Kaiser, Kathedrale, Judería: Sevillas Altstadt zwischen Giralda, Real Alcázar und Santa Cruz

Von der Hochzeit Karls V. im Alcázar bis zum Grab des Kolumbus: ein Spaziergang durch das alte jüdische Viertel, die Gärten der Könige und die Archive eines Weltreichs

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  1. 1. Rathaus von Sevilla: Eine Fassade für den Kaiser

    Plaza Nueva 1, 41001 Sevilla, Spain

    Stell dich an den Rand der Plaza de San Francisco und schau auf die Ecke des Rathauses, wo der Stein aussieht, als hätte jemand ihn mit Klöppelspitze überzogen. Ranken, Fabelwesen, Wappen, Putten, kleine Gesichter, die dich aus runden Medaillons anschauen. Willkommen in Sevilla... und willkommen im Jahr 1527.

    Im März 1526 hatte Karl V., König von Spanien und seit 1519 zum römisch-deutschen Kaiser gewählt, in dieser Stadt Isabella von Portugal geheiratet. Sevilla war damals der einzige Hafen, über den der gesamte Handel mit Amerika laufen durfte, und die Stadt wollte zeigen, dass sie einen Kaiser verdient. Nur ein Jahr später begann der Baumeister Diego de Riaño mit diesem Rathaus, im neuen, aus Italien inspirierten Stil, den man in Spanien später Plateresco nannte, weil er an die feine Arbeit der Silberschmiede erinnert.

    Schau dir die Bilder genau an. Zwischen den Ornamenten tauchen Herkules und Julius Caesar auf, die beiden Gründerfiguren, die Sevilla sich selbst gegeben hat. Herkules soll die Stadt gegründet, Caesar sie mit Mauern umgeben haben, so jedenfalls erzählte man es hier jahrhundertelang. Es ist eine Fassade voller Selbstbewusstsein. Sie sagt: Wir sind antik, wir sind reich, und der Kaiser hat bei uns geheiratet.

    Der Platz vor dir hat aber auch eine dunkle Seite. Auf der Plaza de San Francisco wurden Feste gefeiert und Stiere gehetzt, und hier inszenierte die Inquisition ihre großen Autodafés. 1559 und 1560 traf es eine Gruppe von Sevillanern, die heimlich die Schriften der Reformation gelesen hatten. Die Gedanken eines Mönchs aus Wittenberg waren bis an den Guadalquivir gelangt. Hier wurden die Urteile öffentlich verlesen, und für einige bedeuteten sie den Scheiterhaufen vor den Toren der Stadt.

    Die prächtige Hauptfassade zur Plaza Nueva, auf der anderen Seite des Gebäudes, ist übrigens viel jünger, sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die Renaissance aus Karls Zeit ist diese Ecke hier. Folge jetzt der Calle Hernando Colón nach Süden, benannt nach dem Sohn des Kolumbus, und nach ein paar Minuten siehst du ihn über den Dächern: einen Turm, der schon stand, als es Spanien noch gar nicht gab.

  2. 2. Giralda: Das Minarett mit dem Glockenturm

    Plaza Virgen de los Reyes, 41004 Sevilla, Spain

    Bleib auf der Plaza Virgen de los Reyes stehen, neben dem Brunnen, und leg den Kopf in den Nacken. Vor dir wächst ein Turm in den Himmel, unten schlicht und ziegelfarben mit einem zarten Rautenmuster, oben hell, mit Glocken, Balkonen und ganz an der Spitze einer bronzenen Frauenfigur, die sich im Wind dreht.

    Der untere Teil ist ein Minarett. Die Almohaden, eine Berberdynastie aus Marokko, machten Sevilla im 12. Jahrhundert zu einer ihrer Hauptstädte und bauten hier ihre große Freitagsmoschee. Ab 1184 wuchs der Turm, 1198 war er fertig, gekrönt von vier vergoldeten Kugeln, die in der Sonne weit ins Land hinaus leuchteten. Seine Geschwister stehen bis heute in Marrakesch und Rabat: die Kutubiya-Moschee und der Hassan-Turm.

    Als König Ferdinand III. 1248 nach langer Belagerung Sevilla eroberte, sollen die Besiegten geplant haben, ihr Minarett lieber abzureißen, als es den Christen zu überlassen. Die Legende erzählt, der junge Infant Alfonso habe gedroht, für jeden fehlenden Ziegel die ganze Stadt büßen zu lassen. Ob es so war, weiß niemand... aber der Turm blieb stehen. Die goldenen Kugeln stürzten erst 1356 bei einem Erdbeben herab.

    In den 1560er-Jahren setzte der Architekt Hernán Ruiz der Jüngere dem Minarett eine Glockenstube im Renaissancestil auf, und 1568 kam die Figur ganz oben dazu, der Giraldillo, eine Allegorie des Glaubens, die sich wie eine Wetterfahne dreht. Von ihr hat der ganze Turm seinen Namen, denn girar heißt sich drehen. Mit ihr misst die Giralda rund 104 Meter. Und das Schönste: Hinauf führen keine Treppen, sondern fünfunddreißig breite Rampen, angelegt, so heißt es, damit man zu Pferd bis nach oben reiten konnte.

    Wenn du später die Kathedrale besuchst, steig hinauf, die Rampen sind gnädiger als jede Treppe, und oben liegt dir ganz Sevilla zu Füßen. Jetzt aber lässt du den Turm hinter dir und gehst die Calle Mateos Gago hinauf, hinein ins Barrio de Santa Cruz. Ein paar Ecken weiter öffnet sich ein kleiner Platz mit Orangenbäumen und Kacheln, und mit einer Geschichte über einen berühmten Verführer.

  3. 3. Plaza de Doña Elvira und Hospital de los Venerables

    Plaza de los Venerables 8, 41004 Sevilla, Spain

    Setz dich einen Moment auf eine der gekachelten Bänke der Plaza de Doña Elvira. Orangenbäume, ein niedriger Brunnen in der Mitte, Kacheln in Gelb und Blau, und ringsum weiße Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen. Der Trubel um die Kathedrale ist nur ein paar hundert Meter entfernt und doch wie abgeschaltet.

    Opernfreunde horchen bei diesem Namen auf: Donna Elvira, die verlassene Geliebte aus Mozarts Don Giovanni. Mit ihr hat der Platz nichts zu tun, sein Name soll auf eine Adelige zurückgehen, deren Familie hier ein Haus besaß. Aber der Zufall passt, denn der Don-Juan-Stoff wurde in Sevilla geboren. Um 1630 erschien El burlador de Sevilla, der Verführer von Sevilla, ein Stück, das Tirso de Molina zugeschrieben wird. Von dort wanderte die Figur über Molière bis nach Prag, wo Mozarts Oper 1787 uraufgeführt wurde.

    Jetzt dreh dich zur Plaza de los Venerables, nur ein paar Schritte weiter. Der große Bau mit dem Glockengiebel ist das Hospital de los Venerables, gegründet 1675 als Heim für alte und arme Priester. Die Idee hatte der Domherr Justino de Neve, ein enger Freund und Förderer des Malers Murillo. Vollendet hat den Bau gegen Ende des Jahrhunderts Leonardo de Figueroa, der Baumeister, der Sevillas Barock geprägt hat wie kaum ein anderer. Die Kirche haben Juan de Valdés Leal und sein Sohn Lucas ausgemalt, so dicht, dass du nicht weißt, wo du zuerst hinschauen sollst.

    Heute ist das Gebäude ein Zentrum für die Kunst von Velázquez und seiner Zeit. Diego Velázquez wurde 1599 in Sevilla geboren und lernte hier sein Handwerk, bevor er nach Madrid ging und Hofmaler des Königs wurde. Seine Santa Rufina, eine der beiden Schutzheiligen der Stadt, wurde 2007 bei einer Auktion für dieses Haus erworben. Nach Jahrhunderten in fremden Sammlungen ist sie also gewissermaßen heimgekehrt.

    Achte beim Weitergehen auf die engen Gassen ringsum, die Calle Gloria, die Calle Ximénez de Enciso. Sie verlaufen krumm und verwinkelt, denn sie gehörten zum alten jüdischen Viertel, der Judería, die einst durch eigene Mauern und Tore abgeschlossen war. Folge der Calle Ximénez de Enciso nach Nordosten bis zur Calle Santa María la Blanca. Dort steht eine Kirche, die früher eine Synagoge war.

  4. 4. Santa María la Blanca: Die Synagoge, die Kirche wurde

    Calle Santa María la Blanca 5, 41004 Sevilla, Spain

    Bleib vor der schlichten Fassade in der Calle Santa María la Blanca stehen. Von außen wirkt die Kirche fast unscheinbar, eine helle Wand, ein Portal, ein kleiner Glockengiebel. Drinnen aber explodiert der Barock: weißer Stuck, der sich wie Spitze über Bögen und Gewölbe zieht.

    Bevor dieser Ort eine Kirche war, war er eine Synagoge. Nach der christlichen Eroberung von 1248 lebten in diesem Viertel viele Jüdinnen und Juden, Handwerker, Ärzte, Kaufleute, Übersetzer. Im Juni 1391, nach monatelangen Hetzpredigten des Archidiakons Ferrán Martínez, brach der Sturm los. Die Judería wurde gestürmt und geplündert, Hunderte, vielleicht Tausende wurden ermordet, viele zur Taufe gezwungen. Die Synagogen wurden in Kirchen verwandelt, auch diese hier.

    Die Gewalt von 1391 sprang auf weite Teile Spaniens über, und sie veränderte alles. Aus Zwangsgetauften wurden conversos, die nun unter dem Verdacht standen, heimlich weiter jüdisch zu leben. Ihretwegen setzten die Katholischen Könige 1480 in Sevilla die ersten Inquisitoren ein, und 1481 fand hier das erste Autodafé statt. 1483 wurden die Juden aus Andalusien ausgewiesen, 1492 aus ganz Spanien.

    Der Raum, den du heute siehst, entstand in den 1660er-Jahren, als Sevilla die Unbefleckte Empfängnis Mariens feierte, einen Glaubenssatz, für den die Stadt mit wahrer Leidenschaft stritt. Der Name la Blanca, die Weiße, erinnert an Maria vom Schnee, und Murillo malte für diese Kirche große halbrunde Bilder, die genau diese Legende erzählen: wie in Rom mitten im August Schnee fiel und den Ort für die Kirche Santa Maria Maggiore anzeigte. Während der französischen Besatzung ab 1810 ließ Napoleons Marschall Soult sie abtransportieren; zwei davon hängen heute im Prado in Madrid. Sevilla hat sie nie zurückbekommen.

    Wenn du hineingehst, schau auf die schlanken Säulen und den hellen Stuck und stell dir die Stimmen vor, die hier einst auf Hebräisch beteten. Dann geh durch die Calle Archeros und die Calle Santa Teresa nach Süden. In dieser Gasse lebte Murillo in seinen letzten Jahren, und gleich dahinter öffnet sich der Platz, auf dem er begraben wurde... auch wenn dort heute kein Grab mehr zu finden ist.

  5. 5. Plaza de Santa Cruz: Murillos verlorenes Grab

    Plaza de Santa Cruz, 41004 Sevilla, Spain

    Mitten auf der Plaza de Santa Cruz steht ein Kreuz aus Schmiedeeisen, so fein gearbeitet, dass es aus der Ferne wie schwarze Spitze wirkt. Ringsum Bänke, Orangenbäume, Blumen, Häuser in Ocker und Weiß. Es ist einer der stillsten Plätze Sevillas, und er steht auf einer Lücke.

    Hier stand die Kirche Santa Cruz, wie Santa María la Blanca ursprünglich eine Synagoge, die nach 1391 zur Kirche geweiht wurde. In ihr wurde 1682 Bartolomé Esteban Murillo beigesetzt, der beliebteste Maler der Stadt. Dann kamen 1810 die Truppen Napoleons. Die Besatzer ließen die Kirche abreißen, und mit ihr verschwand das Grab. Murillos Gebeine wurden nie wiedergefunden. Er liegt irgendwo hier, ohne Grabstein, vielleicht unter deinen Füßen.

    Das Kreuz in der Mitte heißt Cruz de la Cerrajería, Kreuz der Schlosser. Es wurde 1692 geschmiedet und stand ursprünglich in der Innenstadt, dort, wo die Schlosser ihre Werkstätten hatten. Erst im 20. Jahrhundert brachte man es hierher. Und das ist kein Zufall, denn das Barrio de Santa Cruz, wie du es heute erlebst, wurde in den 1910er- und 1920er-Jahren liebevoll neu gestaltet, mit Plätzen, Kacheln und Brunnen, als Sevilla sich für die Iberoamerikanische Ausstellung von 1929 herausputzte.

    Treibende Kraft war der Marqués de la Vega-Inclán, Kunstsammler und ab 1911 der erste königliche Beauftragte Spaniens für den Tourismus. Er hatte verstanden, dass die Reisenden das maurische, romantische Sevilla suchten, und er gab ihnen ein Viertel, das noch romantischer war als das Original. Es ist ein schöner Gedanke: Vieles, was dir hier uralt vorkommt, ist gerade einmal hundert Jahre alt.

    Murillo hätte die Menschen dieses Viertels trotzdem wiedererkannt, denn die Kinder und Bettler aus diesen Gassen hat er gemalt. Geh nun nach Süden, über die kleine Plaza de Alfaro, bis zu den großen Bäumen der Jardines de Murillo. Dort erfährst du, warum seine berühmtesten Straßenjungen heute in München hängen.

  6. 6. Jardines de Murillo und das Kolumbus-Denkmal

    Paseo de Catalina de Ribera, 41004 Sevilla, Spain

    Geh unter den riesigen Feigenbäumen der Jardines de Murillo hindurch, deren Luftwurzeln wie graue Vorhänge herabhängen, bis zum Denkmal für Christoph Kolumbus mit seinen beiden hohen Säulen. Auf der einen Seite verläuft die Mauer des Alcázar, auf der anderen rauscht der Verkehr. Dazwischen liegt eine grüne Insel.

    Diese Gärten gehörten einst zu den Obstgärten des Alcázar. Im 19. Jahrhundert überließ Königin Isabella II. sie der Stadt, und später benannte man sie nach dem berühmtesten Maler, den Sevilla im 17. Jahrhundert hervorbrachte: Bartolomé Esteban Murillo, geboren Ende 1617 und getauft am ersten Januar 1618. Das Kolumbus-Denkmal stammt dagegen aus den 1920er-Jahren, aus der Zeit, als die Stadt ihre Verbindung zu Amerika feierte.

    Murillos Sevilla war eine Stadt der Extreme. Über den Hafen strömte das Silber Amerikas herein, doch 1649 raffte die Pest nach Schätzungen fast die Hälfte der Bevölkerung dahin, und in den Straßen lebten unzählige Waisen. Murillo malte prächtige Madonnen für Kirchen und Klöster, aber er malte auch diese Kinder: barfuß, zerlumpt, beim Würfeln, beim Essen von Trauben und Melonen, und manchmal lachend, trotz allem. Er wusste, wovon er malte: Er selbst verlor seine Frau und mehrere seiner Kinder.

    Und jetzt kommt die deutsche Pointe. Mehrere dieser Straßenkinderbilder hängen nicht in Sevilla, sondern in München, in der Alten Pinakothek. Die Trauben- und Melonenesser, die würfelnden Buben, sie kamen schon um 1700 in die Sammlung der bayerischen Kurfürsten. Generationen von Münchnern haben Sevillas Gassenkinder bei Murillo kennengelernt, ohne je in Sevilla gewesen zu sein.

    Murillo selbst stürzte in Cádiz von einem Malgerüst, während er an einem Altarbild arbeitete, und starb 1682 in Sevilla an den Folgen. Von hier aus gehst du ein Stück zurück nach Norden und dann durch den schmalen Callejón del Agua an der Mauer entlang, in deren Innerem einst Wasser zum Alcázar floss. Am Ende führt dich der überwölbte Durchgang der Calle Judería hinaus auf einen der schönsten Plätze der Stadt.

  7. 7. Patio de Banderas: Wo der Weg nach Amerika verwaltet wurde

    Patio de Banderas, 41004 Sevilla, Spain

    Tritt aus dem dunklen Durchgang der Calle Judería hinaus ins Licht. Du stehst auf einem rechteckigen Platz mit Orangenbäumen in Reihen, einem Brunnen und ockerfarbenen Fassaden, und über den Dächern im Norden erhebt sich die Giralda, perfekt eingerahmt. Das ist der Patio de Banderas, der Platz der Fahnen.

    Früher war er der Waffenhof des Alcázar, ein Exerzierplatz innerhalb der Palastmauern. Den Namen erklärt man meist mit den Fahnen, die hier gehisst wurden, wenn der König in der Stadt war. Unter dem Pflaster haben Archäologen Schicht um Schicht gefunden, Spuren aus römischer Zeit und Mauern aus den frühen Jahrhunderten des islamischen Sevilla. Du stehst also auf einem Stapel Geschichte, und obendrauf wachsen Orangen.

    Jetzt die Hauptsache. Nur wenige Schritte von hier, im Cuarto del Almirante am Patio de la Montería, saß kurz nach ihrer Gründung 1503 die Casa de Contratación, die Handelsbehörde für Amerika. Jedes Schiff, das in die Neue Welt segeln wollte, jede Ladung, jeder Passagier und jede Unze Silber auf dem Rückweg ging durch ihre Bücher. Hier wurden Seekarten verwahrt und Lotsen geprüft. Sevilla hatte das Monopol, und dieses Monopol wurde in diesem Palast verwaltet.

    Und hier gibt es eine deutsche Verbindung, die kaum jemand kennt. Oberster Lotse der Behörde, Piloto mayor, wurde 1508 ein Florentiner: Amerigo Vespucci. Ein Jahr zuvor hatte der Kartograf Martin Waldseemüller, der aus dem Breisgau stammte, auf seiner Weltkarte den neuen Kontinent nach ihm benannt: America. Ein Deutscher hat Amerika getauft... und der Namensgeber saß hier in Sevilla und prüfte Seeleute.

    1519 rüstete die Casa de Contratación auch die Flotte Magellans aus, mit einem Vertrag Karls V. im Rücken. Fünf Schiffe brachen auf, drei Jahre später kehrte ein einziges zurück, die Victoria, mit achtzehn ausgezehrten Männern. Geh jetzt hinaus auf die Plaza del Triunfo und durch das Löwentor in den Alcázar. Dort wartet der Palast eines Königs, den die einen den Grausamen, die anderen den Gerechten nannten.

  8. 8. Real Alcázar: Der Palast Peters I. und der Salón de Embajadores

    Patio de Banderas s/n, 41004 Sevilla, Spain

    Stell dich in den Patio de la Montería und schau auf die Fassade vor dir. Sie sieht aus wie ein Gruß aus der Alhambra: feines Gitterwerk aus Stein, Bögen auf schlanken Säulen, ein weit vorkragendes Holzdach. Und doch hat sie ein christlicher König bauen lassen.

    Schau dir die Inschriften an. In arabischer Schrift wiederholt sich der Wahlspruch der Nasriden von Granada, dass es keinen Sieger gibt außer Gott. Daneben nennt sich in gotischen Buchstaben der Bauherr selbst: Don Pedro, König von Kastilien und León, dazu ein Datum, das unserem Jahr 1364 entspricht. Peter I. holte Handwerker aus Granada und Toledo und ließ sich einen Palast bauen, der islamisch aussah und christlich regierte. Man nennt diesen Stil Mudéjar.

    Peter war ein König mit zwei Beinamen. Seine Gegner nannten ihn den Grausamen, seine Anhänger den Gerechten. In diesem Alcázar ließ er 1358 seinen Halbbruder Fadrique erschlagen, so berichten die Chroniken. Elf Jahre später tötete ihn ein anderer Halbbruder, Heinrich von Trastámara, mit eigener Hand. Die Frau, die Peter wirklich liebte, war María de Padilla, und ihr Name begegnet dir im Alcázar bis heute.

    Geh weiter durch den Patio de las Doncellas mit seinem langen Wasserbecken bis in den Salón de Embajadores, den Gesandtensaal. Über dir schwebt eine Kuppel aus vergoldetem Holz, 1427 eingesetzt, ein Sternenhimmel aus unzähligen geschnitzten Teilen. Hier, so will es die Überlieferung, gaben sich im März 1526 Karl V. und Isabella von Portugal das Jawort. Sie war seine Cousine, die Ehe ein Staatsakt mit gewaltiger Mitgift, und doch berichten die Zeitgenossen, dass die beiden einander aufrichtig liebten.

    Lass dir Zeit in diesen Räumen, in den Höfen, in den Sälen mit ihren Kacheln. Dann such den Weg hinaus in die Gärten, vorbei an Wasserbecken, Palmen und Hecken, bis zu einem kleinen Pavillon mit einem Bogengang ringsum. Er trägt den Namen des Kaisers, der hier geheiratet hat.

  9. 9. Pabellón de Carlos V in den Gärten des Alcázar

    Jardines del Real Alcázar, Patio de Banderas s/n, 41004 Sevilla, Spain

    Folge den Wegen durch die Gärten des Alcázar, zwischen Myrtenhecken, Palmen und Orangenbäumen, bis du vor einem kleinen quadratischen Pavillon stehst, umgeben von einem Bogengang. Innen glänzen die Wände von Kacheln, und durch die Bögen fällt grünes Licht. Das ist der Pabellón de Carlos V.

    Gebaut wurde er in den 1540er-Jahren, an einer Stelle, an der schon in almohadischer Zeit ein Gartenpavillon stand. Er trägt den Namen des Kaisers, aber Karl V. hat ihn vermutlich nie gesehen. Soweit wir wissen, war er nur 1526 länger in Sevilla, für seine Hochzeit. Danach zog das Paar weiter nach Granada, in die Alhambra, wo es monatelang blieb. Dort ließ Karl später seinen eigenen Renaissancepalast beginnen.

    Stell dir diesen Garten im Frühjahr 1526 vor. Ein junger Kaiser, aufgewachsen in Flandern, der Spanisch erst als Erwachsener gelernt hatte, Herr über Kastilien, Aragón, Neapel, die Niederlande und ein Reich in Amerika, das gerade erst mit Gewalt erobert wurde. Und eine portugiesische Prinzessin, klug, fromm und selbstbewusst. Während Karl auf Feldzügen war, regierte Isabella Spanien als Statthalterin, und das, sagen die Historiker, ziemlich gut.

    Die Geschichte endet traurig. Isabella starb 1539 in Toledo nach der Geburt eines tot geborenen Sohnes, mit nur 35 Jahren. Karl heiratete nie wieder, und es heißt, er habe von da an nur noch Schwarz getragen. Als ihr Leichnam nach Granada gebracht wurde, soll Francisco de Borja beim Anblick der Toten beschlossen haben, nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen. Er wurde Jesuit und später heiliggesprochen. Tizian malte Isabella neun Jahre nach ihrem Tod nach älteren Vorlagen, so schön, wie Karl sie in Erinnerung behalten wollte.

    Halte in Sevilla die Augen offen nach zwei Säulen mit einem Spruchband: Plus Ultra, noch weiter. Das war Karls Wahlspruch, die Säulen des Herkules, über die hinaus seine Schiffe fuhren, und er steht bis heute im spanischen Wappen. Verlass die Gärten nun über den Patio de Banderas, überquere die Plaza del Triunfo, und vor dir liegt ein strenger, eleganter Bau aus hellem Stein: das Gedächtnis eines Weltreichs.

  10. 10. Archivo General de Indias: Das Gedächtnis eines Weltreichs

    Avenida de la Constitución 3, 41004 Sevilla, Spain

    Vor dir steht ein strenger, fast quadratischer Bau aus hellem Stein, zwei Stockwerke hoch, mit Pilastern und einer Balustrade, auf der kleine steinerne Pyramiden sitzen. Kein Schnörkel, keine Vergoldung. Nach dem Rathaus und dem Alcázar wirkt er beinahe nüchtern, und genau das war gewollt.

    Gebaut wurde er ab 1584 als Lonja, als Börse der Kaufleute. Bis dahin hatten die Händler ihre Geschäfte auf den Stufen der Kathedrale gemacht, und wenn es regnete, einfach drinnen, zwischen Messen und Beichtstühlen. Die Kirche beschwerte sich beim König, und Philipp II., Karls Sohn, beauftragte Juan de Herrera, den Architekten des Escorial. 1785 machte König Karl III. das Gebäude zum Archivo General de Indias.

    Heute lagern hier Dokumente auf Kilometern von Regalen: Schiffslisten, Briefe von Kolumbus, Pläne von Städten, die es noch immer gibt, Prozessakten, Seekarten, Berichte von Vizekönigen. Fast alles, was Spanien über drei Jahrhunderte in Amerika und auf den Philippinen tat, ist hier verzeichnet. Bis heute reisen Historikerinnen und Historiker aus ganz Lateinamerika hierher, um die Geschichte ihrer eigenen Länder zu lesen. Seit 1987 gehört das Archiv gemeinsam mit Kathedrale und Alcázar zum UNESCO-Welterbe.

    Auch deutsche Namen stehen in diesen Akten. 1528 überließ Karl V. dem Augsburger Handelshaus der Welser die Provinz Venezuela, eng verbunden mit den Krediten, mit denen die Welser ihn unterstützt hatten. Konquistadoren in ihren Diensten, wie Nikolaus Federmann und Philipp von Hutten, zogen auf der Suche nach dem Goldland El Dorado durchs Landesinnere, mit verheerenden Folgen für die Menschen dort. Im selben Jahr erhielten Partner der Welser eine Lizenz, viertausend versklavte Afrikanerinnen und Afrikaner nach Amerika zu bringen. Auch davon erzählen diese Papiere.

    Es ist ein seltsamer Ort. Still und kühl, mit einer Marmortreppe und hölzernen Regalen, und zwischen den Seiten steckt die ganze Größe und Gewalt einer Epoche. Wenn du gehst, halte dich nach Süden, durch die Calle Santo Tomás, bis zu einem Häuserblock, in dem einst das Silber dieses Weltreichs zu Münzen geschlagen wurde.

  11. 11. Real Casa de la Moneda: Silber für den Kaiser

    Calle Santander, 41001 Sevilla, Spain

    Die Gassen werden hier ruhiger, die Fassaden schlichter. Du stehst vor dem Komplex der Real Casa de la Moneda, der königlichen Münze, einem Block aus Höfen, Durchgängen und ehemaligen Werkstätten, dem man von außen kaum ansieht, wie viel Reichtum durch ihn geflossen ist. Ganz in der Nähe ragt ein achteckiger Turm der alten Stadtmauer auf, die Torre de la Plata, der Silberturm.

    Geld wurde in Sevilla schon im Mittelalter geprägt, aber im 16. Jahrhundert wurde diese Münze zu einer der wichtigsten der Welt. Jede Flotte aus Amerika brachte Gold und vor allem Silber, ab der Mitte des Jahrhunderts besonders aus dem Cerro Rico von Potosí im heutigen Bolivien. Das Metall musste in Sevilla registriert werden, und ein großer Teil wurde hier zu Münzen verarbeitet, allen voran zum real de a ocho, dem Achterstück.

    Dieses Achterstück wurde zur ersten Weltwährung. Man bezahlte damit in Antwerpen und in Manila, in China und in den englischen Kolonien Nordamerikas. Die Engländer nannten es den spanischen Dollar, und das Wort Dollar kommt aus dem Deutschen: vom Taler, genauer vom Joachimstaler, einer Silbermünze aus dem böhmischen Erzgebirge. Als die Vereinigten Staaten 1792 ihren eigenen Dollar einführten, nahmen sie das spanische Silberstück zum Maß.

    Für Karl V. war dieses Silber Geld, das er oft schon ausgegeben hatte, bevor es ankam. 1519 hatte er die Kaiserwahl gegen den französischen König gewonnen, mit Geschenken an die Kurfürsten, und den größten Teil davon hatte Jakob Fugger aus Augsburg vorgestreckt, mehr als eine halbe Million Gulden. Die Schulden bei Fuggern und Welsern begleiteten ihn sein ganzes Leben. Und den Preis für das Silber zahlten andere, weit weg: Indigene, die in Potosí unter einem System der Zwangsarbeit in die Stollen geschickt wurden.

    Woher die Torre de la Plata ihren Namen hat, ist übrigens nicht sicher, vielleicht einfach als Gegenstück zu ihrer berühmteren Nachbarin am Fluss, der Torre del Oro. Geh nun zurück zur Avenida de la Constitución und nach Norden bis zur Südseite der Kathedrale. Dort endet dein Weg, bei einem Grab, das selbst eine Weltreise hinter sich hat.

  12. 12. Kathedrale von Sevilla, Kolumbus-Grab und Patio de los Naranjos

    Avenida de la Constitución s/n, 41004 Sevilla, Spain

    Vor dir türmt sich die Südseite der Kathedrale auf, Strebepfeiler um Strebepfeiler, Fialen, Wasserspeier, eine Wand aus Stein, die eher an ein Gebirge erinnert als an ein Haus. Hier, an der Puerta de San Cristóbal, beginnt heute der Besuch... und hier endet dein Weg.

    Die Legende erzählt, das Domkapitel habe 1401 beschlossen, eine Kirche zu bauen, so groß, dass alle, die sie sehen, die Erbauer für verrückt halten würden. Ob der Satz so fiel, weiß niemand, aber gebaut wurde tatsächlich gewaltig: ab dem frühen 15. Jahrhundert, auf dem Grund der almohadischen Hauptmoschee, und Anfang des 16. Jahrhunderts war das Hauptschiff vollendet. Es ist die größte gotische Kathedrale der Welt.

    Gleich hinter dieser Tür steht das Grabmal, wegen dem viele kommen. Vier bronzene Herolde, die Könige von Kastilien, León, Aragón und Navarra, tragen einen Sarg auf den Schultern. Darin ruht Christoph Kolumbus, oder zumindest ein Teil von ihm. Er starb 1506 in Valladolid und reiste danach weiter als zu Lebzeiten: nach Sevilla, nach Santo Domingo, nach Havanna. Das Grabmal wurde für Havanna geschaffen und kam 1898 hierher, als Spanien Kuba verlor. Die Dominikanische Republik beansprucht seine Gebeine bis heute, doch DNA-Vergleiche mit seinem Bruder Diego und seinem Sohn Hernando sprechen dafür, dass in Sevilla echte Überreste liegen.

    Verlassen wirst du die Kathedrale durch den Patio de los Naranjos, den Orangenhof. Er war der Hof der Moschee, in dem sich die Gläubigen vor dem Gebet wuschen, und noch immer laufen schmale Wasserrinnen zwischen den Bäumen. In einem Durchgang am Hof hängt ein hölzernes Krokodil, el Lagarto. Die Legende sagt, ein Sultan von Ägypten habe König Alfonso X. ein lebendes Krokodil geschickt, als er um die Hand seiner Tochter warb. Die Hochzeit fand nie statt, das Krokodil blieb.

    Durch die Puerta del Perdón, das alte almohadische Tor mit seinen bronzebeschlagenen Flügeln, trittst du hinaus in die Calle Alemanes, die Straße der Deutschen. Man sagt, sie verdanke ihren Namen deutschen Kaufleuten. Deutsche brachten auch den Buchdruck nach Sevilla, und der Nürnberger Jakob Cromberger druckte hier Bücher, die bis nach Mexiko reisten. Ein Kaiser aus Flandern, Bankiers aus Augsburg, ein Drucker aus Nürnberg, und mittendrin Sevilla, ein Jahrhundert lang das Tor zur Welt. Wenn jetzt über dir die Glocken der Giralda schlagen, dann läuten sie für dich, wie einst für einen Kaiser und seine Braut.