Aventin und Testaccio: Schlüsselloch, Scherbenberg und Arbeiterviertel in Rom
Vom Rosengarten über dem alten jüdischen Friedhof zum Schlüsselloch der Malteser, hinunter zum antiken Hafen, auf den Berg aus fünfzig Millionen Krügen und bis zum Grab von Goethes Sohn unter der Cestius-Pyramide
Rome · 12 stops · 30 min audio · Generated
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1. Roseto Comunale: Der Rosengarten in Form einer Menora
Via di Valle Murcia 6, 00153 Roma RM, Italy
Lehn dich an das Geländer und schau hinunter auf die Terrassen am Hang des Aventin. Im Mai blüht hier alles, Rosen in unzähligen Farben aus allen Teilen der Welt, und über den Beeten summt die Stadt. Aber achte nicht nur auf die Blüten. Folge mit den Augen den Wegen zwischen den Beeten. Von oben betrachtet ergeben sie eine Form: einen siebenarmigen Leuchter, eine Menora. Gegenüber, jenseits des langen grünen Tals, liegen die Ruinen der Kaiserpaläste auf dem Palatin.
Das ist kein gärtnerischer Einfall. Ab 1645 war dieser Hang der Friedhof der jüdischen Gemeinde Roms. Die Juden, eingesperrt im Ghetto unten am Fluss, durften ihre Toten hier oben begraben, außerhalb des Ghettos, aber unter strengen Auflagen der päpstlichen Behörden. Lange Zeit waren nicht einmal Grabsteine mit Namen erlaubt. Man begrub die Toten, und das Gras wuchs darüber.
In den 1930er Jahren stand der Friedhof dem Faschismus im Weg. Das Regime ließ unten am Hang eine breite Prachtstraße anlegen, und 1934 wurden die Gräber auf den großen städtischen Friedhof Verano verlegt. Vier Jahre später kamen die Rassengesetze, dann die Deportationen. Der Hang blieb leer, eine stille Wunde mitten in der Stadt.
Nach dem Krieg wollte Rom hier seinen neuen Rosengarten anlegen, und die jüdische Gemeinde stimmte zu, unter einer Bedingung: Die Erinnerung an diesen Ort sollte bleiben. Darum die Wege in Form der Menora, darum die zwei steinernen Tafeln am Eingang, geformt wie die Gesetzestafeln des Mose. Und jedes Jahr wird hier in einem internationalen Wettbewerb die schönste neue Rose der Welt gekürt, zwischen den Armen eines heiligen Leuchters.
Die meisten Besucher fotografieren die Rosen und gehen weiter, ohne die Form unter ihren Füßen zu bemerken. Du weißt es jetzt. Steig nun den steilen Clivo dei Publicii hinauf, eine Straße, die schon in der Römischen Republik angelegt wurde. Oben auf dem Hügel wird es plötzlich still, und zwischen Mauern und Pinien wartet ein Garten voller Orangenbäume.
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2. Santa Sabina & der Orangengarten: Der Baum des heiligen Dominikus
Piazza Pietro d'Illiria 1, 00153 Roma RM, Italy
Geh durch das Tor in den Garten, die Allee der Orangenbäume entlang, bis ganz nach vorn an die Brüstung. Und dann: Rom. Unter dir der Tiber, gegenüber die Dächer von Trastevere, Kuppeln und Glockentürme, und am Horizont, groß und hell, die Kuppel von Sankt Peter. Die Römer nennen diesen Ort einfach Giardino degli Aranci, und unzählige erste Küsse der Stadt haben hier stattgefunden.
Der Garten selbst ist jung, 1932 angelegt, auf den Resten einer Burg der Familie Savelli, die im Mittelalter den Aventin beherrschte. Doch die Orangen haben eine viel ältere Geschichte. Um sie zu hören, geh hinüber zur Kirche nebenan, Santa Sabina, und stell dich vor ihr Portal in der Vorhalle.
Die Türflügel aus Zypressenholz wurden um das Jahr 430 geschnitzt, nur zwei Jahrzehnte nachdem die Westgoten Rom geplündert hatten. Ganz oben links siehst du auf einer kleinen Tafel eine der ältesten erhaltenen Darstellungen der Kreuzigung überhaupt. Und dann tritt ein: Santa Sabina ist eine Basilika aus dem fünften Jahrhundert, fast unverändert, mit vierundzwanzig antiken Säulen und hohen Fenstern, durch die ein weiches, milchiges Licht fällt.
Um 1220 übergab der Papst diese Kirche einem kastilischen Prediger namens Dominikus, dem Gründer des Dominikanerordens. Der Überlieferung nach brachte er aus Spanien den Setzling eines Orangenbaums mit und pflanzte ihn im Kreuzgang, angeblich den ersten in Italien. Durch ein kleines Loch in der Wand der Vorhalle kannst du noch heute an dieser Stelle einen Orangenbaum sehen. Er ist natürlich nicht derselbe, aber die Mönche halten die Geschichte am Leben.
Bis heute hat der Ordensmeister der Dominikaner seinen Sitz in Santa Sabina. Und im Inneren liegt auf einer kleinen Säule ein runder schwarzer Stein, den der Teufel nach dem betenden Dominikus geschleudert haben soll... er traf ihn nicht. Geh jetzt die stille Via di Santa Sabina weiter nach Süden. Schon nach wenigen Schritten öffnet sich rechts ein Vorhof vor einer weiteren Kirche.
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3. Sant'Alessio: Der Heilige unter der Treppe und Kaiser Otto III.
Piazza di Sant'Alessio 23, 00153 Roma RM, Italy
Tritt in den Vorhof von Sant'Alessio mit seinen hohen Mauern und schau zum Glockenturm hinauf, einem romanischen Turm mit kleinen Bogenfenstern. Diese Kirche wirkt ruhiger als ihre berühmte Nachbarin. Doch sie bewahrt eine der seltsamsten Reliquien Roms: eine Treppe.
Die Legende erzählt von Alexius, dem Sohn eines reichen römischen Senators. In seiner Hochzeitsnacht verließ er die Braut und zog als Bettler in den Osten, um in Armut zu leben. Nach vielen Jahren kehrte er zurück, so abgemagert, dass ihn niemand erkannte, nicht einmal sein Vater. Der ließ den fremden Bettler aus Mitleid unter der Treppe seines Hauses schlafen. Siebzehn Jahre soll Alexius dort gelebt haben, verspottet von den Dienern, die ihm Spülwasser über den Kopf gossen.
Erst nach seinem Tod fand man in seiner Hand einen Brief, in dem er sich zu erkennen gab. Und die Treppe? Sie wird hier in der Kirche gezeigt, ein paar hölzerne Stufen hinter Glas, darunter die Figur des schlafenden Heiligen. Ob echt oder nicht, die Geschichte hat das ganze Mittelalter gerührt, von Rom bis nach Byzanz.
Und jetzt wird es deutsch. Um das Jahr 1000 war das Kloster hier ein Treffpunkt Europas, griechische und lateinische Mönche lebten Tür an Tür. 990 trat hier ein Bischof aus Böhmen als einfacher Mönch ein: Adalbert von Prag, der wenige Jahre später als Missionar bei den Prußen erschlagen wurde. Sein Freund war der junge Kaiser Otto III., der von einer Erneuerung des Römischen Reiches träumte und eine Zeit lang hier auf dem Aventin residierte. Ein Kaiser aus Sachsen, der von Rom aus herrschen wollte... die Römer jagten ihn 1001 aus der Stadt.
Wenn du still bist, hörst du hier oben nur Vögel und das Rauschen der Pinien. Geh jetzt weiter die Straße entlang, nur ein paar Schritte. Dahinter öffnet sich ein seltsamer kleiner Platz mit Obelisken und Wappen an den Mauern. Dort steht eine große grüne Tür, und vor ihr warten die Leute in einer Schlange. Stell dich dazu.
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4. Piazza dei Cavalieri di Malta: Das Schlüsselloch und Piranesis Bühne
Piazza dei Cavalieri di Malta 3, 00153 Roma RM, Italy
Wenn du an der Reihe bist, beug dich vor und leg ein Auge an das Schlüsselloch der großen grünen Tür. Am Ende eines dunklen Tunnels aus geschnittenen Hecken, genau in der Mitte, steht die Kuppel des Petersdoms, hell und scharf wie im Okular eines Fernrohrs. Lass dir Zeit. Die Leute hinter dir werden warten, und sie werden gleich genauso leise sein wie du.
Hinter der Tür liegt die Villa des Souveränen Malteserordens. Die Ritter begannen zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem als Krankenpfleger für Pilger und regierten später Rhodos und Malta. In Deutschland kennst du ihre Nachfahren vermutlich aus dem Alltag: Der Malteser Hilfsdienst mit seinen Rettungswagen gehört zu diesem Orden. Der Orden hat kein eigenes Land mehr, aber er unterhält diplomatische Beziehungen zu über hundert Staaten, und sein Grundstück hier genießt Exterritorialität. Darum sagen die Römer, durch dieses Loch sehe man drei Staaten auf einmal.
Dreh dich um und betrachte den Platz. Die Mauern sind übersät mit Obelisken, Schiffsschnäbeln, Schwertern, Rüstungen und Wappen, alles aus Stuck, wie ein Bühnenbild. Entworfen hat das in den 1760er Jahren Giovanni Battista Piranesi, der Kupferstecher, dessen düstere Kerker und gewaltige Ruinen ganz Europa in Bann schlugen. Den Auftrag gab ihm ein Kardinal aus der Familie Rezzonico, Neffe des damaligen Papstes und Großprior des Ordens. Dieser Platz und die Kirche hinter der Mauer sind das Einzige, was Piranesi je wirklich gebaut hat.
Und dort ist er auch geblieben. Piranesi starb 1778 und wurde in der Kirche Santa Maria del Priorato beigesetzt, hinter genau dieser Mauer, unter einer Statue, die ihn selbst zeigt. Sein ganzes Leben hatte er Rom auf Kupferplatten gebannt, Tausende Ansichten von Ruinen, Brücken und Toren. Gebaut hat er nur ein kleines Stück davon, und ausgerechnet das schaut die halbe Welt durch ein Schlüsselloch an.
Ob das Schlüsselloch absichtlich auf die Kuppel ausgerichtet wurde, weiß niemand. Vielleicht wurde die Heckenallee einfach in der Achse der Tür gepflanzt, und den Rest erledigte der Zufall. Die Ritter schweigen dazu, und die Römer erzählen ohnehin lieber Legenden als Baugeschichte. Wenn du dich losreißen kannst, geh zur anderen Ecke des Platzes. Hinter einem Tor liegt dort eine große Abtei aus hellem Stein.
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5. Sant'Anselmo: Das Haus aller Benediktiner
Piazza dei Cavalieri di Malta 5, 00153 Roma RM, Italy
Hinter dem Tor siehst du eine Kirche, die wie aus einem Bilderbuch des Mittelalters wirkt: heller Stein, romanische Rundbögen, ein Vorhof mit Säulengang, ein schlanker Turm. Doch lass dich nicht täuschen. Sant'Anselmo ist gerade gut hundertzwanzig Jahre alt, vollendet um 1900, ein Neubau im Gewand der Romanik.
Papst Leo XIII. wollte am Ende des 19. Jahrhunderts die Benediktiner der ganzen Welt enger zusammenführen, Hunderte selbstständiger Klöster, die seit jeher eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit achteten. Er gab ihnen hier auf dem Aventin ein gemeinsames Zentrum: eine Hochschule, ein Kolleg für Mönche aus aller Welt und den Sitz eines Abtprimas, eine Art Sprecher aller Benediktiner. 1893 wurde die Benediktinische Konföderation gegründet, und sie hat ihren Mittelpunkt bis heute hier.
Der erste Abtprimas, Hildebrand de Hemptinne, kam aus der belgischen Abtei Maredsous, und diese Abtei hatten Mönche aus Beuron gegründet, dem Kloster im Donautal auf der Schwäbischen Alb. So führt eine Linie von der oberen Donau bis auf diesen Hügel. Der Name des Hauses ehrt Anselm von Canterbury, einen Benediktiner des 11. Jahrhunderts und einen der großen Denker des Mittelalters, der den Glauben als etwas beschrieb, das nach Einsicht sucht. Kein Wunder, dass Sant'Anselmo vor allem eine Schule ist.
Das Schönste hier ist aber der Klang. Wenn die Mönche abends zur Vesper zusammenkommen, singen sie oft gregorianischen Choral, einstimmig, auf Latein, in Melodien, die weit über tausend Jahre alt sind. Dann stehen in der hellen Kirche plötzlich Römer, Studenten und Reisende nebeneinander und schweigen. Ora et labora, bete und arbeite, so fasst man die Regel des heiligen Benedikt gern zusammen. Hier oben klingt das Beten wie Musik.
Von hier aus fällt der Aventin steil zum Fluss hin ab, und unten beginnt eine ganz andere Welt, laut, praktisch, hungrig. Geh die Straße hinunter bis zur breiten Via Marmorata und dann nach rechts zum Tiber, zu dem Platz an der Brücke, wo vor zweitausend Jahren die Schiffe anlegten.
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6. Piazza dell'Emporio & Ponte Sublicio: Roms antiker Hafen
Piazza dell'Emporio, 00153 Roma RM, Italy
Stell dich an die Brüstung über dem Fluss, gleich neben der Brücke, und schau hinunter. Tief unten fließt der Tiber zwischen hohen Ufermauern, gegenüber liegen die Dächer von Trastevere. Hier am Fuß des Aventin begann vor über zweitausend Jahren das, was Rom satt machte: sein Hafen.
193 vor Christus ließen zwei Beamte aus der Familie der Aemilier hier das Emporium anlegen, einen gepflasterten Kai mit Rampen und Treppen, und dahinter eine gewaltige Lagerhalle, die Porticus Aemilia, fast fünfhundert Meter lang. Die Lastkähne kamen von der Küste und wurden den Tiber hinaufgetreidelt, gezogen von Ochsen und Männern an langen Seilen. Getreide aus Ägypten, Öl aus Spanien, Wein aus Gallien, alles ging hier an Land.
Auch die Marmorblöcke aus allen Ecken des Reiches wurden ganz in der Nähe abgeladen, aus Griechenland, Kleinasien und Nordafrika. Darum heißt die große Straße hinter dir bis heute Via Marmorata. Bei Ausgrabungen im 19. Jahrhundert fand man noch unbearbeitete Blöcke im Boden, abgeladen und nie abgeholt, wie Pakete, die seit der Antike auf ihren Empfänger warten. Ein Stück flussabwärts sind unten am Wasser noch Reste der alten Kaimauern zu erkennen.
Und die Brücke neben dir? Die heutige Ponte Sublicio stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Aber sie trägt den Namen der allerersten Brücke Roms, der hölzernen Pons Sublicius, deren genaue Lage niemand mehr kennt. Auf ihr soll Horatius Cocles ganz allein die Etrusker aufgehalten haben, während die Römer hinter ihm die Balken abrissen. Dann sprang er in voller Rüstung in den Tiber und schwamm ans Ufer. So jedenfalls erzählt es der Geschichtsschreiber Livius, und so mancher Lateinschüler in Deutschland hat sich durch genau diese Szene gequält.
Bis 2015 stand auf diesem Platz übrigens ein Brunnen aus gestapelten Tonkrügen, ein Flüchtling aus dem Nachbarviertel. Wohin er zurückgekehrt ist, siehst du gleich. Geh die Via Marmorata ein Stück nach Süden und biege dann rechts in das Straßenraster von Testaccio ein, bis zu einem Platz mit Bäumen, Bänken und plätscherndem Wasser.
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7. Piazza Testaccio & Fontana delle Anfore: Das Herz des Arbeiterviertels
Piazza Testaccio, 00153 Roma RM, Italy
Setz dich auf eine der Bänke und schau dir den Brunnen in der Mitte an: Amphoren, große Tonkrüge, zu einer kleinen Pyramide gestapelt, aus deren Hälsen Wasser rinnt. Um dich herum stehen hohe, ockerfarbene Mietshäuser mit Wäsche an den Balkonen, Kinder kicken einen Ball gegen eine Mauer, und auf der Bank nebenan streiten zwei ältere Herren über Fußball. Willkommen in Testaccio.
Dieses Viertel ist jünger, als es aussieht. Als Rom 1870 Hauptstadt des neuen Italien wurde, brauchte die Stadt Wohnungen für Arbeiter, für die Flusshäfen, die Fabriken und vor allem für den riesigen neuen Schlachthof. Auf freien Feldern am Tiber entstand ein Raster aus großen Wohnblöcken mit Innenhöfen, einfach, dicht, oft überfüllt. Hier wohnten die Testaccini, arm, stolz und laut, und viele Familien leben seit Generationen in denselben Höfen.
Der Brunnen ist der Flüchtling, von dem du am Fluss gehört hast. Der Architekt Pietro Lombardi entwarf ihn in den 1920er Jahren, mit der Amphora als Wappen des Viertels. Doch der Boden von Testaccio ist weich und voller antiken Schutts, der Platz senkte sich, und in den 1930er Jahren musste der Brunnen weichen. Man versetzte ihn an die Piazza dell'Emporio. Dort stand er achtzig Jahre lang, bis er 2015 endlich nach Hause zurückkehren durfte.
Und falls du dich fragst, welche Farben das Herz von Testaccio hat: Gelb und Rot, die Farben der AS Roma. Ab 1929 spielte der Verein im Campo Testaccio, einem Holzstadion ganz in der Nähe, und das Viertel sang dazu sein eigenes Lied. Das Stadion ist längst verschwunden, aber frag einen alten Testaccino, wo die Roma wirklich zu Hause ist. Die Antwort kennst du schon.
Warum ausgerechnet Amphoren? Weil das ganze Viertel im Schatten eines Berges entstanden ist, der aus nichts anderem besteht als aus zerbrochenen Krügen. Du wirst ihn gleich sehen. Vorher aber folgst du dem Duft von Brot und Kaffee ein paar Straßen nach Südwesten, zu der modernen Markthalle, in der Testaccio einkauft.
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8. Mercato di Testaccio: Einkaufen über antiken Lagerhäusern
Via Aldo Manuzio 66b, 00153 Roma RM, Italy
Geh zwischen den Ständen hindurch, vorbei an Pyramiden aus Tomaten, an Käselaiben und Kisten voller Zucchiniblüten, und such nach den Stellen, an denen der Boden durchsichtig wird. Unter dicken Glasplatten liegen antike Mauern und Scherben von Tonkrügen, mitten zwischen Einkaufstaschen und Kinderwagen.
Der Markt zog 2012 von der Piazza Testaccio hierher, in einen modernen Bau mit hellem Dach. Als die Bagger anrückten, stießen sie sofort auf das antike Rom: auf Lagerhäuser aus der Kaiserzeit und auf Berge von Amphoren. Statt alles zuzuschütten, ließ man die Funde sichtbar und baute den Markt darüber. Du kaufst dein Gemüse also an der Stelle, an der vor zweitausend Jahren Händler des Emporiums ihre Waren stapelten.
Und die Testaccini kaufen hier wirklich ein, das hörst du. Die Händler kennen ihre Kunden beim Namen, man diskutiert über die Qualität der Artischocken wie anderswo über Politik. Probier einen Supplì, ein frittiertes Reisbällchen mit Tomatensoße und einem Kern aus Mozzarella. Wenn du hineinbeißt, zieht der Käse lange Fäden wie das Kabel eines alten Telefonhörers, und darum heißt er in Rom supplì al telefono.
Dazu gibt es Pizza bianca, ein flaches Brot nur mit Olivenöl und Salz, noch warm aus dem Ofen, und Pecorino romano, den harten, salzigen Schafskäse, ohne den keine römische Pasta auskommt. Im Frühling türmen sich die runden römischen Artischocken ohne Stacheln, die später geschmort oder frittiert werden. Hier wird nicht für Touristen gekocht, sondern für Großmütter, und die sind strenger als jeder Restaurantkritiker. Mittags stehen Bauarbeiter, Büroleute und Studenten nebeneinander an den Imbisstheken, den Pappteller in der Hand, und niemand hat es eilig.
Wenn du die Halle durch den hinteren Ausgang verlässt, schau über die Dächer. Da erhebt sich ein grüner Hügel mit Bäumen und Gestrüpp, und er passt so gar nicht ins schnurgerade Raster der Straßen. Geh auf ihn zu, bis an seinen Fuß. Er ist kein natürlicher Hügel... er ist der größte Müllberg der Antike.
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9. Monte Testaccio: Der Berg aus fünfzig Millionen Krügen
Via Nicola Zabaglia 24, 00153 Roma RM, Italy
Schau dir den Hang hinter dem Zaun genau an, dort, wo die Erde abgerutscht ist. Was aussieht wie Kies, sind Scherben: rötliche, gebogene Bruchstücke von Tonkrügen, Tausende über Tausende. Dieser ganze Hügel, etwa so hoch wie ein zwölfstöckiges Haus und fast einen Kilometer im Umfang, besteht aus nichts anderem.
Der Monte Testaccio, vom lateinischen testae, Scherben, enthält nach Schätzungen die Reste von rund fünfzig Millionen Amphoren. Fast alle kamen aus der Provinz Baetica, dem heutigen Andalusien, und fast alle hatten Olivenöl enthalten. Rund zweieinhalb Jahrhunderte lang, von der Zeit des Augustus bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts, verbrauchte Rom Öl in gewaltigen Mengen, zum Kochen, für Lampen, für die Körperpflege in den Thermen.
Warum warf man die Krüge weg? Weil Öl in den unglasierten Ton einzieht und ranzig wird; ein gebrauchter Ölkrug war wertlos. Also trugen Arbeiter sie den Hang hinauf, zerschlugen sie und schichteten die Scherben sorgfältig in Terrassen, mit Kalk bestreut gegen den Gestank. Eine antike Mülldeponie mit Ordnung und System, man möchte fast sagen: typisch Verwaltung.
Und jetzt kommt ein Deutscher ins Spiel. In den 1870er Jahren kletterte der junge Archäologe Heinrich Dressel auf diesem Berg herum und las die Stempel und die aufgemalten Inschriften auf den Scherben: Hersteller, Gewicht, Kontrollbeamte, Jahreszahlen. Er begriff, dass dieser Müll die Buchhaltung des Römischen Reiches ist. Seine Einteilung der Amphorenformen benutzen Archäologen bis heute, und der bauchige Ölkrug aus Spanien heißt in jedem Lehrbuch einfach Dressel 20.
Im Mittelalter wurde der Berg zum Festplatz. Beim Karneval ließen die Römer Karren mit Schweinen den Hang hinunterrollen, und unten stürzte sich die Menge auf die Beute. Später grub man Keller in seinen Fuß, die das ganze Jahr kühl blieben, ideal für Wein. Heute sind daraus Trattorien und Clubs geworden, an denen du gleich vorbeikommst. Geh jetzt um den Hügel herum nach Westen, zu einem großen Tor mit einem Stier darauf.
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10. Mattatoio: Wo das fünfte Viertel erfunden wurde
Piazza Orazio Giustiniani 4, 00153 Roma RM, Italy
Bleib vor dem monumentalen Tor stehen und schau hinauf. Oben ringt eine geflügelte Gestalt einen Stier nieder, kraftvoll, beinahe antik. So ein Tor erwartest du vor einem Museum oder einem Ministerium. Hier aber führte es über achtzig Jahre lang in den Schlachthof von Rom.
Der Mattatoio wurde von dem Architekten Gioacchino Ersoch geplant und zwischen 1888 und 1891 gebaut, ein Musterbetrieb seiner Zeit, mit langen Hallen aus Eisen, Gleisen und Viehpferchen bis hinunter zum Fluss. Die junge Hauptstadt wuchs rasant und wollte versorgt werden. Woche für Woche wurden hier Tausende Tiere geschlachtet, bis der Betrieb 1975 schloss.
Jetzt kommt der Teil, für den jeder Feinschmecker hier stehen sollte. Die Schlachter bekamen einen Teil ihres Lohns in Naturalien, und zwar in dem, was sonst niemand wollte: Schwänze, Kutteln, Backen, Herzen, Därme. In Rom nennt man das den quinto quarto, das fünfte Viertel, alles, was übrig bleibt, wenn die vier edlen Viertel des Tieres verkauft sind. Aus diesem Rest machten die Familien von Testaccio eine ganze Küche. Vaccinari nannte man die Männer, die hier die Rinder schlachteten und häuteten, und nach ihnen ist das berühmteste Gericht des Viertels benannt.
Coda alla vaccinara, Ochsenschwanz, stundenlang geschmort mit Tomaten und viel Sellerie. Trippa alla romana, Kutteln mit Minze und Pecorino, die Schwester der schwäbischen sauren Kutteln, nur mit mehr Stolz. Und die Mutprobe für Besucher: Rigatoni con la pajata, mit dem Darm eines Milchkalbs, in dem die Milch beim Kochen zu einer cremigen Soße gerinnt. Wegen der Rinderseuche BSE war die echte Pajata ab 2001 verboten; erst 2015 durfte sie zurück auf die römischen Teller, und Testaccio feierte.
Heute beherbergen die Eisenhallen ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, eine Architekturfakultät der Universität Roma Tre und Märkte. Die steinernen Stiere sind noch überall, wenn du hinschaust. Folge jetzt der Via di Monte Testaccio am Südfuß des Scherbenbergs nach Osten, vorbei an den Lokalen in den alten Weinkellern, bis zu einer langen Mauer mit Zypressen dahinter.
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11. Cimitero Acattolico: Das Grab von Goethes Sohn
Via Caio Cestio 6, 00153 Roma RM, Italy
Öffne das Tor und tritt in den Schatten der Zypressen. Der Lärm der Straße bleibt draußen. Zwischen Gras und Veilchen stehen Grabsteine ein wenig schief, eine Katze schläft auf einem Sarkophag, und über allem erhebt sich die weiße Spitze einer Pyramide. Der Cimitero Acattolico, der Friedhof der Nicht-Katholiken, ist vielleicht der friedlichste Ort Roms.
Im katholischen Rom durften Protestanten, Orthodoxe oder Ungläubige nicht in geweihter Erde liegen. Seit dem frühen 18. Jahrhundert begrub man deshalb die Fremden, die in der Stadt starben, hier vor den Mauern, anfangs nachts, um kein Aufsehen zu erregen. So wurde die Wiese unter der Pyramide zum Friedhof der Engländer und Deutschen, der Skandinavier und Russen, der Maler, Diplomaten und Gelehrten, die Rom geliebt hatten und hier blieben.
Such eine schlichte Stele mit einem Porträtmedaillon und einer lateinischen Inschrift: Goethe filius patri antevertens. Goethe, der Sohn, der dem Vater vorausging. Hier liegt August von Goethe, das einzige Kind des Dichters, das die frühe Kindheit überlebte. Er hatte sein Leben im Schatten des Vaters verbracht, im Weimarer Hofdienst, als Sekretär und Verwalter des großen Namens. 1830 durfte er endlich nach Italien reisen, auf den Spuren der berühmten Italienischen Reise. In Rom erkrankte er und starb im Oktober, mit vierzig Jahren.
Die Nachricht brauchte Tage bis nach Weimar. Er soll nur einen alten lateinischen Satz gesagt haben: Non ignoravi me mortalem genuisse, ich wusste, dass ich einen Sterblichen gezeugt habe. Kurz darauf erlitt er einen schweren Blutsturz, überlebte ihn und vollendete im folgenden Sommer den zweiten Teil des Faust. Seinen Sohn hat er nie wiedergesehen, nicht einmal sein Grab.
August ist hier nicht allein. Auf diesem Friedhof liegen auch die englischen Dichter John Keats, unter einem Stein ohne Namen, und Percy Bysshe Shelley; Antonio Gramsci, der Denker, der in Mussolinis Gefängnissen zugrunde ging; und Gottfried Semper, der Architekt der Dresdner Oper, der 1879 in Rom starb. Die Grabsteine sprechen Dutzende Sprachen. Wenn du den Friedhof verlässt, steht die weiße Pyramide direkt vor dir.
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12. Cestius-Pyramide & Porta San Paolo: Ein Grab, das Goethe sich wünschte
Piazzale Ostiense, 00153 Roma RM, Italy
Vor dir ragt eine Pyramide in den römischen Himmel, gut sechsunddreißig Meter hoch, mit weißem Marmor verkleidet, eingemauert in die antike Stadtmauer, neben einem Tor mit zwei runden Zinnentürmen. Ein Grabmal wie aus Ägypten, mitten im Verkehr eines römischen Platzes, umkreist von Straßenbahnen und Motorrollern.
Nachdem Rom im Jahr 30 vor Christus Ägypten erobert hatte, war die Stadt verrückt nach allem Ägyptischen: Obelisken, Sphingen, Götter, Pyramiden. Ein reicher Beamter namens Gaius Cestius wollte für sein Grab eine eigene. Die Inschrift verrät, dass er zum Priesterkollegium gehörte, das die Festmähler für die Götter ausrichtete, und dass der Bau in dreihundertdreißig Tagen fertig wurde. Das war um 12 vor Christus.
Überlebt hat die Pyramide dank einer Mauer. Um 270 nach Christus ließ Kaiser Aurelian die Stadt mit einem neuen Mauerring umgeben, und seine Baumeister bezogen bestehende Bauten einfach mit ein. Die Pyramide wurde Teil der Befestigung. Daneben steht das Tor, das die Römer Porta Ostiensis nannten, heute Porta San Paolo, wo die Straße nach Ostia und zur Basilika Sankt Paul vor den Mauern beginnt.
An der Mauer des Tores hängen Gedenktafeln. Am 10. September 1943, zwei Tage nach der Bekanntgabe des Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten, rückten deutsche Truppen auf Rom vor. Hier, rund um dieses Tor, stellten sich ihnen italienische Soldaten und Zivilisten entgegen, viele kaum bewaffnet. Sie verloren, und Rom blieb neun Monate lang besetzt. Aber die Römer sehen in diesem Gefecht den Beginn ihres Widerstands.
Und ganz zum Schluss noch einmal Goethe. In seinen Römischen Elegien wünschte sich der Dichter, eines Tages sanft an diesem Grabmal vorbei in die Unterwelt geführt zu werden: Cestius' Mal vorbei, leise zum Orkus hinab. Er selbst liegt in Weimar. Doch sein Sohn ruht nur ein paar Schritte von hier, im Schatten genau dieser Pyramide. So endet dein Weg, vom Rosengarten über das Schlüsselloch der Ritter bis zu einem Wunsch, den Rom auf seine eigene, etwas grausame Art erfüllt hat.