Amsterdams verborgene Winkel: Begijnhof, Spui und Blumenmarkt
Von Multatulis Geburtshaus über Max Beckmanns Exil am Rokin, den schwimmenden Blumenmarkt und eine versteckte Kirche bis in den stillen Hof der Beginen – Geschichten zwischen Singel und Kalverstraat in Amsterdam
Amsterdam · 11 stops · 27 min audio · Generated
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1. Multatulis Geburtshaus: Der Mann, der viel gelitten hat
Korsjespoortsteeg 20, 1015 AR Amsterdam, Netherlands
Du stehst in einer schmalen Gasse zwischen Singel und Herengracht, der Korsjespoortsteeg, so eng, dass man fast von Haus zu Haus greifen könnte. Hier, im Haus mit der Nummer zwanzig, kam 1820 ein Junge namens Eduard Douwes Dekker zur Welt. Die Welt kennt ihn unter einem anderen Namen: Multatuli.
Multatuli ist Latein und bedeutet: Ich habe viel ertragen. Douwes Dekker ging als junger Mann nach Niederländisch-Indien, ins heutige Indonesien, und machte Karriere im Kolonialdienst. Als Assistent-Resident im Bezirk Lebak auf Java sah er 1856, wie einheimische Regenten die Bauern ausbeuteten, gedeckt von der Kolonialverwaltung. Er protestierte, wurde nicht gehört, trat zurück... und schrieb ein Buch.
Dieses Buch, Max Havelaar, erschien 1860 und schlug ein wie eine Bombe. Es ist ein wilder Roman, halb Satire, halb Anklage. Erzählt wird er unter anderem von einem selbstgefälligen Amsterdamer Kaffeemakler namens Batavus Droogstoppel, der nichts von den Menschen wissen will, deren Arbeit ihn reich macht. Am Ende wendet sich der Autor direkt an den König. Kaum ein Buch hat das Bild der Niederländer von ihrer Kolonialherrschaft so erschüttert. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und gilt in den Niederlanden bis heute als einer der wichtigsten Romane des Landes.
Und es lebt bis heute weiter, an einem überraschenden Ort: im Supermarkt. Das erste Fairtrade-Siegel der Welt wurde 1988 in den Niederlanden eingeführt, zuerst für Kaffee aus Mexiko, und es bekam den Namen Max Havelaar. In den Niederlanden und in der Schweiz trägt das Siegel diesen Namen bis heute. Jedes Päckchen fair gehandelter Kaffee mit diesem Etikett verbeugt sich also vor dem Jungen aus dieser Gasse.
In seinem Geburtshaus erinnert heute ein kleines Museum an ihn. Multatuli war unbequem, streitlustig und oft pleite, ein Mann, der mehr Feinde als Freunde sammelte. Er starb 1887 in Deutschland, in Nieder-Ingelheim am Rhein, wo er seine letzten Jahre verbracht hatte. Geh nun zum Singel und folge ihm nach Süden bis zur breiten Brücke. Dort begegnest du ihm noch einmal, in Bronze.
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2. Torensluis: Die Brücke mit den Kerkern
Torensluis, Singel, 1012 Amsterdam, Netherlands
Du stehst auf einer Brücke, die sich eher anfühlt wie ein Platz: Die Torensluis ist so breit, dass auf ihr Bänke, Bäume und ein Denkmal Platz haben. Mit über vierzig Metern gilt sie als die breiteste Brücke der Amsterdamer Innenstadt. Und auf ihr steht ein alter Bekannter: Multatuli, in Bronze.
Warum so breit? Weil hier einst ein Turm stand. Der Singel unter dir war im Mittelalter der Stadtgraben, und an dieser Stelle gehörte ein Turm zur Befestigung, der Jan-Roodenpoortstoren. Die steinerne Brücke von 1648 wurde um ihn herum gebaut, und nach ihm heißt sie bis heute Turmschleuse. 1829 wurde der Turm abgerissen. Übrig blieb die Brücke mit ihrer seltsamen Breite.
Ganz verschwunden ist er allerdings nicht. Im Inneren der Brücke liegen gewölbte Kellerräume, die früher als Gefängniszellen gedient haben sollen, dunkle Löcher direkt über dem Wasserspiegel. Wer hier unten saß, hörte über sich die Schritte und Karren der Stadt und sah kaum je Tageslicht. Wenn du auf das Wasser schaust, kannst du an den Brückenpfeilern die kleinen Öffnungen dieser Räume entdecken.
Das Denkmal für Multatuli, geschaffen vom Bildhauer Hans Bayens, wurde 1987 enthüllt... genau hundert Jahre nach dem Tod des Schriftstellers. Dass es gerade auf dieser Brücke steht, passt: Von hier sind es nur ein paar Schritte bis zu seinem Geburtshaus, und der Singel unter dir ist die Gracht seiner Kindheit, an der er als Junge entlanggelaufen ist, lange bevor er nach Java ging und mit seinem Buch das Land aufrüttelte.
Schau bevor du gehst den Singel entlang in beide Richtungen. Er ist der innerste Ring der Amsterdamer Grachten, und an seinen Ufern stehen Häuser aus fast allen Jahrhunderten der Stadt. Geh nun über den Dam und dann den Rokin hinunter, die breite Straße Richtung Süden, die einst selbst ein Teil der Amstel war. Dein nächstes Ziel ist ein Dachboden, auf dem ein deutscher Maler zehn Jahre lang im Exil gearbeitet hat.
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3. Rokin 85: Max Beckmanns Exil unter dem Dach
Rokin 85, 1012 Amsterdam, Netherlands
Du stehst am Rokin, einer breiten Verkehrsader mit Straßenbahnen, Geschäften und einem Rest offenen Wassers, auf dem Boote liegen. Schau dir die Fassaden an, die hohen alten Häuser zwischen modernen Bauten. In einem davon, im Haus Rokin 85, lebte zehn Jahre lang einer der bedeutendsten deutschen Maler des zwanzigsten Jahrhunderts.
Max Beckmann kam im Juli 1937 nach Amsterdam, und er kam nicht freiwillig. Seine Professur in Frankfurt hatten ihm die Nationalsozialisten schon 1933 genommen. Am 18. Juli 1937 hetzte Hitler in München in einer Rede gegen die moderne Kunst, am Tag darauf öffnete dort die Ausstellung Entartete Kunst, mit Werken auch von Beckmann. Beckmann verstand. Gleich nach der Rede verließ er mit seiner Frau Mathilde, die alle Quappi nannten, Deutschland.
In Amsterdam fanden die beiden eine Wohnung hier am Rokin, in einem ehemaligen Tabakspeicher, und unter dem Dach richtete Beckmann sein Atelier ein. Er hoffte, bald weiterzuziehen, nach Paris oder nach Amerika. Doch dann kam der Krieg, und im Mai 1940 marschierte die Wehrmacht in die Niederlande ein. Die Stadt, die sein Zufluchtsort gewesen war, wurde zur Falle, aus der es kein Entkommen gab. Plötzlich lebte er wieder unter denselben Uniformen, vor denen er geflohen war.
Und trotzdem malte er wie besessen. In diesem Atelier entstanden einige seiner gewaltigsten Werke, darunter große Triptychen wie Die Schauspieler und Karneval, voller Masken, Gaukler und gefesselter Figuren, Bilder einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Daneben führte er Tagebuch, nüchtern und verzweifelt zugleich, und notierte Bombenalarm, Hunger und Einsamkeit ebenso wie jedes fertige Bild.
1947 konnte er endlich in die Vereinigten Staaten ausreisen, wo er zunächst in St. Louis unterrichtete. Drei Jahre später, 1950, starb er in New York. Von außen verrät das Haus am Rokin wenig von dieser Geschichte. Geh nun den Rokin weiter nach Süden, am Wasser entlang, bis zum Muntplein, wo ein schlanker Turm mitten im Verkehr steht.
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4. Munttoren: Der Turm, in dem Geld gemacht wurde
Muntplein, 1012 Amsterdam, Netherlands
Vor dir steht mitten im Gewühl aus Straßenbahnen, Fahrrädern und Menschen ein schlanker Turm: unten schweres, dunkles Mauerwerk, oben eine verspielte, luftige Spitze mit Uhr. Das ist der Munttoren, der Münzturm, und er ist älter, als er aussieht... zumindest unten.
Der massive Unterbau gehörte zur Regulierspoort, einem Stadttor aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert, als hier die mittelalterliche Stadtmauer verlief. 1618 brannte das Tor ab, nur der Turmstumpf blieb stehen. Der Stadtbaumeister Hendrick de Keyser setzte ihm daraufhin um 1620 eine neue, elegante Spitze auf, und so steht er bis heute da. Ein Stück Mittelalter mit einem Hut aus der Renaissance. Damals stand der Turm nicht mitten auf einem Platz, sondern an der Stadtmauer, mit Wasser ringsum.
Und der Name? Der stammt von einer kurzen, aufregenden Episode. 1672, im sogenannten Katastrophenjahr, griffen Frankreich, England und die Bistümer Münster und Köln gleichzeitig die Republik an. Die Verbindungen zu den üblichen Münzstätten waren unsicher, und Amsterdam durfte für kurze Zeit selbst Geld prägen... und zwar hier, im Turm und im Wachhaus daneben. Die Münze ist längst weg, der Name ist geblieben.
Hör mal hin, vielleicht hast du Glück. Im Turm hängt ein Glockenspiel, ein Carillon, das auf die Brüder Hemony zurückgeht, die berühmtesten Glockengießer des siebzehnten Jahrhunderts. Ihre Glocken klangen so rein und so genau gestimmt, dass Städte in halb Europa sie bestellten. Ab und zu spielt ein Carillonneur hier oben von Hand, und dann schwebt plötzlich eine Melodie über dem Verkehrslärm.
Noch ein Detail, das kaum jemand bemerkt: Der Muntplein unter deinen Füßen ist eigentlich gar kein Platz, sondern eine sehr breite Brücke. Hier treffen Amstel, Singel und Rokin aufeinander, und der Verkehr rollt über das Wasser, ohne dass man es sieht. Unser nächster Halt ist ein Gebäude, das viele nur im Vorbeigehen kennen. Geh die Vijzelstraat hinunter nach Süden bis zur Herengracht. Dort steht ein mächtiger Bau, der aussieht wie eine Festung des Geldes.
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5. De Bazel: Die Festung der Handelsgesellschaft
Vijzelstraat 32, 1017 HL Amsterdam, Netherlands
Vor dir erhebt sich ein riesiger Block aus Backstein und hellem Naturstein, mit gestreiften Bändern, schweren Pfeilern und einer Fassade, die eher an eine Festung oder einen Tempel erinnert als an ein Bürohaus. Die Amsterdamer nennen ihn einfach De Bazel, nach seinem Architekten.
Gebaut wurde er zwischen 1919 und 1926 für die Nederlandsche Handel-Maatschappij, die Niederländische Handelsgesellschaft. Sie war 1824 auf Betreiben von König Wilhelm dem Ersten gegründet worden und machte ihr Geschäft vor allem mit den Kolonien in Ostindien, mit Kaffee, Zucker und Tabak... aus derselben Welt also, die Multatuli in seinem Max Havelaar angeklagt hatte. Über Jahrzehnte verschiffte und verkaufte die Gesellschaft auch die Ernten des sogenannten Kultursystems, unter dem Bauern auf Java gezwungen wurden, Exportpflanzen für den Weltmarkt anzubauen. Der Bau sollte zeigen, wer in dieser Welt das Sagen hatte.
Karel de Bazel war ein eigenwilliger Mann, Theosoph und Mystiker, besessen von Maß und Zahl. Er entwarf das Gebäude nach einem strengen geometrischen Raster, bis in kleinste Details hinein. Die Fertigstellung erlebte er nicht mehr, er starb 1923, drei Jahre vor der Eröffnung. Innen wartet eine Welt aus farbigem Glas, Stein und Holz, feierlich wie eine Kathedrale des Handels.
Heute gehört das Gebäude der Stadt, und seit 2007 sitzt darin das Stadtarchiv Amsterdam, das Gedächtnis der Stadt. Kilometerweise lagern hier Akten, Karten, Fotos und Register, darunter Tauf-, Heirats- und Begräbnisbücher aus Jahrhunderten. Wer seine Vorfahren in Amsterdam sucht, landet früher oder später hier, und zwischen Bäckern und Matrosen tauchen in den Büchern auch Namen wie Rembrandt und Saskia auf.
Im Untergeschoss liegt der alte Tresorraum der Bank, mit schweren Stahltüren, in dem das Archiv heute besondere Stücke zeigt. Geld hat man hier früher eingeschlossen, heute schließt man Erinnerung ein. Geh nun die Herengracht ein kleines Stück nach Westen und dann nach rechts zum Singel, zum Blumenmarkt, wo die Stadt nach Erde und Tulpenzwiebeln riecht.
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6. Bloemenmarkt: Der schwimmende Blumenmarkt
Singel, 1017 Amsterdam, Netherlands
Vor dir reihen sich am Singel Stände voller Tulpenzwiebeln, Geranien, Kakteen und Holzschuhe, dicht an dicht, mit Glasdächern und Blumenkübeln. Was du vielleicht nicht bemerkst: Die meisten dieser Stände stehen gar nicht auf festem Boden. Sie schwimmen.
Der Bloemenmarkt nennt sich gern den einzigen schwimmenden Blumenmarkt der Welt, und seine Geschichte reicht bis 1862 zurück. Damals kamen Gärtner aus dem Umland mit ihren Booten über die Wasserwege in die Stadt, legten am Singel an und verkauften direkt vom Kahn. Das Boot war Transportmittel, Lager und Laden zugleich, denn die Grachten waren damals noch die wichtigsten Transportwege der Stadt. Mit der Zeit blieben die Boote liegen, und aus den Kähnen wurden die festen, schwimmenden Pavillons, die du heute siehst.
Und natürlich dreht sich hier alles um die Tulpe, die Blume, die Holland einmal fast den Verstand gekostet hat. In den 1630er Jahren steigerten sich die Preise für seltene Tulpenzwiebeln zu einem regelrechten Rausch. Für eine einzige Zwiebel der begehrten Sorte Semper Augustus soll man so viel verlangt haben wie für ein Grachtenhaus. Im Februar 1637 brach der Markt zusammen... und gilt bis heute als eine der ersten Spekulationsblasen der Geschichte.
Ganz ehrlich: Viele Amsterdamer meckern, auf ihrem Blumenmarkt gebe es inzwischen mehr Magnete, Käse und Holzschuhe als frische Sträuße. Aber geh einmal langsam an den Ständen entlang und schau hinter die Souvenirs. Zwischen Zwiebelsäcken, Amaryllis und Pfingstrosen findest du immer noch den alten Markt der Gärtner, der seit mehr als hundertfünfzig Jahren an derselben Gracht liegt. Und die Tulpenzwiebel im Netz ist im Grunde ein Nachfahre jener Spekulationsobjekte.
Folge nun dem Singel nach Westen bis zum Koningsplein und dann am Wasser entlang ein kleines Stück nach Norden. Nach wenigen Schritten siehst du zwischen den Grachtenhäusern zwei schlanke, spitze Türme aufragen... eine Kirche, die lange so tat, als wäre sie gar nicht da.
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7. De Krijtberg: Die Kirche, die sich versteckte
Singel 448, 1017 AV Amsterdam, Netherlands
Schau an der Häuserzeile entlang, bis zwei schlanke, spitze Türme zwischen den Giebeln auftauchen. Die Fassade darunter ist kaum breiter als ein Grachtenhaus. Das ist die Kirche des heiligen Franz Xaver, die alle nur De Krijtberg nennen, den Kreideberg... und ihr Versteckspiel hat eine lange Geschichte.
Nach der Alteratie von 1578, als Amsterdam protestantisch wurde, war katholischer Gottesdienst in der Öffentlichkeit verboten. Verboten hieß aber nicht verschwunden. Die Katholiken feierten ihre Messen weiter, in sogenannten Schuilkerken, versteckten Kirchen, die von außen aussahen wie gewöhnliche Wohnhäuser. Die bekannteste ist Ons' Lieve Heer op Solder in der Altstadt, eine ganze Kirche auf einem Dachboden. Die Stadt wusste davon. Solange man diskret blieb und, so heißt es, den zuständigen Beamten regelmäßig etwas zusteckte, drückte sie ein Auge zu.
Hier am Singel richteten Jesuiten ab 1654 eine solche Kirche ein, in Häusern, von denen eines einem Kreidehändler gehört hatte und De Krijtberg hieß. Der Name blieb, auch als die Kirche längst kein Geheimnis mehr war. Im neunzehnten Jahrhundert, als Katholiken wieder offen bauen durften, ersetzte der Architekt Alfred Tepe die alten Häuser zwischen 1881 und 1883 durch diesen neugotischen Bau. Er musste sich auf dasselbe schmale Grundstück zwängen, und so wuchs die Kirche in die Höhe und in die Tiefe.
Wenn die Tür offen ist, geh hinein, ganz leise. Innen erwartet dich das Gegenteil der schmalen Fassade: ein hoher, farbenprächtiger Raum, bemalte Wände und Gewölbe, Gold, Schnitzwerk, Licht, das durch farbige Fenster fällt. Nach dem Trubel des Blumenmarkts wirkt es wie eine andere Welt, kaum zu glauben, dass draußen gleich die Fahrräder klingeln.
Die Krijtberg zeigt, was Amsterdam lange ausgemacht hat: Toleranz, die nicht laut verkündet, sondern im Alltag ausgehandelt wurde, hinter Fassaden, mit Diskretion und Pragmatismus. Geh nun zurück zum Koningsplein und dann den Heiligeweg hinunter, den Heiligen Weg, Richtung Kalverstraat. Dort wartet ein Tor, über dem eine Frau mit der Geißel droht.
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8. Rasphuispoort: Das Tor des Raspelhauses
Heiligeweg 19, 1012 Amsterdam, Netherlands
Vor dir steht, eingeklemmt zwischen Geschäften, ein prächtiges steinernes Tor. Ganz oben thront eine Frauengestalt mit erhobener Geißel, an ihrer Seite gefesselte Gestalten, und darüber steht ein einziges lateinisches Wort: Castigatio, Züchtigung. Du stehst vor dem Eingang des alten Amsterdamer Raspelhauses.
Das Rasphuis wurde 1596 in einem ehemaligen Kloster eingerichtet, als eines der ersten Zuchthäuser Europas. Die Idee war damals neu: Bettler, Diebe und Kleinkriminelle sollten nicht nur bestraft, sondern durch Arbeit gebessert werden. Und die Arbeit war hart. Die Männer mussten mit schweren Raspeln Brasilholz zu Pulver zerkleinern, ein tropisches Hartholz, aus dem man roten Farbstoff für Stoffe gewann. Daher der Name: Raspelhaus.
Um das Rasphuis rankt sich eine düstere Legende, die Wasserzelle. Wer sich weigerte zu arbeiten, so wurde erzählt, kam in einen Keller, in den langsam Wasser lief, und musste ununterbrochen pumpen, um nicht zu ertrinken... eine brutale Lektion in Fleiß. Historiker bezweifeln, dass es diese Zelle je gab. Aber die Geschichte wurde Besuchern lange erzählt, und das Zuchthaus war tatsächlich eine Art Attraktion, in die Neugierige kamen, um die Häftlinge bei der Arbeit zu sehen.
Auf dem Tor steht außerdem ein Satz des römischen Philosophen Seneca: Virtutis est domare quae cuncti pavent, es ist Tugend zu bändigen, was alle fürchten. Das Tor stammt von 1603 und wird dem Bildhauer und Baumeister Hendrick de Keyser zugeschrieben. Das Zuchthaus selbst verschwand im neunzehnten Jahrhundert. Nur das Tor blieb, und heute führt es ausgerechnet in ein Einkaufszentrum... aus der Züchtigung von einst ist Shopping geworden.
Auch die Straße, an der du stehst, hat einen frommen Namen: Heiligeweg, Heiliger Weg. Über ihn zogen im Mittelalter Pilger zur Kapelle des Amsterdamer Mirakels, wo 1345 eine geweihte Hostie ein Feuer unversehrt überstanden haben soll. Bis heute erinnert jedes Jahr im März eine nächtliche Schweigeprozession, die Stille Omgang, daran. Geh nun die Kalverstraat ein kleines Stück nach Norden und biege dann links zum Spui ab.
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9. Spui & Het Lieverdje: Wo Provo begann
Spui, 1012 Amsterdam, Netherlands
Auf dem kleinen Platz vor dir steht eine unscheinbare Bronzefigur, kaum größer als ein Kind: ein schmaler Straßenjunge, frech und ein bisschen verloren. Das ist Het Lieverdje, das Liebchen... und um diesen kleinen Kerl herum hat Amsterdam in den 1960er Jahren seine Rebellion geprobt.
Die Figur des Bildhauers Carel Kneulman kam 1960 hierher, als Geschenk einer Tabakfirma. Genau das brachte einen exzentrischen ehemaligen Fensterputzer namens Robert Jasper Grootveld auf eine Idee. Er erklärte das Lieverdje zum Sinnbild des nikotinsüchtigen Konsumenten von morgen, und Mitte der 1960er Jahre veranstaltete er hier samstags um Mitternacht seine Happenings: Er tanzte in Fantasiekostümen um die Figur, beschwor Rauch und Werbung und zog immer mehr Publikum an... und immer mehr Polizei.
Aus diesen Spektakeln wurde 1965 eine Bewegung: Provo, von provozieren. Junge Anarchisten mit Witz statt Gewalt, die die Obrigkeit mit absurden Aktionen vorführten. Ihr berühmtester Einfall war der Weiße Fahrradplan: Fahrräder weiß anstreichen und unverschlossen in der Stadt verteilen, für alle, gegen das Auto. Die Polizei beschlagnahmte die Räder... aber die Idee steckt in jedem Leihradsystem, das heute durch die Städte der Welt rollt.
Für einen Skandal sorgten die Provos 1966 bei der Hochzeit von Prinzessin Beatrix mit dem Deutschen Claus von Amsberg, als Rauchbomben auf den Hochzeitszug flogen. Claus hatte als junger Mann in der Wehrmacht gedient, und für viele Amsterdamer war die Wunde der Besatzung noch frisch. Ironie der Geschichte: Prinz Claus wurde später eines der beliebtesten Mitglieder des Königshauses.
Rund um den Spui hat sich der Geist der Bücher und Debatten gehalten, mit Buchhandlungen, der Universität gleich um die Ecke und dem Café Hoppe, das es seit 1670 gibt. Und durch eine unscheinbare Tür am Rand des Platzes geht es in den stillsten Ort der Innenstadt, aber dazu gleich mehr. Geh erst die Kalverstraat ein kurzes Stück nach Norden, zu einem alten Tor, durch das einst Waisenkinder ein und aus gingen.
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10. Burgerweeshuis: Die Welt der Waisenkinder
Kalverstraat 92, 1012 PH Amsterdam, Netherlands
Von der Kalverstraat aus führt ein alter steinerner Torbogen in einen stillen Hof. Wer hindurchgeht, lässt das Gedränge der Einkaufsstraße hinter sich, und plötzlich hört man die eigenen Schritte. Fast vierhundert Jahre lang war das hier die Welt der Amsterdamer Waisenkinder.
Nach der Alteratie von 1578 übernahm die Stadt das ehemalige Kloster der heiligen Lucia und richtete darin 1580 das Burgerweeshuis ein, das Waisenhaus für Kinder von Amsterdamer Bürgern. Aufgenommen wurde nicht jedes Kind: Die Eltern mussten das Bürgerrecht der Stadt besessen haben. Für die Kinder der Armen ohne dieses Recht gab es andere, viel kärglichere Anstalten. Selbst im Unglück war Amsterdam eine Gesellschaft mit feinen Unterschieden.
Die Waisen trugen eine auffällige Kleidung in den Farben der Stadt, Rot und Schwarz, die eine Hälfte rot, die andere schwarz, sodass jeder auf der Straße sofort sah, wohin sie gehörten. Sie lernten Lesen, Schreiben und ein Handwerk, und Jungen und Mädchen lebten getrennt, jede Gruppe mit ihrem eigenen Hof. Erst als junge Erwachsene verließen sie das Haus. Über sie wachten Regenten, angesehene Bürger der Stadt, die sich ihrerseits gern in prächtigen Gruppenporträts malen ließen.
1960 zog das Waisenhaus an den Stadtrand, und 1975 kam in die alten Gebäude das Museum zur Geschichte der Stadt, das heutige Amsterdam Museum. Zwischen Museum und Begijnhof verläuft eine überdachte Passage, die Schuttersgalerij, in der große Gruppenporträts der Amsterdamer Bürgerwehren aus dem Goldenen Zeitalter hängen... Verwandte der berühmten Nachtwache, nur ohne Rembrandt. Ob Museum und Galerie gerade geöffnet sind, schau am besten vorher nach.
Achte auch auf die Sint Luciënsteeg an der Seite des Gebäudes: In ihre Mauer sind zahlreiche alte Giebelsteine eingelassen, gerettet von abgerissenen Häusern, mit Schiffen, Tieren, Handwerkern und Heiligen. Jeder davon war einmal eine Adresse. Und dann geh zum Schluss, durch die Galerie oder um den Block herum, zum stillsten Ort der Innenstadt: dem Begijnhof.
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11. Begijnhof: Der stille Hof der Beginen
Begijnhof 34, 1012 Amsterdam, Netherlands
Auf einmal ist es still. Vor dir liegt eine grüne Wiese, umrahmt von schmalen, hohen Häusern, in der Mitte eine schlichte Kirche, und obwohl die Kalverstraat nur ein paar Meter entfernt ist, hörst du fast nur Vögel und das Knirschen deiner Schritte. Das ist der Begijnhof, der älteste Wohnhof Amsterdams.
Seit dem vierzehnten Jahrhundert lebten hier Beginen, fromme Frauen, die keine Nonnen waren. Sie legten keine ewigen Gelübde ab, wohnten in eigenen Häusern, pflegten Kranke und verdienten ihr eigenes Geld, und sie durften jederzeit gehen und heiraten. Für Frauen jener Zeit war das eine seltene Form von Freiheit. Und selbst nach der Reformation, als die Klöster aufgelöst wurden, durften die Beginen bleiben, weil ihnen ihre Häuser selbst gehörten. Die letzte Begine starb 1971.
Schau dir das schwarze Holzhaus an, Het Houten Huys, Nummer vierunddreißig. Es ist eines von nur zwei Holzhäusern, die im Zentrum Amsterdams überlebt haben, das andere steht am Zeedijk. Nach verheerenden Stadtbränden im fünfzehnten Jahrhundert verbot die Stadt nach und nach Holzfassaden, und so wurde dieses Haus aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu einem seltenen Überlebenden.
Die Kirche in der Mitte mussten die Beginen nach der Alteratie abgeben. 1607 wurde sie der englischen und schottischen presbyterianischen Gemeinde übergeben, daher heißt sie bis heute Engelse Kerk. Es heißt, auch einige der Pilgerväter, die später mit der Mayflower nach Amerika segelten, hätten hier gebetet... sicher belegt ist das nicht. Die Beginen feierten ihre Messe fortan in einer versteckten Kapelle, die gegenüber hinter gewöhnlichen Hausfassaden liegt.
Und dann ist da Cornelia Arens. Die Überlieferung erzählt, sie habe nicht in der Kirche begraben werden wollen, die ihrer Gemeinschaft genommen worden war, sondern lieber in der Gosse davor. Als sie 1654 starb, erfüllte man ihr den Wunsch, und eine Platte im Boden erinnert an sie. Hier endet dein Spaziergang durch Amsterdams verborgene Winkel. Bleib noch einen Moment. Wenn du gehst, nimm das Tor zum Spui... und mit einem einzigen Schritt bist du zurück im Lärm der Stadt.