Jenseits der Isar: Verborgenes München zwischen Praterinsel, Haidhausen und der Au
Vom stillen Kabelsteg über die Herbergen der Tagelöhner und das prächtigste Volksbad Münchens bis zur Auer Dult und zum Starkbier am Nockherberg
Munich · 11 stops · 28 min audio · Generated
-
1. Praterinsel & Kabelsteg: Die stille Insel in der Isar
Praterinsel 5, 80538 München, Germany
Bleib mitten auf dem schmalen Kabelsteg stehen und hör einfach hin: Links und rechts rauscht die Isar, grün und schnell, und vor dir liegt eine Insel mit alten Bäumen, Backsteinbauten und Kieswegen, auf denen kaum jemand unterwegs ist. Willkommen auf der Praterinsel... einem der stillsten Flecken mitten in München, keine zehn Minuten vom Marienplatz entfernt. Der Fluss teilt sich hier in zwei Arme, und die Insel liegt dazwischen wie ein Schiff, das vor Anker gegangen ist.
Der Name klingt nach Wien, und das ist kein Zufall. Im frühen 19. Jahrhundert eröffnete hier ein Wirt ein Ausflugslokal und taufte es nach dem berühmten Wiener Prater, dem Vergnügungspark an der Donau. Die Münchner kamen am Sonntag über die Brücken, tranken Bier unter Bäumen und schauten aufs Wasser. Die Insel war damals so etwas wie ein Biergarten mit Fluss rundherum.
Später roch es hier ganz anders. Später zog die Firma Riemerschmid auf die Insel und brannte in den Backsteinhallen Liköre und setzte Essig an, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Und der Steg, auf dem du stehst, verrät seine eigene Geschichte schon im Namen: Er trug einst Stromkabel über den Fluss. Drüben am Ostufer siehst du das Muffatwerk, ein altes Elektrizitätswerk, in dem heute Konzerte statt Turbinen laufen.
Das größte Haus der Insel gehört seit 1911 den Bergen. Der Deutsche Alpenverein richtete hier sein Alpines Museum ein, in einem Gebäude, das vorher selbst ein Gasthaus gewesen war. Im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen, blieb es lange ein halbes Haus, bevor es wieder öffnete... mit Bibliothek, Archiv und Ausstellungen über Gipfel, Hütten und die Menschen, die sie erklettert haben. Mitten in der Großstadt, auf einem Stück Flusskies, sitzt also das Gedächtnis der Alpen. Wer nach einer alten Hütte, einem vergessenen Steig oder dem Bericht einer frühen Erstbesteigung sucht, wird in diesem Archiv fündig.
Das Schönste hier ist aber das, was fehlt: Autos, Lärm, Menschenmengen. Viele Münchner wissen gar nicht, dass man die Insel einfach betreten darf. Geh jetzt über den Steg ans Ostufer und dann die Anlagen hinauf zu dem gewaltigen Bau, dessen Bögen schon durch die Bäume schimmern: das Maximilianeum.
-
2. Maximilianeum: Ein Palast für Abgeordnete und Hochbegabte
Max-Planck-Straße 1, 81675 München, Germany
Dreh dich mit dem Rücken zum Portal und schau die Maximilianstraße hinunter: schnurgerade, über die Brücke, durch das Forum, bis tief hinein in die Altstadt. Diese Achse ist kein Zufall. Sie wurde gebaut, damit genau dieses Gebäude am Ende stehen kann wie ein Schlussakkord.
Bauherr war König Maximilian II., ein nachdenklicher Monarch, der lieber Professoren als Generäle um sich hatte. Sein Programm hieß Fortschritt durch Bildung: Gelehrte sollten den König beraten, Künstler sollten Bayern ein modernes Gesicht geben. Er wollte einen eigenen, neuen Baustil erfinden, weder rein gotisch noch rein klassisch, und die Münchner nennen das Ergebnis bis heute den Maximilianstil. 1857 wurde der Grundstein gelegt, der Architekt hieß Friedrich Bürklein. Fertig war der Bau erst 1874, da war der König längst tot.
Und jetzt die eigentliche Überraschung. Gedacht war das Maximilianeum nicht für Politiker, sondern für junge Talente. Max II. gründete eine Stiftung für besonders begabte bayerische Abiturienten, und die gibt es noch heute: Stipendiatinnen und Stipendiaten wohnen und studieren in diesem Haus, Juristinnen neben Physikern, Musiker neben Medizinerinnen, und sie bekommen vor allem eines: Gesellschaft von klugen Köpfen. Unter demselben Dach, ein paar Flure weiter, tagt seit 1949 der Bayerische Landtag. Wo sonst lernt man fürs Examen, während nebenan Gesetze beschlossen werden?
Auch der Bayerische Senat hatte hier seinen Sitz, eine zweite Kammer aus Vertretern von Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft, einzigartig in Deutschland. 1998 schafften die Bayern ihn per Volksentscheid ab. Das Haus ist also auch ein Denkmal dafür, dass Bürger ihre eigene Verfassung ändern können.
Wenn die Abendsonne von Westen auf die Fassade fällt, leuchtet der helle Stein, und der ganze Bau scheint über der Stadt zu schweben. Das ist die Stunde, in der Einheimische auf den Treppen sitzen und hinunterschauen. Rundherum ziehen sich die Maximiliansanlagen am Hochufer entlang, ein Park, der die Fassade einrahmt wie eine Bühne. Geh jetzt nach rechts, hinter dem Bau entlang und hinüber nach Haidhausen, zum Wiener Platz mit seinem Maibaum.
-
3. Wiener Platz & Hofbräukeller: Maibaum, Standl und ein dunkles Kapitel
Innere Wiener Straße 19, 81667 München, Germany
Schau zuerst nach oben: Ein weiß-blau geringelter Maibaum ragt über den Platz, behängt mit Zunftzeichen, und darunter drängen sich kleine Holzstandl mit Obst, Blumen und Brezen, als wäre Haidhausen noch immer ein Dorf vor den Toren der Stadt. Genau das war es auch, sehr lange.
Haidhausen ist älter als München selbst. Schon um 800 taucht der Ort in einer Urkunde auf, als Heidhusir, Jahrhunderte bevor Heinrich der Löwe drüben an der Isar seinen Markt gründete. Erst 1854 wurde Haidhausen eingemeindet, zusammen mit der Au und Giesing. Die Standl auf dem Platz sind übrigens keine Buden für ein Fest, sondern feste kleine Häuschen, in denen das ganze Jahr über verkauft wird. Und der Maibaum? Der wird in Bayern gern von den Nachbarn gestohlen, und wer ihn zurückwill, zahlt Lösegeld in Bier und Brotzeit... deshalb wird er vor dem Aufstellen tagelang bewacht.
Das große Haus mit dem Biergarten an der Ecke ist der Hofbräukeller. Im späten 19. Jahrhundert verlegte die Hofbräu-Brauerei ihre Produktion aus der engen Altstadt hierher nach Haidhausen, auf das Isarhochufer. Der Grund liegt unter deinen Füßen: In den Hang ließen sich tiefe Keller graben, in denen das Bier auch im Sommer kühl blieb. Über den Kellern pflanzte man Kastanien, deren Schatten den Boden zusätzlich kühlte... und weil man dort ohnehin saß, war der Biergarten geboren.
Dieser Saal hat aber auch eine Geschichte, die man nicht weglassen darf. Im Oktober 1919 sprach hier, bei einer kleinen Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei, ein damals völlig unbekannter Redner zum ersten Mal öffentlich: Adolf Hitler. Ein Bierkeller wie viele andere in München, und doch einer der Orte, an denen eine Katastrophe ihren Anfang nahm. Diese Stadt hat lange gebraucht, über solche Orte offen zu sprechen.
Heute sitzen hier Studierende, Familien und alte Haidhauser beim Feierabendbier, und der Platz ist wieder, was er immer war: ein Treffpunkt. Geh jetzt die Innere Wiener Straße ein Stück weiter und biege rechts zum Johannisplatz ab, wo der hohe Kirchturm steht.
-
4. Johannisplatz: Das alte Dorfherz von Haidhausen
Johannisplatz, 81667 München, Germany
Stell dich unter die Bäume und leg den Kopf in den Nacken: Der Turm von St. Johann Baptist schießt aus rotem Backstein steil nach oben, spitz wie ein Bleistift, viel zu groß, möchte man meinen, für diesen stillen Platz mit Bänken und spielenden Kindern.
Genau dieser Widerspruch erzählt die Geschichte von Haidhausen. Hier stand jahrhundertelang die Kirche eines Dorfes, ein kleines Gotteshaus für Bauern, Fuhrleute und Ziegelarbeiter. Dann wuchs der Ort im 19. Jahrhundert explosionsartig, und die Gemeinde baute sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts diesen neugotischen Riesen. Die alte Dorfkirche blieb daneben stehen, wie ein kleiner Bruder, der nicht weichen wollte.
Warum wuchs Haidhausen so schnell? Wegen des Lehms. Der Boden östlich der Isar lieferte Ton für Ziegel, und in den Ziegeleien rund um Haidhausen wurden die Steine gebrannt, mit denen das wachsende München gebaut wurde. Die Arbeit war hart und saisonal, viele Ziegler kamen von weit her, aus dem Friaul oder aus Böhmen, und wohnten in engsten Verhältnissen. Die prächtigen Fassaden drüben in der Altstadt... sie stehen zu einem guten Teil auf der Arbeit dieser Leute.
Und noch etwas: Ein paar Straßen weiter südöstlich beginnt das sogenannte Franzosenviertel. Nach dem Krieg von 1870 und 1871 legte man dort ein ganzes Quartier an und benannte die Straßen nach Schlachtorten: Wörth, Sedan, Weißenburg, Orleans. Heute ist dort von Kriegsstimmung nichts mehr zu spüren, nur Cafés, Altbauten und Fahrräder... und ein Bahnhof, der ausgerechnet Ostbahnhof heißt, an einem Platz, der nach einer französischen Stadt benannt ist.
Wer genauer hinschaut, findet in den Seitengassen noch niedrige Häuschen aus der Zeit, als Haidhausen arm war. In der Kirchenstraße sammelt ein kleines Stadtteilmuseum die Erinnerungen an dieses alte Haidhausen. Eines dieser Häuschen schauen wir uns gleich an. Geh ein kleines Stück nach Südosten bis zur Preysingstraße, dort wartet ein Holzhaus, das schon einmal umgezogen ist.
-
5. Kriechbaumhof & die Herbergen: Wohnen auf kleinstem Raum
Preysingstraße 71, 81667 München, Germany
Vor dir steht ein Haus, das aussieht, als hätte man es aus einem Bergdorf hierher getragen: Holz, ein flaches Dach, eine Außentreppe, kleine Fenster mit Blumenkästen. Rundherum Altbauten und Autos... und mittendrin dieses Häuschen, als wäre die Zeit an ihm vorbeigegangen.
Das ist der Kriechbaumhof, benannt nach einem früheren Besitzer, und er hat tatsächlich schon einmal den Standort gewechselt. Ursprünglich stand er an anderer Stelle in Haidhausen. Als er in den 1970er-Jahren einem Neubau weichen sollte, wurde er Balken für Balken abgetragen und später hier an der Preysingstraße wieder aufgebaut. Heute nutzt ihn die Jugend des Alpenvereins... ein Berghaus mitten in der Stadt, das passt. Holz, Laube, Außentreppe: So schlicht waren viele dieser Häuser gezimmert, oft von den Bewohnern selbst.
Häuser wie dieses nannte man Herbergen. In ihnen lebten Tagelöhner, Ziegelarbeiter, Wäscherinnen und kleine Handwerker, die sich ein Haus innerhalb der Stadt nie hätten leisten können. Das Besondere: Oft gehörte nicht das ganze Haus einer Familie, sondern nur ein Teil, ein Stockwerk, eine Stube, manchmal ein einzelnes Zimmer. Man könnte sagen, Haidhausen und die Au haben das Wohnungseigentum erfunden, lange bevor es ein Gesetz dafür gab... aus purer Not. Und weil sich mehrere Parteien ein Dach teilten, wurde natürlich gestritten, über undichte Ziegel, Treppen und den Brunnen im Hof. Die Eigentümerversammlung ist also auch keine moderne Erfindung.
Die meisten Herbergen wurden im 19. und 20. Jahrhundert abgerissen, als Mietshäuser die Hänge eroberten. Dass einige überlebt haben, ist Bürgern zu verdanken, die in den 1970er-Jahren gegen den Abriss ganzer Straßenzüge protestierten. Haidhausen wurde damals saniert statt planiert, und genau das macht das Viertel heute so begehrt. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Die Quartiere der Ärmsten zählen heute zu den teuersten Adressen der Stadt.
Achte auf dem Weg nach Westen auf die niedrigen Häuser zwischen den hohen, manche nur zwei Fenster breit. Folge jetzt der Preysingstraße zurück Richtung Isar bis zum großen Backsteinbau an der Rosenheimer Straße, dem Gasteig.
-
6. Gasteig: Der steile Steig, ein Bierkeller und ein Kulturberg
Rosenheimer Straße 5, 81667 München, Germany
Spür einmal, wie die Straße unter dir abfällt: Die Rosenheimer Straße stürzt hier regelrecht zur Isar hinunter, und neben dir türmt sich ein Gebirge aus rotem Backstein und Glas, kantig, verschachtelt, mit Terrassen und Treppen. Das ist der Gasteig, und schon sein Name beschreibt, was deine Waden gerade merken.
Gasteig kommt vom alten bairischen gacher Steig, also steiler Anstieg. Über diesen Hang zogen jahrhundertelang Fuhrwerke, die aus der Stadt nach Osten wollten, Richtung Wasserburg und Salzburg, und die Pferde mussten hier ihr Letztes geben. Im Mittelalter stand am Gasteig außerdem ein Siechenhaus für Leprakranke, bewusst vor den Toren der Stadt, und ein kleines Kirchlein in der Nähe erinnert bis heute an diese Zeit.
Ein paar Schritte weiter, wo heute ein Hotel und ein Bürohaus stehen, lag einst der Bürgerbräukeller, einer der großen Bierkeller der Stadt. Dort begann am 8. November 1923 der Hitlerputsch, der am nächsten Tag an der Feldherrnhalle zusammenbrach. Und dort ließ der Schreiner Georg Elser am 8. November 1939 eine Bombe explodieren, die er wochenlang nachts in eine Säule eingebaut hatte. Hitler hatte den Saal wenige Minuten zuvor verlassen. Elser wurde gefasst und im April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Eine Gedenkplatte im Boden erinnert an ihn... schau beim Weitergehen ruhig nach unten.
Der Gasteig selbst wurde 1985 eröffnet, mit der Philharmonie, der Stadtbibliothek, der Volkshochschule und einer Musikhochschule unter einem Dach. Spötter nannten ihn Kulturbunker, und über die Akustik der Philharmonie wurde jahrzehntelang leidenschaftlich gestritten. Seit 2021 spielen die Münchner Philharmoniker in einem Ausweichquartier in Sendling, der Isarphilharmonie. Der Bau hier wartet auf seine Generalsanierung, und wann und wie sie kommt, darüber wird in München seit Jahren diskutiert.
So steht der Gasteig da wie ein Berg, der auf seine nächste Epoche wartet. Geh jetzt die Rosenheimer Straße hinunter Richtung Fluss, und kurz vor der Brücke wartet ein Palast aus Stein und Kupfer, in dem man schwimmen kann.
-
7. Müller'sches Volksbad: Baden wie in einem Palast
Rosenheimer Straße 1, 81667 München, Germany
Vor dir erhebt sich ein Bau, den du auf den ersten Blick für eine Kirche oder ein Schlösschen halten könntest: ein Turm, eine Kuppel, Giebel, Figuren, geschwungene Dächer mit grüner Patina. Und dann steht da ganz nüchtern über der Tür: Volksbad. Ein Schwimmbad also.
Hinter diesem Prunk steckt ein großzügiger Mensch. Karl Müller, ein Münchner Ingenieur, vermachte der Stadt ein Vermögen mit einer klaren Bedingung: Davon sollte ein Bad gebaut werden, für die einfachen Leute. Um 1900 hatten die meisten Wohnungen in der Au und in Haidhausen weder Bad noch Dusche. Man wusch sich in der Küche, wenn überhaupt, und in den engen Herbergen breiteten sich Krankheiten aus. Nach den Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts hatte der Münchner Hygieniker Max von Pettenkofer der Stadt eingeschärft, dass sauberes Wasser Leben rettet, und öffentliche Bäder gehörten zu diesem großen Aufräumen.
Der Architekt Carl Hocheder machte daraus ein Fest. 1901 wurde das Volksbad eröffnet, und es galt damals als eines der größten und teuersten Hallenbäder der Welt. Unter einem gewaltigen Tonnengewölbe liegt die große Schwimmhalle, daneben eine kleinere, ursprünglich getrennt für Männer und Frauen. Dazu kamen Wannen- und Brausebäder für alle, die einfach nur sauber werden wollten, und ein römisch-irisches Schwitzbad unter einer Kuppel, wie in einem antiken Thermenpalast.
Das Verrückte: Es ist bis heute ein ganz normales städtisches Bad. Du kannst hier zwischen Jugendstilornamenten, Wasserspeiern und Bronzefiguren deine Bahnen ziehen, als wärst du ein Badegast vor über hundert Jahren. Auch das Schwitzbad unter der Kuppel ist noch in Betrieb, und an manchen Tagen fühlt man sich hier eher in Budapest oder Wien als an der Isar. Schau dir draußen die Details an, die Tiere, die Masken, die Muscheln... jede Ecke erzählt vom Wasser.
Ein Ingenieur, der sein Geld nicht für ein Denkmal seiner selbst ausgab, sondern für saubere Hände und warme Füße der Nachbarschaft, das ist eine seltene Geschichte. Geh jetzt auf die Ludwigsbrücke hinaus, über den ersten Isararm, und halte in der Mitte an, mit Blick auf die Insel mit dem großen Museum.
-
8. Ludwigsbrücke & Deutsches Museum: Wo München begann
Museumsinsel 1, 80538 München, Germany
Stütz dich aufs Geländer und schau flussaufwärts: Vor dir teilt sich die Isar um eine lange Insel, und darauf thront ein mächtiger Bau mit einem Turm, an dem Instrumente das Wetter messen. Das ist das Deutsche Museum. Aber die Geschichte dieser Stelle ist noch viel älter als die Technik darin.
Ungefähr hier begann München. Im 12. Jahrhundert floss das Salz aus Reichenhall auf dem Weg nach Westen über eine Brücke bei Föhring, die dem Bischof von Freising gehörte, und der kassierte den Zoll. Herzog Heinrich der Löwe fand das unerträglich. Er ließ die Brücke zerstören und eine neue Isarquerung bei einer kleinen Siedlung bauen, die man nach den Mönchen benannte: bei den Munichen. 1158 bestätigte der Kaiser in Augsburg das Ergebnis dieses Handstreichs... und dieses Dokument gilt bis heute als Geburtsurkunde der Stadt.
Die Insel selbst hieß lange Kohleninsel. Hier legten Flöße an, hier lagerten Holz und Kohle, hier stand zeitweise eine Kaserne. Ein Ort für Arbeit und Schmutz, nicht für Bildung. Wer heute über die gepflegten Wege rund um das Museum läuft, ahnt nichts mehr von Rußgeruch und Holzstapeln.
Das änderte ein Mann mit einer Vision: Oskar von Miller, Ingenieur und Pionier der Stromübertragung. 1903 gründete er ein Museum für Naturwissenschaft und Technik, in dem man Maschinen nicht nur anschauen, sondern verstehen sollte, mit Knöpfen zum Drücken und Modellen zum Bewegen. Er überredete Firmen, Forscher und Ingenieure, Originale zu stiften: Flugzeuge, Lokomotiven, Maschinen, sogar ein ganzes U-Boot. Der große Bau auf der Insel wurde 1925 eröffnet, und das Deutsche Museum wurde zu einem der größten Technikmuseen der Welt. Seit Jahren wird es abschnittsweise modernisiert, Stück für Stück, wie ein riesiges Uhrwerk, das man im Laufen repariert.
Ganze Generationen Münchner Kinder haben hier ihren ersten Blitz im Hochspannungsraum gesehen und sich im nachgebauten Bergwerk gegruselt. Geh jetzt am Ostufer ein Stück flussaufwärts nach Süden, die Treppen hinunter ans Wasser, bis zur Corneliusbrücke, wo die Isar wieder wild aussehen darf.
-
9. Isarauen an der Corneliusbrücke: Ein Fluss darf wieder wild sein
Corneliusbrücke, 81541 München, Germany
Geh ruhig bis ans Wasser und hock dich auf die runden Kiesel: Das Wasser ist erstaunlich klar, grünlich, kalt, es kommt direkt aus den Bergen, und an warmen Tagen liegen hier Leute auf Handtüchern, als wäre das ein Strand und nicht die Mitte einer Millionenstadt.
Der Name Isar wird oft als die Reißende gedeutet, und das passt. Früher war sie ein Wildfluss, der sich ständig neue Betten suchte, Kies verschob und bei Hochwasser alles mitnahm. Beim großen Hochwasser von 1899 riss sie in München sogar Brücken ein. Im 19. und 20. Jahrhundert zwängte man sie deshalb in ein gerades Bett mit steilen Betonufern... sicher, aber tot. Dazu kam, dass Kraftwerke weiter oben viel Wasser ableiten, und seit Ende der 1950er-Jahre bändigt der Sylvensteinspeicher in den Bergen die schlimmsten Fluten.
Dann kam die Wende. Ab dem Jahr 2000 bauten Stadt und Freistaat die Isar auf rund acht Kilometern südlich des Deutschen Museums um. Die Betonkanten verschwanden, flache Kiesufer entstanden, Inseln, Buchten und Rampen, über die das Wasser rauscht. Der Hochwasserschutz wurde dabei sogar verbessert, nur eben versteckt, hinter den Ufern statt im Fluss. Seit dem Abschluss des Projekts gilt die Münchner Isar als Vorbild dafür, wie man einen Stadtfluss zurückgeben kann.
Und die Münchner haben das Geschenk angenommen. Im Sommer wird hier gegrillt, gebadet, gelesen. Auch die Natur ist zurückgekehrt: Biber nagen an den Weiden, und mit etwas Glück schießt ein Eisvogel als blauer Blitz über das Wasser. Weiter südlich kommen sogar noch Flöße an, große hölzerne Plattformen, die aus dem Oberland flussabwärts treiben, mit Blaskapelle und Bierfass an Bord... eine alte Handelsroute, die zur Gaudi geworden ist.
Nur eines darfst du nie vergessen: Die Isar bleibt ein Gebirgsfluss. Nach Gewittern in den Bergen steigt sie schnell, und die Strömung ist stärker, als sie aussieht. Steig jetzt wieder die Uferböschung hinauf und geh in die Au hinein, nach Osten zum großen Platz mit der neugotischen Kirche, dem Mariahilfplatz.
-
10. Mariahilfplatz & Auer Dult: Häferl, Herbergen und Hochwasser
Mariahilfplatz, 81541 München, Germany
Vor dir öffnet sich ein weiter, fast leerer Platz, und in seiner Mitte steht eine Kirche aus Backstein mit einem spitzen, durchbrochenen Turm, der in den Himmel zeigt wie ein steinernes Ausrufezeichen. An den meisten Tagen parken hier Autos und Tauben picken. Aber stell dir den Platz an neun Tagen im Frühling vor...
denn dreimal im Jahr verwandelt er sich. Dann ist Auer Dult: im Frühjahr die Maidult, im Hochsommer die Jakobidult, im Herbst die Kirchweihdult. Hunderte Stände verkaufen Kochtöpfe, Holzlöffel, Bürsten, Steingut, alte Bücher, Antiquitäten und Trödel, dazwischen ein Kettenkarussell und Schiffschaukeln. Die Tradition solcher Märkte reicht in München bis ins 14. Jahrhundert zurück, und hier am Mariahilfplatz wird die Dult seit Anfang des 20. Jahrhunderts gefeiert. Wer in München ein Häferl, eine Tasse, oder einen Messbecher braucht, wartet oft einfach bis zur nächsten Dult.
Die Kirche dahinter, Mariahilf, wurde in den 1830er-Jahren nach Plänen von Joseph Daniel Ohlmüller gebaut. Sie gehört zu den frühen großen neugotischen Kirchen in Deutschland, damals eine kleine Revolution, denn man baute wieder Spitzbögen wie im Mittelalter. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt und danach wieder aufgebaut.
Die Au selbst war über Jahrhunderte das Armenviertel vor der Stadt. Sie liegt tief, direkt am Fluss, und wenn die Isar über die Ufer trat, stand das Wasser in den Stuben. In engen Gassen drängten sich Herbergen, wie du sie in Haidhausen gesehen hast, bewohnt von Flößern, Taglöhnern, Wäscherinnen und Handwerkern, die vom Wasser der Mühlbäche lebten. Die Auer galten in der Stadt als eigenes Völkchen, arm, aber stolz und schlagfertig. Erst 1854 wurde die Au ein Teil von München.
Wenn du genau hinschaust, entdeckst du in den Seitenstraßen noch einzelne niedrige Häuschen zwischen den Mietshäusern... Überlebende jener Zeit. Jetzt geht es zum Abschluss bergauf: Folge der Straße nach Süden den Hang hinauf, zum Nockherberg, wo Mönche einst ein sehr starkes Bier erfunden haben.
-
11. Paulaner am Nockherberg: Fastenbier und Derblecken
Hochstraße 77, 81541 München, Germany
Atme durch, du hast den Hang geschafft: Vor dir liegen der große Festsaal und ein Biergarten unter Kastanien, und hinter dir fällt der Nockherberg zurück in die Au ab. Hier oben endet unser Spaziergang, und zwar mit einer Geschichte über fromme Männer und sehr starkes Bier.
Im 17. Jahrhundert holte der bayerische Kurfürst Mönche aus Italien nach München, Paulaner, benannt nach dem heiligen Franz von Paola. Sie ließen sich unten in der Au nieder und hielten strenge Fastenzeiten. Feste Nahrung war da knapp, aber es galt der alte Grundsatz: Flüssiges bricht das Fasten nicht. Also brauten die Mönche ein besonders kräftiges, malziges Bier, ein flüssiges Brot für die Wochen vor Ostern.
Die Legende erzählt, die Mönche hätten sich Sorgen gemacht, ob so ein Genuss in der Fastenzeit überhaupt erlaubt sei, und ein Fass zum Papst nach Rom geschickt. Auf der langen Reise über die Alpen sei das Bier sauer geworden, der Papst habe gekostet, das Gesicht verzogen und gesagt: Das dürfen sie ruhig trinken, das ist Buße genug. Ob es so war? Niemand weiß es. Aber erzählt wird es hier bei jeder Maß.
Aus dem Fastenbier wurde der Salvator, und aus dem Ausschank wurde ein Ritual. Jedes Jahr zur Starkbierzeit kommt die bayerische Politik hierher, sitzt in der ersten Reihe und lässt sich derblecken, also öffentlich aufs Korn nehmen, von einer Fastenpredigt und einem Singspiel, live im Fernsehen. Wer gut einstecken kann, gewinnt Sympathien. Wer beleidigt schaut, hat verloren.
Die Brauerei selbst ist inzwischen an den Stadtrand gezogen, und auf dem alten Brauereigelände unten am Hang wohnen heute Menschen. Aber der Nockherberg bleibt der Ort, an dem München einmal im Jahr über sich selbst lacht. Von der Praterinsel bis hierher hast du die andere Seite der Isar gesehen: Herbergen, Bierkeller, ein Volksbad und einen Fluss, der wieder frei sein darf. Prost... und servus.