Isar-Athen: Königsplatz, Pinakotheken und das Kunstareal in München

Vom Wittelsbacherbrunnen über Glyptothek, Propyläen und Lenbachhaus bis zu Dürer, Twombly und der Pinakothek der Moderne: ein Spaziergang durch das Viertel, in dem ein König München zur Kunststadt machte

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  1. 1. Wittelsbacherbrunnen am Lenbachplatz

    Lenbachplatz, 80333 München, Germany

    Bleib am Rand des Lenbachplatzes stehen, zwischen Trambahngleisen und hupenden Autos, und schau auf das Wasser, das hier in breiten Kaskaden über steinerne Kanten fällt. Links reitet ein nackter junger Mann auf einem Wasserross und stemmt einen schweren Felsbrocken über den Kopf. Rechts sitzt eine Frau auf einem Wasserstier und reicht dir eine Schale. Das ist der Wittelsbacherbrunnen... und er ist der perfekte Auftakt für einen Spaziergang durch Münchens Kunstviertel, weil er im Grunde ein Denkmal für Wasserrohre ist.

    Denn das München des 19. Jahrhunderts war keine saubere Stadt. Brunnenwasser und Abwasser kamen sich viel zu nahe, und Typhus und Cholera kehrten immer wieder zurück. Der Hygieniker Max von Pettenkofer predigte so lange Kanäle, Schlachthof und frisches Wasser, bis die Stadt nachgab. Ab 1883 floss Quellwasser aus dem Mangfalltal in die Leitungen, und die Seuchen gingen zurück. Als Dank und als Triumph bekam die Stadt diesen Brunnen, geschaffen von Adolf von Hildebrand und 1895 vollendet.

    Schau dir die beiden Figuren noch einmal an: Sie zeigen die zwei Gesichter des Wassers. Der junge Mann mit dem Felsblock ist die zerstörerische Kraft, Hochwasser und Sturm. Die Frau mit der Schale ist die segensreiche Kraft, das Wasser, das ernährt und heilt. Hildebrand war nicht nur Bildhauer, sondern auch Theoretiker. Sein Buch über das Problem der Form in der bildenden Kunst, 1893 erschienen, lasen Generationen von Kunststudenten. Er wollte Ruhe und Klarheit statt Schnörkel... und mitten im Neubarock der Gründerzeit war das fast eine Provokation.

    Der Platz hinter dir trägt den Namen von Franz von Lenbach, dem Malerfürsten, der Kaiser, Päpste und Bismarck porträtierte. Das prächtige Künstlerhaus am Südende des Platzes hat er um 1900 für die Münchner Künstlerschaft durchgesetzt. Seine eigene Villa steht ein paar hundert Meter weiter... wir werden ihn dort besuchen.

    Um 1900 war München eine der großen Kunststädte Europas, und Thomas Mann begann eine Erzählung mit drei berühmten Wörtern: München leuchtete. Genau dieses Leuchten suchen wir heute. Geh jetzt über die Ampel nach Westen und dann in den Alten Botanischen Garten, bis du vor einem steinernen Riesen mit Dreizack stehst.

  2. 2. Alter Botanischer Garten & Neptunbrunnen

    Elisenstraße, 80335 München, Germany

    Vor dir steht ein steinerner Neptun, breitschultrig wie ein Schwergewichtsboxer, mit Dreizack, über einem Becken, in dem das Wasser plätschert. Ringsum: alte Bäume, Bänke, Leute mit Leberkässemmel, und irgendwo hinter dem Grün rauscht der Verkehr vom Hauptbahnhof. Ein ruhiger Park, denkst du. Aber hier ist einmal Münchens größte Kunsttragödie passiert.

    Angelegt wurde der Garten ab 1809 als Botanischer Garten des Königreichs, nach Plänen von Friedrich Ludwig von Sckell, dem Gartenkünstler, der auch den Englischen Garten gestaltet hat. Über hundert Jahre wuchsen hier Palmen und Heilkräuter für die Wissenschaft. Dann wurde es den Pflanzen zu eng, und 1914 zog der Botanische Garten hinaus nach Nymphenburg. Zurück blieb der Name... alt.

    Das eigentliche Wunder dieses Ortes stand im nördlichen Teil: der Glaspalast. 1854 hatte August von Voit ihn aus Eisen und Glas errichtet, nach dem Vorbild des Kristallpalasts in London, für die erste große deutsche Industrieausstellung. Eine Halle aus Licht, so lang, dass man darin spazieren gehen konnte wie in einer Straße. Später zeigte München hier seine großen Kunstausstellungen, Jahr für Jahr, mit Tausenden Bildern.

    Im Juni 1931 brach in einer Nacht Feuer aus. In wenigen Stunden brannte der Glaspalast nieder, und mit ihm mehr als dreitausend Kunstwerke. Darunter war eine Sonderschau der deutschen Romantik mit Gemälden von Caspar David Friedrich, die seitdem für immer verloren sind. Verbrannt sind auch Hunderte Bilder lebender Künstler, die gerade erst für die Jahresausstellung aufgehängt worden waren... manche verloren in einer einzigen Nacht einen großen Teil ihres Lebenswerks. Die Brandursache wurde nie geklärt, und einen Neubau gab es nicht mehr.

    Und der Neptun? Er ist jünger, als er aussieht. Nach 1933 ließen die neuen Machthaber den Park umgestalten, und 1937 kam dieser Brunnen von Josef Wackerle dazu, einem Bildhauer, der im Nationalsozialismus gut beschäftigt war. Antike Pose, aber eine ganz andere Zeit... das lohnt sich zu wissen, bevor man ihn zu sehr bewundert. Verlass den Garten jetzt nach Nordosten, und folge der Barer Straße hinauf bis zu einem runden Platz mit einem schwarzen Obelisken in der Mitte.

  3. 3. Karolinenplatz und der Obelisk

    Karolinenplatz, 80333 München, Germany

    Mitten im Kreisverkehr, umkreist von Trambahnen, Radlern und Taxis, ragt ein schwarzer Obelisk knapp dreißig Meter in den Himmel. Er ist nicht aus Stein, wie die ägyptischen Vorbilder, sondern aus Metall gegossen, und deshalb wirkt er so dunkel und so schwer.

    Der Karolinenplatz war das Tor zu einem neuen Stadtteil. Ab 1808 legte Karl von Fischer hier die Maxvorstadt an, mit Straßen, die sternförmig von diesem Rondell ausgehen, und benannte den Platz nach Königin Karoline. Wer damals aus der engen Altstadt kam, betrat hier eine Stadt am Reißbrett, breit, hell und klassisch. Hier bauten sich Adelige und Bankiers ihre Palais, und wer etwas auf sich hielt, wohnte an der Brienner Straße.

    Den Obelisken entwarf Leo von Klenze, und 1833 wurde er enthüllt. Die Inschrift widmet ihn den dreißigtausend Bayern, die im russischen Krieg den Tod fanden. Gemeint ist 1812: Bayern war damals Verbündeter Napoleons und musste Zehntausende Soldaten für dessen Feldzug nach Moskau stellen. Die allermeisten kamen nicht zurück, sie verhungerten, erfroren oder fielen auf dem Rückzug durch den russischen Winter.

    Und jetzt das Paradox. Napoleon hatte Bayern 1806 zum Königreich gemacht, ohne ihn gäbe es keinen König Ludwig. Doch schon 1813 wechselte Bayern die Seiten und kämpfte gegen ihn. Ludwig selbst, der Bauherr dieses Denkmals, hatte Napoleon immer verabscheut, obwohl er als Kronprinz selbst bayerische Truppen in Napoleons Kriegen führen musste. So steht hier ein Mahnmal für Männer, die für den Feind von morgen gestorben sind... errichtet von einem König, der diesen Feind nie leiden konnte.

    Achte auf die Achse: Die Brienner Straße läuft von der Altstadt durch diesen Platz direkt auf den Königsplatz zu. Für Ludwig war das eine Prachtstraße, eine Bühne für sein Isar-Athen. Den weißen Würfel, an dem du gleich vorbeikommst, heben wir uns übrigens für einen anderen Spaziergang auf... er erzählt eine dunklere Geschichte dieser Straße. Geh nun die Brienner Straße nach Westen, und auf der linken Seite tauchen gleich die Säulen eines griechischen Tempels auf.

  4. 4. Staatliche Antikensammlungen

    Königsplatz 1, 80333 München, Germany

    Stell dich unten an die breite Freitreppe und schau hinauf zu den Säulenköpfen. Sie sind über und über mit steinernen Akanthusblättern bewachsen, gekräuselt wie Wirsing. Das ist die korinthische Ordnung, die üppigste der drei griechischen Säulenarten... und du stehst gerade in einem Lehrbuch aus Stein.

    Denn der Königsplatz ist genau so gebaut. Gegenüber, an der Glyptothek, stehen ionische Säulen mit ihren eleganten Schnecken. Im Westen, am großen Tor, dorische, die strengsten und schlichtesten. Drei Gebäude, drei Ordnungen, und in der Mitte eine Wiese: So stellte sich Kronprinz Ludwig ein griechisches Forum an der Isar vor.

    Dieses Haus hier entwarf Georg Friedrich Ziebland, gebaut wurde es von 1838 bis 1848, ursprünglich als Ausstellungsgebäude für Kunst und Gewerbe. Seit 1967 wohnen hier die Staatlichen Antikensammlungen, und ihre griechischen Vasen gehören zu den bedeutendsten der Welt. Der berühmteste Star ist eine flache Trinkschale des Malers Exekias, um 530 vor Christus. Darauf liegt der Gott Dionysos in einem Schiff, aus dem Mast wächst eine Weinrebe, und rundherum springen Delfine.

    Die Delfine sind kein Dekor. Die Sage erzählt, dass Piraten den jungen Gott entführen wollten. Da ließ er Wein über das Deck fließen und Reben um den Mast wachsen, die Seeräuber sprangen in Panik über Bord und wurden zu Delfinen. Ein antiker Trinkspruch also: Wer beim Wein den Gott nicht achtet, landet im Wasser. Wenn du die Schale drinnen siehst, schau auf das Segel... es leuchtet weiß auf dem roten Grund, als hätte der Maler den Wind gleich mitgemalt.

    Kurios ist auch, wo viele dieser griechischen Meisterwerke gefunden wurden: in etruskischen Gräbern in Italien. Die Etrusker liebten Importware aus Athen und nahmen sie mit ins Jenseits, und als man diese Gräber im 19. Jahrhundert öffnete, kaufte Ludwig mit Begeisterung zu. So kam attisches Geschirr über Umwege an die Isar, zweieinhalb Jahrtausende nach dem letzten Symposion, bei dem jemand daraus getrunken hat. Neben den Vasen glänzt in den Vitrinen übrigens etruskischer und griechischer Goldschmuck, so fein gearbeitet, dass man eine Lupe bräuchte. Überquer jetzt den Platz nach Norden, zum Gebäude mit den ionischen Säulen und den fensterlosen Mauern.

  5. 5. Glyptothek und der Barberinische Faun

    Königsplatz 3, 80333 München, Germany

    Geh auf die Säulenhalle mit den ionischen Schnecken zu und schau dann links und rechts an den Außenwänden entlang. Kein einziges Fenster, nur Nischen mit Statuen. Das Licht fällt bei diesem Bau von innen ein, aus dem Hof... die Kunst sollte nach innen schauen, nicht auf die Straße.

    Die Glyptothek ist Ludwigs erstes großes Museum. Leo von Klenze baute sie von 1816 bis 1830, als Ludwig noch Kronprinz war, und schon der Name ist eine Erfindung: aus dem Griechischen für schnitzen und Aufbewahrungsort. Ein Haus nur für Skulpturen, offen für das Publikum, das war damals neu und kühn. Ludwig hatte Agenten in Rom, die für ihn kauften, was der Kunstmarkt hergab.

    Sein größter Coup liegt drinnen auf einem Felsen: der Barberinische Faun. Ein Satyr, entstanden um 220 vor Christus, schläft hier nach einem Rausch, den Kopf zurückgesunken, die Beine weit gespreizt, vollkommen schamlos und vollkommen entspannt. Gefunden wurde er im 17. Jahrhundert in Rom, beim Grabmal Hadrians, und lange gehörte er der Familie Barberini. Ludwig kaufte ihn 1814, doch der Kirchenstaat wollte ihn nicht ziehen lassen, und erst Jahre später durfte der Schläfer über die Alpen reisen.

    Fast noch abenteuerlicher ist die Geschichte der Ägineten, der Giebelfiguren vom Tempel der Aphaia auf der Insel Ägina. Sie wurden 1812 versteigert, und die Geschichte geht so: Während ein britischer Interessent auf Malta wartete, wo er die Auktion vermutete, ersteigerte Ludwigs Mann die Figuren auf Zakynthos. Der Bildhauer Thorvaldsen ergänzte später fehlende Arme und Köpfe... Ergänzungen, die man im 20. Jahrhundert wieder entfernt hat.

    Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben die prächtigen Säle mit ihren Fresken. Als die Glyptothek 1972 wieder öffnete, verzichtete man auf jede Rekonstruktion, und die Statuen stehen seitdem vor nackten, hellen Ziegelwänden. Viele sagen, so sahen sie nie besser aus. Geh nun quer über den Platz nach Westen, zu dem gewaltigen Tor mit den zwei Türmen.

  6. 6. Königsplatz und Propyläen

    Königsplatz, 80333 München, Germany

    Stell dich direkt unter das große Tor, zwischen die dorischen Säulen, und leg den Kopf in den Nacken. Links und rechts ragen zwei wuchtige Türme auf, fast ägyptisch, und oben in den Giebeln kämpfen und feiern steinerne Figuren. Das sind die Propyläen, das Eingangstor zu Ludwigs Isar-Athen.

    Ludwig ließ sie von Leo von Klenze bauen, von 1854 bis 1862, und das Erstaunliche ist: Da war er gar nicht mehr König. 1848 hatte er nach der Affäre um die Tänzerin Lola Montez und nach Unruhen abgedankt. Das Tor bezahlte er aus eigener Tasche, als Privatmann mit einem sehr königlichen Hobby. Bauen konnte ihm keiner verbieten, auch kein Parlament... und Ludwig hat bis ins hohe Alter gebaut.

    Gewidmet ist es dem griechischen Freiheitskampf gegen die Osmanen und Ludwigs Sohn Otto, der 1832 als Teenager zum König von Griechenland gemacht worden war. Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Befreiungskrieg und Ottos Regierung. Und jetzt kommt die Pointe: 1862, im selben Jahr, in dem das Tor fertig wurde, stürzten die Griechen Otto, und er kehrte nach Bayern zurück. Ein Triumphtor für einen König, der gerade durch die Hintertür nach Hause kam.

    Der Platz hinter dir hat auch eine dunkle Zeit erlebt. Im Mai 1933 brannten hier Bücher, und ab 1935 ließen die Nationalsozialisten die Wiese mit Granitplatten pflastern, als Aufmarschgelände für ihre Feiern. Die Münchner nannten den steinernen See spöttisch Plattensee, nach dem großen See in Ungarn. Ein griechisches Forum war zur Kulisse für Fackelzüge und Totenkult geworden. Nach dem Krieg parkten hier jahrzehntelang Autos, und erst 1988 kamen die Platten weg und das Gras zurück.

    Heute liegt hier im Sommer halb München auf der Wiese, und bei Open-Air-Konzerten vor den Säulen fühlt sich der Platz endlich so an, wie Ludwig ihn gemeint hat: als Bühne. Dreh dich jetzt nach Nordwesten. Hinter dem Tor, an der Luisenstraße, leuchtet eine ockergelbe Villa mit Garten. Dort wartet der Blaue Reiter.

  7. 7. Lenbachhaus und der Blaue Reiter

    Luisenstraße 33, 80333 München, Germany

    Vor dir liegt eine ockergelbe Villa, wie aus der Toskana hierher verpflanzt, mit Loggia, Brunnen und einem kleinen Garten. Daneben glänzt ein moderner Anbau, dessen Fassade aus goldfarbenen Metallstäben im Licht schimmert. Alt und neu, Sonnenuntergang und Blitzlicht... und drinnen hängt eine Revolution.

    Gebaut wurde die Villa von 1887 bis 1891 von Gabriel von Seidl für Franz von Lenbach, den Malerfürsten. Lenbach malte die Mächtigen seiner Zeit, allen voran Bismarck, den er Dutzende Male porträtierte. Er war reich, gefeiert und konservativ, und von dem, was nach ihm kam, hätte er vermutlich wenig gehalten. 1924 verkaufte seine Witwe das Haus an die Stadt, und 1929 wurde es zur Städtischen Galerie.

    Diese Revolution heißt Der Blaue Reiter. Um 1911 taten sich in München Wassily Kandinsky und Franz Marc zusammen, organisierten Ausstellungen und gaben 1912 einen Almanach heraus. Den Namen, so erzählte Kandinsky später, fanden sie am Kaffeetisch: Beide liebten Blau, Marc liebte Pferde, Kandinsky Reiter. Farbe sollte nicht mehr abbilden, sondern fühlen, und Kandinsky wagte als einer der Ersten Bilder ganz ohne Gegenstand.

    Dass diese Bilder heute hier hängen, verdankt München einer einzigen Frau: Gabriele Münter. Sie war Malerin und jahrelang Kandinskys Lebensgefährtin. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, ging er zurück nach Russland und kam nie mehr zu ihr zurück. Münter behielt seine Werke, und in der Zeit des Nationalsozialismus, als diese Kunst als entartet galt, versteckte sie sie mit Freunden im Keller ihres Hauses in Murnau. Sie überstanden Diktatur und Krieg im Verborgenen, und kaum jemand ahnte, was in diesem unscheinbaren Keller in Oberbayern lagerte.

    1957, zu ihrem 80. Geburtstag, schenkte Münter der Stadt Hunderte Werke, darunter Dutzende Gemälde Kandinskys und eigene Bilder. Über Nacht wurde das Lenbachhaus weltberühmt. Hier hängt auch Franz Marcs Blaues Pferd von 1911... Marc selbst fiel 1916 vor Verdun. Geh nun die Luisenstraße nach Norden, bieg rechts in die Gabelsbergerstraße und folge ihr, bis vor dir ein langer Bau aus Backstein auftaucht.

  8. 8. Alte Pinakothek: Dürer und die sichtbaren Narben

    Barer Straße 27, 80333 München, Germany

    Lauf ein Stück an der langen Südfassade entlang und schau genau auf die Wand. In der Mitte ändert sich das Mauerwerk: Statt fein gegliederter Ziegel und Bogenfenster siehst du eine schlichte, rohe Fläche aus anderen Ziegeln, schmucklos und ehrlich. Das ist keine Laune eines Architekten. Das ist eine Narbe.

    Die Alte Pinakothek entstand von 1826 bis 1836 nach Plänen von Leo von Klenze, und sie gehörte damals zu den modernsten Museumsbauten der Welt. Oberlichter, eine lange Flucht von Sälen, alles für die Gemälde der Wittelsbacher gedacht. Ein Saal ist so hoch, dass Rubens' Großes Jüngstes Gericht hineinpasst, ein Bild von über sechs Metern Höhe.

    Im Zweiten Weltkrieg trafen Bomben das Haus schwer, die Südseite riss auf. Nach dem Krieg diskutierte man ernsthaft über den Abriss. Der Architekt Hans Döllgast rettete den Bau in den Fünfzigerjahren, aber er rekonstruierte nicht: Er schloss die Lücke mit Trümmerziegeln und setzte die große Treppe in den zerstörten Teil. Damals verspottet, heute als Meisterwerk des Wiederaufbaus gefeiert... ein Gebäude, das nicht so tut, als sei nichts gewesen.

    Drinnen wartet einer der berühmtesten Blicke der Kunstgeschichte: Albrecht Dürers Selbstbildnis von 1500. Dürer, damals achtundzwanzig, schaut dich frontal an, mit langen Locken und einem pelzbesetzten Rock, und er hat sich gemalt, wie man sonst nur Christus malte. Ein Künstler, der sich selbst zur Ikone macht, ein halbes Jahrtausend vor dem Selfie. Schau dir drinnen seine rechte Hand an, wie sie den Pelz greift... jedes einzelne Haar ist gemalt, als wolle Dürer sagen: Das kann nur ich.

    Auch Dürers Vier Apostel hängen hier, und mit ihnen eine Nürnberger Kränkung. Dürer schenkte die Tafeln 1526 seiner Heimatstadt, doch 1627 holte Kurfürst Maximilian I. sie nach München. Die Bibelzitate darunter, mit lutherischem Beigeschmack, ließ man absägen und schickte sie nach Nürnberg zurück... erst 1922 kamen Bild und Text wieder zusammen. Geh jetzt über die Theresienstraße nach Norden, zu dem Bau mit den Erkern und Rampen.

  9. 9. Neue Pinakothek

    Barer Straße 29, 80799 München, Germany

    Auf der anderen Seite der Theresienstraße erhebt sich ein Bau mit Rampen, Erkern und Natursteinwänden, ein bisschen wie eine Burg aus den Achtzigerjahren. Kein Klassizismus, keine Säulen... und trotzdem gehört er zu Ludwigs Vermächtnis. Die Münchner haben sich an den Bau lange reiben müssen, inzwischen gehört er einfach dazu, wie der Föhn im Herbst.

    Denn die Neue Pinakothek war eine Idee Ludwigs I. Während die Alte Pinakothek die Alten Meister zeigte, sollte dieses Haus die Kunst seines eigenen Jahrhunderts sammeln, und das war damals eine kleine Sensation: ein Museum für Zeitgenossen. Der erste Bau von August von Voit, demselben Architekten, der den Glaspalast entwarf, wurde 1853 eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, wurde er abgetragen, und erst 1981 öffnete das heutige Gebäude von Alexander von Branca.

    Die Sammlung reicht von der Romantik bis zum Jugendstil. Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg, Manet, Monet, und eine Fassung von van Goghs Sonnenblumen gehören dazu. Viele der Franzosen kamen durch Hugo von Tschudi, einen Direktor, der um 1910 moderne französische Kunst kaufte, als das in Deutschland noch als Wagnis galt. Seine Erwerbungen wurden nach seinem Tod von Förderern bezahlt und als Tschudi-Spende bekannt. Ohne diesen Sturkopf hätte München heute deutlich weniger Impressionisten.

    Seit 2019 ist die Neue Pinakothek geschlossen. Das Gebäude wird saniert, die Rampen sind leer, die Säle dunkel. Einige Hauptwerke sind in der Zwischenzeit in der Alten Pinakothek zu Gast... du bist also gerade an manchen von ihnen vorbeigegangen. Ein Museum, das schläft, ist trotzdem ein Museum: Die Sammlung ist da, sie wartet nur.

    Und ein Bild aus dieser Sammlung passt geradezu perfekt zur Lage: Spitzwegs Armer Poet. Ein Dichter liegt in seiner Dachkammer im Bett, und über ihm hängt ein aufgespannter Regenschirm, weil es durch das Dach tropft. Ein Haus mit Baustelle, ein Bild über ein undichtes Dach... ein bisschen Münchner Humor muss erlaubt sein. Geh nun die Theresienstraße nach Osten, bis dich eine Fassade in dreiundzwanzig Farben anblinzelt.

  10. 10. Museum Brandhorst und Türkentor

    Theresienstraße 35a, 80333 München, Germany

    Tritt nah an die Fassade heran und streich mit dem Blick darüber: Sie besteht aus Tausenden senkrechter Keramikstäbe, glasiert in dreiundzwanzig Farben. Aus der Ferne verschwimmen sie zu einem bunten Schimmer, aus der Nähe sind sie einzelne Striche, wie ein riesiges Gemälde, das sich beim Gehen verändert. Geh ein paar Schritte hin und her und beobachte, wie die Farbe mit dir wandert.

    Das Museum Brandhorst eröffnete 2009, entworfen vom Berliner Büro Sauerbruch Hutton. Rund sechsunddreißigtausend Stäbe tragen die Fassade, und sie haben einen praktischen Zweck: Sie schlucken den Lärm der Straße. Dahinter steckt die Sammlung von Udo und Anette Brandhorst, die über Jahrzehnte Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zusammentrugen, und die sie dem Freistaat anvertrauten.

    Zwei Namen prägen das Haus: Andy Warhol und Cy Twombly. Für Twomblys Lepanto-Zyklus, zwölf große Gemälde über die Seeschlacht von 1571, gibt es einen eigenen Saal. Galeeren als Farbexplosionen, Feuer und Wasser in Rot, Gelb und Blau... und man steht mittendrin wie auf einem Schiff, das gerade brennt. Warhol dagegen ist mit Suppendosen, Stars und Wiederholungen vertreten, kühl und laut zugleich. Zwei Temperamente unter einem Dach, ungefähr so verschieden wie Weißwurst und Sushi.

    Gleich daneben steht ein Überbleibsel, das kaum jemand beachtet: das Türkentor. Es ist das letzte Stück der Türkenkaserne aus dem 19. Jahrhundert, die im Krieg zerstört wurde. Heute steht im Inneren nur ein einziges Kunstwerk: eine polierte Kugel aus rotem Granit von Walter De Maria, über zweieinhalb Meter im Durchmesser. In der stillen Halle wirkt sie wie ein gelandeter Planet, und in ihrer glatten Oberfläche spiegelt sich das alte Gemäuer.

    Und warum heißt hier alles Türken? Der Überlieferung nach mussten um 1700 türkische Kriegsgefangene für Kurfürst Max Emanuel einen Kanal graben, den Türkengraben. Der Graben ist längst verschwunden, aber die Türkenstraße erinnert noch an ihn. Geh jetzt ein paar Schritte nach Südwesten, zu dem großen hellen Bau aus Sichtbeton und Glas.

  11. 11. Pinakothek der Moderne

    Barer Straße 40, 80333 München, Germany

    Vor dir steht eine kühle, helle Front aus Sichtbeton, schlanke Stützen und hohe Glasflächen, ganz ohne Säulenkapitelle oder Giebel. Nach Klenzes Tempeln wirkt das fast nackt. Aber genau so ist es gemeint: Hier endet unser Spaziergang durch zweieinhalb Jahrtausende Kunst in der Gegenwart.

    Die Pinakothek der Moderne öffnete 2002, entworfen von Stephan Braunfels. Unter einem Dach wohnen vier Museen: die Sammlung Moderne Kunst, Die Neue Sammlung für Design, das Architekturmuseum der Technischen Universität und die Staatliche Graphische Sammlung. Im Zentrum liegt eine runde Halle unter einer gläsernen Kuppel, von der aus sich alle Wege verzweigen. Bezahlt hat den Bau nicht nur der Freistaat: Münchner Bürger und Unternehmen haben über eine Stiftung kräftig mitgeholfen.

    Besonders die Designsammlung überrascht. Die Neue Sammlung wurde schon 1925 gegründet und gilt als eines der ältesten Designmuseen der Welt. Hier stehen Stühle, Lampen, Computer und sogar Autos wie Skulpturen auf dem Sockel, und plötzlich wird die Kaffeemaschine zur Kunst, an der du jeden Morgen vorbeiläufst.

    Dass München so ein Haus für die Moderne hat, ist keine Selbstverständlichkeit. 1937 zeigten die Nationalsozialisten genau hier in München die Hetzschau Entartete Kunst, in der sie Werke von Kandinsky, Marc, Beckmann und vielen anderen verhöhnten. Über zwei Millionen Menschen sahen sie. Bilder wurden aus Museen beschlagnahmt, verkauft oder zerstört. Heute hängen Beckmann, Picasso und die Expressionisten wieder hier, in einem Museum, das ausdrücklich für sie gebaut wurde.

    Denk zurück an den Anfang: ein Brunnen für sauberes Wasser, ein König, der Athen an die Isar holen wollte, eine Malerin, die Bilder im Keller versteckte, ein Architekt, der Wunden nicht verputzte. Das Kunstareal ist nicht nur eine Ansammlung von Museen... es ist die Geschichte, wie eine Stadt immer wieder entschieden hat, was ihr Kunst wert ist. Die Barer Straße führt dich zurück Richtung Altstadt, oder du gehst einfach hinein. Servus, und viel Freude beim Schauen.