihre Hütten, sondern auch ihre Nachbarschaft, und der Strand wurde später für die Olympischen Spiele völlig neu gestaltet. Lange erinnerte nichts an Somorrostro, erst Jahrzehnte später bekam der Strandabschnitt seinen Namen zurück.
Wenn du einen Moment still bist, kannst du dir vorstellen, wie hier abends Gitarren klangen, wie jemand über einem Feuer Sardinen briet und ein kleines Mädchen barfuß im Sand tanzte. Und wenn du später durch die Barceloneta gehst, halt Ausschau nach dem Brunnen, der ihren Namen trägt. Folge der Promenade weiter nach Norden, bis über den Palmen ein gewaltiger goldener Fisch in der Sonne glänzt.
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12. Frank Gehrys Fisch: Das goldene Ende am Port Olímpic
Carrer de la Marina 19-21, 08005 Barcelona, Spain
Über dir schwebt ein gigantischer Fisch aus einem goldfarbenen Metallgitter, so lang wie ein halbes Fußballfeld, und je nach Licht schimmert er wie Bronze, Kupfer oder flüssiges Gold. Dahinter ragen zwei Zwillingstürme auf, das Hotel Arts und die Torre Mapfre, ebenfalls für die Spiele gebaut und bis heute unter den höchsten Gebäuden Barcelonas. Unter dem Fisch liegt der Jachthafen.
Das ist El Peix, der Fisch, vom kanadisch-amerikanischen Architekten Frank Gehry, entstanden für die Olympischen Spiele 1992. Hier am Port Olímpic segelten die Olympioniken, und rundherum entstand das olympische Dorf, auf dem Gelände alter Fabriken und Bahngleise. Wo heute Strand ist, lagen damals Lagerhäuser, Schornsteine und Schienen. Die Spiele haben Barcelona so verändert wie kaum ein Ereignis seit den Weltausstellungen: neue Strände, neue Straßen und ein ganz neues Selbstbewusstsein.
Der Fisch ist auch ein Stück Architekturgeschichte. Gehrys Büro entwarf ihn mit einer Software, die eigentlich für den Flugzeugbau entwickelt worden war. Sie hieß CATIA und stammte aus der französischen Luftfahrtindustrie. Nur so ließen sich diese weichen, geschwungenen Formen genau berechnen. Was hier als Experiment begann, führte ein paar Jahre später zu seinem berühmtesten Werk, dem Guggenheim-Museum in Bilbao.
Und warum ausgerechnet ein Fisch? Gehry hat oft erzählt, dass seine Großmutter, als er ein kleiner Junge war, einen lebenden Karpfen in der Badewanne hielt, bevor daraus gefilte Fisch wurde. Er spielte stundenlang mit dem Tier. Seitdem tauchen Fische immer wieder in seinem Werk auf... und so endet unser kulinarischer Spaziergang passenderweise mit dem größten Fisch der Stadt.
Du bist von Kolumbus' Säule bis hierher gegangen, vom Bacallà über den schwarzen Reis bis zur Bomba, von der Fischauktion zu Rebecca Horns Würfeln und zu einem Dorf, das es nicht mehr gibt. Jetzt hast du dir einen Platz in der Sonne verdient. Setz dich irgendwo ans Wasser, bestell etwas aus dem Meer, und schau, wie der goldene Fisch im Abendlicht zu schwimmen beginnt. Bon profit, wie man in Barcelona sagt. Und wenn du danach weiterwillst: Am Strand entlang geht es nach Norden, und die Metro bringt dich in wenigen Minuten zurück in die Altstadt.