Vom Karlsplatz zu Klimts Kuss: Belvedere, Schwarzenbergplatz und die Kunst der Macht in Wien

Ein Spaziergang durch Wien von der Technik zum Gold: Künstlerhaus und Wien Museum, ein Brunnen als Kalender, Prinz Eugens Barockträume, der Balkon des Staatsvertrags und ein Auto, das 1914 Weltgeschichte schrieb

Vienna · 11 stops · 28 min audio · Generated

  1. 1. TU Wien & Resselpark: Wo Wien das Erfinden lernte

    Karlsplatz 13, 1040 Wien, Austria

    Du stehst im Resselpark, und vor dir zieht sich eine lange, helle Fassade mit Säulen und Giebel über die Südseite des Karlsplatzes: das Hauptgebäude der Technischen Universität Wien. Vor dem Gebäude wacht ein Herr aus Bronze, Josef Ressel, und er schaut ein bisschen so drein, als hätte er gerade etwas sehr Wichtiges erfunden... und das hat er auch.

    Ressel war Förster, Tüftler und ein ewiger Pechvogel. 1827 bekam er ein Privileg, eine Art frühes Patent, auf die Schiffsschraube. Ein Versuchsschiff fuhr 1829 in Triest tatsächlich mit seiner Schraube, bis ein Dampfrohr platzte und die Behörden weitere Fahrten untersagten. Das große Geschäft mit der Schraube machten später andere. Wien hat ihm trotzdem dieses Denkmal gesetzt, geschaffen von Anton Dominik Fernkorn, dem Bildhauer, der auch den sich aufbäumenden Erzherzog Karl auf dem Heldenplatz modelliert hat.

    Die Universität selbst wurde 1815 gegründet, als k.k. Polytechnisches Institut, im Jahr des Wiener Kongresses, als Europa nach Napoleon gerade neu sortiert wurde. Der Kaiser wollte Ingenieure, Chemiker und Mechaniker, Leute, die Brücken, Dampfmaschinen und Fabriken bauen konnten. Der Bau, vor dem du stehst, entstand in den Jahren danach, und damit ist er deutlich älter als die gesamte Ringstraße. Ein strenger Tempel des Fortschritts, ganz im klassizistischen Gewand.

    Lange war dieser Tempel allerdings eine reine Männerwelt. Erst 1919, nach dem Ende der Monarchie, durften Frauen hier als ordentliche Studentinnen inskribieren. Und noch etwas überrascht viele: Kunst und Technik waren in Wien nie Feinde. Otto Wagner, der später die Stadtbahn und die Postsparkasse baute, hat als junger Mann hier am Polytechnikum studiert, bevor er an die Akademie der bildenden Künste wechselte. Ohne Rechenschieber kein Jugendstil, könnte man sagen.

    Schau dich im Park ruhig noch ein wenig um, zwischen den Denkmälern sitzen Studierende mit Laptops dort, wo früher der Wienfluss offen dahinfloss. Dann geh am Rand des Karlsplatzes nach Norden, Richtung Ring, zu dem Palast im Stil der Renaissance gleich neben dem Musikverein. Dort wohnte keine Fürstenfamilie, sondern eine ganze Künstlerschaft.

  2. 2. Künstlerhaus: Das Haus, aus dem die Secession auszog

    Karlsplatz 5, 1010 Wien, Austria

    Vor dir steht ein Palazzo, der aussieht, als hätte ihn jemand aus Florenz hierhergetragen und neben den Musikverein gestellt: das Künstlerhaus. Gebaut wurde es nicht für einen Fürsten, sondern für eine ganze Zunft, für die Maler, Bildhauer und Architekten Wiens.

    Zwischen 1865 und 1868 ließ die Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens dieses Haus errichten, mitten im Bauboom der Ringstraßenzeit. Es war ein Ausstellungshaus von Künstlern für Künstler, und wer in Wien malen und gesehen werden wollte, musste hier hinein. Der große Star dieser Welt war Hans Makart, der Malerfürst mit den riesigen, schwelgerischen Historienbildern, dessen Atelier zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zählte und dessen Geschmack eine ganze Epoche prägte. 1879, zur Silberhochzeit des Kaiserpaares, inszenierte er einen gewaltigen Festzug über die Ringstraße und ritt selbst im historischen Kostüm mit.

    Und dann kam die Revolte. 1897 hatte eine Gruppe jüngerer Künstler genug von den alten Herren, die bestimmten, was ausgestellt wurde und was nicht. Gustav Klimt, Koloman Moser, Joseph Maria Olbrich und ihre Mitstreiter gründeten die Vereinigung bildender Künstler Österreichs, die Secession, und traten aus der Genossenschaft aus. Ihr eigenes Haus mit der goldenen Laubkuppel steht nur ein paar Minuten von hier entfernt... gebaut, wenn man so will, als trotzige Antwort auf das Gebäude, vor dem du gerade stehst.

    Das zwanzigste Jahrhundert war nicht freundlich zu diesem Haus. Es war groß, teuer im Unterhalt und galt bald als altmodisch, die Künstlervereinigung kämpfte jahrzehntelang mit dem Geld. Die Rettung kam erst in unserer Zeit: Der Bauunternehmer und Kunstsammler Hans Peter Haselsteiner ließ das Gebäude sanieren, und seit 2020 zeigt die Albertina hier unter dem Namen Albertina Modern Kunst seit 1945. Die Künstlervereinigung hat ihre eigenen Räume im Haus behalten.

    Ich finde das sehr wienerisch: Die einstigen Gegner, Akademismus und Avantgarde, sind heute Nachbarn, und das Haus der alten Herren zeigt die Kunst der Jungen. Geh jetzt über den Karlsplatz zurück nach Süden, an der großen Barockkirche vorbei, zu dem flachen, modernen Bau mit dem neuen, scheinbar schwebenden Obergeschoss.

  3. 3. Wien Museum: Die ganze Stadt unter einem Dach

    Karlsplatz 8, 1040 Wien, Austria

    Schau dir diesen Bau genau an, denn er ist ein kleines Kuriosum: unten ein strenger, flacher Kasten aus den 1950er Jahren, obendrauf ein neues Geschoss, das wie ein Deckel darüber zu schweben scheint. Das ist das Wien Museum, das Gedächtnis der Stadt, und es steht direkt neben der Karlskirche, als wollte es dem Barock ein bisschen Nachkriegsnüchternheit entgegenhalten.

    Den ursprünglichen Bau entwarf Oswald Haerdtl, eröffnet wurde er 1959, und er gilt als erster Museumsneubau der Zweiten Republik. Haerdtl war jahrelang Partner von Josef Hoffmann, dem Mitbegründer der Wiener Werkstätte, und das merkt man an der Eleganz der Details. Danach wurde jahrzehntelang gestritten, wie es weitergehen soll: abreißen, an einem anderen Ort neu bauen oder erweitern? Am Ende entschied sich die Stadt fürs Weiterbauen. Nach mehreren Jahren Umbau ging das Museum im Dezember 2023 wieder auf, mit dem neuen Obergeschoss und einer Terrasse, von der aus du über den ganzen Karlsplatz schaust.

    Drinnen wartet ganz Wien in einem Haus. Gustav Klimts Bildnis von Emilie Flöge hängt hier, ein schmales, hohes Porträt der Modeschöpferin, die sein Leben lang an seiner Seite blieb. Daneben Werke von Egon Schiele, und dann, ganz unerwartet, ein komplettes Wohnzimmer: Adolf Loos hat es für seine eigene Wohnung entworfen, mit Kaminnische, Holzbalken und Sitzbank, und es wurde Stück für Stück ins Museum übersiedelt.

    Und es gibt noch etwas, das kaum ein Reiseführer erwähnt. Auch die Wohnung des Dichters Franz Grillparzer steht hier, mit seinen Möbeln und seinem Schreibtisch, ein Stück Biedermeier, als wäre der Hausherr nur kurz hinausgegangen. Man spaziert also von einer Wohnung in die andere und von einem Jahrhundert ins nächste.

    Was ich am meisten an diesem Museum mag: Es erzählt nicht von Kaisern, sondern von der Stadt selbst, von Bürgern, Handwerkern, Künstlern, Belagerungen und Bauplänen. Wenn du später wiederkommst, nimm dir Zeit dafür. Jetzt aber geh nach Osten, die Lothringerstraße entlang, bis sich ein riesiger Platz öffnet und dir ein Springbrunnen das Wasser meterhoch entgegenwirft.

  4. 4. Hochstrahlbrunnen & Heldendenkmal: Wasser, Krieg und ein umbenannter Platz

    Schwarzenbergplatz, 1030 Wien, Austria

    Hör einmal hin... das Rauschen, das den Verkehrslärm des Schwarzenbergplatzes übertönt, kommt vom Hochstrahlbrunnen. Und das, was hinter ihm aufragt, ein Soldat mit Fahne und Helm auf einer hohen Säule vor einem halbrunden Säulengang, ist das Heldendenkmal der Roten Armee. Zwei Monumente, Rücken an Rücken, und doch aus zwei völlig verschiedenen Welten.

    Der Brunnen ist ein Fest, ein Freudenschrei aus Wasser. Er wurde 1873 eingeweiht, um die Erste Wiener Hochquellenwasserleitung zu feiern. Bis dahin tranken viele Wiener verseuchtes Brunnenwasser, und Cholera und Typhus kamen regelmäßig zu Besuch. Dann floss Quellwasser aus den Alpen, von Rax und Schneeberg, rund hundert Kilometer weit, allein durch das natürliche Gefälle, ohne eine einzige Pumpe. Bis heute kommt es kalt und klar aus der Leitung, und die Wiener sind darauf mindestens so stolz wie auf ihren Wein.

    Achte auf die Fontänen, die rund um das Becken springen. Man erzählt sich, der Brunnen sei ein Kalender: Die vielen kleinen Strahlen stünden für die Tage des Jahres, andere für die Wochen, die Monate, die Stunden eines Tages. Ob die Planer das wirklich so gemeint haben oder ob die Wiener es sich später zurechtgelegt haben, ist eine hübsche offene Frage.

    Das Denkmal dahinter erzählt vom April 1945, als die Rote Armee in schweren Kämpfen Wien einnahm und tausende sowjetische Soldaten fielen. Enthüllt wurde es schon im August 1945, und von 1946 bis 1956 hieß dieser Ort sogar Stalinplatz. Für viele Wienerinnen und Wiener bedeutete das Kriegsende die Befreiung vom NS-Regime und zugleich Plünderungen und Gewalt durch Soldaten. Darum steht das Denkmal bis heute zwischen Dank und Unbehagen. Im Staatsvertrag von 1955 hat sich Österreich verpflichtet, solche Kriegsdenkmäler zu schützen, und es pflegt dieses bis heute.

    Dreh dich kurz um, ganz am anderen Ende des Platzes sitzt ein Feldherr auf seinem Bronzepferd, zu ihm kommen wir gleich. Denn hinter dem Säulengang, halb verborgen zwischen Bäumen, liegt das Palais seiner Familie. Geh am Denkmal vorbei nach Süden, dorthin, wo ein schmiedeeisernes Gitter den Blick auf eine Barockfassade freigibt.

  5. 5. Palais Schwarzenberg: Zwei Barock-Genies an einem Haus

    Schwarzenbergplatz 9, 1030 Wien, Austria

    Hinter Gittern und alten Bäumen siehst du die Fassade eines Barockpalais, das sich eher von der Straße abwendet, als sich zur Schau zu stellen: das Palais Schwarzenberg. Ein Haus, das seit rund dreihundert Jahren derselben Familie gehört... und das die meisten Menschen, die über den Platz hasten, schlicht übersehen.

    Begonnen hat den Bau 1697 Johann Lukas von Hildebrandt, für einen Fürsten aus dem Haus Mansfeld-Fondi. Der Bauherr starb, bevor alles fertig war, und 1716 kauften die Schwarzenbergs das unvollendete Palais. Vollendet haben es dann Johann Bernhard Fischer von Erlach und sein Sohn Joseph Emanuel. Stell dir das vor: Die beiden großen Rivalen des Wiener Barock, Hildebrandt und Fischer von Erlach, an einem einzigen Gebäude. Und Hildebrandt baute nur ein paar hundert Meter weiter fast zur selben Zeit das Belvedere... ein Nachbarschaftsduell in Stein.

    Die Schwarzenbergs gehörten zu den reichsten Familien der Habsburgermonarchie, mit riesigen Gütern in Böhmen. Der Berühmteste von ihnen sitzt draußen am Nordende des Platzes auf seinem Bronzepferd: Feldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg. 1813 führte er in der Völkerschlacht bei Leipzig die verbündeten Armeen gegen Napoleon an, und nach ihm hat der ganze Platz seinen Namen.

    Auch dieses Palais blieb im Zweiten Weltkrieg nicht unversehrt, Bomben beschädigten den Bau, und vieles musste wiederhergestellt werden. Und die Familie schrieb noch im einundzwanzigsten Jahrhundert Geschichte: Karl Schwarzenberg, bis zu seinem Tod 2023 Oberhaupt des Hauses, war tschechischer Außenminister und trat 2013 sogar zur Präsidentenwahl in Tschechien an. Ein österreichischer Fürst als Spitzenpolitiker in Prag... auch das ist Mitteleuropa.

    Der eigentliche Schatz des Palais ist sein Garten, der sich hinter dem Haus den Hang hinaufzieht und von der Straße aus fast unsichtbar ist. Wir gehen jetzt zum großen Nachbarn. Folge dem Rennweg ein Stück stadtauswärts, auf der rechten Seite öffnet sich bald ein Tor in einen weiten Ehrenhof. Dort wohnte der Mann, der Hildebrandt den größten Auftrag seines Lebens gab.

  6. 6. Unteres Belvedere & Orangerie: Prinz Eugens Sommerhaus

    Rennweg 6, 1030 Wien, Austria

    Tritt durch das Tor am Rennweg in den Ehrenhof, und vor dir liegt ein langer, eleganter, beinahe bescheidener Bau: das Untere Belvedere. Kein Turm, keine Kuppel, nur Würde und Ebenmaß. Hier lebte Prinz Eugen von Savoyen, ein schmaler, unscheinbarer Mann, der zum berühmtesten Feldherrn Österreichs wurde.

    Eugen war in Paris aufgewachsen, und Ludwig der Vierzehnte hatte den schmächtigen jungen Mann als Offizier abgewiesen. Also ging er 1683 nach Österreich, gerade als die Osmanen vor Wien standen, und von da an siegte er... gegen die Osmanen, später gegen Frankreich, ausgerechnet gegen den König, der ihn verschmäht hatte. Mit seinem Vermögen kaufte er Weingärten draußen vor der Stadt und ließ sich von Hildebrandt ein Sommerschloss bauen. 1716 war dieser untere Teil fertig, kurz bevor Eugen 1717 Belgrad eroberte, ein Sieg, aus dem das Lied vom Prinzen Eugen, dem edlen Ritter, hervorging, das man bis heute kennt.

    Drinnen glänzt der Marmorsaal, dessen Deckenfresko den Prinzen als strahlenden Helden in den Himmel hebt, und das Goldkabinett mit seinen Spiegeln, in dem sich jede Kerze vervielfachte. Und noch etwas steht im Unteren Belvedere, das kaum jemand erwartet: die bleiernen Originalfiguren von Georg Raphael Donners Brunnen vom Neuen Markt. Draußen in der Innenstadt plätschern heute Kopien.

    Schau nun zur Seite, zur Orangerie. Hier überwinterten einst Zitronen- und Orangenbäumchen in großen Kübeln, ein Luxus, mit dem ein barocker Fürst zeigte, dass er sogar das Klima beherrschte. Heute ist sie ein heller Ausstellungsraum, und gleich daneben liegt der Prunkstall, wo Eugens Pferde standen und heute mittelalterliche Kunst gezeigt wird.

    Eugen heiratete nie und hatte keine Kinder. Als er 1736 in seinem Stadtpalais in der Himmelpfortgasse starb, erbte eine Nichte alles, und sie verkaufte vieles. 1752 erwarb Maria Theresia das Belvedere, und so wurde das Sommerhaus eines Feldherrn zum Besitz der Habsburger. Bevor wir in den Garten steigen, geh zurück auf den Rennweg und ein paar Schritte weiter stadtauswärts, zur Kirche mit der hohen Kuppel.

  7. 7. Salesianerinnenkirche: Das Kloster der Kaiserinwitwe

    Rennweg 10, 1030 Wien, Austria

    Gleich neben dem Belvedere wölbt sich eine mächtige Kuppel über den Rennweg, und darunter steht eine Fassade, die eher zurückhaltend als prunkvoll wirkt: die Kirche der Salesianerinnen. Hinter ihren Mauern liegt bis heute ein Kloster, mitten in der Stadt und doch in einer anderen Zeit.

    Gestiftet hat das alles eine Kaiserin, die in den Geschichtsbüchern kaum vorkommt: Wilhelmine Amalie, die Witwe Kaiser Josephs des Ersten. Ihr Mann war 1711 an den Pocken gestorben, mit gerade einmal 32 Jahren. Sie zog sich nicht einfach zurück, sondern baute: Ab 1717 entstand hier ein Kloster für die Salesianerinnen, einen Frauenorden, der auf den heiligen Franz von Sales zurückgeht und sich auch der Erziehung junger Frauen widmete.

    Die Kuppel ist eines der schönsten Barockgewölbe der Stadt und erstaunlich wenig bekannt, weil ihr die Karlskirche ein paar hundert Meter weiter die Schau stiehlt. Die Pläne stammen von Donato Felice d'Allio, einem Baumeister aus Italien, der lange in Wien arbeitete. Wenn die Kirche offen ist, geh hinein und schau nach oben: Ein Fresko öffnet dort einen hellen, barocken Himmel, und das Licht fällt so weich durch die Fenster der Trommel, dass der Raum zu schweben scheint.

    Stell dir die Nachbarschaft vor, damals um 1720. Auf der einen Seite des Rennwegs der Feldherr Prinz Eugen mit seinen Festen, Gästen und Orangenbäumen, auf der anderen Seite eine verwitwete Kaiserin hinter Klostermauern. Wilhelmine Amalie verbrachte ihre letzten Jahre hier im Kloster, bis zu ihrem Tod 1742. Weltruhm und Weltabkehr, Tür an Tür.

    Bis heute leben hier Schwestern des Ordens, und das Kloster gehört zu den wenigen in Wien, die seit ihrer Gründung ununterbrochen bestehen. Das macht den Ort still, beinahe streng, ganz anders als das Treiben im Belvedere nebenan. Jetzt geh die paar Schritte zurück zum Tor des Unteren Belvedere und hinein in den Garten, der sich vor dir wie eine grüne Treppe den Hang hinaufzieht.

  8. 8. Belvederegarten: Die Treppe zum Olymp und der Canaletto-Blick

    Rennweg 6, 1030 Wien, Austria

    Jetzt stehst du am unteren Ende eines Gartens, der wie eine Treppe zum Himmel angelegt ist: Terrassen, Kaskaden, Rasenornamente, streng geschnittene Hecken, und ganz oben thront wie eine Krone das Obere Belvedere. Geh langsam, denn dieser Garten will erstiegen werden, nicht durchquert.

    Entworfen hat ihn Dominique Girard, ein Franzose, der sein Handwerk in der Welt von Versailles gelernt hatte. Und das ist eine feine Ironie: Prinz Eugen hatte Frankreich auf dem Schlachtfeld besiegt, holte sich aber den französischen Geschmack nach Wien. Kunsthistoriker lesen den Garten als Aufstieg, unten die irdische Welt mit ihren Elementen, oben der Bereich der Götter, und der Hausherr wandelt, wenig bescheiden, ganz nach oben.

    Schau dir die Sphingen an, die an den Rampen und Treppen liegen: Löwenkörper, Frauenköpfe, und manche lächeln ziemlich verschmitzt. Sie gelten als Sinnbild von Kraft und Klugheit, also genau der Tugenden, die der Feldherr für sich beanspruchte. Auf dem Gelände hielt Eugen übrigens sogar eine Menagerie mit exotischen Tieren und Vögeln, Jahrzehnte bevor in Schönbrunn der kaiserliche Tiergarten entstand. Die Wiener mögen sie, und viele Kinder sind schon auf ihren steinernen Rücken für ein Foto gesessen, auch wenn das niemand so recht erlaubt.

    Und jetzt dreh dich um. Über die Dächer hinweg siehst du die Kuppel der Karlskirche und den Turm des Stephansdoms. Genau diesen Blick hat Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, um 1760 gemalt, und das Bild hängt heute im Kunsthistorischen Museum. Weil ein geplantes Hochhaus am Heumarkt diese Silhouette verändern würde, steht das historische Zentrum von Wien seit 2017 auf der Roten Liste des gefährdeten UNESCO-Welterbes. Ein Gemälde aus dem achtzehnten Jahrhundert als Argument in einem Bauprojekt von heute... sehr wienerisch.

    Weiter oben wird der Garten großzügiger, die Kaskade rauscht, und das Schloss wächst mit jedem Schritt. Steig die Rampen und Treppen hinauf bis zur obersten Terrasse, wo das Obere Belvedere auf dich wartet, mit dem berühmtesten Kuss Österreichs.

  9. 9. Oberes Belvedere: Klimts Kuss und der Staatsvertrag

    Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien, Austria

    Hier oben, auf der obersten Terrasse, siehst du das Obere Belvedere in seiner ganzen Pracht: ein Dach wie eine Landschaft aus Zelten, Pavillons an den Ecken, Figuren auf der Balustrade. Auf der anderen Seite des Schlosses spiegelt sich das alles im großen Wasserbecken.

    Hildebrandt baute es zwischen 1721 und 1723, nicht zum Wohnen, sondern zum Repräsentieren und Feiern. Nach Eugens Tod kaufte Maria Theresia das Ensemble, und unter Joseph dem Zweiten wurde die kaiserliche Gemäldegalerie hier ab 1781 für die Öffentlichkeit geöffnet, eines der ersten öffentlichen Museen der Welt. Später wohnte hier Thronfolger Franz Ferdinand, bis zu jenem Sommer 1914, aus dem er nicht mehr zurückkam.

    Und drinnen hängt das Bild, für das Menschen aus aller Welt anreisen: Gustav Klimts Kuss. Ein Paar, umhüllt von einem Mantel aus Gold, sie kniet am Rand einer Blumenwiese, die Augen geschlossen, als stünde die Welt für einen Moment still. Der Staat kaufte das Bild schon 1908, gleich als es bei der Kunstschau gezeigt wurde, und seither hat es Wien nie verlassen. Gleich in der Nähe hängt übrigens auch eine der Fassungen von Jacques-Louis Davids Napoleon, der auf dem Pferd die Alpen überquert.

    Am 15. Mai 1955 unterzeichneten im Marmorsaal die Außenminister der vier Besatzungsmächte und Österreichs den Staatsvertrag. Nach zehn Jahren Besatzung war Österreich wieder ganz souverän. Danach trat Außenminister Leopold Figl mit den anderen auf den Balkon und hielt das Dokument der jubelnden Menge entgegen. Und hier das Detail, das fast alle falsch erinnern: Sein berühmtes Österreich ist frei sagte Figl nicht auf dem Balkon, sondern drinnen, in seiner Rede im Marmorsaal.

    Die Menschen unten im Garten haben es gar nicht gehört, und doch ist der Satz heute untrennbar mit diesem Balkon verbunden. Verlass den Schlossbereich nun durch das Tor im Süden, überquere den Gürtel und geh hinüber in den Schweizergarten, wo ein Pavillon aus Glas und Stahl auf dich wartet, der eine Weltreise hinter sich hat.

  10. 10. Belvedere 21: Ein Pavillon von der Weltausstellung

    Arsenalstraße 1, 1030 Wien, Austria

    Nach all dem Barock wirkt das hier wie ein Schock: ein lichter, schwebender Kasten aus Stahl und Glas am Rand des Schweizergartens, flach, klar, fast schwerelos. Dieser Pavillon ist ein Weltreisender, und er hat seine Reise ziemlich gut überstanden.

    Entworfen hat ihn der Architekt Karl Schwanzer für die Weltausstellung 1958 in Brüssel, als Österreichs Pavillon. Das junge, gerade erst wieder souveräne Land wollte sich dort modern, offen und leicht zeigen, ganz ohne Kaiserkitsch. Der Bau ruht auf wenigen Stützen, das Obergeschoss scheint über dem Boden zu hängen, die Wände sind fast nur Glas, und genau diese Leichtigkeit machte es möglich, ihn wieder auseinanderzunehmen. Schwanzer baute später übrigens in München die Zentrale von BMW, den berühmten Vierzylinder. Nach der Ausstellung wurde der Pavillon zerlegt, nach Wien gebracht und hier neu aufgebaut. 1962 eröffnete er als Museum des 20. Jahrhunderts, und die Wiener tauften ihn liebevoll das Zwanzger-Haus.

    Das war mehr als nur ein neues Museum. Die Nationalsozialisten hatten die Moderne als entartet verfemt, Künstler verfolgt und vertrieben, Bilder beschlagnahmt. Hier holte Österreich in den sechziger Jahren die internationale Gegenwartskunst zurück ins Land, Ausstellung für Ausstellung, und eine ganze Generation junger Wiener Künstler sah hier zum ersten Mal, was anderswo längst passierte.

    Später stand der Bau lange leer und verfiel, bis der Architekt Adolf Krischanitz ihn behutsam erneuerte. 2011 öffnete er als 21er Haus wieder, und seit 2018 heißt er Belvedere 21, das zeitgenössische Haus des Belvedere. Rundherum sind in den letzten Jahren rund um den neuen Hauptbahnhof Bürotürme gewachsen, und der Pavillon aus den Fünfzigern wirkt zwischen ihnen erstaunlich frisch.

    Mir gefällt der Gedanke, dass Prinz Eugens Gold und Schwanzers Glas zum selben Museum gehören, nur ein paar hundert Meter und zweieinhalb Jahrhunderte voneinander entfernt. Geh jetzt durch den Schweizergarten nach Osten, über die Arsenalstraße, bis vor dir ein Bau aus roten und gelben Ziegeln auftaucht, halb Burg, halb orientalischer Palast.

  11. 11. Heeresgeschichtliches Museum: Das Auto von Sarajevo

    Arsenal, Objekt 1, 1030 Wien, Austria

    Vor dir steht ein Gebäude, das aussieht wie eine Mischung aus Ritterburg, Moschee und venezianischem Palast: rote und gelbe Ziegel, Zinnen, eine Kuppel, maurische Bögen. Das ist das Heeresgeschichtliche Museum, das Herzstück des Arsenals.

    Das Arsenal entstand gleich nach der Revolution von 1848. Die Wiener hatten sich gegen den Kaiser erhoben, und der junge Franz Joseph ließ danach rund um die Stadt Kasernen und Festungsbauten errichten, um sie künftig im Griff zu behalten. Dieses Arsenal, gebaut ab 1849, war Waffenfabrik, Kaserne und Zeughaus zugleich, eine Stadt in der Stadt. Den Museumsbau entwarf Theophil Hansen, der später das Parlament baute, und er gilt als ältester eigens als Museum errichteter Bau Wiens.

    Innen erwartet dich die Ruhmeshalle mit Fresken von Carl von Blaas, und dann Säle voller Fahnen, Rüstungen und Gemälde, die zeigen, wie sehr Kunst und Krieg in der Geschichte der Habsburger verflochten waren. Aber ein Raum ist anders als alle anderen. Dort steht ein offenes Automobil, ein Gräf & Stift, und daneben eine Uniform mit dunklen Flecken. In diesem Wagen wurden am 28. Juni 1914 in Sarajevo Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen, und dies ist seine Uniform.

    Erinnerst du dich? Er wohnte oben im Belvedere, wo du gerade warst. Und dann gibt es noch dieses Detail, das einem einen Schauer über den Rücken jagt: Das Kennzeichen des Wagens lautet A III 118. Manche lesen darin Armistice, Waffenstillstand, am 11. 11. 18, dem Tag, an dem der Krieg, den diese Schüsse auslösten, endete. Ein reiner Zufall, natürlich... aber was für einer.

    Hier endet unser Spaziergang, und er hat einen weiten Bogen geschlagen: vom Erfindergeist am Karlsplatz über Klimts Gold und Prinz Eugens Gärten bis zu dem Wagen, in dem die alte Welt zu Ende ging. Kunst und Macht, Schönheit und Gewalt liegen in Wien oft nur ein paar hundert Meter auseinander. Danke, dass du mit mir gegangen bist, und nimm dir noch einen Moment für diesen stillen Raum.