Prag für Genießer: Bier, Märkte und böhmische Küche

Vom Bauernmarkt an der Moldau über U Fleků und den Goldenen Tiger bis zu U Pinkasů: wie ein bayerischer Braumeister Böhmen das Pils schenkte und warum Prag mit Knödeln besser schmeckt

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  1. 1. Náplavka: Bauernmarkt an der Moldau

    Rašínovo nábřeží, 128 00 Praha 2, Czechia

    Unter deinen Füßen Kopfsteinpflaster, neben dir das grüne Wasser der Moldau, an der Ufermauer Hausboote und Schiffe, auf denen man essen und trinken kann. Und wenn du an einem Samstagvormittag kommst, duftet es hier nach frischem Brot, Räucherwurst und gebrannten Mandeln. Das ist die Náplavka, Prags liebste Uferpromenade, und der beste Ort, um eine Genussreise zu beginnen: mit leerem Magen.

    Náplavka bedeutet so viel wie Anlegestelle. Jahrhundertelang kamen hier Flöße aus dem Süden Böhmens an, beladen mit Holz, Steinen und Waren für die Stadt. Die Flößer aus dem Viertel Podskalí, gleich hier am Ufer, waren eine eigene kleine Welt, mit eigenen Wirtshäusern und eigenem Stolz. Und im Winter sägten Männer Eisblöcke aus dem gefrorenen Fluss. Die lagerte man in tiefen Kellern, damit das Bier auch im Sommer kühl blieb.

    Heute ist der Markt ein Schaufenster dessen, was Böhmen auf den Teller bringt. Kräftiges Sauerteigbrot mit Kümmel, eingelegte Gurken, Würste vom Grill, Honig, Apfelsaft. Und wenn dir plötzlich ein strenger Geruch in die Nase steigt, bist du wahrscheinlich bei den Olmützer Quargeln angekommen, auf Tschechisch Olomoucké tvarůžky. Ein kleiner, goldgelber Sauermilchkäse, so intensiv, dass man ihn in Gesellschaft nur mit Vorsicht auspackt. Hergestellt wird er im mährischen Städtchen Loštice, und die EU schützt ihn als regionale Spezialität.

    Schon hier merkst du: Die böhmische Küche und die bayerische oder österreichische sind enge Verwandte. Knödel, Schweinebraten, Kraut, Gulasch, Strudel... Jahrhunderte unter dem gemeinsamen Dach der Habsburgermonarchie haben die Töpfe gründlich vermischt. Wer in Wien Powidltascherl bestellt, spricht übrigens Tschechisch, ohne es zu wissen: Powidl kommt von povidla, dem tschechischen Wort für dickes Pflaumenmus. Und die Kolatschen, die man in Bayern und Österreich kennt, heißen in Prag koláče.

    Probier ruhig ein Stück Brot oder einen Quargel, aber übertreib es nicht, denn auf dieser Route wird noch viel gegessen und noch mehr getrunken. Wir beginnen beim Fleisch. Geh die Treppe hinauf zur Uferstraße, über den Palackého náměstí mit seinem großen Denkmal und dann die Straße Na Moráni bergauf. Sie führt dich direkt zu einem Platz, auf dem früher die Rinder muhten.

  2. 2. Karlsplatz: der alte Viehmarkt

    Karlovo náměstí, 120 00 Praha 2, Czechia

    Vor dir öffnet sich ein Platz, der eigentlich ein Park ist: Kastanien, Rasen, Brunnen und Statuen, ringsum Kirchen, Schulen und Bürgerhäuser. Der Karlsplatz gehört zu den größten Plätzen Europas, und als Karl IV. ihn 1348 anlegen ließ, roch es hier nicht nach Blumen, sondern nach Vieh.

    Die neue Prager Neustadt brauchte Märkte, und Karl verteilte sie mit Plan: die Pferde dorthin, wo heute der Wenzelsplatz liegt, das Heu auf den Heumarkt, und hier, auf die größte Fläche, das Vieh. Jahrhundertelang hieß der Platz schlicht Viehmarkt, Dobytčí trh. Rinder, Schweine und Schafe wechselten hier den Besitzer, und ringsum lebten Fleischer, Gerber und Wirte. Erst im 19. Jahrhundert wurde aus dem staubigen Marktplatz der grüne Park, den du heute siehst.

    Und ohne Viehmarkt kein Schweinebraten. Das inoffizielle Nationalgericht der Tschechen heißt vepřo knedlo zelo, Schwein, Knödel, Kraut, und schon der Name klingt wie ein Schlachtruf. Dazu kommt die svíčková: Rinderlende in einer samtigen Sauce aus Wurzelgemüse und Sahne, mit Preiselbeeren, einem Klecks Schlagsahne und Scheiben von Serviettenknödeln. Diese Knödel sind übrigens nicht zum Sattwerden da. Sie sind dazu da, die Sauce aufzusaugen, und ein Tscheche beurteilt eine Küche oft danach, wie gut ihre Sauce ist.

    Der Platz hatte noch eine zweite, heilige Seite. In seiner Mitte stand einst eine Kapelle, und schon unter Karl IV. zeigte man hier einmal im Jahr dem Volk die Reliquien und Reichskleinodien. Pilger strömten herbei, und wo Pilger sind, sind auch Garküchen und Bierschenken. Am südlichen Ende des Platzes steht außerdem das sogenannte Faust-Haus. Die Legende erzählt, der Teufel habe Doktor Faust dort durch ein Loch in der Decke geholt, das sich danach nie wieder schließen ließ.

    Am nördlichen Ende siehst du das Neustädter Rathaus mit seinem Turm. Dort warfen aufgebrachte Hussiten 1419 Ratsherren aus dem Fenster, der erste Prager Fenstersturz. Doch für heute genug Geschichte mit leerem Glas. Verlass den Platz nach Nordwesten, über die Myslíkova in die schmale Křemencova. Dort wartet ein Bier, das seit über fünfhundert Jahren im selben Haus gebraut wird.

  3. 3. U Fleků

    Křemencova 1651/11, 110 00 Praha 1, Czechia

    Hör hin: Akkordeonmusik, klirrende Gläser und lautes Lachen dringen aus einem Torbogen in der stillen Křemencova. Du stehst vor U Fleků, einer der berühmtesten Bierstuben Mitteleuropas, und hier wird nach eigener Überlieferung seit 1499 Bier gebraut.

    In jenem Jahr kaufte ein Mälzer namens Vít Skřemenec das Haus und braute darin Bier. Der heutige Name kam erst viel später: 1762 erwarb ein gewisser Jakub Flekovský mit seiner Frau das Anwesen, und die Prager gingen fortan einfach zu den Fleks, U Fleků. Kriege, Besatzung und die Verstaatlichung im Kommunismus hat das Haus überstanden, und sein Ruf als älteste noch brauende Bierstube Prags ist der ganze Stolz der Familie, die es heute wieder führt.

    Ausgeschenkt wird genau ein Bier: ein dunkles Lager, fast schwarz, mit einer cremigen, hellbraunen Schaumkrone, weich und leicht süßlich, nach Karamell und Röstmalz. Man bestellt eigentlich nicht, man nickt. Die Kellner tragen Tabletts voller Gläser durch die Säle, und wer sein leeres Glas stehen lässt, bekommt ein volles. Willst du aufhören, leg den Bierdeckel oben auf das Glas. Das versteht man in jeder tschechischen Kneipe. Und sei wachsam bei den Schnapsgläschen, die dir freundlich angeboten werden: Auch die stehen später auf der Rechnung.

    Drinnen findest du mehrere Säle mit dunkler Holzvertäfelung und alten Wandsprüchen, und im Sommer einen großen Biergarten im Hof. Hunderte Gäste passen hinein, und an manchen Abenden spielt eine Blaskapelle oder ein Akkordeon. Ja, es ist touristisch. Aber die Tradition ist echt, und das Bier ist gut genug, dass auch Prager herkommen, meistens mit Besuch aus dem Ausland.

    Und damit du verstehst, wie ernst das hier genommen wird: Die Tschechen trinken seit Jahrzehnten mehr Bier pro Kopf als jedes andere Volk der Welt, weit über hundert Liter im Jahr. Bier gilt hier nicht als Laster, sondern als Grundnahrungsmittel mit Schaumkrone. Geh jetzt die Křemencova nach Norden, über die breite Národní hinweg in die Altstadt, bis zur geschwungenen Gasse Na Perštýně. Dort beruft sich ein Bierhaus auf ein noch älteres Datum.

  4. 4. U Medvídků

    Na Perštýně 345/7, 110 00 Praha 1, Czechia

    Folge der sanften Biegung der Gasse Na Perštýně, bis du vor einem alten Bürgerhaus stehst, aus dessen Tür es nach Malz und Gulasch riecht. Das ist U Medvídků, Zu den Bärchen, und dieses Haus beruft sich auf eine Bierausschank-Tradition, die bis ins Jahr 1466 zurückreicht.

    Die Biegung der Gasse ist übrigens kein Zufall. Na Perštýně folgt dem Verlauf der alten Mauer und des Grabens, die einst die Altstadt von der Neustadt trennten. Wer hier entlanggeht, läuft also auf einer mittelalterlichen Stadtgrenze. Gebraut wurde in diesem Haus über die Jahrhunderte immer wieder, dann lange gar nicht, und erst in unserer Zeit zog wieder eine kleine Hausbrauerei ein.

    Ausgeschenkt wird hier traditionell Bier aus Budweis, auf Tschechisch České Budějovice. Und damit beginnt einer der längsten Markenstreits der Welt. In Budweis wurde schon im Mittelalter gebraut, und Bier von dort hieß auf Deutsch ganz einfach Budweiser. 1876 brachte die Brauerei Anheuser-Busch in Amerika ein Bier mit genau diesem Namen auf den Markt, inspiriert vom böhmischen Vorbild. 1895 gründeten tschechische Brauer in Budweis die Brauerei Budvar. Seitdem streiten beide Seiten in Dutzenden Ländern darüber, wer sich Budweiser nennen darf.

    Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: In manchen Ländern darf nur das tschechische Bier Budweiser heißen, in anderen nur das amerikanische, und in den USA wird das böhmische Original unter dem Namen Czechvar verkauft. Eine Stadt, zwei Sprachen, zwei Kontinente und ein Name, um den seit über hundert Jahren Anwälte kämpfen. Wenn du hier ein Glas bestellst, trinkst du also ein Stück Wirtschaftsgeschichte.

    Achte beim Zapfen auf eine tschechische Spezialität: Viele Kneipen schenken auf Wunsch ein Glas fast nur mit dichtem, nassem Schaum aus, das heißt mlíko, Milch, und wird in einem Zug getrunken. Für Puristen ist das kein Trick, sondern eine Kunst. Und jetzt zu einer Frau, die mit Bier und Schnaps ein Vermögen machte. Geh ein paar Schritte nach Nordwesten zum Bethlehemsplatz, Betlémské náměstí.

  5. 5. U Halánků und das Náprstek-Museum

    Betlémské náměstí 269/1, 110 00 Praha 1, Czechia

    Auf dem Bethlehemsplatz fällt dein Blick zuerst auf die strenge Bethlehemskapelle, in der Jan Hus predigte. Aber dreh dich zum großen Eckhaus, U Halánků. Hinter diesen Mauern wurde einst Bier gebraut und Branntwein gebrannt, und heute ist es ein Museum für die Kulturen Asiens, Afrikas und Amerikas.

    Die Heldin dieses Hauses heißt Anna Fingerhut, auf Tschechisch Fingerhutová. Sie führte im frühen 19. Jahrhundert das Brauhaus mit Brennerei U Halánků, nach dem Tod ihres Mannes allein, und machte daraus ein glänzendes Geschäft. Eine Frau als erfolgreiche Unternehmerin in der Prager Altstadt, mit Fässern, Knechten und Steuerbeamten, das war damals alles andere als selbstverständlich.

    Ihr Sohn wurde 1826 als Vojtěch Fingerhut geboren, auf Deutsch Adalbert. 1848 stand er auf der Seite der Revolution, musste fliehen und verbrachte rund zehn Jahre in Amerika, vor allem in Milwaukee, einer Stadt voller deutscher Brauer. Dort sah er, wie Einwanderer aus Mitteleuropa Brauereien, Zeitungen und Vereine gründeten, und brachte viele Ideen mit nach Hause. Zurück in Prag übersetzte er seinen Namen einfach ins Tschechische: Fingerhut heißt náprstek. Aus Adalbert Fingerhut wurde Vojta Náprstek, und in diesem Namenswechsel steckt das ganze 19. Jahrhundert in Prag, das langsame Hinüberwechseln einer Bürgerschaft vom Deutschen ins Tschechische.

    Mit dem Geld aus Bier und Branntwein machte Náprstek sein Elternhaus zu einem Zentrum des Fortschritts. Er sammelte Gegenstände aus aller Welt, aber auch technische Neuheiten, und gründete ein Gewerbemuseum, um Handwerkern zu zeigen, was modern war. In seinen Räumen traf sich ab 1865 der Amerikanische Damenklub, einer der ersten Frauenvereine Böhmens, mit Vorträgen und einer Bibliothek für Frauen. Aus seinen Sammlungen ging das heutige Náprstek-Museum hervor.

    So bezahlte Bier in diesem Haus ein kleines Stück Aufklärung, und die Mutter, die das Geld verdiente, verdient dabei mindestens so viel Bewunderung wie ihr Sohn. Jetzt geht es zurück an den Tresen, zu einer Kneipe, die ein Schriftsteller unsterblich gemacht hat. Geh über den Platz zur Husova und dann ein paar Häuser nach Norden, bis du einen goldenen Tiger siehst.

  6. 6. U Zlatého tygra

    Husova 228/17, 110 00 Praha 1, Czechia

    Ein goldener Tiger über der Tür, dahinter eine kleine, laute Gaststube mit Holztischen, auf denen fast überall Reservierungsschilder stehen. Willkommen bei U Zlatého tygra, Zum Goldenen Tiger, der vielleicht berühmtesten Stammkneipe Prags.

    Ihr berühmtester Stammgast war Bohumil Hrabal, einer der großen tschechischen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Er schrieb Ich habe den englischen König bedient und Scharf beobachtete Züge, dessen Verfilmung durch Jiří Menzel 1968 den Oscar gewann. Hrabal saß hier über Jahrzehnte an seinem Tisch, trank Pilsner, hörte zu und machte aus dem Gerede der Kneipe Literatur. Sein erster Erzählband von 1963 hieß Perlička na dně, die Perle auf dem Grund, und genau solche Perlen fischte er hier aus dem Gerede am Nebentisch. Seine Bücher sind voller Menschen, die reden, als hinge ihr Leben davon ab.

    Im Januar 1994 bekam der Tiger einen ganz besonderen Gast. Präsident Václav Havel brachte Bill Clinton mit, damit der amerikanische Präsident einmal echtes Prager Kneipenleben erlebte. Clinton saß mit Hrabal am Tisch, und man trank Bier wie alle anderen. Ein Präsident und Dramatiker, der einen Präsidenten in eine Kneipe ausführt: Das sagt viel darüber, welchen Platz das Bierlokal in der tschechischen Kultur hat.

    Hier hörst du auch, wie eng Tschechisch und Deutsch am Tresen verwandt sind. Der Stammgast heißt auf Tschechisch štamgast, der Ausschank šenk, ein Bierkrug krýgl, alles Lehnwörter aus dem Deutschen und dem Wienerischen. Die Wörter kamen mit dem Bier, oder vielleicht das Bier mit den Wörtern. Und die Regeln sind ungeschrieben, aber streng: Wer an einem reservierten Tisch Platz nimmt, wird freundlich, aber bestimmt wieder aufstehen.

    Wenn du Glück hast und einen Platz findest, bestell ein Bier und hör einfach zu. Genau so hat Hrabal gearbeitet. Seit 2017 wird in tschechischen Kneipen übrigens nicht mehr geraucht, und so mancher Stammgast behauptet, das Bier schmecke seitdem anders. Danach wird es süß. Geh die Husova hinauf zum Kleinen Ring, Malé náměstí, und von dort in die Melantrichova. Schon von Weitem riechst du, worum es dort geht: Zimt und Zucker.

  7. 7. Melantrichova: Trdelník und Prager Schinken

    Melantrichova, 110 00 Praha 1, Czechia

    Zimt, Zucker, karamellisierter Teig: In der Melantrichova drehen sich an Metallstangen Teigspiralen über der Glut, und vor jedem Stand wartet eine Schlange. Das ist der Trdelník, und fast jeder Besucher hält ihn für das uralte Prager Traditionsgebäck schlechthin.

    Ist er aber nicht. Teig um eine Stange zu wickeln, zu backen und in Zucker und Nüssen zu wälzen, kennt man seit Langem in der Slowakei, in Ungarn und in Siebenbürgen. Der Skalický trdelník aus dem slowakischen Städtchen Skalica ist sogar als regionale Spezialität von der EU geschützt. In Prag tauchte er in großem Stil erst nach der Jahrtausendwende auf, und heute wird er mit Eis, Sahne und Schokocreme gefüllt, was manche slowakische Großmutter sprachlos machen dürfte.

    Echter Prager ist das zweite Straßenessen dieser Gegend: der Prager Schinken, pražská šunka. Gepökelt, über Buchenholz geräuchert und gekocht, wird er traditionell am Knochen zubereitet. Im 19. Jahrhundert wurde er in der ganzen Monarchie berühmt, und in Wien gehört Prager Schinken im Brotteig bis heute zu den Klassikern. Am Altstädter Ring dreht er sich an großen Spießen über dem Feuer. Ein Freundestipp: Frag vorher nach dem Gewicht, denn abgerechnet wird nach Gramm, und die Portionen wachsen erstaunlich schnell.

    Die Gasse trägt den Namen von Jiří Melantrich von Aventin, einem großen Buchdrucker des 16. Jahrhunderts, dessen Werkstatt hier in der Nähe stand. Und wo wir bei Büchern sind: 1826 veröffentlichte Magdalena Dobromila Rettigová ihr Hauskochbuch, das Generationen von tschechischen Familien prägte. Viele ihrer Rezepte für Knödel, Braten und Kuchen hättest du genauso in Wien oder München finden können, nur dass sie jetzt auf Tschechisch geschrieben standen, und das war damals ein Statement.

    Wenn du also ein Stück Trdelník isst, tu es mit Genuss, aber ohne schlechtes Gewissen gegenüber der Geschichte. Jede Stadt erfindet ihre Traditionen ein bisschen neu. Jetzt geh nach Norden hinaus auf den Altstädter Ring, an der Teynkirche vorbei, und hinter ihr durch einen Torbogen in einen stillen Hof. Dort zahlten Kaufleute einst Zoll auf alles, was gut schmeckt.

  8. 8. Ungelt (Týnský dvůr)

    Týn 1049/3, 110 00 Praha 1, Czechia

    Nur ein Torbogen trennt dich vom Trubel des Altstädter Rings, und plötzlich ist es still: ein lang gestreckter Hof mit Renaissance-Arkaden, kleinen Läden und Cafés. Das ist der Týnský dvůr, besser bekannt unter seinem alten deutschen Namen: der Ungelt.

    Schon im Mittelalter mussten hier alle fremden Kaufleute haltmachen. Der Hof war Herberge, Lagerhaus und Zollstation in einem. Wer in Prag Waren verkaufen wollte, lud sie hier ab, ließ sie zählen und wiegen und zahlte die Abgabe. Diese Abgabe hieß Ungeld, und davon hat der Hof seinen Namen. Dafür stand er unter dem Schutz des Königs, und die Einnahmen flossen in die königliche Kasse.

    Stell dir vor, was hier alles ankam: Tuch aus Flandern, Wein aus Österreich und Ungarn, Salz, gesalzener Hering, und Gewürze aus dem Orient wie Pfeffer, Safran und Ingwer, die damals ein kleines Vermögen kosteten. Die Händler kamen aus deutschen Städten, aus Italien, aus dem Osten. Manche Kaufleute blieben wochenlang, bis alles verkauft war, mit ihren Pferden in den Ställen und ihren Knechten in den Schlafkammern. Im Hof wurde in vielen Sprachen gefeilscht, gestritten und gefeiert, und abends floss sicher reichlich Wein.

    Schau dir das schönste Haus des Hofes an, das Granovský-Palais mit seiner offenen Loggia und den Malereien aus dem 16. Jahrhundert. Gebaut hat es um 1560 Jakob Granovský von Granov, der damalige Zolleinnehmer. Am Zoll ließ sich offenbar ganz gut verdienen. Unter den Arkaden siehst du biblische und mythologische Szenen, gemalt für einen Mann, der sein Geld mit Pfeffersäcken und Weinfässern machte.

    Im Kleinen erzählt der Ungelt, warum Prag reich wurde: Die Stadt lag an der Kreuzung großer Handelswege, und wer hier verkaufen wollte, zahlte. Und ein bisschen von diesem Geld steckt bis heute in jedem Stein der Altstadt. Heute sitzt man unter den Arkaden bei Kaffee und Kuchen, und kaum jemand ahnt, dass hier einmal einer der wichtigsten Umschlagplätze des Königreichs lag. Verlass den Hof, geh über den Altstädter Ring in die Železná, die Eisengasse, nach Süden, bis du die bunten Stände eines Marktes siehst.

  9. 9. Havelský trh (Gallusmarkt)

    Havelská, 110 00 Praha 1, Czechia

    Bunte Markisen, Holzstände, Kisten mit Erdbeeren, Pfirsichen und Paprika, daneben Marionetten, Holzspielzeug und Kühlschrankmagnete. Der Havelský trh, der Gallusmarkt, ist der letzte ständige Markt in der Prager Altstadt, und er steht an einem Ort, an dem schon seit dem Mittelalter gehandelt wird.

    Um 1230 entstand hier eine eigene Siedlung, die Gallusstadt, benannt nach der Kirche des heiligen Gallus, auf Tschechisch Havel. Angelegt wurde sie für Kaufleute, viele davon deutschsprachige Siedler, die der böhmische König ins Land holte. Bald wuchs sie mit der übrigen Altstadt zusammen, aber der Markt blieb. Deshalb ist die Gasse hier so auffällig breit: Sie war von Anfang an für Stände gedacht.

    Früher bekam man hier alles, was die Stadt aß: Obst und Gemüse aus den Dörfern ringsum, Kräuter, Eier, Geflügel und im Herbst körbeweise Pilze aus den böhmischen Wäldern. Pilzesammeln ist in Tschechien bis heute fast ein Volkssport, und im September sind die Wälder an Wochenenden voller Menschen mit Körben und Messern. Und dann der Mohn: Mohnkuchen und Mohnbuchteln gehören zu den Lieblingssüßigkeiten Böhmens, und Tschechien zählt zu den größten Mohnproduzenten der Welt.

    Und dann der Dezember. In den Tagen vor Weihnachten stehen in ganz Prag große Bottiche mit lebenden Karpfen auf den Straßen, denn Karpfen mit Kartoffelsalat ist das tschechische Weihnachtsessen schlechthin. Viele Familien ließen den Fisch früher bis zum Heiligabend in der Badewanne schwimmen. Die Karpfen kommen vor allem aus Südböhmen, wo man seit dem 16. Jahrhundert riesige Fischteiche angelegt hat. Der größte, der Rosenberger Teich, ist so groß, dass man ihn fast für einen See hält.

    Heute ist der Markt zur Hälfte Souvenirbasar, aber frühmorgens, wenn die Händler ihre Früchte aufbauen, spürst du noch den alten Gallusmarkt. Unser Spaziergang endet ganz in der Nähe, mit dem Bier, das die Welt verändert hat. Geh durch die Gasse Na Můstku nach Süden, überquere die Fußgängerzone am unteren Ende des Wenzelsplatzes und halte dich rechts zum Jungmannplatz.

  10. 10. U Pinkasů und das erste Pilsner in Prag

    Jungmannovo náměstí 16/15, 110 00 Praha 1, Czechia

    Ein gemütliches Bierhaus am Jungmannplatz, direkt neben der hohen gotischen Kirche Maria Schnee. Das ist U Pinkasů, und das Haus nennt mit Stolz das Jahr 1843: Hier soll Prag zum ersten Mal Pilsner Bier getrunken haben.

    Die Geschichte beginnt in Pilsen, auf Tschechisch Plzeň. Die Bürger dort waren mit ihrem Bier so unzufrieden, dass sie der Überlieferung nach 1838 ganze Fässer öffentlich auskippten. Also gründeten sie ein eigenes Bürgerliches Brauhaus und holten sich einen Braumeister aus Bayern: Josef Groll aus Vilshofen an der Donau. Am 5. Oktober 1842 braute er den ersten Sud.

    Groll brachte die bayerische Kunst der untergärigen, kalten Lagerung mit, aber er arbeitete mit böhmischen Zutaten: hellem Malz, dem edlen Saazer Hopfen und dem besonders weichen Wasser von Pilsen. Heraus kam etwas, das die Welt so noch nicht gesehen hatte: ein goldenes, klares Bier. Und weil Gläser gerade die alten Steinkrüge verdrängten, sah man diese Farbe nun auch. Im November 1842 wurde es zum ersten Mal ausgeschenkt, und es eroberte erst Böhmen, dann Wien und schließlich die Welt. Fast jedes helle Lagerbier, das du je getrunken hast, ist ein Nachfahre dieses Sudes.

    Und Groll selbst? Zeitgenossen sollen ihn als ziemlich groben Klotz beschrieben haben. Nach wenigen Jahren lief sein Vertrag aus, und er kehrte nach Vilshofen zurück. Die Legende erzählt, er sei Jahrzehnte später an seinem Stammtisch gestorben, mit einem Glas Bier vor sich. Der Bayer, der Böhmen das berühmteste Bier der Welt schenkte... und Böhmen, das ihm den Hopfen, das Malz und das Wasser dafür gab.

    Bleibt Jakub Pinkas, ein Prager Schneider, der der Überlieferung des Hauses nach 1843 die ersten Fässer des neuen Bieres nach Prag holte. Aus der Schneiderstube wurde eine Bierstube. Gleich vor der Tür steht übrigens eine Kuriosität, die angeblich einzige kubistische Straßenlaterne der Welt, aus dem Jahr 1913. Bestell dir also zum Schluss ein frisch gezapftes Pilsner, schau auf die Schaumkrone und stoß an: auf die bayerisch-böhmische Freundschaft. Na zdraví!