Amsterdam De Pijp: Bier, Hering und Stroopwafel am Albert-Cuyp-Markt

Von der alten Heineken-Brauerei über Amsterdams berühmtesten Straßenmarkt bis zum Grandhotel an der Amstel: ein Arbeiterviertel, in dem die Küche der halben Welt zu Hause ist

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  1. 1. Heineken Experience: Die Brauerei an der Stadhouderskade

    Stadhouderskade 78, 1072 AE Amsterdam, Netherlands

    Vor dir ragt ein wuchtiger Backsteinbau an der Stadhouderskade auf, mit hohen Fenstern, einem roten Stern und einem Namen, den du aus jeder Bar der Welt kennst. Atme einmal tief ein... nein, nach Malz riecht es hier nicht mehr. Aber mehr als hundert Jahre lang hing dieser warme, süßliche Duft nach frischem Brot über dem ganzen Viertel.

    Die Geschichte beginnt mit einem jungen Mann von gerade einmal zweiundzwanzig Jahren. Gerard Adriaan Heineken überredete 1864 seine wohlhabende Mutter, ihm eine alte Brauerei in der Innenstadt zu kaufen. Sie hieß De Hooiberg, der Heuhaufen. Die Firmenlegende erzählt, ihn hätten die Arbeiter geärgert, die sonntags vom Genever betrunken durch die Straßen torkelten, und er habe ihnen ein leichteres Getränk geben wollen. Ob das stimmt oder einfach gutes Marketing ist... entscheide selbst. Sicher ist: Das Geschäft lief so gut, dass er 1867 hier, damals noch am Stadtrand, eine große neue Brauerei bauen ließ.

    Dann kam die Hefe. 1886 gelang es dem Chemiker Hartog Elion im Labor der Brauerei, eine reine Hefekultur zu züchten, die berühmte A-Hefe. Sie bestimmt bis heute den Geschmack des Bieres, und die Firma hütet sie wie einen Kronschatz. Für die Zeit war das eine kleine Revolution: Statt auf wilde Hefen und Glück zu hoffen, schmeckte jetzt jedes Fass gleich, ob in Amsterdam oder in einem Hafen auf der anderen Seite der Welt.

    Doch die Stadt wuchs um die Brauerei herum. Lastwagen quälten sich durch die engen Straßen von De Pijp, und für die riesigen Mengen fehlte schlicht der Platz. Heineken verlagerte die Produktion nach und nach in eine moderne Großbrauerei in Zoeterwoude bei Leiden, und 1988 wurde an der Stadhouderskade zum letzten Mal gebraut. Ein Teil der Anlagen wurde abgerissen, und auf dem frei gewordenen Gelände hinter dem alten Gebäude entstand ein neuer Platz.

    Wirf einen Blick um die Ecke auf den Marie Heinekenplein. Er ist nach Marie Heineken benannt, einer Malerin und Wohltäterin, die den Namen der Familie trug. Wo früher Sudkessel und Malzsilos standen, sitzen heute Menschen auf Terrassen und trinken... na, rate mal. Im historischen Bau selbst erzählt die Heineken Experience die Firmengeschichte. Folge jetzt der Ferdinand Bolstraat nach Süden, bis links die bunten Markisen eines sehr langen Marktes auftauchen.

  2. 2. Albert-Cuyp-Markt: Der lange Markt der Malerstraßen

    Albert Cuypstraat 1, 1072 Amsterdam, Netherlands

    Hier fängt er an, der Albert-Cuyp-Markt: Stand an Stand, Markisen in Rot, Blau und gestreift, dazwischen Kisten mit Tulpenzwiebeln, Käselaibe, Handyhüllen und Socken im Zehnerpack. Hör hin... das Rufen der Händler, das Rattern der Karren, das ewige Fahrradklingeln. Das ist der Soundtrack von De Pijp, und er läuft seit mehr als hundert Jahren.

    Offiziell gibt es den Markt seit 1905. Vorher zogen fliegende Händler mit ihren Karren durch die Straßen, und die Stadt beschloss, sie an einem Ort zu bündeln. Diese Straße war dafür ideal: lang, schnurgerade und mitten in einem Viertel, in dem Tausende Arbeiterfamilien lebten, die frisch und günstig einkaufen mussten. Bald reichten die Stände über die ganze Länge der Straße, und so ist es bis heute, mit weit über hundert Ständen an einem guten Tag.

    Jetzt schau auf die Straßenschilder ringsum. Albert Cuyp, Ferdinand Bol, Gerard Dou, Jan Steen, Frans Hals, Govert Flinck, Van der Helst... Als das Viertel ab den 1870er-Jahren gebaut wurde, taufte die Stadt die Straßen nach Malern des Goldenen Zeitalters. Der Namensgeber dieses Marktes hat Amsterdam übrigens kaum gemalt. Aelbert Cuyp lebte in Dordrecht und malte am liebsten Kühe, die im goldenen Abendlicht an einem Fluss stehen. Irgendwie passt das trotzdem: Hier dreht sich ja vieles um Milch, Butter und Käse.

    Schön war De Pijp am Anfang allerdings nicht. Bauspekulanten zogen die Häuser in atemberaubendem Tempo hoch, billig, eng und oft so schlampig, dass manche schon nach kurzer Zeit schief standen. Die Amsterdamer sprachen von revolutiebouw, Revolutionsbau, wegen der Hast, mit der alles entstand. Große Familien teilten sich zwei, drei kleine Zimmer. Woher der Name De Pijp kommt, ist umstritten. Eine beliebte Erklärung sind die langen, schmalen Straßen, die aussehen wie die Röhre einer Pfeife.

    Heute gehört De Pijp zu den lebendigsten Vierteln der Stadt, und dieser Markt ist sein schlagendes Herz. Lass dir Zeit, schau, riech, probier, was dir angeboten wird. Schlendere jetzt ein Stück an den Ständen entlang und bieg dann links in die Eerste van der Helststraat ab: Nach ein paar Schritten öffnet sich ein kleiner Platz voller Terrassen.

  3. 3. Gerard Douplein: Borrel und Bitterballen

    Gerard Douplein, 1072 Amsterdam, Netherlands

    Bleib am Rand dieses kleinen Platzes stehen und schau den Terrassen zu: Bistrotische dicht an dicht, Leute mit Jacke und Sonnenbrille, vor ihnen kleine Gläser Bier und ein Teller mit goldbraunen Kugeln. Was du da siehst, hat einen Namen, und für Niederländer ist es beinahe heilig. Das ist der Borrel.

    Ein Borrel ist kein Abendessen und keine Party. Es ist die Stunde nach der Arbeit, in der man zusammen etwas trinkt und dazu Kleinigkeiten knabbert: Käsewürfel mit Senf, Scheiben von trockener Wurst und vor allem Bitterballen. Das sind kleine panierte Kugeln aus dickem Ragout, meist mit Rindfleisch, frittiert, außen knusprig und innen so heiß, dass sich fast jeder Besucher beim ersten Biss die Zunge verbrennt. Der Trick unter Einheimischen: kurz warten, in Senf tunken, dann vorsichtig abbeißen.

    Bitter sind sie übrigens überhaupt nicht. Der Name stammt aus der Zeit, als man zum Borrel einen Bitter trank, einen Schnaps mit Kräutern, und die Kugeln eben dazu aß. Auch das Wort Borrel bedeutete ursprünglich nichts anderes als ein Gläschen Genever. Aus dem Gläschen wurde mit der Zeit ein ganzes Ritual, das Kollegen, Nachbarn und Freunde zusammenbringt, und kaum eine Firmenfeier im Land kommt ohne ihn aus.

    Und der Mann, nach dem der Platz heißt? Gerard Dou kam 1628 als Vierzehnjähriger in Leiden in die Lehre bei einem jungen, noch unbekannten Maler namens Rembrandt. Er wurde dessen erster Schüler und später einer der teuersten Maler seiner Zeit, berühmt für winzige, unglaublich feine Szenen bei Kerzenlicht. Man erzählt sich, er habe so pingelig gearbeitet, dass er vor jedem Pinselstrich still dasaß, bis sich der Staub in seinem Atelier gelegt hatte.

    Ein Viertel voller Genuss hätte ihm wohl gefallen. Ab den 1960er- und 70er-Jahren zogen Studenten, Künstler und Einwanderer in die billigen Wohnungen von De Pijp, und das Viertel bekam den Spitznamen Quartier Latin von Amsterdam. Billig ist hier heute nichts mehr, aber der Borrel ist geblieben. Geh nun zurück auf den Markt, wende dich nach links und halte nach den Fischständen Ausschau, an denen Leute einen Fisch am Schwanz in die Höhe halten.

  4. 4. Albert-Cuyp-Markt: Hering, Kibbeling und ein bisschen Mut

    Albert Cuypstraat, 1073 BD Amsterdam, Netherlands

    Stell dich neben einen der Fischstände und beobachte, was passiert: Jemand bekommt einen silbrigen Fisch gereicht, packt ihn am Schwanz, legt den Kopf in den Nacken und lässt ihn von oben in den Mund gleiten. Kein Zirkustrick... so isst man in den Niederlanden seit Generationen Hering.

    Gemeint ist der Hollandse Nieuwe, der junge Hering der neuen Saison, die traditionell im Frühsommer beginnt. Er wirkt roh, ist aber mehr als das. Die Fische werden gekehlt: Man entfernt Kiemen und einen Teil der Eingeweide, lässt aber die Bauchspeicheldrüse im Fisch. Ihre Enzyme lassen den Hering im Salz reifen und machen ihn zart wie Butter. Die Legende schreibt diese Technik einem Fischer aus Biervliet namens Willem Beukelszoon zu, irgendwann im 14. Jahrhundert.

    Die Amsterdamer machen es allerdings anders als der Rest des Landes. Hier schneidet man den Hering gern in Stücke, streut gehackte Zwiebeln und saure Gurken darüber und steckt ein kleines Fähnchen in Rot, Weiß und Blau hinein, als Zahnstocher. Warum die Zwiebeln? Eine verbreitete Erklärung lautet, dass der Hering früher nicht immer ganz frisch in der Stadt ankam, und die Zwiebeln halfen nach. Heute isst man sie einfach, weil es schmeckt.

    Wer sich an rohen Fisch nicht herantraut, nimmt Kibbeling: Stücke von Kabeljau oder anderem Weißfisch, in Teig frittiert und mit Knoblauch- oder Remouladensoße serviert. Ursprünglich waren Kibbelinge die Bäckchen des Kabeljaus, ein Rest, den Fischer selbst aßen oder für wenig Geld verkauften. Als die Bäckchen knapp wurden, nahm man einfach Filetstücke... und aus einem Arme-Leute-Essen wurde ein Klassiker, der auf keinem Markt fehlen darf.

    Für die Niederlande war Hering einmal so etwas wie Gold. Im Spätmittelalter fuhren Hunderte Heringsbuisen auf die Nordsee, und Tausende Menschen lebten vom Fangen, Salzen, Packen und Verkaufen. Ein altes Sprichwort sagt, Amsterdam sei auf Heringsgräten gebaut, und ein wahrer Kern steckt darin: Mit dem Fisch begann der Handel, der die Stadt später reich machte. Geh jetzt weiter nach Osten, Richtung Van Woustraat, dorthin, wo es nach Karamell und warmem Teig duftet.

  5. 5. Albert-Cuyp-Markt: Stroopwafel und Poffertjes

    Albert Cuypstraat, 1073 Amsterdam, Netherlands

    Folg einfach deiner Nase: Irgendwo hier zischt ein Waffeleisen. Der Bäcker drückt eine Teigkugel flach, backt eine hauchdünne Waffel, schneidet sie noch heiß mit einem Messer waagerecht in zwei Scheiben und streicht warmen, dunklen Sirup dazwischen. Dann klappt er sie zusammen und reicht sie dir, so warm, dass der Karamell an den Rändern hervorquillt.

    Die Stroopwafel, die Sirupwaffel, stammt aus Gouda, der Käsestadt südlich von Amsterdam. Die bekannteste Geschichte nennt einen Bäcker namens Gerard Kamphuisen, der sie um 1810 erfunden haben soll. Die Idee dahinter war wohl so einfach wie genial: Bäcker kratzten Krümel und Teigreste zusammen, süßten sie mit Sirup und machten daraus etwas Neues. Ein Resteessen also, genau wie der Kibbeling eben, nur mit Zucker statt mit Fisch. Lange war sie eine Spezialität aus Gouda, erst im 20. Jahrhundert eroberte sie das ganze Land.

    Ein Tipp unter Freunden, den jedes Kind in den Niederlanden kennt: Leg eine abgepackte Stroopwafel oben auf deine heiße Tasse Kaffee oder Tee. Nach ein, zwei Minuten wird der Sirup weich, die Waffel biegt sich ein wenig, und sie schmeckt fast wie frisch gebacken. Manche tunken sie auch direkt hinein... aber dabei schütteln Puristen den Kopf.

    Und wenn du an einem Stand eine schwere Platte mit Dutzenden kleiner runder Mulden siehst: Das sind Poffertjes. Winzige, luftige Pfannkuchen, traditionell mit Buchweizenmehl und Hefe gemacht, mit einer kleinen Gabel in Windeseile gewendet und mit einem Stück Butter und einem Berg Puderzucker serviert. Früher waren sie die Krönung jeder Kirmes. Hier bekommst du sie einfach so, an einem ganz normalen Markttag, mitten zwischen Gemüse und Fahrradschlössern.

    Schau dich auf diesem Teil des Marktes noch einmal genau um. Neben Gouda und Stroopwafeln liegen Okra, Kochbananen, Maniok, Sambal, frische Minze und Fladenbrot. Die niederländische Küche ist längst nicht mehr nur Hering und Kartoffeln, und wie das kam, hörst du gleich. Geh zuerst nach Süden, nur eine Querstraße weiter, in den grünen Park mitten im Viertel.

  6. 6. Sarphatipark: Der Arzt, der Amsterdam Brot gab

    Sarphatipark, 1073 Amsterdam, Netherlands

    Lass den Lärm des Marktes hinter dir: Rasen, ein Teich mit Enten, alte Bäume, Jogger und Leute auf Picknickdecken. Am westlichen Ende des Parks steht ein reich verzierter Brunnen mit der Büste eines Mannes. Er hat mehr für diese Stadt getan, als die meisten Amsterdamer ahnen, und vieles davon hat mit Essen zu tun.

    Samuel Sarphati, 1813 in einer jüdischen Familie portugiesischer Herkunft geboren, war Arzt. Und als Arzt sah er, woran die Armen krank wurden: an verschmutztem Wasser, an Unrat in den Grachten und an schlechtem, gestrecktem Brot. Statt nur zu klagen, gründete er Unternehmen. Er sorgte dafür, dass der Müll der Stadt abgeholt und als Dünger verkauft wurde, und er gründete eine Brotfabrik, die sauberes, bezahlbares Brot in großen Mengen backte.

    Damit fing er erst an. Sarphati trieb den Bau des Paleis voor Volksvlijt voran, eines riesigen Ausstellungspalastes aus Glas und Eisen, und er stand hinter dem Amstel Hotel, einem Grandhotel von Weltformat. Er träumte von einer Stadt, die über ihre engen alten Grenzen hinauswächst, und genau in so einem neuen Viertel stehst du jetzt. Den Park legte die Stadt erst in den 1880er-Jahren an, fast zwanzig Jahre nach seinem Tod, und gab ihm seinen Namen.

    Im Zweiten Weltkrieg wollten die deutschen Besatzer diesen jüdischen Namen aus dem Stadtbild tilgen. Der Park wurde in Bolpark umbenannt, nach dem Maler Ferdinand Bol, dessen Straße du vorhin entlanggegangen bist. Nach der Befreiung bekam er seinen alten Namen zurück. Eine kleine Geste, angesichts dessen, was den jüdischen Familien von De Pijp und ganz Amsterdam in diesen Jahren angetan wurde... aber eine, die bis heute zählt.

    Vielleicht ist das die schönste Pointe dieses Spaziergangs: Ein Arzt, der begriffen hatte, dass eine gesunde Stadt mit einem guten, ehrlichen Brot beginnt, bekam seinen Park ausgerechnet im Viertel der Märkte. Setz dich ruhig kurz auf eine Bank. Dann verlass den Park an seiner Ostseite und geh zur Van Woustraat, dort, wo sie die Ceintuurbaan kreuzt.

  7. 7. Van Woustraat: Rijsttafel, Roti und die Küche der Welt

    Van Woustraat, 1073 Amsterdam, Netherlands

    Bleib an dieser Kreuzung stehen und schau in die Schaufenster ringsum: Säcke mit Reis, Gläser voller roter Chilipaste, Fladenbrot, Gewürze in allen Farben, Gemüse, das du vielleicht nicht einmal beim Namen kennst. Wer wissen will, was die Niederländer heute wirklich essen, lernt an dieser Ecke mehr als in jedem Kochbuch.

    Fangen wir mit dem Reis an. Mehr als drei Jahrhunderte lang beherrschten die Niederlande große Teile des heutigen Indonesien, zuerst durch die Ostindien-Kompanie, später als Kolonialstaat. Aus dieser Zeit stammt die Rijsttafel, die Reistafel: ein Festessen aus Reis und Dutzenden kleiner Schalen, Satay, Rendang, Sambal, Gemüse in Erdnusssoße. Erfunden haben sie die Kolonialherren, die die Vielfalt des Archipels auf einem einzigen Tisch vorführen wollten. In Indonesien selbst isst man normalerweise gar nicht so.

    Hinter dem bunten Tisch steckt eine harte Geschichte aus Gewalt und Ausbeutung, und darüber wird in den Niederlanden heute offener gesprochen als früher. Nach dem Krieg und der indonesischen Unabhängigkeit, die die Niederlande erst 1949 anerkannten, kamen Hunderttausende Menschen aus der ehemaligen Kolonie ins Land. Sie brachten ihre Küche mit, und durch ihre kleinen Läden, die Tokos, wurde Sambal zu einer Grundausstattung niederländischer Küchenschränke.

    Dann kam Surinam. Als die südamerikanische Kolonie 1975 unabhängig wurde, zogen viele Surinamer nach Amsterdam. Ihre Küche ist selbst schon ein Weltatlas, mit afrikanischen, indischen, javanischen und chinesischen Wurzeln, entstanden aus Sklaverei und Vertragsarbeit. Am bekanntesten ist Roti: ein weiches Fladenbrot mit Hühnchencurry, Kartoffeln, langen Bohnen und einem Ei. Wer einmal ein Roti mit den Händen gegessen hat, versteht, warum es in Amsterdam längst zum Alltag gehört.

    Und schließlich kamen in den 1960er- und 70er-Jahren Arbeitsmigranten aus Marokko und der Türkei, angeworben für Fabriken und Häfen. Viele fanden in den günstigen Altbauwohnungen von De Pijp ein erstes Zuhause, und mit ihnen kamen Bäckereien, Metzgereien und Gemüseläden, die dem Viertel bis heute sein Gesicht geben. Folge jetzt der Van Woustraat nach Süden in die Nieuwe Pijp, bis zur Pieter Lodewijk Takstraat. Dort wartet ein Wohnblock, der aussieht, als hätte jemand Backstein wie Ton geknetet.

  8. 8. De Dageraad: Paläste für Arbeiter

    Pieter Lodewijk Takstraat, 1073 Amsterdam, Netherlands

    Schau dir diese Fassaden an: Backstein, der sich wie eine Welle um die Ecke wölbt, steile Dächer wie Zipfelmützen, schmale Fenster in langen Reihen und Ziegel, die mal senkrecht, mal waagerecht gesetzt sind. Hier wurde nicht einfach gebaut. Hier wurde mit Backstein modelliert, als wäre er weich.

    Das ist De Dageraad, die Morgenröte, benannt nach einer sozialdemokratischen Wohnungsbaugenossenschaft, die den Komplex Anfang der 1920er-Jahre errichten ließ. Die Architekten waren Michel de Klerk und Piet Kramer, die Stars der Amsterdamer Schule. Ihr Ziel war klar: Arbeiter sollten nicht mehr in dunklen, feuchten Löchern hausen wie im alten De Pijp, durch das du gerade gekommen bist, sondern in Häusern mit Licht, Luft und Schönheit. Für solche Bauten fiel gern ein stolzes Wort: Arbeiterpaläste.

    Möglich machte das ein Gesetz. Das Wohnungsgesetz von 1901 erlaubte Gemeinden und Genossenschaften, mit öffentlichem Geld gute Wohnungen für Arbeiter zu bauen, und Amsterdam nutzte diese Chance wie kaum eine andere Stadt. Im Süden entstand ein ganzer Stadtteil nach dem Plan von Hendrik Petrus Berlage, und die jungen Architekten der Amsterdamer Schule durften sich austoben. Fenster, Türen, Treppenhäuser, sogar die Hausnummern gehörten zu einem einzigen Gesamtkunstwerk.

    Michel de Klerk erlebte den Ruhm seines Werks nur kurz. Er starb 1923, mit gerade einmal neununddreißig Jahren. Kritiker spotteten damals, die Fassaden seien teure Kulissen, hinter denen ganz gewöhnliche, enge Wohnungen lägen. Ganz falsch war das nicht... aber für Familien, die aus einem überfüllten Hinterhaus kamen, war der Umzug hierher trotzdem ein Sprung in ein anderes Leben. Heute erklärt ein kleines Museum im Komplex die Geschichte der Amsterdamer Schule.

    Und was hat das mit Essen zu tun? Mehr, als man denkt. Wer nicht mehr den halben Lohn für eine feuchte Kammer ausgeben musste, konnte sich endlich jeden Tag frisches Gemüse vom Markt leisten. Gutes Wohnen und gutes Essen gehörten für die Reformer zusammen. Geh jetzt nach Osten, Richtung Amstel, bis zur Tolstraat. Dort steht ein Fabrikgebäude, in dem einmal der größte Diamant der Welt geteilt wurde.

  9. 9. Asscher-Diamantschleiferei: Der Schlag auf den Cullinan

    Tolstraat 127, 1074 Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steht ein großes Fabrikgebäude mit hohen, breiten Fenstern, solide und fast unscheinbar. Kein Glitzern, kein Rummel. Und doch geschah hier einer der berühmtesten Momente der Schmuckgeschichte: ein einziger Schlag, bei dem ein ganzer Raum den Atem anhielt.

    Was macht ein Diamant auf einem Genussspaziergang? Er erzählt, wovon dieses Viertel lebte, lange bevor es ein Szeneviertel war. Amsterdam war jahrhundertelang eine Hauptstadt des Diamantschleifens, und viele der Schleifer und Händler waren Juden. Spalten, Sägen, Schleifen, Polieren: Jeder Schritt war ein eigener Beruf, und um 1900 lebten Tausende Familien in der Stadt davon. Die Familie Asscher ließ diese Fabrik 1907 bauen, groß und hell, denn zum Schleifen braucht man vor allem eines: gutes Tageslicht. Daher die riesigen Fenster.

    1905 fand man in einer Mine in Südafrika den Cullinan, einen Rohdiamanten von gut 3100 Karat, mehr als sechshundert Gramm schwer. Er wurde dem britischen König Eduard VII. geschenkt, und der beauftragte die Asschers, ihn zu teilen und zu schleifen. Schon der Transport ist eine Legende: Man erzählt, ein Dampfer mit bewaffneten Wachen habe nach England nur eine Attrappe gebracht, während der echte Stein ganz gewöhnlich per Post reiste.

    Im Februar 1908 setzte Joseph Asscher hier in Amsterdam die Klinge an den Stein und schlug zu. Beim ersten Versuch zerbrach... die Klinge. Der Diamant blieb ganz. Beim zweiten Schlag spaltete er sich genau so, wie Asscher es berechnet hatte. Die Legende will, dass er danach vor Erleichterung ohnmächtig wurde. Die größten Stücke, Cullinan I und II, funkeln heute im Zepter und in der Staatskrone der britischen Kronjuwelen im Tower von London.

    Die Geschichte hat ein dunkles Kapitel. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil der jüdischen Diamantarbeiter Amsterdams deportiert und ermordet, und mit ihnen verschwand eine ganze Welt aus Werkstätten, Familien und Fachwissen. Die Firma Asscher gibt es bis heute, aber die Diamantindustrie der Stadt hat sich davon nie wieder erholt. Geh jetzt die wenigen Schritte bis zum Ende der Tolstraat und dann am Ufer nach Norden: Dort fließt die Amstel.

  10. 10. Am Ufer der Amstel: Der Fluss, der Stadt und Bier den Namen gab

    Amsteldijk, 1074 Amsterdam, Netherlands

    Stell dich ans Ufer und schau dem Wasser zu: Ruderboote, Hausboote, ein Ausflugsschiff, Möwen über der Brücke. Die Amstel fließt hier breit und ruhig nach Norden, mitten hinein in die Stadt. Neben dir verbindet die Nieuwe Amstelbrug De Pijp mit dem Ostufer, und nirgends siehst du den Fluss so schön in seiner ganzen Breite. Ohne diesen Fluss gäbe es kein Amsterdam... und, wie du gleich hörst, auch ein ziemlich bekanntes Bier nicht.

    Im 13. Jahrhundert bauten Bauern und Fischer dort, wo die Amstel in das IJ mündete, einen Damm, um das Wasser des Meeresarms fernzuhalten. Die Siedlung daran hieß Amstelredamme, der Damm in der Amstel. 1275 taucht sie zum ersten Mal in einer Urkunde auf, als Graf Floris V. ihren Bewohnern Zollfreiheit gewährte. Am Damm wurden Waren von Flussbooten auf Seeschiffe umgeladen, und genau daraus wuchs der Handel der jungen Stadt. Aus Amstelredamme wurde Amsterdam, und der alte Damm ist heute der Dam, der große Platz vor dem Königspalast.

    1870 gründeten zwei Unternehmer ganz in der Nähe, an der Mauritskade, eine Brauerei und nannten sie nach dem Fluss: Amstel. Man erzählt, der Ort sei mit Bedacht gewählt worden. Im Winter fror die Amstel oft zu, und das Eis aus dem Fluss soll in den Kellern der Brauerei das Bier gekühlt haben. Untergäriges Lagerbier braucht Kälte, und Kühlmaschinen waren damals noch eine teure Seltenheit.

    Amstel und Heineken waren jahrzehntelang Rivalen, zwei große Brauereien, keine zwei Kilometer voneinander entfernt. 1968 übernahm Heineken den Konkurrenten, und 1982 schloss auch die Amstel-Brauerei in der Stadt ihre Tore. Die Marke lebt weiter, gebraut wird längst anderswo. So schließt sich ein Kreis: Du hast diesen Spaziergang an einer Brauerei ohne Brauen begonnen, und ganz in der Nähe stand die zweite.

    Schau jetzt flussabwärts nach Norden. Am anderen Ufer erkennst du schon ein großes, helles Gebäude mit einem Dach, das eher nach Paris aussieht. Geh am Wasser entlang dorthin, über die Brücke, zum letzten Halt. Es war das Herzensprojekt des Mannes, dessen Park du vorhin besucht hast.

  11. 11. Amstel Hotel: Sarphatis Grandhotel am Fluss

    Professor Tulpplein 1, 1018 GX Amsterdam, Netherlands

    Da steht es, breit und selbstbewusst am Wasser: das Amstel Hotel, mit heller Fassade, hohen Fenstern und einem Mansarddach, das eher nach Paris als nach Amsterdam aussieht. Die Amsterdamer nennen es einfach het Amstel, und mehr muss man dazu nicht sagen.

    Die Idee stammte von Samuel Sarphati, dem Arzt aus dem Park. Amsterdam war Mitte des 19. Jahrhunderts eine Stadt im Dornröschenschlaf, ärmer als in ihrer großen Zeit, und Sarphati war überzeugt, sie brauche ein Hotel von Weltformat, um reiche Reisende anzulocken. Der Architekt Cornelis Outshoorn entwarf den Bau. Doch Sarphati starb 1866 und erlebte die Eröffnung im Jahr 1867 nicht mehr. Spötter fanden das Haus ohnehin viel zu groß für eine Stadt, in die damals kaum jemand zum Vergnügen reiste.

    1867 war überhaupt ein gutes Jahr für Amsterdamer Genießer. Im selben Jahr, in dem hier die ersten Gäste in ihre Betten sanken, ließ Gerard Adriaan Heineken an der Stadhouderskade seine neue Brauerei bauen, den Ort, an dem du heute losgegangen bist. Bier für die Arbeiter, Champagner für die Reichen, und beides nur einen kurzen Spaziergang voneinander entfernt. Das Grandhotel wurde rasch zur ersten Adresse für Diplomaten, Künstler und gekrönte Häupter auf Reisen.

    Wenn du an diesen Kontrast denkst, verstehst du De Pijp besser. Ein paar Hundert Meter von hier lebten Familien in engen Wohnungen und kauften ihren Hering auf dem Markt, während am Fluss in Silber serviert wurde. Sarphati sah darin keinen Widerspruch. Für ihn gehörten ein billiges, gesundes Brot für die Armen und ein prächtiges Hotel für die Welt zum selben Plan: einer Stadt, die wieder aufwacht.

    Damit endet dein Streifzug durch De Pijp. Du hast eine Brauerei gesehen, Hering und Kibbeling, Bitterballen, Stroopwafels und Poffertjes kennengelernt, die Spuren von Java, Surinam und Marokko in einer einzigen Straße, einen Arbeiterpalast, einen Diamanten und einen Fluss. Und wenn du jetzt Hunger hast... du weißt ja, wo der Markt ist.