Barockes Rom: Plätze, Kuppeln und Brunnen – das Duell von Bernini und Borromini

Von der Piazza Navona über den Trevi-Brunnen bis zum Quirinal: Roms schönste Barockplätze, eine gemalte Kuppel, ein frecher Elefant und zwei Genies, die sich nicht ausstehen konnten

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  1. 1. Oratorio dei Filippini: Borrominis Fassade mit offenen Armen

    Piazza della Chiesa Nuova 18, 00186 Roma RM, Italy

    Stell dich auf die Piazza della Chiesa Nuova und schau neben die große, helle Kirche: Dort schwingt eine Fassade aus feinem, rötlichem Backstein nach innen, als würde das ganze Gebäude tief Luft holen. Das ist das Oratorium der Philippiner, und es ist das perfekte Tor zu einem Spaziergang durch das barocke Rom... denn hier hat sich ein Steinmetz aus dem Tessin zum ersten Mal so richtig ausgetobt.

    Dieser Steinmetz hieß Francesco Borromini. Ab 1637 baute er für die Gemeinschaft des heiligen Philipp Neri ein Haus für Gebet, Bücher und vor allem für Musik. Neri, ein fröhlicher Priester aus Florenz, der lieber mit Witzen als mit Drohungen predigte, versammelte die Römer zu geistlichen Abenden mit Gesang. Aus diesen Zusammenkünften im Oratorium bekam eine ganze Musikgattung ihren Namen: das Oratorium. Wenn du also jemals Händels Messias gehört hast... dann hat das Wort genau hier angefangen.

    Jetzt schau dir die Fassade genauer an. Die Patres wollten keinen Marmor, damit ihr Haus nicht prächtiger wirkt als die Kirche daneben. Borromini machte aus der Vorschrift eine Kunst: Er ließ die Ziegel so fein schleifen und so dünn verfugen, dass die Wand fast wie aus einem Stück wirkt. Er selbst verglich die gebogene Front mit einem Menschen, der die Arme ausbreitet, um jeden zu empfangen, der hereinkommt. Und ein paar Schritte um die Ecke dreht sich sein Uhrturm in Kurven nach oben, wie ein Gedanke, der nicht stillhalten kann.

    In der Chiesa Nuova nebenan wartet eine Geschichte über Pech und Licht. Der junge Peter Paul Rubens malte um 1606 das Bild für den Hochaltar, doch die Leinwand glänzte im Kerzenlicht so stark, dass man kaum etwas erkennen konnte. Rubens nahm sein Werk zurück und malte alles noch einmal, diesmal auf Schiefertafeln, die das Licht schlucken. Die erste Fassung hängt heute in Grenoble... ein Meisterwerk, das an einer Spiegelung gescheitert ist.

    Behalte diese Fassade im Kopf, denn auf diesem Spaziergang begegnest du Borromini noch dreimal, und seinem großen Rivalen Gian Lorenzo Bernini noch öfter. Zwei Männer, ein Jahrhundert, eine Stadt, die für beide zu klein war. Geh jetzt über die Via del Governo Vecchio nach Osten, ein Stück der alten Papststraße, bis du an einem kleinen Platz auf einen ziemlich ramponierten Steinmann triffst.

  2. 2. Pasquino: Die Statue, die nicht schweigen kann

    Piazza di Pasquino, 00186 Roma RM, Italy

    Vor dir, an der Ecke eines großen Palastes, lehnt ein Stück Marmor, das aussieht, als hätte es eine Kneipenschlägerei verloren: kein Gesicht mehr, keine Arme, nur ein verdrehter Oberkörper und daneben der Rest eines zweiten Körpers. Und trotzdem ist das vielleicht die frechste Statue der ganzen Stadt. Darf ich vorstellen... Pasquino.

    Gefunden wurde er 1501 bei Straßenarbeiten ganz in der Nähe, und Kardinal Oliviero Carafa ließ den Torso an dieser Ecke aufstellen. Fachleute erkennen darin die Kopie einer hellenistischen Gruppe: wahrscheinlich Menelaos, der den toten Patroklos aus der Schlacht um Troja trägt. Ein Held der Ilias, also. Und woher der Name kommt? Die Legende erzählt von einem Schneider oder Barbier namens Pasquino, der in der Nachbarschaft über die Mächtigen lästerte, bis man seinen Namen einfach auf den Stein übertrug.

    Bald hefteten die Römer nachts Zettel an den Sockel, kurze Gedichte voller Gift gegen Päpste, Kardinäle und deren gierige Verwandtschaft. Am Morgen lachte die ganze Stadt. Der berühmteste Spruch traf Papst Urban den Achten aus der Familie Barberini, der antike Bronze für seine Bauten einschmelzen ließ: Quod non fecerunt barbari, fecerunt Barberini... was die Barbaren nicht geschafft haben, haben die Barberini geschafft.

    Und jetzt ein Detail, das dir bekannt vorkommen dürfte: Das deutsche Wort Pasquill, eine anonyme Schmähschrift, stammt genau von diesem Steinmann. Päpste versuchten, ihn zum Schweigen zu bringen, ließen ihn bewachen und drohten den Dichtern mit harten Strafen. Einer soll sogar überlegt haben, ihn in den Tiber werfen zu lassen... bis man ihn warnte, dann würde Pasquino eben wie ein Frosch aus dem Wasser weiterquaken.

    Pasquino war nie allein. Es gab einen ganzen Klub sprechender Statuen, sechs an der Zahl, darunter den Marforio auf dem Kapitol und die Madama Lucrezia, und sie antworteten einander in Versen wie in einem steinernen Chat. Bis heute kleben hier Zettel gegen wen auch immer gerade regiert. Geh jetzt ein paar Schritte nach Norden, und vor dir öffnet sich der schönste Platz Roms.

  3. 3. Piazza Navona: Berninis Vierströmebrunnen und Sant'Agnese

    Piazza Navona, 00186 Roma RM, Italy

    Geh in die Mitte des Platzes, bis das Wasser so laut rauscht, dass du die Straßenmusiker kaum noch hörst. Vor dir türmt sich ein Felsen aus Travertin, aus dem eine Palme, ein Pferd, ein Löwe und vier riesige Männer wachsen, und darüber schießt ein Obelisk in den Himmel. Das ist Berninis Vierströmebrunnen, gebaut von 1648 bis 1651... und er wäre beinahe nie Berninis Brunnen geworden.

    Papst Innozenz der Zehnte aus der Familie Pamphilj, dessen Familienpalast hier direkt neben der Kirche steht, mochte Bernini nicht, denn der war der Liebling seines Vorgängers gewesen. Den Auftrag sollte ein anderer bekommen. Doch die Geschichte geht so: Bernini ließ ein Modell in Silber anfertigen und sorgte dafür, dass es dem Papst wie zufällig unter die Augen kam. Innozenz soll geseufzt haben, wer Berninis Werke nicht ausführen wolle, dürfe sie eben gar nicht erst anschauen. Er bekam den Auftrag.

    Die vier Figuren sind die großen Flüsse der damals bekannten Erdteile: die Donau für Europa, der Nil für Afrika, der Ganges für Asien und der Río de la Plata für Amerika, mit Münzen neben sich als Zeichen für das Silber der Neuen Welt. Der Nil hat den Kopf verhüllt, weil damals niemand wusste, wo er entspringt. Und der Obelisk? Er sieht ägyptisch aus, wurde aber in Rom für Kaiser Domitian gemeißelt, mit Hieroglyphen, die dessen Lob singen. Ganz oben sitzt die Taube der Pamphilj.

    Jetzt dreh dich zur Kirche Sant'Agnese in Agone, deren Fassade sich wie eine Schale nach innen wölbt. Die schönste Legende Roms sagt: Der Nil verhüllt sein Gesicht, um Borrominis Kirche nicht sehen zu müssen, und der Río de la Plata hebt die Hand, weil er fürchtet, sie stürze gleich ein. Leider stimmt das nicht... Der Brunnen war fertig, bevor Borromini 1653 überhaupt an dieser Kirche zu arbeiten begann. Aber die Römer erzählen es trotzdem, weil es so gut zu den beiden passt.

    Noch ein Bild, das du mitnehmen solltest: Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert verstopfte man an heißen Augustwochenenden die Abflüsse, und der ganze Platz wurde zu einem flachen See. Kutschen rollten durchs Wasser, Kinder planschten, der Adel ließ sich bewundern. Geh nun zum nördlichen Ende des Platzes und dort hinaus, denn unter deinen Füßen liegt das Geheimnis, warum die Piazza Navona so lang und so schmal ist.

  4. 4. Stadio di Domiziano: Das Stadion unter der Piazza Navona

    Via di Tor Sanguigna 3, 00186 Roma RM, Italy

    Hier an der Piazza di Tor Sanguigna, gleich hinter dem Nordende der Piazza Navona, lohnt sich ein Blick nach unten: Gut vier Meter unter dem heutigen Straßenpflaster stehen massive Bögen aus Travertin und Ziegel, fast zweitausend Jahre alt. Sie erklären, warum der Platz, den du gerade verlassen hast, die Form einer Rennbahn hat.

    Um das Jahr 86 nach Christus ließ Kaiser Domitian hier ein Stadion bauen, rund 275 Meter lang, für Schätzungen zufolge bis zu dreißigtausend Zuschauer. Es war kein Ort für Wagenrennen, sondern für griechische Wettkämpfe: Laufen, Ringen, Diskuswerfen, bei denen die Athleten nackt antraten. Viele Römer fanden das ziemlich anrüchig. Domitian liebte es trotzdem, denn er wollte sich als gebildeter Herrscher nach griechischem Vorbild zeigen.

    Als das Stadion zerfiel, bauten die Römer ihre Häuser einfach in und auf die alten Zuschauerränge. Die Mauern gaben die Linie vor, und so blieb die Form erhalten: Die Piazza Navona ist im Grunde die Arena, und die Häuser rundherum stehen dort, wo einst das Publikum saß. Sogar der Name erinnert daran. Aus den Spielen, lateinisch in agone, wurde im Volksmund nagone, dann navone, und schließlich Navona.

    Unter den Bögen solcher Arenen, den fornices, warteten in der Antike auch Prostituierte auf Kundschaft, und daher kommt das Wort Fornikation. Genau hier spielt die Legende der heiligen Agnes. Um das Jahr 304 soll das junge Mädchen, weil es Christin war, nackt in eines dieser Gewölbe gestellt worden sein. Da wuchsen ihr die Haare so lang, dass sie ihren ganzen Körper bedeckten. Über diesem Ort steht heute ihre Kirche, die du eben gesehen hast.

    Die unterirdischen Reste kannst du heute als kleines Museum besichtigen, und dort unten bekommst du ein Gefühl dafür, wie gewaltig dieser Bau einmal war. Für uns geht es weiter, zurück ins Licht des siebzehnten Jahrhunderts. Geh nach Osten zum Corso del Rinascimento und dann rechts, bis du vor einem langen Palast stehst. Halte über dem Dach nach einer Turmspitze Ausschau, die sich wie ein Korkenzieher in den Himmel dreht.

  5. 5. Sant'Ivo alla Sapienza: Borrominis Korkenzieher

    Corso del Rinascimento 40, 00186 Roma RM, Italy

    Bleib vor dem langen, strengen Palast am Corso del Rinascimento stehen und such über der Dachkante nach etwas, das hier nicht hinzugehören scheint: eine weiße Spirale, die sich wie ein Korkenzieher in den Himmel schraubt, gekrönt von steinernen Flammen. Das ist die Laterne von Sant'Ivo alla Sapienza. Wenn das Tor offen ist, wirf einen Blick in den Innenhof, an dessen Ende sich die Kirchenfassade nach innen wölbt.

    Dieser Palast war jahrhundertelang die Universität von Rom, die Sapienza, die Weisheit. 1642 bekam Borromini den Auftrag für die Universitätskirche, und er hatte ein Problem: Der Hof war schon da, eng und lang, von einem anderen Architekten gebaut. Borromini machte daraus ein Rätsel. Der Grundriss beruht auf zwei ineinandergeschobenen Dreiecken, einem sechszackigen Stern, und die Wände schwingen abwechselnd nach innen und nach außen.

    Manche sehen in diesem Grundriss eine Biene, das Wappentier der Barberini, denn begonnen wurde unter Papst Urban dem Achten. Fertig war die Kirche erst 1660, nach drei Päpsten aus drei Familien, und jeder wollte sein Wappen darin wiederfinden. Innen ist sie fast ganz weiß, kaum Gold, kaum Farbe. Wer hereinkommt, schaut automatisch nach oben, wo sich die Wände ohne Bruch in die Kuppel verwandeln, wie ein Stoff, den jemand nach oben zieht.

    Borromini war ein Genie, aber kein glücklicher Mensch. Er war verschlossen, jähzornig und misstrauisch, und er musste zusehen, wie Bernini, charmant und gesellig, die großen Aufträge und den Ruhm einsammelte. Im Sommer 1667 stürzte er sich in einer Nacht der Verzweiflung in sein eigenes Schwert und starb am folgenden Tag. Die Spirale über dir wirkt fast wie ein Selbstporträt: unruhig, nach oben strebend, nie ganz zur Ruhe kommend.

    Heute gehört der Palast dem Staatsarchiv, und die Studenten sind längst in die moderne Universitätsstadt gezogen. Geh jetzt um den Palast herum, vorbei an der Piazza Sant'Eustachio, und weiter nach Osten zu einem kleinen Platz vor einer gotischen Kirche. Dort wartet ein Elefant auf dich... kein echter, aber einer mit einer ziemlich frechen Rückseite.

  6. 6. Der Elefant vor Santa Maria sopra Minerva

    Piazza della Minerva, 00186 Roma RM, Italy

    Auf dem kleinen Platz vor dir steht ein Elefant aus Marmor, nicht größer als ein Pony, mit einer bestickten Satteldecke, einem verschmitzten Blick und einem echten ägyptischen Obelisken auf dem Rücken. Die Römer nennen ihn liebevoll Pulcino della Minerva, das Küken der Minerva. Und er hat eine Geschichte, die so römisch ist, dass sie fast erfunden klingt.

    1665 gruben Dominikanermönche im Garten ihres Klosters einen kleinen Obelisken aus, über zweieinhalbtausend Jahre alt, aus der Zeit des Pharaos Apries. Papst Alexander der Siebte wollte ihn aufstellen, und Bernini lieferte die Idee: einen Elefanten als Träger, angeregt von einem berühmten Holzschnitt aus einem Renaissance-Roman. Die Inschrift auf dem Sockel erklärt die Botschaft: Es braucht einen starken Geist, um feste Weisheit zu tragen. Gemeißelt hat das Tier Berninis Mitarbeiter Ercole Ferrata.

    Doch dann mischte sich ein Mönch ein, Pater Domenico Paglia, der sich für einen Architekten hielt. Er behauptete, ein Elefant auf vier Beinen könne keinen Obelisken tragen, und verlangte einen Steinblock unter dem Bauch. Bernini hielt das für überflüssig, musste sich aber fügen. Darum hängt unter dem Tier diese dicke Decke, die den Block versteckt. Und die Legende erzählt von Berninis Rache: Schau, wohin der Elefant sein Hinterteil dreht und den Schwanz zur Seite legt... ziemlich genau Richtung Kloster der Dominikaner.

    Die Kirche hinter dem Elefanten, Santa Maria sopra Minerva, hat einen ernsten Hintergrund. Im angrenzenden Kloster musste Galileo Galilei im Juni 1633 vor der Inquisition seiner Lehre abschwören, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Drinnen, unter einem blauen Sternengewölbe, ruht die heilige Katharina von Siena, und neben dem Altar steht ein Christus von Michelangelo. Es ist die einzige große gotische Kirche im Zentrum Roms.

    Den Spitznamen Pulcino verdankt der Elefant übrigens wohl einem Wortspiel: Weil er so rundlich geraten ist, nannte man ihn angeblich zuerst Porcino, Schweinchen, und daraus wurde mit der Zeit das zärtlichere Küken. Geh jetzt an der Flanke der Kirche entlang nach Osten und dann links, bis sich ein Platz öffnet, der aussieht wie eine Theaterbühne. Dort wartet eine Kuppel, die es gar nicht gibt.

  7. 7. Sant'Ignazio: Die Kuppel, die es nicht gibt

    Piazza di Sant'Ignazio, 00186 Roma RM, Italy

    Bevor du in die Kirche gehst, dreh dich einmal um: Die Häuser gegenüber schwingen in sanften Kurven, als wären sie Kulissen auf einer Bühne, und die Kirchenfassade ist das Publikum. Genau so hat es der Architekt Filippo Raguzzini um 1728 gedacht. Die Römer fanden, die geschwungenen Häuser sähen aus wie französische Kommoden, und nannten sie burrò, nach dem Wort bureau. Eine Gasse heißt bis heute Via de' Burrò.

    Die Kirche selbst ist dem Gründer der Jesuiten geweiht, Ignatius von Loyola, und wurde ab 1626 gebaut. Entworfen hat sie ein Jesuit und Mathematiker, Orazio Grassi... und der Name sollte dich aufhorchen lassen, wenn du gerade vom Elefanten kommst. Grassi war Galileis Gegner in einem berühmten Streit über Kometen, und Galilei antwortete ihm mit einer Streitschrift voller Spott. Man darf vermuten, dass die beiden nicht zusammen essen gingen.

    Jetzt geh hinein, bis zu der gelben Marmorscheibe im Boden des Mittelschiffs, und schau nach oben. Über dir öffnet sich der Himmel: Ignatius schwebt ins Licht, Engel und die vier Erdteile wirbeln um ihn herum, und die Mauern der Kirche scheinen einfach weiter in die Wolken zu wachsen. Das hat der Jesuitenbruder Andrea Pozzo in den 1690er-Jahren gemalt, und nur von dieser Scheibe aus stimmt jede Linie perfekt.

    Dann geh weiter nach vorn und schau zur Vierung. Da ist eine Kuppel, mit Säulen, Fenstern und Licht... und sie ist vollkommen flach. Für die echte Kuppel war kein Geld mehr da, und angeblich protestierten auch die Nachbarn, weil sie ihnen das Licht genommen hätte. Also malte Pozzo 1685 eine Kuppel auf eine runde Leinwand von etwa siebzehn Metern Durchmesser. Geh ein paar Schritte weiter, und die Illusion kippt: Plötzlich siehst du, wie schief und verzerrt alles in Wirklichkeit ist.

    Gleich nebenan liegt das Collegio Romano, die Kaderschmiede der Jesuiten, in der Generationen von Gelehrten und Missionaren ausgebildet wurden. Für uns geht es jetzt hinaus und durch die Via de' Burrò. Gleich dahinter stehst du auf der Piazza di Pietra vor elf gewaltigen antiken Säulen, eingebaut in die Wand eines späteren Gebäudes: die Reste des Tempels für den vergöttlichten Kaiser Hadrian. Schau sie dir im Vorbeigehen an und geh weiter nach Norden zur Via del Corso.

  8. 8. Piazza Colonna: Die Mark-Aurel-Säule und Montecitorio

    Piazza Colonna, 00187 Roma RM, Italy

    Mitten auf dem Platz, umgeben von Dienstwagen, Ministerialbeamten und Touristen, ragt eine Säule auf, umwickelt von einem Band aus Reliefs, das sich in Spiralen nach oben dreht. Allein ihr Schaft misst rund hundert römische Fuß, knapp dreißig Meter. Das ist die Säule des Mark Aurel, des Philosophen auf dem Kaiserthron, und was auf diesem steinernen Bilderstreifen erzählt wird, betrifft dich vielleicht mehr, als du denkst.

    Die Säule wurde nach Mark Aurels Tod im Jahr 180 vollendet und erzählt von seinen Kriegen an der Donau gegen Markomannen, Quaden und Sarmaten, also gegen Stämme aus Gebieten, die heute zu Tschechien, der Slowakei, Österreich und Ungarn gehören. Und die Reliefs sind hart: brennende Dörfer, verschleppte Frauen, Hinrichtungen. Wer genau hinsieht, spürt, dass hier nicht mehr die stolze Siegerpose früherer Zeiten herrscht, sondern etwas Düsteres.

    Die berühmteste Szene ist das Regenwunder. Ein römisches Heer, von den Quaden eingeschlossen, verdurstet fast in der Hitze... da bricht ein Gewitter los. Auf dem Relief breitet ein bärtiger Regengott seine riesigen Flügel aus, Wasser strömt aus seinem Körper auf die Soldaten, und die Feinde versinken in den Fluten. Später behaupteten Christen, ihre Gebete hätten den Regen gebracht. Oben auf der Säule steht übrigens nicht Mark Aurel, sondern seit 1589 der Apostel Paulus, aufgestellt von Papst Sixtus dem Fünften.

    Der Palast an der Ecke zum Corso ist der Palazzo Chigi, Sitz des italienischen Ministerpräsidenten. Geh ein paar Schritte nach Westen auf die Piazza di Montecitorio: Dort tagt die Abgeordnetenkammer, in einem Palast, den Bernini 1653 begonnen hat. Davor ragt ein Obelisk auf, den Kaiser Augustus aus Ägypten holen ließ und als Zeiger einer riesigen Sonnenuhr auf dem Marsfeld benutzte. Ein Obelisk als Uhrzeiger... das gibt es nur in Rom.

    Hier schlägt das politische Herz Italiens, und Pasquino hätte seine Freude an all dem, worüber man spotten könnte. Wir aber folgen jetzt dem Wasser. Überquere die Via del Corso und geh durch die schmalen Gassen nach Osten, Richtung Via delle Muratte... und achte darauf, wie das Rauschen mit jedem Schritt lauter wird.

  9. 9. Trevi-Brunnen: Salvis Theater aus Wasser

    Piazza di Trevi, 00187 Roma RM, Italy

    Du hörst ihn, bevor du ihn siehst, und dann biegst du um die Ecke, und der ganze Platz ist plötzlich Wasser, Stein und Menschen. Eine Palastwand hat sich in einen Triumphbogen verwandelt, aus dem Oceanus, der Gott des Meeres, auf seinem Muschelwagen herausfährt, gezogen von zwei geflügelten Seepferden: eins wild und aufbäumend, eins ruhig. Sie stehen für die zwei Launen des Meeres.

    Das Wasser, das hier herabstürzt, hat eine uralte Herkunft. Es kommt über die Aqua Virgo, die Agrippa, der Freund und Feldherr des Augustus, im Jahr 19 vor Christus nach Rom leitete. Den Namen erklärt eine Legende, die du oben in einem der Reliefs siehst: Ein junges Mädchen soll durstigen Soldaten die Quelle gezeigt haben. Und das Erstaunliche: Diese Leitung fließt, mit Unterbrechungen und Reparaturen, seit über zweitausend Jahren.

    1732 erhielt Nicola Salvi von Papst Clemens dem Zwölften den Auftrag, aber das Ende sollte er nicht erleben. Salvi starb 1751, und erst 1762 war der Brunnen fertig. Und Salvi hatte, so erzählt man, einen lästigen Nachbarn: Ein Barbier an der rechten Seite des Platzes kritisierte die Bauarbeiten unermüdlich. Also setzte Salvi auf die rechte Brüstung eine riesige Steinvase, die dem Barbier die Sicht nahm. Die Römer nennen sie bis heute asso di coppe, das Pokal-Ass aus dem Kartenspiel.

    Und jetzt die Münzen. Der Brauch sagt: Mit der rechten Hand über die linke Schulter werfen, dann kommst du nach Rom zurück. So kommt jedes Jahr weit über eine Million Euro zusammen. Die Stadt sammelt die Münzen regelmäßig ein, und das Geld geht an die Caritas, die damit Bedürftigen hilft. Dein Wunsch, wiederzukommen, macht also ganz nebenbei jemanden in dieser Stadt satt. Kein schlechter Tausch, oder?

    Einmal hat eine Frau das Becken ganz offiziell betreten: Anita Ekberg, 1960, in Fellinis La Dolce Vita, im schwarzen Abendkleid, und Marcello Mastroianni folgte ihr ins Wasser. Dir sei das nicht empfohlen, Baden ist hier streng verboten. Wenn du deine Münze geworfen hast, steig über die Via della Dataria und ihre Treppen hinauf zum höchsten der sieben Hügel, dem Quirinal.

  10. 10. Piazza del Quirinale: Die Dioskuren über Rom

    Piazza del Quirinale, 00187 Roma RM, Italy

    Oben angekommen, hol erst einmal Luft und geh dann an die Brüstung. Vor dir liegt Rom wie ein Meer aus Ziegeldächern und Kuppeln, und am Horizont schwebt die Kuppel von Sankt Peter. Hinter dir stehen zwei nackte Riesen, jeder über fünf Meter groß, die zwei sich aufbäumende Pferde am Zügel halten. Das sind Kastor und Pollux, die Dioskuren, die göttlichen Zwillinge.

    Die beiden sind Kopien aus der römischen Kaiserzeit nach griechischen Vorbildern und standen einst in den Thermen des Konstantin, gleich hier auf dem Hügel. Auf den Sockeln liest du stolz Opus Fidiae und Opus Praxitelis, Werk des Phidias und Werk des Praxiteles. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Picasso vom Flohmarkt... aber im Mittelalter glaubten die Römer daran, und der ganze Hügel hieß nach den Pferden Monte Cavallo.

    Der Obelisk zwischen ihnen stand einst am Mausoleum des Augustus und wurde 1786 hier aufgerichtet, im selben Jahr, in dem ein gewisser Johann Wolfgang Goethe in Rom ankam. Die große Granitschale darunter stammt vom Forum Romanum, wo sie lange als Viehtränke diente, bevor man sie 1818 hierherbrachte. In Rom wird nichts weggeworfen. Es zieht nur um.

    Der Palast hinter dir, der Quirinalspalast, war jahrhundertelang die Sommerresidenz der Päpste, weil die Luft hier oben als gesünder galt als unten am Tiber. Im 19. Jahrhundert wurden hier sogar Päpste gewählt. In der Nacht zum 6. Juli 1809 stiegen französische Soldaten über die Mauern und verhafteten auf Befehl Napoleons Papst Pius den Siebten. Nach 1870 zogen die Könige Italiens ein, und seit Italien eine Republik ist, residiert hier der Staatspräsident.

    Wenn du Glück hast, erlebst du die Wachablösung der Corazzieri, der berittenen Leibgarde des Präsidenten, ausgesucht nach Haltung und Körpergröße. Für uns geht es jetzt die Via del Quirinale entlang, an der endlosen Palastmauer vorbei, die die Römer Manica Lunga nennen, den langen Ärmel. Nach wenigen Minuten siehst du auf der anderen Straßenseite eine kleine Kirche mit einem halbrunden Vordach... Berninis Liebling.

  11. 11. Sant'Andrea al Quirinale: Berninis Perle

    Via del Quirinale 30, 00187 Roma RM, Italy

    Vor dir öffnet sich eine kleine Kirche wie eine Bühne: Zwei niedrige Mauern schwingen dir wie Arme entgegen, ein halbrundes Vordach auf Säulen schiebt sich nach vorn, und darüber thront ein Wappen mit Lilien und einer Taube. Das ist Sant'Andrea al Quirinale, und Gian Lorenzo Bernini hat sie gebaut, als er längst weltberühmt war.

    Der Auftraggeber war Kardinal Camillo Pamphilj, ein Neffe von Innozenz dem Zehnten, den du am Vierströmebrunnen kennengelernt hast, daher auch die Taube im Wappen. Ab 1658 entstand hier die Kirche für das Noviziat der Jesuiten, für die jungen Männer, die gerade in den Orden eintraten. Das Grundstück war schmal, und Bernini machte daraus einen Trick: Die Kirche ist ein Oval, aber du betrittst es von der Längsseite. Deshalb wirkt der Altar ganz nah, und der Raum breitet sich links und rechts um dich aus wie eine Umarmung.

    Wenn du hineingehst, lass den Blick von unten nach oben wandern. Unten rosa und grau geäderter Marmor, oben Gold, und über dem Altar fliegt der heilige Andreas, gemeißelt von Berninis Mitarbeiter Antonio Raggi, auf einer Wolke durch einen geöffneten Giebel hinauf, der Kuppel und dem Licht entgegen. Bernini erzählt eine ganze Geschichte im Raum: das Martyrium unten im Gemälde, die Befreiung in der Statue, der Himmel in der Kuppel.

    Bernini war damals um die sechzig und hatte für Päpste Brunnen, Kirchen und Plätze gebaut. Und trotzdem erzählte sein Sohn Domenico später, der Vater sei im Alter oft hierhergekommen, habe still im Raum gesessen und gesagt, dies sei das einzige seiner Bauwerke, das ihm wirklich Freude mache. Nebenan, in den Räumen des heiligen Stanislaus Kostka, eines jungen Polen, der hier 1568 als Novize starb, liegt dessen Figur aus weißem und schwarzem Marmor auf dem Sterbebett, so lebensecht, dass Besucher unwillkürlich leiser werden.

    Und nur ein paar Schritte weiter wartet sein größter Rivale. Geh die Via del Quirinale weiter nach Nordosten bis zur Kreuzung mit den vier Brunnen an den Ecken. Dort klebt eine winzige Kirche an der Straßenecke, gebaut von Borromini, und dort endet unser Duell.

  12. 12. San Carlo alle Quattro Fontane: Borrominis Antwort

    Via del Quirinale 23, 00187 Roma RM, Italy

    Bleib an der Kreuzung stehen und dreh dich einmal langsam im Kreis: An jeder der vier Ecken liegt ein Brunnen mit einer ruhenden Figur, und in alle vier Richtungen zieht sich eine schnurgerade Straße. An ihren Enden erkennst du Obelisken und ein Stadttor, alles Teil eines Plans von Papst Sixtus dem Fünften, der Rom um 1590 mit Sichtachsen durchzog, als hätte er ein Lineal über die Stadt gelegt.

    An einer der Ecken klebt eine Kirche, so klein, dass sie angeblich in einen einzigen der vier Pfeiler passen würde, die die Kuppel von Sankt Peter tragen. Das ist San Carlo alle Quattro Fontane, von den Römern zärtlich San Carlino genannt. 1634 bekam der damals noch unbekannte Borromini den Auftrag von einem kleinen, armen spanischen Orden, den Trinitariern. Es war sein erstes eigenes Bauwerk, und er steckte alles hinein, was er konnte.

    Wenn du hineinkommst, schau sofort nach oben. Die ovale Kuppel ist überzogen mit Kassetten in Form von Kreuzen, Achtecken und Sechsecken, die nach oben hin immer kleiner werden. Dadurch wirkt sie viel höher, als sie ist, und das Licht aus der versteckten Laterne scheint aus dem Nichts zu kommen. Alles ist weiß. Borromini brauchte kein Gold und keinen bunten Marmor... nur Geometrie und Licht.

    Die wellenförmige Fassade, die du von der Straße aus siehst, war sein letztes Werk. Er begann sie in den 1660er-Jahren und erlebte ihre Vollendung nicht mehr. Zwischen dieser Kirche und Berninis Sant'Andrea liegen nur ein paar hundert Schritte, und die beiden Bauten sind wie ein Gespräch zwischen zwei Männern, die sich nicht ausstehen konnten: Bernini, der Theatermann, der dich mit Gold, Marmor und Wolken überwältigt, und Borromini, der Mathematiker, der dich mit einer weißen Wand zum Staunen bringt.

    Wer hat gewonnen? Bernini bekam zu Lebzeiten den Ruhm, Borromini die Bewunderung der Architekten bis heute. Und du hast nun beide gesehen, vom Oratorium am Anfang bis zu dieser Ecke, auf Plätzen, an Brunnen und unter Kuppeln, echten und gemalten. Hier endet unser Spaziergang durch das barocke Rom. Bleib noch einen Moment an der Kreuzung stehen, hör den vier Brunnen zu... und entscheide selbst, wer von den beiden dein Mann ist.