Siegesgöttin, Wolkenkratzer und die Kirche der Deutschen: Gran Vía & Malasaña in Madrid
Von der goldenen Kuppel am Anfang der Gran Vía über die Kirche, die eine Habsburgerin den Deutschen schenkte, bis zum Platz des Aufstands von 1808: Madrids Prachtstraße und ihr rebellisches Hinterland
Madrid · 11 stops · 27 min audio · Generated
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1. Edificio Metrópolis: Die Siegesgöttin am Anfang der Gran Vía
Calle de Alcalá 39, 28014 Madrid, Spain
Stell dich an die Ecke, an der die Calle de Alcalá und die Gran Vía auseinanderlaufen, und schau auf das weiße Gebäude, das sich wie ein Schiffsbug zwischen beide schiebt. Oben auf der dunklen Kuppel, umrahmt von goldenen Ornamenten, balanciert eine bronzene Siegesgöttin mit ausgebreiteten Flügeln... das wohl berühmteste Postkartenmotiv Madrids.
Das Edificio Metrópolis wurde 1911 eingeweiht, gebaut für die Versicherungsgesellschaft La Unión y el Fénix, nach Plänen der französischen Architekten Jules und Raymond Février. Deshalb wirkt es ein bisschen wie ein Stück Paris, das sich nach Madrid verlaufen hat. Ursprünglich stand ganz oben keine Göttin, sondern ein Phönix, das Wappentier der Versicherung. Als das Haus in den Siebzigerjahren den Besitzer wechselte, zog der Vogel um, und 1977 kam die Victoria von Federico Coullaut-Valera.
Und jetzt dreh dich zur Gran Vía. Diese Straße ist jünger, als sie aussieht. Am 4. April 1910 schlug König Alfonso XIII. mit einer silbernen Spitzhacke symbolisch auf ein altes Haus, und damit begann der große Abriss. Mehr als dreihundert Häuser und ein ganzes Gewirr aus Gassen verschwanden, damit Madrid endlich seinen Boulevard bekam. Gebaut wurde in drei Abschnitten, über viele Jahre, und jeder Abschnitt zeigt den Stil seiner Zeit, vom Pariser Prunk bis zur Moderne.
Das Schönste daran: Die Madrilenen lachten schon über die Gran Vía, lange bevor es sie gab. 1886 kam eine Zarzuela heraus, eine Madrider Operette mit dem Titel La Gran Vía, die das ewig verschobene Projekt verspottete. Die Melodien wurden zu Gassenhauern... und als die Bagger endlich anrückten, kannte die halbe Stadt die Lieder über eine Straße, die es noch gar nicht gab.
Wirf noch einen Blick auf den schmalen Bau schräg gegenüber, mit seinem runden Türmchen an der Spitze. Das ist das Edificio Grassy, gut hundert Jahre alt und benannt nach dem Juwelier, der später dort einzog. Zusammen bilden die beiden das Eingangstor zu einer Straße, die Madrid ins zwanzigste Jahrhundert katapultieren sollte. Geh jetzt die Gran Vía hinauf, leicht bergan, bis zum ersten echten Hochhaus der Stadt.
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2. Edificio Telefónica: Der erste Wolkenkratzer Madrids
Gran Vía 28, 28013 Madrid, Spain
Leg den Kopf in den Nacken: Vor dir wächst ein Turm aus hellem Stein in Stufen nach oben, unten verziert mit Barockschnörkeln, oben glatt und streng wie ein amerikanischer Wolkenkratzer. So sah 1929 die Zukunft aus... und sie gehörte einer Telefongesellschaft.
Die junge Compañía Telefónica Nacional de España, gegründet 1924 und eng mit dem amerikanischen Konzern ITT verbunden, wollte ein Zeichen setzen. Die Pläne entstanden unter amerikanischem Einfluss, ausgeführt vom Madrider Architekten Ignacio de Cárdenas, der die moderne Stahlkonstruktion in spanischen Barock kleidete. Mit 89 Metern war das Haus das höchste Gebäude Madrids, bis 1953 das Edificio España es überholte.
Sieben Jahre nach der Eröffnung lag die Front des Bürgerkriegs nur wenige Kilometer entfernt, am Westrand der Stadt. Der Turm war der beste Aussichtspunkt Madrids und deshalb ein Ziel: Die Artillerie der aufständischen Truppen beschoss ihn immer wieder, und die Gran Vía bekam den bitteren Spitznamen Avenida de los Obuses, Allee der Granaten. Granatsplitter rissen Löcher in den Stein, Passanten hasteten geduckt über die Kreuzungen. Trotz vieler Treffer blieb das Stahlskelett stehen.
Im Inneren saß die Zensurstelle für die ausländische Presse. Von hier telefonierten Korrespondenten aus aller Welt ihre Berichte hinaus, darunter Ernest Hemingway. Einer der Zensoren war der Schriftsteller Arturo Barea, der später im Exil seine Erinnerungen an diese Monate schrieb, in der Trilogie La forja de un rebelde. Die Reportagen, die die Welt über das belagerte Madrid las, gingen fast alle durch dieses Haus.
Heute zeigt die Fundación Telefónica in den unteren Etagen Ausstellungen über Technik, Kunst und Kommunikation. Und wenn du an der Fassade nach oben schaust, such die kleinen Balkone und Steinornamente, die noch ganz nach Madrid aussehen, während der Rest schon nach Manhattan strebt. Verlass nun die Gran Vía nach Norden, durch die Calle de Valverde und die Calle de la Puebla, zu einer Kirche, die einmal den Deutschen geschenkt wurde.
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3. San Antonio de los Alemanes: Die Kirche, die eine Habsburgerin den Deutschen schenkte
Corredera Baja de San Pablo 16, 28004 Madrid, Spain
Von außen würdest du an diesem Backsteinbau einfach vorbeigehen: ein schlichtes Portal an der Corredera Baja de San Pablo, ein paar Fenster, ein kleiner Turm. Wenn die Tür offen steht, tritt ein... und halt kurz die Luft an.
Innen gibt es kaum einen Fleck ohne Farbe. Der Raum ist ein Oval, und Wände wie Kuppel sind vollständig mit Fresken überzogen, gemalt von Francisco Rizi, Juan Carreño de Miranda und dem Neapolitaner Luca Giordano, den man wegen seines Tempos Luca fa presto nannte, Luca macht schnell. Ringsum an den Wänden stehen gemalte heilige Könige, als würde halb Europa auf die Messe warten, und oben in der Kuppel wird der heilige Antonius in den Himmel getragen.
Gegründet wurde die Kirche 1606 unter Philipp III. für die Portugiesen in Madrid, denn Portugal und Spanien hatten damals denselben König. Als Portugal sich 1640 wieder losriss, verlor die Kirche ihre Gemeinde. Und hier kommt Mariana von Österreich ins Spiel, die Witwe Philipps IV. und Regentin für ihren kleinen Sohn. 1668 übergab sie das Gotteshaus den Deutschen, den Untertanen des Heiligen Römischen Reiches in Madrid, ihren Landsleuten. Seitdem heißt es San Antonio de los Alemanes.
Seit 1702 kümmert sich eine Laienbruderschaft um die Kirche, die Hermandad del Refugio. Ihre Mitglieder zogen früher nachts mit Laternen durch die Gassen, um Kranke und Obdachlose aufzulesen und ihnen ein Bett zu verschaffen. Diese Arbeit hat nie ganz aufgehört: Bis heute versorgt die Bruderschaft Bedürftige mit Essen, gleich neben einem der prächtigsten Barockräume der Stadt.
Für dich als deutschsprachigen Gast ist das ein seltsam berührender Ort: eine Kirche, die nach den Deutschen benannt ist, aber von Portugiesen gegründet, von einem Italiener mitausgemalt und von Madrilenen am Leben gehalten wurde. Geh jetzt die Corredera Baja de San Pablo hinunter, zurück zur Gran Vía, und halte dich rechts bis zu dem Platz mit der großen Leuchtreklame.
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4. Plaza del Callao & Edificio Carrión: Madrids Broadway
Gran Vía 41, 28013 Madrid, Spain
Bleib an der Ecke stehen, an der die Gran Vía einen Knick macht, und schau auf das Haus, das sich wie der Bug eines Ozeandampfers in die Kreuzung schiebt. Ganz oben leuchtet in großen Buchstaben eine Reklame für Schweppes... und ja, die ist längst selbst ein Wahrzeichen.
Das Edificio Carrión entstand zwischen 1931 und 1933 nach Plänen von Vicente Eced und Luis Martínez-Feduchi. Damals war das der letzte Schrei: abgerundete Ecken, waagerechte Fensterbänder, eine Architektur, die nach Geschwindigkeit aussehen wollte. Im Bauch des Hauses steckt das Kino Capitol, und die Leuchtschrift auf dem Dach ist seit den Siebzigerjahren da. Kaum ein Madrilene könnte sich diese Kreuzung ohne sie vorstellen.
Der Platz nebenan, die Plaza del Callao, trägt einen überraschenden Namen. Callao ist der Hafen von Lima in Peru, und 1866 lieferte sich eine spanische Flotte dort ein Gefecht mit den Küstenbatterien. Beide Seiten erklärten sich zum Sieger, und Madrid benannte diesen Platz danach. So erinnert mitten in der Stadt ein Name an eine Schlacht auf der anderen Seite der Welt.
Ab den Zwanzigerjahren wurde diese Gegend zum Broadway Madrids. Rund um Callao standen große Filmpaläste, der Palacio de la Prensa, das Cine Callao, das Capitol, und an Premierenabenden staute sich hier die halbe Stadt. Manche Säle sind heute Theater oder Läden, aber die riesigen Plakate an den Fassaden erzählen noch immer von dieser Zeit, als die Gran Vía Madrids Traumfabrik war. Bis heute laufen hier Musicals und Premieren, und an manchen Abenden siehst du wieder Scheinwerfer und rote Teppiche.
An der Plaza del Callao stand bis 1964 auch das Hotel Florida, in dem im Bürgerkrieg Hemingway, Martha Gellhorn und andere Reporter wohnten, während draußen die Granaten einschlugen. Das Haus wurde abgerissen, ein Kaufhaus steht an seiner Stelle, und nichts erinnert mehr an die Schreibmaschinen, die hier Tag und Nacht klapperten. Folge nun der Gran Vía nach Westen, vorbei an Hotels und Theatern, bis zu den beiden Hochhäusern an der Plaza de España.
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5. Edificio España: Ein Hochhaus und sein zweites Leben
Gran Vía 84, 28013 Madrid, Spain
Hier, wo die Gran Vía in die Plaza de España mündet, steht ein gewaltiger Block aus rotem Backstein und hellem Stein, der sich zur Mitte hin in Stufen zu einem Turm aufschwingt. Über dem Eingang prangt barockes Zierwerk, als hätte jemand eine Kirchenfassade an einen Wolkenkratzer geklebt.
Das Edificio España wurde zwischen 1948 und 1953 von den Brüdern Julián und José María Otamendi gebaut. Spanien war damals unter Franco international weitgehend isoliert, die Wirtschaft lag am Boden... und trotzdem, oder gerade deshalb, wollte man zeigen, dass auch Madrid in den Himmel bauen kann. Mit 117 Metern war es bei seiner Fertigstellung das höchste Gebäude Spaniens.
Lange blieb es das nicht. Schon 1957 wuchs gleich nebenan die Torre de Madrid auf 142 Meter, schlanker, weißer, moderner. Zusammen bildeten die beiden Türme das Postkartenbild des neuen Madrid, und in ihren Etagen gab es Wohnungen, Büros, Läden und ein Hotel. Für eine Stadt, deren höchste Punkte jahrhundertelang Kirchtürme gewesen waren, war das eine Revolution. Die beiden Riesen erschienen in Filmen, Wochenschauen und auf unzähligen Postkarten, als Beweis, dass Spanien wieder auf die Beine kam.
Dann kam der Absturz. Ab 2006 stand das Edificio España leer, ein riesiger, verrammelter Block mitten in der Stadt. 2014 kaufte es ein chinesischer Konzern und wollte es weitgehend abreißen, doch die Stadt bestand auf dem Erhalt der geschützten Fassade. Nach jahrelangem Streit wechselte das Haus erneut den Besitzer, wurde innen völlig neu gebaut und öffnete 2019 als Hotel wieder, mit einer Dachterrasse, von der man über die ganze Stadt bis zu den Bergen schaut.
Die Geschichte dieses Hauses ist ein bisschen die Geschichte Madrids im Kleinen: großspurig begonnen, fast aufgegeben und dann doch gerettet. Geh jetzt hinüber auf die weite Plaza de España, zu der Gruppe aus Stein und Bronze in ihrer Mitte. Dort wartet ein alter Bekannter mit Lanze und Rüstung.
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6. Monumento a Cervantes: Don Quijote auf der Plaza de España
Plaza de España, 28008 Madrid, Spain
Vor dir reitet er, mager, aufrecht, die Lanze erhoben: Don Quijote auf seinem klapprigen Rocinante, und neben ihm, rund und gemütlich auf seinem Esel, Sancho Panza. Hinter und über den beiden thront ihr Schöpfer, Miguel de Cervantes, in Stein gehauen, und schaut auf seine Figuren hinab, als würde er sich fragen, was er da angerichtet hat.
Die Idee zu diesem Denkmal entstand rund um 1916, den dreihundertsten Todestag von Cervantes. Entworfen haben es der Architekt Rafael Martínez Zapatero und der Bildhauer Lorenzo Coullaut Valera, gebaut wurde ab 1925. Fertig war es erst Jahrzehnte später: Coullaut Valera starb 1932, und sein Sohn Federico vollendete das Werk in den Fünfzigerjahren. Ganz oben siehst du eine Weltkugel mit lesenden Figuren, ein Bild dafür, dass Cervantes' Sprache die ganze Welt umspannt.
Und hier kommt eine deutsche Geschichte. Kaum ein Land hat den Quijote so begeistert gelesen wie Deutschland. Um 1800 übersetzte Ludwig Tieck den Roman, die Romantiker feierten den traurigen Ritter als Helden der Fantasie gegen eine nüchterne Welt, und Heinrich Heine schrieb 1837 eine berühmte Einleitung zu einer neuen deutschen Ausgabe. Darin erzählt er, wie er den Quijote als Junge im Hofgarten von Düsseldorf las und um den armen Ritter bittere Tränen weinte.
Wenn du um die Gruppe herumgehst, findest du noch zwei Frauenfiguren: Dulcinea, die erträumte Dame des Ritters, und Aldonza Lorenzo, das einfache Bauernmädchen, das sie in Wirklichkeit ist. Ein schöneres Bild für den ganzen Roman gibt es kaum: das Ideal und die Wirklichkeit, Seite an Seite, in Stein. Der Ritter sieht nur die eine, Sancho nur die andere... und Cervantes, ganz oben, sieht beide.
Der Platz selbst ist noch jung. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts stand hier eine Kaserne, der Cuartel de San Gil, erst ihr Abriss machte Raum für die Plaza de España. 2021 wurde der Platz grundlegend umgestaltet, mit mehr Grün und einer Verbindung hinüber zum Tempel von Debod und zum Königspalast. Lass Don Quijote jetzt hinter dir und geh nach Norden, in die lange Calle del Conde Duque.
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7. Cuartel del Conde Duque: Eine Kaserne für die Leibgarde des Königs
Calle del Conde Duque 9, 28015 Madrid, Spain
Stell dich vor diese endlos lange Fassade und versuch, ihr Ende zu sehen... es gelingt kaum. In der Mitte aber sitzt, wie ein Schmuckstück auf einem Ziegelpanzer, ein Portal aus hellem Stein, über und über verziert mit steinernen Fahnen, Trommeln, Kanonen und Waffen.
Gebaut wurde der Cuartel del Conde Duque ab 1717 für die Guardia de Corps, die Leibgarde Philipps V., des ersten Bourbonen auf dem spanischen Thron. Den Entwurf lieferte Pedro de Ribera, der Architekt, der Madrid sein verspieltes Spätbarock geschenkt hat. Seine Portale sind wie Theaterkulissen, voller Schwung und Übermut, und du wirst ihm am Ende dieses Spaziergangs noch einmal begegnen. Von ihm stammt auch die Puente de Toledo über den Manzanares, und sein Förderer war der Stadtregent Marqués de Vadillo, der Madrid im frühen 18. Jahrhundert verschönern wollte.
Die Kaserne war eine Stadt in der Stadt, mit Innenhöfen, Ställen und Unterkünften für Hunderte Gardisten und ihre Pferde. Der Name erinnert übrigens nicht an einen Soldaten, sondern an den Conde-Duque de Olivares, den mächtigen Minister Philipps IV., dessen Anwesen hier in der Gegend gelegen haben soll. Ein Staatsmann des 17. Jahrhunderts gibt einer Kaserne des 18. Jahrhunderts seinen Namen... so ist Madrid.
1869 zerstörte ein Brand große Teile des Gebäudes, darunter das oberste Stockwerk. Danach verfiel der Bau langsam, und im 20. Jahrhundert war sogar von Abriss die Rede. Die Stadt Madrid übernahm das Gelände schließlich und verwandelte es in den Achtzigerjahren in ein Kulturzentrum, eine Rettung in letzter Minute.
Heute lagern hinter diesen Mauern das Stadtarchiv, historische Bibliotheken und eine große Zeitungssammlung, dazu kommen Theatersäle, Ausstellungen und im Sommer Konzerte unter freiem Himmel in den Höfen. Wo früher Pferde schnaubten, wird heute geprobt und gelesen, und über die Steinplatten der Höfe, auf denen einst exerziert wurde, laufen Kinder mit Eis in der Hand. Geh nun um die Ecke nach Osten, zu einem stillen kleinen Platz mit einer Klosterkirche, die nur wenige Besucher finden.
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8. Plaza de las Comendadoras: Die Nonnen des Jakobsordens
Plaza de las Comendadoras, 28015 Madrid, Spain
Hier wird es plötzlich still. Ein kleiner, rechteckiger Platz mit Bäumen und Bänken, gesäumt von Häusern mit Balkonen, und an einer Seite die schlichte Backsteinfront einer Klosterkirche mit Kuppel. Kinder kicken einen Ball gegen die Mauer, Nachbarn trinken ihren Kaffee... und kaum ein Tourist verirrt sich hierher.
Das Kloster gehört den Comendadoras de Santiago, den Ordensfrauen des Jakobsordens. Der Orden von Santiago entstand im 12. Jahrhundert als Ritterorden, um gegen die muslimischen Reiche im Süden der Halbinsel zu kämpfen, und schon früh gab es neben den Rittern auch Frauen, die nach seiner Regel lebten. Das Zeichen des Ordens ist ein rotes Kreuz, dessen unterer Arm in eine Schwertklinge ausläuft, halb Kreuz, halb Waffe. Im 17. Jahrhundert ließen sich die Ordensfrauen hier nieder, damals noch am Rand von Madrid.
Die Kirche ist ein Bau des späten 17. Jahrhunderts, mit einer Kuppel über der Vierung. Über dem Hochaltar hängt ein großes Bild des heiligen Jakobus, hoch zu Ross in der Schlacht, das Luca Giordano zugeschrieben wird... demselben Maler, dessen Fresken du in San Antonio de los Alemanes gesehen hast. Der Mann scheint halb Madrid ausgemalt zu haben.
Das Besondere an diesem Ort ist nicht ein einzelnes Kunstwerk, sondern das Nebeneinander. Hinter den Mauern lebt noch immer eine kleine Gemeinschaft von Ordensfrauen, nach Regeln, die älter sind als Madrid als Hauptstadt. Davor sitzen Leute auf den Terrassen und reden über Fußball und Mieten. Wenn die Glocke läutet, ruft sie nicht zum Sightseeing, sondern zum Stundengebet. Zwei Zeitrechnungen, getrennt nur durch eine Ziegelwand.
Das ganze Gebiet von hier bis zur Calle de Fuencarral heißt offiziell Barrio de Universidad, doch jeder in Madrid nennt den östlichen Teil nur Malasaña. Warum, erfährst du gleich. Lauf nach Osten, über die Calle de San Bernardo hinweg, hinein in die Gassen von Malasaña, bis zu einem Platz mit einem einsamen steinernen Torbogen.
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9. Plaza del Dos de Mayo: Der Torbogen des Aufstands
Plaza del Dos de Mayo, 28004 Madrid, Spain
Mitten auf dem Platz, zwischen Spielplatz und Café-Terrassen, steht ein einzelner Torbogen aus Ziegel und Stein, der nirgendwohin führt. Darunter stehen zwei Offiziere aus Marmor Seite an Seite, die Säbel in der Hand. Das wirkt fast wie eine Theaterszene... aber es ist das letzte Stück eines Schlachtfelds.
Hier stand der Parque de Artillería de Monteleón, ein Waffendepot im ehemaligen Palast der Herzöge von Monteleón. Am 2. Mai 1808 erhob sich Madrid gegen die Truppen Napoleons; den Funken hatte am Morgen der Versuch gezündet, die letzten Mitglieder der Königsfamilie aus dem Palast nach Frankreich zu bringen. Hier verschanzten sich die Artillerieoffiziere Luis Daoíz und Pedro Velarde mit Soldaten und Bürgern. Sie hielten den Park stundenlang gegen eine Übermacht. Beide fielen an diesem Tag, und der Bogen vor dir ist der Rest des alten Eingangstors.
Unter den Toten jenes Tages war auch Manuela Malasaña, eine Näherin, gerade einmal siebzehn Jahre alt. Wie genau sie starb, weiß niemand sicher. Die Legende erzählt, französische Soldaten hätten bei ihr eine Schere gefunden, das Werkzeug ihres Berufs, und sie deshalb als bewaffnete Aufständische erschossen. Ob Wahrheit oder Heldenlied: Das ganze Viertel trägt heute ihren Namen.
Gut hundertsiebzig Jahre später wurde derselbe Platz noch einmal zum Schauplatz eines Aufbruchs, diesmal ganz ohne Waffen. Nach dem Ende der Diktatur, Ende der Siebziger- und in den Achtzigerjahren, war Malasaña das Herz der Movida madrileña: Punkbands, Fanzines, Kneipen bis zum Morgengrauen, junge Filmemacher wie Pedro Almodóvar. Auf diesen Bänken wurde die neue Freiheit gefeiert, laut und knallbunt.
Goya hat die Ereignisse jener Maitage in zwei berühmten Bildern festgehalten, die heute im Prado hängen: den Kampf am 2. Mai und die Erschießungen in der Nacht danach. Die Wut, die er malte, begann in Straßen wie diesen. Geh jetzt nach Norden zur Calle de Manuela Malasaña und folge ihr nach Osten, bis zu einem großen Rondell, an dem eines der ältesten Cafés der Stadt wartet.
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10. Café Comercial: Spiegel, Marmor und Gespräche seit 1887
Glorieta de Bilbao 7, 28004 Madrid, Spain
An der lauten Glorieta de Bilbao, wo der Verkehr im Kreis rauscht, findest du hinter großen Fenstern ein Kaffeehaus wie aus einem Roman: hohe Spiegel an den Wänden, Marmortische, Holz und Messing. Setz dich in Gedanken an einen der Tische... oder ganz wirklich, wenn du magst.
Das Café Comercial öffnete 1887 und gehört damit zu den ältesten Cafés Madrids. Damals lag diese Kreuzung am Rand der alten Stadt, genau dort, wo Madrid gerade begann, über seine Grenzen hinauszuwachsen. Das Kaffeehaus wurde zum Wohnzimmer für alle, die zu Hause zu wenig Platz oder zu viel zu erzählen hatten: Studenten, Journalisten, Dichter, Schachspieler.
In Madrid nennt man so etwas eine tertulia: eine feste Runde, die sich regelmäßig am selben Tisch trifft, um über Literatur, Politik und den Rest der Welt zu streiten. Solche Runden gab es hier über Generationen, und in den Jahrzehnten der Diktatur war ein Café oft einer der wenigen Orte, an denen man halbwegs frei reden konnte... wenn man leise genug sprach. Manuskripte wurden über die Marmorplatten geschoben, Pläne geschmiedet, Freundschaften geschlossen, und manche zerbrachen am selben Tisch wieder.
2015 schloss das Café Comercial plötzlich, und Madrid trauerte, als wäre ein alter Freund gestorben. Zeitungen schrieben Nachrufe, Stammgäste standen ratlos vor den verschlossenen Türen. Zwei Jahre später, 2017, öffnete es wieder, renoviert, aber mit den Spiegeln, den Säulen und dem alten Geist. Viele Madrilenen prüfen seitdem bei jedem Besuch, ob noch alles an seinem Platz ist. Ein Café, das Kriege, Diktatur und Wirtschaftskrisen überstanden hat, ist hier mehr als ein Geschäft, es ist ein Stück öffentliches Gedächtnis.
Schau beim Hinausgehen noch auf das Rondell selbst. Unter deinen Füßen fuhr 1919 die allererste Metro Madrids hindurch, von der Puerta del Sol nach Cuatro Caminos, und Bilbao war eine ihrer ersten Stationen. Geh jetzt die Calle de Fuencarral nach Süden hinunter, zu einem barocken Portal, dessen Baumeister du schon kennst.
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11. Museo de Historia de Madrid: Riberas Prachtportal und Goyas wandelbares Bild
Calle de Fuencarral 78, 28004 Madrid, Spain
Halt an der Calle de Fuencarral an und schau auf dieses Portal: Stein, der zu tanzen scheint, Pfeiler, die sich wie Vorhänge öffnen, Girlanden, Muscheln, Flammen, und ganz oben in einer Nische der heilige Ferdinand. Das ist Spätbarock, wie ihn nur Madrid kennt... und seinen Schöpfer hast du heute schon getroffen.
Es ist wieder Pedro de Ribera, der Architekt der Kaserne Conde Duque. In den 1720er Jahren schuf er diese Fassade für das Real Hospicio de San Fernando, ein Armenhaus, in dem Waisen, Bettler und Arbeitslose untergebracht wurden und ein Handwerk lernen sollten. Ein prachtvoller Eingang ausgerechnet für die Ärmsten der Stadt, ein Widerspruch, der Madrid gut steht.
In den 1920er Jahren sollte das alte Hospiz abgerissen werden. Künstler und Intellektuelle protestierten, das Gebäude wurde gerettet und 1929 als städtisches Museum eröffnet. Im Garten daneben steht ein Brunnen, ebenfalls von Ribera, die Fuente de la Fama, die ursprünglich an einem anderen Platz der Stadt stand und hier eine neue Heimat fand.
Drinnen wartet ein Gemälde mit einer der verrücktesten Geschichten Madrids: Goyas Allegorie der Stadt Madrid von 1810. Eine Frauengestalt zeigt auf ein ovales Medaillon. Ursprünglich trug es das Porträt von Joseph Bonaparte, dem König, den Napoleon den Spaniern vorgesetzt hatte. Dann wurde es übermalt, mehrmals, je nach Machthaber: mit dem Wort Constitución, wieder mit Joseph, mit Ferdinand VII... und 1872 schließlich mit zwei Worten, Dos de Mayo. Ein Bild als Wetterbericht der spanischen Politik.
Und dann ist da noch das riesige Stadtmodell von León Gil de Palacio aus dem Jahr 1830, auf dem du die Straßen von heute wiederfindest, nur ohne Gran Vía, denn die gab es noch nicht. Ein schöner Schluss für diesen Spaziergang: Du hast den Boulevard gesehen und das Viertel dahinter, und hier liegt alles noch so da, wie es vor fast zweihundert Jahren aussah. Die Calle de Fuencarral führt dich von hier geradewegs zurück zur Gran Vía... und zu einem Kaffee, den du dir verdient hast.