Venedig, Dorsoduro: Kunst von Tizian bis Peggy Guggenheim, Tiepolo und die Zattere

Von der Faustkampfbrücke über Tiepolos Himmel und Veroneses Kirche zur Gondelwerft, durch die Accademia und Peggy Guggenheims unvollendeten Palast bis zur Pestkirche Salute und der Punta della Dogana

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  1. 1. Ponte dei Pugni: Die Brücke der Fäuste

    Ponte dei Pugni, Fondamenta Gherardini, Dorsoduro, 30123 Venezia VE, Italy

    Bleib auf der kleinen Brücke stehen und schau auf deine Füße. In den Stein sind Fußabdrücke aus weißem Marmor eingelassen, an jedem Ende der Brücke ein Paar. Unter dir liegt der Rio di San Barnaba, und oft schaukelt dort ein Boot voller Obst und Gemüse, ein schwimmender Marktstand. Eine friedliche Szene... auf einer Brücke, deren Name Fäuste bedeutet.

    Jahrhundertelang trafen sich hier die zwei großen Parteien des einfachen Venedig: die Castellani aus dem Osten der Stadt und die Nicolotti aus dem Westen, Fischer, Arbeiter, Handwerker. Auf Brücken wie dieser trugen sie ihre Kämpfe aus, oft vor Tausenden Zuschauern an den Ufern, in Booten und an den Fenstern. Die Fußabdrücke markierten die Startpositionen. Und ein Geländer? Gab es damals nicht. Wer verlor, landete im Kanal.

    Das war Volkssport, halb Ritual, halb Massenschlägerei, und die Obrigkeit sah meist zu, nicht ohne Vergnügen. Erst 1705, nach einem besonders blutigen Kampf, verbot die Republik die Brückenschlachten endgültig. Und weil wir auf einem Kunstspaziergang sind: Venezianische Maler haben diese Kämpfe festgehalten, Brücken voller Fäuste, Wasser voller Köpfe, und solche Bilder hängen heute in den Museen der Stadt.

    Dreh dich nun zum Campo San Barnaba um. Die Kirche dort kennst du vielleicht, ohne es zu wissen: 1989 verwandelte Steven Spielberg sie für Indiana Jones und der letzte Kreuzzug in eine Bibliothek, unter deren Boden Indy nach dem Grab eines Kreuzritters sucht. Ein Filmset aus Stein, mitten im Studentenviertel, wo heute Tische unter Bäumen stehen und Studenten auf den Stufen sitzen, als wäre nie etwas gewesen. Dorsoduro heißt übrigens harter Rücken, wegen des festeren Untergrunds in diesem Teil der Stadt.

    Unser Thema ist die Kunst, und sie beginnt gleich um die Ecke. Geh über den Campo San Barnaba und dann am Rio entlang Richtung Canal Grande, bis du vor einem gewaltigen Barockpalast stehst. In ihm wohnen ein Papst, ein Dichter und das ganze achtzehnte Jahrhundert. Unterwegs hörst du vielleicht schon die Vaporetti, die auf dem Canal Grande an ihre Haltestellen stoßen.

  2. 2. Ca' Rezzonico: Wie man sich Adel kauft

    Fondamenta Rezzonico, Dorsoduro 3136, 30123 Venezia VE, Italy

    Steh am Ufer des Rio di San Barnaba und schau an diesem Koloss hinauf: weißer Stein, Säulen, Masken über den Fensterbögen, ein Palast, der vom Canal Grande aus wie eine Theaterkulisse wirkt. Am Kanal siehst du den Wassereingang, an dem einst die Gondeln der Gäste anlegten, mit Musik, Fackeln und Masken. Das ist Ca' Rezzonico, und er erzählt eine sehr venezianische Geschichte: wie man mit Geld zu Adel kommt.

    Begonnen hat ihn Baldassare Longhena, der Architekt der Salute, um 1649 für die Patrizierfamilie Bon. Dann ging den Bon das Geld aus, und der Bau blieb jahrzehntelang halb fertig liegen. Gekauft hat ihn schließlich eine Kaufmannsfamilie vom Comer See, die Rezzonico, die sich 1687 für eine gewaltige Summe in das Goldene Buch des venezianischen Adels eingekauft hatte. Giorgio Massari vollendete den Palast Mitte des 18. Jahrhunderts.

    Und dann der Gipfel: 1758 wurde Carlo Rezzonico Papst, als Clemens XIII. Im selben Jahr heiratete Ludovico Rezzonico, und Giambattista Tiepolo malte zur Hochzeit eine Allegorie an die Decke, Apoll auf dem Sonnenwagen über dem Brautpaar. Heute ist der Palast das Museum des venezianischen Settecento: Möbel, Lackarbeiten, Pietro Longhis kleine Szenen aus dem Alltag der Patrizier und die Fresken, die Giandomenico Tiepolo für die Villa seiner Familie malte, mit seinen melancholischen Pulcinella-Figuren.

    Und ein Dichter starb hier. Der Engländer Robert Browning verbrachte seine letzten Wochen in diesem Palast, den sein Sohn Pen gekauft hatte, und starb hier im Dezember 1889. Eine Gedenktafel an der Fassade erinnert daran. Stell dir vor: ein alter Mann am Fenster, unten die Gondeln, oben Tiepolos Himmel. Es gibt schlechtere Orte, ein Leben zu beschließen.

    Jetzt geht es ein kurzes Stück nach Norden, durch die Gassen, bis zu einem gotischen Palast an der großen Biegung des Canal Grande. Dort studieren heute Tausende junge Leute... in einem Haus, das ein Doge gebaut hat. Wir bleiben also in derselben Welt: Kaufleute, die Adelige wurden, und Adelige, die tief fielen.

  3. 3. Ca' Foscari: Der Palast des gestürzten Dogen

    Calle Foscari, Dorsoduro 3246, 30123 Venezia VE, Italy

    Geh bis an das Tor und schau in den Hof: Studenten mit Büchern und Laptops, Fahrräder gibt es hier keine, dafür einen Palast aus dem 15. Jahrhundert. Ca' Foscari steht genau an der Volta del Canal, der großen Biegung des Canal Grande, und von seinen Fenstern sieht man den Kanal in beide Richtungen. Kein Wunder, dass vor dieser Fassade bei der historischen Regatta das Ziel liegt.

    Bauherr war Francesco Foscari, der am längsten regierende Doge der venezianischen Geschichte, von 1423 bis 1457, vierunddreißig Jahre lang. Er ließ den Palast ab etwa 1453 bauen, im prächtigsten spätgotischen Stil, mit hohen Loggien aus feinem Maßwerk, die an den Dogenpalast erinnern. Auch der Ort war kein Zufall: An der Biegung ist der Palast vom Wasser her aus beiden Richtungen zu sehen. Ein Mann, der ganz oben stand und wollte, dass man es sieht.

    Doch seine Geschichte endet bitter. Sein Sohn Jacopo wurde mehrfach verurteilt und verbannt, und der Vater musste als Doge die Urteile mittragen. 1457 zwang ihn der Rat der Zehn zum Rücktritt. Wenige Tage später starb er, und es heißt, er habe noch die Glocken gehört, die seinen Nachfolger feierten. Lord Byron machte daraus ein Drama, Giuseppe Verdi eine Oper: I due Foscari.

    Später wohnten hier Könige. 1574 beherbergte die Republik in Ca' Foscari den jungen König Heinrich III. von Frankreich und feierte ihn tagelang mit Festen auf dem Wasser. Seit 1868 gehört der Palast der Hochschule, die damals als eine der ersten Handelshochschulen Italiens gegründet wurde und heute eine große Universität ist. Wer hier seinen Abschluss macht, zieht mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf durch die Gassen.

    Von hier geht es nach Westen, durch die Gassen und über den Rio auf einen langen, lebhaften Campo, das Wohnzimmer der Studenten. Unterwegs kommst du an Cafés, Buchläden und Copyshops vorbei, Aushänge mit Prüfungsterminen kleben an den Türen: Dorsoduro ist das jüngste Viertel einer sehr alten Stadt. Halte Ausschau nach einem kleinen Gebäude, das ganz allein mitten auf dem Platz steht.

  4. 4. Campo Santa Margherita: Das Wohnzimmer von Dorsoduro

    Campo Santa Margherita, Dorsoduro, 30123 Venezia VE, Italy

    Willkommen im längsten Wohnzimmer Venedigs. Der Campo Santa Margherita ist breit, unregelmäßig, voller Bänke, Bäume und Tische, morgens mit Marktständen, abends mit Studenten, die bis spät in die Nacht reden. Nachbarn kaufen ihren Fisch, Kinder spielen Fußball zwischen den Bänken, Großmütter sitzen in der Sonne, und niemand hat es eilig. Und mitten auf dem Platz steht ganz allein ein kleines Haus, als hätte man vergessen, es wegzuräumen.

    Das ist die Scuola dei Varoteri, das Zunfthaus der Kürschner, der Pelzhändler, um 1725 gebaut. Auf der Fassade siehst du ein Relief der Madonna, die ihren Mantel schützend über die Mitglieder der Zunft breitet. Pelz war in Venedig Luxus und Notwendigkeit zugleich, denn die Winter in der Lagune sind feucht und bitterkalt, und die Patrizier trugen ihre Roben mit Pelzfutter.

    Jetzt such am anderen Ende des Platzes den Stumpf eines Glockenturms und die ehemalige Kirche daneben. Dort sitzt ein steinerner Drache: die heilige Margarete wurde der Legende nach von einem Drachen verschlungen und kam unversehrt wieder aus ihm heraus. Die Kirche ist heute ein Hörsaal der Universität. Wo früher gebetet wurde, wird jetzt geprüft... und manche Studenten sagen, der Unterschied sei kleiner, als man denkt.

    Am westlichen Ende des Campo ragt der Campanile der Carmini auf, der Kirche der Karmeliter. Wenn sie offen ist, lohnt ein Blick hinein: Cima da Conegliano malte hier eine Anbetung der Hirten, Lorenzo Lotto einen heiligen Nikolaus, der über einer weiten, hellen Landschaft schwebt. Venedig verteilt seine Meisterwerke nicht nur auf Museen, sondern auf Pfarrkirchen, so selbstverständlich wie andere Städte Parkbänke.

    Doch das größte Wunder dieser Ecke verbirgt sich nebenan, in einem unscheinbaren Gebäude neben der Kirche. Geh zum westlichen Ende des Campo und such den Eingang der Scuola Grande dei Carmini. Von außen würdest du nie vermuten, was im oberen Stock wartet. Dort hat Tiepolo eine Decke gemalt, die selbst Kenner verstummen lässt.

  5. 5. Scuola Grande dei Carmini: Tiepolos Himmel

    Campo Santa Margherita, Dorsoduro 2617, 30123 Venezia VE, Italy

    Steig im Inneren der Scuola die prachtvolle Treppe hinauf, unter einer Stuckdecke voller Engel und Ranken, und tritt oben in den großen Saal. Dann leg den Kopf in den Nacken. Der Raum ist mit dunklem Holz getäfelt und still wie eine Bibliothek. Über dir öffnet sich der Himmel, gemalt von Giambattista Tiepolo. Oft stehen Spiegel bereit, damit du die Decke betrachten kannst, ohne dir den Hals zu verrenken.

    Die Bruderschaft der Carmini war eine Vereinigung von Laien, die sich der Muttergottes vom Berg Karmel verschrieben hatte. Ihr Erkennungszeichen war das Skapulier, zwei kleine Stoffstücke an Bändern, die man unter der Kleidung trug. Der Legende nach hatte Maria es im 13. Jahrhundert dem Karmeliter Simon Stock überreicht, mit dem Versprechen ihres Schutzes. Genau diese Szene malte Tiepolo in die Mitte der Decke.

    Zwischen 1739 und 1749 arbeitete Tiepolo an diesem Zyklus, zehn Jahre, mit Unterbrechungen. Schau dir an, wie er die Figuren von unten zeigt, stark verkürzt, als würden sie wirklich über dir schweben, und wie das Licht von Gold zu zartem Rosa zu Himmelblau wechselt. In den Feldern ringsum sitzen die Tugenden, schwerelos auf Wolken. Kaum ein anderer Maler hat eine Zimmerdecke so mühelos in einen offenen Himmel verwandelt.

    Bemerkenswert ist, dass dieses Haus die Jahrhunderte fast unverändert überstanden hat. Unter Napoleon wurden die meisten Bruderschaften Venedigs aufgelöst, ihre Schätze verkauft oder fortgebracht. Die Carmini aber gehörten zu den wenigen, die überlebten. Deshalb siehst du hier, was anderswo verloren ging: einen Versammlungssaal, wie die Brüder ihn kannten, mit Holzvertäfelung, Bänken und Bildern an genau dem Platz, für den sie gemalt wurden.

    Von hier aus geht es nach Südwesten, in den stillsten Teil von Dorsoduro. Folge dem Rio dei Carmini, über eine Brücke, bis zu einer Kirche am Wasser, die außen bescheiden wirkt. Unterwegs wird es mit jedem Schritt stiller: weniger Studenten, mehr Wäscheleinen, mehr Katzen auf den Stufen. Drinnen hat ein einziger Maler fast alles bemalt, was es zu bemalen gab.

  6. 6. San Sebastiano: Veroneses Kirche

    Campo San Sebastiano, Dorsoduro, 30123 Venezia VE, Italy

    Vor dir steht eine Renaissancekirche mit heller Fassade an einem stillen Kanal, wo sich selten mehr als ein paar Besucher verirren. Das Viertel ringsum gehörte einst Fischern und Seeleuten, weit weg von den Palästen am Canal Grande. San Sebastiano sieht aus wie eine von vielen venezianischen Pfarrkirchen. Doch wenn du hineingehst, betrittst du so etwas wie das Privatmuseum eines einzigen Malers. Er heißt Paolo Veronese.

    Veronese, eigentlich Paolo Caliari, kam aus Verona, daher sein Name. 1555 bekam er hier, gerade Ende zwanzig, einen seiner ersten großen Aufträge in Venedig: die Decke der Sakristei, dann die Decke des Kirchenschiffs. Er blieb über Jahrzehnte, malte die Orgelflügel, den Hochaltar, die Wände, die Fresken auf der Empore. Ein Maler und eine Kirche, die gemeinsam alt geworden sind.

    Schau an die Decke des Schiffs: drei große Bilder erzählen die Geschichte der Königin Ester, die ihr Volk vor der Vernichtung rettet. Veronese malte sie aus der Untersicht, mit Pferden, deren Bäuche über dir zu schweben scheinen, mit Seide, die beinahe raschelt, und Gesichtern, die mit dir zu sprechen scheinen. Diese Farben, das helle Silbergrau, das Grün, das Rosé, sind seine Handschrift. Kaum ein Maler hat Stoff so leuchten lassen.

    Und wenn du dich umschaust, findest du ihn selbst. Veronese starb 1588 und ist hier begraben, nahe der Orgel, die er bemalt hat, unter einer Grabplatte mit seiner Büste. Er hat sich sein Grab gewissermaßen selbst ausgemalt. Man nennt San Sebastiano oft Veroneses Sixtinische Kapelle, und das ist kaum übertrieben: Nirgends sonst kann man ihn so vollständig sehen, an dem Ort, für den er gemalt hat.

    Jetzt geht es zurück ins Licht. Geh am Kanal entlang nach Süden bis zu den Zattere, der breiten Uferpromenade am Giudecca-Kanal, und folge ihr nach Osten, immer am Wasser, gut einen halben Kilometer. Rechts hast du das Wasser, links Häuser in Ocker und Rosa, und am Ufer schaukeln die Boote der Anwohner. Halte Ausschau nach einer Kirche mit einer Fassade wie ein antiker Tempel, direkt an der Promenade.

  7. 7. Zattere und Gesuati: Tiepolo, bevor er nach Würzburg ging

    Fondamenta Zattere ai Gesuati, Dorsoduro, 30123 Venezia VE, Italy

    Lehn dich ans Geländer der Zattere und lass dir die Sonne ins Gesicht scheinen. Vor dir liegt der breite Giudecca-Kanal mit Fähren, Frachtern und Ruderbooten, gegenüber die Insel Giudecca mit der weißen Kuppel von Palladios Redentore. Zattere heißt Flöße: Hier legten einst die Holzflöße aus den Bergen an. An Sommerabenden sitzen hier die Venezianer auf den Stufen am Wasser, ein Eis in der Hand, und schauen den Schiffen nach. Und hinter dir steht, mit einer Fassade wie ein antiker Tempel, die Kirche der Gesuati.

    Nicht zu verwechseln mit den Gesuiti, den Jesuiten! Die Gesuati waren ein kleiner Orden, den der Papst 1668 auflöste. Ihr Kloster übernahmen die Dominikaner, und die ließen von 1726 bis 1736 von Giorgio Massari diese Kirche bauen, Santa Maria del Rosario. Für die Decke holten sie den besten Freskomaler, den die Stadt hatte: Giambattista Tiepolo.

    Wenn die Kirche offen ist, geh hinein und schau nach oben. Zwischen 1737 und 1739 malte Tiepolo hier die Einsetzung des Rosenkranzes: Der heilige Dominikus verteilt die Gebetsschnüre, Engel stürzen aus dem Licht herab, und am Rand kippen Sünder und Ketzer buchstäblich aus dem Bild, ihre Glieder hängen über den gemalten Rahmen. Tiepolo spielt mit der Decke, als wäre sie ein Fenster in den Himmel.

    Und jetzt der deutsche Faden. Gut zehn Jahre später, Ende 1750, reiste Tiepolo mit seinen Söhnen über die Alpen nach Würzburg. Fürstbischof Karl Philipp von Greiffenclau hatte ihn gerufen, um seine neue Residenz auszumalen, einen Bau Balthasar Neumanns. Bis 1753 schuf Tiepolo dort die Fresken des Kaisersaals und das gewaltige Bild über dem Treppenhaus mit den vier Erdteilen, eines der größten Deckenfresken der Welt. Wer Würzburg kennt, sieht hier, wo es begann.

    Jetzt geh ein paar Schritte zurück nach Westen, bis zur Mündung des Rio di San Trovaso, und bieg dort rechts ab, auf die Fondamenta Nani am Kanal. Nur ein paar Dutzend Schritte, dann siehst du schon die Rampe mit den schwarzen Booten. Am anderen Ufer stehen Holzhäuser, die aussehen, als hätte man sie aus den Bergen hierhergetragen.

  8. 8. Squero di San Trovaso: Wo Gondeln geboren werden

    Fondamenta Nani, Dorsoduro, 30123 Venezia VE, Italy

    Stell dich auf die Fondamenta Nani und schau über den Rio di San Trovaso auf das andere Ufer. Dort steht ein Holzhaus mit Balkonen und Blumenkästen, davor eine schräge Rampe zum Wasser, und darauf liegen schwarze Gondeln, manche kieloben, manche auf Böcken. Das ist der Squero di San Trovaso, eine der ältesten noch arbeitenden Gondelwerften der Stadt.

    Warum sieht das aus wie in den Alpen? Die Überlieferung sagt, viele Bootsbauer kamen aus dem Cadore, aus den Dolomiten, wo man von Kindheit an mit Holz umging. Das Holz kam ohnehin aus den Bergen, über die Flüsse geflößt bis an die Lagune. Und das Wort Squero kommt vermutlich von squadra, dem Winkelmaß der Zimmerleute.

    Eine Gondel ist ein kleines Wunder. Sie besteht aus rund 280 Einzelteilen und acht verschiedenen Holzarten, darunter Eiche, Lärche, Tanne, Kirsche und Linde. Und sie ist absichtlich schief: Eine Seite ist gut zwanzig Zentimeter breiter als die andere. So gleicht sie das Gewicht des Gondoliere aus, der hinten steht und nur auf einer Seite rudert. Ohne diesen Trick würde sie ständig im Kreis fahren.

    Und warum sind alle Gondeln schwarz? Früher waren sie bunt, vergoldet, mit Stoffen behängt, und die Patrizier überboten sich gegenseitig. Luxusgesetze der Republik verlangten schließlich schlichtes Schwarz, damit der Wettstreit ein Ende hatte. Heute gibt es nur noch wenige Werften, die neue Gondeln bauen, und eine einzige braucht Monate Handarbeit. Schau zu, wenn gerade gearbeitet wird, aber bleib auf deiner Seite des Kanals... das ist eine Werkstatt, kein Museum.

    Folge jetzt dem Rio nach Norden, an der Kirche San Trovaso vorbei. Sie hat zwei gleichwertige Fassaden, eine zum Kanal, eine zum Campo, und man erzählt, so hätten Castellani und Nicolotti sie betreten können, ohne einander zu begegnen. Halte dich dann rechts durch die Gassen, bis du auf den Campo della Carità kommst, am Fuß der hölzernen Accademia-Brücke. Dort hängt die größte Sammlung venezianischer Malerei der Welt.

  9. 9. Gallerie dell'Accademia: Venedigs Malerei unter einem Dach

    Campo della Carità, Dorsoduro 1050, 30123 Venezia VE, Italy

    Du stehst auf dem Campo della Carità, am Fuß der hölzernen Accademia-Brücke, und vor dir liegt ein schlichter Komplex aus Kirche, Bruderschaftshaus und Kloster. Kein Palast, keine Prachtfassade. Selbst die Holzbrücke neben dir war 1933 nur als Provisorium gedacht, und sie steht noch immer. Und doch hängt hinter diesen Mauern die bedeutendste Sammlung venezianischer Malerei, die es gibt, von den goldglänzenden Altären des 14. Jahrhunderts bis zu Tiepolo.

    Die Gebäude gehörten einst der Bruderschaft der Carità, einer der ältesten Scuole Grandi, und dem Kloster daneben, für das Andrea Palladio einen Teil entwarf. Unter Napoleon wurden Bruderschaften und Klöster aufgelöst, und 1807 zog hier die Akademie der schönen Künste ein. Ihre Lehrsammlung wurde zum Museum. Viele Bilder kamen aus aufgelösten Kirchen, gerettet und zugleich aus ihrem Zusammenhang gerissen.

    Drinnen warten Bilder, über die man seit Jahrhunderten rätselt. Giorgiones Gewitter, La Tempesta, um 1505: eine stillende Frau, ein junger Mann mit Stab, ein Blitz über der Stadt, und niemand weiß sicher, was es bedeutet. Tizians letztes Bild, eine Pietà, die er für sein eigenes Grab malte und nicht mehr vollenden konnte. Und Carpaccios Zyklus der heiligen Ursula, ein Bilderbuch venezianischen Lebens.

    Und dann Veronese, den du in San Sebastiano kennengelernt hast. 1573 malte er ein riesiges Abendmahl, voller Hunde, Diener, Narren und zweier Hellebardiere in deutscher Tracht. Gerade die Deutschen machten die Inquisition misstrauisch, denn deutsch klang damals schnell nach lutherisch. Man lud ihn vor und verlangte Änderungen. Veronese antwortete, Maler nähmen sich Freiheiten wie Dichter und Narren. Und dann änderte er... den Titel. Seitdem heißt das Bild Gastmahl im Hause des Levi.

    Schau beim Hinausgehen noch einmal auf die Holzbrücke, dann geh nach Osten, durch die Gassen von Dorsoduro, immer parallel zum Canal Grande. Unterwegs passierst du kleine Galerien und Werkstätten, und zwischen den Häusern blitzt immer wieder der Canal Grande auf. Nach ein paar Minuten kommst du zu einem flachen, weißen Palast, der nur ein Stockwerk hoch ist. Er hätte einer der größten am ganzen Kanal werden sollen.

  10. 10. Peggy Guggenheim Collection: Der unvollendete Palast

    Palazzo Venier dei Leoni, Dorsoduro 701, 30123 Venezia VE, Italy

    Tritt durch das Gartentor und bleib zwischen Skulpturen und Bäumen stehen. Der Palast vor dir ist seltsam niedrig, nur ein Erdgeschoss mit Dachterrasse, weiß und flach, zwischen den hohen Palästen am Canal Grande wie eine Lücke in einer Zahnreihe. Das ist der Palazzo Venier dei Leoni, und seine Unvollkommenheit ist sein Glück.

    Die Familie Venier ließ ihn ab 1749 bauen, als gewaltigen Palast mit mehreren Stockwerken. Doch über das Erdgeschoss kam man nie hinaus. Warum, ist bis heute nicht ganz geklärt: Geldmangel, sagen die einen, Einspruch der mächtigen Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals, sagen die anderen. Und der Name? Die Familie soll im Garten einst Löwen gehalten haben, so wird erzählt. Sicher ist nur: Steinerne Löwenköpfe schmücken die Front am Wasser.

    1949 kaufte Peggy Guggenheim den Palast, eine amerikanische Erbin, Sammlerin und Abenteurerin. In Paris hatte sie kurz vor dem deutschen Einmarsch 1940 fast täglich ein Kunstwerk gekauft und die Avantgarde gefördert, als kaum jemand sie wollte: Pollock, Kandinsky, Magritte, Brâncuși. Hier lebte sie dreißig Jahre lang, mit ihren Bildern, ihren Hunden und offenen Türen für Künstler aus aller Welt. Und der deutsche Faden: Einer ihrer Ehemänner war der Maler Max Ernst aus Brühl bei Köln, dem sie 1941 half, aus Europa nach Amerika zu entkommen.

    Jetzt schau zur Terrasse am Kanal. Dort sitzt ein Reiter aus Bronze auf einem Pferd, mit ausgebreiteten Armen und einem sehr eindeutigen Zeichen seiner Begeisterung. Das ist Marino Marinis Engel der Stadt. Die Geschichte geht so: Wenn Nonnen in einem Boot vorbeifuhren, ließ Peggy das abnehmbare Körperteil abschrauben. Peggy starb 1979. Ihre Asche ruht im Garten, gleich neben den Gräbern ihrer geliebten Hunde.

    Von hier ist es nicht mehr weit. Geh weiter nach Osten durch die schmalen Gassen, über zwei kleine Brücken und über den Campo San Gregorio mit seiner gotischen Abteikirche, die längst keine Kirche mehr ist, bis sich vor dir eine gewaltige weiße Kuppel erhebt. Diese Kirche ist ein Dankgebet aus Stein, entstanden in einem der schrecklichsten Jahre der Stadt.

  11. 11. Santa Maria della Salute: Das Gelübde gegen die Pest

    Campo della Salute, Dorsoduro 1, 30123 Venezia VE, Italy

    Steig die breiten Stufen hinauf und dreh dich dann um. Vor dir der Canal Grande, gegenüber die Paläste am Ufer von San Marco, und über dir eine Kuppel, getragen von großen steinernen Voluten, die die Venezianer orecchioni nennen, große Ohren. Santa Maria della Salute, die Heilige Maria der Gesundheit. Der Grundriss ist ein Achteck, und die Kuppel ist von fast jedem Ufer der Stadt aus zu sehen. Sie ist kein Prestigebau. Sie ist ein Gelübde.

    1630 brach in Venedig die Pest aus. In gut einem Jahr starben in der Stadt rund 46.000 Menschen, fast ein Drittel der Bevölkerung. Im Oktober 1630 legte der Senat ein Gelübde ab: Wenn die Seuche endet, baut die Republik der Muttergottes eine Kirche. Als die Pest 1631 abklang, schrieb man einen Wettbewerb aus. Gewonnen hat ihn ein Architekt Anfang dreißig, Baldassare Longhena.

    Das Problem war der Boden. Diese Spitze von Dorsoduro ist weicher Lagunengrund, und eine so schwere Kirche brauchte ein Fundament, das hält. Die Überlieferung spricht von über einer Million Holzpfählen, die man in den Grund rammte. Mehr als fünfzig Jahre wurde gebaut, geweiht wurde die Kirche 1687. Longhena erlebte das nicht mehr: Er starb 1682, fünf Jahre zu früh für sein eigenes Meisterwerk.

    Jedes Jahr am 21. November, zur Festa della Salute, legen die Venezianer eine Brücke aus Booten und Pontons über den Canal Grande, und die ganze Stadt pilgert hierher und zündet Kerzen an. Danach isst man Castradina, einen Eintopf aus geräuchertem Hammelfleisch und Kohl, der Überlieferung nach eine Erinnerung an die Zeit der Seuche. Und in der Sakristei hängen Werke von Tizian und Tintorettos Hochzeit zu Kana.

    Jetzt nur noch ein paar Schritte. Geh um die Kirche herum, am Ufer entlang, bis dorthin, wo Venedig spitz ins Wasser läuft. Du gehst am langen Bau des alten Patriarchalseminars vorbei, und dann öffnet sich plötzlich der Himmel über dem Wasser. Ganz vorne dreht sich eine goldene Figur im Wind.

  12. 12. Punta della Dogana: Die Spitze der Stadt

    Fondamenta della Dogana alla Salute, Dorsoduro 2, 30123 Venezia VE, Italy

    Du stehst an der äußersten Spitze von Dorsoduro, und links und rechts von dir strömt das Wasser: der Canal Grande auf der einen Seite, der Giudecca-Kanal auf der anderen, vor dir das weite Becken von San Marco. Gegenüber leuchten der Dogenpalast und der Campanile, daneben die Insel San Giorgio Maggiore. Kaum ein Ort zeigt dir Venedig so vollständig auf einen Blick.

    Hier legten früher die Schiffe an, die Waren übers Meer in die Stadt brachten, und hier wurde verzollt. Das Zollhaus, die Dogana da Mar, entstand in seiner heutigen Form im späten 17. Jahrhundert nach Plänen von Giuseppe Benoni. Auf dem Turm tragen zwei Atlanten eine goldene Kugel, und auf der Kugel steht Fortuna, die Göttin des Glücks, und dreht sich als Wetterfahne mit dem Wind. Das Glück der Republik, sagt dieses Bild, ist launisch wie das Wetter.

    Jahrzehntelang stand das Zollhaus leer und verfiel. Dann erhielt der französische Sammler François Pinault den Zuschlag, und der japanische Architekt Tadao Ando baute es um. 2009 wurde es als Museum für Gegenwartskunst eröffnet. Ando ließ die alten Ziegelmauern und Holzbalken sichtbar und setzte glatten Beton hinein, wie einen Kern in eine alte Schale. Alt und Neu, im selben Atemzug.

    Setz dich einen Moment auf die Stufen am Wasser. Denk an den Weg, den du gegangen bist: von einer Brücke, auf der Fäuste flogen, über Tiepolos Himmel und Veroneses Kirche, die Gondelwerft und die Accademia bis zu Peggys Garten und der Pestkirche. Venedig hat seine Kunst nie in einen einzigen Tempel gesperrt. Sie liegt in Pfarrkirchen, Zunfthäusern, Werften und Palästen, so selbstverständlich wie das Wasser.

    Von hier kannst du zurück zur Salute gehen und dort das Vaporetto nehmen. Oder du bleibst noch, bis die Sonne im Westen sinkt und die goldene Fortuna über dir ein letztes Mal aufleuchtet. Unser Spaziergang endet hier, an der Spitze der Stadt, wo Venedig dem Meer entgegenschaut. Danke, dass du mitgegangen bist, und komm wieder: Diese Stadt zeigt sich nie zweimal gleich.